The Project Gutenberg eBook of Quer durch Uganda

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Title: Quer durch Uganda

eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912

Author: Rudolf Kmunke


Release date: April 23, 2026 [eBook #78527]

Language: German

Original publication: Berlin: Dietrich Reimer, 1913

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/78527

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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK QUER DURCH UGANDA ***

Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1913 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.

Die Abkürzung für die Einheit ‚Grad Celsius‘ wurde nach der heute gültigen Regel vereinheitlicht. Nach dem Zahlenwert folgt ein Leerzeichen, danach die Einheit °C, ohne Leerzeichen. Steht das Gradzeichen mit dem Zahlenwert allein, wird kein Leerzeichen eingefügt, so also z.B. 14 °C — aber 14°.

Die Beschriftungen der zweiteiligen Tafeln 65 bis 68 am Ende des Buches befinden sich in der Originalvorlage auf einer getrennten Seite vor den jeweiligen Abbildungen. In der vorliegenden Fassung wurden diese unter die entsprechenden Bilder gesetzt.

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Original-Einband

R. KMUNKE, QUER DURCH UGANDA

Lobelia Stuhlmanni im Urwald des Elgon

RUDOLF KMUNKE

QUER DURCH UGANDA

EINE FORSCHUNGSREISE
IN ZENTRALAFRIKA
1911/1912

MIT 4 FARBIGEN UND 65 SCHWARZTAFELN
SOWIE MIT 21 BILDERN UND 3 KARTEN

DIETRICH REIMER (ERNST VOHSEN)
IN BERLIN 1913

ALLE RECHTE VORBEHALTEN.
DRUCK OTTO ELSNER A.-G., BERLIN S.

[Pg v]

VORWORT.

In nordwestlicher Richtung von dem mächtigen Bergriesen Elgon, dem großen Vulkan, der — einen Grad nördlich vom Aequator — an der Grenze von Britisch-Ostafrika und Uganda gelegen ist, zeigt die englische Generalstabskarte fast bis zu dem am Nil liegenden Nimule einen breiten, weißen Streifen — ein unerforschtes Land! Meine tiefe Liebe zur Natur und ein langgehegter Wunsch, die Großartigkeit der afrikanischen Welt dort kennen zu lernen, wo das Land und das Naturleben der Eingeborenen noch nicht von der Kultur berührt wurden, ließen in mir den Entschluß reifen, eine Expedition in diesen dunkelsten Teil Afrikas auszurüsten und ihn geographisch und ethnologisch zu erforschen. Ursprünglich war meine Absicht, von Nakuro in Britisch-Ostafrika aus zum Rudolf- und Sugottasee und von dort aus, den Nordabhängen des Mont Elgon und Mont Debasien entlang, durch Naqua und Tobur zu marschieren. Ich änderte aber später aus triftigen Gründen diese Route und entschied mich für den Weg über Jinja am Viktoriasee nach Mbale, von wo aus ich die letzten, noch unerforschten Gebiete Ugandas in nordwestlicher Richtung durchquerte.

Meine Reise umfaßte zwei wichtige Arbeiten. Die erste galt der Besteigung des sich bis zur Höhe von 4480 Meter erhebenden Elgon, dessen steile Abhänge alle Klimate der Erde vereinen, Temperaturen von über 40° bis hinunter zu 14 °C unter Null, — die zweite der Erforschung der bisher von Europäern noch nicht betretenen Gebiete, die sich nördlich vom Salisburysee bis gegen Nimule ausdehnen. Meine Person und meine Mittel stellte ich vollkommen in den Dienst dieser Arbeiten und tat mein möglichstes, um diese Teile Ugandas der allgemeinen Kenntnis näher zu bringen. Der Zweck dieses Buches ist, den Leser an der Hand meiner Aufzeichnungen, Photographien, kartographischen und astronomischen Aufnahmen und der noch frischen Erinnerung in die gewaltige Natur Afrikas und das reizvolle Steppen-und Karawanenleben zu versetzen.

Bevor ich an die Wiedergabe meiner Reise trete, drängt es mich, allen jenen Persönlichkeiten herzlichen Dank zu sagen, die durch Vermittlung bei Behörden und durch ihre Ratschläge zum Gelingen meines Werkes beigetragen haben. Es sind dies die Herren Intendant Hofrat Dr. Steindachner, die Universitätsprofessoren Hofrat Dr. Sigmund Exner, Hofrat Dr. R. von Wettstein, Dr. Sueß, der bekannte Ornithologe Direktor Dr. von Madarász, die Forschungsreisenden Universitätsprofessor Dr. Rudolf Pöch, Konter-Admiral Heinrich Ritter von [Pg vi]Höhnel, Graf Eduard Wickenburg und Dr. Karl Berger. Zu wärmstem Danke verpflichtet bin ich dem Gouverneur von Britisch-Ostafrika, Exzellenz Jackson, der meine Expedition in der weitestgehenden Weise unterstützte. Gouverneur Jackson, der auch als Gelehrter einen Weltruf genießt, ging in seiner Liebenswürdigkeit so weit, daß er die schwierige Beschaffung der Träger für meine Reise zum Teil auf sich nahm und mir einen offenen Empfehlungsbrief an sämtliche englische Beamte und Offiziere in den von den Engländern bereits unterworfenen und verwalteten Gebieten Ugandas, sowie eine Speziallizenz mitgab. Besonderen Dank sage ich auch unserem ausgezeichneten, in englischen Diensten stehenden Landsmann Baron Rudolf Slatin Pascha, dem Generalinspektor im Sudan, für die ausserordentliche Liebenswürdigkeit, mit der ich bereits in Nimule begrüßt und später in Khartum empfangen wurde. Zum Schlusse gedenke ich noch meines wackeren Freundes und Gefährten, Universitätsdozenten Dr. Robert Stigler, des bekannten Physiologen, der als mein Gast und Expeditionsarzt mich begleitete und mir in jeder Lage energisch, umsichtig und eifrig mit Rat und Tat zur Seite stand. Sein Anteil an dem guten Gelingen meiner Expedition geht aus vielen Kapiteln dieses Buches hervor.

Möge der Leser aus den nun folgenden Berichten den Eindruck gewinnen, daß wir keine gewöhnliche Vergnügungsreise aus Lust an Abenteuern unternommen haben — „Safari“ nennt man in Afrika derartige Expeditionen —, sondern daß wir unter Einsatz von Gesundheit und Leben, von reicher Arbeit und harter Ausdauer unser möglichstes getan haben, um zur Erforschung des Elgonkraters und der noch unbetretenen Ugandagebiete beizutragen und so das menschliche Wissen zu bereichern.

Wien, im Herbste 1913.

RUDOLF KMUNKE.

[Pg vii]

INHALTS-VERZEICHNIS.

VORBEREITUNG DER EXPEDITION
Die Wahl der Route / Einschlägige Literatur / Die Ausrüstung und wissenschaftlichen Instrumente / Dozent Dr. Robert Stigler / Meine übrigen Begleiter
VON WIEN NACH UGANDA
Wien-Triest / Zur See bis Kilindini / In der Hauptstadt Britisch-Ostafrikas / Eine Aenderung unseres Reiseplanes / Anwerbung von Trägern / Sportsleben in Nairobi / Die Strecke eines Löwenjägers / Auf der Ugandabahn / Verlust eines Instrumentenkoffers / Quer über den Viktoriasee / Einiges über Uganda
AM VIKTORIASEE
Ankunft in Entebbe / Besuche beim Gouverneur / Ein Ausflug nach Kampale / Im Gebiete der Glossina palpalis / Die Rikshaläufer / Beim König von Uganda / Ein Frauenmörder vor dem Eingeborenengericht / Ueber den See nach Jinja / Unser erstes afrikanisches Lager / Schlafkrankheit, Rückfallfieber und andere Krankheiten / Am Riponfall / Regenzeit
AUFBRUCH DER KARAWANE
Auf der Straße nach Mbale / Mit Frau und Kind auf der Inspektionsreise / Zwei Elefantenwilderer / In Iganga / Zwischen Bananen- und Gummiplantagen / Der Straßenbauingenieur / Leopardenbesuche / Durch den Mpologoma-River / Ein Nachtmarsch bei Mondlicht / Beginn der Berglandschaft
AM FUSSE DES ELGON
Im Anblick der Gebirgswelt / Trägersorgen / Englische Gastfreundschaft / Vorbereitung für die Elgonbesteigung / Der Abmarsch / Durch die Eingeborenendörfer / Einheimische Justiz / Der Aufstieg in die Felsen / Im Urwald / Die letzte Ansiedlung
AUF DEM ELGON
Der Aufstieg zum Krater / Das Lager im Kratergrund / Kältetemperaturen von 12–14 Grad / Eine Winterlandschaft / Bergkrankheit / Die Südwest- und Nordostspitze / Auf dem Gipfel / Fauna und Flora / Die bisherigen Expeditionen / Kaiser-Franz-Josef- [Pg viii] und Jacksonspitze / Der Abstieg / Ein Nachtlager im Urwald / Die Bergeingeborenen / Der Aberglaube der Kawirondo / Bei den Anthropophagen / Zurück nach Mbale
WEIHNACHTEN UND NEUJAHR IN MBALE
Unsere Reiseroute verboten und wieder bewilligt / Trägersorgen / Feiertagsstille / Ein Zeltbrand / Gefräßige Termiten / Ein alter Afrikaner / Der unbrauchbare Phonograph / Eingeborenentanz / Die Neujahrsnacht / Kapitän Taughners Strafexpedition / Die Karamojoleute und ihre Waffen / Ein mutiger Häuptling / Der diebische Diener
VON MBALE NACH KUMI
Aufbruch der Karawane / Die Askari / Auf der Straße nach Kumi / Im Hause des Distriktskommissärs / Ein moderner Raub der Sabinerinnen / Ehetragödie eines Eingeborenen / Friedhöfe in Wohnhütten / Die Busoga und die Teso / Die Dorfanlagen der Eingeborenen / Auf exponiertem Posten / Tiere für Schönbrunn / Elefantengeschichten / Der unersättliche Heatman
AM KUMI- ODER SALISBURY-SEE
Ankunft am See / Ein standhafter Patient / Die Ueberfahrt / Feuerwerk für die Eingeborenen / Etwas über die Tropenhelme / Auf der Nilpferdjagd / Sonnenuntergang
EIN STEPPENBRAND
Durch Busch und Steppe / Das Lager in höchster Gefahr / Rechtzeitige Hilfe / Das Schicksal eines Afrikaforschers / Eingeborenentänze / Ein neuer Führer
AM RANDE DER KULTUR
Die letzte Station / Die Praxis Dr. Stiglers / Der mißtrauische Naquahäuptling / Die Ermordung Kirkpatricks / Die zweite mißglückte phonographische Aufnahme / Billige Lebensmittelpreise / Küchensorgen / Die Disziplin in der Karawane / Gezwungene Träger
DURCH DAS UNERFORSCHTE UGANDA
Der Marsch durch die Steppe / Die erste Lagerstelle / Ein Eldorado für Jäger / Am Kirkpatricksumpf / Ein angreifendes Nashorn und sein Opfer / Am Fuß der Naquaberge / Gewaltmärsche / Zusammengebrochene Träger
EIN GEPLANTER UEBERFALL
Vollmondnacht / Die unsichtbaren Eingeborenen / Verräterische Lichter / Von den Wilden eingeschlossen / In voller Kampfbereitschaft / Spannungsvolle Stunden / Abzug der Eingeborenen
[Pg ix]
IN DEN NAQUABERGEN ABGEIRRT
Ein Schlangenbiß / Besuch der Eingeborenen / Die Furcht vor den Naqua / Aufbruch in die Berge / Von meiner Karawane abgeirrt / Rencontre mit den Eingeborenen / In heikler Situation / Eine schlaflose Nacht / Unterbrechung der wissenschaftlichen Arbeiten / Eintreffen meiner Karawane / Die Schmiedehütten der Toburleute / Anna- und Josefaberg / Besuch dreier Häuptlinge / In Adelang / Von wilden Bienen überfallen
BEI DEN ACHOLI
An den Ufern des Nam / Afrikanisches Gewitter / Ein unterbliebener Angriff / Die Kinderhütten der Acholi / Unsinnige Eingeborenenmoden / Schlanke Taillen und sichtbare Herzschläge / Der medizinsüchtige Häuptling
IN EILMAERSCHEN VORWAERTS
Im afrikanischen Busch / Häuptlinge mit Tirolerhut und Zylinder / Konservenbüchsen und Patronenhülsen als Schmuck / Regenzeit / Abtragung eines Termitenhaufens / Eine Empfangsfanfare in der Steppe / Die Residenz des Häuptlings von Oghaba / Heiligtümer / Ausgetrocknete Flußläufe / Ein unbotmäßiger Häuptling / Konzertabend in Lenu / Am Assuariver / Telegramme in die Heimat / Im Gewittersturm
IN NIMULE
Die ersten Zeichen der Kultur / Der Einmarsch in Nimule / Waghalsige Goldsucher / In ständigem Kampf mit den Eingeborenen / Ein Brief Slatin Paschas / Die Erkrankung meiner Begleiter
ELEFANTENJAGD
Im Jagdgebiet / Die erste Elefantenherde / Am Attapiriver / Tragische Jagdgeschichten / Unsere Expeditionstrommel / Ein anhänglicher Schwarzer / Unser Heatman als Elefantenwilderer
VON NIMULE NACH GONDOKORO
Auf der Straße nach Gondokoro / Große Grasbrände / Ein Marsch in der Vollmondnacht / In Loro / Auf der Elefantenjagd / Der tollkühne Adubungomoi / Erkrankung Dr. Stiglers / Ein Engländer auf Besuch / Unfreiwillige Träger / Schwarzer und Storch malariakrank / In der Nähe des Nils / Einmarsch in Gondokoro
AUFLOESUNG DER KARAWANE
Abfertigung der Träger / Aufgegebene Jagdpläne und Entschluß zur Heimreise / Verkauf der Ausrüstungsgegenstände / Unsere [Pg x] Träger in Salonrock und Schlapphüten / Der Zauber der europäischen Kleider / Ankunft des Nildampfers und Abfahrt von Gondokoro
EIN RUECKBLICK
Abschied vom Karawanenleben / Das Vegetationsbild Ost-Ugandas / Großer Wildreichtum / Das Paradies am Salisburysee / Im nördlichen Uganda / Ein Eldorado für Elefantenjäger / Allgemeines über die Eingeborenen / Klimatisches / Die Erkrankungsgefahr für den Europäer / Chininprophylaxe / Die Notwendigkeit ärztlicher Begleitung / Behandlung der Eingeborenen / Befriedigende Ergebnisse
AUF DEM NIL
Unser Dampfer / Das „Walzertanzen“ / Kurven und Sandbänke / In Mongalla / Zerstörte Telegraphenlinien / Eine Strafexpedition gegen den Berristamm / Ein märchenhaftes Jagderlebnis / Eintönige Fahrt / Aufgefahren / Weltabgeschiedene Ingenieure / Ein Papyrusbrand
IN KHARTUM UND KAIRO
Wieder von Komfort umgeben / Bei Slatin Pascha / Ein Ausflug nach Omdurman / In Kairo / Genesung Dr. Stiglers / Abschied von Afrika
METEOROLOGISCHE BEOBACHTUNGEN
ORNITHOLOGISCHE ERGEBNISSE
der Reise Rudolf Kmunkes von Dr. Julius von Madarász

[Pg xi]

VERZEICHNIS DER BILDER UND KARTEN.

TEXTBILDER.

Grundriß und mit Antilopenschädel geschmückte Spitze einer Bageshuhütte (2 Bilder)
Schmiede und Schmelzofen der Naqua- und Tobur-Eingeborenen (4 Bilder)
Anlage des Wohnsitzes der Familie des Acholi-Häuptlings von Oghaba (15 Bilder)

TAFELBILDER.

Titelbild. Lobelia Stuhlmanni in einer Urwaldlichtung (Elgon-Urwald).
 
1.
Mombassa
 
Hauptstraße in Mombassa
2.
Entebbe
 
Kampalla
3.
König von Uganda
 
Jinja
4.
Blick auf den Viktoriasee mit Schlafkrankheitsgebiet
 
In Einbäumen über den Mpologoma-See
5.
Riponfälle
6.
Kigelia aethiopica am Wege nach Mbale
 
Mbale
7.
Eingeborene in Ketten (Mbale)
 
Blick nach dem Kogonchoro und Elgon
8.
Bageshudorf in Bujobo
9.
Landschaftsbild bei Bujobo
 
Brücke aus Bambus über den Siroko
10.
Lager in Buhugu
 
Blick von Buhugu gegen den Elgon
11.
Senecio Johnstoni im Urwald des Elgon
 
Unser Lager in der Höhe von 3390 m
12.
Bergeingeborener vom Stamme Batwa
 
Aufstieg in den Felsen
13.
Blick in den Krater
 
Westeinstieg in den Krater
14.
Lager im Elgonkrater (2 Bilder)
15.
Das Lager meiner Träger
 
Der Krater
16.
Jacksonspitze 4311 m
 
Jacksonspitze
17.
Blick von der Jacksonspitze in den Krater
 
Blick gegen die Kaiser-Franz-Josef-Spitze
18.
Blick auf einen Senecienwald im Krater
 
Der Krater
19.
Senecio Johnstoni in der Höhe von 4300 m
[Pg xii]  
Der Verfasser bei der Arbeit mit dem Theodolit auf der Jacksonspitze
20.
Kaiser-Franz-Josef-Spitze
 
Blick von der Franz-Josef-Spitze in den Krater
21.
Abbruch des Lagers im Krater
22.
Abstieg vom Elgon
 
Lobelia Deckeni
23.
Lobelia Deckeni und Senecio Johnstoni
 
Lager im Urwald mit Lobelia Stuhlmanni
24.
Bageshufrau mit Kind
 
Tätowierte Eingeborene
25.
Bananenhain in Bujobo
 
Sonnenuntergang in der Steppe
26.
Karamojohäuptling
 
Jiwehäuptling
27.
Häuptlinge von Kilimi
28.
Findling bei Bukedia
 
Landschaftsbild bei Kumi
29.
Schöne aus Kumi
 
Mit dem Kiboko bestrafte Eingeborene
30.
Eingeborene vom Tesostamm (2 Bilder)
31.
Teso, Frau und Mann
 
Eingeborene von Kaketta
32.
Vorratskörbe
 
Frauen vom Stamme Teso
33.
Ein Tesoriese
 
Junge Gazellen
34.
Eingeborenenkral in Kumi
 
Grundriß einer Niederlassung
35.
Kaktushecke mit Eingang in das Dorf
 
Hütte im Bau
36.
Konstruktion des Daches
 
Malerei der Eingeborenen
37.
Eingeborener mit Teratom aus Kumi Nyanza
 
In Einbäumen über den Salisburysee
38.
Am Nordufer des Salisburysees (2 Bilder)
39.
Älteste Frauen aus Magoro
 
Älteste Männer aus Magoro
40.
Nilpferde im Salisburysee
 
Balaeniceps rex
41.
Häuptling von Gjotum (3 Bilder)
42.
Karamojomänner
 
Karamojofrauen
43.
Nach dem Brande (2 Bilder)
44.
Mein Karamojoführer
 
Häuptling von Naqua
45.
Lager bei Kaketta
 
Eingeborener von Kaketta
46.
Fischende Träger
 
Badende Träger
47.
Lager am Kirkpatricksumpf
 
Die Träger bringen Holz für die Küche
48.
Blick gegen die Toburberge
 
Blick gegen die Naquaberge
49.
Erlegtes Nashorn
 
Vegetation im Naquatal
50.
Lager im Naquatal
 
Unser Wasserplatz in Naqua
51.
Lagerplatz im Naquatal
 
Naqua-Eingeborene
52.
Junge Tobur-Männer
 
Toburfrau
53.
Blick von der Josefinenspitze gegen die Naquaberge
 
Blick nach Norden
54.
Lager in Tobur
 
Unser Wasser in Adelang
[Pg xiii]
55.
Eingeborene vom Stamme Acholi oder Kamjuru (2 Bilder)
56.
Kamjurufrau mit Kind
57.
Kinderhütte
 
Beratungsplatz der Eingeborenen
58.
Ein Leprakranker
 
Durch den Agueriver
59.
Die Karawane marschiert durch den Assuariver
60.
Lager in Nimule am Nil
 
Regierungshaus in Nimule
61.
Wie die Träger klettern
 
Dr. Stigler erkrankt
62.
Beratung mit dem Häuptling
 
Regierungshaus in Gondokoro
63.
Unser Nildampfer in Bor
 
Kapitän Fox
64.
Wasserschöpfer am Nil
 
Gouverneurpalais in Khartum
65.
Waffen und Schmuck der Bageshu
 
Waffen und Schmuck der Naqua- und Toburleute
66.
}
Ethnographische Gegenstände aus Acholi
67.
68.

KARTEN
am Schluss des Buches eingeheftet.

Uebersichtskarte von Afrika mit Angabe des Reisewegs Kmunkes
Routenskizze der Expedition in Uganda
Karte des Kraters vom Elgon in Uganda

[Pg 1]

VORBEREITUNG DER EXPEDITION.

Die Wahl der Route / Einschlägige Literatur / Die Ausrüstung und wissenschaftlichen Instrumente / Dozent Dr. Robert Stigler / Meine übrigen Begleiter.

Meine Absicht, das Innere Afrikas aufzusuchen und zu durchforschen, reicht schon drei Jahre zurück und hatte sich in mir festgesetzt, ehe ich noch meine Ostgrönland-Expedition unternahm. Die Vorbereitungen für eine afrikanische Forschungsreise beanspruchten aber mehr Zeit, als mir damals zur Verfügung stand, so dass die Ausführung meines Planes auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden musste. Von Grönland zurückgekehrt, ging ich aber mit allem Eifer daran, mich für die neue Expedition zu rüsten. Mein Plan war, möglichst unerforschtes Gebiet des afrikanischen Kontinentes zu durchqueren, und von allem Anfange an stand in mir der Gedanke fest, die den Europäern noch unbekannten Gebiete Ugandas zu erforschen. Zu diesem Zwecke wollte ich mich über Nairobi nach Nakuro an der Ugandabahn und von dort in nördlicher Richtung längs des Baringo- und Sugota-Sees zu dem an der Südspitze des Rudolfsees sich erhebenden Teleki-Vulkan begeben, von hier aus die Westküste des Sees entlang bis zur Mündung des Turkwel und nun in westlicher Richtung zwischen dem Mont Debasien im Süden und dem Naquagebirge im Norden in die den Europäern bisher verschlossen gebliebenen Kamtschuro-Gebiete vordringen. Warum ich mich später zu einer Abänderung dieser Route entschloss, wird an anderer Stelle begründet werden. Die auf Uganda bezügliche Literatur wurde von mir natürlich eifrig und gewissenhaft studiert, so das ausgezeichnete Buch des Konteradmirals Ludwig R. v. Höhnel „Die Forschungsreise des Grafen Samuel Teleki in Ost-Aequatorial-Afrika“, die Werke der Forschungsreisenden Grafen Eduard Wickenburg, Dr. A. Berger, A. Donaldson Smith, des Kapitäns Ch. Stigand und vor allem das prächtige Werk Harry Johnstons „The Uganda Protectorate“. Ausser diesen [Pg 2]war noch eine Reihe von Schriften, die mir die geographischen Gesellschaften in Wien und London zur Verfügung stellten, Gegenstand meines Studiums, und die meisten der im Vorworte genannten Forschungsreisenden gaben mir aus ihrer eigenen reichen Erfahrung wichtige Ratschläge.

Den Hauptteil der fast ein Jahr währenden Vorbereitungen bildete die Ausrüstung, der ganz besondere Sorgfalt gewidmet werden musste, da der Grossteil meiner Reise ja durch ein noch von keiner europäischen Kultur berührtes Gebiet gehen sollte. Da wir in Oesterreich, als einem Lande ohne Kolonien, keine Ausrüstungsmagazine besitzen, musste ich mich zumeist an Berliner und Londoner Firmen wenden, aber, wo es nur möglich war, berücksichtigte ich auch die heimische Industrie. So bezog ich meine Zelte von der Firma Elsinger & Söhne, die mir auch nach den Angaben meines verehrten Freundes Professor Dr. Rudolf Pöch ein Musterzelt anfertigte, das sich in jeder Hinsicht bewährte, ebenso gut bewährten sich die Tropenkoffer, die mir die Wiener Firma Prohaska lieferte und die den Berliner Blech-Tropenkoffern entschieden vorzuziehen sind. Auch das Sattelzeug und die Kochgeschirre bezog ich aus Wien, und durch freundliche Vermittlung des Herrn Oberleutnants Thalwitzer wurde mir vom k. und k. Kriegsministerium ein zusammenlegbares Floss zur Verfügung gestellt, das nur eine Trägerlast (26 Kilogramm) schwer war und acht Männern Platz bot. Bei einer Erprobung im Badener Schwimmbassin war es innerhalb einer Viertelstunde fertig montiert. Meine Waffen waren ein Mannlicher-Schönaustutzen von 9½ mm Kaliber, eine Holland 465 Expressbüchse und eine doppelläufige Schrotflinte für die Vogeljagden. Die Reiseapotheke hatten Dozent Dr. Robert Stigler und Prof. Dr. Rudolf Pöch in Gemeinschaft mit Dr. Arzberger, dem Leiter der Apotheke im Wiener Allgemeinen Krankenhause, in mustergiltiger Weise zusammengestellt, so dass in den drei Koffern, in denen sie verpackt wurde, wohl für jede Art von Erkrankung Medikamente und Instrumente vorhanden waren.

Für die kartographischen, astronomischen und meteorologischen Aufnahmen war eine Reihe von wissenschaftlichen Instrumenten bestimmt. [Pg 3]Ueber Empfehlung des Hauptmannes Karl von Orel, des Leiters der kartographischen Abteilung im Wiener militärgeographischen Institute, wurde mir von Dr. Pulfrich, dem Direktor der berühmten Zeisswerke in Jena, der neueste Phototheodolit zur Verfügung gestellt und über meine Angaben noch dahin abgeändert, dass auf dem Höhenkreise 30 Sekunden direkt und 15 Sekunden abschätzungsweise abgelesen werden konnten. Der Gang meiner Taschenchronometer wurde auf der Wiener Sternwarte geprüft, wo ich auch bei Dr. Krumpholz durch längere Zeit Unterricht in astronomischen Beobachtungen nahm. Für direkte Höhenmessungen dienten zwei Barometer, und zwar eines von Radau und ein englisches von Smith. Ausserdem führte ich von der Wiener Firma Kapeller ein Maximum-Minimum-Thermometer, ein Schleuder- und zwei Luftthermometer sowie ein Assmannsches Psychrometer mit. Den photographischen Aufnahmen dienten ein Kodak-Apparat (9 : 12) mit Zeisslinse, eine Voigtländer-Spiegel-Reflex-Kamera und eine Porträt-Kamera von Bayer. Die Oest.-Ung. Kino-Gesellschaft gab mir in der Person des Herrn Josef Schwarzer einen Operateur mit, der für seine Gesellschaft Kinoaufnahmen, für mich die photographischen Schwarz- und Autochrombilder zu machen hatte, wofür er auf meine Kosten die Reise in das Innere von Afrika mitmachte. Unser Vorrat an Platten betrug tausend einfache, 150 Autochromplatten, 960 Packfilms und 300 Rollfilms. Mehrere einschlägige Literaturwerke, eine Suaheli-Grammatik — ich hatte mich einige Zeit vor meiner Abreise mit dem Studium dieser Eingeborenen-Sprache abgegeben — und die existierenden Karten des Gebietes, dem unsere Expedition galt, bildeten unsere kleine Reisebibliothek. An Kleidern hatten wir ausser Khaki- und weissen Anzügen auch warme Anzüge, Wollsweaters, Bergschuhe, Rucksäcke etc. für das tropische Hochgebirge mit.

Die wichtigste Frage aber war für mich, einen tüchtigen Reisebegleiter und Arzt zu suchen, und ich hatte das Glück, den richtigen Mann im Universitätsdozenten Dr. Robert Stigler zu finden, den ich auf meiner Osterreise nach Griechenland im Jahre 1911 an Bord eines österreichischen Lloyddampfers kennen gelernt hatte. Schon [Pg 4]damals erzählte ich ihm von meinen Vorbereitungen für die Reise durch Uganda, und kurze Zeit darauf trug sich mir Dr. Stigler in Wien als Expeditionsarzt an. Dr. Stigler, der auf der Expedition rassenphysiologische Studien und Experimente zu machen gedachte, erhielt für diesen Zweck aus der Treitl-Stiftung einen Betrag von 5000 Kronen zur Anschaffung der hiezu nötigen wissenschaftlichen Instrumente, die zwei grosse Koffer füllten. Mit der Wahl Dr. Stiglers hatte ich einen ausserordentlich glücklichen Griff getan. Denn er zeigte sich jederzeit als energischer, umsichtiger Mann, als offener Charakter, als tüchtiger Arzt, dessen Können wir im Verlaufe unserer Expedition zu würdigen Gelegenheit hatten, und als begabter Gelehrter. Wer je an einem Unternehmen ähnlicher Art teilgenommen hat, wird es verstehen, eine wie grosse Rolle die Wahl eines Reisegefährten spielt und wie schwer es ist, den richtigen Mann zu finden, mit dem man durch prächtige Harmonie verbunden sein will, und der auch gleichzeitig die Notwendigkeit der Unterordnung unter den Willen des Einen einsieht.

Als letzten europäischen Begleiter hatte ich noch für die Präparate meiner Sammlungen Herrn Richard Storch aus Prag engagiert, der ein alter Afrikakenner war und über zehn Jahre im Sudan zugebracht hatte. Leider fand meine Annahme, dass er gerade wegen dieses langen Aufenthaltes gegen tropische Erkrankungen ziemlich gefeit sein müsse, späterhin keine Bestätigung. Er hatte schon vor Jahren einen Malariaanfall erlitten, der sich, sobald die Strapazen unserer Reise grössere wurden, stets wieder einstellte und ihn fast bis zum Schluss unserer Expedition nicht gesund werden liess.

[Pg 5]

VON WIEN NACH UGANDA.

Wien-Triest / Zur See bis Kilindini / In der Hauptstadt Britisch-Ostafrikas / Eine Aenderung unseres Reiseplanes / Anwerbung von Trägern / Sportsleben in Nairobi / Die Strecke eines Löwenjägers / Auf der Ugandabahn / Verlust eines Instrumentenkoffers / Quer über den Viktoriasee / Einiges über Uganda.

Zu Beginn des Herbstes 1911 hatte ich meine Vorbereitungen beendet, und dem Aufbruche stand nunmehr kein Hindernis mehr im Wege. Im September waren von London aus 52 Kisten und am 1. Oktober von Wien aus 33 Kisten seetüchtig verpackt nach Mombassa an der Ostküste Afrikas abgegangen, und 14 Tage später trat ich mit Dr. Stigler und der restlichen Ausrüstung die Reise an. Viele Freunde gaben uns das Abschiedsgeleite und riefen uns am Wiener Südbahnhofe noch herzliche Glückwünsche nach. Dann rollte der Schnellzug aus der Halle und brachte uns nach dem Süden. In Triest, wo wir am nächsten Morgen anlangten, erwartete uns Photograph Schwarzer, wir besorgten noch die Verladung unseres Gepäckes auf das bereits unter Dampf liegende österreichische Lloydschiff „Bregenz“ und nahmen dann den Lunch zum letztenmal für lange Zeit auf europäischem Boden ein. Um 3 Uhr ging die „Bregenz“ in See. Bis Brindisi, wo einige italienische Kriegsschiffe mit Scheinwerfern das Wasser nach türkischen Schiffen absuchten, — es war kurz nach Ausbruch des Krieges, — war ruhige Fahrt. Auf der Höhe von Kreta ward die See unruhig, so dass der grösste Teil der Passagiere — fast ausschliesslich Engländer — seekrank wurden, und blieb es auch bis zum 20. Oktober, an welchem Tage wir um 2 Uhr morgens Port Said erreichten. In langsamer Fahrt ging es nun durch den Suezkanal und dann fünf Tage lang durch das Rote Meer. Die Hitze ward bei der völligen Windstille bald unerträglich, wir hatten um 11 Uhr nachts in den Kabinen 38°, in den Maschinenräumen gar 50 °C.

Am 26. Oktober langten wir in Aden an, wo wir die nach Indien weiterfahrende „Bregenz“ mit der gerade eingetroffenen prächtigen [Pg 6]„Prinzessin“ der Deutsch-Ostafrika-Linie vertauschten. Nach der Umladung unserer Koffer blieb uns noch kurze Zeit, um das farbenprächtige Felsennest Aden mit seinem malerischen orientalischen Leben zu besichtigen, einige Einkäufe zu besorgen und die ersten Briefe in die Heimat zu senden, dann konnten wir nur mehr an Bord der langsam aus dem Hafen gleitenden „Prinzessin“ noch die bizarren Formen dieses Stadtbildes bewundern, in dessen felsigem Hintergrunde auf den höchsten Spitzen die Forts der Engländer dräuen.

Sechs Tage nun schwammen wir in ruhiger Fahrt auf dem indischen Ozean, das Kap Guardafui umschiffend, die Ostküste Afrikas entlang, den Aequatorübergang mit der üblichen Aequatortaufe feiernd, bis die „Prinzessin“ in den seichten Hafen von Kilindini einfuhr und wir zum erstenmal ostafrikanischen Boden betraten. In Kilindini war man von unserer Ankunft bereits avisiert, und die Zollrevision beschränkte sich infolge des Entgegenkommens der englischen Regierung und der Zollbehörden ausschliesslich auf die Entrichtung einer kleinen Gebühr für Waffen und Munition, während unsere Koffer nicht geöffnet zu werden brauchten.

Von Kilindini, dem eigentlichen Landungshafen für Uganda, führten uns Eingeborene in ihren kleinen Rollwägelchen — Trolly — auf einer schmalspurigen Trambahn nach Mombassa (Tafel 1). Die Strasse dorthin ist ausserordentlich schön und breit und von prächtigen Palmen, Affenbrotbäumen und grellfarbigen Blumen eingesäumt. In Mombassa, wo wir im „Grand Hotel Metropol“ abstiegen, dehnte sich unser Aufenthalt auf drei Tage aus, da hier die von London vorausgeschickten 52 Kisten noch lagerten und wir diese erst nach Nairobi dirigieren mussten. Auch gab es noch wichtige Besprechungen bei dem englischen Provinzialkommissär Sir Hindl und dem österreichischen Vizekonsul Herrn Markus, die uns beide wertvolle Informationen erteilten. Am dritten Tage endlich konnten wir die Stadt verlassen und die bequemen Waggons der Ugandabahn besteigen, die uns in stark ansteigendem Terrain nach siebzehnstündiger Fahrt in das sogenannte Reservatgebiet brachte. Die Landschaft, die der Zug durchfährt, wird mit jedem Kilometer fesselnder und eindrucksvoller. Man sieht sich wie [Pg 7]in einem natürlichen zoologischen Garten, grosse Rudel Zebras, Gnus, Giraffen, Strausse und allerlei Arten Antilopen beleben die Steppe, und im Süden steigt der mächtige Kilima-Ndscharo empor, dessen höchster Gipfel Kibo sich bis zu 6010 Meter erhebt und mit ewigem Schnee bedeckt ist.

Nach weiteren acht Stunden erreichten wir — 327 Meilen von der Küste entfernt — Nairobi, die Hauptstadt Britisch-Ostafrikas und den Sitz des Gouverneurs. Nachdem uns Eingeborene in einer Rikschar (Riksha) im Laufschritt in unser Hotel gebracht hatten, war es unser erstes, uns mit dem Gouverneur Sir Girouard in Verbindung zu setzen, der uns auch sofort in liebenswürdigster Weise zu sich lud. Zu der bestimmten Stunde wurde ich mit Dr. Stigler in dem schönen, auf einer Anhöhe gelegenen Palais des Gouverneurs empfangen, und dieser Besuch war für unsere Expedition von ausschlaggebender Bedeutung, da er die schon erwähnte Aenderung unserer Reiseroute mit sich brachte. Wir hatten bekanntlich vor, über den Rudolfsee in das Gebiet von Uganda einzudringen, Sir Girouard machte uns aber aufmerksam, dass zum Rudolfsee monatlich einmal bereits ein Postbote abgehe. Dieser Umstand benahm uns natürlich jedes weitere Interesse für diese Strecke, denn wir wollten doch nicht als Forschungsreisende sogar von der Post schon erschlossene Gebiete besuchen. Nach kurzer Ueberlegung waren wir entschlossen, den Weg zum Rudolfsee dem Postboten zu überlassen und unsere eigentliche Reise nach den bisher unerforschten Teilen Ugandas vom Viktoria-See, und zwar von Jinja aus, anzutreten. Sir Girouard gab uns den Rat, mit Gouverneur Jackson von Uganda Fühlung zu nehmen, da die uns bevorstehenden Schwierigkeiten ungemein grosse seien und es notwendig sein werde, Askari-Soldaten mitzunehmen. Auch erteilte er uns die Bewilligung, schon von Nairobi einige ausgesuchte starke Träger mitzunehmen, und versprach, bei Gouverneur Jackson telegraphisch anzufragen, ob wir die übrigen Träger aus Kampala und Entebbe erhalten könnten. Schon am nächsten Tage, an dem wir abermals bei Sir Girouard geladen waren, war die Antwort von Gouverneur Jackson eingelaufen, der mitteilte, dass wir in Entebbe [Pg 8]150 Träger anwerben könnten, und uns gleichzeitig einlud, ihn in Entebbe, der Hauptstadt Ugandas, zu besuchen. Von Nairobi wollten wir 50 Träger mitnehmen, so dass wir für unser gesamtes aus 180 Stücken bestehendes Gepäck bis zum Mont Elgon jedenfalls genug Träger hatten.

Wir trachteten nun, uns so rasch als möglich in Nairobi die uns noch fehlenden Ausrüstungsgegenstände zu verschaffen, um mit dem nächsten Zuge, der nur jeden Samstag von Nairobi nach Kisumu am Viktoria-Nyanza abgeht, die Fahrt nach Entebbe antreten zu können. Nairobi, eine noch junge Stadt von unschönem Aussehen, weist in den zwei Hauptstrassen fast nur Kaufläden, europäische und indische, auf, in denen alles zu haben ist, wessen man an Ausrüstung für eine Reise ins Innere Afrikas bedarf. Neben den Schneider- und Modewarengeschäften, den Büchsenmachern und Sattlern, gibt es spezielle Ausrüstungsgeschäfte deutscher und englischer Herkunft, die dem Reisenden komplette Garnituren zur Verfügung stellen, noch dazu zu Preisen, die für viele Gegenstände billiger sind als in Europa. Diese bequeme Vorsorge erklärt sich daraus, dass Nairobi den Hauptausgangspunkt für Jagdausflüge in das Gebiet des Kilimandscharo und des Kenia bildet. Die Reise auf der Ugandabahn bis hierher lässt keinen Komfort vermissen, so dass sie sogar viele Damen unternehmen, und auch die Jagdausflüge selbst sind mit nicht allzugrossen Strapazen verbunden. Man findet daher sämtliche Hotels in Nairobi vollbesetzt von Sportsleuten, unter denen sich mancher gewaltige Nimrod befindet. So weilte zu unserer Zeit in Nairobi ein Amerikaner namens Paul Rainey, der mit einer grossen Meute von Hunden auf Löwen gejagt und dabei einen ganz unglaublichen Rekord erzielt hatte, indem er nicht weniger als 61 Löwen zur Strecke brachte, darunter 24 an einem Tage. Die meisten der von Nairobi aus aufbrechenden Jagdgesellschaften unternehmen ihre Ausflüge in achtspännigen Eselsfahrzeugen oder im grossen Automobil der Ausrüstungsfirma Newland & Tarlton, das auch für eine auf einige Wochen ausreichende Ausrüstung Platz gewährt. Mit derselben Firma verhandelte ich wegen der Beschaffung der 50 Träger und eines Heatmans sowie wegen Beistellung [Pg 9]von Maultieren für uns Europäer, da in den von uns in Aussicht genommenen Gebieten wegen der grossen Verbreitung der Tsetsefliege weder Pferde, noch Kamele benützt werden können. Dr. Stigler brachte seine ganze Zeit damit zu, um, mit Unterstützung des obersten Sanitätsrates Dr. Haran und des Chefarztes des Hospitales Dr. Ross, die in Ost-Afrika und namentlich in Uganda meistverbreiteten Krankheiten und deren Behandlung zu studieren. Er untersuchte auch die für uns bestimmten Träger und fand von den 80, die sich eingefunden hatten, ungefähr 50 als gesund und stark genug. Sie wurden von mir mit blauen Wolljacken, einer roten Wolldecke, die sie untertags zusammengerollt als Turban trugen, und mit einer Feldflasche versehen. An Entlohnung erhielt jeder monatlich zehn Rupien und freie Verpflegung oder täglich zwölf Cent in Ostafrika, zehn Cent in Uganda. Am selben Tage, da sie angeworben worden waren, wurden sie vom Heatman zur Bahn gebracht und mit den Maultieren in einem Lastenzug nach Kisumu befördert.

Tafel 1
Mombassa
Hauptstrasse in Mombassa

Wir selbst traten am nächsten Tag, den 11. November, die Reise dorthin mit dem samstägigen Eilzuge an und erhielten, da er voll besetzt war, in einem angeschobenen Waggon ein Separatcoupé. Keuchend bahnt sich der Zug den Weg bis zum höchsten Punkte des terrassenartig ansteigenden Kikuyugebirges — 2386 m über dem Meere —, von wo sich ein wundervoller Ausblick 600 m tief hinab in das Tal der „grossen Bruchspalte“ bietet. Es ist dies der grosse ostafrikanische Graben, der sich vom Zambesi durch Ostafrika, Abessynien, das Rote Meer bis Palästina verfolgen lässt. Dann geht es am Berghang abwärts, durch dichten Wald und über kühn geschwungene Eisenviadukte am Naivaschasee vorüber durch das Bruchspaltental nach Nakuro, das am Ufer des gleichnamigen Sees inmitten schöner Weideländer und in einem angenehmen Klima gelegen ist. Nach einer weiteren Steigung bis zum Maogipfel, der durch eine Säule markiert ist und die respektable Höhe von 2545 m aufweist, fällt nun die Trasse um über 1400 m und endet in Port Florence (Kisumu) am Viktoriasee. Die Endstation der Bahn liegt direkt an der Landungsbrücke, [Pg 10]wo der „Clement Hill“, einer der drei Regierungsdampfer, zur Abfahrt nach Entebbe schon bereit lag.

Hier erwartete uns unser Heatman mit den 50 Nairobiträgern und den Maultieren, und nun galt es, aus einem Chaos von Koffern, Kisten und Ballen unsere Gepäckstücke herauszusuchen und auf dem Dampfer verladen zu lassen. Es stellte sich leider heraus, dass ein Koffer, und zwar einer der wertvollsten, abhanden gekommen war. Es war einer der beiden Koffer Dr. Stiglers, der nur wissenschaftliche Instrumente, so das Mikroskop, den Brillenkasten, einen Blutdruckmesser u. a. m. enthielt. Ganz aufgeklärt ist dieser Abgang niemals worden, wahrscheinlich ist der Koffer von einem Eingeborenen gestohlen worden, denn in Nairobi mussten mehrere Kisten, da die Lastenwagen schon voll waren, in 3. Klasse-Waggons gegeben werden, die nur von Eingeborenen besetzt sind. Trotz der Telegramme, die der Stationsvorstand von Kisumu nach Nairobi und den grösseren Zwischenstationen schickte, und trotz der späteren Intervention des Gouverneurs Mr. Jackson war und blieb der Koffer unauffindbar.

Mittags verliess der „Clement Hill“ unter schrillen Pfiffen der Dampfpfeife den Hafen von Kisumu. Langsam windet sich das Schiff durch einen Archipel grün bewachsener Inseln, die ihm in ihrer Menge fast den Weg versperren, und wir fuhren bis zum Eintritt der Dämmerung, um welche Stunde das Schiff Anker wirft. Es setzt erst wieder bei Morgengrauen seine Fahrt fort, da die seichten Stellen des Sees an der Nordküste im Dunkel der Nacht nicht ungefährlich sind. Da wir uns bereits im Gebiete der Glossina palpalis, der die Schlafkrankheit erregenden Fliege, befinden, sind wir doppelt vorsichtig, bevor wir zu Bette gehen, und untersuchen die stark zerrissenen Moskitonetze, ob sich nicht in irgend einer Ecke eine dieser gefährlichen Fliegen während der Dämmerung Eingang zu verschaffen gewusst hat.

Der Viktoria-See hat eine Grösse von 83310 qkm (fast zweidrittel des Adriatischen Meeres), seine Meereshöhe ist 1135 m, seine Tiefe sehr ungleich, da oft neben seichten Bänken bis zu 100 m tiefe Stellen zu messen sind. Das Wasser des Sees ist klar und süss und hat eine [Pg 11]leichte Strömung gegen Nord, dem Ausflusse des Nils zu. Der Hauptfluss des Sees ist der aus vielen weitausgreifenden Armen zusammenfliessende Kagera. Oskar Baumann hielt die Quelle des Rumuwu für die wahre Nilquelle, während Graf Götzen dagegen den Njawarongo für den Hauptfluss des Kagera in Deutsch-Ostafrika und damit des Nils hielt. Ungefähr in der Mitte des nördlichen Ufers tritt aus dem Viktoria-See bei Jinja der Nil aus, bildet bei einer Breite von ungefähr 150 m und einer Höhe von 10 m die Riponfälle und windet sich durch grüne, waldbestandene Ufer dem Norden zu. Von vielen Klippen schäumen noch seine Wellen, auf den sandigen Bänken sonnen sich Krokodile, und die Ufer sind zerstampft von den unförmlichen Füssen der Nilpferde.

Nicht ohne Ergriffenheit wanderten wir am Strome der Pharaonen, den wir erst bei Nimule nach einem Hunderte von Meilen langen Lauf wiedersehen sollten.

Am nächsten Tage mittags langten wir nach 28stündiger Seefahrt in Entebbe, der Hauptstadt Ugandas, an. Bevor uns unser Leser auf unserem weiteren Wege begleitet, ist es wohl am Platze, einige Daten über dieses Land zu geben, dem unsere Forschungsreise galt.

Uganda war einer der bestorganisierten Eingeborenen-Staaten, als die ersten Europäer, die Engländer Speke und Burton, bis zum Viktoria-See vorgedrungen waren. Im Jahre 1862 entdeckte Speke, begleitet von Grant, die damals als Quelle des Nils bezeichneten Riponfälle, nahe dem Abflusse des Viktoria-Sees. Später wurde Uganda wiederholt von Europäern besucht, so 1875 von Stanley, von 1876 an in mehreren Expeditionen von Emin Pascha, 1886 von Junker u. v. a. Nach Stanley kamen im Juli 1877 Vertreter der Londoner Church Missionary Society ins Land, denen bald eine Abteilung der weissen Väter von Algier und eine solche der Brüder des heiligen Josef folgten. Das Christentum machte in Uganda, ebenso wie vorher der Islam, rasche Fortschritte, in der Folge kam es aber zu starken religiösen Rivalitäten und Spaltungen, die von blutigen Kämpfen begleitet waren. Im deutsch-englischen Abkommen von 1890 wurde, trotzdem im selben Jahre Dr. Peters einen Schutzvertrag [Pg 12]mit dem König Muanga abgeschlossen hatte, Uganda der englischen Interessensphäre überlassen, und im Jahre 1894 wurde das „Uganda-Protektorat“ als besonderes britisches Schutzgebiet proklamiert, das namentlich durch die Erbauung der Ugandabahn, mit der man im Dezember 1896 begann, erschlossen wurde. Die Hauptstadt und der Sitz des Gouverneurs ist Entebbe, das, etwas nördlich vom Aequator, am Viktoria-See gelegen ist. 23 Meilen nördlich davon liegt auf sechs Hügeln die Eingeborenen-Hauptstadt Kampala. Der Königshügel, „Mengo“ genannt, wird vom jungen König von Uganda, seinem Hofstaate und seinen Ministern bewohnt. Entebbe und Kampala sind durch eine breite, bequeme Strasse miteinander verbunden, auf der sogar wöchentlich zweimal ein Automobil verkehrt. Von Kampala setzt sich die grosse Karawanenstrasse nach Norden bis Butiaba fort, von wo aus man mit dem Dampfer Nimule bequem erreicht.

Uganda wurde 1894 von der englischen Staatsverwaltung übernommen, nachdem die „Imperial British East Africa Company“ die Räumung Ugandas, über das die Gesellschaft seit 1890 ihre Tätigkeit ausgedehnt hatte, wegen der fortwährenden religiösen Wirren und der nicht genügend ausreichenden Mitteln, um das weit im Innern liegende Uganda festzuhalten, beschlossen hatte. 1897 brach jene gefährliche Meuterei der früheren sudanesischen Soldaten Emin Paschas aus, welcher Aufstand erst nach äusserst erbitterten und verlustvollen Kämpfen im Jahre 1898 mit Hilfe indischer Truppen und Unterstützung von deutscher Seite unterdrückt werden konnte. Die religiösen Wirren reichen noch weiter zurück und es waren namentlich die Könige Mtera und sein Nachfolger Mwanga oder Muanga, ein äusserst gefürchteter Tyrann, die tausende von Eingeborenen unschuldig hinschlachten und 1885 auch den Bischof Hannington und seine Gefährten ermorden liessen. Uganda hat für England grossen strategischen Wert, gibt es doch die Verbindung längs des Nils über Chartum zum Viktoria-See, und durch die sogenannte Ugandabahn in Britisch-Ostafrika zur Küste des Indischen Ozeans mit Indien, falls je der Weg durch das Rote Meer gesperrt sein sollte.

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Der Boden im südlichen und westlichen Uganda ist ziemlich gut. Es wird Kaffee, Zucker, Tabak, Baumwolle und Seide gepflanzt. An Mineralschätzen ist nicht viel zu erhoffen, ausgenommen die grossen Eisenlager in den bisher unerforschten Naqua- und Toburbergen, wo die wilden Eingeborenen eine äusserst interessante primitive Eisenindustrie geschaffen haben, auf die ich noch ausführlich zu sprechen komme.

Uganda zerfällt in die Zentral-, West-, Nil- und Ugandaprovinz. Unsere Expedition galt der Zentralprovinz, die im Westen vom Nil, im Süden vom Viktoria-See, im Osten von Kavirondo und im Norden vom Mont Debasien und Kamalingagebirge begrenzt wird. Die englische Verwaltung reicht im Norden nur bis zum Salisbury-See, die darüber hinausreichenden Gebiete der Karamojo-, Naqua- und Toburstämme sowie der grösste Teil des Acholilandes sind bisher noch unerforscht, und diese weiten Flächen des inneren Afrika zu erschliessen, war eines der Hauptziele unserer Expedition.

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AM VIKTORIA-SEE.

Ankunft in Entebbe / Besuche beim Gouverneur / Ein Ausflug nach Kampala / Im Gebiete der Glossina palpalis / Die Rikshaläufer / Beim König von Uganda / Ein Frauenmörder vor dem Eingeborenengericht / Ueber den See nach Jinja / Unser erstes afrikanisches Lager / Schlafkrankheit, Rückfallfieber und andere Krankheiten / An den Riponfällen / Regenzeit.

In Entebbe, der Hauptstadt Ugandas, wurden wir schon am Landungsplatze von einem Abgesandten des Gouverneurs Mr. Jackson erwartet, der uns die Mitteilung machte, dass die von uns noch benötigten Träger bereits angeworben seien und dass uns der Gouverneur um vier Uhr nachmittags zu empfangen wünsche (Tafel 2). Wir beeilten uns, unser Gepäck im Zollhaus zu deponieren, quartierten uns im Hotel „Viktoria“ ein und fuhren dann in einer Riksha zu dem auf einer Anhöhe mit prächtigem Ausblick auf den See gelegenen Gouverneurpalais. Der Empfang, den uns Mr. Jackson bereitete, war ein ungemein liebenswürdiger. Er war durch das englische Kolonialministerium von unseren Absichten bereits unterrichtet worden und gab uns aus dem reichen Schatze seiner 27jährigen Erfahrungen ausserordentlich wertvolle Ratschläge; auch stellte er uns einen offenen Brief für sämtliche englische Stationsbeamte und Offiziere aus, in dem diese aufgefordert wurden, uns nach jeder Richtung zu unterstützen. Am nächsten Tage, an dem wir beim Gouverneur zum Diner geladen waren, legte er uns nahe, auf unserer Reise ja die Besteigung des Elgon nicht zu unterlassen, den er selbst vor Jahren unter grossen Schwierigkeiten erstiegen hatte. Die Schilderungen, die er von seiner Expedition und der mächtigen Schönheit dieser afrikanischen Bergwelt gab, waren so eindrucksvoll, dass wir ihm nach zwei Tagen schon die Versicherung gaben, dass die Besteigung des Elgonkraters sowie der bisher noch nicht bestiegenen Nord- und Süd-Spitze des Elgon beschlossene Sache sei.

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Unsere Ausrüstung wurde in Entebbe noch durch abermalige Anschaffungen ergänzt, die diese Erweiterung unseres Reiseplanes nötig machte. Einen Tag unseres Aufenthaltes verwendeten wir zu einem Ausflug nach Kampala, für den uns Mr. Pordage von der British East Africa Corporation das Automobil seiner Gesellschaft zur Verfügung stellte. Die gut gepflegte Strasse führt zunächst durch einen kleinen Wald, in dem das Buschwerk ausgeschlagen und am Rande der Strasse eine rote Flagge gehisst ist. Wir befinden uns im Gebiete der Schlafkrankheit, und die rote Flagge ist das Zeichen für das Verbot des Betretens. Diese fürchterliche, fast immer tötlich verlaufende Krankheit hat schon Hunderttausenden von Menschen das Leben gekostet, und es bedarf aller Anstrengungen, um die Verheerungen, die die Glossina palpalis an den Eingeborenen anrichtet, einigermassen einzudämmen. So hat die englische Regierung auf den Inseln und an den Ufern des Viktoria Nyanza zahlreiche Dörfer verbrannt und deren Bewohner anderswo angesiedelt. Den Hauptaufenthalt der Fliege bildet das Buschwerk am Uferrand vieler afrikanischer Flüsse und Seen, gewöhnlich aber nur in der Breite von 100 bis 150 Meter. Man ist bemüht, die Fliege samt ihrer Brut durch Abbrennen dieser am Wasserstrand stehenden Büsche zu vernichten, und am Viktoria-See ist ausserdem das Betreten der Küstenstriche bei einer Strafe bis zu 1000 Rupien verboten. Der Reisende in Uganda darf der Glossina palpalis wegen sein Lager nie unmittelbar an den Ufern der Gewässer aufschlagen. Auch bei Einhaltung dieser Vorsichtsmassregel ist die Gefahr einer Einschleppung noch immer nicht ganz geschwunden, da die eingeborenen Träger von der Wasserstelle Trink- oder Kochwasser bringen, auch unbekümmert um die Fliege ein Bad nehmen und dann oft von der Glossina bis ins Lager verfolgt werden. Der Kapitän des „Clement Hill“ erzählte mir, dass sogar schon in den Kabinen des Schiffes Exemplare der Schlafkrankheitsfliege gefunden wurden, trotzdem die Dampfer auf dem Viktoria Nyanza ihren Kurs weit vom Ufer nehmen und die Landungsstellen in grossem Umkreise durch die obenerwähnten Vorsichtsmassregeln gegen den Krankheitserreger geschützt sind. Die Glossina [Pg 16]palpalis ist etwas grösser als unsere Hausfliege, trägt einen lichten Ring um den dunkelbraun gefärbten Leib und die Flügel meist nach rückwärts gekreuzt. Sie fliegt nur untertags umher und verkriecht sich bei eintretender Dunkelheit. Ein Serum gegen ihr Gift zu finden, ist trotz aller Bemühungen deutscher und englischer Aerzte noch immer nicht gelungen.

Gegenüber dieser Brutstätte der Schlafkrankheitsfliege zieht sich längs der andern Seite der Strasse ein Urwaldstreifen hin, in dem eine Unmenge von Vögeln flattert und zwitschert und viele Affen von Stamm zu Stamm springen. Der Wald nimmt aber bald ein Ende, und an seine Stelle treten weit ausgebreitete Sümpfe — Swamps — infolge deren auch die Strasse schlechter und ausgewaschen wird.

Gegen Mittag kamen wir zu den Hügeln der Eingeborenen-Hauptstadt Kampala, in der vor allem der imposante Bau der Missionsstation mit ihrem gross angelegten Hospital die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Da in Kampala sich kein europäisches Hotel befindet, folgten wir der liebenswürdigen Einladung des Direktors der afrikanischen Seidengesellschaft, Herrn Heinrichs, eines Reichsdeutschen, und nahmen bei ihm unseren Lunch ein. Dann fuhren wir in Rikshas auf den Namirembe-Bagur, auf dem sich das von Dr. Cook und seinem Neffen geleitetete Hospital erhebt. Die Riksha ist hier das landesübliche Gefährte. Drei junge kräftige Eingeborene schieben es im Laufschritt bergauf, während ein vierter vorn anzieht. Die Fahrt vollzieht sich unter einem eigentümlichen litaneiartigen Gesange. Der vorne Ziehende spricht ohne Unterbrechung in singendem Tone einen Schwall von Worten, die von den drei rückwärts anschiebenden Eingeborenen mit „Jahere“ und einem eine Quart tieferen „Mha“ begleitet werden. Der Beruf dieser Rikshazieher ist sehr einträglich; länger als vier bis fünf Jahre halten ihn aber die jungen Burschen nicht aus, die meisten sterben dann an einem Lungen- oder Herzleiden.

Tafel 2
Entebbe
Kampalla
Tafel 3
König von Uganda Daudi Chwa
Jinja
Tafel 4
Blick auf den Viktoriasee mit Schlafkrankheitsgebiet
In Einbäumen über den Mpologoma-See
Tafel 5
Riponfälle

Das Hospital, das wir nunmehr besichtigten, weist mustergiltige Einrichtungen auf, die mancher europäischen Anstalt zum Vorbild dienen könnten. Es ist nach dem Pavillonsystem erbaut und führt 130 Betten, ausserdem verfügt es über glänzend ausgestattete Laboratorien, [Pg 17]Instrumentenzimmer, Apotheke usw. Von Dr. Cook und seinem Neffen werden hier jährlich gegen 3000 Patienten behandelt und zirka 1000 Operationen vorgenommen. Dr. Cook überliess meinem Reisebegleiter Dr. Stigler einen Brillenkasten, so dass er, nachdem ihm ausserdem auch noch von Dr. Hodges in Entebbe ein Mikroskop zur Verfügung gestellt worden war, sich über den Verlust seines Koffers wenigstens einigermassen trösten konnte.

Unser beabsichtigter Besuch beim König von Uganda musste an diesem Tage unterbleiben, da schon um 6 Uhr nachmittags die Dämmerung einbrach und wir uns — mangels jeder Schlafgelegenheit in Kampala — zur raschen Rückfahrt entschliessen mussten.

Der nächste Tag war der letzte unseres Aufenthaltes in Entebbe. Gouverneur Mr. Jackson hatte uns eine Speziallizenz für volle Jagdfreiheit sowie ein Dokument für die Zollfreiheit unseres Gepäckes ausgefolgt und auch noch die Beistellung von Askari zugesichert. 30 Träger waren in Kampala angeworben worden und 120 in Jinja, die letzteren mussten aber von Mbale wieder zurückgeschickt werden, da sie für den Weitermarsch durch unerforschte Gebiete zu schwach gewesen wären. Ausserdem hatte ich in Entebbe noch einen Vogelpräparator — einen Tierpräparator nahm ich schon aus Nairobi mit — und einen neuen Heatman aufgenommen, da sich bei dem bisherigen Anzeichen schwerer Malaria zeigten, endlich noch einen Koch und einige Boys (Diener) engagiert. Nachmittags verabschiedeten wir uns vom Gouverneur Mr. Jackson, der uns in jeder Beziehung mit Rat und Tat zur Seite gestanden war und dem wir daher zu ganz besonderem Danke verpflichtet waren.

Im kleinen Hafen von Entebbe liegt der Regierungsdampfer „Winifred“, der am nächsten Morgen abfährt, und dort warb ich noch spät abends einen grossen kräftigen Mugandamann namens Simon als Dolmetsch an. Er war in der Missionsschule erzogen, der englischen Sprache in Wort und Schrift mächtig und hat mir späterhin, als ich meinen in Mombassa engagierten Diener Combo Mohamed in Mbale wegen Diebstahles einsperren lassen musste, recht gute und treue Dienste geleistet, weshalb ich ihn auch über seinen Wunsch nach Europa mitnahm.

[Pg 18]

Die letzte Nacht in Entebbe brachten wir an Bord zu, und am nächsten Morgen trat der „Winifred“ seine Fahrt nach Jinja an. Wir unterbrachen sie aber in Kampala, um unseren geplanten und zwei Tage vorher unterbliebenen Besuch beim König von Uganda zu machen, bei dem uns der englische Provinzialkommissär bereits angesagt hatte. Zwei Rikshas brachten uns nach der vom Hafen sieben Meilen entfernten Residenz Daudi Chwas, der eingeborenen königlichen Hoheit, und dort wurden wir zunächst vom Prinzen Josef und dem Minister Apollo empfangen. Der mächtige Minister hielt eben unter Beiziehung des grossen Rates den Vorsitz in einer Gerichtsverhandlung. Ein Eingeborener hatte seine Frau ermordet und wurde nach Einvernahme vieler Zeugen zum Tode verurteilt. Zehn Tage später wurde er in das Innere des Landes abgeführt und dort das Todesurteil an ihm mit dem Speere vollstreckt.

Nach dieser interessanten Gerichtsverhandlung liessen wir uns von Apollo und seinen Räten zum Könige führen (Tafel 3). Es ging zunächst über einige Höfe, die durch hohe Umzäunungen voneinander abgetrennt sind, an den Hütten der Leibwache vorüber bis zu einem hübschen Parterrehause, in dem die junge Majestät residierte. Der 18jährige König Daudi Chwa empfing uns auf das freundlichste, und wir mussten auf den neben seinem Throne stehenden Fauteuils Platz nehmen. Die Unterhaltung, die in englischer Sprache geführt wurde, betraf natürlich in erster Linie unsere Reise. Bevor wir den König verliessen, ersuchten wir ihn noch, eine photographische Aufnahme von ihm machen zu dürfen, was er mit besonderem Wohlgefallen gestattete.

Dann ging es in der Riksha wieder zurück nach Kampala und zu unserem Dampfer. Die im Laufschritt die Wagen ziehenden und schiebenden Eingeborenen benötigten für den ganzen Weg von 11 Kilometern, der ohne jede Rast zurückgelegt wurde, nicht mehr als 40 Minuten. An Bord des „Winifred“ verbrachten wir den Abend noch in Gesellschaft der kleinen in Kampala ansässigen deutschen Kolonie, und im Morgengrauen des nächsten Tages führte uns der Dampfer nach Jinja, wo wir in der Mittagsstunde eintrafen.

[Pg 19]

Jinja, die Hauptstadt der Zentralprovinz Ugandas, ist eine noch kleine Ansiedlung, hat aber jedenfalls eine grosse Zukunft vor sich (Tafel 3). Sie liegt auf hügeligem Terrain und vermittelt namentlich den Verkehr aus dem Innern der Zentralprovinz, teils von Mbale im Osten, teils von Kiogaten im Norden her, wohin auch binnen kurzem die bereits im Bau begriffene Eisenbahn führen wird. Es besteht auch schon das Projekt einer Ausnützung der in der Nähe gelegenen Riponfälle zur Erzeugung elektrischer Kraft, sowie der Anlage von Baumwollspinnereien und anderer Industrien, so dass die Bedeutung dieses Ortes, in dem sich heute neben den Eingeborenenhütten nur sehr wenige englische Regierungsgebäude befinden, binnen kurzem sehr steigen wird.

Unser Dampfer legte an dem weit in den See hineingebauten Hafendamm an, was uns bei der Ausladung unseres umfangreichen Gepäckes sehr zu statten kam. Vom Regierungsbeamten, der uns bei der Landung erwartete, war uns ein vom Hafen einen Kilometer entfernt gelegener Lagerplatz angewiesen worden, auf dem sich auch eine grössere Hütte befand, die sonst der Abhaltung von Gerichtsverhandlungen diente. Bei der Ausladung und Ueberführung des Gepäckes auf den uns zugewiesenen Camp sorgten die sechs Askari, die uns von hier aus bis Mbale zur Verfügung gestellt wurden, schon sehr stramm für die Aufrechterhaltung der Ordnung und Disziplin. Nachdem das ganze Gepäck untergebracht worden war, begannen die Träger mit dem Aufschlagen der Zelte, die Boys stellten die Betten, die Wasch- und Badeapparate auf, und nach wenigen Stunden konnten wir unser erstes afrikanisches Lager beziehen.

Wir waren da angelangt, bis wohin der Reisende noch vor wenigen Jahren in Mombassa eine grosse Karawane ausrüsten und eine bewaffnete Eskorte bestellen musste. Dann trat er die Reise zum Viktoria Nyanza erst recht noch mit dem Bewusstsein an, fast ein halbes Jahr lang sich den Weg durch die Wildnis bahnen zu müssen, in der sich ihm eine Fülle von Entbehrungen, Gefahren und Schwierigkeiten entgegenstellte. Viele zogen aus, um lange vor dem Ziel wieder umkehren zu müssen oder überhaupt nicht mehr zurückzukommen. Heute [Pg 20]gelangt der Afrikareisende ungefährdet und ohne Strapazen nach Jinja, und erst hier beginnen, wenn er sich nach dem Norden wenden will, die Schwierigkeiten.

Leider hatten wir — schon seit Nairobi — fast täglich ausgiebigen Regenfall, wodurch nicht nur der Boden vollständig durchweicht, sondern auch die ohnehin mit Feuchtigkeit vollgesogene Seeluft noch weniger zuträglich wurde. Dazu hat Jinja ein bekannt schlechtes Klima, und das ganze Gebiet ringsum längs des Seeufers ist wegen der Glossina palpalis gesperrt. Unser Lager wurde auch aus diesem Grunde in ziemlicher Entfernung vom Seeufer aufgeschlagen. Es empfiehlt sich hier auch stets, niemals alte Lagerplätze aufzusuchen, da diese gewöhnlich den Sitz der Rückfallfieberzecke (Ornithodorus monbata) bilden, die auf dem ganzen Wege von Jinja bis Mbale verbreitet ist und deren Stich in den meisten Fällen tötlich wirkt, zum mindesten aber schwere Augenentzündungen, Gesichtslähmungen und auch Erblindungen zur Folge hat. Ausser dem Rückfallfieber und der Schlafkrankheit hat man hier auch stets mit der Malaria und Dysenterie zu rechnen, und es ist nötig, sich gegen alle diese Krankheiten mit der grössten Vorsicht zu schützen. Es ist das Verdienst Dr. Stiglers und seiner mit pedandischer Strenge vorgeschriebenen Massregeln, dass wir alle trotz einiger vorübergehender Erkrankungen doch heil und gesund nach Europa wieder zurückkehren konnten. Gegen die Uebertragung der Malaria durch den Stich der Anopheles wandten wir, seitdem wir afrikanischen Boden betreten hatten, das prophylaktische Rezept Professor Dr. Kochs an, wöchentlich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen je ein Gramm Chinin zu nehmen. Der Gefahr der Dysenterie begegneten wir durch grösste Vorsicht dem Wasser gegenüber. Unser einziges Getränk war von Jinja an nur Wasser, oft in den schmutzigsten Farben, aber vor dem Genusse stets durch Filz gefiltert und abgekocht. Es ist dies eine unerlässliche Bedingung, die von vielen in Afrika lebenden oder reisenden Europäern nach einer gewissen Zeit leider nicht mehr strenge eingehalten wird. Ein sehr grosser Teil der Erkrankungen und Todesfälle an Dysenterie ist dieser Nachlässigkeit zuzuschreiben. Ebenso wichtig ist auch die Vorsicht bezüglich der Reinhaltung aller mit Speisen [Pg 21]und Getränken in Berührung kommenden Gefässe, und diese müssen daher immer mit kochendem Wasser gewaschen werden.

Am Tage nach unserer Ankunft in Jinja versorgten wir uns mit einer Menge von Tauschartikeln, deren wir für unsere weitere Reise nicht entbehren konnten, und schufen uns vier Trägerlasten „Amerikani“ — einen leichten, bei den Eingeborenen sehr beliebten Baumwollstoff — an, ferner drei Lasten Eingeborenentabak, eine Last weisse und blaue Perlen (70000 Stück), dann Messer, Spiegel, Eisen- und Messingdraht und ähnliche Sachen, die die Neger gerne in Tausch nehmen. Ausserdem ergänzten wir noch unseren in Nairobi angeschafften Vorrat an Bordeaux-Wein und Champagner, die für den Fall von Erkrankungen bestimmt waren, und nahmen einige Flaschen Whisky für unseren abendlichen Tee mit. Spät nachmittags machten wir einen Ausflug zu den nahegelegenen Riponfalls, die den Abfluss des Viktoriasees bilden und früher fälschlich als Quelle des Nils gegolten haben (Tafel 5). In einer Breite von 150 Metern stürzt eine enorme Wassermenge aus einer Höhe von 10 Metern tosend und brausend über mächtige Felsen und gibt inmitten der hügeligen Landschaft, des breiten Flussbettes mit seinen Klippen, kleinen Inseln sowie den vielen Vögeln, den Krokodilen, die die Flussufer beleben, ein schönes Naturschauspiel, das nicht aus der Erinnerung schwindet.

Meine Absicht, in Jinja mit den kartographischen Arbeiten zu beginnen, konnte ich erst am folgenden Tage verwirklichen, an dem mir heller Sonnenschein auch eine astronomische Längen- und Breitenbestimmung ermöglichte. Meinen Standort hatte ich in der Nähe eines alten, dickstämmigen Baumes gewählt, unter dem der frühere, ob seiner Grausamkeit bekannte Uganda-König Muanga Gericht gehalten hatte. Von wilden Tieren zerrissen zu werden, Abtrennung der Hände und Füsse waren gewöhnlich die Strafen für Schuldige und — wohl auch für manchen Unschuldigen. So hatten wir in Entebbe einen Eingeborenen gesehen, dem Hände und Füsse abgehackt worden waren, weil er eine der vielen Frauen des Königs entehrt haben soll.

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In Jinja standen für uns, wie uns der englische Regierungsbeamte gleich bei unserer Ankunft mitteilte, 150 Träger bereit. Da er uns aber gleichzeitig auch sagte, wir sollten dieselben so rasch als möglich von Jinja abmarschieren lassen, da sonst viele wieder davonlaufen würden und sie auch ausserdem diebisch veranlagt seien, liess ich die anderthalb Hundert sofort von Dr. Stigler untersuchen. Hierbei stellte es sich heraus, dass ein grosser Teil dieser ziemlich schwächlichen Leute, die vom Stamme der Busoga waren, Lues hatte, so dass nur eine kleine, für uns viel zu geringe Anzahl von Gesunden übrig blieb. Am nächsten Tage wurde uns daher abermals ein grösserer Trupp gebracht, aus dem wir die Geeigneten auswählten, und so konnten wir schliesslich 110 Träger unter zwei Heatmans und den Askari mit einem Teil unseres Gepäckes nach dem von Jinja 28 Meilen weit entfernten Jganga abmarschieren lassen. In Jinja nahmen wir Abschied von dem Engländer Donald Angier, einem ausserordentlich liebenswürdigen Gentleman, der uns von Entebbe bis hierher begleitet hatte und uns in jeder Beziehung behilflich war.

Tags darauf, es war der 27. November, verliessen auch wir mit den Nairobiträgern das Lager, das infolge der fortwährenden Regengüssse vollständig durchnässt und äusserst ungesund war. Bis Mbale trug uns ein Deutscher, den ich in Kampala kennen gelernt hatte und der schon viele Jahre in Uganda lebte, seine Begleitung an und war uns bei Beschaffung der Lebensmittel, der Träger usw. schon in Jinja recht hilfreich an die Hand gegangen. Beim Abmarsche wäre Dr. Stigler bald verunglückt. Sein Maultier, das auf dem durchnässten Boden ausrutschte, warf ihn ab und schlug mit aller Kraft gegen die linke Hüfte Dr. Stiglers. Der Schlag aber wurde durch dessen breite Geldbörse abgeschwächt, so dass der Unfall noch recht glimpflich verlief.

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AUFBRUCH DER KARAWANE.

Auf der Strasse nach Mbale / Mit Frau und Kind auf der Inspektionsreise / Zwei Elefantenwilderer / In Jganga / Zwischen Bananen- und Gummiplantagen / Der Strassenbauingenieur / Leopardenbesuche / Durch den Mpologama-River / Ein Nachtmarsch bei Mondlicht / Beginn der Berglandschaft.

Von Jinja aus marschierten wir zunächst in nordöstlicher Richtung. Alles war in bester Stimmung, besonders wir Europäer, da nun nach den sechs Wochen, die wir von unserer Heimat schon fern waren, endlich die eigentliche Safari (Reise) in ein Gebiet begann, in dem es keine Eisenbahn mehr gab, keine europäische Kultur, und in dem wir vollständig auf uns selbst angewiesen waren (Tafel 6). Der Weg führte uns auf ansteigendem Terrain durch Bananenanlagen, an vielen Eingeborenen-Niederlassungen entlang, wo uns Männer und Weiber mit einem kräftigen „Jambo!“ begrüssten. Unsere wackeren Nairobiträger waren trotz der an 60 Pfund schweren Lasten auf ihren Köpfen und des rutschigen, durchweichten Bodens, der ein sicheres Gehen fast zur Unmöglichkeit machte, bei bester Laune und hörten nicht auf, zu singen und zu lärmen. Bei Eintritt des Abends erreichten wir die erste Station mit einem Rasthause. Wir benutzten dies jedoch nicht, sondern schlugen mitten auf der Strasse unsere eigenen Zelte auf. Schon um 5 Uhr morgens wurde zum Aufbruch geweckt, aber es währte noch zwei Stunden, bis sich unsere Karawane in Bewegung setzte, an deren Spitze ich selbst auf dem Maultiere ritt, das ich um den hohen Preis von 375 Rupien dem Postmeister in Jinja abgekauft hatte. Das Tier sollte aber dafür nach der Erklärung seines früheren Besitzers vollständig immun gegen den Stich der Tsetsefliege sein und war ausserdem auch ungemein stark und ausdauernd. Hinter mir marschierten vier Träger mit den Instrumenten für die kartographischen Aufnahmen. Ursprünglich beabsichtigte ich, schon von Jinja an eine genaue Karte des von unserer Expedition zu durchziehenden Gebietes anzufertigen, ich konnte diesen Plan aber erst von Mboa an — eine [Pg 24]Tagesreise von Mbale — verwirklichen, da bis dorthin das flache, mit hohem Gras besetzte und keinerlei Höhenpunkte aufweisende Terrain Aufnahmen mit dem Phototheodoliten sehr schwierig und zeitraubend gestaltet hätte. Da übrigens von dem Gebiete zwischen Jinja und Mbale bereits Kartenskizzen vorlagen, hatte ich nicht viel dabei verloren.

Die breite Strasse bis Mbale zeigt noch grossen Verkehr, und wir begegneten auf ihr auch dem Provinzialkommissär von Jinja, der mit Frau und Kind von einer Inspektionsreise zurückkehrte, er selbst auf dem Zweirade, die Frau und das Baby in einer bequemen Riksha. Bald darauf trafen wir wieder Europäer, die zwei bekannten Elefantenjäger Moore und Johnson. Man hatte uns von diesen schon in Jinja erzählt und uns gesagt, dass wir von ihnen vielleicht Auskünfte über die Gebiete erhalten könnten, die wir bereisen wollten. Aus dem Gespräch mit ihnen entnahmen wir aber bald, dass sie nur die Route zwischen dem Mont Elgon und Mont Debasien kannten, auf der die alte Karawanenstrasse nach Manimani führt und die für uns von keinem Interesse war. Die beiden waren übrigens sehr niedergeschlagen, da man ihnen, wie wir später in Mbale erfuhren, nicht weniger als 70 Paar Elefantenzähne konfisziert hatte. Sie stammten von weiblichen Elefanten, und den Angaben der beiden, dass sie das Elfenbein von Eingeborenen eingetauscht hätten, schenkte man keinen Glauben. Man kannte sie schon zu gut als zwei verwegene Wilderer, die keinen Augenblick zögern, ganze Herden weiblicher Tiere zu vernichten, um sich in den Besitz des wertvollen Elfenbeins zu setzen, das in diesen Gegenden bares Geld ist.

Um zwei Uhr nachmittags erreichten wir mit den ersten Trägern bei strömendem Regen Jganga, und erst um vier Uhr war der Rest der Karawane hungrig und müde vor unserem Rasthause eingetroffen. Dieses Rasthaus ist infolge des hier so häufigen Auftretens der Rückfallfieberzecke mit grosser Vorsicht angelegt. Es erhebt sich auf Holzsäulen, so dass der Fussboden der Hütte, die einigen Betten bequem Raum gibt, ungefähr 1 m 20 cm über dem natürlichen Niveau gelegen ist. Eine horizontale Blechabdachung der Säulen unter den [Pg 25]Schwellen, auf denen die Hütte gebaut ist, macht den Zecken das Eindringen in das Wohnhaus unmöglich. Unsere Träger quartierten sich in den rings um das Unterkunftshaus stehenden Strohhütten ein, die übrigens — auch wegen der Spirillumzecke — fast alljährlich niedergebrannt und wieder neu aufgebaut werden.

Tafel 6
Kigelia aethiopica auf dem Wege nach Mbale
Mbale

Jganga ist eine grössere Eingeborenen-Niederlassung, in der sogar einige Inder ihre Kaufläden errichtet haben, wo die notwendigsten Lebensmittel sowie Tabak und billige Baumwollstoffe erhältlich sind. Unsere Träger — die in Jinja angeworbenen und hierher vorausgeschickten Busogaträger hatten uns hier erwartet — wurden mit Mehl und Bananen versorgt, und auch wir Europäer liessen unsere Konservenbüchsen verschlossen, da wir noch genug frische Eier, Hühner, Milch und Schaffleisch zu kaufen bekamen.

Am nächsten Tag frühmorgens ging der Marsch weiter. Die breite Strasse führte durch prächtige Bananen- und Gummiplantagen, überall kamen wir zu Eingeborenendörfern, und die Träger erwiderten mit grosser Lebhaftigkeit die Jamborufe, mit denen sie von den Eingeborenen begrüsst wurden. Jinja ist mit Mbale durch eine Telegraphenleitung verbunden, deren Säulen längs der Strasse in hohem Elefantengras stehen und wegen der Feuersgefahr aus Eisen hergestellt sind. Hinter Jganga sahen wir aber auch solche aus ungeschälten Baumstämmen, die den ganzen Schaft hinauf Zweige vom üppigsten Grün getrieben hatten. Nachmittags trafen wir in Bugueri ein, wo wir vom Häuptling und seinem Staat empfangen und mit Milch, Eiern und Hühnern beschenkt wurden. Gegen Abend wurde abgekocht, und dann führten die Träger ihre Tänze auf, die von eigenartigen Gesängen und vom Händeklatschen der Nichtsänger begleitet wurden.

Der nächste Tag brachte uns eine angenehme Begegnung. Gegen die Mittagstunde trafen wir mehrere Hunderte von Eingeborenen, die eifrig an dem Bau der Strasse arbeiteten, Schotter herbeiführten, am Unterbau beschäftigt waren und mit einer grossen Steinwalze die neue Strasse ebneten. Der Leiter dieser Arbeiten war der englische Strassen- und Brückeningenieur Fitzgerald von den Public Works, der uns sehr liebenswürdig begrüsste und in sein provisorisch errichtetes [Pg 26]Rasthaus zum Lunch einlud. Wir hatten zwar vor, an diesem Tage noch das anderthalb Meilen breite Wasser des Mpologama-River zu durchqueren und bis Budaka zu gelangen, Mr. Fitzgerald bewog uns aber, gleich hier unser Lager aufzuschlagen, da es bis zum nächsten Rasthause noch elf Meilen waren und wir dies vor Anbruch der Nacht, unmöglich erreicht hätten. Mr. Fitzgerald, der ein sehr angenehmer und weltgewandter Gesellschafter ist, steht Mitte der Dreissiger Jahre und lebte schon 13 Jahre in Indien und Südafrika, hatte den Burenkrieg mitgemacht und war seit fünf Jahren in Ostafrika und Uganda mit Strassenbauten beschäftigt. Die ganze lange Zeit war er niemals in Europa gewesen und — fast immer allein mit seinen schwarzen Arbeitern — weit entfernt von dem Sitze der englischen Beamten. Er sah ausserordentlich frisch und gesund aus, trotzdem er einmal an Malaria schwer erkrankt war und seither wiederholt am Rückfallfieber zu leiden hatte. Auch stellte sich bei ihm, wie er uns erzählte, eine oft sehr unangenehm werdende Gedächtnisschwäche ein, die möglicherweise auch in der Einsamkeit, in der er Jahr für Jahr hinbrachte, begründet sein mochte. Die Gegend ist hier nicht besonders wildreich, da und dort zeigen sich Gazellen und Büffeln, am häufigsten sieht man aber Leoparden, die in den letzten fünf Nächten zweimal dem Lager Mr. Fitzgeralds einen Besuch abgestattet hatten. Um fünf Uhr nachmittags kam der Häuptling mit seinen Ministern und grosser Begleitung zu uns und brachte uns einen grossen Bananenvorrat für die Träger, die auch an diesem Abende bis tief in die Nacht hinein ihre wilden Tänze aufführten.

Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von Mr. Fitzgerald, der uns noch ein kräftiges Frühstück bot, und setzten unseren Marsch fort, nach dem 6½ Meilen entfernten Mpologama-River, einem breiten, mit dichtem Papyrus bewachsenem Swamp (Tafel 4). Da er nur eine schmale Wasserstrasse für den Verkehr mit den Einbäumen offenlässt, und diese nicht mehr als 20 Eingeborene fassen, dauerte die Ueberbootung unserer grossen Karawane mehrere Stunden. Nach weiteren drei Meilen erreichten wir das Terenia Rasthaus, beschlossen jedoch, da wir herrliches Wetter hatten, in der Nacht bei Mondlicht weiterzumarschieren. [Pg 27]Ein Teil der Träger hatte sich dagegen gesträubt und zwei von ihnen hatten, trotz der Aufsicht der Askari, die Lasten weggeworfen und waren durchgebrannt. Ausserdem war einer der Nairobiträger, der etwas zurückgeblieben war, von den Eingeborenen überfallen und seiner Kleider sowie seines Messers beraubt worden. Da es inzwischen ein Uhr nachts geworden war, machten wir Rast und unterhielten gegen etwaige Leopardenüberfälle grosse Feuer. Wir schliefen in den Kleidern und brachen schon um fünf Uhr morgens wieder auf. Nach zwei Stunden, die wir auf leicht ansteigender Strasse durch reiche Baumwollanlagen marschierten, bot sich uns plötzlich ein prächtiger Ausblick. Der mächtige Elgon-Vulkan erhob sich mit seinen grünen Vorbergen in der Morgensonne vor unseren Augen und stieg zu gewaltiger Höhe bis in die Wolken empor. Nach dem tagelangen Marsch durch Busch- und Steppengegend, war der Anblick dieser weitausgedehnten Berglandschaft, die sich nun in solcher Nähe erstreckte, von tiefem Eindruck, und unsere Blicke wanderten erwartungsvoll die Höhen hinan, die wir in den nächsten Tagen bezwingen wollten. Da wir noch einen weiten Weg vor uns hatten, hielten wir nur kurze Rast und erreichten um ½10 Uhr vormittags Mboa, das auf einer Anhöhe gegenüber dem Kogonchoro (frecher Weisser), dem grossen Vorberge des Elgon, liegt (Tafel 6). Der Ausblick weitet sich hier noch mehr, und in der Ferne kann man, wenn auch in etwas verschwommenen Umrissen, die westlich vom Elgon gelegenen Bergriesen des Konkoro erkennen. Bis vier Uhr beschäftigte ich mich mit kartographischen und astronomischen Aufnahmen, dann versuchten wir, die Träger für einen Abendmarsch bis Mbale zu gewinnen. Die Eingeborenen von Mboa, die sich uns näherten, sind grosse, starke Gestalten von wildem Aussehen. Die Männer tragen um die Lenden einen Lederschurz, die Weiber um die Hüften einen ihre Gestalt einzwängenden Gürtel aus Baumrinde und einen aus langen Gräsern geflochtenen Schurz, der von dem gewöhnlich ausserordentlich starken Bauch überhängt ist.

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AM FUSSE DES ELGON.

Die letzte Telegraphenstation / Im Anblick der Gebirgswelt / Trägersorgen / Englische Gastfreundschaft / Vorbereitung für die Elgonbesteigung / Der Abmarsch / Durch die Eingeborenendörfer / Einheimische Justiz / Der Aufstieg in die Felsen / Im Urwald / Die letzte Ansiedlung.

Ein dreieinhalbstündiger Marsch brachte uns am nächsten Tage nach Mbale, der am Südabhange des Kogonchoro gelegenen letzten englischen Station im Nordosten Ugandas. Eine gut gepflegte, von Gummibäumen beschattete Strasse führt durch die Niederlassungen der Eingeborenen an indischen Kaufläden und den Hütten der Askari vorbei zum höchsten Punkte des Ortes, einer grossen Wiese, die uns vom Distriktskommissär Mr. Peryman, der uns entgegengekommen war, als Lagerplatz angewiesen wurde. Am Ende der Strasse liegt das Regierungsamtshaus (Boma) mit einer Askariwache und hinter ihm in kreisförmiger Anlage die hübschen, villenartigen Wohngebäude des Distriktskommissärs, seines Assistenten, des Arztes Dr. Lionel Sells und des Polizei-Offiziers. Jedes Haus steht in einer geschmackvollen Gartenanlage, und zwischen ihnen breitet sich gepflegter Rasen und sogar ein Tennisplatz aus.

Das Klima von Mbale — in der Eingeborenensprache Karungu genannt — ist trotz seiner 3800 Fuss hohen Lage über dem Meeresspiegel sehr ungesund, und es ist namentlich die Malaria und die Beulenpest verbreitet, an der in den letzten Wochen nicht weniger als 150, im Verlaufe eines Jahres aber 3000 Eingeborene gestorben waren. Ich hatte auch Gelegenheit, das Pestspital in Mbale zu besichtigen, eine einfache Strohhütte, in deren Nähe die an Pest Verstorbenen in seichte Gruben eingegraben werden. Nächtlicher Zeit werden sie von Hyänen, deren Geheul die ganze Nacht hörbar ist, ausgegraben und aufgefressen. Um so schöner ist aber das Landschaftsbild, das sich von Mbale und namentlich von unserem Lagerplatze aus bot. Im Norden steigt, knapp hinter dem Ort, der nach [Pg 29]Westen fast senkrecht abfallende Kogonchoro aus der Ebene auf, links von ihm liegt, seine Spitzen von Wolken gekrönt, der mächtige Elgon oder Sabey, wie er von den Eingeborenen genannt wird, und weiter nach Nordwest reiht sich Berg an Berg, denen kleine, bis Mbale auslaufende Hügel vorgelagert sind, die im leuchtenden Grün ihrer Bananenpflanzungen ein Bild der reichen Fruchtbarkeit dieses Bodens geben. Ganz weit, in duftiger Ferne, sieht man den trotzigen Koloss des 3000 Meter hohen Konkoro oder Mont Debasien emporragen.

Die nächsten Tage galten nun der Vorbereitung der Elgon-Besteigung (Tafel 7). Von Elgon wollten wir wieder nach Mbale zurückkehren, um über Einladung Dr. Sells und Mr. Perymans das Weihnachtsfest in ihrem Kreise zuzubringen und ausserdem die bis dorthin angelegten Sammlungen zu verpacken und nach Europa zu schicken. Die genannten Beamten überboten sich gegenseitig, uns nach jeder Richtung hin zu unterstützen und Ratschläge zu erteilen. Die grössten Sorgen machte uns die Trägerfrage. Alle Träger mit Ausnahme derer aus Nairobi mussten zurückgeschickt werden, da sie für die weitere Reise und die zu gewärtigenden Anstrengungen viel zu schwach waren. 60 Träger von Mboa, 110 von Jinja sowie die sechs Askari und ihr Korporal wurden in Mbale entlassen. An ihre Stelle sollten 250 starke und erprobte Kawirondoträger treten, die über Auftrag Mr. Perymans für unsere Expedition in Mumias angeworben werden sollten. Für die Besteigung des Elgon genügten uns unsere Suaheliträger, die Boys sowie die Heatmans, und einige Eingeborenenträger aus dem Elgonlande als Führer, da wir ja nur das notwendigste Gepäck, Wäsche und warme Kleider, die Apotheke und die wissenschaftlichen Apparate mitzunehmen gedachten. In Mbale hatte ich übrigens noch einen energischen und erfahrenen Heatman in dem Araber Abeidi Abdulla aus Mekka gefunden, der als Elefantenjäger die durch ihre Wasserarmut und ihren Mangel an Lebensmitteln bekannten Karamojogebiete gut kennen gelernt hatte, und der mir versprach, bis zu meiner Rückkehr vom Elgon die noch fehlenden Träger zu beschaffen. Auf sein Anraten bestellte ich aus Kilimi im südlichen Karamojo dreissig kräftige [Pg 30]Esel, von denen jeder 200 Pfund trug. Dadurch ersparten wir uns 90 Träger, was uns im weiteren Verlaufe der Expedition sehr zustatten kam. Denn je tiefer wir in das noch unerschlossene Gebiet von Uganda vordrangen, desto schwieriger war es, Träger zu finden, die uns begleitet hätten. Man hatte zu viel von der Gefährlichkeit der Gebiete gehört, die wir durchqueren wollten, und besass namentlich vor den sehr feindseligen und hinterlistigen Naqua- und Toburstämmen grosse Angst.

In den vier Tagen unseres Aufenthaltes in Mbale war ich auch viel mit den kartographischen und astronomischen sowie den täglichen meteorologischen Aufnahmen beschäftigt, während Dr. Stigler stark von den erkrankten Trägern in Anspruch genommen war, ausserdem aber auch seinen rassenphysiologischen Studien oblag. Die Abende waren wir abwechselnd bei Dr. Sells und Mr. Peryman geladen und genossen im Innersten Afrikas eine Geselligkeit, die durch die Damen des Hauses, die jungen und liebenswürdigen Frauen der beiden englischen Beamten, noch einen besonderen Reiz gewann. Dr. Sells machte sich erbötig, uns auf den Elgon zu begleiten, und auch Mr. Peryman wollte sich uns anschliessen und beabsichtigte, mit seiner jungen Frau eine Inspektionsreise durch die von uns zu passierenden Gebiete bis zur Ugandagrenze zu unternehmen.

Der Elgonkrater ist von Mbale in fünf Tagereisen zu erreichen und liegt auf der Wasserscheide des Viktoria- und Rudolf-Sees, ebensoweit westlich vom Ostafrikanischen Hauptgraben als der Kenia östlich. Der Elgon oder Sabey ist ein Bau aus vulkanischer Asche und festem vulkanischen Gestein mit einem mächtigen Urwaldbestand, der sich auf den Westabhängen in der Höhe von 2300 bis 3000 Meter hinzieht. Viele Flüsse haben ihren Ursprung auf den Abhängen dieses Bergriesen, einer — der Suam — entspringt im nordöstlichen Teile des Kraters selbst und hat sein Bett westlich von der höchsten Spitze, Kaiser Franz Josefspitze, in einer tiefen, wilden Schlucht des nördlichen Kraterrandes gefunden.

Der Abmarsch von Mbale war auf den 7. Dezember festgesetzt. Leider konnte Dr. Stigler mit Dr. Sells ihn erst zwei Tage später antreten, da er sich eine ziemlich schwere Magenindisposition zugezogen [Pg 31]hatte, die sich jedoch infolge der Pflege, die ihm Dr. Sells in seinem Hause angedeihen liess, bald wieder behob. Ich selbst marschierte mit Mr. Peryman, dem Photographen, dem Präparator und ungefähr 60 Eingeborenen (30 Träger hatte ich Dr. Stigler zurückgelassen), am festgesetzten Tage ab, und zwar zunächst bis Bujobo, wo wir unser erstes Nachtlager aufschlugen. Von dort stieg ich am nächsten Morgen auf schmalem Eingeborenenpfad den steilen vulkanischen Hügel Buwalesi (1629 m) empor, der ausgezeichnete Punkte für meine kartographischen Arbeiten bot und von dem aus sich ein herrlicher Ausblick auf die zwischen dem Elgon und dem Kogonchoro gelegenen Zwischenberge öffnete. Auffallend war der Reichtum an Schmetterlingen, den ich hier antraf und von dem bisher sehr wenig zu spüren war. Auf dem ganzen Wege von Jinja bis Mbale hatten mein zwölfjähriger Mohammedaner Amissi und der Vogelpräparator Paulo, den ich aus Entebbe mitgenommen hatte, für meine entomologische Sammlung nicht mehr als 600 Schmetterlinge aufbringen können (Tafel 8).

Auf dem Wege zum Buwalesi fanden sich noch einige spärliche Niederlassungen von Eingeborenen, die hier schwächliche, fast ganz nackte Menschen von mittlerer Grösse sind. Die Männer tragen vorne einen kleinen Schurz, die Weiber einen Grasgürtel und ausserdem — eine ethnologische Merkwürdigkeit, die ich nur im Elgongebiete antraf — ein gleichfalls aus Gras geflochtenes Glied, das die verheirateten Frauen vorne tragen (Tafel 9).

Schon um 5 Uhr morgens verliessen wir am nächsten Tage unseren Rastplatz und marschierten bis Buhugo. Zunächst ging es bergauf und bergab durch die gewohnten Bananenpflanzungen, bis wir bald in ein meilenbreites Tal niederstiegen, das vom Siroko durchflossen ist, einem zur Regenzeit mächtigen Flusse, der aber, als wir ihn überschritten, nur sehr wenig Wasser führte. Ueber ihn spannt sich eine noch nicht lange bestehende Brücke, deren Decke aus 3 m langen, mit Bast zusammengeflochtenen Bambusstämmen gebildet ist. Nun stieg das Terrain fortwährend, bis wir endlich — es war gegen 10 Uhr vormittags — Buhugo zu Gesicht bekamen. Wir wurden [Pg 32]dort vom Häuptling und seinen Ministern erwartet und mit den üblichen Geschenken — einem Schaf, Hühnern, Milch und Eiern — bedacht. Ueber meinen Wunsch brachte er mir auch noch Fische, die ich in den blechernen Spiritusbehältern präparierte und aufbewahrte, und eine Menge ethnologischer Gegenstände. Am Abend versammelte Mr. Peryman die Häuptlinge und Eingeborenen um sich und hielt ihnen aufklärende und belehrende Vorträge.

Hier waren wir auch Zeugen der einheimischen Gerichtsbarkeit. Ein Eingeborener hatte eine Ziege gestohlen und wurde von einem Askari ins Lager gebracht. Hier legte man ihn auf den Bauch, band ihm die Füsse und die auf dem Rücken gelegten Hände zusammen und schnallte ihn an dicke Pfähle, die am Ende der Füsse und zwischen den Oberschenkeln in den Boden getrieben wurden. Nun hätte ihm eine tüchtige Tracht Prügel verabreicht werden sollen, aber Mr. Peryman liess des grausamen Spiels schon ein Ende sein und gab den Schwarzen gegen das Versprechen frei, nie mehr einen Diebstahl zu begehen. Ob der Pardonierte sich später dieser Gnade würdig erwiesen hat, ist freilich sehr zu bezweifeln, denn die Eingeborenen dieser Gegend sind wilde, verwegene Leute und, wie uns Dr. Sells, der uns mit Dr. Stigler und den übrigen Trägern in Buhugo eingeholt hatte, mitteilte, war das Gebiet noch vor zwei Jahren vollkommen unsicher (Tafel 10).

Tafel 7
Eingeborene in Ketten
Blick nach dem Kogonchoro
Tafel 8
Bageshudorf in Bujobo
Tafel 9
Landschaftsbild bei Bujobo
Brücke aus Bambus über den Siroko
Tafel 10
Unser Lager in Buhugu
Blick von Buhugu gegen den Elgon
Tafel 11
Senecio Johnstoni im Urwald des Elgon
Lager, 3390 m hoch
Nach den Autochromaufnahmen des Verfassers hergestellt
Tafel 12
Bergeingeborener vom Stamme Batwa
Aufstieg in den Felsen

Am nächsten Morgen brachen wir zu gewohnt früher Stunde das Lager ab und langten nach einstündiger Wanderung durch ansteigende Bananenpflanzungen und an einigen Dörfern vorbei am Fuss des Namugawehill an, eines Ausläufers des Elgon, der derart steil abstürzt, dass ein Erklimmen für die Karawane fast unmöglich erschien. In einem am Berg liegenden Eingeborenendorf machten wir Halt, um uns über den Aufstieg zu beraten und von den Eingeborenen Auskünfte über die Richtung einzuholen, in der der steile Abhang am ehesten erklettert werden könnte. Das Ergebnis war, dass wir beschlossen, den Aufstieg direkt durch die Felsen zu unternehmen, was allerdings ein heisses Stück Arbeit war. Die Träger mussten sich mit ihren schweren Lasten gegenseitig hinaufziehen und aufwärts schieben, [Pg 33]die grösste Schwierigkeit boten aber die Maultiere, die oft über meterhohe glatte Felsblöcke emporgezogen werden mussten. Ueberdies hatten wir noch unter der drückenden Hitze — 38 Grad C. im Schatten — zu leiden, so dass es zwei Stunden währte, bis die ganze Karawane die Höhe erreicht hatte. Oben angelangt stiegen wir nach kurzer Rast den Kamm entlang bis zu einem Platze, der sich Masobu nennt und in der Höhe von 2285 m am unteren Ende des Elgon-Urwaldes liegt. Mitten zwischen Bäumen und Gebüschen schlugen wir unsere Zelte auf, so dass unser Lager das Bild eines malerischen Durcheinanders gab.

Am nächsten Morgen verliess uns Mr. Peryman, der am Fieber erkrankt war und nach Mbale zurückkehrte. Wir anderen drangen in steilem Terrain langsam gegen Nordosten vor. Bald nahm uns ein Wald mit enorm hohen, alten Bäumen und dichtem, stellenweise undurchdringlichem Unterwuchs auf. Vereinzelt zeigen sich Bambusstauden, sie werden aber immer zahlreicher und schliessen sich zusammen, und nach einer Stunde stehen wir mitten in einem ausgesprochenen Bambuswalde, der sich erst nach einem weiteren einstündigen Marsche und nachdem wir einen kleinen Bach mit klarem hellen Wasser überschritten hatten, langsam wieder lichtet und den an seine Stelle tretenden Laubbäumen Platz gibt. Das Bild wird nun bald ein total verändertes, und über uns wölbt sich in dunkler Majestät der Urwald. Die Baumbestände werden immer dichter und enger, Lianen winden sich in unendlichen Verschlingungen von Stamm zu Stamm, und die buschige Untervegetation ist so hoch, dass sie fast über unseren Köpfen zusammenschlägt. Die mächtigen Stämme sind von dickem Moos und anderen Schmarotzerpflanzen bewachsen, und den Boden überzieht ein grüner Polster von allen möglichen Farren und Kräutern, in den der Fuss wie in einen Teppich tief einsinkt. Das Vorwärtskommen ist hier eine schwere Arbeit, es ist ein unaufhörliches Kriechen, Bücken und Ueberklettern der umgestürzten Baumstämme oder der mächtigen Wurzeln, die oft und oft den Weg versperren. Dazu steigt das Terrain unausgesetzt an. Gleich am Beginne des Urwaldes zeigten sich auf einer kleinen Lichtung einige schlanke schöne Lobeliaceen, [Pg 34]die sich im Glanz des grellen Sonnenlichtes doppelt wirksam von dem violetten Dämmerlichte abhoben, das ringsum den dichten Urwald füllte (Titelbild und Tafel 11).

Stundenlang geht es nun Schritt für Schritt langsam vorwärts, und das tiefe Schweigen versagt sogar auf unsere sonst so sangeslustigen und lärmenden Träger nicht seine Wirkung, die stumm ihren Weg suchen. Nur das Knacken und Brechen der Aeste ist zu hören und das zarte Gezwitscher der kleinen prächtigen Nektarinen, die hier die ganze Fauna ausmachen, sonst herrscht Totenstille und heiliges Schweigen.

Fünf Stunden lang währte dieser unvergessliche Marsch durch den Urwald, dann wurde die Walddämmerung heller, der Baumbestand lichtete sich, wir sind am oberen Ende des Urwaldes angelangt. Noch muss ein kurzer, steiler Abhang überwunden werden, und wir befinden uns auf einem terrassenartigen Plateau, auf dem wir, alle stark ermüdet, — in der Höhe von 3390 m — das Lager aufschlagen. Es wurde rasch abgekocht, und ich fand in der Nähe des Lagers einen günstigen Punkt für meinen Theodoliten. Ich arbeitete, bis mich — es war halb sechs Uhr geworden — derart fror, dass die Hände den Dienst versagten. Die Temperatur, die schon mittags nur 10 Grad C. betragen hatte, war auf 4 Grad gesunken, und am nächsten Morgen zeigte mein Minimum-Thermometer 2 Grad C. unter Null. Nach dem Abendessen begaben wir uns denn auch bald zu Bette, nicht ohne vorher warme Wäsche angezogen zu haben. Meinen braven Trägern, die an diesem Tage ganz Ausserordentliches geleistet hatten, versprach ich als Zubusse zu ihren Mehlrationen einen Ochsen, dessen Fleisch an sie bei der Rückkehr vom Elgon und sobald das Tier heraufgetrieben wäre in diesem Kamp verteilt werden sollte (Tafel 11).

Von grossem Interesse war es, von unseren Eingeborenenführern zu erfahren, dass es auch in dieser Höhe, und zwar nur eine Stunde von unserem Lager entfernt, noch eine kleine Niederlassung von Eingeborenen gebe. Ich erteilte den Auftrag, einige von diesen zu uns zu bringen, und gegen Abend kam tatsächlich der Häuptling mit zweien seiner Leute in unser Lager. Es waren ungemein scheue, [Pg 35]mittelgrosse Menschen, mit einem hemdartigen Ueberwurf bekleidet, Ohren, Hals und Arme reich mit Eisenringen beschmückt, die Haare, die in schmalen Strähnen geflochten, eingefettet und mit roter Erde bestrichen waren, über die Stirne herabhängend, und in der Hand einen langen Speer, so dass diese Wilden, die sich Batwa nennen, ein ziemlich kriegerisches Aussehen haben. Ich beschenkte sie mit Amerikani, Messingdraht und Spiegeln, und namentlich die letzten machten, nachdem sie darin ihr Ebenbild erblickt hatten, starken Eindruck auf sie. Meiner Einladung, uns bis zur Spitze des Elgon zu begleiten, gaben sie erst nach einigem Zögern Folge (Tafel 12).

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AUF DEM ELGON.

Der Aufstieg zum Krater / Das Lager im Kratergrund / Kältetemperaturen von 10–14 Grad / Eine Winterlandschaft / Bergkrankheit / Die Südwest- und Nordostspitze / Auf dem Gipfel / Fauna und Flora / Die bisherigen Expeditionen / Kaiser-Franz-Josef- und Jacksonspitze / Der Abstieg / Ein Nachtlager im Urwald / Die Bergeingeborenen / Der Aberglaube der Kawirondo / Bei den Anthropophagen / Zurück nach Mbale.

Am nächsten Morgen wollten wir schon um 6 Uhr aufbrechen, der Abmarsch verzögerte sich aber um drei Stunden, da Dr. Sells, der uns begleitete, die ersten Anzeichen der Bergkrankheit verspürte. Es ging nun fortwährend steil bergauf durch freies Terrain, so dass wir ununterbrochen den Ausblick auf die vor uns sich erhebenden Elgonspitzen hatten. Die Vegetation wurde immer ärmlicher, nur wenige Bäume zeigten sich, die mit wirren grauen Bartflechten behangen waren, und auch Doldenblütler in Mannesgrösse und Gräser wuchsen noch in dieser Höhe. Die schöne Lobelia Stuhlmanni ist verschwunden — über 3000 m hinaus gedeiht sie nicht mehr — dafür ist aber da und dort die prächtige Lobelia Deckeni und die Senecio Johnstoni vertreten. Langsam nähern wir uns den steil abfallenden Felswänden einer Scharte, die in uns die Erinnerung an die schönsten hochalpinen Gegenden Tirols wachruft, und nach mühsamer Wanderung haben wir endlich die Felsspitze erreicht. Ein unvergesslicher und unvergleichlich schöner Ausblick öffnet sich hier. Vor uns liegt der fast kreisrunde Elgonkrater, dessen äusserer Rand von einer beinahe geschlossenen Kette starrer Felszinken gebildet wird, links von uns stürzen die Felsen nahezu senkrecht in eine enge Schlucht ab, um sich auf der gegenüberliegenden Seite ebenso steil, aber noch viel höher zu erheben (Tafel 13).

Vor uns liegt der riesige Krater, dessen Hintergrund von einer Wolkenmauer verhüllt ist, während die Sonne ihren Purpur in das Innere desselben streut. Zu Füssen des Berges brandet ein Meer von lichtem Grün und goldstrahlenden Gipfeln der Berge, im Westen und [Pg 37]Norden die unendliche Steppe mit ihren grossen, silberglänzenden Wassertümpeln, die noch von der Regenzeit geblieben sind und ein Passieren in dieser Richtung unmöglich machen. Im Innern der Seele jubelten wir und priesen uns glücklich, ein so schönes, in jungfräulichem Reiz prangendes Stück Erde schauen zu können. Der tiefer liegende Kratergrund hat hügelige Formation und ist auf den trockenen Plätzen stellenweise mit gelbem Gras, auf den sumpfigen mit niederen Erikastauden bewachsen. In grossen und kleinen Exemplaren sieht man ringsum die Senecio Johnstoni, die wie eine Pflanzenform aus einer längst verschwundenen Erdperiode anmutet. Mit ihren bis an Manneshöhe abgestorbenen und verdorrten grauen Blättern, die den dicken Stamm umhüllen, haben sie von unserem Standplatz aus gesehen beinahe etwas von einer menschlichen Gestalt an sich und geben der ganzen Landschaft ein wunderbar seltsames und märchenhaftes Aussehen.

In kurzer Rast geben wir uns dem mächtigen Eindruck dieser hart am Aequator liegenden Bergwelt hin, dann nehmen wir unsern Marsch wieder auf, und es ging anderthalb Stunden lang über meist sumpfigen Boden abwärts in den Krater. Nächst einem Quellbache, Suam, in der Höhe von 3828 m schlugen wir unsere Zelte auf (Tafel 14). Für die kartographische Aufnahme des Kraters schienen mir zwei hochgelegene Punkte geeignet, von denen der eine am Südwest-, der andere am Nordostrande des Kraters lag. Nach Ansicht unseres Batwaführers war die Südwestspitze die höchste, und wir beschlossen daher, ihr am nächsten Morgen einen Besuch abzustatten. Das Wetter war sehr günstig, die kleine Regenperiode lag schon eine Woche hinter uns, und wir waren während des Aufstieges zum Krater nur wenige Male unter eine Strichregenwolke gekommen. Am Abend wurde die Kälte schon sehr empfindlich, und wir schützten uns gegen sie, als wir zu Bette gingen, mit Sweater, Wollhaube und zwei dicken, warmen Flanelldecken.

Als ich am nächsten Morgen um 6 Uhr erwachte, war ich sehr überrascht, dass im Lager noch Totenstille herrschte und mein Boy, trotzdem er in nächster Nähe zusammen mit dem Koch sein Zelt aufgeschlagen [Pg 38]hatte, erst auf mehrmaliges Pfeifen kam. Er trat zähneklappernd in mein Zelt und meldete, dass draussen alles weiss und das Wasser in meinem Leinenwaschbecken zu einem Eisklumpen gefroren sei. Obwohl mein Zelt ein Doppeldach hatte und über meinem Bette — diesmal zum Schutze gegen die Kälte und nicht gegen geflügelte Eindringlinge — das Moskitonetz gespannt war, hingen an meinem Barte kleine Eiszapfen, als ob es mitten im strengsten europäischen Winter wäre. Ich kleidete mich so rasch als möglich an und trat aus dem Zelte, um mir die Winterlandschaft zu besichtigen, ehe sie noch vor den Strahlen der Aequatorialsonne verschwand. Ringsum war alles dicht mit Reif überzogen, das Gras, das Zeltdach, die Senecien, alles war mit kleinen Eiskristallen besetzt und glänzte in wunderbarem Weiss. Mein erster Blick galt dem Maximum-Minimum-Thermometer, das deutlich 10 °C unter Null aufwies. Auf eine solche Kälte waren wir nicht gefasst gewesen. Gouverneur Jackson, dieser ausgezeichnete Gelehrte und liebenswürdige Förderer meiner Expedition, hatte als zweiter Europäer den Elgonkrater bestiegen und uns viel von diesem mit Schwierigkeiten aller Art verbundenen Unternehmen erzählt, das 18 seiner Träger das Leben kostete, mit keinem Wort aber erwähnt, dass er eine derart niedere Temperatur angetroffen hätte.

Unsere Träger boten einen wahrhaft jammervollen Anblick. Die Nairobileute hatten zwar jeder von mir eine warme Flanelldecke erhalten, ausser ihnen waren aber noch ungefähr dreissig Bergeingeborene bei uns, die statt der ihnen angebotenen Decken lieber den dafür entfallenden Geldbetrag genommen hatten. Diese armen Teufel, die nackt waren, froren nun ganz erbärmlich (Tafel 15). Aus einer Menge hoher Seneciostämme hatten sie sich einen kreisförmigen Schutzwall gegen den eisigen Wind errichtet und in der Mitte Tag und Nacht ein grosses Feuer unterhalten, das ihre nackten Körper gegen die enorme, ungewohnte Kälte schützen sollte. Ueberdies hatte eine grosse Anzahl von ihnen die Bergkrankheit, und auch Dr. Sells, der sich schon am Tage vorher nicht wohl fühlte, wies an diesem Morgen alle Merkmale einer schweren Bergkrankheit auf und war unfähig, mit uns den Aufstieg [Pg 39]zur Südwestspitze zu machen. Wir übrigen Europäer brachen aber nach dem Frühstück dorthin in Begleitung des Batwahäuptlings und einiger gesund gebliebener Träger auf, die den Theodolit und die Stative trugen (Tafel 16).

Nach dreistündigem Marsche hatten wir eine Höhe von 4300 m erreicht, und nach der Meinung des Häuptlings sollte ein leicht zu ersteigender Felsklotz, der sich nun knapp vor uns erhob, der höchste Punkt des Elgon sein. Von meinem Platz aus, wo ich den Theodolit aufgestellt hatte, konnte ich aber konstatieren, dass der Batwamann unrecht hatte und dass die höchsten Spitzen am gegenüberliegenden Ost- und Nordostrande zu suchen seien. Fünf Stunden arbeitete ich nun an meinen Aufnahmen, während Dr. Stigler auf einem in der Nähe befindlichen Felsen physiologische Messungen an den Europäern und Eingeborenen vornahm. Die Tagestemperatur betrug zwar 18 °C, aber es wehte fortwährend ein scharfer, kalter Wind, so dass ich nach der stundenlangen Arbeit an den Instrumenten grosse Ermüdung verspürte. Den Aufstieg zu der uns gegenüberliegenden Nordostspitze bestimmten wir für den nächsten Tag und traten dann den Rückweg ins Lager an.

Dort angekommen, sahen wir sofort nach Dr. Sells, der in recht übler Verfassung war, weshalb wir seinen Wunsch, dass er am nächsten Tage den Abstieg antreten wolle, auch gut begreifen konnten. Die Abendmahlzeit nahmen wir im Zelte des Photographen Schwarzer ein, wo wir dann noch eine Weile bei unseren Zigarren sassen und der Gesprächsstoff, beherrscht von den gewaltigen Eindrücken dieses Tages, kein Ende nehmen wollte. Für die Nacht hatten wir uns diesmal, gewitzigt durch die Erfahrungen der vorangegangenen, wärmer ausgerüstet und gingen in den Kleidern zu Bette. Wir hatten nämlich die Beobachtung gemacht, dass die Kälte namentlich vom Boden aus auf uns eindringe, wogegen die poröse, wenige Zentimeter dicke Korkmatratze, die in unseren leichten, zusammenlegbaren Bettgestellen lag, nur sehr unzureichenden Schutz bot (Tafel 17 und Tafel 18).

Der Abmarsch am nächsten Morgen war für 6 Uhr angesetzt, und wir liessen uns daher schon um 5 Uhr wecken. Mein Boy trat pünktlich [Pg 40]um diese Stunde halberfroren in mein Zelt, und statt des üblichen Morgengrusses reichte er mir ein 8 cm dickes Eisstück, das mehr sagte als die beweglichste Klage über die Kälte. In meinem Thermometer war die Quecksilbersäule bis tief unter den Zwölfteilstrich zurückgegangen. Die Temperatur war also gegen den vorangegangenen Morgen noch mehr gesunken und mochte schätzungsweise 15° unter Null betragen haben. Genau konnte ich dies nicht konstatieren, da mein für die Tropen hergestelltes Maximum-Minimum-Thermometer auf derartige Tiefstände nicht eingerichtet war und nur eine Gradeinteilung bis 12° unter Null besass. In unserem Lager herrschte heilige Ruhe. Da und dort sah man einen der schwarzen Träger zähneklappernd mit den Händen herumschlagen, um sich zu erwärmen, und statt des gewohnten „Jambo, jambo!“ riefen sie mir „Baridi, baridi!“ (kalt, kalt) zu.

Tafel 13
Blick in den Krater
Westeinstieg in den Krater
Tafel 14
Lager im Elgonkrater
Lager im Elgonkrater
Tafel 15
Das Lager meiner Träger
Blick in den Krater
Tafel 16
Jacksonspitze (4311 m)
Jacksonspitze (4311 m)
Tafel 17
Blick von der Jackson-Spitze in den Krater
Blick gegen die Kaiser-Franz-Josef-Spitze
Tafel 18
Blick auf einen Senecienwald im Krater
Der Krater
Tafel 19
Senecio Johnstoni in der Höhe von 4300 m
Der Verfasser bei der Arbeit mit dem Theodolit auf der Jacksonspitze
Tafel 20
Kaiser-Franz-Josef-Spitze (4382 m)
Blick von der Kaiser-Franz-Josef-Spitze in den Krater

Nach dem Frühstück wurde sofort aufgebrochen. Der Weg, den wir in der Richtung nach Nordost einschlugen, führte uns bald in dichtes Sumpfgras, so dass unsere Maultiere oft bis über den Bauch einbrachen und sich mit ängstlichem Schnauben aus dem Sumpf herausarbeiten mussten. Durch ein tiefes Tal hindurch, in dem sich nach Angabe unseres Führers der Suamfluss sein Bett in nördlicher Richtung sucht, gelangten wir endlich an den Abhang der Nordostspitze. Der weitere Marsch wurde nun sehr beschwerlich. Steil bergauf über glatte Felsen, über die wir auf allen Vieren kriechen mussten, ging es bis zum Fusse eines ungefähr 150 m hohen Felskolosses, der die höchste Spitze des nordöstlichen Kraterrandes des Elgon darstellt, 4382 m (Tafel 19). Da ein kartographisches Arbeiten von dieser Spitze aus unmöglich war, wählte ich als Standplatz für meine Apparate den etwa 150 m tiefer liegenden, sich weit nach Westen erstreckenden Kamm, von wo aus sich ein herrlicher, umfassender Ausblick über den ganzen Krater bot. Gegen Nordost breitete sich das Wasserbecken des Sugota-Sees aus, im Norden stieg eine Menge kleiner Bergkegel direkt aus der Ebene empor, im Nordwest erheben sich die mächtigen Bergrücken des Konkoro (Mont Debasien) und Tepes, und in weiter blauer Ferne dehnten sich die Gebirgszüge [Pg 41]von Naqua und Tobur, die Ziele unserer Forschungsreise, von denen uns noch lange Tage mühevollen Wanderns durch Busch und Steppen trennten. Unser Plan war, diese von Europäern noch nicht betretenen Gebiete von Mbale aus längs des Ostabhanges des Tepes und um diesen herum in westlicher Richtung zu erreichen. Der Blick von dem Elgongipfel zeigte uns aber, dass sich auf dieser Strecke zwischen Elgon, Konkoro und Tepes Sumpf an Sumpf reihte, deren Durchdringen für meine Karawane von 200 bis 300 Menschen jetzt, in der Zeit nach der Regenperiode, als ein Ding der Unmöglichkeit erscheinen musste. Wir fassten daher schon jetzt beim Anblicke dieser unzähligen Wasserspiegel, die tief unter uns in der Sonne blitzen, den Entschluss, die ursprüngliche Route, die uns anfangs nach Osten geführt hätte, aufzugeben und den Weg westlich vom Konkoro und Tepes zu nehmen.

Während ich an meinen Aufnahmen arbeitete, versuchte Dr. Stigler in Begleitung seines Boys und eines Trägers von der Nordseite aus eine Besteigung des vor uns liegenden Felsklotzes. Er stiess aber auf solche Schwierigkeiten, dass er wohl selbst als geübter und bewährter Hochtourist sie hätte bewältigen können, nicht aber seine schwarzen Begleiter. Er versuchte es nun von der Südseite aus, und hier gelang der kurze Aufstieg, den nun auch Photograph Schwarzer mitmachte, ohne grosse Anstrengung (Tafel 20).

Um 4 Uhr nachmittags beendete ich meine Arbeiten, verpackte die Apparate und verliess, durchfroren von dem eiskalten Nordwinde, in der Höhe von über 4300 Metern, die Spitze. Es war schon halb acht Uhr abends, als ich im Lager eintraf. Dr. Stigler, Schwarzer und ihre Träger kamen erst drei Stunden später. Sie waren, ohne im Besitz eines Lichtes zu sein, von der Dunkelheit überrascht worden und hatten sich fast schon dazu entschlossen, im Freien zu kampieren, was sie aber angesichts der Gefahren der furchtbaren Nachtfröste zum Glück doch noch unterlassen hatten. Bei dem kärglichen Scheine glimmender dürrer Blätter, die der Führer durch fortwährendes Anblasen in Glut erhielt, fanden sie ihren Weg weiter und kamen erst spät nachts ins Lager; Dr. Stigler, der in einen Sumpf geraten, war über und über mit Schmutz bedeckt.

[Pg 42]

Eines unserer Reiseziele war nun unter ziemlichen Mühen erreicht worden, der Elgongipfel erstiegen, der Krater und seine Abhänge kartographisch aufgenommen und dieser mächtige afrikanische Vulkan am Aequator in jeder Beziehung erforscht worden. Die Tierwelt ist auf der Höhe des Elgon nur sehr spärlich vertreten. Hie und da zeigte sich die Fährte einer Gazelle, einigemal lief uns ein aufgeschreckter Hase über den Weg, und an geflügelten Wesen waren nur einige graue kleine Vögel (Cisticola Kmunkei)⁠[1] zu sehen. Unsere steten Begleiter blieben aber, selbst bis zur höchsten Spitze, die Raben, deren Krächzen oft der einzige Laut in der Stille der Bergwelt war. Auch für meine entomologischen Sammlungen bot sich hier nur geringe Ausbeute, die in einigen Schmetterlingen und schwarzen Käfern bestand. Um so reichhaltiger ist dafür die Flora dieses Berges. Während in Europa in der Höhe von 4000 Meter jedes Pflanzenleben schon längst ein Ende gefunden hat, wachsen im Krater des Elgons Hunderte der schönen Senecio Johnstoni, die hier mit ihren breit ausladenden, mächtigen Blätterkronen eine Höhe von sechs Meter erreicht und deren Stammdicke einen Durchmesser bis 68 cm aufweist. Im unteren Teile sind die Stämme stark zerrissen und gerillt, im oberen bis zur Abzweigung der Blätterkronen mit abgestorbenen grauen Blattresten besetzt, während die frischen Blätter eine graugrüne Farbe haben. Sie unterscheiden sich merklich von den wenigen, viel kleineren Exemplaren, die wir im Elgon-Urwald antrafen und deren Blätter von einem viel kräftigeren, saftigeren Grün sind. Dieser Unterschied dürfte seine Hauptursache in den grossen Differenzen haben, die auf dem Gipfel des Elgons zwischen den Tag- und Nachttemperaturen liegen. Fast die ganze Fläche des ungeheuren Kraters, der 11 km im Durchmesser misst, ist ausserdem, wie schon erwähnt, von Grasarten bedeckt, von einem gelben, steifen Büschelgras mit rundem Querschnitt auf den trockenen Stellen, und auf dem Sumpfboden von grauen, oft bis zu einem Meter hoch wachsenden, erikaähnlichen Stauden, die sehr dicht stehen und das Gehen ungemein behindern. Die seltenen Vertreter der Flora der äquatorialen Bergriesen Afrikas, wie Lobelia [Pg 43]Stuhlmanni, Lobelia Deckeni und Senecio Johnstoni, sind durch die prächtigen Bilder des bekannten Werkes über die Besteigung des Ruwenzori durch die Expedition des kühnen Forschers, des Herzogs der Abruzzen, näher bekannt geworden. Mir war es als erstem Europäer möglich, ausser den Schwarz- auch gute Autochromaufnahmen dieser herrlichen Pflanzen zu bringen, die für die Wissenschaft so manches wertvolle Detail festhalten. Waren bisher die Berliner, Londoner und Pariser Universitäten im Besitze von Bruchstücken dieser seltenen Vertreter der afrikanischen Flora, so gelang es mir, unter Beobachtung ausserordentlicher Vorsicht, komplette Exemplare von jeder dieser Pflanzen aus gewaltiger Höhe in Zentralafrika bis nach Europa in tadellosem Zustande zu bringen und unserer Wiener sowie der Pester Universität zum Geschenke machen zu können.

Vor uns war der Elgonkrater von fünf Expeditionen erreicht worden, und zwar von den Engländern Oberst Macdonald, von dem jetzigen Gouverneur von Uganda, Harry Jackson, dem Kapitän Ormsby, Cook and Newland und schliesslich von einer französischen Gesellschaft. Von der Expedition Ormsbys hatten wir sogar an der Nordostecke des Kraters, bevor der Einstieg in die Felsen beginnt, noch Ueberreste gefunden, und zwar — eine leere Whiskyflasche, die am Stamm einer alten Senecio Johnstoni in Manneshöhe angebunden war und uns so einen handgreiflichen Beweis dafür bot, dass auch schon in dieses Reich der tiefsten Einsamkeit der Mensch mit seiner Kultur vorgedrungen war! Die höchste Nordspitze von 4382 m war aber vor uns von Europäern noch nicht erstiegen worden, und der Moment dieser Erstbesteigung wurde auch — nach unseren Vorbereitungen — genau festgehalten. Ich hatte nämlich in Mbale vor unserer Abreise veranlasst, dass der Elgon zur Zeit unserer Expedition dorthin unter steter Beobachtung bleibe, damit in dem Augenblick, da wir die Spitze erreicht haben würden, für welchen Fall wir vereinbart hatten, grosse Feuer anzulegen, Huldigungstelegramme an Kaiser Franz Josef und an Gouverneur Jackson abgesandt werden sollten. Ausserdem suchten wir sowohl beim Monarchen, als auch beim Gouverneur um die Bewilligung an, die höchste Spitze Kaiser-Franz-Josefspitze und die zweithöchste [Pg 44]Jacksonspitze zu taufen. Diese Benennungen wurden auch auf telegraphischem Wege sofort bewilligt.⁠[2]

Am nächsten Morgen, den 16. Dezember, begannen wir den Abstieg vom Elgon. Es wurde jedoch Mittag, bis wir aufbrechen konnten. Ein grosser Teil der Träger war infolge der ungewohnten Kälte geradezu erkrankt und sass ganz apathisch bei den grossen Lagerfeuern, ohne auf die Befehle des Heatmans zu achten. Wir mussten grösste Nachsicht üben und uns in Geduld fassen, da die Leute zu allem Ueberflusse auch noch seit vollen vierundzwanzig Stunden keine Nahrung mehr erhalten hatten. Dr. Sells, der die Besorgung der Lebensmittel übernommen hatte, vergass, wahrscheinlich infolge seines üblen Zustandes, rechtzeitig Auftrag zu geben, dass diese aus dem Tale heraufgeschafft werden sollen. Stumm und verdrossen machten sich die Träger endlich auf den Weg. Dr. Stigler erklärte, mit einigen Eingeborenen noch ein paar Stunden im Krater bleiben zu wollen und erst später nachzukommen, um seine physiologischen Beobachtungen an den Batwa fortsetzen zu können. Ich selbst hielt mich auch noch knapp unter den Felsabstürzen des Kraterrandes auf, wo einige besonders prächtige Exemplare der Lobelia Deckeni und Senecio Johnstoni standen (Tafel 22). Sie wuchsen auf schwarzem, stark durchnässtem Humusboden, und das Ausgraben gab viel Arbeit, da sich die Wurzeln weit verzweigen. Die Lobelia, die in voller Blüte stand, trägt an dem ca. 2 m hohen zylindrischen Stamm im unteren Teile grössere violette Blüten in schräg abstehenden Laubblättern, im oberen Teil spitze, sparrig abstehende, tütchenförmige, gelbgrüne Deckblätter. Der Stamm ist hohl wie ein Rohr und von einer schmutziggelben Flüssigkeit erfüllt. Die Wurzel läuft vollständig horizontal und ist, ebenso wie der Stamm, sehr zerbrechlich, weshalb die Hacken und [Pg 45]Schaufeln mit aller Vorsicht angewendet werden mussten. Nachdem noch eine Reihe von Chromo- und Schwarzaufnahmen dieser seltsamen Gebirgspflanze gemacht worden waren, ging es wieder vorwärts. Da sich die Träger in der Sonne und unter der Last der Gepäckstücke schon erwärmt hatten, kam bald das alte lärmende Leben in die Karawane, und wir erreichten rasch den Platz, auf dem wir vor vier Tagen unser letztes Lager vor der Ankunft im Elgonkrater aufgeschlagen hatten. Etwas später kam auch Dr. Stigler mit den restlichen Trägern nach. Dr. Sells, der uns hier erwartete, hatte sich von der Bergkrankheit noch nicht gänzlich erholt, fühlte sich aber doch schon wohler. Mit grosser Freude wurde es begrüsst, dass die Lebensmittel und auch der versprochene Ochse bereits heraufbefördert waren, und nach Aufstellung der Zelte gingen die Träger sofort an das Abkochen und liessen sich nach der überstandenen Hungerzeit die reichliche Kost trefflich munden.

Tags darauf entliessen wir den Batwahäuptling und seine Begleiter, nicht ohne sie vorher beschenkt zu haben, und marschierten rüstig bis zum Abend. Die Nacht wollten wir im Urwald zubringen (Tafel 23). Wir schlugen zwar unser Lager auf einer Lichtung — in der Höhe von 2800 m — auf, trotzdem mussten aber noch sämtliche Träger mit Hacken, Krampen und Messern den dichten Unterwuchs und einige kleinere Bäume beseitigen, um für unsere Zelte einigermassen Platz zu schaffen. Die Luft war schwer, mit Feuchtigkeit geschwängert und von dem Fäulnisgeruch vermodernder Urwaldriesen erfüllt, das Bild dieses Lagerlebens mitten im Urwalde wird uns aber in unvergesslicher Erinnerung bleiben. Die Eingeborenen lagen an grossen Feuern, die sie angemacht hatten, und rings um uns und über unseren Köpfen wob sich die dichte Wirrnis der von Lianen umschlungenen Aeste und Zweige, umgab uns märchenhaftes, geheimnisvolles Dunkel, das wie drohend den durch unsere Feuer erhellten Lagerplatz einschloss.

Am nächsten Tage vereinbarte ich mit Dr. Stigler, dass er mit den Trägern bis zum Kamp Masobu vorausmarschieren und mich dort erwarten solle, da ich den Aufenthalt im Urwalde nicht vorübergehen lassen wollte, ohne so viel wie nur möglich für meine botanischen [Pg 46]Sammlungen zu gewinnen. In der Nähe des Lagers liess ich zwei schöne Exemplare der Lobelia Stuhlmanni ausgraben, die, ebenso wie Lobelia Deckeni und die Senecio, für die Universitäten in Wien und Budapest bestimmt waren, und tags darauf hielt ich mich längere Zeit im Bambuswalde, in dem wir nun wieder angelangt waren, mit botanischen Arbeiten auf, so dass es bereits Nacht geworden war, als wir in Masobu eintrafen.

Die Lobeliaceen gehören in die Familie der Campanulaceae (Glockenblumengewächse), die Senecio in die Familie der Compositae (Korbblütler). Die Lobelia Stuhlmanni kommt im Urwald des Elgon, und zwar meist auf kleinen Blössen desselben, in Höhen von 2500 bis 3000 Meter vor, die übrigen afrikanischen Bergriesen, als Kenia, Kilimandjaro und Ruwenzori, zeigen ebenfalls diese prächtige Pflanze, die auf letzterem sogar bis 4000 Meter Höhe, so weit der Urwald reicht, vorkommt. Die Lobelia Stuhlmanni wächst wie eine Dracaena, hat schwertförmige Blätter, von denen die unteren absterben und an dem ausserordentlich schlanken, wenige Zentimeter im Durchmesser zählenden holzigen Stamme kleine Erhöhungen zurücklassen. Der Stamm zeigt eine selten glatte Oberfläche, wächst bis über 6 Meter senkrecht in die Höhe, und die üppige saftig-grüne Blätterkrone gibt der Pflanze, die meist in mehreren Exemplaren an einem Platze auftritt, ein charakteristisches Aussehen. Aus der Mitte der Blätterkrone steigt ein bis 1 Meter hoher Kolben, der die Blüten trägt, die von kleinen, grünen Blättern verdeckt sind. Die Farbe der Blüten ist blass-grün und soll später — nach Johnston — rot werden. Die Wurzel der Lobelia Stuhlmanni ist sehr klein und weit verzweigt. Die bereits beschriebene Lobelia Deckeni kommt am Elgon nur in der Höhe von 3000–4000 Meter auf nassen Stellen vor, wo es weder Urwald noch offene Ericaceaen-Wälder gibt.

Die von mir mitgebrachte Lobelia Stuhlmanni, Lobelia Deckeni und Senecio Johnstoni wurden unter Leitung unseres hervorragenden Botanikers Hofrat Professor Dr. Richard Ritter von Wettstein in Wien präpariert und im botanischen Garten der Wiener Universität zur Aufstellung gebracht.

[Pg 47]

Zu meiner unangenehmen Ueberraschung war in Masobu weder ein Lagerfeuer noch irgend ein Träger zu sehen, der uns gesagt hätte, wo sich unsere Karawane befand, und es blieb uns nichts anderes übrig, als in der stockdunklen Nacht weiterzumarschieren. Zum Glück hatte der Wald schon sein Ende erreicht, und wir stiegen auf einem schmalen Eingeborenenpfade längs des zu unserer Linken senkrecht abstürzenden Bergkammes über glatte Felsen abwärts. Nach einstündigem Marsche erblickten wir in der Ferne Lichter, die nur aus unserem Lager herrühren konnten, und bald darauf kamen uns auch zwei Träger mit der Nachricht entgegen, dass Dr. Stigler tief unten am Fusse des Namugawehill lagere.

Er hatte Dr. Sells, der trachtete, so rasch als möglich aus den Höhen herunterzukommen, in Masobu, unserem vereinbarten Lagerplatze, nicht angetroffen, daher den Marsch fortgesetzt, da dort keine Lebensmittel für die Träger aufzutreiben waren, und angenommen, dass ich vor Einbruch der Nacht schon nachkommen dürfte. Nach einer weiteren Stunde beschwerlichen Abstieges über die glatten Felsen, die besonders unseren Maultieren gefährlich waren, da sie bei dem geringsten Fehltritt in die Tiefe kollern mussten, erreichten wir endlich das Lager, das inmitten von Bananenpflanzungen auf einer kleinen Wiese aufgeschlagen wurde.

Am nächsten Morgen suchte ich mit Dr. Stigler die Eingeborenen auf, die hier in einer ziemlich stark bevölkerten Niederlassung leben. Es sind grosse, kräftige, aber sehr scheue Menschen, die bei unserer Annäherung davonliefen und erst durch Geschenke, die wir ihnen überreichten, zutraulicher wurden. Schliesslich erhielten wir von ihnen im Tauschwege noch kleine ethnologische Gegenstände (Tafel 65). Die Kinder und die jüngeren Männer sind splitternackt, die älteren tragen einen kleinen Lederschurz, während die Weiber bis auf einen dünnen, aus Gras geflochtenen, zwischen die Beine gezogenen Schutzfleck auch einhergingen, wie sie Gott erschaffen hat (Tafel 24). In der Unterlippe haben sie ein Loch, durch das sie von der Innenseite einen Stein oder ein eigentümlich geformtes Holz stecken. Auch in den Ohren tragen sie ein rundes, nach aussen vasenförmig ausgehöhltes und mit Fett [Pg 48]gefülltes Stück Holz als Schmuck. Die Hütten dieses Eingeborenen-Dorfes bestehen aus zwei konzentrisch angelegten, nach oben zulaufenden Graswänden, in denen zwei Eingänge angebracht sind, die sich jedoch nicht decken, so dass man nach der ersten Oeffnung noch ein Stück zwischen den beiden Wänden zur zweiten kriechen muss. Die Oeffnungen sind nur einen halben Meter hoch, und man muss sich daher auf allen Vieren vorwärts bewegen, um in das Innere der Hütte zu gelangen. Der Stamm der Bageshu — dies der Name der Eingeborenen — ist sehr ausgebreitet und bevölkert die Hügel und Schluchten des südwestlichen Elgon-Abhanges. Er teilt sich in viele Gruppen und Untergruppen, die je einen Hügel besetzen und jede ihren eigenen Häuptling haben. Sie sind von einander aber vollständig abgeschlossen, und keine Gruppe kümmert sich um das Tun und Lassen der anderen. Die einzige Gemeinschaft besteht darin, dass sie gemeinsam ihr Vieh auf die höher gelegenen Weiden treiben.

Grundriss und mit Antilopenschädel geschmückte Spitze einer Bageshuhütte.

Als wir ins Lager zurückgekehrt waren, fand ich im Gebüsch einen Totenschädel, den ich für die anthropologische Sammlung meines Freundes Professor Dr. Rudolf Pöch in mein Zelt bringen liess. Ich liess [Pg 49]noch mehrere suchen und hatte bald siebzehn Stück beisammen. Unter unseren Trägern, namentlich den Kawirondo, entstand aber darob grosse Aufregung. Mehrere kräftige Kawirondoburschen stellten sich bei unseren Zelten auf und nahmen den Eingeborenen gegenüber, die uns die Totenschädel brachten, eine drohende Haltung ein, ja suchten sie sogar mit Steinwürfen aus unserer Nähe zu vertreiben. Unsere Boys klärten uns über dies Verhalten, das uns rätselhaft war, bald auf. Bei den Kawirondo besteht nämlich der Aberglaube, dass jeder, der einen Totenschädel zu sich nehme, noch am selben Tage sterben müsse. Es würde sich daher von den Kawirondo auch keiner, und wenn man ihm noch so viel verspräche, herbeilassen, einen Totenschädel zu tragen. Wir mussten denn auch tatsächlich die beiden Säcke, in denen die Schädel verpackt waren, von eingeborenen Bageshu nach Mbale tragen lassen.

Tafel 21
Abbruch des Lagers im Krater
Tafel 22
Abstieg vom Krater
Lobelia Deckeni
Tafel 23
Lobelia Deckeni und Senecio Johnstoni (3700 m)
Lobelia Stuhlmanni. Lager im Urwald
Nach den Autochromaufnahmen des Verfassers hergestellt
Tafel 24
Tätowierte Eingeborene
Bageshufrau mit Kind
Tafel 25
Bananenhain in Bujobo
Sonnenuntergang in der Steppe
Nach den Autochromaufnahmen des Verfassers hergestellt

Bei dieser Gelegenheit erfuhren wir auch noch, dass die Bageshu Menschenfleisch essen, und zwar nicht nur das eines ermordeten oder im Kampfe getöteten Feindes, sondern auch die Toten eines befreundeten Stammes, die ihnen überbracht werden. Nur das Fleisch der eigenen Angehörigen oder Verwandten sollen sie verschonen. Dies wurde uns von den Eingeborenen und ihrem Häuptling selbst mitgeteilt und später auch von Dr. Sells bestätigt.

Der weitere Rückmarsch nach Mbale vollzog sich nun sehr rasch. Noch am Nachmittag brachen wir das Lager ab und marschierten nach Buhugu, dessen zwei Rasthäuser wir vor kurzem benützt hatten. Alle Strapazen und Beschwerden der letzten Tage waren vergessen, und in der langen Kette der im Gänsemarsch marschierenden Träger herrschte ununterbrochen Lärmen und Singen. Die Schwarzen, die oben am Elgon so einsilbig und stumm geworden waren, fühlten wieder die gewohnte Wärme, und ausserdem waren auch alle Nahrungssorgen geschwunden, da wir von dem Häuptling reichlich mit Lebensmitteln versehen worden waren. Von Buhugu, wo wir übernachteten, ging es weiter nach Bujobo, das wir auch schon bei unserem Hermarsch berührt hatten (Tafel 25). Hier machten sich bei einbrechender Dunkelheit viele blutsaugende und fiebererregende [Pg 50]Insekten, besonders der Phlebotonus, eine Art Stechmücke, schmerzlich bemerkbar und gaben uns deutlich zu erkennen, dass das Hochgebirge schon weit hinter uns liege und wir uns nun wieder der heissen afrikanischen Ebene näherten.

[1] Siehe Vogelverzeichnis.

[2] Wortlaut des Telegramms Sr. Majestät des Kaisers und Königs Franz Josef:

Mr. Kmunke, Mbale! His Majesty thanking for expressed sentiments agrees graciously intended denomination of the summit of Elgon.

Schiessl.

Wortlaut des Telegramms des Gouverneurs Jackson:

Approve names with pleasure. All good wishes for new-year.

Governor Jackson.

[Pg 51]

WEIHNACHTEN UND NEUJAHR IN MBALE.

Unsere Reiseroute verboten und wieder bewilligt / Trägersorgen / Feiertagsstille / Ein Zeltbrand / Gefrässige Termiten / Ein alter Afrikaner / Der unbrauchbare Phonograph / Eingeborenentanz / Die Neujahrsnacht / Kapitän Taughners Strafexpedition / Die Karamojoleute und ihre Waffen / Ein mutiger Häuptling / Der diebische Diener.

Von Bujobo führt eine schöne, breite Strasse nach Mbale, die nun in flottem Tempo zurückgelegt wurde. Aus den Ansiedlungen eilten die Eingeborenen in grossen Mengen herbei und begrüssten uns mit ihrer gewohnten Lebhaftigkeit. Knapp vor Mbale kam uns ein Renner mit zwei Telegrammen entgegen, in denen uns der Dank für unsere Depeschen an Kaiser Franz Josef und an den Gouverneur Harry Jackson ausgesprochen wurde.

In Mbale angelangt, — wir hatten den 21. Dezember, — statteten wir zunächst Mr. Peryman und Dr. Sells Besuche ab, die sich beide von ihrem Unwohlsein schon vollständig erholt hatten. Von Mr. Peryman mussten wir aber die unangenehme Mitteilung entgegennehmen, dass Provinzkommissär Mr. Watson telegraphisch angeordnet habe, uns die Erlaubnis zum Betreten der nördlich vom Salisbury-See gelegenen Naqua- und Toburgebiete zu verwehren. Diese von Europäern bisher noch nicht besuchten Gegenden seien äusserst unsicher und gefährlich, und es hätten gerade jetzt zwei englische Strafexpeditionen, von denen die eine aus dem Süden, die andere aus dem Westen vorwärts rücke, heftige Kämpfe mit den Eingeborenen östlich von den Naquabergen zu bestehen. Ausserdem seien auch in das Karamojogebiet einige Tausende, mit Gewehren bewaffnete Abessynier eingedrungen, die sich plündernd, mordend und niederbrennend auf einem Raubzuge befänden. Dieses Verbot setzte uns in grosse Verlegenheit, da es die ganze Fortsetzung unserer Expedition in Frage stellte. Meine Vorstellungen, dass mir die Bewilligung [Pg 52]zu dieser Reise sowohl vom englischen Kolonialministerium als auch vom Gouverneur Mr. Jackson erteilt sei und dass mir ausserdem von der englischen Regierung als Begleitung meiner Karawane 15 Askari mit einem Sergeanten beigestellt wurden, bewogen aber schliesslich Mr. Watson, von seinem Verbote unter der Bedingung abzustehen, dass auch der Distriktkommissär von Nimule, Mr. Bains, keine Einwendungen gegen unsere Reise erhebe. Da von Mr. Bains diese Bewilligung in einigen Tagen telegraphisch eintraf, war das Hindernis, das sich so plötzlich unserer weiteren Reise entgegengestellt hatte, glücklich wieder beseitigt.

Die Tage, die wir in Mbale zubrachten, hatten wir Arbeit in Hülle und Fülle. Soweit meine Zeit nicht durch die Verhandlungen mit Mr. Peryman in Anspruch genommen war, beschäftigte ich mich mit wissenschaftlichen und photographischen Aufnahmen, Dr. Stigler mit seinen physiologischen Studien. Auch das Verpacken der bisherigen, schon ziemlich reichhaltigen Sammlungen, namentlich der botanischen, erforderte viel Mühe, da in Mbale keine Kisten erhältlich waren und die Gegenstände daher, sorgsam in Matten gehüllt, und mit Stricken umwunden, nach Jinja geschickt werden mussten, wo sie erst wiederum in Holzkisten umgepackt wurden, um für den langen Transport nach Europa geeignet zu sein.

Die grösste Sorge aber bereitete uns, wie schon so oft, die Aufnahme der Träger. Der Versuch Mr. Perymans, Kawirondoträger aus Mumias zu bekommen, war vollständig fehlgeschlagen, und unser Heatmann Abeidi, der es übernommen hatte, während unserer Expedition auf den Elgon die noch fehlenden Träger zu beschaffen, konnte uns nach unserer Rückkehr nur eine ganz kleine, völlig unzulängliche Anzahl vorführen. Ich drängte nun Abeidi, die noch nötigen Träger so schnell als möglich herbeizuschaffen, und erklärte mich von vornherein mit allen seinen Forderungen für einverstanden. Dies nützte der schlaue Araber auch gehörig aus. Für sich selbst verlangte er ein monatliches Honorar von 150 Rupien sowie die Erlaubnis, ein eigenes Zelt, einen Koch für seine Person und auch mit mehreren eigenen Trägern einige Lasten Tabak, Amerikani usw. mitnehmen [Pg 53]zu dürfen, welche Dinge er während des Marsches den Trägern um teures Geld verkaufen wollte. Zur Anschaffung dieses Warenlagers benötigte er ausserdem einen Vorschuss von 500 Rupien. In Anbetracht der ausserordentlichen Schwierigkeiten, die uns auf unserer weiteren Reise bevorstanden, versprach er jedem Träger statt des sonst in Uganda üblichen Monatslohnes von vier bis fünf Rupien einen solchen von 10 Rupien. Ausserdem sollte ihnen ein einmonatliches Gehalt als Vorschuss sofort ausgezahlt und die Träger auf der Boma, dem Regierungsamtshaus, registriert werden, um so die Gefahr des Davonlaufens zu vermindern. Trotz dieser hohen Löhne ging aber die Anwerbung nur sehr langsam vor sich, so dass auf der Boma täglich nicht mehr als 20 bis 30 Träger registriert werden konnten. Die Leute wussten eben, was es heisse, eine 60 Pfund schwere Last durch eine ungemein wasserarme Gegend zu tragen, in der jedes Zurückbleiben mit der Gefahr verbunden war, von den wilden Naqua- und Toburstämmen hingeschlachtet zu werden. Von grossem Werte für uns waren die über Vorschlag Abeidis aus Kilimi bestellten Tragesel, von denen jeder 200 Pfund Mehl auf seinen Rücken erhielt. Im übrigen trachteten wir, uns jedes halbwegs entbehrlichen Gepäckes zu entledigen und schafften es gleichzeitig mit den 13 Kollis, die die bisher angelegten Sammlungen enthielten, über Jinja, Kisumu und Mombassa nach Europa. Andererseits erhielt unser Gepäck aber wieder einen Zuwachs durch zehn Ringe mit Eisendraht, der einen sehr wichtigen und beliebten Tauschartikel bei den Naqua-, Tobur- und Karamojoleuten bildet.

So war mit diesen Arbeiten und Besorgungen der 24. Dezember, der Weihnachtstag, herangekommen. Es war drückend heiss und derart schwül, dass jede Arbeitslust gelähmt wurde. Wir gaben uns daher der Ruhe hin und konnten dies um so eher tun, als es doch der Tag des Weihnachtsfestes war, ein Tag, an dem, ob wir nun wollen oder nicht, immer wieder die Erinnerung an frohe Kinderjahre mit ihrer bangen Erwartung vor der Weihnachtsbescherung und ihrer Freude am lichterstrahlenden Christbaum lebendig wird. Hier im fernen Lande, mitten in der afrikanischen Wildnis, wirkte diese Erinnerung [Pg 54]noch viel mächtiger, und mehr denn je weilten heute unsere Gedanken bei unseren in der Heimat zurückgebliebenen Lieben, die ja in dieser Stunde ebenso treu an uns denken wie wir an sie. Den Weihnachtsabend selbst verbrachten wir in dem gemütlichen Heime Dr. Sells, der die wenigen hier ansässigen Europäer mit ihren Damen zu sich geladen hatte.

Am nächsten Tage, dem 25. Dezember, ruhte hier in Mbale ebenso alle Arbeit, und waren ebenso alle Kaufläden geschlossen, wie in Europa. Nur die Post übernahm ausnahmsweise Briefe, weil gerade heute ein Renner nach Jinja abging. Mittags waren wir abermals bei Dr. Sells geladen und wir hatten gerade gespeist, als ein Boy herbeigelaufen kam und mir die Meldung brachte, daß soeben das Zelt des Photographen Schwarzer abgebrannt sei. Ich war auf das äußerste bestürzt, da Herr Schwarzer gerade tags vorher das gesammte kartographische Material von mir zur Numerierung und Verpackung für die Absendung nach Europa übernommen hatte und ich befürchten mußte, daß es durch den Brand beschädigt oder gar vernichtet worden sei. Ich lief mit Dr. Stigler sofort in das Lager, aber schon auf dem Wege dorthin eilte mir Schwarzer entgegen und gab mir die beruhigende Erklärung, daß nur das Zelt und die Dunkelkammer verbrannt, aber das ganze Material gerettet sei. Ueber die Ursache des Brandes konnte niemand eine Aufklärung geben. Wahrscheinlich warf ein am Zelt vorübergehender indischer Kaufmann, deren es in Mbale mehrere gibt, eine noch brennende Zigarette achtlos weg, die dann die Zeltwand in Brand gesetzt haben dürfte. Deren wasserdichter Stoff war, da schon seit längerer Zeit kein Regen gefallen war, infolge der enormen Hitze bis in das kleinste Gewebe ausgetrocknet und brannte daher wie Zunder. Der Schaden wurde übrigens bald wieder gut gemacht, da mir Dr. Sells sein eigenes Zelt käuflich überließ und eine neue Dunkelkammer aus schwarzem Tuch von einem indischen Schneider innerhalb zweier Tage geliefert wurde. So hatte das Feuer eigentlich nur in meine Geldbörse ein Loch gebrannt. Verhängnisvoll wäre die Situation geworden, wenn der Brand auch auf die übrigen Zelte übergegriffen hätte, da eine Nachbeschaffung unserer Ausrüstung nur von [Pg 55]Nairobi aus möglich gewesen wäre, was viele Wochen, wenn nicht Monate gedauert hätte.

Am nächsten Tage, dem 26. Dezember, an dem gleich wie tags vorher alles geschlossen war und Feiertagsstille herrschte, brachte mir mein Boy eine neue Unglücksbotschaft. Er hatte die Kiste, in der die Lobeliaceen verpackt waren, aufgehoben und dabei die Beobachtung gemacht, daß sowohl die Säcke wie das Holz von Termiten zerfressen worden waren. Wir untersuchten sofort die übrigen Sachen, die unter dem sogenannten Sonnensegel meines Zeltes aufgestapelt waren, und konstatierten hier die gleiche betrübliche Tatsache: alles, was von Holz oder Stoff und nicht imprägniert war, so unter anderen vielen Gegenständen unsere Expeditionsfahne, war vollständig zerfressen. Unsere Zelte standen schon seit mehreren Tagen auf dem saftigen Grase einer Wiese, in der auch nicht die geringste Spur von Termiten zu beobachten war. Diese gefräßigen kleinen Tiere müssen in der Nacht vom 25. auf den 26. mein Zelt erreicht und dann dort im Zeitraum von wenigen Stunden solche Verwüstungen angerichtet haben. Wir ermangelten nicht, nun unser ganzes Gepäck auf untergelegten Steinen zu schichten.

Wir hatten in der Nähe unseres Lagers einen interessanten Nachbarn. Ein alter, schon ergrauter Australier, Mr. Pattingill, ein früherer Elefantenjäger, der noch nie in Europa gewesen war, hatte in der Nähe von uns sein Zelt aufgeschlagen. Er war ein erfahrener Afrikaner und liebenswürdiger Ratgeber. Da er auch in den Karamojogebieten viel gejagt hatte und bei dieser Gelegenheit bis gegen die Toburberge gelangt war, konnte er uns wichtige Auskünfte über die Wasserarmut und den Mangel an Lebensmitteln in diesen Gegenden geben, und berechnete mit uns den Bedarf der Karawane an Mehl. Er lagerte schon viele Wochen in Mbale, um einige Tausend Eingeborene als billige Arbeitskraft — zu einem Monatslohn von 3–4 Rupien — für eine grosse Kaffeeplantage zwischen Jinja und Kampala anzuwerben. Er vermittelte es, dass wir während unseres Aufenthaltes in Mbale einen Eingeborenentanz zu sehen bekamen, den Photograph Schwarzer für seine Gesellschaft kinemathographisch festhielt. Dr. Stigler und [Pg 56]ich wollten mit dem uns von der Akademie der Wissenschaften beigestellten Apparate eine phonographische Aufnahme machen, bemerkten aber bei diesem ersten Versuch, dass beim Geschwindigkeitsregulator eine Feder aus ihrer Befestigung herausgerissen war, so dass der Apparat nicht funktionierte. Da, wie wir auch erst jetzt zu unserem Leidwesen sahen, die Beipackung von Reservebestandteilen in Wien vergessen worden war, schlug dieser erste Versuch gründlich fehl. In den indischen Kaufläden konnten wir nirgends eine Ersatzfeder auftreiben, und erst später half uns ein englischer Ingenieur, der vorübergehend in Mbale zu tun hatte, mit einer Feder aus. Der Tanz wurde in der Weise ausgeführt, dass Männer und Frauen im Gänsemarsche im Kreise fortwährend stets nach derselben Richtung hüpfen, während in der Mitte einige Männer die Trommel schlagen und die Umstehenden unter Gesang gleichmässig in die Hände klatschen. Die Tanzenden führen während des Hüpfens durch rasche Bewegungen des Unterleibes und der Hüftgelenke nach dieser lärmenden eintönigen Musik eine Art Bauchtanz auf. Gewöhnlich beginnen die Eingeborenen mit diesem Tanze am Abend und setzen ihn dann die ganze Nacht bis zum nächsten Morgen fort. Wir hörten wiederholt in stillen Nächten die Trommelschläge von einem Tanzplatz, der oft einige Meilen von unserem Lager entfernt war.

Unser Vorhaben, gleich nach den Weihnachtsfeiertagen von Mbale abzumarschieren, mussten wir aufgeben und unsere Abreise auf die ersten Tage des Jänner verschieben, da wir noch immer zu wenig Träger hatten. Den Sylvesterabend verbrachten wir in unserem Lager, wo wir dem scheidenden Jahre ohne Punschbowle Adieu sagten, in herzlichem Gedenken aber bei unseren Lieben in der Heimat weilten. Obwohl die Tagestemperatur 38 bis 39 °C. im Schatten betrug, sank sie am Abend doch bis auf 15° herunter, so dass wir im Freien nur mit dem Ueberrock sitzen konnten. Der letzte Tag des Jahres brachte uns noch einen herrlichen Sonnenuntergang, der den vor uns steil aufsteigenden Kogonchoro in tiefem Purpur erglühen liess. Im ewigen Aetherdome stieg der Mond wie eine Riesengoldampel auf und umschleierte mit seinem magischen Lichte das entzückende Landschaftsbild, [Pg 57]die Konturen der im Norden mächtig emporragenden Bergriesen und die vor uns sich ausbreitende Steppe, ein Bild unendlicher Grösse und zauberhafter Schönheit. Ich sass vor meinem Zelte und blickte lange nach dem immer höher steigenden Mond, und mir war es, als ob daheim, viele tausend Meilen weit, auch jemand hinaufschaue und dort oben sich unsere Blicke treffen würden.

Tafel 26
Jiwehäuptling
Karamojohäuptling
Tafel 27
Häuptling von Kilimi

Wir nehmen Abschied vom alten Jahr, rufen uns um 12 Uhr nachts „Prosit Neujahr“ zu und lassen unsere Gedanken in die vor uns liegenden bisher unerforschten Gebiete schweifen, wo uns viele Gefahren und Schwierigkeiten erwarten, die wir aber nicht fürchten, auf die wir gefasst sind. Aber jeder Tag bringt uns Neues, Wissenswertes, unbekannte Volksstämme mit ihren, von den bisher gesehenen, abweichenden Wohnhütten, Haartrachten, Schmuckgegenständen, Beschäftigungen, und unbetretenes Land mit unbekannten grossen Bergen steigt vor uns auf, und so durchträumen wir die erste Nacht des Jahres 1912.

Der Neujahrstag wurde auch in Mbale mit Arbeitsruhe gefeiert. Gegen 11 Uhr vormittags drangen aber ferne, taktmässige Trommelschläge an unser Ohr, die immer lauter wurden, und plötzlich wurde hinter dem Regierungsamtshause eine Menge von Menschen sichtbar, an der Spitze ein Fahnenträger, Askari mit vollständig zerfetzten Khakianzügen, Gewehre tragende Eingeborene und Gruppen von prächtig aussehenden Wilden mit reichem Arm- und Halsschmuck und äusserst merkwürdigen Haartrachten. Es war die Karawane des Kapitän Taughner, der von seiner Strafexpedition in die von den Abessyniern unsicher gemachten Gegenden des nordöstlichen Uganda zurückkehrte. Er war vor sechs Monaten nach Manimani und in die nördlich davon gelegenen Gebiete marschiert und hatte mit den Eingeborenen, die mit französischen, aus Abessynien eingeschmuggelten Gewehren bewaffnet waren, harte Kämpfe zu bestehen. Mehrere seiner Askari waren dabei getötet oder verwundet worden, aber die Verluste bei den Wilden waren natürlich ungleich grösser, da hunderte von ihnen dem Feuer der Repetiergewehre und einer Maximkanone zum Opfer fielen. Kapitän Taughner begab sich nach Entebbe, um dem Gouverneur Bericht zu erstatten [Pg 58]und die von ihm mitgebrachten Eingeborenen von dem Jiwestamm vorzuführen, dann wollte er sofort wieder nach Mbale zurück, um eine neue Expedition in dieselben Gebiete auszurüsten. Wie ich später erfuhr, hatte er hierbei bezüglich der Beschaffung von Trägern die gleichen Schwierigkeiten wie wir.

Am Nachmittage hatten wir einige Leute des Karamojo- und Jiwestammes, die mit Kapitän Taughners Karawane in Mbale angelangt waren, gegen Zusicherung eines guten Bakschisch in unser Lager kommen lassen, wo Dr. Stigler an ihnen physiologische Studien und ich photographische Aufnahmen machte. Ausser dem Häuptling von Jiwe, einem sehr gesprächigen und freundlichen Menschen, waren einige Karamojomänner gekommen, alles kräftige und schlank gebaute, muskulöse Gestalten mit wildem Gesichtsausdruck (Tafel 26). Sie trugen fast gar keine Kleidung, nur der eine oder andere von ihnen deckte mit einem kleinen Stück Fell seine Blösse und trug eine dünne Eisenkette um den Leib geschlungen. Das auffallendste an ihnen ist die Frisur, die sie, mit Lehm und Fett beschmiert, in zwei charakteristischen Formen tragen. Die Karamojo hatten vom Hinterhaupt nach abwärts einen grossen, schildartig geformten, flachen Haarbeutel an ihren Haaren hängen, der Jiwehäuptling hatte vorne und rückwärts sein Haar kammförmig frisiert, beziehungsweise diese Formen mit Zuhilfenahme von Lehm und Fett kunstvoll modelliert. Der Oberkörper, besonders die Arme und anschliessenden Brustpartien, sind stark tätowiert und zwar ringförmig um die Arme und die angrenzenden Teile der Brust. Man behauptet, dass bei diesem Stamme am rechten Oberarm jeder Tätowierungsring das Zeichen für die Ermordung eines Mannes, auf dem linken Oberarm für die eines Weibes und am linken Unterarm für ein getötetes Kind sei. Das kriegerische Aussehen der Karamojo wird noch durch einen langen elastischen Speer und einen verhältnismässig kleinen Schild gehoben. Ihr Schmuck besteht aus Eisenringen um den Hals, an den Armen und Fussgelenken. Einige trugen auch einen eigentümlich geformten eisernen Fingerring, der einen scharfen sichelartigen Fortsatz zeigte. Angeblich soll er als Rasiermesser dienen, man sagte uns aber, dass die Karamojo mit diesem Sichelring ihrem [Pg 59]Gegner auch oft in einem unvorbereiteten Moment den Bauch aufschlitzen.

Der Häuptling von Kilimi, der sich auch unter unseren Besuchern befand, wies auf seinem rechten Arme nicht weniger als 21 tätowierte Ringe auf (Tafel 27). Ausserdem waren Hals, Rücken und Gesicht von schweren Narben zerrissen. Er erzählte über unser Befragen, dass er sich dieselben bei dem Kampfe mit einem Leoparden geholt, der sein Reittier angegriffen hatte. Ohne Zaudern war er auf die Bestie gestürzt, fasste sie mit der einen Hand bei der Gurgel und würgte sie nach Kräften, während er mit der anderen das Messer zog und darauf losstach. Der Leopard liess sofort von dem Tier ab, schlug aber dafür die Krallen seiner Tatzen in das Gesicht und den Nacken des mutigen Mannes, der es mit dem Messer solange zerfleischte, bis es verendet zu Boden fiel. Der Häuptling war schwer verwundet, aber er hatte mit kühner Todesverachtung sein Reittier gerettet. Man muss hierbei bedenken, dass bei allen wilden Völkern das Haustier einen ausserordentlichen Wert besitzt. In Karamojo bedeutet der Esel oder die Kuh das Geld, mit dem sich der Eingeborene Waffen, Hausgeräte und alle sonstigen Bedarfsmittel einkauft. Für ein krankes Tier sorgt er mit grösserer Sorgfalt als für sein erkranktes Weib oder Kind. Es ist daher auch zu verstehen, dass dieser mutige Kilimimann für das bedrohte Reittier, das ja überhaupt im Werte an höchster Stelle steht, sofort sein Leben in die Schanze schlug.

Die Karamojostämme leben in fortwährendem Kampfe miteinander. Ein Stamm sucht den andern zu überfallen und bei dieser Gelegenheit alles zu rauben und niederzubrennen. Zum Teil sind sie sogar mit aus Abessynien geschmuggelten Gewehren bewaffnet. Die Strafexpedition Kapitän Taughners sollte namentlich den Eingeborenen von Dodosi und Dabossa eine Lektion erteilen. Trotzdem diese sehr streng ausfiel, hunderte von Wilden erschossen und vierzig Dörfer niedergebrannt wurden, geschah es, dass nicht mehr als drei Stunden von Kapitän Taughner entfernt weitere Raubzüge vorkamen.

Am nächsten Morgen kam mein Heatman Abeidi mit der Meldung, dass er nun sämtliche Träger bis auf 30 beisammen habe. Sie wurden [Pg 60]alle auf der Boma registriert, der englische Stations-Offizier stellte mir die zugesagten 15 Askari unter einem Sergeant als Kommandanten zur Verfügung, die ich auch alle gleich antreten liess, um die Träger besser beaufsichtigt zu haben und ein Durchbrennen zu verhindern. Die Zahl der Tragesel — aus Kilimi waren statt der 30 nur 17 gekommen — komplettierte ich mit denen, die Kapitän Taughner aus Karamojo mitgebracht und die er mir käuflich überlassen hatte. Sie mussten 4000 Pfund Mehl für die Eingeborenen, die mich begleiteten (Träger, Diener, Askari und Heatman) tragen.

Zu guter Letzt musste ich in Mbale noch meinen Diener Combo Mohamed, den ich schon seit Mombassa mitführte, verhaften lassen, da ich ihn in flagranti dabei erwischte, wie er mir Geld stahl. Bei der Auszahlung der Träger, wobei ich ihn ungesehen beobachtete, füllte er ungeniert die Taschen seiner Khakihose. Ich überraschte ihn hierbei, und als er seinen Sack entleerte, fand ich nicht weniger als 136 funkelnagelneue Zentstücke, die er verschwinden lassen hatte. Kaum war Combo verhaftet und auf die Boma gebracht worden, begannen die Träger und übrigen Boys, bei denen er sich grossen Respekt zu verschaffen gewusst hatte, zu beichten, und verrieten, dass er auch gesehen wurde, wie er Papiergeld wechseln liess, und dass er schon einmal auf einer Expedition nach dem Kongo wegen Diebstahls eine grössere Strafe hatte abbüssen müssen. Combo hatte mir von dieser Expedition ebensowenig mitgeteilt wie davon, dass er bei Professor Koch anlässlich dessen Schlafkrankheitsstudien am Viktoria-See monatelang als Boy gedient hatte. Er hatte mir in Mombassa nur ein Zeugnis des deutschen Forschungsreisenden Geh. R. Stuhlmann vorgewiesen, bei dem er zwei Jahre war und wo er auch die deutsche Sprache erlernte. Diese Sprachenkenntnisse meines Dieners gereichten mir aber eher zum Nachteil, da ich dadurch weniger Gelegenheit hatte, Suaheli zu sprechen, das ich mir durch meine Studien in Wien schon ziemlich angeeignet hatte. Im übrigen wäre Combo ein schlauer, flinker und sehr brauchbarer Diener gewesen, wenn er ausser seiner diebischen Veranlagung nicht noch einige andere Fehler gehabt hätte — er war ein leidenschaftlicher Trinker, Spieler und Verehrer des [Pg 61]weiblichen Geschlechtes, hätte also ganz gut nach Europa gepasst, wo er ja genug gleich Veranlagte gefunden hätte. In Nairobi kaufte ich ihm einen Khakianzug, Hemden, Fez und braune Schnürschuhe, aber schon in Entebbe lief er barfuss herum, da er alles verklopft hatte, um sich dafür Eingeborenenbier zu kaufen. Nun musste er wieder einmal Busse tun. Nach einstündigem Verhör wurde er zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, und schon am nächsten Tage sahen wir ihn, die Kette um den Hals, mit anderen Gefangenen schwere Wasserkrüge tragen.

Die Möglichkeit, an Stelle Combos in Mbale einen anderen Boy aufzutreiben, war ganz ausgeschlossen, und so musste ich den einzigen englisch sprechenden Eingeborenen meiner Karawane, den Dolmetsch Simon, der auf der englischen Missionsstation in Kampala erzogen worden war, zu meinem Boy machen. Er erwies sich in der Folge als tüchtig und ehrlich, so dass ich ihm später auch die Verfügung über die Geldkiste anvertrauen konnte. Er führte genau Buch, und seine Abrechnungen stimmten jedesmal bis auf den letzten Zent.

Am 3. Jänner erklärte ich meinem Heatman, dass unter jeder Bedingung am nächsten Morgen abmarschiert werde, auch wenn noch einige Träger fehlen sollten. Für diesen Fall hatte uns Mr. Peryman zugesagt, die Lasten, die wir zurücklassen mussten, innerhalb weniger Tage mit eigens hierzu aufgenommenen Trägern nach Kumi, der letzten englischen Station zu schicken. Trotzdem sagte Abeidi, dass wir erst nachmittags aufbrechen könnten, da er noch seine eigenen Träger und Einkäufe besorgen müsse, für die er übrigens einen weiteren Vorschuss von 300 Rupien benötigte. Ich war damit einverstanden und drängte ihn zur Eile, da nicht nur die Gefahr des Durchbrennens der aufgenommenen Träger mit jedem Tage grösser wurde, sondern auch deren Erkrankungen immer mehr zunahmen, was Dr. Stigler am meisten zu fühlen bekam. Dabei hatten wir aber schon knapp nach unserer Rückkehr vom Elgon einige schwächliche und kranke Eingeborene ausbezahlt und in ihre Heimat geschickt.

[Pg 62]

VON MBALE NACH KUMI.

Aufbruch der Karawane / Die Askari / Auf der Strasse nach Kumi / Im Hause des Distriktkommissärs / Ein moderner Raub der Sabinerinnen / Ehetragödie eines Eingeborenen / Die Busoga und die Teso / Die Dorfanlagen der Eingeborenen / Friedhöfe in Wohnhütten / Auf exponiertem Posten / Tiere für Schönbrunn / Elefantengeschichten / Der unersättliche Heatman.

Am 4. Jänner hatte unser Aufenthalt in Mbale, der länger währte, als wir beabsichtigt hatten, sein Ende erreicht. Die bisher angelegten Sammlungen wurden auf die Boma, das Amtshaus, gebracht, da Mr. Peryman so liebenswürdig war, deren Weitertransport nach Jinja zu besorgen. Ausserdem hatten wir bei ihm noch zwanzig Lasten zurückgelassen, für die wir keine Träger auftreiben konnten. Der Abschied von Mr. Peryman und den englischen Regierungsbeamten, die uns alle die besten Glückwünsche mit auf den Weg gaben, war ein ungemein herzlicher. Von Dr. Sells, unserem Begleiter auf den Elgon, hatten wir uns schon früher verabschiedet, da er sich drei Tage vorher nach dem Sirokoflusse begeben hatte, um dort die Verbreitung der Glossina palpalis zu studieren.

Um 3 Uhr nachmittags setzte sich der Zug endlich in Bewegung: ausser uns Europäern 218 Eingeborenenträger und die 15 Askari mit einem Sergeanten, einem prächtigen Sudanesen, und einem Korporal, dann noch die Tragesel und vier Maultiere, also eine Karawane von stattlicher Länge. Die Askari waren entsprechend verteilt, um die Ordnung aufrecht zu halten, in der Nacht hatten sie die unter dem Vordach unserer Zelte aufgestapelten Kisten und Koffer zu bewachen. Bei den späteren Gewaltmärschen durch unerforschtes Gebiet haben sie uns ganz ausgezeichnete Dienste erwiesen, da tatsächlich viele Leute infolge des Wassermangels zusammenbrachen und nur durch die Hilfe der Askari, die sie oft spät abends noch in den Kamp brachten, nicht zurückblieben. Sie trugen Khakianzug und Fez, und [Pg 63]waren ausser mit dem Seitengewehr auch noch mit einem Repetiergewehr und der entsprechenden Munition bewaffnet.

Schon zwei Stunden nach Mbale — bei einbrechender Dämmerung — schlugen wir an der Strasse unser Lager auf, da wir den nächsten Kamp vor Beginn der Nacht unmöglich erreicht hätten. Wir waren froh, von Mbale überhaupt weggekommen zu sein, da dort die Träger zu viel Gelegenheit hatten, sich zu betrinken oder krank zu melden. Trotzdem war die Entfernung noch nicht gross genug, denn ich musste am nächsten Morgen, als ich die Leute antreten liess, vier Träger vermissen, denen der Abschied von Mbale wahrscheinlich so schwer geworden war, dass sie wieder dorthin zurück durchbrannten.

Die Strasse, auf der wir nach dem 35 Meilen entfernten Kumi marschierten, war breit und gepflegt, vor einem Jahre gebaut, und führte durch schönes Buschland und Plantagenanlagen. Zur Rechten hatten wir noch immer das prächtige Bild des Elgonmassivs und des im Hintergrunde aufsteigenden Konkoro (Mount Debasien), und in nächster Nähe erheben sich oft mächtige, in das vulkanische Terrain eingestreute Findlinge und grosse Granitblöcke, die das Landschaftsbild sehr beleben (Tafel 28). Auf der Strasse begegnete uns hie und da ein Ochsengespann, hoch mit Baumwolle beladen, die bis Kumi von den Eingeborenen geerntet wird, aber wir wussten, dass die Bequemlichkeit dieser Strasse, die ebenso gepflegt war wie die von Kampala nach Norden führende, nur wenige Tagereisen währte, und dass dann jene Gebiete beginnen würden, in die die Kultur noch nicht eingedrungen war.

Nach vierstündigem Marsche kamen wir zu den Rasthäusern von Bukedia, deren Benützung wir aber den Trägern überliessen, während wir selbst unsere Zelte aufschlugen. Der Häuptling der Niederlassung erwartete uns mit seinen Ministern und vielen Eingeborenen und brachte uns ein Schaf, Milch und Eier. Tags darauf legten wir durch ziemlich ebenes Land mit weitausgedehnten Baumwollpflanzungen die restlichen 12 Meilen nach Kumi zurück. Kumi liegt auf einem Plateau, etwas erhöht über die flache, steppenartige Umgebung, wodurch sich die Bergmassen des Konkoro, Tepes, Kissim [Pg 64]und der in weiter Ferne liegenden mächtigen Naquaberge besonders schön zeigten. Im Norden läuft ein schmaler Silberstreifen von Ost nach West, der Spiegel des Salisbury- oder Kumi-Sees. Der Ort hat einige indische Kaufläden, deren Besitzer sich hauptsächlich mit Baumwollhandel befassen, und ist seit anderthalb Jahren der Sitz eines englischen Distriktkommissärs, des liebenswürdigen und energischen Mr. Newman, des einzigen Europäers in einem Bezirke von ungefähr 4000 Quadratmeilen mit über 200000 Einwohnern.

Wir wurden gleich bei unserer Ankunft in Kumi von Mr. Newman begrüsst und auf unseren Kampplatz geführt, auf dem sich ausser einigen Strohhütten noch zwei einfache Rasthäuser befanden, von denen das eine für uns bestimmt war. Im zweiten wohnte ein englischer Tierarzt, der im Auftrage der Regierung die Gegend bereiste, um die Eingeborenen über die Maul- und Klauenseuche aufzuklären, an der hunderttausende Stück Vieh zugrunde gehen. Eine kleine, etwas abseits stehende Hütte diente uns als Küche und als Wohnraum für die Boys.

Abends war ich mit Dr. Stigler bei Mr. Newman geladen, der ein einfaches Haus mit Lehmwänden und Lehmboden bewohnt. Der Boden ist mit Matten und Tierfellen, die Wände mit verschiedenen Jagdtrophäen, Speeren und Schildern bedeckt, und die Einrichtung beschränkt sich auf das Allernotwendigste. Das Luxuriöseste ist eine luftige, strohgedeckte Terrasse vor dem Hause. In diesem primitiven Heime residiert ein ebenso anspruchsloser, wie energischer und kluger Mann, der, kaum dreissig Jahre alt, auf diesem weit in die afrikanische Steppe vorgeschobenen Posten über Hunderttausende von Menschen zu herrschen und zu richten hat, eine gewiss schwere Aufgabe, wenn man dabei bedenkt, dass die Verpflegung hier eine sehr mangelhafte und das Klima ungesund und sehr heiss ist. Schon während des Marsches von Mbale konstatierten wir ein stetes Steigen der Temperatur bis zu 40 °C im Schatten, hier konnten wir schon ein Maximum von 44½ °C verzeichnen. Allerdings ist die Nachttemperatur, wie fast überall in Afrika, sehr angenehm. Hier in Kumi betrug sie 26 °C.

Tafel 28
Findling bei Bukedia
Landschaft bei Kumi
Tafel 29
Schöne aus Kumi
Mit dem Kiboko bestrafte Eingeborene
Tafel 30
Eingeborene aus Kumi vom Tesostamm
Eingeborene von Kumi
Tafel 31
Eingeborene vom Tesostamm (Kuketta)
Teso, Frau und Mann (Kumi)
Tafel 32
Vorratskörbe
Frauen vom Stamme Teso
Tafel 33
Ein Teso-Riese
Junge Gazellen
Tafel 34
Eingeborenenkral in Kumi
Grundriss einer Niederlassung
Tafel 35
Kaktushecke mit Eingang in das Dorf
Hütte im Bau
Tafel 36
Konstruktion des Daches
Malerei der Eingeborenen

[Pg 65]

Nach dem Souper überraschte uns Mr. Newman mit einem ganz besonderen Genuss — einem Glas Pilsener Bier — in 20 °C warmem Wasser gekühlt — und erzählte uns viel Interessantes über Land und Leute, besonders von den häufigen Kämpfen zwischen den Baganda- und Busogaleuten, deren Ursache an den Raub der Sabinerinnen erinnert. Die Bagandaweiber sind nämlich weniger fruchtbar als die Weiber der Busoga, und die Baganda nützen ihre Siege über die Busoga gewöhnlich dahin aus, um ihnen ihre Weiber zu rauben. Im allgemeinen werden die Weiber bei den Eingeborenen wenig geachtet und sind hauptsächlich dazu da, um sich um Haus und Kinder zu kümmern, während der Mann die Zeit mit Nichtstun verbringt. Sucht er sich einmal ausnahmsweise einen Verdienst, wie durch die Teilnahme an einer Karawane, so tröstet sich die Frau sehr leicht über den Verlust und findet bald in einem andern Mann Ersatz. So klagte uns in Kumi einer unserer Träger sein Leid und bat uns, ihm zu seinem treulos gewordenen Weibe zu verhelfen. Er hatte ein Busogaweib zu sich genommen, da er sich von ihr Kinder erhoffte, wurde aber ein Jahr nach seiner Verheiratung von Kapitän Taughner für die Strafexpedition nach Karamojo angeworben und fand, als er sechs Monate später nach Mbale zurückkam, sein Weibchen ausgeflogen. Er brachte schliesslich in Erfahrung, dass die Ungetreue mit einem indischen Händler nach Kumi gezogen war, und dies bewog ihn, sich von Abeidi für meine Karawane anwerben zu lassen, da er die Hoffnung hegte, in dieser Gegend sein Weib, zum mindesten aber seine Heiratsausstattung, die die Durchgebrannte hatte mitgehen lassen, zurückzubekommen. Saléh — so hiess der doppeltbetrogene Ehemann — hatte nämlich in die Ehe einen Kochtopf, einen Teller und eine Flanelldecke mitgebracht, und an diesen Dingen schien sein Herz viel mehr zu hängen als an seinem Weibe. Bei der Gerichtsverhandlung, die Mr. Newman anordnete, spielte er zwar zuerst den Gekränkten und wollte auf der Vorführung seiner Frau bestehen, als er aber hörte, dass sich diese nach mohamedanischem Ritus nochmals verheiratet hatte, verzichtete er schnell gefasst auf sie, wollte aber unbedingt seinen Kochtopf mit Teller und die Flanelldecke haben. Schliesslich [Pg 66]kam ein Ausgleich auf Teilung dieser kostbaren Ausstattung zustande, und der gute Saléh marschierte vergnügt mit mir weiter.

Die Busogaleute waren uns schon in Jinja als äusserst unverlässliche, verlogene und diebisch veranlagte Menschen geschildert worden, und Mr. Newman erzählte uns, dass er Fälle kenne, in denen die Busoga indische Kaufläden bei Nacht auf sehr schlaue, allerdings beschwerliche Weise ausgeraubt hatten, indem sie unter der Erde ganze Gänge gruben, um dann von unten in den geschlossenen Geschäftsraum eindringen zu können. Obwohl sie ein schwächliches Aussehen haben, halten diese Leute grosse Strapazen aus, tragen die schwersten Lasten und leisten als Renner geradezu Unglaubliches. Mr. Newman sandte häufig einen Renner mit Telegrammen oder wichtigen Dienststücken von Kumi nach Mbale — 35 Meilen — und gewöhnlich war dann dieser schon am nächsten Abend wieder zurück. Wir hatten selbst in unserer Karawane einen Busogaträger, der während der ganzen Reise bis Nimule einen 70 Pfund schweren Medizinkoffer auf dem Kopf trug und dabei Gewaltmärsche von 25 bis 30 km mitmachte (Tafel 2933).

Die Eingeborenen von Kumi, die Teso, nähren sich hauptsächlich von Bananen, Erdnüssen, Durra und auch von Eiern und Milch, doch sollen die beiden letzteren Lebensmittel den Weibern verboten sein. Von den Männern muss in diesen von den Engländern verwalteten Gebieten, die ostwärts vom Nil bis Mbale reichen, jeder, sobald er das 18. Lebensjahr erreicht hat, 4 Rupien — in den nördlichen Gegenden 3 Rupien — als jährliche Abgabe entrichten. Diese verhältnismässig hohe Steuer bringen die Eingeborenen nur schwer auf, und die Zahlungsunfähigen müssen sich jährlich einen Monat lang zu Regierungsarbeiten verwenden lassen. Die Männer schliessen schon im Alter von 18 bis 20 Jahren Ehen, und mehrere Familien vereinigen sich dann zu einer Gemeinde. Diese Niederlassungen sind sehr symmetrisch im Kreise angelegt, ausserordentlich rein gehalten, und von einer bis vier Meter hohen, undurchdringlichen Kaktushecke eingezäunt. Die runden, spitz zulaufenden und mit langem Gras gedeckten Hütten sind sehr nahe diesem Kaktuszaun gelegen und haben einen Durchmesser von 6–7 Meter. Im Innern stützen ein oder zwei [Pg 67]Holzstämme den ganzen Aufbau, der in seinem unteren Teil innen mit Lehm verstrichen ist. Vor dem niederen Eingang, durch den man nur in kriechender Stellung gelangen kann, wird zur Nachtzeit eine starke, als Tor dienende Grasmatte vorgeschoben, die oft noch mit darangelehnten grossen Steinen befestigt wird. Irgendeine Art von Schloss oder Riegel war bei den Eingeborenen hier ebensowenig wie auf meiner ganzen Reise zu finden. Konzentrisch mit dieser äusseren Einzäunung des Dorfes befindet sich im Innern eine etwas niedrigere Kaktushecke, die den Raum für die Kühe, Schafe und anderen Haustiere umschliesst. Ausserdem sind noch zwei einander gegenüberliegende gedeckte Hütten an dieser Hecke errichtet, die als Ställe für die Muttertiere dienen. Rings um die innere Hecke stehen auf Steinen oder Holzklötzen birnförmige, aus Gras und Zweigen geflochtene, grosse Fruchtkörbe für die Erdnüsse, das Durramehl usw. Zwischen ihnen und den Wohnhütten bleibt noch ein breiter Raum frei, auf dem sich die Weiber ihr Mehl mahlen, die Kinder spielen und sich das ganze dörfliche Leben abspielt (Tafel 3436).

Die innere Einrichtung der Hütten ist natürlich eine sehr primitive. Als Lager dienen getrocknete Tierhäute, die entweder auf dem Boden oder einer etwas überhöhten Holzbrücke liegen, einige Tonkrüge und flaschenartige Kürbisschalen sind die Trinkgefässe. In einer Hütte fand ich an der inneren Lehmwand ganz merkwürdige Zeichnungen, die ich als Aeusserungen des Kunstsinnes der Eingeborenen photographisch festhielt. Zu dem niedrigen Haupteingang eines solchen Eingeborenendorfes, der aus Baumstämmen angelegt ist und einem nur in gebückter Haltung Eintritt gewährt, führt der Weg zwischen parallel laufenden Kaktushecken. Gegenüber dem Haupteingang, auf der anderen Seite der Umzäunung, die das Dorf nicht nur gegen den Einbruch wilder Raubtiere, sondern auch gegen Ueberfälle feindlicher Eingeborenen schützen soll, liegt ein zweiter höherer und für das Vieh bestimmter Eingang, der in gleicherweise wie jener der Hütten durch eine Grasmatte verschliessbar ist. Ihre Toten begraben die Teso in den Wohnhütten, was wahrscheinlich in irgend einem Aberglauben seinen Grund haben dürfte. Die Männer wie die Frauen sind starke, hochgewachsene, [Pg 68]breitschultrige Leute, so dass die mittlere Grösse der Männer nicht weniger als 1,90 m beträgt, wir massen aber auch viele mit 2,05 m und einen sogar mit 2,12 m. Nur die Watussi im Ruandagebiet in Deutsch-Ostafrika dürften ihnen an Grösse gleich kommen. Adolf Friedrich Herzog zu Mecklenburg schreibt in seinem Werke: „Ins Innerste Afrika“, dass die Grössenmessungen bis 2,20 m ergeben haben, dass die Watussi ebenfalls sehr kräftig gebaut sind, dabei schlanke Taillen, zarte Handgelenke und überaus fein geformte Hände haben. Ihre Haut zeigt einen bronzefarbenen Ton, der an den Norden Afrikas erinnert. Charakteristisch ist der Kopf der Watussi, die hohe Stirne, das edle Oval des Gesichtes und die schmale Nase. Die Tesoleute haben hingegen mit ihren ausserordentlich kräftig gebauten Schultern, Hüften und Schenkeln, ihren derben, knochigen Händen, den breiten, runden Köpfen ein riesenhaftes Aussehen. Sie haben die vorstehenden Backenknochen, die breitgedrückte Nase, die wulstigen Lippen und eine auffallend dunkle, schwarzbraune Hautfarbe.

Auf diesem exponierten Posten hatte Mr. Newman, der vor vier Jahren nach Afrika gekommen und vor seiner Kommandierung nach Kumi in Mbale als Regierungsbeamter tätig gewesen war, lange Zeit viele Kämpfe mit den Eingeborenen zu bestehen und war dabei oft durch die Ueberzahl der Wilden und deren hinterlistige Kampfesweise in grosse Lebensgefahr geraten. Oft waren die Eingeborenen zu vielen Hunderten in gedeckten Stellungen und schleuderten ihre Giftpfeile gegen ihn ab. Auch Mr. Newman bestätigte uns, dass die Bageshu am Fusse des Elgon noch ein anthropophager Stamm seien, aber sie selbst glauben, dass auch wir Weisse die Schwarzen auffressen. Dieser Glaube hatte damals bei einem Bageshuträger, den wir auf den Elgon mitgenommen hatten, sehr drastischen Ausdruck gefunden. Er wollte sich trotz aller Geschenke von Dr. Stigler zu physiologischen Zwecken nicht untersuchen lassen, und es dauerte lange, bis er schliesslich durch unsere Aufklärungen von der Furcht befreit wurde, dass ihm die Kawirondoträger den Hals abschneiden und wir Europäer ihn in schmackhafter Zubereitung verspeisen würden.

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Schon von Mbale aus hatte ich Mr. Newman ersucht, für mich lebende Tiere einfangen zu lassen, die ich der kaiserlichen Menagerie in Schönbrunn widmen wollte, und er teilte mir auch mit, dass der Häuptling für mich ein Straussenpaar, eine Zwerggazelle und einige Wildkatzen, sowie eine fast einjährige Elenantilope bereit halte. Ich sandte sofort einen Renner nach Mbale, um den Transport beim Wiener Obersthofmeisteramte telegraphisch anzumelden, und ausserdem auch Gouverneur Jackson in einem Telegramm um freie Ausfuhr ersuchen zu lassen, da der Ausfuhrzoll in Uganda für ein Straussenpaar die enorme Summe von 3000 Rupien (4800 Kr.) betragen hätte. Als einige Tage später die Bewilligung des Gouverneurs in Anbetracht des Umstandes, dass die Tiere für Schönbrunn bestimmt waren, eingelaufen war, hatte ich inzwischen auch noch einen ungefähr sechsmonatlichen Wasserbock und vier kleinere Gazellen erhalten. Ausserdem hatte ich von Mbale aus neben zwei zutraulichen Meerkatzen auch einen prächtigen Elgon-Adler mitgeführt, welch letzteren ich dem Transporte hinzugab, so dass zusammen zehn wertvolle Tiere nach Schönbrunn abgeschafft werden konnten. Den schwierigen Transport über die 200 km lange Strecke bis Jinja übernahm die Firma Allidina Wisram, der grösste indische Kaufmann in Uganda, der auch hier in Kumi einen Laden besass. Für die Gazellen, die getragen werden mussten, wurden Körbe geflochten, und überdies wurde noch ein Häuptling aufgenommen, der die Träger zu überwachen hatte. Von Jinja aus wurden die Tiere zu Schiff nach Kisumu gebracht, um von dort aus die 940 km lange Fahrt auf der Ugandabahn bis Mombassa zu machen. Dort blieben sie bis April und wurden dann nach Triest eingeschifft. Leider gingen auf dem langen Transport sechs Stück zugrunde, so dass nur die beiden Strausse, die Elenantilope und der Adler in Schönbrunn ankamen.

Die Gegend um Kumi ist nicht besonders wildreich, am meisten sind noch die Elefanten vertreten, auf die die Eingeborenen auch oft Jagd machen. Sie werden entweder durch einen Lanzenstich ins Herz erlegt, oder es schleicht sich ein Mann an den schlafenden Elefanten heran und haut ihm mit einem grossen, sichelartig gebogenen [Pg 70]Messer die Sehnen des Vorderbeines durch. Die Spur wird dann verfolgt, bis man das zusammengebrochene Tier findet. Diese Art des Jagens ist begreiflicherweise sehr gefährlich, und es finden dabei oft mehrere Eingeborene ihren Tod. Elefantenweibchen und -männchen sind ungemein anhänglich, und Mr. Newman erzählte uns zwei Jagderlebnisse, die eine rührende Illustration zu dieser Anhänglichkeit bilden. Das eine Mal war er — im Jahre 1908 — drei Meilen weit von Mbale mit Kapitän Ormsby auf der Elefantenjagd und schoss einen Bullen, der von zwei Weibchen begleitet war. Trotz allen Lärmes waren diese von dem toten Elefanten nicht zu vertreiben, und sie verliessen ihn erst, als das Steppengras in weitem Umkreise angezündet und sie durch die Hitze und den Rauch verjagt wurden. Das andere Mal verletzte Mr. Newman einen Bullen schwer, aber nicht tötlich, woraufhin ihn zwei Weibchen in die Mitte nahmen und fortführten, so dass er erst zwei Meilen vom Anschusse entfernt zusammengebrochen aufgefunden werden konnte.

Die ersten zwei Tage unseres Aufenthalts in Kumi hatte ich zu kartographischen Aufnahmen und Ortsbestimmungen, Dr. Stigler zu physiologischen Beobachtungen benützt, und wir hatten gehofft, nach Beendigung der Arbeiten, also nach längstens drei- bis viertägigem Aufenthalte, diese letzte englische Station verlassen zu können. Aber schon wieder machten uns die Trägersorgen einen Strich durch die Rechnung. Auf kurze Strecken hätten wir genug Träger erhalten, aber für die Weiterreise bis Nimule, also weit über das englische Verwaltungsgebiet hinaus, wollte sich niemand anwerben lassen. Die in Mbale zurückgelassenen Lasten waren erst mit grosser Verspätung in Kumi eingetroffen, und wir entschlossen uns nun, da keine neuen Träger zu bekommen waren, hier sämtliche Lasten zu revidieren und nur das Allernotwendigste mitzunehmen. Auf diese Art war es möglich, sechzehn Kisten auszuscheiden, die wir auf dem weiten Umwege über den Kiogasee nilabwärts nach Nimule vorausschickten. Zu dem kam noch, dass der unersättliche Heatman Abeidi, der schon mehr Vorschuss hatte als das ganze Honorar ausmachte, einen weiteren Vorschuss verlangte, um eine Schuld bei Allidina Wisram tilgen zu [Pg 71]können. Mir blieb nichts anderes übrig, als sein Ansuchen zu bewilligen und ihn loszukaufen, da er sonst hier festgehalten worden und meine alte Trägergarde, die ihm besonders ergeben war, durchgebrannt wäre.

So konnten wir schliesslich nach einwöchentlichem Aufenthalte in Kumi an den Aufbruch denken. Sämtliche Träger wurden wieder registriert, die Liste der Nairobileute überprüft und am letzten Abend noch die Kisten umgepackt und zwei Kisten präparierter Vögel, Schmetterlinge und Käfer über Mbale nach Europa geschickt. Mr. Newman, mit dem wir fast jeden Abend verbracht hatten, hatte uns bis an die Grenze des englischen Verwaltungsgebiets, das sich noch einige Meilen nördlich von Kumi erstreckte, einen ungemein tüchtigen, in englischen Diensten stehenden Baganda-Agenten mitgegeben, und am Morgen des 13. Jänner traten wir mit einer 250 Köpfe starken Karawane den Marsch nach dem Norden an.

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AM KUMI- ODER SALISBURY-SEE

Ankunft am See / Ein standhafter Patient / Die Ueberfahrt / Feuerwerk für die Eingeborenen / Etwas über die Tropenhelme / Auf der Nilpferdjagd / Afrikanische Sonnenuntergänge

Der Weg von Kumi nach dem Norden zieht sich durch flache Gras- und Buschsteppen, in denen das Vorkommen der Flötenakazien immer häufiger wird, und führt nach vier Stunden nach Kuminyanza am südlichen Ufer des Kumi- oder Salisbury-Sees. Wir schlagen hier unser Kamp auf und werden von dem Häuptling und vielen seiner Eingeborenen begrüsst, wobei uns wieder die aus einem Schaf, Hühnern, Eiern und Milch bestehenden landesüblichen Geschenke überreicht werden. Der Salisbury-See ist an dieser Stelle einige Kilometer breit, weshalb Abeidi bereits in den Nachmittagsstunden mit der Einschiffung der Reit- und Tragtiere begann, die gleichzeitig mit einem Teil unserer Lasten auf je zwei mit Querhölzern verbundenen Einbäumen an das nördliche Ufer hinübergebracht wurden. Die Ueberbootung der Karawane hatten wir erst für den nächsten Morgen angesetzt.

Tafel 37
Eingeborener mit Teratom aus Kumi Nyanza
In Einbäumen über den Salisburysee
Tafel 38
Am Nordufer des Salisburysees
Am Nordufer des Salisburysees
Tafel 39
Älteste Männer aus Magoro
Älteste Frauen aus Magoro
Tafel 40
Nilpferde im Salisburysee
Balaeniceps rex

Unter den Eingeborenen, die sich mit ihrem Häuptling vor meinem Zelte eingefunden hatten, erregte besonders einer unser Interesse, der ein Teratom, eine angeborene, walnussgrosse Missbildung an der Unterlippe hatte (Tafel 37). Da Dr. Stigler meinte, dass die Beseitigung dieser Missbildung eine interessante Operation wäre, die er gerne ausführen wolle, liess ich den Eingeborenen — er hiess Akolimeri — durch den Häuptling fragen, ob er sich einer solchen Operation unterziehen würde. Nach langer Beratung erklärte er sich dazu bereit, und Dr. Stigler packte nun aus dem Medizinkoffer die nötigen Instrumente aus. Nach deren gründlichen Desinfizierung begann er mit der ruhigen und sicheren Hand des Arztes die Missbildung von der inneren Lippenhaut loszulösen, wobei ich ihm nach bestem Laienkönnen Assistentendienste leistete. Nicht weniger als anderthalb Stunden sass der [Pg 73]Schwarze, ohne auch nur einmal zu zucken, auf einem kleinen Feldsessel und liess die sehr schmerzhafte Operation mit der grössten Standhaftigkeit über sich ergehen. Im Hintergrund standen lautlos der Häuptling und die Eingeborenen, die mit Staunen dem Verlauf der Operation folgten und nach deren Beendigung nicht müde wurden, Dr. Stigler ihren Dank und ihre Bewunderung auszudrücken. Da bei der Lebensweise der Eingeborenen fast mit Sicherheit anzunehmen war, dass die vernähte Wunde der Unterlippe verunreinigt und dadurch Blutvergiftung eintreten würde, suchten wir den Operierten zu bewegen, mit uns zu marschieren, damit die Möglichkeit geboten sei, den Heilungsprozess zu überwachen und möglichst bald die Nähte zu entfernen. Es musste ihm aber erst lange vom Häuptling und von seinen Freunden zugeredet werden, bis er sich entschloss, wirklich mit uns zu ziehen.

Der Aufenthalt in diesem Lager war durch die ausserordentliche Hitze und die ungezählten Moskitos, die sich am Abende bemerkbar machten, alles eher denn angenehm, und wir waren froh, als am nächsten Morgen schon um 5 Uhr mit der Einbootung der Träger begonnen wurde, die in Partien von 15 bis 20 Mann in die Einbäume gebracht wurden.

Man fährt zunächst zwischen hohem Schilfgras in ganz seichtem Wasser und kommt erst nach einiger Zeit in den offenen See, der hier eine Stunde breit ist. Den grössten Teil des Seespiegels bedecken ungezählte Wasserpflanzen mit breiten fleischigen Blättern, Gruppen von Korallenbäumen (Erythrina Tomentosa) ragen wie Inseln aus dem Wasser empor, und ringsum wimmelt es von prächtigen, in allen möglichen Farben glänzenden Vögeln, die mit ihren hohen, dünnen Beinen und langen Schnäbeln graziös von Blatt zu Blatt laufen oder im Wasser untertauchen, um dort ihre Nahrung zu suchen. Unser Boot gleitet mit ruhigem Plätschern durch diese im grellen Morgensonnenscheine liegende, paradiesisch schöne Welt, und wir ziehen es, entzückt von dieser fesselnden Landschaft, vor, nicht den direkten Weg zum Nordufer zu wählen, sondern im Zickzack zwischen den grünen Bauminseln und den prächtigen, gelb und violett blühenden [Pg 74]Seerosen, die ganze Beete bilden, hindurchzurudern. Vornehmlich reizte es mich auch, hier meine ornithologischen Sammlungen zu bereichern, und es gelang mir, 18 Stück der hier vorkommenden Vogelarten zu schiessen, die dann später für das Museum präpariert wurden.

Ungefähr 500 Meter vor der nördlichen Küste gerieten wir wieder in seichtes Wasser und hohes Sumpfgras, das immer dichter wurde, so dass in der letzten Strecke ein Durchkommen mit dem Boote unmöglich hätte erscheinen müssen, wenn nicht ein schmaler Kanal in das Gras geschnitten gewesen wäre (Tafel 38). Schon aus der Ferne hatten wir beobachtet, dass uns auf dem Ufer einige hundert Eingeborene, durchwegs grosse, kräftige, vollständig nackte Gestalten, erwarteten. Eine Menge von ihnen sprang, als wir in das seichte Wasser eingefahren waren, in den See und zog unsere Boote durch den letzten sumpfigen Teil an das Ufer. Wir sprangen ans Land und wurden, wie überall, von ihrem Häuptling und seinem Gefolge begrüsst. Der von Mr. Newman vorausgesandte Regierungsagent hatte nämlich meine Karawane schon angemeldet und alles, was zu unserer Unterstützung dienen konnte, umsichtig geordnet. Die Eingeborenen liessen es sich nicht nehmen, sämtliche Lasten bis zum Rasthaus zu tragen, was unseren eigenen Trägern, die nun frei ihrer Bürde hinter ihnen einhergingen, sehr behagte. Der Ort, wo sich unser Lagerplatz befand, hiess Magoro, und es stand dort ein luftiges, erst seit kurzem errichtetes Rasthaus, das wir zum Arbeiten und zur Einnahme der Mahlzeiten benutzten, während wir die Nächte in unseren daneben aufgeschlagenen Zelten schliefen. Vom Häuptling erhielt ich eine grosse Anzahl Fische aus dem Salisbury-See, von denen die schönsten Exemplare für das Wiener Hofmuseum in die Spiritusbehälter wanderten.

Abends brachte der Häuptling für physiologische Untersuchungen Dr. Stiglers die ältesten Eingeborenen der Niederlassung in unser Lager, unter denen namentlich ein abgemagertes Weib mit einer langen Pfeife und eine andere bis zum Skelett abgezehrte, über und über mit Schmutz und Schuppenausschlag bedeckte Frau auffielen, die, [Pg 75]um nicht vor Schwäche zusammenzubrechen, von drei Männern gestützt werden musste (Tafel 39). Die kaum sichtbaren Augen waren, wie das ganze Antlitz dieser Bedauernswerten, die das Bild eines entsetzlichen Jammers, aber auch einer abstossenden Unappetitlichkeit bot, voll von Fliegen besetzt, die trotz alles Abwehrens mit der knochigen Hand immer wieder zurückkamen. Unter den alten Männern waren viele mit den gewissen tätowierten ringförmigen Narben an den Armen, so trug einer zwanzig am rechten, zwölf am linken Oberarm und noch vier Ringe am linken Unterarm. Als wir ihn fragen liessen, ob er tatsächlich soviele Männer, Frauen und Kinder ermordet habe, erwiderte er etwas ängstlich, dass er nur einen Mann und eine Frau getötet habe. Abends liess ich — zum erstenmal auf meiner Reise — die Kisten mit dem Feuerwerk öffnen und unter einem unbeschreiblichen Freudengeschrei und Jubel der Eingeborenen und Träger mehrere Sternwerfer, Feuerreigen und Frösche abbrennen und schliesslich einige Raketen in den dunklen Nachthimmel emporsteigen.

Unter der Hitze hatten wir gar nicht mehr zu leiden. Die Tagestemperatur schwankte zwar zwischen 40° und 44 °C, am Abend aber trat immer eine erfrischende Kühle ein, die den Aufenthalt im Freien sehr angenehm machte. Im übrigen hatten wir uns durch den monatelangen Aufenthalt in Afrika wohl schon akklimatisiert. Das einzige Unangenehme war nur der Tropenhelm, der wegen der Gefahr eines Sonnenstiches leider den ganzen Tag bis Sonnenuntergang getragen werden musste. Ich möchte bei dieser Gelegenheit jedem, der eine Reise in Tropengegenden beabsichtigt, raten, bei Ankauf des Tropenhelmes mit besonderer Vorsicht vorzugehen. Es gibt sehr leichte Korkhelme, die jedoch keinen wasserdichten Ueberzug haben, und nach öfterem Nasswerden unbrauchbar sind; ferner einen schweren, fast unverwüstlichen Helm, der aber in der grossen Hitze und bei andauernden Märschen sehr lästig und unangenehm wird, und schliesslich noch eine dritte Qualität, die im Aussehen der zweiten gleicht, bei gleicher Widerstandsfähigkeit aber bedeutend leichter ist. Sie ist die einzig richtige, empfehlenswerte Kopfbedeckung in den Tropen und wird auch fast von allen in Afrika stationierten englischen Offizieren und Beamten getragen.

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Der nächste Tag war zur Gänze der Jagd auf dem Salisbury-See gewidmet, die zwar in erster Linie den Vögeln galt, aber wir hofften, auch auf Nilpferde zu stossen, die wir schon in der ersten Nacht am See laut brüllen gehört hatten (Tafel 40). Auch der Häuptling hatte uns mitgeteilt, dass namentlich im östlichen Teile des Sees viele Hippo vorhanden seien, und den Eingeborenen am Seeufer den Auftrag gegeben, für mich und den Photographen Schwarzer zwei Einbäume bereitzuhalten. Als wir dorthin gelangten, erwartete uns bereits eine grosse Zahl Eingeborener. Da das Ufer an dieser Stelle gänzlich versumpft und verschlammt ist, liessen wir uns zu den Booten tragen, die dann ein grosses Stück in den See hinausgeschoben wurden, bis das Wasser so tief war, dass man rudern konnte. Im ersten Einbaum hatte ich mit einigen Trägern, im zweiten Schwarzer mit der gleichen Bemannung Platz genommen. Er hatte in seinem Boot ausserdem noch den Kinoapparat, um die Wasservögel aufzunehmen. Die erste Beute, die ich mit dem Mannlicher-Schönau erlegte, war ein schöner Balaeniceps rex, Schuhschnabel, der in 80 m Entfernung am Rande einer der vielen Grasinseln stand.

Nach einer Stunde, in der noch mancher schöne Vogel sein Leben lassen musste, fuhren wir in den offenen See hinaus und gewannen den Ausblick auf ein bezaubernd schönes Bild. Der Bergkoloss des Konkoro (Mount Debasien) zeigte sich hier von seiner steilen Seite, als ob er direkt aus dem Wasser emporstiege, in dem sein klares und scharfes Spiegelbild bis auf den Grund zu reichen schien. Ringsum war der See mit den schönsten Blüten der Wasserrose bedeckt, die zwischen den grossen herzförmigen Blättern in Weiss, Lila und Rosa herausleuchteten, und die bereits hochstehende Sonne tauchte alles in goldigen Schimmer. Soweit das Auge reichte, herrschte unendliche Ruhe, und in mir stieg angesichts dieser ganz eigenen, durch den Sonnenreflex und die schwere Luft gedämpften Farbenpracht lebhaft die Erinnerung an ein ähnliches Bild auf, das sich mir hoch oben im Norden dargeboten hatte, als ich mich auf meiner Grönlandexpedition im Schein der Mitternachtssonne zwischen blaugrünen Eisbarren langsam an eine Bartrobbe anrudern liess.

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Wir fuhren ungefähr eine halbe Stunde lang in das offene Wasser hinaus, als uns ein plötzliches Schnauben und Brüllen auf eine links vor uns schwimmende Herde von Nilpferden aufmerksam machte, von denen die Köpfe aber nur wenige Zentimeter über dem Wasser sichtbar waren. Die Eingeborenen legten sich mit voller Kraft in die Ruder, aber kaum kamen wir näher, verschwanden die schwarzen Punkte, um erst nach einiger Zeit in ziemlicher Entfernung wieder aufzutauchen. Dies Versteckspiel wiederholte sich einige Male, bis es uns endlich gelang, durch ruhiges und langsames Rudern bis auf 150 Schritte an die Tiere heranzukommen. Dem Stärksten unter ihnen schiesse ich eine 9½ mm Vollmantelkugel ins Hinterhaupt und es sinkt sofort unter Wasser. Da es immer mehrere Stunden dauert, bis ein geschossenes Nilpferd wieder an die Oberfläche kommt, fuhren wir weiter auf eine neue vor uns auftauchende Herde zu, von der ich abermals das stärkste Stück mit einem Kopfschuss traf. Nun zeigten sich auf allen Seiten grössere Herden bis zu 25 Tieren, als wir plötzlich mehrere Schüsse nacheinander fallen hörten, die Photograph Schwarzer abgab, den wir inzwischen ganz aus den Augen verloren hatten. Wir ruderten rasch zu ihm, der schon vier Hippo erlegt hatte und schliesslich mehrere Schüsse abgeben musste, um die auf sein Boot zukommenden Tiere abzuwehren. Ich suchte mir aus der grossen Herde einen besonders starken Bullen aus und traf ihn im Kopf, worauf er sich blutüberströmt überschlug, so dass der ganze Oberkörper sichtbar wurde. Das schwerverletzte Tier schwamm erst gegen unser Boot zu, so dass wir mit aller Kraft zurückrudern mussten, dann tauchte der mächtige Schädel unter furchtbarem Gebrüll nochmals vor unserem Boot auf, und erst ein zweiter Kopfschuss brachte das Tier zum Untersinken.

Das Einbringen der geschossenen Tiere überliessen wir den eingeborenen Ruderern, die genau wussten, wo sie gesunken sind, denn wir hatten grösste Eile, um vor Einbruch der Nacht die Landungsstelle zu erreichen, wo wir schon den Häuptling mit den Eingeborenen uns erwarten sahen. Auf der Rückfahrt nahm Schwarzer, der mit seinem Boote knapp hinter mir war, die Wasservögel kinematographisch [Pg 78]auf, dann näherten wir uns wieder den Gras- und Bauminseln, indes die Sonne wie ein dunkelrot glühender Feuerball knapp über dem Horizont stand und die ganze Wasserlandschaft mit ihrem Purpur übergoss. Das Bild dieser zwischen einer Dunst- und Wolkenschicht untergehenden Sonne, das uns schon so oft gefesselt hatte, prägt sich dem Afrikareisenden unvergesslich ein, es erhöht jenen wundersamen Zauber des Lebens in äquatorialen Gegenden und erweckt in ihm das fast unwiderstehliche Verlangen, immer wieder diese Gebiete aufzusuchen.

Die unendliche Ruhe, die über dem See liegt, wird nur hie und da von dem krächzendem Schrei eines aufgeschreckten Wasservogels und von dem gleichmässigen Plätschern der ins Wasser tauchenden Ruder unterbrochen. Als wir aber den seichten Stellen am Ufer nahe kamen, hat diese Stille ein Ende erreicht, denn eine Schar junger Eingeborener springt uns im Wasser lustig und lärmend entgegen, um unsere zwei Boote die letzte sumpfige Strecke zu schieben. Vier kräftige Arme packen mich und tragen mich durch den Schlamm an das trockene Land. So endete dieser schöne Ausflug mit reicher ornithologischer Ausbeute und der ersten Jagdgelegenheit als ein in angenehmer Erinnerung bleibender Rasttag.

Indessen war es schon finstere Nacht geworden, und wir bestiegen unsere Maultiere. Die Boys leuchteten uns mit den mitgenommenen Laternen den Weg, und nun ging es im Trab eine volle Stunde lang unserem Lager zu, während unsere Träger gleichen Schritt hielten, ohne zu ermüden. Auch sie waren in bester Stimmung, wussten sie doch, dass es am nächsten Tag viel Hippofleisch geben werde. Ich hatte angeordnet, dass von den geschossenen Hippo die eine Hälfte den Eingeborenen und die andere den Trägern gehöre. Ziemlich ermüdet langten wir gegen 9 Uhr in dem von unseren Lagerfeuern hell erleuchteten Kamp an, wo uns ein gedeckter Abendtisch erwartete und ich noch lange mit meinem Gefährten Dr. Stigler über die Eindrücke dieses ereignisreichen Tages plauderte, der die Erinnerung an mein afrikanisches Leben um ein schönes Stück bereichert hat.

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EIN STEPPENBRAND.

Durch Busch und Steppe / Das Lager in höchster Gefahr / Rechtzeitige Hilfe / Das Schicksal eines Afrikaforschers / Eingeborenentänze / Ein neuer Führer.

Am nächsten Tage brachen wir unser Lager ab und setzten unseren Marsch nach Norden bei tropischer Hitze fort. Die Gegend war nicht mehr so dicht bevölkert wie bisher und das Wild daher auch nicht mehr so ausgerottet. Da und dort war eine Gazellen- oder eine Nashornfährte zu sehen, und im Busch bemerkten wir viele aus der Regenzeit stammende Elefantenspuren. Die erste Station, die wir passierten, war Kerimi, dann ging es durch das flache Gelände dem sich steil aus der Ebene erhebenden Tepes zu, der gegen Westen scharf abstürzt und in dem sich ihm anschließenden Kissim (fälschlich Nopak genannt) sich wieder zu respektabler Höhe erhebt, und in nördlicher Richtung gegen Kalirimi oder Gyotum verläuft. Der Weg führte durch dichtes Buschland mit hohem, dürrem Gras, das nach den häufigen Steppenbränden in wenigen Tagen stets wieder frisch und grün emporspriesst (Tafel 4142).

Am zweiten Tage nach dem Abmarsch von Kumi befand sich unser Lager auf einem freien, graslosen Platze, wo uns ein herkulisch gebauter alter Karamojohäuptling mit seinen Eingeborenen und vielen Weibern erwartete. Wir schlugen unsere Zelte unter zwei Bäumen, einige Meter entfernt vom Steppengras, auf, und ich fand auch bald einen Platz für die Aufstellung meiner Apparate. Mitten während meiner Arbeiten — es war gerade um die Mittagsstunde — wurde ich durch ein lautes Knistern auf einen mächtigen Steppenbrand aufmerksam gemacht, der sich in der Entfernung von einigen hundert Metern weit ausdehnte. Ich beobachtete eine Zeit lang das Umsichgreifen des Feuers, beruhigte mich aber bald, da ich bemerkte, dass ein für uns günstiger Wind das Feuer vom Lager abtrieb. Ich setzte daher meine Arbeiten fort und warf nach einiger Zeit nur zufällig einen Blick auf unser von meinem Standplatz einige hundert Schritt [Pg 80]weit liegendes Kamp. Einen Moment lang stand mir das Herz still, denn ich sah nun zu meinem Entsetzen, daß der Wind umgeschlagen hatte und schon knapp hinter unseren Zelten das Gras in hellen Flammen stand. Eine hohe, prasselnde Feuersäule und gewaltige Rauchwolken trieben gegen unser Lager. Ich rannte, was mich die Füsse nur tragen konnten, zu den Zelten der Askari und liess gellend meine Signalpfeife ertönen. Sofort war der Sergeant sichtbar, dem ich, auf das brennende Lager deutend, „Moto, Moto!“ (Feuer, Feuer!) zuschrie. Er liess einen schrillen Alarmpfiff los, und mit blitzartiger Geschwindigkeit stürzten sich unsere braven Askari mit einigen Trägern auf die Zelte, die durch das Umwerfen der Stützsäulen und Loslösen der Stricke in wenigen Sekunden in sich zusammenbrachen. Einige holten rasch die wenigen vollen Wasserkübel aus der Küche und begossen die wie zu Zunder ausgetrockneten Zeltwände, andere peitschten mit Zweigen das hochaufflammende Steppengras nieder. Alle Mann waren fieberhaft an der Arbeit, da ja keine Sekunde verloren gehen durfte, und kämpften im beissenden Qualm und Rauch, in dem man kaum die Augen offen halten konnte, gegen den Brand an, der mit tausend gierigen, feurigen Händen und mit unheimlicher Schnelligkeit um sich griff. Jeden Augenblick sah ich mein Lager, meine Ausrüstung, die Sammlungen, Aufnahmen und Tagebücher, unser gesammtes Hab und Gut einen Raub der Flammen werden, und von diesem furchtbaren Unglück wurden wir nur durch das fast auf die Sekunde rechtzeitige Eingreifen im letzten Augenblick bewahrt. Hätte ich das Umschlagen des Feuers nur geringe Zeit später bemerkt oder meinen Arbeitsplatz in weiterer Entfernung vom Lager gewählt gehabt, so wäre wohl alles dem Untergange geweiht gewesen, meine Expedition hätte ein unfreiwilliges, vorzeitiges Ende genommen, und die Früchte monatelanger Arbeit wären in der Wildnis den Flammen zum Opfer gefallen (Tafel 43).

Tafel 41
Häuptling von Gjotum
Tafel 42
Karamojomänner
Karamojofrauen
Tafel 43
Nach dem Brande
Nach dem Brande
Tafel 44
Häuptling von Naqua
Mein Karamojoführer
Tafel 45
Lager bei Kaketta
Eingeborener von Kaketta

Ich erinnere hier an einen solch traurigen Fall, den der deutsche Forscher Dr. Berger in seinem ausgezeichneten Werke über den Afrikareisenden Böhm schildert. Er schreibt darüber: „Alles, was er auf einer langen, gefahrvollen Reise gesammelt hatte, lag zum Versand [Pg 81]nach der Heimat fertig verpackt. Böhm schrieb nur noch die Geleitbriefe; da brach durch Unvorsichtigkeit Feuer aus. Die Hütte, in der alle Schätze lagen, stand im Nu in Flammen, die Spiritusgefässe explodierten, da gab es keine Rettung mehr. Alles, alles, was er gesammelt, seine Ausrüstung und, was fast das Schlimmste war, seine Tagebücher wurden ein Raub der Flammen. Er rettete nur das nackte Leben. Monatelang hatte er dann nichts von sich hören lassen, dieser Schlag hatte ihn zu furchtbar getroffen. Er brauchte Zeit, um sich wieder zu sammeln, wieder Mut und Kraft zu schöpfen, die schwere Arbeit von neuem zu beginnen. Leider hat er sie nicht mehr lang fortführen können. Er erlag, wie so viele Pioniere des dunklen Erdteiles, dem tückischen Klima. Die deutsche Naturwissenschaft hat in ihm ihren besten Förderer verloren.“

Nur jene, die wissen, welch enorme Summe von Mühe, Arbeit und Ausdauer die in der Wildnis vollführten Arbeiten und mühevoll zusammengetragenen Sammlungen in sich bergen, können nachfühlen, was es heisst, all das plötzlich gefährdet zu sehen oder gar zu verlieren. Ein Zufall hatte uns vor dem ärgsten Geschick bewahrt, wir standen aber noch viele Stunden unter dem furchtbaren Eindruck dieser wenigen Minuten höchster Gefahr und sahen, stumm in uns versunken, wie der schaurige Brand südlich von unserm Lager weiter in die Steppe trieb und ausser dem dürren Gras auch hohe Bäume und Büsche ergriff, die dann jedesmal wie riesige Fackeln emporflammten.

Am Nachmittag veranstaltete der Häuptling uns zu Ehren einen Eingeborenentanz, an dem sich auch die Weiber mit ihren auf den Rücken gebundenen Kindern lebhaft beteiligten. Die Musikbegleitung war, so wie in Mbale, eintöniger Gesang und Händeklatschen. Der Tanz bestand darin, dass sich die Eingeborenen in fünf bis sechs Reihen aufstellten und jeder Zweite so hoch wie möglich sprang, indem sie sich mit gestreckten Beinen alle gleichzeitig vom Boden abstiessen. Die auf den Rücken der Weiber gebundenen Kinder wurden dabei recht unsanft hin und her gerüttelt, was aber deren Trägerinnen nicht hinderte, es in den Sprüngen den Männern gleichzutun.

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Spät abends kam Dr. Stigler, der mit seinem Boy Kilimandscharo schon vormittags aufgebrochen war, um einer Gazelle nachzuspüren, halb verdurstet und vollständig geschwärzt von dem verkohlten Steppengras, dessen Russ die Luft erfüllte, im Lager an. Er hatte im hohen Gras, das die Orientierung sehr erschwerte, die Richtung verloren und war bis an den Fuss des Tepes gekommen, von wo er erst nach einem vielstündigen Marsche abends wieder zurückkehrte.

Unserm Heatman war es hier gelungen, einen jungen Karamojomann aufzunehmen, der sich bereit erklärte, in das vor uns liegende Gebiet vorauszugehen und nach Wasserstellen zu suchen. Als Belohnung versprach ich ihm am Ende unserer Expedition ausser den Spesen für die Rückreise auch noch eine Kuh zu geben. Er war ein etwa 20jähriger, schlank und selten schön gebauter Eingeborener, vollständig nackt, wie alle anderen, und nach Karamojoart mit einer langen, scharfen Lanze bewaffnet. Trotzdem er als einer der gefürchtetsten und unerschrockensten Karamojoleute von ganz besonderem Mute war, von dem er später anlässlich einer Elefantenjagd einige glänzende Beweise lieferte, wagte er es dennoch nicht, als wir dann in die Gebiete der Naqua- und Toburleute kamen, sich über die nächste Sehweite von der Karawane zu trennen, da er gut wusste, dass er sich dort als Einzelmarschierender nicht lange seines Lebens freuen würde (Tafel 44).

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AM RANDE DER KULTUR.

Die letzte Station / Die Praxis Dr. Stiglers / Der misstrauische Naquahäuptling / Die Ermordung Kirkpatricks / Die zweite missglückte phonographische Aufnahme / Billige Lebensmittelpreise / Küchensorgen / Die Disziplin in der Karawane / Gezwungene Träger.

Wir begaben uns alle am Tage, da unser Lager mit knapper Not von dem Steppenbrand verschont blieb, frühzeitig zu Bette. Uns hatte die durchgemachte Aufregung, Dr. Stigler das stundenlange Umherirren in der Steppe müd gemacht, und ausserdem hiess es am nächsten Morgen schon um 4 Uhr aufstehen, da wir bis Kaketta, der letzten Eingeborenenstation des von den Engländern verwalteten Gebietes, 17 Meilen vor uns hatten. In glühender Sonnenhitze marschierte die lange Karawane 5½ Stunden, da wir erst knapp vor dieser Station eine Wasserstelle fanden, an der die erschöpften Träger kurze Rast hielten. In Kaketta begrüsste uns wieder der Häuptling, der, ebenso wie seine Leute, gross und prächtig von Gestalt war. Sie hatten alle den Karamojoschmuck, schwere Eisenringe um den Hals und in der Unterlippe einen Glas-, Stein- oder Hornstift. Manche der jüngeren Leute trugen ausserdem noch in der Zungenspitze Messingringe, die oft einige Perlen aufgefasst hatten, einen ganz exotischen, sonst nirgends vorgefundenen Schmuck.

Am nächsten Tag besorgte ich meine Aufnahmen, während Dr. Stigler neben seinen physiologischen Beobachtungen auch als Arzt ausserordentlich beschäftigt war. In jedem Lager meldeten sich nach unserer Ankunft viele Eingeborene mit leidenden Füssen, Fieber usw. und baten um Medizinen, so dass Dr. Stigler sich hier in Afrika einer ausgebreiteten Praxis erfreute und täglich 20 bis 30, mitunter sogar 40 Patienten zu behandeln hatte (Tafel 45).

Mit dem Häuptling von Kaketta wollten wir uns hauptsächlich über die Gebiete, deren Bereisung uns bevorstand, besprechen, konnten aber leider keinerlei Auskünfte von ihm erhalten. Um so grösser war [Pg 84]unsere Freude und Ueberraschung, als wir erfuhren, dass der gefürchtete Naqua-Häuptling, angeblich um seinen Bruder zu besuchen, nach Kaketta gekommen sei. Wir glaubten aber nicht an einen solchen harmlosen Besuch, sondern nahmen an, dass er von unserem Plane, durch sein Gebiet zu marschieren, Kenntnis erlangt hatte und nun nach Kaketta gekommen war, um unsere Absichten auszukundschaften. Für uns war es von ausserordentlichem Wert, diesen Mann kennen zu lernen und ihn womöglich zum Freunde zu machen, weshalb ich dem Bagandaagenten, der noch bei uns weilte, gleich den Auftrag gab, ihn zu mir zu bringen. Bald darauf erschien er denn auch mit seinem Adjutanten in meinem Zelt, wo ich ihn mit Tee, Biskuit und Fleisch bewirtete. Er kostete mit grösster Vorsicht von allem, trank aber schliesslich nur den Tee. Auch eine Zigarette, die er zuerst von allen Seiten betrachtete und dann zu rauchen versuchte, legte er gleich nach dem ersten Zuge wieder weg. Unangenehm berührt war er von dem Anblick der uns begleitenden Askari, wir beruhigten ihn aber und erklärten ihm, dass wir diese nur zur Aufrechthaltung der Ordnung unter den Trägern mitgenommen hätten, und dass wir nicht die geringsten Eroberungsgelüste besässen. Uebrigens schienen auf ihn sehr günstig die geschossenen Vögel, die ethnologischen Sammlungen und die photographischen Apparate einzuwirken, namentlich als wir ihn in die Spiegelreflexkammer hineinsehen liessen und er darin das Bild seines vor ihm stehenden Begleiters erblickte.

Abends liess ich ihm zu Ehren ein Feuerwerk abbrennen, als aber die ersten Raketen zum Nachthimmel emporstiegen, war der Häuptling, der die ganze Zeit her einen hinterhältigen und verräterischen Eindruck machte, auf einmal verschwunden, und wir fürchteten schon, dass wir ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen würden. Wäre dies der Fall gewesen, so würden wir durch sein Land keinesfalls ohne Kampf hindurchgekommen sein. Denn die Naqualeute sind ein gefürchteter, kriegerischer und grausamer Stamm, der in fortwährendem Kampf mit den Nachbarstämmen lebt und sich durch die Niedermetzelung des englischen Majors Kirkpatrick einen traurigen Ruhm erworben hat. Dieser unternahm im Jahre 1898 mit Oberst Macdonald, von [Pg 85]Osten kommend, eine Expedition in das Mani-Mani-Gebiet. Von dort rückte Macdonald nach Norden, Kirkpatrick nach Westen zu den Naqua vor. Dieser wurde vom Häuptling und seinen Leuten scheinbar freundlich aufgenommen und versuchte mit Eingeborenenführern, begleitet von fünfzehn Askari, eine Besteigung der Naquaberge. Nichts Böses ahnend, wurde er während des Marsches auf ein Signal des Häuptlings hin überfallen und samt seinen Askari durch Lanzenstiche grausam ermordet. Oberst Macdonald brach, als er diese Mordtat erfuhr, sofort mit grosser militärischer Bedeckung in das Naquagebiet auf und rächte die Ermordung Kirkpatricks, indem er nicht weniger als vierzig Eingeborenendörfer niederbrannte.

Es lag uns also sehr viel daran, mit dem Naquahäuptling auf gutem Fuss zu stehen, und gleich am nächsten Tage liess ich ihn, der beim Feuerwerk so ohne jeden Abschied verschwunden war, wieder zu mir rufen. Er erschien auch thatsächlich und ich beschenkte ihn reichlich mit Perlen, Amerikani, Eisenringen, Spiegeln, Messern, Medaillons und allen möglichen Dingen, und brachte ihn dadurch endlich dazu, uns auf dem Marsche nach Naqua zu begleiten. Für uns war damit viel gewonnen, da wir nun, nachdem der Häuptling zugleich mit uns marschierte, einen Angriff der Naqua auf unsere Karawane für unwahrscheinlich halten konnten.

Nachmittags versuchten wir, ein Gespräch des Naquahäuptlings mit dem Phonographen aufzunehmen, und veranstalteten vorerst einige Generalproben. Als wir den Häuptling soweit unterrichtet hatten, dass wir annehmen konnten, er wisse nun, wie er sich zu benehmen habe, versagte bei der Aufnahme die in Mbale ersetzte Feder abermals, indem sie schon nach einigen Umdrehungen der Scheibe brach. Da wir an einen Ersatz in diesen Gegenden natürlich nicht denken konnten, entschlossen wir uns, den Apparat, den wir nun monatelang herumgeschleppt hatten, ohne ihn, gerade in den interessantesten Gegenden, benützen zu können, nach Europa zu schicken. Wir gaben daher die drei Kisten, in denen seine Bestandteile verpackt waren und die für uns nun nur mehr unnützen Ballast bildeten, zu den vier weiteren Kisten der ornithologischen Sammlungen und liessen sie von [Pg 86]Kaketta aus mit Trägern unter Führung des Bagandaagenten, der uns hier verliess, über Mbale nach Jinja und von dort über Mombassa nach Wien transportieren.

Unser Aufenthalt in Kaketta hatte sich etwas verlängert, da sich Dr. Stigler eine mit heftigem Fieber verbundene Halsentzündung zugezogen hatte, die die misslichen Verhältnisse unseres Lagers verursachten. Der Platz war nämlich voll Staub, der von heftigen Winden stets emporgewirbelt wurde. Kaketta liegt sonst in nicht ungesunder, fruchtbarer und viehreicher Gegend, weshalb auch die Lebensmittel hier ausserordentlich billig waren. Ein Pfund Mehl kostet hier 1 Cent (1,6 Heller), ein Ei ebensoviel, ein Huhn 2 bis 5 Cents, ein Schaf eine Rupie (1 Kr. 60 Heller), — das sind wohl die niedrigsten Preise, die es in Uganda geben dürfte. Unsere aus Mbale mitgenommenen Vorräte konnten wir daher reichlich ergänzen und mussten es auch wohl, da wir für die nächsten Wochen sehr geringe Aussichten hatten, Lebensmittel zu bekommen.

Bei dieser Gelegenheit scheint es angebracht, einmal Einiges über die Nahrungs- und Küchensorgen zu erzählen, mit denen wir uns in Afrika herumzuschlagen hatten. Im allgemeinen hatten wir, von den vorzüglichen englischen Konserven abgesehen, keine gute Küche, trotzdem uns stets frisches Fleisch zur Verfügung stand. Es verfolgte uns nämlich ein ganz besonderes Verhängnis bezüglich der Köche. In Entebbe hatte ich einen Kreolen aufgenommen, der dort im Hotel beschäftigt war und mir als sehr guter Koch gepriesen wurde, der nur den einen Fehler habe, dass er gerne trinke. Nachdem ich wusste, dass ihm auf unserer Reise die Gelegenheiten zu Trinkexzessen vollständig mangeln würde, nahm ich den Mann mit, musste ihm aber schon in Jinja den Abschied geben, da er sich trotzdem auf alle möglichen Arten Whisky zu verschaffen wusste. Von Jinja bis Mbale hatten wir einen Bagandakoch, der von der Kochkunst so wenig verstand, dass wir ihn bald wieder heimschicken mussten. An seine Stelle trat einer, den uns Mr. Peryman verschaffte, und dieser war entschieden der beste unter unsern Köchen, leider erkrankte er aber in Kumi so schwer an Magengeschwüren, dass ich ihn wieder nach Mbale zurückschickte [Pg 87]und nun unsern Servierboy zum Koch machte. Allerdings hatten wir dies täglich zu bereuen, aber nachdem wir an keinen Ersatz denken konnten, behielt er das vertrauensvolle Amt während der ganzen weiteren Reise. Mit besonderer Sorgfalt wurde in unserer Küche das Geschirr und Essbesteck behandelt, das wegen der Dysenteriegefahr stets mit siedendem Wasser gereinigt werden musste. Aus demselben Grunde wurde auch der Tee mit schon kochendem Wasser zubereitet, und es kostete manchen Kibokostreich, bis unsere Leute, die nicht viel auf Reinlichkeit gaben, diese Anordnungen schliesslich als selbstverständlich befolgten.

Im Anfang unserer Reise war es überhaupt nötig, mit den Trägern, Boys und sonstigen Eingeborenen ernst und streng vorzugehen, denn nur auf diese Weise erreichten wir es, dass schon nach kurzer Zeit die ganze Karawane auf jeden Wink und Pfiff gehorchte. Die Schwarzen sind gleich grossen Kindern, lässig bei der Arbeit, voller Uebermut und unfähig, die ernste Bedeutung eines solchen Unternehmens zu erfassen. Wenn wir sie auch im ganzen gut behandelten, so musste doch jede Verletzung der Disziplin sofort bestraft werden, und nur so war es möglich, eine militärische Zucht und den unbedingt nötigen blinden Gehorsam einzuführen und aufrechtzuerhalten. Selbst unserm Heatman Abeidi, einem geschwätzigen Araber, mussten wir schon in den ersten Tagen nach unserm Abmarsch von Mbale die strenge Seite zeigen, um ihn zu belehren, dass er mit seinem endlosen Redeschwall wohl den Eingeborenen, nicht aber uns Europäern imponieren könne. Immerhin war er sonst tüchtig und brauchbar, aber das Kommando über die ganze Karawane führten natürlich ausschliesslich ich und Dr. Stigler. Von der Ausdehnung dieser Karawane kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man bedenkt, dass ausser den 240 Eingeborenen noch 30 schwer bepackte Tragesel, vier Maultiere, ferner Kühe, Schafe und Ziegen mitgeführt wurden. Zu Beginn eines Marsches gingen die Träger stets dicht hintereinander, schwatzend, singend und lärmend, je länger er aber dauerte, desto ruhiger wurde es und desto länger — oft bis eine oder anderthalb Meilen — wurde auch die Karawane, da [Pg 88]zwischen den einzelnen Trägern immer grössere Zwischenräume entstanden.

Vor unserm Abmarsche von Kaketta verteilte ich die von Wien mitgenommenen Wassersäcke und belehrte die Leute, dass sie mit dem mitgeführten Wasserquantum sehr sparsam zu wirtschaften hätten, damit es auch auf zwei Tage reichen könne. Unser Karamojomann, den wir vorausgeschickt hatten, sagte uns nämlich, dass er auf dem Wege nach Naqua nur zwei grössere Wassertümpel aufgefunden habe. Den Trägern wurde ausserdem noch der Befehl erteilt, dass unter keinen Umständen jemand zurückbleiben dürfe, da er sonst von den Shensi, den wilden Eingeborenen, ermordet würde. Die Askari wurden derart verteilt, dass auf je 15 bis 20 Träger ein Soldat entfiel und der Sergeant am Ende der Karawane marschierte. Der Führer der Nairobiträger war Sefu, unser zweiter Heatman, der aus Deutsch-Ostafrika stammte; für die Tragesel hatten wir 10 Eingeborene mit Chamsini als Heatman.

Da Dr. Stigler, der noch immer fieberkrank war, nicht marschieren konnte, sondern in einer Hängematte getragen werden musste, brauchten wir acht Mann hierfür als Träger, die wir in Kaketta vergeblich aufzunehmen trachteten. Wir griffen daher, im Einverständnis mit dem Baganda-Agenten und dem Häuptlinge, zur Gewalt. Letzterer liess am Abend vor unserm Aufbruch zehn kräftige Eingeborene unter irgend einem Vorwande in unser Lager kommen, wo ihnen erklärt wurde, dass sie unbedingt mit uns ziehen müssten. Sie weigerten sich energisch dagegen, wurden aber sofort von den Askari bewacht und am nächsten Tag gezwungen, mit uns zu marschieren. Der Druck der Verhältnisse hatte uns leider genötigt, zu dieser äussersten Massregel zu greifen.

Tafel 46
Fischende Träger
Badende Träger
Tafel 47
Die Träger bringen Holz für die Küche
Lager am Kirkpatricksumpf
Tafel 48
Blick gegen die Toburberge
Blick gegen die Naquaberge
Tafel 49
Erlegtes Nashorn
Vegetation im Naquatal

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DURCH DAS UNERFORSCHTE UGANDA.

Der Marsch durch die Steppe / Die erste Lagerstelle / Ein Eldorado für Jäger / Am Kirkpatricksumpf / Ein angreifendes Nashorn und sein Opfer / Am Fuss der Naquaberge / Gewaltmärsche / Zusammengebrochene Träger.

Am 26. Jänner verliessen wir Kaketta, die nördlichste und letzte Eingeborenenstation in der von den Engländern verwalteten Zentralprovinz Ugandas, und nun lag vor uns die wilde, unerforschte, pfadlose Steppe mit all den Gefahren für jene, die vorhaben, in sie einzudringen. An der Spitze der Karawane marschierte unser Karamojoführer Adubungomoi (d. h. der im Kampfe einen getötet hat) mit dem Naquahäuptling und dessen Begleiter, hinter ihnen folgten ich, mein Boy und mein Gewehrträger, die beiden jungen Schmetterlingsfänger Amissi und Paulo, dann kam die lange Reihe der Träger, von denen der erste unsere Expeditionsfahne trug, und den Schluss bildete Dr. Stigler in der Hängematte und der Askari-Sergeant. Wir bahnten uns den Weg durch hohes Steppengras mit immer häufiger werdenden Flötenakazien, deren lange spitze Nadeln wir oft unangenehm an unseren Körpern verspürten, und erreichten gegen Mittag einen grossen Wassertümpel, dessen steil abfallende Ufer vermuten liessen, dass hier zur Regenzeit ein ziemlich wasserreicher Fluss seine Fluten nilwärts wälze. Da wir nach Aussage unseres Führers und des Naquahäuptlings die nächste Wasserstelle vor Einbruch der Nacht nicht mehr erreichen würden, schlugen wir hier unser Lager auf (Tafel 46).

Nach dem Abkochen entwickelte sich an den Ufern und im Wasser selbst bald ein lebhaftes Treiben. Die Wasserfläche mit ihren ungezählten weissen und violetten Seerosen glänzte im goldenen Schimmer der hochstehenden Sonne und gegen hundert Eingeborene standen bis zur Brust im Wasser und versuchten unter grossem Geschrei mit irgend einem Angelstock ihr Petriheil. Auf unserem Abendtisch gab es daher zur Abwechslung wieder einmal frisch zubereitete Fische von [Pg 90]der gleichen Art wie die im Salisbury-See gefangenen. Auch sonst war die Gegend sehr wildreich, und mir gelang es, für unsere Küche in kurzer Zeit zwei Digger und einen Hartebeest zu erlegen. Abends zündeten wir wie immer grosse Feuer an, um etwaige Leoparden und die heranschleichenden Hyänen vom Lager fernzuhalten.

Das Ziel unseres nächsttägigen Marsches war der Kirkpatrick-See, so benannt nach dem unglücklichen, von den Naqualeuten ermordeten englischen Major. Vier Stunden lang marschieren wir bei 43 Grad C. durch die fast baumlose Steppe, deren zwei Meter hohes Gras so steif und hart war, dass es sogar den Steppenbränden Widerstand leistete. Es sind wohl die Grasspitzen verkohlt, der untere Teil ist aber nur stark angerusst, so dass während des Marsches das Gesicht und die Hände ebenso wie unsere Kleider ganz geschwärzt wurden.

Wir nähern uns immer mehr den Naquabergen, an deren Fuss dichtes Buschland liegt, und unser Führer deutete nach Nordwest auf eine grüne Insel, die mitten in die gelbe Grassteppe eingebettet und unser nächster Wasserplatz ist. Bis dorthin ist es noch einige Meilen weit, aber das Landschaftsbild änderte sich sehr bald wie mit einem Schlage. Die öde einsame Steppe belebt sich, Zebras und Kongonis werden sichtbar, auf allen Seiten springen Zwerggazellen auf, und wir stehen mit einemmale inmitten eines prächtigen Naturwildparkes. Während unsere Karawane zum Lagerplatz abbiegt, reite ich mit Schwarzer voraus, und wir birschen beide auf je ein Rudel grosser Antilopen, die allerdings rasch flüchtig werden, dafür taucht aber weit in der Ferne ein mächtiger Elefant auf, der in kurzem Trab gegen die Naquaberge zuläuft. Wir wollten ihm den Weg abschneiden, um ihn einzuholen, aber es gelang uns nicht, und er verschwand schliesslich im Buschland. Infolge des Wildreichtums dieser Gegend beschlossen wir, einen Tag hier Rast zu halten und unsere Karawane reichlich mit Fleisch zu versehen.

Gleich am frühen Morgen birschte ich mit Schwarzer und war eben im Begriffe, einem Rudel Hartebeeste nachzujagen, als wir in der Entfernung von einigen Kilometern mehrere Giraffen ihre langen Hälse in die Höhe strecken sahen. Nun ging es im Trab auf sie los, [Pg 91]mitten durch zwischen Strausse, Kongoni, Antilopen und Gazellen, die vor uns aufspringen und schnellfüssig im hohen Grase wieder verschwinden, bis wir auf 500 Schritt an die Giraffen herankommen. In die Herde, die acht Stück, darunter einen mächtigen, dunkelbraun gefärbten Bullen zählt, kommt aber plötzlich eine gewisse Unruhe, der Bulle hat mich eräugt, und nun wird das ganze Rudel hoch und flieht in wiegendem, immer schneller werdendem Schritt einen kleinen Hügel hinab gegen die Naquaberge. Schwarzer versuchte, den Giraffen in grossem Bogen den Weg abzuschneiden und sie gegen mich zu drücken, aber die Mühe war vergebens, und ich konnte auf dem mehrere Meter hohen Termitenhügel, den ich erstiegen hatte, nur noch die Flucht der Tiere beobachten.

Nachmittags ging Dr. Stigler auf die Birsch und kehrte mit einem Warzenschwein heim. In der Nacht darauf wollten die Askari das Gebrüll von Löwen gehört haben, so dass in diesem Eldorado für Jäger fast jede Art von Grosswild vertreten erschien. Um so ärmer war es dafür an Vögeln, und es wurden nur ein Sekretär, ferner ein Hornrabe (Bucorous abyssinicus) und ein Marabustorch geschossen, der auf einem hohen Baume stand, dem einzigen, der im Umkreis von vielen Quadratkilometern zu sehen war. Auch Käfer und Schmetterlinge fanden wir nur sehr wenige.

Wie auf der ganzen Strecke seit Jinja ist auch hier der Boden vulkanischer Natur, und nur selten zeigen sich Findlinge von Urgestein. Der Sand ist rotbraun gefärbt, in der Steppe jedoch infolge der vielen Brände gewöhnlich ganz schwarz. Unser Lager befand sich in der Nähe eines grossen Wassertümpels mit schmutziggrünem Wasser und dichtem Schilf. Auf der englischen Generalstabskarte ist in dieser Gegend der Kirkpatrick-See eingezeichnet, der vom Assuariver durchflossen wird. Wir sahen aber weder etwas von einem See, der nach der Karte eine grosse Ausdehnung besitzen musste, noch ein fliessendes Wasser, sondern nur eine weite baumlose Grassteppe mit einem schilfigen etwa 8 m breiten Wasserlauf, in welchem das Wasser aber ruhig zu stehen schien. In der Regenzeit mag sich hier wohl ein viele Kilometer langer und breiter Swamp ausdehnen, [Pg 92]der in der Ferne wie ein See erscheint und der von den Engländern nach dem unglücklichen Offizier benannt wurde. Ich nenne ihn in meiner Routenkarte „Kirkpatrick-Swamp“ (Tafel 4748).

In dem hier aufgeschlagenen Lager mussten wir von den Halsketten Gebrauch machen, die die Askari für renitente Träger mitgenommen hatten, da uns am Tage vorher einer der aus Kaketta mitgenommenen Träger entlaufen war. Jeder dieser Eingeborenen erhielt einen Ring um den Hals und war mit dem nächsten durch eine entsprechend lange Kette verbunden, die ihnen genügend Bewegungsfreiheit schuf, jede Möglichkeit eines Davonlaufens aber nahm. Ausserdem standen sie ununterbrochen unter der Aufsicht eines Askari.

Beim Morgengrauen des nächsten Tages brachen wir das Lager ab und setzten unseren Marsch zu den Naquabergen fort. Ein Gefühl gespannter Erwartung bemächtigte sich unser, und wir waren besonderer Gefahren, ja auch eines etwaigen Angriffes der Eingeborenen gewärtig, da wir nun in völlig unbekanntes, von kriegerischen Stämmen bevölkertes Land eindrangen. In langgezogener Linie bewegte sich die Karawane gegen Nordwesten durch die Grassteppe mit ihrem von grossen Rissen und Sprüngen durchzogenen Boden, und erst nach anderthalb Stunden gelangten wir in offenes Buschland. Ich ritt auf meinem Maultier, arglos mit Schwarzer plaudernd, als der vor mir gehende Adubungomoi, der Karamojoführer, plötzlich auf mich losstürzte, mit seinem Speer nach rechts deutete und „Bwana mkubwa, pharo, pharo!“ (Herr, ein Nashorn), ruft. Ich sprang rasch von meinem Maultiere, ergriff meinen Mannlicher-Schönau und sah ungefähr 500 bis 600 Schritt in gleicher Höhe mit mir einen dunkeln Koloss traben. Ich liess die Karawane sofort halt machen und verfolgte mit Schwarzer, meinem Gewehrträger und dem Karamojoführer das Nashorn, dem wir bis auf 300 Schritt nahekamen. Da stellte es sich direkt gegen uns auf. Wir hatten sehr guten Wind, weshalb es den Lärm, den das hohe Steppengras während des Anbirschens machte, nur schlecht hörte. Nachdem es uns nicht eräugte, — Nashörner sehen bekanntlich sehr schlecht — trollte es sich wieder fort und wir folgten weiter im Laufschritt. Dieses Spiel wiederholte sich einige Male, bis sich [Pg 93]das mächtige Tier plötzlich mit dem Vorderkörper und gesenktem Haupte gegen uns wendete. Diesen Moment benützte ich, um einen Blattschuss anzubringen, der gut sass, denn das Nashorn drehte sich am Flecke mit unheimlicher Schnelligkeit und brach dann in aufrechter Stellung auf allen Vieren zusammen.

Die ganze Jagd spielte sich innerhalb weniger Minuten ab, und wir hatten gerade noch Zeit gefunden, das erlegte Tier in der Nähe zu betrachten, als der Gewehrträger gelaufen kam und nach rückwärts deutend abermals den Ruf „Pharo!“ ausstiess. Wir wandten uns sofort um und sahen, wie rückwärts, etwa 800 Schritt von uns entfernt, ein zweites Nashorn in scharfem Trab und mit gesenktem Kopf direkt gegen die Träger losstürmte. Wir hörten ein Klirren und Krachen der weggeworfenen Kisten und Koffer, und die Träger stoben in wilder Flucht auseinander. Tatenlos mussten wir sehen, wie das mächtige Tier die Kette der Träger durchbrach und immer noch mit gesenktem Haupte weiterstürmte und schliesslich im hohen Steppengras verschwand. Da kam schon im Laufschritt ein Askari mit der Meldung, dass ein Mann schwer verletzt sei, und tatsächlich wurde hinter ihm der grösste und stärkste der aus Kaketta mitgenommenen Träger blutüberströmt zu uns gebracht. Er war, wie die andern Träger, auf die Seite gesprungen, vom Nashorn jedoch zu Boden geworfen worden und hatte dabei eine ungefähr 15 cm lange Rissquetschwunde auf der linken Wange davongetragen. Wir labten den Verwundeten zuerst mit Tee, und Dr. Stigler packte seinen Medizinkoffer aus und vernähte und verband seine Wunde (Tafel 49).

Nachdem die Träger von dem erlegten Tier das Horn und einige Streifen Haut abgenommen hatten, wurde in scharfem Tempo weitermarschiert, denn der Weg bis zur nächsten Wasserstelle war noch sehr weit. Stundenlang ging es durch immer dichter werdendes Buschland, und die Wassersäcke waren infolge der grossen Hitze schon stark entleert. Die grösste Sorge bereiteten uns die Träger, die trotz der schweren Lasten ihre vier, fünf Stunden leicht zurücklegten, aber ausserordentlich ermüdeten, wenn der Marsch doppelt so lang währte und durch wasserlose, unbeschattete Gegenden führte. Der grösste Teil [Pg 94]der Karawane war weit hinter uns, und mit uns folgten nur einige wenige, besonders starke und vielleicht auch besonders ehrgeizige Eingeborene. Wir Europäer waren nicht weniger ermüdet, durften dies aber, um den Eingeborenen kein schlechtes Beispiel zu geben, nicht zeigen. Denn an eine längere Rast konnten wir nicht denken. Indess gelangten wir endlich an den Fuss der Naquaberge und fast plötzlich umfing uns statt des bisherigen eintönigen Buschlandes eine reiche, tropische Vegetation. Mächtige alte Bäume gewährten kühlen Schatten, und wir standen am Eingang eines schmalen, von West nach Ost sich tief in die Naquaberge erstreckenden Tales, in dem wir auf einer alten Elefantenfährte unseren Weg suchten. Mühsam zwängten wir uns Mann für Mann durch das Urwaldgestrüpp, als plötzlich rechts von uns ein Krachen und Brechen und gleichzeitig der Ruf „Tembo“ (Elefant) ertönte. Wir erwarteten mit schussbereiten Gewehren den Durchbruch der Tiere, sie zeigten sich aber nicht, und wir drangen immer tiefer in die üppige Vegetation ein, in der sich besonders die schönen Burassuspalmen mehrten (Tafel 50). Nach einer Stunde schloss sich vor uns die Bergkette gegen eine sattelartige Vertiefung, von der herab ein glattgeschliffenes Granitfelsmassiv bis ins Tal reichte. Mehrere Felsenlöcher, die sich in terrassenförmigen Abstufungen vorfanden, waren mit Regenwasser gefüllt — unsere ersehnte Wasserstelle. Elefanten-, Gazellen- und Hyänenspuren bezeichneten den Weg dorthin, und das Wasser war auch stark von den Tieren verunreinigt, aber trotzdem bedeutete es für uns einen köstlichen, langentbehrten Genuss. Ich bestimmte den unteren Wassertümpel für uns Europäer und stellte ihn unter Bewachung eines Askari, den oberen für die Träger. Diese Scheidung war nötig, da die Eingeborenen die schlechte Eigenschaft haben, die Wasserstellen, sowie sie ihren Durst gelöscht haben, sofort durch Baden und noch Aergeres zu verunreinigen. Die Maultiere und Esel wurden aus den Stoffeimern getränkt, da für sie ein Trinken an Ort und Stelle infolge der glatten Felsen zu grosse Absturzgefahr mit sich gebracht hätte. War es doch meinem Freunde Dr. Stigler passiert, dass er, als er zum Bergsattel aufstieg, um Umschau nach einem geeigneten Lagerplatz zu halten, ausglitt und mit Kleidern, [Pg 95]Schuhen und Tropenhelm in einen Wassertümpel abrutschte, wo er zu einem unfreiwilligen Bade kam.

Inzwischen hatte ich selbst am Fusse eines steilen Felsabsturzes in nächster Nähe der Wasserstelle einen Platz gefunden, der für das Aufstellen unserer Zelte geeignet erschien. Es stellte sich aber nun heraus, dass von den Trägern erst eine ganz kleine Schar angelangt und von den Zelten, Betten und Sesseln noch keine Spur zu finden war. Trotzdem es bereits dämmerte, vermissten wir noch über die Hälfte unserer Leute. Wir sandten fünfzehn Träger mit Wassersäcken zurück, um den zurückgebliebenen und halbverschmachteten Eingeborenen behilflich zu sein. Auf zwei Stunden Weg war unsere Marschlinie mit zusammengebrochenen Trägern besetzt, und einzelne unserer Eingeborenen gingen zweimal, ja dreimal zurück, um die Liegengebliebenen aufzulesen und deren Lasten zu tragen. Einer der Ermatteten war überhaupt unfähig, noch weiter zu gehen und musste von vier Mann getragen werden, und so wurde es acht Uhr abends, bis sich die ganze Karawane wieder vollzählig versammelt hatte. Wir mussten noch froh sein, dass der Gewaltmarsch dieses Tages keine schlimmeren Folgen aufwies. Seit halb fünf Uhr morgens waren wir auf den Beinen gewesen und hatten — nach Abzug der wenigen kurzen Rasten — einen ungefähr zwölfstündigen Marsch hinter uns, der bei glühender Sonnenhitze und sparsamstem Wasserverbrauch durch meterhohes, steifes Steppengras zurückgelegt worden war. Wer unter ähnlichen schwierigen Verhältnissen Steppenreisen in der heissen Glut der Aequatorialsonne gemacht hat, dürfte diese Leistung zu schätzen wissen. Dass wir mit unserer langen Karawane schliesslich doch dies Gebiet glücklich durchquert hatten, verdankten wir zum grossen Teil der Energie unserer Askari, ebenso aber auch der strammen Disziplin, die wir den Eingeborenenträgern bereits beigebracht hatten. Beide Umstände trugen dazu bei, dass wir ohne jeglichen Verlust von Menschenleben — den wir nach den von Gouverneur Jackson gemachten Erfahrungen schon bei der Elgonbesteigung gefürchtet hatten — durchgekommen waren.

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EIN GEPLANTER UEBERFALL.

Vollmondnacht / Die unsichtbaren Eingeborenen / Verräterische Lichter / Von den Wilden eingeschlossen / In voller Kampfbereitschaft / Spannungsvolle Stunden / Abzug der Eingeborenen.

Nachdem rasch abgekocht worden war, trat in unserem Lager vollständige Stille ein. Kein Gesang oder sonstiger Lärm drang zu uns, erquickender Schlaf hatte sich auf die Müden und Ermatteten gesenkt. Die Lagerfeuer waren erloschen, und nur die wenigen, von den Askari unterhaltenen Wachfeuer loderten noch gegen das sternenbesäte Firmament empor, das vom aufsteigenden Vollmond hell beleuchtet war.

Wir Europäer sassen noch am Abendtisch und sprachen über den ereignisreichen Tag, der uns unser Ziel doch erreichen hatte lassen. Wir wunderten uns, dass von den berüchtigten Naquaeingeborenen, die uns von allen als kriegerisch, hinterlistig und verräterisch geschildert wurden, nirgends etwas zu sehen war, trotzdem wir mitten in ihre Gebiete eingedrungen waren. Schon beim Einmarsch in das schmale Tal hatten wir genau die Bergabhänge abgesucht, jedoch weder eine Hütte noch einen Eingeborenen erblicken können. Kurz vor unserer Ankunft in Kaketta hatten sie die Kumamas — die Bewohner der Teso-Provinz — kriegerisch überfallen, ihre Niederlassungen geplündert und die Weiber weggeführt. Zudem hiess es von ihnen, dass sie keinen Fremden in ihren Gebieten dulden — trotz alledem waren wir unangefochten bis hierher gelangt. Wir führten dies in erster Linie darauf zurück, dass uns ihr Häuptling, den wir nicht aus dem Auge liessen, gewissermassen als Geisel begleitete. Wir fragten ihn, ob wir mit ihm am nächsten Morgen seine in den Bergen gelegenen Niederlassungen besuchen könnten, er antwortete aber, dass dies nicht möglich sei, da die Hütten viele Stunden vom Lager entfernt liegen. Jedenfalls wollte er es verhindern, dass wir seine Leute, deren Sitten und Gebräuche kennen lernen sollten (Tafel 51).

Tafel 50
Lager im Naquatal
Unser Wasserplatz in Naqua
Tafel 51
Lagerplatz im Naquatal
Naqua-Eingeborene

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Nach neun Uhr — wir waren eben im Begriffe, zu Bette zu gehen und unseren müden Gliedern die wohlverdiente Ruhe zu gönnen — bemerkte Dr. Stigler, der ein ausserordentlich scharfes Auge besitzt, auf der uns gegenüberliegenden Berglehne plötzlich mehrere winzig kleine Lichter (glimmende Holzstücke) aufblitzen, die bald verschwanden, nach kurzer Weile aber wieder sichtbar wurden. Wir beobachteten eine Zeit hindurch die Bewegung dieser Lichtpunkte und konnten uns nicht erklären, woher plötzlich die Menschen gekommen seien, die dort oben mit Lichtern herumwanderten. Rings um uns herrschte Totenstille, und unser Lager war von dem Silberlichte des Vollmondes übergossen, an dem nur dann und wann dünne durchsichtige Wolkenstreifen vorüberzogen. Alles schlief, bis auf die zwei diensthabenden Askari, die ruhig hinter unseren Zelten standen.

Je länger wir die dunklen Bergabhänge beobachteten, desto deutlicher konnten wir das Aufflackern der Lichter verfolgen. Die Sache schien uns immer weniger geheuer, und wir weckten unseren Heatman Abeidi und fragten ihn, was dies eigentlich zu bedeuten habe. Abeidi wollte anfangs unsere Bedenken zerstreuen und meinte, es wären honigsammelnde Eingeborene, die diese Arbeit gewöhnlich zur Nachtzeit verrichten. Als wir aber auch auf den hinter uns liegenden Bergabhang blickten und dort ebenfalls Lichter blitzen sahen, die sich nun auf allen Hängen rings um uns rasch mehrten, wurde Abeidi anderer Meinung und erklärte, dies habe nichts anderes zu bedeuten, als dass wir von den Wilden eingeschlossen seien und jedenfalls einen Ueberfall zu gewärtigen hätten! Nun hiess es, sich rasch auf einen solchen vorzubereiten und Gegenmassregeln zu treffen. Wir liessen den Sergeant wecken und legten ihm die Situation klar, und auch dieser hegte nicht den geringsten Zweifel darüber, dass uns die Naquaeingeborenen in der Nacht angreifen würden. Er liess sofort alle Askari antreten und die Gewehre laden, was auch wir Europäer taten. Wir suchten nun die Abhänge ringsum genau mit den Gläsern ab und konnten konstatieren, dass sie vollständig von den Wilden besetzt waren; auch auf der knapp hinter unseren Zelten aufsteigenden Felswand leuchteten die verräterischen Lichter auf, und sie bewegten sich alle in der Richtung gegen [Pg 98]unser Lager, so dass wir sogar schon die einzelnen schwarzen Gestalten wahrnehmen konnten, die bereits in Schussweite waren. Unverkennbar waren wir nun ringsum von den Naqualeuten eingeschlossen, und dass diese nicht in guter Absicht erschienen waren, musste uns klar sein.

Unsere Situation war sehr unangenehm und gefährlich, denn unser Lagerplatz war klein und das Tal überaus eng, so dass wir im Falle eines Angriffes auch noch befürchten mussten, uns gegenseitig anzuschiessen. Ausserdem hatten wir im ganzen nur 21 Repetiergewehre zur Verfügung, wogegen wir uns darauf gefasst machen mussten, mit ungezählten Giftpfeilen und Speeren überschüttet zu werden. Ein weiterer Nachteil gegenüber den Wilden erwuchs uns endlich auch daraus, dass diese durch die Dunkelheit geschützt waren und von den überhöhten Berghängen ihre Geschosse in die Tiefe schicken konnten, während wir, auf einem kleinen Platz zusammengedrängt, in jeder Bewegung vom Mondlicht beleuchtet waren, so dass wir äusserst gute Zielpunkte abgaben.

Es folgten nun einige Stunden der grössten Spannung. Wir standen alle schussbereit, entschlossen, unser Leben so teuer als möglich zu verkaufen und uns bis zum äussersten gegen den tückischen Angriff der Wilden zu wehren. Jeden Augenblick erwarteten wir, dass der erste Pfeil durch das Dunkel schwirren werde, worauf wir sofort das Feuer eröffnet hätten. Aber wir warteten vergebens, denn unsere Feinde schienen nun anderen Sinnes geworden zu sein. Die grosse Karawane mit den vielen Kisten, den Eseln, Maultieren und anderen Haustieren wäre ihnen gewiss eine willkommene Beute gewesen, aber jedenfalls hatten sie genau unsere Bewegungen verfolgt und beobachtet, dass wir nicht zu überraschen seien und alle Vorbereitungen gegen einen etwaigen Angriff getroffen hatten. Dies mochte sie wohl in erster Linie bewogen haben, von einem solchen abzustehen und ihn vielleicht für eine bessere Gelegenheit aufzuschieben. Je später es wurde, desto spärlicher wurden die Lichter, bis allmählich eines nach dem andern verschwunden war und wir — es war inzwischen halb zwei Uhr nachts geworden — mit geladenen Gewehren endlich zu Bette gehen konnten, nicht ohne vorher noch die Zahl der Wachtposten [Pg 99]zu erhöhen und den Auftrag zu geben, uns sofort zu wecken, sobald irgendeine verdächtige Bewegung wahrzunehmen sei, die auf eine Annäherung der Eingeborenen schliessen lasse. Unsere Nachtruhe wurde aber nicht gestört, und wir waren bald in tiefen Schlummer gesunken, der die Anstrengungen und Aufregungen dieses Tages als willkommenes Ende abschloss.

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IN DEN NAQUABERGEN ABGEIRRT.

Ein Schlangenbiss / Besuch der Eingeborenen / Die Furcht vor den Naqua / Aufbruch in die Berge / Von meiner Karawane abgeirrt / Rencontre mit den Eingeborenen / In heikler Situation / Eine schlaflose Nacht / Unterbrechung der wissenschaftlichen Arbeiten / Eintreffen meiner Karawane / Die Schmiedehütten der Toburleute / Anna- und Josefaberg / Besuch dreier Häuptlinge / In Adelang / Von wilden Bienen überfallen.

Später als gewöhnlich erwachten wir am nächsten Morgen, erquickt von dem Schlaf, der uns so notgetan, und frohen Mutes in der Ueberzeugung, dass wir die Gefahr des nächtlichen Angriffes durch unsere Wachsamkeit und entschlossenen Vorbereitungen abgewendet hatten. Narima Lengomoi (der Tapfere, der viele ermordet hat), so hiess unser Naquahäuptling, verliess schon um 7 Uhr das Lager, um sich zu seinen Leuten zu begeben, und versprach uns, am nächsten Tage einige Eingeborene, auch Weiber, sowie ethnologische Gegenstände mitzubringen.

Jetzt, da wir nicht mehr ermüdet waren und die helle Morgensonne alles bestrahlte, konnten wir uns der ausserordentlich schönen Lage unseres Kamps erst so recht erfreuen. Das lange, schmale Tal, zu dessen beiden Seiten steile Bergwände emporstiegen, war von einer Menge mächtiger, schlanker Burassuspalmen mit ihren grossen, runden, gelben Früchten bewachsen, und an den herabhängenden Wedeln schaukelten sich viele langschwänzige, buntfarbige Vögel. Der Unterwuchs, aus dem viele alte Bäume emporragten, war ungemein dicht und erinnerte an die Vegetation des Urwaldes.

Nachmittags, während ich mit kartographischen Aufnahmen beschäftigt war, bestieg Dr. Stigler mit seinem Sais (Eseltreiber) und seinem Boy Kilimandscharo eine der höchsten Bergspitzen im Naquagebirge, die wir nach seiner Mutter „Annaberg“ benannten. Er kam erst spät abends ins Lager zurück, leider mit einem Schwerverletzten. Sein Eseltreiber war beim Abstieg von der Spitze auf eine Giftschlange getreten, die sich um seinen Fuss ringelte und ihn in die [Pg 101]Wade biss. Dr. Stigler machte sofort an der Stelle des Bisses einen Schnitt, führte die Abbindung durch und gab um die Wunde herum 15 Injektionen von Kaliumpermanganat. Im Lager erhielt der Kranke einige Schalen heissen Tees mit viel Kognak und, nachdem seine Wunde gründlich gewaschen worden war, einen neuen Verband. Zufälligerweise hatte uns Dr. Stigler gerade am selben Tage über die Behandlung von Schlangenbissen belehrt, da wir schon mehrmals Giftschlangen, und zwar Puffottern, angetroffen hatten, und die Oertlichkeit, in der unsere Zelte lagen — neben einer Felswand zwischen dichtem Gestrüpp —, einen beliebten Aufenthaltsort dieser Tiere bildet. Wir erhielten jeder zur Mitführung im Rucksack ausser flüssigem hypermangansauren Kali eine Injektionsspritze und einen Kautschukschlauch zum Abbinden der Blutgefässe. Wie sehr sich diese Vorsichtsmassregeln bewährten, hat gerade der Fall mit dem Eseltreiber Dr. Stiglers gezeigt.

Da wir unbedingt die Naqua-Eingeborenen kennen lernen wollten, hielten wir auch am nächsten Tage Rast, an dem nun tatsächlich der Häuptling mit einigen seiner Eingeborenen in unser Lager kam. Es waren ganz nackte, grosse, kräftige Gestalten mit der Karamojo-Haartracht und von sehr scheuem Benehmen. An Schmuck trugen sie viel weniger als die Wilden, die wir bisher kennen gelernt hatten, nur der eine oder andere den Unterlippenstift und den gewissen Ring mit dem bogenartigen Auslauf, wie wir ihn schon bei den Karamojo gesehen hatten. Der Häuptling beschenkte mich mit seinem Speer, einem Schild aus Giraffenhaut und einem alten Elefantenzahn, und auch die Eingeborenen hatten Speere, Schilde und kleinere Elefantenzähne für mich mitgebracht, wofür sie Eisenringe haben wollten. Sie sind, so wie auch die Toburleute, mit der Behandlung des Eisens sehr vertraut und schmieden sich selbst ihre mit langen Hülsen versehenen, überaus scharfen Speere. Wie hoch sie diese Waffe einschätzen, zeigte sich bei den nun folgenden Tauschgeschäften. Unter zehn Eisenringen war kein Speer zu haben. Ich legte ihnen Amerikani, Perlen, Spiegel, Messer, Fischangeln, Münzen, Tabak und noch viele andere Tauschartikel vor; von all dem wollten sie aber nichts wissen und hatten nur Verlangen nach dem Eisendraht. [Pg 102]Kaum waren wir mit dem Tausch fertig, wollten sie auch sofort wieder abziehen, und ich konnte sie durch Vermittlung des Häuptlings nur mit Mühe solange zurückbehalten, bis wir sie photographisch aufgenommen hatten. Den Häuptling befragten wir, warum Major Kirkpatrick mit seinen Soldaten ermordet worden sei, worauf er verlegen zur Antwort gab, dass der Ueberfall eigentlich mehr den Askari gegolten habe, die von den Naqualeuten gehasst wurden. Wir gaben ihm dann einen Brief, in dem wir ihm bestätigten, dass er uns begleitet hatte und wir durch seine Anordnungen vor Ueberfällen bewahrt wurden, und nahmen ihm das Versprechen ab, dass er uns einen seiner Leute als Führer durch das Toburgebiet mitgebe. Sodann verabschiedeten wir uns von ihm, nachdem wir ihn noch reichlich beschenkt und bewirtet hatten, und er verliess mit den bereits ungeduldig gewordenen Eingeborenen rasch unser Lager.

Unser Karamojoführer Adubungomoi hatte vor den Naqualeuten einen derartigen Respekt, dass er sich allein kaum einen Schritt vom Lager zu entfernen wagte. Ich schickte ihn vormittags aus, mit dem Auftrage, nach Wild zu suchen, da wir für unsere Küche frisches Fleisch benötigten, aber er bestand darauf, von zwei Askari begleitet zu werden, und ging auch dann nur eine halbe Stunde weit fort. Er behauptete, dass ihn die Eingeborenen sofort ermorden würden, wenn sie ihn irgendwo allein anträfen. Dieselbe Furcht zeigten auch die Träger, die sich sonst fast von jedem Lager aus grössere Ausflüge erlaubten, hier aber den Umkreis des Lagerplatzes nicht zu verlassen wagten. Gewitzigt durch die Aufregungen der ersten Nacht, in der uns die Wilden rings eingeschlossen hatten, umgaben wir übrigens unsere Zelte mit einem Verhau aus dornigen Aesten, um so den ersten Anprall eines nächtlichen Angriffes zum mindesten abzuschwächen.

Am nächsten Morgen brachen wir unser Lager — das landschaftlich schönste seit den Rastplätzen auf dem Elgon — ab, um zu der nächsten Wasserstelle weiter zu marschieren, die nach Aussage unseres Führers in den Toburbergen lag. Ich ging mit dem Naquaführer, meinem Boy und Gewehrträger sowie einem Askari voraus, [Pg 103]während die Karawane langsam hinter uns herzog. Nach einer Stunde war das schmale Tal zu Ende, und wir hatten den südlichen Rand der Abhänge des Naquagebirges erreicht. Wir rasteten, bis wir die ersten Gestalten der lasttragenden Eingeborenen hinter uns auftauchen sahen, und marschierten dann längs des Südrandes des Gebirgszuges mehrere Stunden durch Buschland und pfadlose Steppen mit 2 m hohem Gras, bis wir schliesslich am Eingang eines ziemlich breiten Tales standen, in dem sich, wie unser Naquaführer sagte, ein Wasserloch befinden sollte. Hier warteten wir wieder, um die Verbindung mit der Karawane nicht zu verlieren, sahen auch bald hinter uns die Kette der Träger auftauchen und setzten dann den Marsch fort. Nicht lange hierauf liess die Gegend auf die Nähe von Niederlassungen schliessen, da wir einige Durrafelder und Hütten antrafen, in denen Mehl aufbewahrt wurde. Während des Marsches erlegte ich einige Vögel, nicht ahnend, dass Schüsse in dieser Gegend ein sehr unangenehmes und unerwünschtes Echo haben, weil sie den Eingeborenen die Anwesenheit von Fremden verrieten. Mein Boy machte mich denn auch sehr bald darauf aufmerksam, dass sich an den Abhängen zu beiden Seiten des Tales viele Wilde zeigten, die, von dem Knall meiner Schüsse aufgeschreckt, ihre Dörfer verlassen hatten und wahrscheinlich meinten, es dringe eine englische Expedition vor, um ihr Land zu besetzen. Denn es war bis hierher die Kunde verbreitet, dass im Nordosten von Naqua und Tobur viele Hunderte von Eingeborenen im Kampfe mit englischen Strafexpeditionen ihr Leben gelassen hatten und viele Niederlassungen von den Engländern in Brand gesteckt worden waren.

Ich beobachtete mit grossem Interesse die Bewegungen der Eingeborenen, die bald die Flucht ergriffen, und machte mir keine weiteren Sorgen, da ich ja die Karawane hinter mir wähnte. Wie gefährlich aber die Situation für mich war, erkannte ich erst, als wir gegen 1 Uhr nachmittags bei der Wasserstelle, einem kleinen, tiefen Loch mit schmutzigem, vollständig verunreinigtem Wasser anlangten, dort Rast machten und auf unsere Karawane warteten. Die hinter uns marschierende Trägerlinie, mit der wir die Verbindung den ganzen Weg hindurch [Pg 104]aufrecht erhalten hatten, tauchte wohl auch nach kurzer Weile auf, sie entpuppte sich aber, als sie näher kam, nicht als unsere Karawane oder deren Vorhut, sondern als eine kleine Schar der Trägerboys. Manche unserer Träger sowie die Askari hatten nämlich für einen geringfügigen Lohn junge Burschen im Alter von zehn bis siebzehn Jahren aufgenommen, die ihnen die Trägerzelte, die Kochtöpfe und Wolldecken zu tragen hatten. Da ich immer an der Spitze der Karawane, diese Boys jedoch ganz rückwärts marschierten, waren sie mir bisher fast unbekannt geblieben, und ich hatte sie jetzt auf den Plätzen, wo ich auf die Karawane wartete, jedesmal, wenn sie mit ihren Lasten aus dem hohen Steppengras auftauchten, für meine eigenen Träger gehalten, so dass ich glaubte, nun ruhig weitermarschieren zu dürfen. Durch dieses Missverständnis war ich nun von meiner Karawane getrennt, die, wie sich dann später herausgestellt hat, nicht unserer ausgetretenen Spur, sondern unter der Führung Abeidis Kongonifährten folgte, die er für die Spur meines Maultieres hielt. Infolgedessen bog sie viel früher in die Berge ab als wir und gelangte in ein Tal, das durch eine hohe Bergkette von dem unseren getrennt war.

Tafel 52
Toburfrau
Junge Toburmänner

Vorläufig war nun nicht viel zu tun, um diesen Irrtum wieder gutzumachen. Ich ruhte von dem Marsche aus und überlegte, wie ich am besten wieder zu meiner Karawane kommen könnte, als mich mein Boy Simon plötzlich aufmerksam machte — ich lag ausgestreckt im Grase —, dass wir von Eingeborenen eingeschlossen seien. Diesmal waren sie aber nicht, so wie in unserem letzten Lager, in weiter Entfernung, sondern standen, nachdem sie sich lautlos angeschlichen hatten, bloss einige Schritte weit, wie mit einemmale aus dem Boden gewachsen, vor uns. Es waren zehn grosse, junge, kräftige, wild blickende Gestalten, von einem alten Häuptling geführt, jeder hielt einen Speer in der Linken und schwang ausserdem noch einen zweiten in der Rechten. Durch Saléh, meinen Gewehrträger, der die Sprache der Eingeborenen kannte, erfuhren wir schliesslich, dass der Häuptling frage, ob ich kämpfen wolle. Meine harmlosen Schüsse hatten also die Eingeborenen derart erregt, dass sie meinten, sie gälten [Pg 105]ihnen und nicht den Vögeln. Der Askari und Saléh hatten ihre Gewehre schussbereit gehalten, was ich aber sofort einstellte, da ich sah, dass hinter den Büschen sich noch eine grosse Anzahl mit Speeren bewaffneter Eingeborener versteckt hielt und wir demnach einer gewaltigen Uebermacht gegenüberstanden. Ich hielt es daher für das Klügere, mich in Verhandlungen einzulassen, und liess dem Häuptling sagen, dass wir nicht die mindesten feindlichen Absichten hätten, dass die Schüsse den Vögeln gegolten hatten, von denen ich ihm zehn Stück vorzeigen konnte, und dass ich ihn, sobald meine grosse Karawane angelangt sei, reich beschenken werde. Auf das hin sprach er mit den Eingeborenen, die ihre zum Kampf erhobenen Speere sinken liessen, kam auf mich zu und reichte mir die Hand, die ich ihm freundschaftlichst drückte (Tafel 52).

Das ganze Zwiegespräch hatte viel Zeit in Anspruch genommen, da sich der Häuptling in der Karamojosprache nur mit Saléh verständigen konnte, dieser dessen Worte meinem Boy in Suaheli übersetzte, bis mir Simon schliesslich den Inhalt des Gespräches auf Englisch mitteilte. Da wir nun anscheinend gute Freunde geworden waren, liess ich den Häuptling ersuchen, er möge mir Milch und Hühner schicken, was er auch zusagte. Er wünschte hierauf von mir ein Mittel gegen seine schlechten Augen und hatte ein besonderes Verlangen nach meinen Sonnengläsern, durch die ich ihn wohl schauen liess, die ich ihm aber nicht geben konnte, da sie, nachdem mir schon drei Gläser gebrochen waren, meine letzten waren. Auch mein Khakianzug erregte sein Gefallen, welche Liebe zu Kleidern wir übrigens auch bei den Eingeborenen, denen wir dann später begegneten, sehr ausgeprägt vorfanden. Nachdem ich ihm aber auch diesen nicht gut abtreten konnte, verliess er uns mit seinen Begleitern.

Ich schickte nun sofort meinen Gewehrträger auf einen Hügel, um nach unserer Karawane Ausschau zu halten. Nach zwei Stunden kam er mit der Meldung zurück, dass niemand zu sehen sei. Die Situation wurde nun für uns sehr unangenehm, und ich musste mich darauf gefasst machen, ohne Nahrung, ohne Zelt und Bett wahrscheinlich auch die Nacht hier zu verbringen. Am Nachmittag waren zwar einige [Pg 106]Eingeborene mit einem Huhn, Milch und Eiern gekommen, sie erklärten aber, dass ich ihnen vorher Eisenringe geben müsse. Als ich ihnen sagte, sie würden diese und noch viele andere schöne Dinge erhalten, sobald meine Karawane eingetroffen sein werde, meinten sie, sie würden wieder kommen, wenn diese wirklich hier wäre, und zogen sich unter Mitnahme der gebrachten Lebensmittel, die wir demnach nur ansehen durften, misstrauisch zurück. Unter ihnen war auch ein sehr kräftiger, hübscher, energischer Junge, der mir mehr Vertrauen zuzuwenden schien als die übrigen und mir mitteilen liess, dass auf dem nördlich von unserem Platze aufsteigenden Bergrücken eine grosse Karawane gesehen worden sei. Es konnten dies nur meine Träger sein, und ich liess den Jungen unter Zusicherung grosser Geschenke bitten, er möge die Karawane aufsuchen und Dr. Stigler einen Brief übermitteln. Nach langem Hin und Her erklärte sich der Eingeborene hierzu bereit und übernahm den Brief, in dem ich Dr. Stigler meine heikle Situation schilderte. Der Bursche machte sich sofort auf den Weg und hoffte, bis zum aufgehenden Mond wieder zurück zu sein.

Er hatte sich aber in seiner Annahme verrechnet, denn die Karawane war viele Stunden weit entfernt. Wie sich später herausstellte, war sie, irregeführt durch Wildfährten, die sie für die Spuren meines Maultieres hielt, tief in ein Hochgebirgstal hineingekommen, wo kurze Rast gehalten wurde. Dr. Stigler ging von dort aus mit seinem Boy zu einer auf der Höhe gelegenen Eingeborenen-Niederlassung, um nach Wasser zu fragen und vielleicht Nachricht über meinen Aufenthalt zu bekommen. Die Karawane, die auf dem Rastplatz kein Wasser hatte, marschierte mit den übrigen Europäern gegen Norden weiter, in der Hoffnung, Dr. Stigler einzuholen, und erreichte erst nachts eine Wasserstelle. Dr. Stigler hatte unterdessen gleichfalls Wasser gefunden, war nun aber auch von der Karawane getrennt. Wenigstens hatte er aber die Esel mit den Konservenbüchsen bei sich und hatte auch anordnen können, dass ihm Zelt und Bett geschickt wurden.

Ich hatte mich inzwischen wohl oder übel in mein Schicksal gefügt und bereitete mich darauf vor, die Nacht ohne Zelt und Bett, und ohne eine Nahrung zu mir genommen zu haben, im Freien zuzubringen. [Pg 107]Zwischen den Bäumen liess ich mir mit abgeschlagenen Aesten und Zweigen ein Verhau errichten, um einigermassen gegen den immer schärfer blasenden Nordwind geschützt zu sein, und bereitete mir dann innerhalb desselben aus abgeschnittenem Gras, das ich mit einem Wettermantel zudeckte, ein primitives Lager. Mein Askari und Saléh hielten abwechselnd Wache. Die Nacht war hell, und der aufsteigende Vollmond umschleierte mit seinem Silberlichte das breite Tal und die Konturen der steilen Bergabhänge. Ich konnte nicht viel schlafen und verbrachte den grössten Teil der Nacht wachend, denn eine Unmenge von Gedanken über meine Lage — es war bitter kalt geworden und ich musste mich wiederholt an dem nahen, hochlodernden Lagerfeuer wärmen — und die zu gewärtigenden Möglichkeiten stürmten auf mich ein und liessen mich nicht zur Ruhe kommen. Ich war inmitten eines feindlich oder mindestens sehr unfreundlich gesinnten Volksstammes, dem ich mit meinen wenigen Begleitern und den zwei Gewehren, die ich nebst einer Pistole mithatte, fast machtlos gegenüberstand. Es schien nicht ausgeschlossen, dass ich noch eine zweite und dritte Nacht hier auf diese Art würde zubringen müssen, womit auch die Gefahr einer Erkrankung stieg.

Mit grosser Freude begrüsste ich daher den ersten Schimmer der Morgendämmerung und schickte alsbald meinen Gewehrträger zum Häuptling, um mir für zwei Eisenringe, die ein Boy Abeidis zufällig bei sich hatte, Eier einzutauschen. Er kam auch mit neun Stück Eiern zurück, die jedoch alle schlecht waren. Der Naquaführer Amaké hatte mich tags zuvor sofort, als er bemerkte, dass meine Karawane nicht nachfolge, verlassen, sich zu den Eingeborenen begeben und dürfte sie gegen mich aufgehetzt haben. Denn ein Eingeborener aus Kamjuru, der sich zuerst bereit erklärt hatte, mich zur nächsten Wasserstelle zu führen, kam bald darauf in Begleitung des Naquaführers mit der Erklärung zurück, dass er nicht mitgehen könne, und Amaké selbst verlangte frech den Amerikanistoff, den ich ihm versprochen hatte.

Der ganze Vormittag verging, ohne dass wir irgendwelche Nachricht erhalten hätten, und hunderte Male schweiften unsere Blicke auf [Pg 108]die nördlich gelegenen Abhänge, um den gestern abgeschickten Eingeborenen mit der so sehnsüchtig erwarteten Antwort Dr. Stiglers zu erspähen. Gegen Mittag endlich brach ich auf, um den nächsten Wasserplatz zu erreichen, wo ich meine Karawane anzutreffen hoffte. Nach dreiundeinhalb Stunden schnellen Marsches kam uns der Tobur-Eingeborene entgegen mit einem Schreiben Dr. Stiglers, das ich in gespanntester Erwartung öffnete. Mein Gefährte teilte mir mit, dass er mir einige Träger mit Zelt, Bett und Konserven in mein Lager schicke, er selbst mit der wiedergefundenen Karawane auf einem Hochplateau übernachte und erst am nächsten Morgen folgen könnte, da die Träger durch einen zwölfstündigen Marsch vollkommen erschöpft seien. Auf diese Nachricht hin kehrte ich, um die mir entgegengesandten Träger nicht zu verfehlen, sofort auf meinen alten Lagerplatz zurück, obgleich ich auf dem Wege schon Spuren meiner Karawane sehen konnte. Es dämmerte bereits, als mir in der Nähe meines alten Kamps vier Träger meiner Karawane unter Führung eines Eingeborenen begegneten. Sie waren alle total erschöpft, denn ihre Marschleistung hatte nicht weniger als sechzehn Stunden betragen. Bei der Wasserstelle wurde nun rasch abgekocht, ich teilte die Konserven mit meinen braven Begleitern, und gleich darauf sank jeder todmüde auf sein Lager zu erquickendem Schlaf hin. Der Askari und der Gewehrträger hielten abwechselnd wieder die Wache und sorgten auch für die grossen Feuer, die wir angezündet hatten, um uns, wenn möglich, unserer Karawane bemerkbar zu machen. Diese selbst unterhielt ebenfalls grosse Lagerfeuer, die auf einem viele Meilen von uns entfernten, hoch in den Bergen gelegenen Sattel aufflackerten und von uns deutlich gesehen werden konnten.

Während dieser zwei Tage, in denen ich von meiner Karawane getrennt war, musste ich mangels der Apparate mit den kartographischen und meteorologischen Aufnahmen zum ersten Male auf dem viele Hunderte Kilometer langen Wege von Jinja bis hierher aussetzen. Es war mir schon zur täglichen Gewohnheit geworden, morgens vor dem Abmarsch und abends bei Beginn der Dämmerung meine meteorologischen Aufzeichnungen zu notieren, die sich auf die Maximum-Minimum-Temperaturen [Pg 109]der letzten 24 Stunden, auf jene des Trockenheits- und Feuchtigkeits- und Schleuderthermometers, auf den von den Barometern abgelesenen Luftdruck und schliesslich auf Bewölkung, Windrichtung und etwaige Gewitter erstreckten. Leider war durch diese Trennung meine zweite astronomische Uhr, die sich im Koffer befand, stehen geblieben, und es blieb mir für die genaue Zeitbestimmung bei den astronomischen Beobachtungen nur die eine, die ich bei mir führte.

Am nächsten Morgen ging ich, nachdem ich mich ordentlich ausgeschlafen hatte, auf die Vogeljagd. Als ich von ihr gegen 10 Uhr vormittags im Lager eintraf, war dort bereits die Vorhut der Karawane und mit ihr auch Dr. Stigler angekommen. Wir begrüssten uns mit grosser Freude, und nun ging es an ein langes Erzählen der gegenseitigen Erlebnisse. Wir waren glücklich, dass diese 50stündige Trennung, in der ich, von einem wilden Volksstamm umschlossen, ohne Nahrung und allen möglichen Gefahren preisgegeben war, für mich so glücklich abgelaufen war, und freuten uns innig der Wiedervereinigung. Nach einer Stunde traf auch der Rest der Karawane ein, und alle, die Träger ebenso wie unsere europäischen Begleiter, äusserten eine grosse und ehrliche Freude darüber, mich nach der langen Trennungszeit gesund und munter wieder angetroffen zu haben. Mit der restlichen Karawane waren auch die zwei braven Tobur-Eingeborenen gekommen, von denen der eine den Briefwechsel mit Dr. Stigler besorgt, der andere die Führung der Karawane zu meinem Lagerplatz übernommen hatte. Ich beschenkte sie reich mit Perlen, Amerikani, Eisenringen, Medaillons usw. Nun waren wir ja wieder wohlhabende Leute, was uns auch zugute kam, als bald darauf ein Häuptling der Toburleute mit vielen seiner Eingeborenen erschien, die mir gegen unsere Tauschartikel ihre Speere, Messer, Stöcke und primitiven Schmuckgegenstände gern überliessen (Tafel 65).

Schmiede und Schmelzofen der Naqua- und Tobur-Eingeborenen (Uganda).
Durchmesser der Hütte 5 m
Gezeichnet von R. KMUNKE.

Der Toburhäuptling bot sich uns auch als Führer an, als wir nachmittags einen Ausflug in die Berge machten, wo unsere Begleiter bei den Eingeborenen viele Schmelz- und Schmiedehütten gesehen [Pg 111]hatten, die wir nun einer genauen Besichtigung unterziehen wollten. Nach einstündigem Marsche gelangten wir zu einer solchen Anlage, von der leider die Schmelzhütte nicht in Betrieb stand, während in der Schmiedehütte die Eingeborenen emsig an der Arbeit waren. Die Leute waren hübsche, schlanke Gestalten mit vielem Schmuck um Hals, Arme und Füsse und liessen uns bereitwilligst durch die niedere Oeffnung in ihre grasgedeckte Hütte kriechen, wo wir nun ihrer Arbeit zusehen konnten. In der Mitte der Hütte stand ein Lehmklotz, auf dem das aus der Schmelzhütte gewonnene Eisenmaterial glühend gemacht wird. Der Klotz hat eine muldenförmige Vertiefung, von der nach abwärts ein schmaler Kanal führt, durch den die aus Tierfellen hergestellte Blasbalganlage zur Feuerung einmündet. Das Erz wird mit glühenden Kohlen in die Vertiefung gelegt und dem Feuer durch den Blasbalg soviel Sauerstoff zugeführt, bis das Eisen rotglühend ist. Dann legt ein Eingeborener das glühende Eisen mit einer eigens geformten Zange auf einen nebenstehenden grossen Stein, und ein zweiter gibt nun durch Schläge mit einem kleineren Stein der glühenden Masse die gewünschte Form des Speeres, Messers oder sonstigen Gebrauchsartikels. Gleichzeitig drückt er in das weiche Eisen mit einem Holzstock Rippen und alle möglichen Verzierungen ein. Die Leute arbeiten bei diesen primitiven Einrichtungen mit bewundernswerter Geschicklichkeit und sind in ihrer Art ganz vorzügliche Schmiede.

Auch die Schmelzhütte, die den Hochofen zu ersetzen hat, ist eine ganz gewöhnliche, mit Steppengras bedeckte Hütte. In ihrer Mitte erhebt sich ein Lehmklotz von über einem Meter Höhe, in dem eine 60 cm breite und 30 cm tiefe Schmelzgrube ist, von der schräg ein Kanal für die Schlacke abfällt. Das Eisen wird in der Art gewonnen, dass die Schmelzgrube mit Schichten glühend gemachter Holzkohle und erbsengrossen Stücken zerschlagenen Eisenerzes gefüllt und die zum Schmelzen nötige Temperatur durch ein primitives Gebläse erzeugt wird, mit dem ein durch den schrägen Ablaufkanal führendes Lehmrohr in Verbindung steht (Tafel 65).

Diese ganze, höchst einfache und doch so kunstvolle Schmiedewerkstätte eines Naturvolkes erregte in mir derartiges Interesse, dass ich [Pg 112]den Plan fasste, den Aufbau einer solchen Schmiede und die Arbeit in ihr vom Photographen Schwarzer kinematographisch festhalten zu lassen. Ich verhandelte mit den Leuten, sie möchten die Hütten bis zur Hälfte abtragen, um dadurch Licht in das Innere zu bekommen, und wieder aufbauen, und bot ihnen jeden gewünschten Preis dafür, aber sie waren nicht zu bewegen, auf meinen Vorschlag einzugehen, und so musste ich mich mit dem Gesehenen und einer Skizze, die ich von den Arbeitshütten anfertigte, begnügen. Erst spät abends kamen wir von dem interessanten Ausflug in unser Lager zurück, wo wir noch lange in der vom Mondlicht prächtig erhellten Berglandschaft beisammen sassen.

Der nächste Tag galt den geodätischen und kartographischen Aufnahmen, und zwar beschloss ich, sie von der höchsten Spitze des Toburgebirges auszuführen. Photograph Schwarzer und einige Träger mit den Apparaten begleiteten mich. Bis zur Höhe von 1800 m bahnten wir uns durch dichten Bambuswald mühsam einen Weg, dann wuchs nur mehr niedriges Gestrüpp, und gegen den Gipfel zu ragten glatte Felsen auf, die die Besteigung sehr erschwerten (Tafel 53). Mit grosser Mühe kletterten wir auf allen Vieren durch einen schmalen Felsenriss, durch den sich die Träger mit ihren Lasten gegenseitig hinaufschoben, und nach einer Stunde waren wir endlich schweisstriefend auf der Spitze angelangt, deren Höhe ich mit 1931 m mass und die ich nach meiner Frau „Josefaberg“ benannte. Bis vier Uhr nachmittags arbeitete ich sehr vorsichtig auf der Spitze eines glattgeschliffenen Granitfelsens, der dem Theodolit nur schwachen Halt gab. Dann wollte ich noch von einem zweiten, bedeutend tiefer gelegenen Punkte aus Vermessungen machen, ein von allen Seiten aufsteigendes Gewitter nötigte uns aber, uns so rasch als möglich talwärts zu begeben, was, da wir uns in dem Gewirr des Bambuswaldes einigemal verirrten, uns noch lange in Anspruch nahm, so dass wir erst spät abends im Lager eintrafen. Dort erwarteten mich zu meiner angenehmen Ueberraschung drei Häuptlinge benachbarter Eingeborenenstämme, und zwar die Häuptlinge von Adelang, von Odong und von Lira. Sie hatten Kunde von unserer Karawane erhalten und staunten nun, wie alle Schwarzen, [Pg 113]uns Europäer neugierig an. Von ihnen erfuhren wir übrigens auch, dass die Wasserstelle, an der wir unser Lager aufgeschlagen hatten, den Namen Akur führte (Tafel 54).

Tafel 53
Blick von der Josefinenspitze gegen die Naquaberge
Blick von der Josefinenspitze nach Norden
Tafel 54
Lager in Tobur
Unser Wasser in Adelang

Am nächsten Morgen setzten wir unseren Marsch von diesem Lager, in dem sich unser Aufenthalt wider unseren Willen ausgedehnt hatte, wieder fort und marschierten zunächst in westlicher Richtung durch das weite Buschland. Die schöne Kette der Naqua- und Toburberge blieb bald hinter uns, aber vor uns erhoben sich noch manche einzelne, ganz nadelförmige Bergspitzen aus der Ebene, in der viele Fährten auf einen ziemlichen Wildreichtum schliessen liessen. Wir sahen nebst tief eingetretenen, aus der Regenzeit stammenden Elefantenspuren auch viele Elefantengruben, in denen die Eingeborenen diese mächtigen Tiere fangen. Sie stecken hinter einer Herde das Steppengras in Brand und jagen sie dann über die grasbedeckten Gruben, in die stets das eine oder andere Tier stürzt, das dann mit Speeren getötet wird.

Um ½3 Uhr nachmittags kamen wir nach Adelang, unsere Karawane etwas früher als wir, da wir uns bei der Jagd auf Kongoni verspätet hatten. Mein Zelt wurde unter einem prächtigen grossen Baum aufgeschlagen, wo sich bald nach unserer Ankunft der Häuptling mit vielen seiner Eingeborenen einfand, um die übliche Schauri (Besprechung) zu halten. Mein Boy Simon stellte für ihn eben eine Tasse frisch gekochten Tees auf den Tisch, schlug dann aber plötzlich mit den Händen um sich und lief wie rasend davon. Seine Bewegungen wirkten derart komisch, dass alles zu lachen anfing, und die Heiterkeit wurde noch grösser, als auch der Heatman Abeidi heftig gegen seinen Kopf schlug und eiligst die Flucht ergriff. Ich hatte noch immer keine Ahnung von der Ursache dieser Szene, wurde aber schon im nächsten Augenblicke eines besseren belehrt. Denn ich fühlte plötzlich einen heftigen Stich und sah nun, dass wir von einem ganzen Schwarm Bienen überfallen waren, der sich auf dem Baume über uns befunden hatte und sich, wahrscheinlich durch den Rauch meiner Zigarre beunruhigt, rächend auf uns stürzte. Ich war mit vier Stichen verhältnismässig noch glimpflich davongekommen, aber einige der [Pg 114]Eingeborenen wurden arg zerstochen, und Simon hatte die Unterlippe und Wange faustdick angeschwollen. Das ganze Lager befand sich auf der Flucht vor diesen kleinen Tierchen, die so unangenehm werden können. Da erinnerten wir uns plötzlich, als wir ferne von dem verhängnisvollen Baume standen, dass an mein Zelt noch das kleine reizende Kongoni angebunden sei, das ich seit vielen Wochen mit mir führte. Wir liessen ihm stets eine sorgfältige Pflege zuteil werden; ein Eingeborener trug es während des Marsches in einem Korbe, und täglich wurde es zweimal mit frischer Milch von unseren Kühen gefüttert. Um das junge Hartebeest zu retten, musste es schleunigst aus der Nähe des Schwarmes weggeführt werden, aber trotz des angebotenen Backschisch fand sich keiner der Träger, die ja fast nackt waren, der sich dieser Aufgabe unterzogen hätte. Endlich machte sich Photograph Schwarzer, der ein ausgezeichneter Bienenkenner ist, erbötig, die Schnur, mit dem das Kongoni ans Zelt angebunden war, durchzuschneiden. Er stülpte sich einen Schmetterlingsfänger über den Kopf, verband sich die Hände mit Servietten und ging in dieser Ausrüstung an die Rettungsarbeit. Das arme Tier hatte schon einen ganz schwarzen Kopf, so dicht sassen die Bienen auf ihm. Schwarzer vertrieb diese wohl, indem er sie mit Wasser überschüttete, aber es bestand wenig Hoffnung, dass das Kongoni mit dem Leben davonkäme, und tatsächlich verendete es noch am selben Abend. Den übrigen Tieren, die ich mitführte, den beiden Affen, dem Eingeborenenhund Kumi aus Kuminyanza und der kleinen Wildkatze hatten die Bienen nicht viel Schaden zugefügt. Da sie noch immer um den Baum herumschwärmten, liess ich mein Zelt etwas später von den Askari, die sich ihre Mäntel zum Schutz über den Kopf zusammengebunden hatten, von diesem gefährlichen Platze einige hundert Schritte weit wegtragen. Die ganze Affäre hatten wir übrigens mit unserer Unaufmerksamkeit verschuldet, da wir sonst beim Aufschlagen unseres Lagers solchen Bienenschwärmen, die wir schon einigemal angetroffen hatten, stets ausgewichen waren und die Askari nur diesmal diese Vorsichtsmassregel nicht beachtet hatten, was wir nun am eigenen Leibe zu spüren bekamen.

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Die Hütten von Adelang stehen mitten zwischen grossen glatten Granitblöcken und sehen recht armselig und verwahrlost aus. Auch die Gestalten der Eingeborenen machen einen schwächlichen Eindruck und verraten weitaus weniger Mut und Energie als die der Tobur- und Naqualeute. Unser Trinkwasser mussten wir uns in Adelang aus einer kleinen, schmutziggrauen Kotlache holen, in der nebenbei auch die Haustiere und unsere Esel getränkt wurden und unsere Träger, sobald sie ihren Durst gelöscht hatten, sich wie gewöhnlich ihre Füsse badeten. Die Folge war auch, dass unser Tee von diesem Wasser trotz allen Filterns einen sehr unangenehmen Beigeschmack besass.

Am Morgen nach dem Ueberfall durch den Bienenschwarm bestieg Dr. Stigler mit seinem Boy einen in der Nähe gelegenen, geologisch sehr interessanten Berg, der aus dem Buschwerk mit fast ganz glatten Felsen emporragte. Dr. Stigler nannte ihn nach seinem Chef, dem Vorstand des Wiener physiologischen Institutes „Exnerstein“. Ich selbst setzte auf einem diesem Berge gegenüberliegenden Hügel meine kartographischen Aufnahmen fort, von denen ich um die Mittagstunde in das Lager zurückkam. Dort erwartete mich der grosse Sultan von Jalé, der sich mir als Führer bis zu seiner Niederlassung antrug. Ich nahm dieses Anerbieten natürlich freudigst an, und wir setzten unseren Abmarsch für den nächsten Morgen fest. Der Häuptling von Adelang, der schon tags zuvor von mir reich beschenkt worden war, hatte uns zwar mit allen Mitteln zu bewegen versucht, den Aufenthalt bei ihm zu verlängern, da er wohl wusste, dass dabei für ihn noch mancherlei abfallen würde. Wir blieben aber allen seinen Lockungen gegenüber standhaft und liessen uns auch dadurch nicht zurückhalten, dass er uns erzählte, mehrere seiner Leute hätten ein paar Stunden von uns entfernt einen grossen Elefanten gesehen. Es war zwar rührend, dass er also sogar auf unsere Jagdlust spekulierte, um uns festzuhalten, aber auch dieses letzte Mittel brachte uns von dem einmal gefassten Entschlusse nicht ab, und dem Häuptling blieb, da er sich anscheinend unter keinen Umständen von uns trennen wollte, nichts anderes übrig, als uns bis Jalé zu begleiten.

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BEI DEN ACHOLI.[3]

An den Ufern des Nam / Afrikanisches Gewitter / Ein unterbliebener Angriff / Die Kinderhütten der Acholi / Unsinnige Eingeborenenmoden / Schlanke Taillen / Der medizinsüchtige Häuptling.

Nördlich von Adelang, das wir am nächsten Morgen in Begleitung der beiden Häuptlinge verliessen, erstreckt sich das weite Gebiet der Kamjuru⁠[4] oder Acholi, das zwischen dem Nil im Westen und den Naqua- und Toburbergen und den sich an diese anschliessenden Gebirgsstöcken des Napong und Parabonga im Osten liegt. Diese Bergkette, die sich gegen Norden noch in vielen kleineren Felsspitzen etwa hundert Meilen weit fortsetzt, bildet die Grenze zwischen den Acholi und Karamojo. Die Gegend zeigt fast durchweg Steppencharakter, stellenweise gibt es auch dichteres Buschland und kleinere, aus der Ebene aufsteigende Berge. Der Boden ist fruchtbar, und die Niederlassungen werden, je mehr man sich dem Nil nähert, desto zahlreicher und grösser. Die Humusschicht ist nicht sehr stark und liegt über Granitfelsen, die oft, namentlich an den Ufern der Flussläufe, in grossen Flächen nackt zutage treten.

Unser Weg führte uns über Odong durch dichtes Buschland und zwischen einigen kleineren Erhöhungen hindurch nach vierthalbstündigem Marsche in das erste Dorf, Jalé, das auf einer Anhöhe um einen hohen alten Baum angelegt war. Unter diesem schlugen wir unsere Zelte auf einem grossen sandigen Platze auf, um den herum die Hütten der Eingeborenen standen. Unsere Träger liessen wir ausserhalb der Niederlassung lagern, um die dann und wann vorkommenden Plünderungen, auf die ich grosse Strafen gesetzt hatte, vollständig zu verhindern. Das Dorf, in dessen nächster Nähe sich das Flussbett des Nam, eines Nebenflusses des Assuariver, befindet, ist mit einem einige Meter hohen Zaun aus dicken Stämmen und Aesten umgeben, der [Pg 117]einen Schutz gegen die Ueberfälle feindlicher Stämme oder wilder Raubtiere bilden soll. Die Eingeborenen sind prächtige grosse Gestalten und unterscheiden sich wohltuend von jenen in Adelang, bei denen Dr. Stigler einige ganz besonders schwere Fälle von Lues konstatiert hatte.

Dr. Stigler war gleich nach unserer Ankunft auf Hartebeeste jagen gegangen, von denen er zwei Stück zur Strecke brachte; ich tat nachmittags mit Schwarzer desgleichen und brachte zwei starke Ugandaböcke mit. Auf der Jagd hatte uns ein fürchterliches Gewitter überrascht, und es war so finster, dass wir uns blindlings der Führung eines Eingeborenen überliessen, der auch im Dunkel noch scharf sah und sich gut orientierte. Eine volle Stunde tappten wir so in der Finsternis weiter, bis wir zum Namriver kamen, durch den wir von den Eingeborenen getragen wurden. Ganz durchnässt vom Gewitter kamen wir im Lager an, in dem wir die Zelte vollständig unter Wasser gesetzt vorfanden. Das Gewitter dauerte noch in unverminderter Heftigkeit fort, und alle Augenblicke schlug der Blitz in unserer nächsten Nähe in die Felsen oder in das Wasser. Wir blieben noch lange beim Abendtisch zusammen, da wir die Rückkehr der Träger abwarten wollten, die das geschossene Wild brachten.

Gerade als wir zu Bett gehen wollten — es war elf Uhr geworden — brachten uns einige der Eingeborenen die wenig erfreuliche Nachricht, dass der mit ihnen in stetem Kampfe liegende, weiter nördlich siedelnde Stamm einen nächtlichen Angriff auf das Dorf plane. Da dieser von unserer Anwesenheit wusste, hatte er es natürlich in erster Linie auf die Plünderung unserer Karawane abgesehen, und es erwuchs für uns wieder, wie erst vor einigen Tagen, die Notwendigkeit, uns zu rüsten. Wir berieten uns mit dem Askari-Sergeanten, der die Angelegenheit sehr ernst nahm, verstärkten die Wachtposten und stellten solche auch ausserhalb des Dorfzaunes auf. Erst dann begaben wir uns zu Bett und nahmen die geladenen Gewehre mit, um für alle Fälle gerüstet zu sein. Die Nacht verstrich aber, ohne dass wir aus unserer Ruhe aufgeschreckt worden wären.

Am nächsten Vormittage besichtigte ich nach Erledigung der astronomischen Aufnahmen — die kartographischen mussten wegen des zu [Pg 118]ebenen Terrains und des jeden Ausblick verhindernden Buschlandes in der Umgebung unterbleiben — die Dorfhütten, unter denen besonders Kinderschlafhütten, die ich in Uganda bisher noch nirgends gesehen hatte, meine Aufmerksamkeit erregten. Sie sind auf neun, ungefähr anderthalb bis zwei Meter hohen, gegabelten Pfählen errichtet; auf diesen ruhen horizontal gelegte starke Baumstämme und quer über diesen ein Holzrost, der die eigentliche Hütte trägt. Sie bieten Raum für drei bis vier Kinder und besitzen nur eine ganz niedrige, eben für die Kleinen berechnete Oeffnung. Der Unterteil der Hütte besteht aus Lehm und ist auf den Rost von Prügelholz gesetzt, und darüber erhebt sich, spitz wie eine Garbe zulaufend, das aus Gras hergestellte, abhebbare Dach. Vor dem Eingang ist als Vorraum eine kleine offene Veranda angebracht, zu der die Knirpse über hohe Holzstufen hinaufklettern (Siehe Seite 128).

Die Wohnräume der Erwachsenen sind grosse Grashütten, von denen das Dorf Jalé viele zählte, ausserdem gibt es auch noch genug Vorratshütten, die, gleichfalls aus Gras geflochten, auf grossen Steinen errichtet sind und ein leicht abhebbares Grasdach besitzen. In diesen korbförmigen Behältern werden die Bohnen, das Durramehl und die sonstigen Lebensmittel aufbewahrt. Die wenigen Kühe, Schafe und Ziegen, die die Eingeborenen besitzen, werden zur Nachtzeit in kreisförmig angelegte, von Baumstämmen eingezäunte Plätze getrieben, oft ist auch in den Wohnhütten selbst mit Stangenholz ein Raum für das Kleinvieh abgesteckt (Tafel 5557).

Fast sämtliche häusliche Arbeiten, sowie die Pflege der Kinder besorgen die reich mit Perlen, Eisenringen und Amuletten geschmückten Weiber, während die Männer, wenn sie nicht auf die Jagd gehen, sich die Zeit mit Nichtstun, Schwatzen und Rauchen vertreiben. Gemeinsam ist ihnen ein starkes Verlangen nach Stoff und Kleidern. Ihr Häuptling hatte den weiten Weg nach Nimule nicht gescheut, um dort auf irgendeine Art einen Khakianzug einzutauschen, und dies wirkte auf seine Eingeborenen geradezu ansteckend. Von allen unseren Tauschartikeln besass für sie der Baumwollstoff den grössten Wert, und alles, was wir von ihnen eintauschten, Speere, Schmuckgegenstände oder [Pg 119]Nahrungsmittel, musste mit Amerikani bezahlt werden. Die Haartracht der Männer war von den Haartrachten, welchen ich früher begegnete, abweichend und höchst eigenartig. Die Männer drehen sich gegen vorn einen Spitz, den sie mit einer, mit Perlen geschmückten, kleinen, aus Haaren geflochtenen Kappe krönen. Eine weitere Eigentümlichkeit, wie wir sie bisher noch nicht gesehen hatten, besteht darin, dass die Kamjuru ihre Oberarme durch fest angelegte Eisenringe oder Spiralen abbinden. Dies geschieht schon in früher Jugend, so dass der Mittel- und Unterarm in den späteren Jahren unnatürlich anschwillt. Bei vielen bemerkten wir sogar eine ähnliche, höchst merkwürdige Abbindung der Taille. Die jungen Burschen binden sich mit einer starken, aus Gras geflochtenen Schnur die Taille 15–30 cm hoch fest ab und tragen diese miederartige Abschnürung dann jahrelang, meist bis zur Eheschliessung. Die Folge davon ist, dass das Herz verschoben ist und dass man die Herzschläge schon auf mehrere Schritte deutlich erkennen kann. Eine weitere Wirkung dieser unsinnigen Mode ist aber auch, dass jene, die ihr huldigen, sehr häufig Zirkulationsstörungen und Krankheiten des Herzens aufweisen.

Das Klima der Gegend ist nicht ungesund, die Tagestemperatur betrug zwar 44 °C, die Nächte waren aber angenehm kühl, und von Moskitos, Zecken oder gar Glossina palpalis war nichts zu merken.

Bei der Verteilung des Baumwollstoffes an die Eingeborenen war uns besonders der alte, aber schlaue und bewegliche Häuptling von Adelang, der uns erst in seinem Gebiete hatte zurückhalten wollen und uns dann bis hierher nach Jalé begleitete, behilflich gewesen, und es war dabei auch für ihn wieder ein grösseres Stück Amerikani abgefallen. Aber er hatte auch noch ganz andere geheime Wünsche und lag mit ihnen meinem Freunde Dr. Stigler in den Ohren, den er im Besitze so vieler Medizinen wusste. So wollte er unter anderem ein Pulver, das ihm jene Treffsicherheit verschaffe, die wir mit unseren Gewehren besitzen. Er hatte gesehen, wie ich auf 150 Schritte Entfernung mit einer Mannlicher-Kugel einen grossen Vogel vom Baume herunterschoss, und meinte, dass dies nur mit besonderer Zauberkraft geschehen könne, die uns eine Medizin verleihe. Trotz aller [Pg 120]Versicherungen Dr. Stiglers, dass es hierfür keine Medizin gebe, beharrte der Häuptling hartnäckig auf seiner Bitte und sagte, er sei zwar schon alt und habe bereits zehn Feinde getötet, aber einen ganz besonders gefährlichen Gegner möchte er doch noch durch einen sicheren Speerwurf ins Jenseits befördern, dann würde er erst glücklich sein. Da Dr. Stigler sah, dass der Mann nicht loszubringen sei, öffnete er seinen Medizinkoffer und gab ihm mit ernster Miene doppelkohlensaures Natron. Der Häuptling hatte aber Verdacht, dass es Gift sei, und Dr. Stigler musste erst eine der Pastillen selbst nehmen, ehe sie der Häuptling befriedigt und mit vielen Dankesworten annahm. Damit war es aber noch nicht genug, er hatte noch weitere Schmerzen. Unter den vielen Medizinen, die wir mitführten, meinte er, sei bestimmt auch eine, die die geschwächte Manneskraft wieder hebe. Dr. Stigler weigerte sich nun gar nicht lange, sondern reichte ihm gleich das gewünschte Zaubermittel in Form von Brompulver, von dem er auch wieder selbst eine Kostprobe machen musste. Nun erst war der Häuptling zufrieden, und hochbeglückt zog er mit seinen Begleitern nach Adelang zurück, wo er sich wahrscheinlich sehr bald vor seinem Gegner oder einem seiner Lieblingsweiber blamiert haben wird.

Von Jalé ging es nach Kodongo, wo wir zu unserem grossen Erstaunen ein von den Eingeborenen vor kurzem errichtetes Rasthaus antrafen, das wir als erste Europäer benützten. Auch auf diesen Boden soll ebensowenig wie in Adelang und Odong bisher ein Europäer seinen Fuss gesetzt haben, was uns von den ältesten Eingeborenen bestätigt wurde.

Tafel 55
Eingeborene vom Stamme der Acholi oder Kamjuru
Tafel 56
Kamjurufrau mit Kind
Tafel 57
Kinderhütte
Beratungsplatz der Eingeborenen

[3] ch = wie tsch gesprochen.

[4] j = wie dsch gesprochen.

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IN EILMÄRSCHEN VORWÄRTS.

Im afrikanischen Busch / Häuptlinge mit Tirolerhut und Zylinder / Konservenbüchsen und Patronenhülsen als Schmuck / Regenzeit / Abtragung eines Termitenhaufens / Eine Empfangsfanfare in der Steppe / Die Residenz des Häuptlings von Oghaba / Heiligtümer / Ausgetrocknete Flussläufe / Ein unbotmässiger Häuptling / Konzertabend in Lenu / Am Assuariver / Telegramme in die Heimat / Im Gewittersturm.

Das Gebiet, das wir nun durchzogen, war fortgesetzt flaches Buschland. Von den Naqua- und Toburbergen war längst nichts mehr zu sehen, und auch die Eingeborenen-Niederlassungen, von denen eine der andern glich, boten kein besonderes Interesse mehr. Wir beschlossen daher, von jetzt ab Nimule in Eilmärschen zu erreichen, um uns dadurch vielleicht noch vor Eintritt der Regenzeit bei Gondokoro möglicherweise einige Tage der Jagd widmen zu können.

Schon am nächsten Tag marschierten wir fünf Stunden lang auf einem schmalen, durchnässten und schlüpfrigen Eingeborenenpfad, der manchen Träger und Tragesel zu Fall kommen liess, bis Padér. Wir kamen auf diesem Wege an drei kleinen Dörfern mit halbverfallenen Hütten und einem ganz merkwürdigen Aussichtsturm vorüber. Auf ungefähr sechs Meter hohen Baumstämmen war — am Rande des Dorfes — durch quergelegte Aeste ein gerüstartiger Aufbau errichtet, der den Eingeborenen Ausblick auf heranschleichende Feinde oder auch auf sich näherndes Wild bot.

Eine Stunde vor Padér kam uns inmitten seines Hofstaates der grosse Sultan Leromoi von Padér entgegen, der von dem Eintreffen unserer Expedition erfahren hatte und mich nun mit einem kräftigen Handschlag und den Worten „Mata, mata!“ begrüsste. Der Sultan, der auf einem Esel ritt, war ein beleibter Mann mit kleinen, verschmitzten Augen und in ganz neue Khakidress gekleidet. Ausserdem trug er Wickelgamaschen und braune Schuhe, und auf dem Kopf sass ihm ein niederer, schwarzer Filzhut, wie ihn unsere Tiroler Bauern tragen, und der hier in der afrikanischen Wildnis einen sehr komischen Eindruck machte.

[Pg 122]

In Padér angelangt, führte uns der Sultan in ein Rasthaus, durch dessen mangelhaftes Grasdach freilich überall der Regen eindringen konnte, und liess sich dann, umgeben von seiner grossen Suite, vor mir auf einem grellrot gepolsterten Fauteuil nieder. Natürlich gab es die üblichen Geschenke, und der Sultan versprach mir auch auf mein Ersuchen, Mehl zu bringen, dessen ich notwendig bedurfte, da unser Vorrat in den an allen Lebensmitteln armen Gegenden bis auf einige wenige Säcke schon aufgezehrt war. Bald darauf machte uns Leromoi mit seinen vielen Söhnen und Töchtern bekannt, die alle von schlankem Wuchs und proportionierten Gesichtszügen waren, aber sehr wenig Aehnlichkeit mit ihrem aufgeputzten Erzeuger hatten. Die Söhne trugen die schon erwähnten miederartigen Verschnürungen, die ihre Taille so einengten, dass sie manche europäische Dame darum hätte beneiden können, und viele hatten auch den Eisenring, durch den der Oberarm in so unnatürlicher Weise abgebunden wird. Diese Ringe sollen übrigens von den Eingeborenen, sobald sie heiraten, wieder abgelegt werden. Ihre Haartracht wies den uns schon bekannten Spitz nach vorn auf, der noch eine lange Vogelfeder oder gar eine ausgeschossene, Gott weiss woher stammende Patronenhülse als Schmuck hatte. Diese Hülsen stehen, ebenso wie die leeren Konservenbüchsen, bei den Eingeborenen hoch im Wert, und mein kleiner Boy Amissy und das Küchenpersonal trieben damit einen schwunghaften Handel. Anfangs hatte ich mich gewundert, wohin die leeren Konservenbüchsen, wenn ich einmal eine für meine Käfer- oder Schmetterlingssammlung oder irgendeinen andern Zweck brauchte, verschwunden seien; es gab aber bald ein Wiedersehen mit ihnen. Denn weilten wir einmal länger als einen Tag in einer Station, so konnten wir schon am zweiten die Blechbüchsen oder Teile derselben als Schmuck bei den Schwarzen erblicken. Der Preis variierte, aber unsern Boys war es schon öfter gelungen, für eine einzige leere Büchse sogar ein Huhn einzutauschen.

Nachmittags ging ein überaus heftiger Regen nieder, der den ohnehin schon aufgeweichten Boden vollends in ein Kotmeer verwandelte, so dass wir die Wege von den Zelten zum Rasthaus, wo wir unsere [Pg 123]Mahlzeiten einnahmen, dicht mit Steppengras belegen mussten. Seit dem 5. Februar, an dem wir die Toburberge verlassen hatten und über Jalé, fast parallel zum Namflusse, hierher marschierten, wo die Seehöhe noch immer 1130 m beträgt, hatte es nahezu täglich ausgiebige Regenfälle gegeben. Die Regenzeit beginnt jedoch nur in dieser Gegend in der ersten Hälfte Februar, während sie weiter nördlich, am Nil, bedeutend später eintritt.

Am Abend führte uns der Häuptling einen Eingeborenentanz vor, von dem wir jedoch nach dem bisher Gesehenen sehr enttäuscht waren. Die Eingeborenen, die schwächliche, unscheinbare Gestalten sind, haben auch wenig Temperament, so dass der Tanz, an dem wir in Mbale grossen Gefallen hatten, hier von geringem Reiz war.

Unsere Absicht, am nächsten Morgen Padér zu verlassen, wurde durch einen starken Regen vereitelt, der in der Nacht einsetzte und ununterbrochen bis Mittag niederströmte. Als er endlich aufhörte, machten wir alles marschbereit, um nun doch aufzubrechen, aber kaum waren wir fertig, begann es abermals niederzuströmen, so dass wir den Abmarsch für diesen Tag endgültig aufgaben. Die wenigen Stunden, die dann am Nachmittag der Himmel wieder ein Einsehen zeigte, benützte ich dazu, um einen der vielen, in unserer nächsten Umgebung befindlichen Termitenhaufen nach dem Längsschnitte abtragen zu lassen, um das Leben und Treiben der weissen Ameisen photographisch aufzunehmen, sowie eine Königin mit dem übrigen Volk und das Termitenbrot für das Museum zu sammeln. Ueber eine Stunde mussten acht kräftige Träger mit Krampen und Schaufeln an dem fast zu Stein gewordenen Termitenhaufen arbeiten, bis es gelang, die zu unterst eingebettete Königin zu bekommen.

Schon in der Morgendämmerung des nächsten Tages traten wir den Marsch nach dem sieben Meilen entfernten Oghaba an. Der Weg führte durch wasserloses, ziemlich dichtes Buschland mit vielen Flötenakazien, deren Dornen uns manches Loch in die Khakianzüge rissen. Gleich nach Padér sahen wir übrigens seit Kumi wieder die ersten Gummibäume. Fast auf halbem Weg war uns der Häuptling von Oghaba mit grosser Suite entgegengekommen, und zur Begrüssung [Pg 124]blies uns ein in seiner Begleitung befindlicher Trompeter eine tadellose Empfangsfanfare. Seit Mbale hatten wir solche Töne nicht mehr gehört, die uns nun mitten in der Steppe ganz seltsam berührten. Ich vermutete, dass dieser famose Bläser, der ein schlanker, schneidiger Bursche war und uns dann noch einige weitere gelungene Proben seiner Kunst gab, ein ehemaliger Askari sei und bei diesen das Trompetenblasen gelernt hatte, aber es wurde uns gesagt, dass er sich diese Kunst ganz allein angeeignet und das Instrument selbst bei einem Marsch nach Nimule von einem Inder gegen eine Kuh eingetauscht hatte.

Der Häuptling war in einem gut passenden Khakianzug, mit Gamaschen und Askarischuhen erschienen; zum Unterschied von seinem Kollegen in Padér trug er aber auf seinem Haupte einen hohen, schmalkrempigen Zylinder, so dass wir bei allem Respekt vor der schwarzen Majestät ein Lächeln nicht unterdrücken konnten. Trotzdem er ausserordentlich mächtig sein soll und ihm Tausende von Eingeborenen unterstehen, machte er den Eindruck eines ziemlich schwachen und willenlosen Menschen, und unsere Fragen und Wünsche wurden auch weniger von ihm als von seinem sogenannten Minister beantwortet.

Seine Residenz, die ich in Oghaba besichtigte, war solider und reicher angelegt als die bisherigen Häuptlingshütten und auch sehr rein und nett gehalten. Die Umzäunung, die bisher immer aus wild durcheinandergelegten Stämmen, Aesten und Wurzeln bestand, war hier aus geraden, entrindeten, vertikal eingeschlagenen Baumstämmen gebildet, und an Stelle der sonst üblichen niederen Oeffnung war ein zwei Meter hoher Eingang, der zwischen je zwei starken, in den Boden gerammten Stämmen eine aus Gras geflochtene Matte als Abschluss hatte (siehe Seite 126–127). Im Innern dieser Umzäunung standen zwei grosse, kreisförmig angelegte Hütten von sechs Meter Durchmesser, von denen die eine die des Häuptlings, die zweite die seiner Weiber war. Das Grasdach baute sich, gestützt durch eine Mittelsäule, in Kegelform auf. Die Häuptlingshütte hatte, was ich bis jetzt noch nirgends beobachten konnte, einen verandaartigen Vorbau, der konzentrisch um die Hütte lief [Pg 125]und über den sich auch noch das Dach fortsetzte, das am äusseren Rande dieser Veranda durch kurze Säulen, in Abständen von etwa einem Meter, gestützt wurde. Hier pflegten während des Tages die Weiber und Kinder zu sitzen. Das Innere der Hütte, durch deren Oeffnung man nur in gebückter Stellung gelangen konnte, war ganz dunkel — so dass mein Boy die Laterne anzünden musste — und durch eine Lehmwand in zwei Teile abgeteilt. Im einen befanden sich einige Speere, Schilder aus Elefantenhaut, Köcher mit Pfeilen, verschiedene Schmuckgegenstände, Behälter für das Durramehl und aus Lehm geformte Wassergefässe, eine aus getrockneten Fellen hergestellte Ruhestätte und auf einer kleinen kreisförmigen Erhöhung ein Platz für das Feuer, das während des ganzen Tages unterhalten wird. Da für den Rauch kein anderer Abzug als der kleine Eingang besteht, wäre ein ständiger Aufenthalt für uns Europäer und unsere Atmungsorgane unmöglich. Der zweite Raum ist das Schlafgemach des Sultans und seiner Lieblingsfrau. Das Bett ist ein ungefähr ein Meter hohes Holzgestell, das mit Gras und Tierfellen überdeckt ist. Gleich über dem Bett gewährt eine in die Wand geschlagene kleine runde Oeffnung dem Ruhenden einen Ausblick auf den Eingang der Hütte (Tafel 6668).

Ausser diesen beiden Häuptlingshütten standen auch noch rund im Kreise gebaute Vorratshütten mit ihren abnehmbaren Grasdächern; an den Aesten eines hohen, blätterlosen Stammes waren die grosse und kleine Trommel aufgehängt, und schliesslich stand in dieser Häuptlingsniederlassung auch noch eine Art Heiligtum, das besondere Verehrung genoss. Zwei zwei Meter hohe Holzstämme waren mit einer Querstange verbunden, an der Perlenschnüre, aufgefasste Früchte, die Schädel von Gazellen und, wohl als ganz besonderes Opfer, das Gehörn eines Hartebeestes hingen. Der Boden, auf dem dieser merkwürdige Altar — oder wie man es sonst nennen will — stand, war mit breiten Steinen belegt und dazwischen mit Kakteen bepflanzt. Wir sahen dort Weiber knien, die ihren Kopf wie andächtige Beterinnen zur Erde geneigt hielten. Vor der Hütte des Häuptlings von Aju sah ich später ein ähnliches Heiligtum, das speziell der [Pg 130]Jagd gewidmet war. Es war aus Stroh geflochten, von der Form eines kleinen Taubenschlages, auf die Spitze eines ungefähr zwei Meter hohen Stockes gestellt, von dem ein Grasstrick mit einer Schlinge herunterhing. Jedesmal, bevor der Häuptling und seine Leute auf die Jagd zogen, erflehten sie sich hier ihr Jagdglück.

Anlage des Wohnsitzes der Familie des Acholi-Häuptlings von Oghaba.
Massstab 1 : 75 cm
Gezeichnet von R. KMUNKE.
Häuptlingshütte
Grundriss der Häuptlingshütte
Weiberhütte
Lageplan der Weiberhütte
Anlage des Wohnsitzes der Familie des Acholi-Häuptlings von Oghaba.
Maßstab 1 : 75 cm
Kinder-Schlafhütte
Seite A Seite B
Grundriss der Kinderschlafhütte Seite A
Grundriss des Beratungsplatzes (siehe Tafel 57)
Versammlungs- und Beratungsplatz
Altar
Jagdheiligtum
Grosse und kleine Mehlvorratshütte
Teil der äusseren Umzäunung
Trommelbaum

Gegen Abend zeigten sich in unserem Lager zum ersten Male grosse Skorpione, deren Stiche recht unangenehme Folgen nach sich ziehen. Zwei von ihnen gab ich für meine Sammlungen in die Spirituskiste.

Am nächsten Morgen verliessen wir Oghaba, und zwar bog sich jetzt unsere Route, die uns seit Adelang in westlicher Richtung geführt hatte, gegen Norden und später gegen Nordwest. Ueber Latuong, Gem und Lokuor, unbedeutende Eingeborenendörfer, erreichten wir das fast ganz ausgetrocknete Flussbett des Adjam, an dessen rechtem Ufer, nordöstlich vom Berge Goma, wir in der Höhe von 950 m das Lager aufschlugen. Wir hatten an diesem Tage einen Gewaltmarsch von 32 km hinter uns, der eine ganz respektable Leistung darstellt, da für eine derartig grosse und schwer belastete Karawane schon 25 km sehr viel sind. Wir waren aber durch den Mangel an Lebensmitteln oder Wassernot schon wiederholt gezwungen gewesen, über diese Kilometerzahl hinauszugehen, und hatten es einmal sogar auf 35 km gebracht. In der Nähe des Lagers befand sich eine kleine Niederlassung, die Fatjiko genannt wurde. Auch deren älteste Bewohner hatten mit Ausnahme eines englischen Beamten, der zwei Monate vor uns diese Gegend inspizierte, hier noch keinen Europäer gesehen. Wir tauschten von den Eingeborenen besonders Mehl ein, da unser eiserner Vorrat durch die Verlängerung des Aufenthaltes in Padér aufgebraucht worden war und bisher noch nicht ersetzt werden konnte.

Tags darauf — am 13. Februar — passierten wir das 50 Meter breite und gegen 10 Meter tiefe Flussbett des Adjam, in dem nur da und dort zwischen den mächtigen, glatt geschliffenen Granitblöcken ein kleiner Wassertümpel zu sehen war. Am andern Ufer ging es eine mässige Anhöhe hinan, und schon nach einer Stunde mussten wir [Pg 131]wieder das Bett eines ausgetrockneten Flusses, des Baggariver, durchschreiten. Von hier aus gelangten wir über Purokema in nordwestlicher Richtung bis Onghako, welches Dorf der ganzen Gegend den Namen gibt. Der Häuptling, der Aruja hiess und eine recht unscheinbare Gestalt war, beschaffte uns, soweit es in seinen Kräften stand, Lebensmittel für unsere Träger, die diesmal über 30 Kilometer zurückgelegt hatten.

Nur mehr wenige Tagemärsche trennten uns von Nimule, die Angaben der Eingeborenen schwankten zwischen sechs und acht. Auf alle Fälle trachteten wir, so rasch als möglich vorwärts zu kommen, und erreichten am nächsten Tag das Flussbett des Agueriver, eines Nebenflusses des grossen Assuariver. In seinem Bette floss Wasser — es war das erste fliessende Wasser, das wir seit dem Verlassen des Elgongebirges antrafen. Nach weiterem dreieinhalbstündigem Marsche kamen wir zu einem grösseren Dorfe, das, am Fusse eines hohen Felshügels inmitten zwischen vielen Burassuspalmen liegend, einen ungemein malerischen Anblick bot. Die Niederlassung heisst Falabek. Wir wollten hier nur eine kurze Mittagsrast halten, ein heftiges Gewitter, das gleich nach unserer Ankunft niederging, zog jedoch den Aufenthalt in dieser Station etwas in die Länge. Trotzdem erreichten wir aber noch vor Einbruch der Nacht Lenu, wo uns der Häuptling Labongo, ein noch ganz junger Eingeborener, erwartete. Er hatte das Häuptlingsamt plötzlich übernehmen müssen, da sein Vater wegen seiner Kampflust von den Engländern nach Nimule gebracht wurde, wo er gegenwärtig eine mehrjährige Strafe absitzt und Gelegenheit hat, darüber nachzudenken, dass man einige Tagereisen von Nimule, dem Sitz eines mächtigen Gouvernementsbeamten, nicht ungestraft den Wilden spielen darf. Den wahren Grund der Kerkerstrafe verschwieg man aber uns gegenüber und sagte, dass der Häuptling deswegen eingesperrt wurde, weil er die von den Engländern verlangten Steuern nicht pünktlich abgeliefert hatte. Wie ich später vom Distriktskommissär Mr. Bains in Nimule erfuhr, waren die Eingeborenen dieser Gegend überhaupt noch nicht so weit unterworfen, dass ihnen eine Abgabe hätte auferlegt werden können.

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Unser Kamp hatte hier eine prachtvolle Umrahmung, er lag wie in einem Felsenzirkus, und rings um unsere Zelte stiegen kleine Felsmassive auf. In der Ferne sah man besonders die hinter Nimule im Ladogebiete sich erhebenden Nyiriberge, die uns deutliche Wegweiser für unseren Weitermarsch waren. Von den Eingeborenen erwarb ich eine grosse Menge Waffen, Schmuck und andere Gegenstände für meine ethnologischen Sammlungen. Am späten Nachmittag bereiteten uns vier Eingeborene eine besondere Ueberraschung, indem sie bei den Klängen einer Art Zither einen dreistimmigen, sehr melodischen Gesang anstimmten. Er gefiel uns so gut und brachte in unser Lagerleben ein so hübsches, ungewohntes Intermezzo, dass wir die Sänger einluden, uns am Abend die Tafelmusik zu besorgen. Sie liessen sich nicht zweimal bitten und konnten kaum den Augenblick erwarten, wieder ihre Stimmen ertönen zu lassen. Es war eine stockdunkle Nacht, in der ich zur Erhöhung der Stimmung ein Feuerwerk abbrennen liess, und die Eingeborenen gaben uns bis tief in die Nacht hinein ihre schönsten Lieder zum Besten. Sie liessen sich in ihrem Eifer nicht einmal dadurch stören, dass ich ihnen Tee und Kuchen bot, und es war schon Mitternacht, als ich ihnen mit Rücksicht auf unsere Ermüdung Einhalt tat. Sie hätten uns, wie sie sagten, die ganze Nacht hindurch vorsingen wollen. Sehr bedauerte ich an diesem Abend, dass unser Phonograph, den ich in Kaketta bekanntlich zurückschicken musste, so versagt hatte. Dieser Eingeborenengesang mit seinen kräftig einsetzenden und langsam in Pianissimo übergehenden Stimmen, mit seiner ungemein reinen Harmonie hätte es verdient, festgehalten zu werden.

Am nächsten Morgen begleitete uns der junge Labongo mit seiner Frau und seinem Söhnchen, einem netten, aufgeweckten Jungen, der in Amerikani gekleidet war und eine kleine schottische Mütze trug, bis zur nächsten Lagerstelle. Wir marschierten den ganzen Vormittag in tropischer Hitze, immer gegen Nordwesten, kamen durch ein grosses Dorf namens Tuanliédj und durchquerten nicht weniger als drei Flussbette, die des Pekun, Adire und Limur, die aber sämtlich auch nicht einen Tropfen Wasser zeigten. Um 12 Uhr machten wir nach einem [Pg 133]sechsstündigen Marsche Halt, die erschöpften Träger warfen ihre Lasten ab und begannen sofort im Sande nach Wasser zu graben. Ihre Mühe wurde auch bald belohnt, und sie stiessen auf den gewünschten, verhältnismässig kühlen Trunk.

Mit der Tête brach ich schon nach einstündiger Rast auf, um unser heutiges Ziel, Aju, zu erreichen. Die Träger weigerten sich anfangs, weiterzumarschieren, und waren dazu erst nach langer Schauri und nachdem ich ihnen versprochen hatte, in Aju einen Ochsen schlachten zu lassen, zu bewegen. In Aju kam mir sofort der Häuptling entgegen, dem ich Auftrag gab, soviel als möglich Mehl zu beschaffen. Eine grosse Schar Kinder und Weiber, die mit ihm erschienen waren, erfreute ich mit einigen tausend Perlen, wofür sie sich dann mit ihren dicken Bäuchen in Reih und Glied aufstellten und photographieren liessen. Die Zeit, bis meine Träger nachkamen, benützte ich zu einem Besuche der Eingeborenen-Niederlassung, die dieselbe Anlage aufwies wie die bisherigen. Hier traf ich das bereits erwähnte Jagdheiligtum, ausserdem auch auf einem freien Platze des Dorfes eine aus Stangenholz hergestellte Holzbrücke, auf der sich die Eingeborenen zusammenhocken, wenn sie grossen Rat halten (Tafel 57).

Von Aju bis Nimule waren es nur mehr zwei Tagereisen, und wir hatten schon in unserer letzten Station zwei Renner dorthin mit einem Telegramm abgeschickt, das unsere Angehörigen in der Heimat schon drei Tage vor unserer Ankunft in Nimule von der glücklich durchgeführten Durchquerung Ugandas benachrichtigen sollte (Tafel 59).

Am nächsten Tage erreichten wir nach fünfstündigem Marsche, der uns durch schönes, zum Teil bewaldetes Hügelland, an dem Eingeborenendorf Abuku vorbei und quer durch das ausgetrocknete Flussbett des Wororivers führte, das breite Flussbett des mächtigen Assuariver. Wir durchwateten das kaum einen halben Meter tiefe fliessende Wasser, in dem die meisten unserer Träger rasch ein erquickendes Bad nahmen, und kamen mittags in die Station Lokai. Dort befindet sich ein grosses Rasthaus und wurden gerade mehrere Regierungsgebäude aufgeführt, da die Absicht besteht, die Station Nimule aus ihrer gegenwärtigen, ungesunden Lage auf dieses hochgelegene [Pg 134]Plateau zu versetzen. Kaum waren die Zelte aufgeschlagen und der Koch soweit fertig, dass wir zu Tisch gehen konnten, als ein fürchterliches Gewitter mit wolkenbruchartigen Güssen losbrach, das fast eine Stunde währte und unsere Zelte auf eine harte Probe stellte. Der Sturm verfing sich in dem Sonnensegel und riss die Zelte fast um, da ausserdem die Pflöcke im sandigen Boden nur locker sassen. Es bedurfte aller Anstrengungen, um die Zelte von diesem wütenden Gewittersturme nicht forttragen zu lassen. Acht bis zehn Mann hielten aussen das Zelt, während innen die Zeltstange mit aller Kraft festgehalten werden musste. In dem Kampf gegen die entfesselten Naturkräfte hatten unsere Schutzhütten auf diesem kleinen Hochplateau knapp vor dem Ende unserer Expedition noch eine ausgiebige Probe ihrer Widerstandsfähigkeit zu bestehen, und sie bestanden sie glänzend. Denn als sich das Gewitter mit dumpfem Grollen verzogen hatte, war wohl alles durchnässt, aber unsere Zelte waren festgeblieben, und nur bei einem war durch zu starkes Anziehen der Stricke der Saum der Leinwand abgetrennt, welcher Schaden in Nimule rasch wieder behoben werden konnte. Die Luft war nun gereinigt und erquickend, und der kleine Ausflug, den ich nach dem Gewitter mit Dr. Stigler zum Assuariver machte, um dort Vögel zu jagen, war äusserst genussvoll. Da aber ein zweites Gewitter am Himmel stand, kehrten wir nach reichlicher Ausbeute rasch wieder ins Lager zurück. Dort erwarteten uns die vor drei Tagen nach Nimule vorausgeschickten Renner, und wir konnten diesen Abend mit dem guten Bewusstsein zu Bette gehen, dass unsere Angehörigen, denen unser Telegramm frohe Botschaft gebracht hatte, nun über unser Schicksal nicht mehr beunruhigt zu sein brauchten.

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IN NIMULE.

Die ersten Zeichen der Kultur / Der Einmarsch in Nimule / Waghalsige Goldsucher / In ständigem Kampf mit den Eingeborenen / Ein Brief Slatin Paschas / Die Erkrankung meiner Begleiter.

Die kurze Strecke, die uns noch von Nimule trennte, ward am nächsten Tage, dem 18. Februar, bald zurückgelegt. Von unserem Lager schritten wir gegen Westen bergab, durchquerten das versumpfte Flussbett eines Nebenflusses des Assuariver und befanden uns dann auf einer breiten, schönen Strasse, der ersten, die wir nach langer Zeit wieder betraten. Nach dreieinhalb Stunden erreichten wir eine kleine Anhöhe, von der aus wir blechgedeckte Häuser, eine Kasernenanlage mit ihren vielen regelmässig errichteten Strohhütten und knapp dahinter das breite, silberne Band des an den Nyiribergen vorüberströmenden heiligen Nils sahen, den wir bei den Riponfalls verlassen hatten und der uns nun hier nach einem Hunderte von Kilometern langen Laufe wieder entgegenglänzte. Wir genossen eine Weile den Anblick auf Nimule in dem Gefühl, nach langem Aufenthalte in der afrikanischen Steppe nun wieder die ersten Zeichen der Kultur zu sehen; es gab wieder aus Stein errichtete Gebäude, grosse Wohn- und Amtshäuser für die englischen Beamten, Läden indischer Kaufleute — kurz, wir näherten uns der breiten Karawanenroute, die in Gondokoro von Khartum aus mit bequemen Dampfern zu erreichen ist, und von dort bis Nimule und auf dem Nil über Wadelai und den Albert-See bis Butiaba führt, von wo sich wieder eine gepflegte Karawanenstrasse nach Kampala und Entebbe, unserem Ausgangspunkte, erstreckt. Wir hatten freilich nicht diese bequeme, weit im Bogen führende Route gewählt, die so mancher in der Riksha zurücklegt, sondern waren durch das pfadlose nördliche Uganda marschiert, da wir unbekanntes Land sehen und unseren Fuss auf bisher von Europäern unbetretene Gebiete setzen wollten.

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Auf der Anhöhe, die uns den Ausblick auf Nimule und den Nil eröffnete, wurde Halt gemacht. Die Askari, deren abgetragene Khakianzüge fast nur mehr aus Hadern bestanden, legten die in Reserve gehaltenen funkelnagelneuen Uniformen an, die Träger wurden in geschlossene Reihen gestellt, und nun konnten wir unter Vorantritt von uns Europäern den Einmarsch in Nimule halten. Distriktskommissär Mr. Bains erwartete uns schon ausserhalb Nimule auf der Strasse, beglückwünschte uns herzlichst zu unserer Ankunft und teilte uns mit, wo sich unser Lagerplatz befinde. Mich und Dr. Stigler lud er ausserdem zum Lunch ein. Nach diesem kurzen Aufenthalte marschierten wir unter dem übermütigen Gejohle unserer Träger, die sich vor Freude nicht mehr halten konnten, an den vielen herbeigeeilten Eingeborenen vom Stamme Madi vorüber, durch die lange Gasse der Kaufläden die Anhöhe hinan, auf der sich das Rasthaus befand.

Hier erwartete uns eine kleine Karawane, deren Führer ein Engländer und ein alter, an Abenteuer und Strapazen gewohnter Deutscher waren, die uns um Nachrichten über die von uns berührten Gegenden baten. Sie hatten die Absicht, den Oberlauf des Assuariver und dessen Nebenflüsse auf das Vorhandensein von Gold, des vielbegehrten Metalls, zu untersuchen und hatten aus denselben Beweggründen auch schon jahrelang, aber fast stets mit negativem Erfolg, das Kongogebiet durchstreift, von dem sie erst vor kurzer Zeit nach recht schlimmen Erfahrungen zurückgekommen waren. Der Engländer war dort von Eingeborenen überfallen und seiner ganzen Ausrüstung beraubt worden. Ihm selbst wurde, während er 24 Stunden lang an einen Baum gebunden war, das Todesurteil gesprochen, und er hatte es nur seiner englischen Nationalität zu danken, dass man ihm schliesslich doch noch das nackte Leben schenkte. Die Leute verfügten über sehr wenig Barmittel und hatten auch nur eine kleine Karawane von ungefähr 60 Mann zusammengestellt, mit der sie wahrscheinlich nicht weit in das Innere eingedrungen sein werden. Sie verabschiedeten sich noch am selben Nachmittag von uns, um eine Aussprache ihrer Träger mit den unseren zu verhindern, da sie wohl mit Recht befürchten mussten, dass eine Schilderung all der Gefahren und Anstrengungen, [Pg 137]die wir durchgemacht hatten, ihre Träger zum Durchbrennen veranlassen könnte. Wir wünschten ihnen besten Erfolg und konnten bei dem Gedanken, dass diese verwegenen Goldsucher ihren Wagemut vielleicht mit dem Leben zu büssen haben würden, ein gewisses Gefühl der Wehmut schwer unterdrücken.

Tafel 58
Ein Leprakranker
Durch den Agueriver
Tafel 59
Die Karawane marschiert durch den Assuariver
Tafel 60
Lager in Nimule am Nil
Regierungshaus in Nimule

Hierauf begaben wir uns zu Mr. Bains, dessen Wohnhaus auf einer hübschen Anhöhe ausserhalb Nimule steht. Durch eine Allee von Krotonölbäumen gelangte man über mehrere Stufen auf eine, die inneren Wohnräume einsäumende Terrasse und von dieser in ein grosses Speisezimmer, dessen Fussboden verschwenderisch mit Löwen- und Leopardenfellen bedeckt war. Mr. Bains, ein junger, schlanker, energischer Engländer, durch und durch Gentleman, war von seltener Liebenswürdigkeit, und seine Gastfreundschaft wird uns unvergesslich bleiben. Zum erstenmal seit vielen Wochen sassen wir nun wieder in einem europäischen Zimmer, und unserem in der letzten Zeit sehr wenig verwöhnten Gaumen behagten die Leckerbissen, mit denen uns Mr. Bains bewirtete, ausserordentlich. Wir berichteten ihm ausführlich über die Ergebnisse unserer Reise, über all die Schwierigkeiten und Gefahren, von denen sie begleitet war, und am allermeisten mussten wir ihm von den Naqua- und Toburstämmen erzählen, für die er ganz besonderes Interesse zeigte. Mr. Bains hat selbst schon viele Kämpfe mit den Eingeborenen mitgemacht. Erst im Mai des vorigen Jahres hatte er nördlich von Jalé, wo wir am 8. Februar unser Lager aufgeschlagen hatten, mit 50 Askari und 200 bewaffneten Acholi gegen die dortigen aufständischen Eingeborenen gekämpft, wobei seine Truppe fast aufgerieben wurde und 80 seiner Leute fielen. Diese grosse Verlustziffer war in der Kampfesweise der Eingeborenen begründet. Sie waren zwar nur mit Speeren und ganz wenigen, aus Abessynien eingeschmuggelten Gewehren bewaffnet, mit denen sie überdies noch sehr schlecht schossen, liessen aber die Soldaten ganz nahe herankommen, um sie dann um so sicherer mit ihren Speeren töten zu können. Die Askari von Nimule waren fast ständig unterwegs, um gegen aufständische Stämme zu kämpfen. Gerade während unseres Aufenthaltes in Nimule gab es blutige Kämpfe in [Pg 138]den Nangiyabergen bei Rjoma, nahe von Dschudi Dschudi, wohin von drei Seiten englische Truppen aufgeboten waren, um die räuberischen und alles plündernden Eingeborenen zu unterwerfen. Von Nimule selbst, sowie von Mongalla im Sudan waren zwei Expeditionen nach dem Kampfplatz ausgezogen, und vom Süden aus war bereits Kapitän Taughner, den wir im Dezember in Mbale getroffen hatten, mit einer dritten Truppe unterwegs. Zurzeit war Nimule fast gänzlich von Truppen entblösst, denn auch in den Lamogibergen, ungefähr 40 Meilen südlich von Nimule, befand sich ein Aufstandsgebiet. Die Eingeborenen, die mit Gewehren bewaffnet waren, hatten sich dort reichlich mit Lebensmitteln und Wasser versorgt und in die Felsenhöhlen der Berge zurückgezogen, aus denen sie in vollständig gedeckter Stellung auf jeden sichtbar werdenden Askari schossen. Die Engländer entschlossen sich nun, alle Berge zu blockieren und den Feind durch Aushungern zur Uebergabe zu zwingen, was jedenfalls noch eine Weile dauern und manches Opfer an Menschenleben kosten dürfte.

Nach mehreren Stunden des anregendsten Gespräches mit Mr. Bains kehrten wir in unser Lager zurück, wo wir eine ausgiebige Post aus Europa vorfanden und diesen ereignisreichen Tag, der uns nach langer Wanderung durch Steppe und Busch wieder in die erste europäische Siedlung gebracht hatte, mit der Lektüre der Unmenge von Briefen und Zeitungen aus unserer Heimat abschlossen (Tafel 60).

In der reichen Korrespondenz befand sich auch ein Begrüssungsschreiben unseres ausgezeichneten Landsmannes, des Generalinspektors im Sudan, Baron Rudolf Slatin. Ich hatte ihn um die Erlaubnis ersucht, für das Museum ein weisses Nashorn und ein Elen schiessen und ausserdem für die kaiserliche Menagerie in Schönbrunn ein junges weisses Nashorn fangen zu dürfen, und daraufhin war folgende Antwort Slatin Paschas eingetroffen:

„Sehr geehrter Herr! Glückliche Ankunft am Nil. Sie können ein weisses Rhino schiessen und auch versuchen, eine junge Elenantilope und ein junges weisses Rhino zu fangen, jedoch unter der Bedingung, die Mütter dieser Tiere nicht zu töten, sondern nur zu vertreiben. Hoffend, dass Sie eine den Umständen angemessene, [Pg 139]angenehme Reise hatten und ich Sie bald hier begrüssen kann, bin ich, geehrter Herr, mit bestem Gruss Ihr ergebener R. Slatin.

Bitte, benachrichtigen Sie Major C. R. Owen, Gouverneur der Mongalla Province, von Ihrer Ankunft, der angewiesen ist, Ihnen die nötige Jagderlaubnis zu erteilen.“

Unsere ursprüngliche Absicht war, in Nimule nur zwei, drei Tage zu verbleiben, die vollständig genügt hätten, um unsere ermüdeten Träger neue Kräfte schöpfen zu lassen. Leider waren aber die Kisten, die wir in Kumi aus Mangel an Trägern über den Kiogasee und Nil vorausgeschickt hatten, noch immer nicht hier, trotzdem sie fahrplanmässig schon längst hätten eintreffen sollen, und so mussten wir den nächsten Dampfer, der in Nimule nur jeden Sonntag ankommt, abwarten. Da sich hierdurch unser Aufenthalt notgedrungen auf eine volle Woche ausdehnte — der Tag unserer Ankunft in Nimule war nämlich ein Sonntag, — hatte ich Mr. Bains ersucht, Eingeborene nach Elefanten und Büffeln auszuschicken, um so diese Woche nicht in blossem Müssigsein verstreichen zu lassen. Schon am nächsten Tage machte mir Mr. Bains die Mitteilung, dass in nordöstlicher Richtung, zwischen dem Assuariver und dem Attapiriver viele Büffel- und Elefantenspuren gesehen wurden, so dass ich hoffen konnte, von meinem Jagdausflug nicht ohne Beute zurückzukommen. Nur musste ich ihn noch um einen Tag verschieben, da Dr. Stigler und Schwarzer erkrankt waren. Sie hatten von den Krotonölnüssen über zwanzig Stück gegessen, was Brechreiz und einen furchtbaren Durchfall zur Folge hatte, der die beiden sonst kräftigen Männer auf das Krankenlager warf. Auch Präparator Storch ging es nicht zum Besten. Er hatte schon im Naquagebiet, als die Strapazen sich steigerten, an Anfällen seiner alten Malaria zu leiden gehabt, die ihn vollständig arbeitsunfähig machten, und brach nun in Nimule mit ausserordentlich hohem Fieber ganz zusammen. Ich war der einzige, der bisher von jeder Krankheit verschont geblieben war, und konnte also den täglichen Einladungen des liebenswürdigen Mr. Bains auch Folge leisten, der sich in Aufmerksamkeiten mir gegenüber überbot. Er schenkte mir Speer, Schild und Kopfschutz des Häuptlings von Guru Guru, der vor [Pg 140]einigen Tagen in den Lamogibergen von einem englischen Offizier, Mr. Moore, erschossen worden war. Ich versuchte, mich bescheiden zu revanchieren, indem ich ihm meine zerlegbare Tischlampe zum Geschenk machte. Es war mir nämlich aufgefallen, dass in dem sonst so komfortablen Hause Mr. Bains nur kleine Kerzenlampen brannten, und er sagte mir, dass ihm seine einzige Lampe zu seinem grossen Leidwesen vom Boy zerschlagen worden war. Mein Geschenk war ihm also sehr willkommen. Ich hatte diese äusserst praktisch konstruierte und sehr wenig Raum einnehmende Lampe auf der Reise nur selten benützt, da wir uns in Jinja und Mbale fünf gewöhnliche sogenannte Safarilampen, zu drei Rupien das Stück, angeschafft hatten, die fast unzerbrechlich sind, genügend Licht geben und, was auf einer so anstrengenden Reise die Hauptsache ist, fast keiner Pflegung bedurften.

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ELEFANTENJAGD.

Im Jagdgebiet / Die erste Elefantenherde / Am Attapiriver / Tragische Jagdgeschichten / Unsere Expeditionstrommel / Ein anhänglicher Schwarzer / Unser Heatman als Elefantenwilderer.

Bis zur Ankunft unseres Gepäckes aus Kumi blieben uns noch vier Tage für unseren Jagdausflug, den wir um so lieber unternahmen, als ein längerer Aufenthalt in Nimule wegen der heftig auftretenden Malariafälle sehr ungesund ist. Meine wissenschaftlichen Aufnahmen hatte ich mit der Ankunft in Nimule eingestellt, und so nahmen wir für unsern Ausflug, von dem wir Samstag abends wieder zurück sein wollten, nur das notwendigste mit. Ausser Dr. Stigler und Schwarzer, die sich von ihrem Brechdurchfall wieder ganz erholt hatten, begleiteten mich einige Träger, darunter auch Adabungomoi, und mehrere Tragesel, die mit den Lebensmitteln beladen waren. Unsere Führer waren zwei Eingeborene, die von Mr. Bains vor einigen Tagen in die Jagdgegend geschickt worden waren. Am frühen Morgen verliessen wir Nimule und marschierten zuerst in nördlicher Richtung durch schönes Hügelland, in dem sich vor uns das herrliche Panorama der Nillandschaft mit dem langgezogenen Gebirgsstock der hochaufsteigenden Nyiriberge entrollte. Nach vier Stunden kamen wir an den unteren Lauf des Assuariver, dessen fast hundert Meter breites Flussbett wir durchwaten mussten. Am andern Ufer, wo mächtige Wurstbäume standen, wie wir sie zwischen Mbale und Kumi gesehen hatten, rieten uns unsere Führer, Rast zu halten, da wir den Attapiriver, der nach der Karte höchstens noch drei Stunden entfernt war, vor Sonnenuntergang nicht mehr erreichen würden. Wir beschlossen aber, weiter zu marschieren und gingen in glühender Sonnenhitze ungefähr eine Stunde, als sich plötzlich unter den Eingeborenen grosse Erregung zeigte. Es war ein Geräusch wie das Trompeten von Elefanten vernehmbar.

Es wurde sofort Halt gemacht, und wir Europäer folgten nun mit den Führern, dem Karamojomann und den Boys, die unsere Gewehre [Pg 142]trugen, der Richtung, aus der wir das Geräusch hörten. Bald fanden wir Fährten der Elefanten, die auf eine ziemlich grosse Herde deuteten. Die Verfolgung führte uns in dichtes Buschland, da und dort bezeichnete auch ein abgebrochener Ast die Marschrichtung der Elefanten. Von diesen selbst war aber nichts zu sehen, trotzdem der Karamojomann auch von einem hohen Baume aus Ausblick hielt. So ging es ungefähr eine halbe Stunde in dem ziemlich flachen Terrain weiter, da sprang Adabungomoi plötzlich zu mir und deutete mit dem Speer auf eine graue Masse, die einem Felsblock nicht unähnlich war. Wir schauten durch unsere Gläser und erkannten einige Elefanten, die dicht aneinander gedrängt unter hohen Bäumen standen. Nun gingen wir vorsichtig vorwärts und kamen bis auf hundert Schritte heran. Vorn rechts sahen wir fünf mächtige Tiere, etwas weiter rückwärts bedeutend mehr, von denen besonders eines durch seine Grösse und seine langen, schmalen Zähne auffiel. Neben ihm stand ein ausgewachsenes Junges, das ruhig mit seinem Rüssel spielte, aber noch immer war kein Bulle wahrzunehmen. Ich hatte zwar auch die Erlaubnis, Weibchen zu schiessen, und ein Junges möglicherweise lebend zu fangen, dies war aber hier bei der grossen Stärke der Herde ganz ausgeschlossen, da sich die anderen Tiere des Jungen, dem die Mutter weggeschossen wäre, sofort angenommen hätten.

Wir traten etwas seitwärts, um den bisher durch den Busch verwehrten freien Ausblick zu gewinnen, und sahen nun die ganze mächtige Herde vor uns. Das wachhabende Tier hob ununterbrochen den Rüssel auf und ab, machte sich mit den gewaltigen Ohrlappen Wind und brütete stumpf vor sich hin, ohne Ahnung, dass ihm sein grösster Feind mit der todbringenden Kugel so nahe war. Wir standen unter ausgezeichnetem Wind, so dass wir den prächtigen Anblick auf die Herde ungestört geniessen konnten. Die weiter rückwärts stehenden oder liegenden Elefanten spielten, bewarfen sich mit Staub, den sie durch den Rüssel bliesen, dann und wann stiess einer einen durchdringenden Trompetenton aus. Ich suchte indessen nach einem Bullen und wollte womöglich den stärksten schiessen. Die dünnen Stosszähne der meisten liessen aber auf Weibchen schliessen, nur der [Pg 143]wachhabende Elefant hätte ein Bulle sein können, und sowohl mein Boy, der schon mehrere Jagdsafari mitgemacht hatte, als auch der Karamojomann waren derselben Ansicht. Ich entschloss mich daher, diesen zu schiessen, wohl wissend, dass, wenn er nicht gut getroffen wäre, die ganze Herde, die meist aus Weibchen mit Jungen bestand, auf uns losstürmen und alles unter sich zertreten konnte. Ich gab noch rasch meinen Begleitern den Auftrag, im Falle eines Angriffes auf die vordersten zu schiessen, dann legte ich meinen Mannlicher 9,5 mm an die Backe und zielte, da die erste Aufregung schon gewichen war, ruhig und sicher zwischen Ohr und Auge. Ein Knall, und wie vom Blitz erschlagen sank das mächtige Tier, mitten durch das Gehirn getroffen, zu Boden. Gleichzeitig erschütterte ein furchtbares Trompeten die Luft, die ganze Herde lief wirr und ratlos durcheinander und wirbelte eine hohe Staubwolke auf. Zuerst schien es, als ob sie die Richtung gegen uns nehmen wollte, da fingen aber unsere Führer und mein Boy mit voller Lungenkraft zu schreien an, worauf die Tiere in entgegengesetzter Richtung, grosse Staubwolken hinter sich lassend, davonliefen.

Wir näherten uns nun vorsichtig dem Elefanten, der sich aber nicht mehr rührte. Da das Herausnehmen der Zähne viele Stunden in Anspruch nahm, schlugen wir, obgleich die nächste Wasserstation nur mehr eine Stunde weit entfernt war, schon hier, in der nächsten Nähe des gefallenen Tieres, unser Lager auf. Unsere Nairobiträger machten sich sofort an das Zerlegen des Elefanten, und nun begann ein Raufen und Streiten um jedes Stück Fleisch, so dass ich gezwungen war, die Verteilung desselben von den mitgenommenen zwei Askari überwachen zu lassen. Die Stimmung im Lager war eine äusserst gehobene, gab es doch eine Menge Fleisch und ausserdem Schussgeld und Bakschisch. Bald war die Nachricht von dem geschossenen Elefanten auch in die nächsten Dörfer gedrungen, und eine grosse Anzahl nackter Eingeborener umschlich unser Lager, um wenigstens noch die Gedärme und einige an den Knochen gebliebene Fleischreste erhaschen zu können. Bei eintretender Dämmerung war von dem mächtigen Tier nichts mehr vorhanden als die nackten Knochen [Pg 144]und Rippen! Alles andere war aufgezehrt oder hing über den offenen Feuern zum Trocknen. Nachdem wir die Eingeborenen das Fleisch mit so besonderem Appetit verzehren sahen, gaben wir unserem Koch den Auftrag, einmal seine Kunst zu zeigen und auch uns ein Elefantengericht zu bereiten. Er tat es auch, es war aber für uns unmöglich, diesen Elefantenbraten zu geniessen, der hart wie Leder und obendrein noch ganz geschmacklos zubereitet war.

In der Nacht, die diesem Jagdtage folgte, waren aus unserem Lager die zwei Maultiere, die ich und Photograph Schwarzer ritten, durchgebrannt. Wir vermuteten, dass die Tiere wohl in der Richtung gegen Nimule laufen, aber kaum den Assuariver durchwaten würden. Die noch nachts auf die Suche geschickten Träger kamen des Morgens ergebnislos zurück, aber im Lager am Attapiriver trafen die Eseltreiber, die ich tags vorher nach Nimule um Mehl geschickt hatte, auf einmal mit den beiden Flüchtlingen ein, die sie in Nimule gerade auf der Suche nach unserem dortigen Lager gefunden hatten. Sie waren also doch durch den Assuariver gewatet und hatten in der Nacht den viele Stunden weiten Weg nach Nimule mit ausserordentlichem Spürsinn zurückgelegt.

Am Morgen, als wir gerade im Begriffe waren, aufzubrechen, holte uns ein Renner aus Nimule ein und überbrachte mir ein Telegramm Slatin Paschas, in dem mir nachträglich in liebenswürdiger Weise die Erlaubnis erteilt wurde, im Reservatgebiet des Sudan jagen zu dürfen.

Es sollten nun Tage kommen, die nur dem Vergnügen der Jagd gewidmet waren, für die uns ja bisher, obwohl viel und oft Gelegenheit war, die Zeit gefehlt hatte.

Tafel 61
Wie die Träger klettern
Dr. Stigler erkrankt

Der Weg bis zum Attapiriver führte längs des Westabhanges des Dhomiberges durch dichtes Buschland mit mehr als meterhohem Gras. Gegen 11 Uhr vormittags erreichten wir den Fluss, der sehr steile Ufer hatte und dessen Wasser gegen 60 cm tief war. Der Attapiriver ist ein Nebenfluss des Assuariver und vereinigt sich mit diesem knapp vor dessen Mündung in den Nil. Die Gegend ist sehr wildreich, und auf dem Weg von unserem Lager bis zum Fluss waren wir auf zahlreiche, oft ganz frische Fährten von Büffeln, Elefanten, Gazellen und [Pg 145]auch Hartebeesten gestossen. Vom Wild selbst war aber nichts zu sehen, trotzdem unsere Eingeborenen zu wiederholten Malen Bäume erkletterten, um über das Buschwerk hinaussehen zu können. Am flinksten war dabei immer mein Präparator Fundi, ein Eingeborener, der übrigens während der ganzen Reise einen alten, in allen Farben schillernden, von einem Europäer abgelegten Winterrock mit Kapuze trug und ihn auch bei der grössten Hitze nicht auszog. Er kletterte auf die höchsten Bäume, indem er den dicken Stamm mit den Händen umfasste und die Füsse nur mit den Zehen an die Rinde ansetzte. Spürte er einer Fährte nach, so beroch er jedesmal den Sand, um dadurch zu bestimmen, wie alt sie schon war (Tafel 61).

Der Tag verging, ohne dass wir Büffel oder Elefanten zu Gesicht bekommen hatten. Am nächsten Morgen birschten wir am linken Ufer des Attapiriver, aber mit dem gleichen negativen Erfolge, trotzdem die vielen Fährten und die gebrochenen Aeste und Bäume auf das Vorhandensein grosser Herden schliessen lassen mussten. Spät abends meldeten uns Eingeborene, die wir stromauf- und -abwärts geschickt hatten, um zu sehen, ob nicht Elefantenherden zur Tränke kämen, dass stromaufwärts von unserem Lager sich eine grosse Herde von Elefanten im Wasser herumtreibe. Da es an diesem Tage schon zu spät war, brachen wir erst am nächsten zu dieser Stelle auf, verfolgten auch einige Stunden die Spur, gaben aber schliesslich die Suche auf und vertrösteten uns auf die Jagdgebiete bei Gondokoro, die uns Mr. Bains besonders gepriesen hatte. Um 1 Uhr mittags erreichten wir den Assuariver, in dessen reinem frischen Wasser wir ein erquickendes Bad nahmen, und am Abend waren wir wieder in Nimule.

Der nächste Tag war Sonntag, und der Nildampfer brachte endlich unsere Kisten aus Kumi. Mit demselben Dampfer, der abends wieder abging, schickten wir sieben Askari sowie zwölf erkrankte Träger nach Mbale beziehungsweise in ihre Heimat zurück. Jeder Mann erhielt seinen Lohn für die ganze Reise, sowie das Fahrgeld für den Dampfer, und die aus Nairobi stammenden auch das für die Bahn, bei welchen Auszahlungen Mr. Bains mich in liebenswürdigster Weise unterstützte.

[Pg 146]

Abends waren Dr. Stigler und ich bei ihm zum Diner geladen, und wir lernten dort Mr. Moore kennen, jenen Offizier, der kurz vorher von den verlustreichen Kämpfen in den Lamogibergen zurückgekehrt war. Die Unterhaltung war sehr angeregt, und natürlich war auch von der Jagd die Rede. So erzählte uns Mr. Bains von einem soeben nach Nimule zurückgekehrten englischen Schiffsingenieur, der seinen Urlaub zur Elefantenjagd in dieser Gegend benutzt und auf dieser seinen Gewehrträger verloren hatte. Er hatte aus ziemlich kurzer Entfernung auf einen alten Bullen geschossen, der trotz der schweren Verletzung auf ihn und seinen Gewehrträger losstürzte und den letzteren zu Tode trat. Er wusste bei dieser Gelegenheit von einem noch tragischeren Ausgang einer Elefantenjagd zu erzählen. Der frühere Arzt von Nimule hatte auf einen Elefanten rasch nacheinander nicht weniger als 14 Schüsse abgegeben. Das schwer verletzte Tier lehnte sich an einen grossen Baum, so dass der Arzt, da es in dieser Stellung regungslos verharrte, annahm, dass es schon verendet sei, und sich ihm vorsichtig näherte. Da richtete es sich aber plötzlich wieder auf, und trotzdem ihm der Arzt sofort seine letzte Kugel in den Schädel knallte, hatte der Elefant noch soviel Kraft, sich auf ihn zu stürzen. Er sank zwar im selben Moment tot zu Boden, begrub aber den Jäger unter sich, der dann zerdrückt als Leiche hervorgezogen wurde.

In Nimule konnte ich durch Vermittlung Mr. Bains von den Eingeborenen viele Speere, Pfeile, Schmuck und andere Dinge erwerben. Auch eine grosse, mit Elefantenhaut überzogene Trommel, für die der Besitzer zwei Kühe als Preis verlangte, war darunter, die unsere bisherige, aus Mbale mitgenommene kleine ausser Tätigkeit setzte, und auf der ein Träger für den Rest unserer Reise die Marschmusik machte. Bei einem indischen Kaufmann erstand ich hübsche, aus Elefantenzähnen geschnitzte Hörner, die aus dem Kongo stammten, dafür verkaufte ich — natürlich um einen Pappenstiel — die mir übrig gebliebenen Tauschartikel und einige Kisten mit Konserven.

Das letzte Stück unserer Reise war die 163 km lange Strecke von Nimule bis Gondokoro, wohin eine schöne, breite Strasse östlich vom Nil führt, der hier wegen seines seichten Wasserstandes und starken [Pg 147]Gefälles noch nicht schiffbar ist. Die ganze Strecke ist, ebenso wie das westlich vom Nil liegende und sich bis an den Albertsee erstreckende Ladogebiet, für Europäer wegen der grossen Verbreitung der Schlafkrankheit gesperrt, und für Karawanen wird nur ganz ausnahmsweise die Erlaubnis erteilt, diese Gebiete zu betreten. Mr. Bains hat für uns in liebenswürdiger Weise diese Ausnahme gemacht und den Durchmarsch bewilligt. Bis Gondokoro werden gewöhnlich neun Tage als Reisezeit angenommen, doch kann diese Dauer bei Marschleistungen von 22–24 km auch um zwei Tage gekürzt werden. Von Gondokoro bis Khartum verkehren dann schon monatlich zweimal, am 6. und 21., Regierungsdampfer, die stromabwärts neun, stromaufwärts dreizehn Tage brauchen.

Für den Morgen des 26. Februar war der Abmarsch angesetzt. Aber wir hatten wieder einmal erfahren, dass die Eingeborenen, je gründlicher sie sich ausgerastet haben, um so länger brauchen, bis sie sich in Bewegung setzen. Es währte daher geraume Zeit, bis sich die Karawane zurecht machte. Zu unserem grossen Erstaunen meldete sich knapp vor dem Abmarsch auch der im Naquagebiete von einer Giftschlange gebissene Träger. Er hätte schon am Abend vorher mit dem Nildampfer zurückkehren sollen, wollte sich aber absolut nicht von der Karawane trennen. Es war ihm den ganzen Marsch bis hierher nicht am besten gegangen, und zweimal hatte er so starke Anfälle von Fieber und Schüttelfrost gehabt, dass wir fürchteten, ihn zu verlieren. Die ganze Strecke war er auf einem von einem Eingeborenen geführten Esel geritten, auf dem wir ihm einen bequemen Tragsessel errichtet hatten, nun schien ihm aber die achttägige Rast in Nimule so gut bekommen zu sein, dass er erklärte, er wolle unbedingt mit uns weiter marschieren und sogar eine Last tragen. Wir waren von dieser Anhänglichkeit des braven Schwarzen sehr gerührt und erfüllten gern seinen Wunsch.

Das letzte Hindernis, das unseren Abmarsch verspätete, war noch unser Heatman Abeidi, über den wir bei unserer Verabschiedung von Mr. Bains noch ausführlich sprechen mussten. Abeidi hatte nämlich die Absicht, nach seiner Verabschiedung in Gondokoro mit einem [Pg 148]Teil unserer Träger, die ihm sehr ergeben waren, durch den nördlichsten Teil Ugandas nach Abessynien zu ziehen, wo seine Frau und sein Bruder lebten, und bei dieser Gelegenheit — natürlich ohne Jagdschein und Erlaubnis — fleissig auf Elefanten zu schiessen, um das Elfenbein dann nach Abessynien einzuschmuggeln. Solche Wilderer, wie wir sie ja auch schon auf dem Marsche nach Mbale angetroffen hatten, schonen weder Weibchen, noch Junge, sie knallen alles nieder, was ihnen in den Weg kommt, und haben schon ganze Herden weiblicher Tiere vernichtet. Es handelt sich ihnen nur um das Elfenbein, das sie von den Wilden auch gegen alte, ausgemusterte und eingeschmuggelte Gewehre eintauschen, die dann hauptsächlich wieder im Kampfe gegen die Engländer verwendet werden. Man nennt solche Gewehrschmuggler Gunrunner. Es ist daher begreiflich, dass die Behörden die Reisen solcher Leute — es sind zumeist Araber — mit besonderer Wachsamkeit verfolgen und Streifzüge, wie sie unser Abeidi vorhatte, mit allen Mitteln zu verhindern suchen. Mr. Bains, den wir von den Absichten des Heatmans verständigten, ersuchte denn auch seinen Vertreter in Gondokoro, Mr. Weatherhead, Abeidi nicht aus den Augen zu lassen, ihn zur Rückkehr nach Nimule zu zwingen oder, wenn es notwendig sei, kurzerhand zu verhaften.

[Pg 149]

VON NIMULE NACH GONDOKORO.

Auf der Strasse nach Gondokoro / Grosse Grasbrände / Ein Marsch in der Vollmondnacht / In Loro / Wieder auf Elefantenjagd / Der tollkühne Adubungomoi / Erkrankung Dr. Stiglers / Ein Engländer auf Besuch / Unfreiwillige Träger / Schwarzer und Storch malariakrank / In der Nähe des Nils / Einmarsch in Gondokoro.

All diese Verzögerungen unserer Abreise von Nimule hatten zur Folge, dass wir am ersten Tag statt der geplanten 25 Meilen nicht einmal die Hälfte hiervon zurücklegten und nur bis zum Kamp am Assuariver kamen. Am nächsten Tage marschierten wir, immer auf der breiten Strasse, die zwischen dichtem Buschland und über hügeliges Terrain nach Gondokoro führt, bis Kiripe, wo wir unter prächtigen alten Bäumen unsere Zelte aufschlugen. Alsbald erschien in Begleitung eines grossen, nackten, mit Speer, Pfeil und Bogen bewaffneten Schwarzen der Häuptling des dortigen Bari-Stammes und teilte uns mit, dass etwa eine Stunde östlich von unserem Lager eine Herde von sieben Elefanten gesehen worden sei. Wir brachen gleich in dieser Richtung auf und konnten schon nach kurzem Marsche die frischen Fährten und die Verwüstungen entdecken, die die Kolosse an den ihnen im Wege stehenden Bäumen angerichtet hatten. Von einem kleinen Hügel aus sahen wir auch durch unsere Zeissgläser in weiter Ferne zwei einzelne Elefanten. Wir versuchten, durch das meterhohe Gras, in das uns die Tiere einen genügend breiten Steg getreten hatten, anzubirschen, traten aber bald wieder den Rückweg an, da die Elefanten inzwischen, wahrscheinlich um zur Tränke zu wandern, einen grossen Bogen gezogen hatten, und ausserdem auch schon die Dämmerung eingebrochen war. Am nächsten Morgen nahmen wir den Versuch wieder auf, aber ohne Erfolg. Die Elefanten dürften vermutlich durch grosse Grasbrände, die sich im weiten Umkreis zeigten und des Nachts auf Meilen hinaus die Landschaft beleuchteten, vertrieben worden sein. Die Träger haben nämlich die Gewohnheit, die Lagerfeuer, die sie bei jeder Gelegenheit anzünden, [Pg 150]beim Verlassen der Stellen ruhig weiterbrennen zu lassen, und es genügt dann der geringste Luftzug, um das trockene Steppengras in Brand zu setzen.

Da untertags fast unerträgliche Hitze herrschte, beschlossen wir, erst abends aufzubrechen und in der Nacht bei Vollmondschein abseits von der Strasse in nordöstlicher Richtung nach Loro zu marschieren, wo sich zufolge einer Meldung, die uns Mr. Weatherhead durch einen Renner übermitteln liess, viele Elefantenherden aufhalten sollten. Um 6 Uhr abends traten wir unter Führung eines Barihäuptlings den Marsch an. Die Träger waren in bester Stimmung, und es ging unter Trommelschlag und Gesang in flottem Tempo vorwärts. Die ganze Landschaft war von den sich immer mehr ausbreitenden Steppenbränden beleuchtet, namentlich ein östlich von uns gelegener Berg stand nahezu ganz in Flammen, und wir sahen alte Bäume auf seinen Abhängen wie riesige Fackeln in sich zusammenbrechen. Es war ein mächtiger, schöner, imposanter Anblick, wie ringsumher Berge und Hügel gleichsam in ein Feuermeer von übernatürlichen Dimensionen gehüllt waren. Zudem stieg bald der grosse Feuerball des Mondes auf, der fast taghelles Licht über die Landschaft und die langgezogene Trägerlinie goss: ein unvergesslich schönes Bild. Uebt der Marsch durch die afrikanische Steppe schon bei Tag auf den Europäer ausserordentlichen Reiz aus, so ist der zaubervolle Eindruck einer solchen hellen Nacht um so überwältigender. Hie und da nähern wir uns einer Eingeborenenniederlassung, in der die Wilden um ein Feuer hocken und scheu davonlaufen, sobald sie uns erblicken, um nach dem ersten Schrecken aber doch wieder zurückzukehren und uns zu begrüssen. Gegen 11 Uhr machten wir in der Nähe eines beinahe ganz ausgetrockneten Flussbettes kurze Rast, dann ging es wieder weiter, das Trommelschlagen und der Gesang verstummten allmählich, schweigend zieht die Karawane vorwärts. Plötzlich erfasst meine Träger panischer Schrecken, in nächster Nähe ist ein Rudel Elefanten aufgetaucht. Die Lasten wegwerfen und das Heil in schleuniger Flucht suchen, war das Werk weniger Augenblicke. Die Elefanten zeigten jedoch keine Angriffslust, sondern zogen friedlich ihren Weg zur [Pg 151]Tränke weiter. Es dauerte aber eine geraume Weile, bis die furchtsamen Träger, vorsichtig spähend, zurückkehrten und einer nach dem anderen seine Last wieder auf sich nahm und weiter marschierte.

Um 1 Uhr nachts hatten wir unser Ziel, Loro, erreicht, wo wir unter einem mächtigen alten Baum unser Lager aufschlugen und uns, ehe wir uns zur Ruhe begaben, erst noch an einem kleinen Imbiss stärkten.

Am nächsten Morgen meldeten uns zwei Eingeborene, dass, ungefähr eine Stunde von unserm Lager entfernt, ein Rudel Elefanten mit mehreren Bullen gesehen wurde. In einer Viertelstunde waren wir marschbereit, folgten unsern Führern das grosse Dorf entlang durch weite Durrapflanzungen, in denen die nächtlichen Besuche der Elefanten grosse Verwüstungsspuren hinterlassen hatten, und fanden dann in dem mannshohen Steppengras des Buschlandes bald frische Fährten. Kurz darauf erblickte auch mein Karamojomann von einem Baume aus, den er erklettert hatte, die Tiere selbst. Es war eine grössere Herde, die sich unter zwei hohen Bäumen niedergelassen hatte. Nur von einem, wahrscheinlich dem Wachhabenden, der den Blick auf uns gerichtet hatte und ununterbrochen die mächtigen Ohrlappen auf- und abschlug, sahen wir die Stosszähne. Nach deren Grösse war es ein Weibchen, und ich fürchtete, dass die ganze Herde aus solchen bestand, da wir von den vielen Bullen, die angeblich gesehen wurden, keinen erblicken konnten. Adubungomoi war von meiner Erklärung, deshalb nicht schiessen zu wollen, sehr enttäuscht; er versuchte, die Tiere in weitem Bogen zu umgehen, um aus kurzer Distanz das Geschlecht mit Gewissheit bestimmen zu können. Dadurch erhielten die Elefanten Wind, und die ganze graue Masse setzte sich staubaufwirbelnd und trompetend in Bewegung — ein grossartiges Schauspiel! Nach wenigen hundert Metern machte der Leitelefant mit seiner Herde unter Bäumen Halt, wir birschten nach und konnten nun auch deutlich die Stosszähne sehen. Die Herde bestand aus elf Stück, von denen zwei Junge und die übrigen alte Weibchen waren. Die Frage war für mich also erledigt, und ich begnügte mich von [Pg 152]einem Termitenhaufen aus, den ich erstiegen hatte, mit dem schönen Anblick, den die Herde gewährte. Ich begab mich nach einiger Zeit zu Abeidi und den Eingeborenenführern zurück und kümmerte mich nicht weiter um die Elefanten, die auch ihrerseits, da wir guten Wind hatten, uns nicht beachteten und ruhig in ihrer Stellung blieben. Mit einem Male erscholl ein durchdringender Trompetenton, die ganze Herde sprang auf und ergriff — glücklicherweise in der uns entgegengesetzten Richtung — im Trab die Flucht, alles unter sich zertretend und zerstampfend. Wir griffen instinktmässig nach den Gewehren und konnten uns diesen plötzlichen, eiligen Abzug nicht erklären; da kam Adubungomoi aus der Richtung der Elefanten gelaufen und erzählte mit lachendem Gesicht, er habe dem grossen Elefanten, der gegen uns äugte, aus unmittelbarer Nähe den Speer ins Herz schleudern wollen, jedoch zu weit rückwärts getroffen, habe dann die Waffe sofort wieder herausgezogen und sei davongerannt. Ich wollte zuerst dies Jägerlatein nicht für ernst nehmen, aber der Karamojomann zeigte mir seinen Speer, und da sah ich, dass die messerscharfe Schneide in ihrer ganzen Länge mit frischem Blut bedeckt war und musste nun wohl an diese Tollkühnheit glauben, die freilich sehr übel hätte ausgehen können, wenn die Herde statt in der andern Richtung gegen uns losgestürzt wäre. Den blutbedeckten Speer kaufte ich Adubungomoi zur Erinnerung an diese Jagd ab.

Am nächsten Morgen wurde uns wieder eine grössere Herde Elefanten gemeldet, der wir aber gar nicht nachbirschten, da die Eingeborenen, die sie gesehen hatten, selbst meinten, es seien Weibchen und Junge. Wir gingen zunächst bis Kiriloo, setzten aber den Marsch dann erst abends, als es kühler geworden war, fort und erreichten gegen elf Uhr nachts Shindiroo. Am Nachmittage hatte Photograph Schwarzer besonderes Jagdglück. Von fünf Hartebeesten, die in einer Gruppe beisammen standen, erlegte er mit drei rasch nacheinander abgegebenen Schüssen drei Stück und brachte ausserdem auch noch eine kurz darauf aufspringende Gazelle zur Strecke, so dass wir nach längerer Zeit auf unserm Abendtisch wieder einen frischen, allerdings denkbar schlechtest zubereiteten Lungenbraten vorgesetzt erhielten.

Tafel 62
Beratung mit dem Häuptling
Regierungshaus in Gondokoro

[Pg 153]

Dozent Dr. Stigler, der hier ebenso wie im früheren Lager Beobachtungen an Eidechsen bezüglich eines etwaigen Zusammenhanges ihres Farbenwechsels mit dem Pariatalauge (Stirnauge) machte, hatte sich hierbei eine recht böse Augenkrankheit zugezogen. Beim Belichten des Pariatalauges mit einem Brennglas holte er sich infolge des Reflexes durch das intensive Sonnenlicht eine Verletzung der Netzhaut, so dass er an fortwährendem Flimmern litt und am linken Auge ausserdem eine bedeutende Schwächung der Sehkraft fühlte, welche Netzhautblendung in den folgenden Tagen leider noch schlechter wurde. Auch Photograph Schwarzer war nicht wohl, und es stellte sich bei ihm, immer noch als Folge der Krotonölvergiftung, grosse Schwäche und Brechreiz, begleitet von vollständiger Appetitlosigkeit, ein. Präparator Storch, der seit Naqua kränkelte und in Nimule einen sehr schweren Malariaanfall hatte, war die letzten zwei Tage zwar etwas besser; abends fühlte er sich aber immer sehr schwach und hatte Fieber. Meine grösste Sorge galt Dr. Stigler, der natürlich in sehr gedrückter Stimmung war und sogar von der Möglichkeit einer Erblindung sprach. Ich verzichtete daher, trotzdem gerade diese Gegend ein Eldorado für Elefantenjäger ist, auf jede weitere Jagd und trachtete, sobald als möglich nach Gondokoro oder Rejaf zu kommen, wo vielleicht ein englischer Arzt zu finden war, der Dr. Stigler augenspiegeln konnte. Gleichzeitig schickte ich einen Renner nach Rejaf mit einem Brief an den dortigen Distriktsbeamten voraus, in dem ich bat, dass uns ein Arzt eventuell entgegenkommen möge (Tafel 61).

Mittags bekam ich den Besuch eines Engländers, Namens Grogan, eines Sportsmannes, der in diese Gegend hauptsächlich der Elefanten wegen gekommen war. Er erzählte mir, dass er vor kurzem zwei Tagereisen östlich von unserm Lager auf eine Elefantenherde gestoßen war, die nach seiner Schätzung nicht weniger als 500 bis 600 Stück zählte.

Bereits mittags war unsere Karawane marschbereit, es fehlte aber an Trägern, um Dr. Stigler in der Hängematte zu transportieren. Der Häuptling von Shindiroo, Lodju, hatte zwar versprochen, uns die noch [Pg 154]fehlenden Träger zu beschaffen, erklärte aber, als ich Abeidi später zu ihm schickte, dass niemand von seinen Leuten diesen Dienst leisten wolle. So blieb uns nichts anderes übrig, als uns selbst zu helfen. Wir schickten drei Askari in die nächste Niederlassung, wo sie einige Eingeborene einfingen und zwangen, uns bis zum nächsten Kamp Trägerdienste zu leisten.

Erst spät nachmittags marschierten wir ab und lagerten die Nacht in der Nähe eines grossen, ausgetrockneten Flussbettes. Am folgenden Tage kamen wir bis Kittriver, dem Sitz eines mächtigen Sultans, der uns in Begleitung seiner Minister, zweier Hornisten und vieler Untertanen in einem violetten Sammtanzuge mit Goldverschnürung begrüsste und uns in ein schönes Rasthaus geleitete. Dort erhielten wir alsbald aus Rejaf die Nachricht, dass nachmittags ein Arzt eintreffe. Ausserdem wurde Dr. Stigler von Major Castlesmith eingeladen, bis zum Abgang des nächsten Dampfers nach Khartum bei ihm in Rejaf als Gast zu bleiben. Zu allem Ueberflusse hatte Schwarzer heftiges Fieber und Brechanfälle bekommen, er war malariakrank geworden, und Storch hatte sich nach dem Eintreffen im Lager, wie gewöhnlich, sofort auf das Bett geworfen, so dass ich wieder der einzige Europäer blieb, der gesund war. Nachmittags kam der Arzt aus Rejaf, ein Syrier, und übernahm den Transport Dr. Stiglers, während ich für Schwarzer, den wir mit uns nahmen, aus Stricken und einer Zeltbodendecke eine zweite Hängematte machen liess. Indessen war auch Mr. Grogan mit seinen Trägern angekommen, der ebenfalls nach Gondokoro zu marschieren beabsichtigte.

Erst spät abends, bei völliger Dunkelheit, trafen wir in Ibrahim ein, wo wir übernachteten. Wir waren nun wieder in nächster Nähe des Nils und mussten unser Lager durch grosse Feuer vor etwaigen Besuchen der zum Wasser streifenden Elefantenherden schützen. Trotzdem hörten wir gegen zwei Uhr nachts deutlich das Brechen und Knacken der Aeste, die die Elefanten auf ihrem Wege abstreiften.

Von Gondokoro trennten uns neun Meilen. Da wir dort noch vormittags unsere Zelte aufschlagen wollten, verliessen wir Ibrahim zeitlich morgens. Nach einigen Dörfern, die wir passierten und in denen [Pg 155]trotz der frühen Morgenstunde bei Trommelbegleitung getanzt wurde, führte das letzte Stück der breiten Strasse von Nimule durch vollständig ebenes Terrain, so dass wir schon aus weiter Ferne die Blechdächer der Regierungsgebäude von Gondokoro im Sonnenschein blitzen sahen. Zu beiden Seiten der Strasse standen viele neugierige Eingeborene, und unser Einmarsch — der letzte auf dieser langen, schönen, unvergesslichen Reise — vollzog sich in tadelloser militärischer Ordnung. Wir marschierten zunächst zum kleinen Postgebäude, wo mich eine Unmenge von Briefen erwartete, und dann weiter zum Regierungsamtshaus. Die Askari von Gondokoro traten ins Gewehr, und der Vertreter Mr. Weatherheads — er selbst war gerade auf einer Dienstreise — empfing uns und wies uns den Lagerplatz für die Träger sowie einen kleinen Steinbau mit zwei Zimmern als Schlafstätte für uns Europäer an. Das kleine Haus überliess ich dem kranken Schwarzer, während ich und Storch in unseren Zelten schliefen. Das ganze Gepäck wurde zwischen den Zelten auf grossen, untergelegten Steinen aufgestapelt, da es hier sehr viele Termiten gibt und wir nicht zum zweiten Male mit ihnen böse Erfahrungen machen wollten. Bei uns blieben nur die Boys und Küchenleute, die Träger erhielten ihr Lager unter Führung des Heatmans in ziemlicher Entfernung von uns angewiesen. Mr. Grogan, der gleichzeitig mit uns in Gondokoro ankam, schlug sein Lager neben mir auf, und wir nahmen unsere Mahlzeiten gemeinschaftlich, wodurch meine Kost eine ausserordentliche Verbesserung erfuhr, denn Mr. Grogan hatte einen ganz vorzüglichen Koch. (Tafel 62).

Gondokoro, der nördlichste Ort Ugandas, am rechten Ufer des Nils gelegen, ist eine kleine, aber wichtige englische Niederlassung, die aus dem Regierungshaus, dem Wohnhaus des Distrikts-Adjunkten und dem Postgebäude, alles Parterre-Häuser, die aus Ziegeln gebaut und mit Gras oder Wellblech abgedeckt sind, aus einigen Askari-Hütten und zwei indischen Kaufläden besteht. Die Postverbindung wird durch die zweimal im Monat verkehrenden Nildampfer besorgt. Telegraph gibt es noch keinen, jedoch ist die Verbindung geplant. Das wenige Stunden südlicher gelegene Rejaf, am linken Nil-Ufer im Ladogebiet [Pg 156]des Sudan, hat telegraphische Verbindung über Khartum, Nimule besitzt hingegen eine solche mit Europa über Entebbe und Mombassa.

Es fehlt daher noch die Verbindung Rejaf-Nimule, die demnächst hergestellt werden soll.

[Pg 157]

AUFLÖSUNG DER KARAWANE.

Abfertigung der Träger / Aufgegebene Jagdpläne und Entschluss zur Heimreise / Verkauf der Ausrüstungsgegenstände / Unsere Träger in Salonrock und Schlapphüten / Der Zauber der europäischen Kleider / Ankunft des Nildampfers und Abfahrt.

In Gondokoro stand mir nun die langwierige Arbeit bevor, die Karawane aufzulösen. Die Heatmans, Boys, Träger und die beiden einheimischen Präparatoren mussten abgefertigt und ihr Lohn vom Tage der Aufnahme bis zu ihrer Ankunft in der Heimat und ausserdem auch der Fahrpreis bis dorthin genau berechnet werden. Einige ausgewählte Träger, die Boys, der Koch und die beiden Präparatoren sollten mich noch auf einem kleinen Jagdausflug in das Gebiet östlich von Gondokoro begleiten, sowie später in das Reservatgebiet des Sudan, in dem mir durch eine Spezialerlaubnis die Jagd gestattet wurde, doch machte ich die Ausführung dieser Pläne vom Befinden Dr. Stiglers abhängig, der dann in Khartum auf meine Rückkehr aus den Jagdgebieten warten wollte. Ich schickte noch am selben Tag einen Renner nach Rejaf, dem ich die Post für Dr. Stigler mitgab und der mir Nachricht über dessen Befinden bringen sollte. Im Lager waren noch viele Anordnungen zu treffen. Storch sollte das Gepäck revidieren und alle für meine projektierte weitere Reise notwendigen Gegenstände von den übrigen trennen. Ausserdem mussten die Kisten, von denen ein grosser Teil infolge des Verbrauches während der langen Reise nur mehr halb gefüllt war, für den Transport nach Khartum wieder vollgepackt werden. Dann begab ich mich mit den Trägerlisten auf die Boma und nahm mit Unterstützung des Regierungsbeamten die Abfertigung in Angriff, die fast den ganzen Tag in Anspruch nahm; als ich ins Lager zurückkehrte, fand ich leider das Gepäck noch nicht geordnet und musste nun auch diese Arbeit selbst überwachen.

Abends erhielt ich Nachricht von Dr. Stigler, die so wenig tröstlich lautete, dass ich mich entschloss, direkt die Heimreise anzutreten. Ich [Pg 158]wurde dazu auch durch die Verschlimmerung im Befinden Schwarzers genötigt, der mittags wieder einen schweren Malariaanfall gehabt hatte. Er lag in vollständiger Bewusstlosigkeit, mit verglasten Augen und hohem Fieber wie leblos in seinem Bette und reagierte auf keine Anrede. Ich liess sofort den zufällig hier weilenden englischen Arzt holen, der rasch eine Chinin-Injektion machte. Als Schwarzer bald darauf aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte, klagte er über grosse Schwäche und starke Rückenschmerzen. Auch seine Puls- und Herztätigkeit war eine ausserordentlich mangelhafte. Ich hatte grosse Sorge, Schwarzer hier zu verlieren, der aber dank seiner kräftigen Konstitution doch die Krankheit überstand. Er klagte bereits die letzten Tage vor seiner Erkrankung über Appetitlosigkeit, packte aber trotzdem überall energisch an und war stets ein ebenso passionierter wie vorzüglicher Jäger, der uns in der letzten Zeit in den wildreichen Gegenden täglich mit frischem Fleisch versorgte.

Der 7. März verging mit der Auszahlung meiner Leute, wobei mir Mr. Weatherhead, der inzwischen von seiner Dienstreise zurückgekehrt war, sehr an die Hand ging und die Träger genau über ihre Rückreise und die Kosten derselben informierte. Mittags war ich bei ihm zu Gaste geladen, und er erzählte mir von dem grossen Wildreichtum der nördlichsten, wenige Stunden von Gondokoro gelegenen Teile Ugandas an Büffeln, Elefanten, Löwen und Giraffen, so dass sich in mir das Jägerblut gewaltig regte und ich neue Pläne schmiedete. Da mir Dr. Stigler geschrieben hatte, ich solle meine Reise wegen seiner Erkrankung ja nicht abbrechen, so versuchte ich, den Plan in Erwägung zu ziehen, die östlichen Jagdgebiete gemeinsam mit Mr. Grogan aufzusuchen, der sofort hierzu bereit gewesen wäre und mir auch einen grossen Käfig für den Transport eines lebend zu fangenden weissen Nashorns zur Verfügung gestellt hätte. Aber es wurde aus dem Ausfluge trotzdem nichts. Mit Dr. Stigler wurde es nicht besser, und bei Schwarzer wiederholten sich am nächsten Tage die schweren Fieberanfälle, so dass ich nun endgültig auf jedes Jagdvergnügen verzichtete. Leicht fiel mir zwar dieser Entschluss nicht, da ich mich ja im Herzen eines idealen Jagdgebietes befand, das sonst erst nach monatelanger [Pg 159]Reise erreicht werden kann, aber ich tröstete mich damit, dass doch meine ganze Forschungsreise nun ihren glücklichen und erfolgreichen Abschluss gefunden hatte und dass meine persönlichen Wünsche unter den eingetretenen misslichen Umständen eben zurücktreten mussten.

Am 8. März benutzte ich die Zeit, die mir bis zur Ankunft des Dampfers noch blieb, um meine gesamten Ausrüstungsgegenstände, die mir ja jetzt entbehrlich geworden waren, zu verkaufen. Ich liess die zwei indischen Kaufleute Gondokoros in mein Lager kommen, und im Laufe von zwei Stunden war alles an den Mann gebracht. Mit Ausnahme einiger Tragesel, die Mr. Grogan übernommen hatte, verkaufte ich, wenn von einem Verkaufe überhaupt die Rede sein konnte, in dieser kurzen Zeit alles, dessen ich nicht mehr bedurfte, Zelte, Betten, Konserven und hunderterlei Dinge. Ich musste natürlich jeden Betrag annehmen, so dass die Preise oft kaum den zehnten Teil der Anschaffungskosten erreichten. Aber ich war diesbezüglich auf dem Standpunkt völliger Gleichgültigkeit angelangt und wollte den Ballast nur rasch losbringen. Es blieb bei mir nichts zurück als meine Kleiderkoffer, die Kisten mit den wissenschaftlichen Apparaten, die Apotheke und die Sammlungen, immerhin noch die stattliche Anzahl von 70 Kisten.

Unsere Träger, die nun sämtlich ausgezahlt waren, schwelgten nach Empfang des Lohnes und Reisegeldes in allen möglichen Genüssen, und in erster Linie kam ihre grenzenlose Eitelkeit und ihre Liebe zu europäischen Kleidern zum Ausdrucke. Unter irgendeinem Beweggrunde kamen diese grossen schwarzen Kinder, die tags vorher noch ganz nackt oder mit irgendeinem dürftigen Fetzen bekleidet waren, nun in mein Lager, um sich in ihren Khakianzügen, in grauen oder schwarzen, von Europäern abgelegten Salonröcken, mit grossen, lichtgrauen Schlapphüten und schwarzen oder braunen Schuhen bewundern zu lassen. In den Kaufläden war den ganzen Tag über enormer Andrang, und die beiden Inder dürften noch selten so glänzende Geschäfte gemacht haben. Wie mir Abeidi sagte, haben meine Träger mit geringen Ausnahmen noch am selben Tage ihr ganzes Geld verausgabt und den letzten Rest entweder vertrunken oder verspielt. Sie denken nicht [Pg 160]daran, dass sie viele Hunderte Meilen von ihrer Heimat entfernt sind und sich dorthin, aller Mittel bar, nun wieder mühsam wochen- oder monatelang zurückarbeiten müssen, denn ihr grösster Stolz ist befriedigt — sie tragen europäische Kleider.

Mr. Weatherhead und Mr. Grogan waren noch immer in unserem Lager, trotzdem es schon 11 Uhr vormittags geworden war. Das Schiff, das um 9 Uhr hätte ankommen sollen, hatte infolge des niederen Wasserstandes und der durch Sandbänke gefährdeten Fahrt zwischen Rejaf und Gondokoro grosse Verspätung, so dass sogar noch Zeit blieb, der Einladung Mr. Weatherheads zu einem Abschiedslunch zu folgen, den wir erst um ½1 Uhr auf den schrillen Pfiff der Dampfpfeife unseres Schiffes hin abbrechen mussten. Sowie der Dampfer, sich mühsam zwischen den vielen Papyrusinseln durchwindend, näher gekommen war und schliesslich an einer solchen, ziemlich weit von unserem Lager entfernt, angelegt hatte, besorgte Abeidi mit seinen Leuten den Transport der Kisten an Bord. In langer Linie marschieren die Träger das steile Nilufer entlang und müssen dann noch eine breite, seichte Wasserstelle durchwaten, durch die die Insel, an der der Dampfer liegt, vom Ufer getrennt ist. Photograph Schwarzer wird in der Hängematte auf das Schiff gebracht, und mich selbst fuhren Mr. Weatherhead und Mr. Grogan in dem kleinen, weissen Regierungsboot an den Dampfer. Dort begrüsst mich mit herzlichem Händedruck Dr. Stigler, der leider noch immer die Augen verbunden hat. Das viele Gepäck, das in grossem Durcheinander am Ufer aufgestapelt ist, wird nun Stück für Stück abgewogen und verladen — die Elefantenzähne, wie überall in Afrika, getrennt von den übrigen Kisten — und der Kapitän drängt schon zur Abfahrt, da er die Verspätung einbringen will. Ich verabschiede mich also herzlichst von meinen wackeren Begleitern Mr. Weatherhead und Mr. Grogan, die in ihrem Boot wieder zurückfahren und mir noch lange ihre Grüsse zuwinken, die Sirene stösst einen schrillen Pfiff aus, und der Dampfer setzt sich unter lauten „Jambo“-Rufen der Träger, Heatmans und Askari in Bewegung und gleitet langsam nilabwärts. Nicht ohne tiefe innere Bewegung blicke ich auf die lange Reihe der Schwarzen, die am Ufer stehen und die so viele Wochen hindurch [Pg 161]meine Begleiter waren. Wer weiss, wie viele von ihnen wohlbehalten in ihre Heimat wieder zurückgekehrt sind. Allmählich entschwinden sie, ebenso wie die Häuser von Gondokoro, den Augen, und in diesen Augenblicken des Abschiedes drängten sich nochmals all die vielen Bilder und Erlebnisse meiner Reise zu einem einzigen, überaus mächtigen und bezwingenden Eindruck zusammen, in dem auch, wie ja bei jedem Abschied, ein gewisses Gefühl der Wehmut nicht fehlte.

Tafel 63
Unser Nildampfer in Bor
Kapitän Fox

[Pg 162]

EIN RÜCKBLICK.

Abschied vom Karawanenleben / Das Vegetationsbild Ostugandas / Grosser Wildreichtum / Das Paradies am Salisbury-See / Im nördlichen Uganda / Ein Eldorado für Elefantenjäger / Allgemeines über die Eingeborenen / Klimatisches / Die Erkrankungsgefahr für den Europäer / Chinin-Prophylaxe / Die Notwendigkeit ärztlicher Begleitung / Behandlung der Eingeborenen / Befriedigende Ergebnisse.

Das Karawanenleben hatte nun sein Ende erreicht; wir marschierten nicht mehr stundenlang in der afrikanischen Steppe, sondern liessen uns gemächlich von den Wellen des Nils tragen. Meine Forschungen waren hiermit beendet, und ich will daher, ehe ich das letzte Stück unserer Heimreise beschreibe, noch kurz die Beobachtungen festhalten, die wir in den von uns durchzogenen Teilen Ugandas in bezug auf Vegetation, Bodenbeschaffenheit, Fauna, Klima, Gesundheitsverhältnisse und über die Eingeborenen zu machen Gelegenheit hatten.

Das allgemeine Vegetationsbild des östlichen und nördlichen Uganda ist das der Busch- und Baumsteppe mit vorwiegendem Graswuchs — Savanne — und einer kärglichen Baum- und Strauchflora, der auch die lange, regenlose Periode nicht verderblich wird, stellenweise das der offenen Grassteppe, und zwar fast immer der einem Kornfelde gleichenden Hochgrassteppe. Die am meisten verbreitete Buschsteppe zeigt keinen schattigen Wald, keine schöne Baumgruppe, keine Quelle oder fliessendes Wasser; nur schmutziggrün schillernde Tümpel geben dem Reisenden das oft zu lang entbehrte Nass. Vorherrschend sind die dornigen Flötenakazien, seltener die Schirmakazie. Die meist harten Gräser haben eine durchschnittliche Höhe von 2 bis 3 Meter und sollen in der Savanne von Senaar eine solche von 4 bis 6 Meter erreichen. Nirgends sahen wir einen geschlossenen, hochstämmigen Wald, mit Ausnahme des Urwaldes auf den Westabhängen des Mount Elgon in einer Höhe von 2300 bis 3000 Meter und des Waldes im Naquatale, der nach seiner Formation Terrassenwald genannt wird.

[Pg 163]

Der grosse Reichtum der Tierwelt in Uganda ist, wie in ganz Afrika, in sichtlichem Schwinden begriffen. Nicht nur der Mensch hat teils seines Vergnügens halber, teils indirekt durch seine Ansiedlungen und die in die Wildnis vorgeschobenen Verkehrswege die grosse Säugetierwelt dezimiert, die grössten Verheerungen unter den Antilopen und Büffeln hat die Rinderpest angerichtet. Am Viktoria-See bieten sich noch Jagdgelegenheiten auf Nilpferde und Krokodile, in den grossen Dickichten des östlichen Ufers auch auf Büffel. Von Jinja bis Mbale sind Gazellen und Antilopen, bei Iganga Büffel, und in der Gegend von Mbale, namentlich in dem westlich vom Elgon gelegenen Sirocotal, kommen schon Herden von Elefanten und Giraffen vor. Den englischen Beamten in Mbale gelingt es alljährlich, einige Stücke davon zur Strecke zu bringen. Sehr wildreich ist die Ebene, die sich zwischen Kumi- oder Salisbury-See–Konkoro (Mount Debasien) und Tepes erstreckt. Ausser den Flusspferden gibt es dort zahlreiche Elefanten, Giraffen, Büffel, Kudus und anderes Wild, und am Salisbury-See selbst findet der Ornithologe ein wahres Paradies. Nirgends anderswo konnte ich auch nur annähernd eine derartige Mannigfaltigkeit der Vogelwelt finden. Am Nil zeigen sich oft Tausende von Vögeln einer Art beisammen, hier am Salisbury- oder Kumi-See trifft man aber ungezählte Arten auf einem verhältnismässig kleinen Raum verteilt. Alle möglichen hochbeinigen, zierlichen Wasservögel, gross und klein, springen von Blatt zu Blatt der herrlichen, weissen, gelben und violetten Seerosen, Tauchervögel erscheinen über der Wasserfläche und verschwinden wieder, die Gras- und Korallenbaum-Inseln sind von einer langschnäbeligen Eisvogelart bevölkert, und an den Ufern der grösseren Inseln brütet der so seltene Balaeniceps rex in seinem blau-grauen Kleid und mit seinem unverhältnismässig grossen, gelben Schnabel in träumender Ruhe vor sich hin — es sind unvergessliche Bilder, die sich uns am Kumi-See in der Umrahmung einer prächtigen Wasserlandschaft entrollten (Tafel 40).

Im nördlichen Teil der Zentralprovinz erreicht der Wildreichtum seinen Höhepunkt dort, wo auf der Karte der nur als Sumpf existierende Kirkpatrick-See eingezeichnet ist. Grosse Rudel Antilopen, Giraffen, [Pg 164]Strausse, Zebras verwandeln hier die endlose Steppe in einen natürlichen Tierpark, der dicht bevölkert ist, da selten ein schwarzer Jäger das Wild beunruhigt. Nur dann und wann, namentlich wenn die schmal bemessenen Durravorräte zur Neige gehen, steigen die Naqua-Eingeborenen von ihren Bergen herab und gehen mit ihren scharfen Speeren auf die Jagd. Ueberall sieht man kreuz und quer frische und alte Elefantenfährten und Losungen, die gewöhnlich zu einem schlammigen Tümpel mit breiiger, grüner Flüssigkeit führen, dem Rest eines grossen Swamp, der zur Regenzeit ungeheuere Dimensionen annimmt und dann, aus der Ferne betrachtet, tatsächlich wie ein See aussehen mag. Im Acholiland war weniger Wild anzutreffen, es zeigten sich wohl anfangs Giraffen-, Nashorn- und Elefantenfährten, die aber, je weiter wir nach Westen kamen, immer seltener wurden. Auch ornithologisch und entomologisch giebt es hier, ausser bei einigen Wasserplätzen, wenig zu sammeln.

Reichhaltiger wird die Gegend wieder nördlich von Nimule. Am Attapiriver streifen viele Büffelherden, und östlich der von Lokalega nach Gondokoro führenden Karawanenstrasse öffnet sich dem Elefantenjäger ein wahres Eldorado. Ueberall hinterlassen hier diese gewaltigen Tiere die Spuren ihrer Vernichtungswut oder ihres Uebermutes. Fast jeder Baum des dichten Buschlandes zeigt abgerissene Aeste oder ist vollständig entwurzelt; wir trafen abgeknackte Stämme in der Dicke von einem halben Meter. Die Herden treten breite Gassen in das Gras, und die kleinen Durrafelder der Eingeborenen werden zum grössten Teile immer wieder zusammengetrampelt und vernichtet. Dieser Wildreichtum erstreckt sich in nördlicher Richtung bis Mongalla im Sudan und soll am stärksten einige Marschstunden östlich von Gondokoro sein, wo es neben den Elefanten auch viele Büffelherden, Giraffen, Löwen, Strausse usw. gibt. Die Erkrankung meiner Begleiter hat mich verhindert, einen Ausflug in dieses Jagdgebiet, das viel leichter erreichbar ist als die wildreichen Ugandasteppen, zu unternehmen.

An dieser Stelle seien einige allgemeine Betrachtungen über die äussere Erscheinung, die Gewohnheiten sowie Handel und Wandel jener Negerstämme gegeben, mit denen ich auf der Reise von Entebbe nach [Pg 165]Jinja, Mbale, Naqua, Acholi, Nimule in Fühlung trat. Es kommen hierbei folgende Stämme in Betracht: Die Baganda, Busoga, Bageshu, Bakedi, Teso, Karamojo-, Naqua-, Tobur-Stämme, Acholi und Madi. Diese Eingeborenen sind fast durchweg gut gebaute, kräftige Menschen mit tiefbrauner, beinahe schwarz zu nennender Hautfarbe, stark ausgeprägten Kinnbacken, breiter Nase und schwarzem, gekräuseltem, ausserordentlich dichtem und stark entwickeltem Kopfhaare, dem sie oft die abenteuerlichsten Frisuren geben, nach denen sich gewisse Stämme sofort erkennen lassen.

Die Grösse dieser Neger ist mit Ausnahme der Busoga ziemlich bedeutend, die der Tesoleute fast riesenhaft zu nennen. In dem bekannten Werke von Professor Dr. Wilhelm Sievers, „Allgemeine Länderkunde“, wird die Grösse der afrikanischen Neger mit zirka 165 bis 168 cm angegeben; bei den Kaffern und den westlichen Sudanstämmen sollen sich solche finden, die nicht selten 178 bis 186 cm erreichen. Hierzu wäre nun unbedingt der Tesostamm zu rechnen, bei dem wir eine Durchschnittsgrösse von 180 bis 190 cm feststellen konnten und mehrere Neger gemessen hatten, die über 2 m Höhe hatten, ja einer sogar 2 m 12 cm. Wir begegneten vor Kaketta einer Karawane von zirka 200 vollständig nackten Eingeborenen dieses Stammes, die mit ihren grossen Baumwollballen, die sie nach Mbale trugen, wie Riesen erschienen und auf uns einen gewaltigen Eindruck machten.

Die Ausdauer und Widerstandskraft gegen Strapazen, körperliche Schmerzen und äusserliche Verletzungen sind bei Negern ganz ausserordentlich, und ich erinnere bei dieser Gelegenheit an den schwer Operierten von Kuminyanza, an den von einer Giftschlange gebissenen Träger und an die beträchtlichen Gewaltmärsche von 25 bis 35 km per Tag in der grössten Tropenhitze, durch wasserlose, dornige Steppen mit bis zu 30 kg schweren Lasten auf dem Kopfe.

Die Nahrung der Ugandaeingeborenen besteht aus hirseartigen Körnerfrüchten, wie Panicum (Wimbi), Sorghum (Durra), Mais, im südlichen Teile, vom Viktoria-See bis Bukedia, in Bananen, die in reichen Anlagen sehr verbreitet sind. Häufig gebaut wird die Erdnuss (Arachis [Pg 166]hypogäa), teils ihrer essbaren Samen wegen, teils zur Gewinnung des in den Keimblättern enthaltenen Oeles. Unter den Getränken ist das Hirse- und Maisbier am weitesten verbreitet, und wo Bananen gedeihen, machen sich die Neger daraus ein sehr berauschendes Getränk unter Beigabe von Zuckerrohrsaft. Die Viehzucht treibenden Völker haben oft Fleischnahrung, sie geniessen das Fleisch häufig roh oder in Streifen geschnitten und geräuchert. Ein besonders verbreitetes und wichtiges Haustier ist das Huhn, dessen Eier sie jedoch nur hie und da essen. Honig wird aus den Bienenstöcken, die in den Bäumen der Steppen vorkommen, gewonnen.

Was die Kleidung der Eingeborenen betrifft, so ist, abgesehen von den Häuptlingen und ihren Beratern, das Wort Kleid kaum zu gebrauchen. Die Eingeborenen haben meistens nur einen kleinen Schurz, und in den Gebieten, die noch nicht von Engländern verwaltet sind, oft auch diesen nicht. Bei den Bageshu und Teso waren nur ganz wenige Eingeborene mit einem Schurz bekleidet, die meisten sind uns vollständig nackt entgegengetreten und deren Weiber mit einer dünnen Perlen- oder eisernen Schnur um die Lenden.

Als Schmuck dienen bei den Teso-, Karamojo-, Naqua- und Tobureingeborenen Eisenringe am Hals, Arm- und Fussgelenk und auch in den Ohren; durch die Unterlippe ist meist ein Glas-, Stein- oder Kupferstift, bei den Bageshu ein glattgeschliffener Holzknopf gesteckt. Besonders auffallend ist der Schmuck bei den Acholi, der stark mit Eisenringen abgebundene Oberarm, die miederartige Verschnürung in der Taille und der reiche Ohr- und Kopfschmuck mit der charakteristischen Frisur. Die Acholi tragen Lendenschurz und lieben reiche Tätowierung. Stark tätowiert sind auch die Karamojo-, Naqua- und Tobur-Eingeborenen, insbesondere an den Armen und auf der Brust, die Bageshu-Frauen auf der Stirne.

Die Hütten der Eingeborenen in den von mir durchwanderten Gebieten Ugandas hatten im allgemeinen Kegelform mit spitz zulaufendem Dach, das aus Gras hergestellt ist. Der Eingang ist überall auffallend klein, und man gelangt nur in kriechender Stellung in das Innere der Hütte. Abweichend von allen andern sind die Hütten der [Pg 167]Bageshu mit ihren doppelten, im Kreise konzentrisch angelegten Wänden, wobei die Eingänge nicht in derselben Achse liegen. Während die Hütten der Eingeborenen vom Tesostamm von aussen nur eine einzige geschwungene Linie zeigen, haben die der nördlich gelegenen Stämme vertikale Wände mit einem darauf gesetzten, spitz zulaufenden, übergreifenden Strohdach. Bei den ersteren ist die Einzäunung durch einen drei bis vier Meter hohen, undurchdringlichen, lebenden Zaun aus Kakteen hergestellt, bei letzteren aus Baumstämmen, Wurzeln und Aesten.

An Waffen fand ich nur Speere, Pfeile und Bogen, sowie grosse und kleine Messer und Hacken, und bei den Karamojo-, Tobur- und Naqua-Eingeborenen einen eisernen Ring am Finger mit einem scharfen, sichelförmigen Ansatz.

Als Kampfschutzmittel hatten die Bageshu und Acholi ausserordentlich grosse Schilde aus Elefantenhaut, die Karamojo-, Naqua- und Tobur-Eingeborenen kleine, aus Giraffenhaut hergestellte Schilde, die gewöhnlich mit einem Bund Straussenfedern geziert sind.

Von Geräten der Neger, die friedlichen Zwecken dienen, wären die Musikinstrumente zu nennen, alle möglichen Arten grosser und kleiner Trommeln und Saiteninstrumente von verschiedener Form.

Was den Glauben an ein höchstes Wesen betrifft, so soll er bei den meisten Negerstämmen vorhanden sein, einen Fetischdienst konnte ich jedoch nur in Acholi finden.

Als Geld diente während der Reise die englisch-indische Rupie, soweit das Gebiet von England verwaltet wird. In den unerforschten Gegenden brauchte ich bei dem Naqua- und Toburstamm hauptsächlich Eisendraht, im Acholiland Amerikani (Baumwollstoff), die vielen übrigen Tauschartikel, wie Perlen, Messer, Spiegel usw., hatten nur untergeordneten Wert. Von den Kupferkreuzen, die am Kongo, und den Kaurimuscheln, welche im Nigergebiet als Geld verbreitet sind, war in Uganda nichts zu merken, ich konnte aber mehrere ethnographische Gegenstände, wie Kopf- und Stirnschmuck, Lendenschnüre usw., die mit Kaurimuscheln besetzt waren, sammeln.

[Pg 168]

Das Klima war in den von uns durchzogenen Gebieten das äquatorial-tropische, und nach meinen meteorologischen Messungen hatten wir eine Tagestemperatur bis zu 44 und 45 °C, während die Nächte sehr angenehm, ja häufig sogar kühl waren. Eine Ausnahme machte der Elgon, auf dem wir in unserem Lager im Krater, 3830 m hoch, Kältegrade bis zu −10 und −12 °C verzeichneten.⁠[5]

Die Erkrankungsgefahr ist in Uganda, namentlich in dessen südlichem Teil, für den Europäer eine eminent grosse, und die Glossina palpalis, die Anopheles, die Rückfallfieberzecke (Ornithodorus monbata), die Dysenterie- und Pestbazillen sind fürchterliche und tückische Feinde. Nördlich von Mbale wird die Gegend gesünder, und man ist hauptsächlich nur mehr von der Malaria bedroht, gegen die wir uns durch geeignete Präventivmittel nach den Ratschlägen meines Freundes, des Forschungsreisenden Professor Dr. Rudolf Pöch, und durch pedantische Vorsicht zu schützen wussten. Bei dieser Gelegenheit möchte ich jeden Afrikareisenden auf die peinliche Einhaltung der Chinin-Prophylaxe aufmerksam machen. Es ist schon unmittelbar vor dem Betreten des afrikanischen Bodens und dann in jeder Woche an zwei aufeinanderfolgenden Tagen je ein Gramm Chinin in fünf Portionen zu 0,2 g zu nehmen. Diese Prophylaxe ist aber auch noch sechs Wochen nach dem Verlassen des letzten Platzes, auf dem die Möglichkeit des Vorhandenseins der Anopheles bestand, geduldig fortzusetzen.

Für eine längere Expedition in afrikanische Gebiete ist die Mitnahme eines Arztes eine unerlässliche Notwendigkeit. Auf unserer Fahrt nach Mombassa lernten wir einen deutschen Prinzen kennen, einen kräftigen, gesunden, jungen Mann, der mit zwei Begleitern einen Jagdausflug nach Deutsch-Ostafrika unternahm. Wie wir später erfuhren, sind sämtliche Herren, die keinen Arzt bei sich hatten, sondern auf die Ratschläge ihres Jagdleiters angewiesen waren, schwer an Malaria erkrankt, und einer von ihnen musste sogar mit Schwarzwasserfieber vorzeitig nach Europa zurückkehren. Ich selbst war während der langen Reise nicht ein einziges Mal erkrankt und verdanke dies in erster Linie der Beobachtung grösster Diät und peinlichst [Pg 169]genauer Einhaltung der prophylaktischen und sonstigen Vorsichtsmassregeln, die ich im Einverständnis mit Dr. Stigler als richtig erkannte. Dr. Stigler wurde von den Trägern, von denen viele während der Reise erkrankten, stark in Anspruch genommen, und ich habe es jedenfalls auch ihm zu verdanken, dass wir trotz der ausserordentlichen Strapazen und der vielen Gewaltmärsche keinen einzigen Mann unserer grossen Karawane verloren haben. Dazu mag wohl auch die strenge militärische Zucht und Disziplin beigetragen haben, die wir durch Energie und richtige Behandlung der Eingeborenen bald eingeführt hatten und während der ganzen Expedition auch aufrecht zu halten wussten. Der Schwarze muss mit Güte behandelt werden, sobald er sich den Anordnungen fügt und seiner Arbeit ordentlich nachgeht; mit eiserner Strenge aber, wenn er lässig oder ungehorsam wird, und namentlich zu Beginn, wo er noch nirgends fest anpacken will und den Gehorsam noch nicht gewohnt ist. Nur so ist es möglich, eine Karawane von zwei- bis dreihundert Eingeborenen auf monatelangen Märschen durch unbekannte, unwirtliche Gegenden im Zaume zu halten.

Der Abschied von unserem Karawanenleben war demnach auch von keiner schmerzlichen Erinnerung getrübt. Im Gegenteil, wir waren hochbefriedigt von dem Erfolge und den Ergebnissen unserer Forschungsreise, von der wir viel wissenschaftliches Material mitbrachten und auf der wir die uns gestellte Aufgabe, die Durchquerung Ugandas auf noch unbetretenen, unerforschten Gebieten zu unternehmen, trotz aller Mühsale und Gefahren glücklich gelöst hatten. Die Monate, die wir in der gewaltigen Wildnis Afrikas zugebracht hatten, erschlossen uns eine neue Welt, von der wir das Wissen mit nach Europa trugen, und in all den durchlebten Stunden majestätischer Grösse, unendlicher Einsamkeit und zaubervoller Schönheit lernten wir aufs neue und eindringlichste wieder die Sprache der ewigen Gottheit erkennen, wie sie in allen mächtigen Erscheinungen der Natur zu uns dringt, um uns unsere eigene Kleinheit und Bescheidenheit fühlen zu lassen.

[5] Siehe meteorologische Tabelle auf S. 181.

[Pg 170]

AUF DEM NIL.

Unser Dampfer / Das „Walzertanzen“ / Kurven und Sandbänke / In Mongalla / Zerstörte Telegraphenlinien / Eine Strafexpedition gegen den Berristamm / Ein märchenhaftes Jagderlebnis / Eintönige Fahrt / Aufgefahren / Weltabgeschiedene Ingenieure / Ein Papyrusbrand.

Der Nildampfer „Amara“, der nun bis auf weiteres unser Heim bildet, ist kein Riesenschiff mit allen Bequemlichkeiten eines modernen Hotels, wie sie auf den grossen Ozeandampfern geboten werden, sondern ein Schiff von bescheidenen Dimensionen, das sich langsam und bedächtig durch die Wellen schaufelt. Es besitzt in der ersten Etage neun Kabinen erster und vier Kabinen zweiter Klasse, eine Badekabine und einen kleinen Speiseraum, in dem die Erste-Klasse-Passagiere und der Kapitän gerade knapp Platz finden. Das Oberdeck enthält noch einen kleinen gedeckten Aufbau, der mit engmaschigen Drahtnetzen gegen die Moskitos umspannt ist und als Schlafraum für die Passagiere erster Klasse dient, die in diesem luftigen und kühlen Zimmer sehr angenehm übernachten können. Die dritte Klasse befindet sich mit den Räumen für das Gepäck und den Tiertransport auf zwei ganz flach gebauten und mit einer Etage versehenen Begleitschiffen, die zu beiden Seiten mit dem Dampfer verbunden sind. Diese Seitenschiffe bilden aber auch gleichzeitig die Puffer des Dampfers, der in dem schmalen, aus dem Papyrus gestochenen und gebaggerten Nilbett von der Strömung oder infolge der Sandbänke oft recht unsanft an die Ufer geworfen wird. Diesen Stoss fängt nun das leicht gebaute Seitenschiff auf, und der Dampfer muss dann eine Drehung um das aufgefahrene Seitenschiff vollführen, um wieder in freies Wasser zu gelangen. Der Kapitän nennt diese etwas merkwürdige Art der Fortbewegung das „Walzertanzen“ des Schiffes. Aber man gewöhnt sich während der endlos scheinenden Fahrt an diese Extratouren und beachtet es schliesslich gar nicht mehr, wenn das Schiff tanzlustig wird. Es ist dies übrigens noch lange nicht das schlimmste, denn es kommt [Pg 171]auch vor, dass eines der Begleitschiffe oder der Dampfer selbst auf eine der vielen Sandbänke mit solcher Kraft auffährt, dass das geschickteste Manövrieren mit Steuer und Schaufelrad nichts nützt. Das Schiff sitzt fest und muss oft einige Tage warten, bis ein anderer Dampfer zu Hilfe kommt und es aus seiner üblen Lage befreit.

Nachdem wir nachmittags mit ganz kurzem Aufenthalte Lado berührt hatten, kamen wir abends in Mongalla an. Mongalla ist eine grosse, sehr wichtige, in den südlichen Sudan vorgeschobene Militärstation mit vielen Kasernen, Geschäftsläden und mehreren Regierungsbauten. Unser Dampfer blieb hier über Nacht verankert, da bei dem seichten Wasserstand des Nils eine Fahrt in der Dunkelheit nicht ratsam erschien. Ich besuchte noch abends den Gouverneur von Mongalla, Major Owen Bey, an den ich Empfehlungsbriefe hatte, und wurde von ihm, der mich schon erwartet hatte, auf das liebenswürdigste aufgenommen. Er wollte mir Ratschläge für meine Jagd im Reservatgebiet erteilen und nahm mit Bedauern zur Kenntnis, dass ich von der mir erteilten Erlaubnis infolge der Erkrankung meiner Gefährten keinen Gebrauch machen konnte. Am nächsten Morgen nahm unser Dampfer viele Kisten und Vorräte ein, was mir die Möglichkeit gab, nochmals an Land zu gehen und Mongalla etwas näher zu besichtigen. Es macht einen stark militärischen Eindruck und besitzt Kasernen für 400 Soldaten, sowie grosse Magazine für deren Ausrüstung. Im Telegraphenamt, in dem ich eine Depesche in die Heimat abschickte, teilte man mir mit, dass die Telegraphenleitung zwischen Mongalla und Bor schon seit einer Woche nicht funktioniere, da die Telegraphenstangen von Elefantenherden auf weite Strecken zerstört und teilweise sogar ausgerissen wurden. Solche Beschädigungen sind hier keine Seltenheit, namentlich in der regenlosen Zeit, wo viele Herden aus dem Innern nachts zur Tränke an den Nil ziehen und dabei alles, was ihnen im Wege steht, umknicken und zertreten. Der Telegraph läuft gegenwärtig längs dem Nil durch den Sudan bis nach Rejaf, so dass das neun Tagereisen weiter südlich gelegene Nimule keine Verbindung mit dem Norden hat. Von dort führt die Leitung nach dem Süden bis Kampala und Entebbe und dann nach [Pg 172]Osten bis Mombassa. Von Mombassa aus stellen Kabeltelegramme, die über Bombay laufen, die Verbindung mit Europa her. Die Depeschen, die wir in Nimule aufgaben, hatten also eine ganz hübsche Rundreise durch drei Erdteile gemacht.

Gegen Mittag ging unser Schiff wieder unter Dampf. Trotz des Luftzuges, den die ziemlich schnelle Fahrt stromabwärts erzeugte, war es drückend heiss, das Thermometer zeigte noch um 8 Uhr abends 36 Grad C, und in den Kabinen konnte man überhaupt nicht verweilen. In Scheik Tombé wurde Holz eingenommen, was einen mehrstündigen Aufenthalt verursachte. Ich benützte ihn zu einem kleinen Spaziergang in der Nähe der Station, da ich mir Bewegung machen wollte, für die das kleine Schiff nur ganz unzureichenden Spielraum gewährte. Da diesmal eine helle Mondnacht war, entschloss sich der Kapitän zur Weiterfahrt, musste aber auf telegraphische Weisung der Regierung anderthalb Stunden stromaufwärts zurückfahren, um einen erkrankten Offizier aufzunehmen. Dann ging es die ganze Nacht und den ganzen nächsten Vormittag weiter, man konnte aber nicht sagen ununterbrochen, denn trotz aller Vorsicht des Steuermanns blieben wir einigemal, bald mit kurzen, bald aber auch mit recht langen Aufenthalten auf Sandbänken sitzen und mussten uns erst wieder flott machen. Um zwei Uhr nachmittags erreichten wir Bor, gleichfalls eine grössere Militärstation mit vielen regelmässig angeordneten Unterkunftshütten für die Soldaten.

Nachdem wir angelegt hatten, erhielten wir den Besuch des Kapitäns Fox, eines schneidigen und eleganten englischen Offiziers, der erst tags vorher mit einer Abteilung aus dem Innern zurückgekehrt und gerade daran war, mit 20 berittenen Soldaten nach Osten zu dem aufständischen Berristamm abzumarschieren, wo auf englischer Seite 500 Askari, eine Kompagnie Berittener und zwei Maximkanonen im Feuer standen (Tafel 62 und 63). Der Kampfplatz war 150 Meilen von Bor entfernt, und da der Weg dorthin nur zwei Wasserstellen besass, beabsichtigte Kapitän Fox, auf seinen Kamelen und den ausgesucht kräftigen Maultieren einen Gewaltritt zu unternehmen, um schon in zwei Tagen am Ziel zu sein. Wir wurden von ihm eingeladen, uns den Abmarsch anzusehen. [Pg 173]Seine kleine Truppe, auffallend grosse und kräftige Sudanesen von energischem Aussehen, stand unter einigen Palmen bereit, die Reittiere waren bepackt, man hatte nur noch auf ihn gewartet. Ein kurzer Kommandoruf, mit einem Sprung sass alles im Sattel, und die kleine Schar stampfte im Galopp gegen Osten, wo bald nur noch eine Staubwolke ihren Weg verriet.

Kapitän Fox hatte mir auch eines seiner Jagderlebnisse erzählt, das fast märchenhaft klingt und als einzig dastehend im ganzen Sudan bekannt ist. Er hatte vor nicht langer Zeit ein Breitmaul — sogenanntes weisses Nashorn — geschossen, ohne es aber auffinden zu können. Bald darauf hatte er das seltene Jagdglück, ein zweites solches Nashorn aufzuspüren, schoss es schwer krank, konnte trotz alles eifrigen Suchens jedoch auch dieses nicht finden. Später aber wurden von seinen Leuten, weit entfernt von den zwei Schussstellen, beide Tiere verendet — kreuzweise übereinanderliegend — aufgefunden! Von diesen zwei, auf einem Fleck verendeten Nashörnern, die weit voneinander getrennt waren, als sie die Kugel empfingen, und sich erst im Tode gefunden hatten, soll auch eine photographische Ansichtskarten-Aufnahme bestehen.

Nach zweistündigem Aufenthalte setzte unser Dampfer seine Fahrt wieder fort in der offenen, schmalen, durch unabsehbare Papyrusstauden führenden Wasserstrasse, in der nur selten ein Vogel auffliegt oder der Schädel eines Nilpferdes sichtbar wird, das für einige Sekunden aus dem Wasser auftaucht. Wir fahren wieder die ganze Nacht und halten am Morgen bei Kanisa, einem grossen Dorf, wo unter gräßlichem Lärm Holz eingenommen wird, das einzige Feuerungsmaterial, das für die Maschine hier zu haben ist. Dann zieht sich der Nil in vielen Schlangenlinien, und unser Schiff tanzt bei jeder Kurve wacker und pflichtgemäss seinen Walzer. Die Fahrt wird langweilig und interesselos, und ihre Eintönigkeit wird nur durch das erste Schiff unterbrochen, dem wir begegnen. Es ist mit allem Komfort ausgerüstet und von zwei Sportsleuten gemietet, die von einigen Stationen kurze Jagdausflüge in das Innere zu machen beabsichtigen.

[Pg 174]

Am nächsten Tag erweitert sich der Nil fast zu einem See, und vor uns, an dem in der Ferne liegenden sandigen Ufer, erblicken wir die blechgedeckten Rohziegelbauten der Station Schambeh im Reservatgebiet. Bevor wir aber anlegten, wurde unsere Geduld noch auf eine harte Probe gestellt, denn wir fuhren mit Volldampf auf eine Sandbank auf, die in der Mitte des seeartigen Stromes lag, und sassen so fest, dass alles Manövrieren und Drehen nichts nützte. Erst als die ganze Besatzung und die Eingeborenen der dritten Klasse ins Wasser stiegen, um die Seitenschiffe zu schieben und zu ziehen und ausserdem noch mittels des weit vom Dampfer ausgeworfenen Ankers nachgeholfen wurde, gelang es nach anderthalbstündiger Arbeit, das Schiff in tieferes Wasser zu bringen. Der Nil ist hier ausserordentlich fischreich, und es wurden auch sofort zwei Leute, wie bisher immer, mit grossen Netzen auf den Fischfang geschickt, um frischen Vorrat für die Schiffsküche zu bekommen. Einige interessante Exemplare der Beute überliess mir der Kapitän für meine Fischsammlung.

Nun folgte eine 300 Meilen lange Fahrt ohne Aufenthalt, eintönig, immerfort durch die Papyrusstauden schaufelnd und walzertanzend. Am nächsten Tage begegneten wir einem grossen Baggerschiff, das unter Leitung zweier englischer Ingenieure durch die Papyruswirrnis einen neuen Kanal zu stechen hat, der viele Krümmungen des jetzigen Wasserweges abschneiden und damit eine wesentliche Verkürzung der Strecke herbeiführen wird. Unser Schiff brachte diesen beiden Männern, die hier in vollkommener Abgeschiedenheit von der Welt und ohne irgendwelche Abwechslung oder Anregung nur auf ihr Ziel losarbeiteten, Briefe und Zeitungen und fuhr nach kurzem Aufenthalte wieder weiter. Abends waren wir aus unmittelbarer Nähe Zeugen eines Papyrusbrandes, der einen grandiosen Anblick bot. Wo der Brand schon gewütet hatte und zum Stillstand gekommen war, erhob sich auf sumpfartigem Grunde ein endloses Durcheinander von den verkohlten Ueberresten der Stauden und ineinander verschlungenen Wurzeln, an dem man die Undurchdringlichkeit dieser Dickichte, wenn sie noch nicht vom Feuer verzehrt waren, wohl begriff.

[Pg 175]

Auch am nächsten Tage trafen wir wieder ein grosses Baggerschiff, das in voller Arbeit war und dem wir die Post abgaben. Der nächste kurze Aufenthalt war in Tonga, wo wir gerade knapp Zeit hatten, unsere Landsleute an der dortigen österreichischen Missionsstation zu begrüssen. Das Schiff fuhr nun mit 11 Meilen Geschwindigkeit, und das steigende Tempo, in Verbindung mit einer leichten Nordbrise machte den Aufenthalt auf dem Deck trotz einer Schattentemperatur von 38 °C recht angenehm. Photograph Schwarzer hatte sich seit Gondokoro ziemlich erholt, mit Dr. Stigler stand es aber nicht viel besser; er war noch immer mit verbundenen Augen in die dunkle Kabine gebannt, da ihm auch schon der geringste Schein des Sonnenlichtes Schmerzen verursachte.

Das Auffahren auf Sandbänke und das Walzertanzen des Schiffes hatten nun aufgehört, denn wir fuhren schon in acht Meter tiefem Wasser. In Tonga hatte auch das trostlos eintönige Bild der weiten Papyrusflächen endlich seine Grenze gefunden, an ihre Stelle war hügeliges Terrain mit grösseren Baumgruppen und vielen Dörfern getreten. Es waren die Siedelungen der Schilluks, schön gebauter, kräftiger Eingeborener von energischem Wesen. An den Haltestellen boten sie den Reisenden ihre Lanzen mit langer, breiter Schneide, auch geschmackvoll gearbeitete Fisch- und Hornspeere gegen gute Bezahlung zum Kaufe an. Unser Ugandageld, die Rupien und Cents, wurde aber zurückgewiesen, und wir mussten uns schon an die ägyptische Währung der Piaster und Sovereigns gewöhnen.

Der Nil erhält nun durch den Zufluss des Bahr el Ghasal und des Sobat eine grosse Breite, wir kamen an Taufikia und Malakal vorüber und trafen dort zwei Regierungsdampfer und das grosse Transportschiff „Egypt“, das mit Steinen und Kohlen stromaufwärts zog. Längs des Ufers sah man gepflegte Strassenanlagen mit Alleen, und das Wasser belebte sich mit vielen Nilpferden und Krokodilen, die an den sandigen Ufern ihren Schlaf hielten. In Renk, wohin wir nach Kodok, dem ehemaligen französischen Faschoda, Melut und Kaga gelangten, mussten wir das Segelboot eines jungen deutschen Jägers, der infolge des andauernden Nordwindes nicht stromabwärts konnte, [Pg 176]mit nach Khartum nehmen. Dr. Müller — so hiess er — hatte aus Gesundheitsrücksichten afrikanisches Klima aufgesucht, in Khartum für 30 Pfund monatlich einen kleinen, hübsch ausgestatteten Segler mit der dazugehörigen Bemannung gechartert und machte nun, trotzdem er in seinem Leben noch niemals gejagt hatte, nilaufwärts Jagdausflüge. Er hatte eine für einen Anfänger ganz respektable Anzahl von Gazellen, Krokodilen und Flusspferden und sogar einen Löwen zur Strecke gebracht.

Bei Goz fuhren wir unter der grossen Eisenbahnbrücke der Linie Senaar-El Obeid (Kordofan) durch, mussten aber einige Stunden warten, da die Drehbrücke erst um sieben Uhr morgens die Durchfahrt freigab. Je mehr wir uns Khartum näherten, desto bevölkerter wurden die schönen, grünen Gelände des Nils, es reihte sich Dorf an Dorf, und dazwischen weideten grosse Viehherden. Eineinhalb Tagereisen vor Khartum gab es noch den letzten grossen Aufenthalt, da wir die Passagiere und das Gepäck eines schon seit 24 Stunden auf einer Sandbank festsitzenden Schiffes aufnahmen, während zur Flottmachung selbst ein Hilfsdampfer aus Khartum auf dem Wege war (Tafel 64).

Tafel 64
Wasserschöpfer am Nil
Gouverneurpalais in Khartum

[Pg 177]

IN KHARTUM UND KAIRO.

Wieder von Komfort umgeben / Bei Slatin Pascha / Ein Ausflug nach Omdurman / In Kairo / Genesung Dr. Stiglers / Abschied von Afrika.

In Khartum trafen wir infolge der grossen Verspätung unseres Dampfers am 17. März erst spät abends ein, weshalb es uns unmöglich war, unser umfangreiches Gepäck an Land zu schaffen und wir nur mit unseren Kleiderkoffern ins „Grand Hotel“ übersiedelten, ein erstklassiges, von einem tüchtigen Reichsdeutschen mit grosser Umsicht geleitetes Etablissement. Wir sahen uns nun wieder von dem Luxus eines modernen, mit allem Komfort versehenen Hotels umgeben, und der schöne, elegante Speisesaal, die kleinen, blumengeschmückten und elektrisch beleuchteten Tische bilden einen solchen Kontrast zu unserer bisherigen Lebensführung, dass wir ganz vergessen, immer noch einige Tausend Kilometer von der Heimat entfernt zu sein.

Am nächsten Morgen suchte ich mit Dr. Stigler, dessen Augen noch immer verbunden bleiben mussten, den Leiter des Hospitals auf, der leider erklärte, dass er in Anwendung des Augenspiegels nur wenig Praxis habe. Das Ergebnis der Untersuchung, die er trotzdem vornahm, war alles eher denn günstig, und ich verliess mit meinem Freunde in recht gedrückter Stimmung das Spital. Wir studierten sofort die Fahrpläne wegen einer möglichst raschen Verbindung nach Kairo, damit Dr. Stigler dort endlich in die Behandlung eines erfahrenen Augenarztes kommen konnte. Durch den Direktor unseres Hotels erfuhren wir, dass noch am selben Tage ein Expresszug nach Port Sudan mit direktem Schiffsanschluss nach Suez abgehe, auf welchem Wege man am raschesten nach Kairo gelangt. Dr. Stigler packte in grösster Eile die notwendigsten Koffer und fuhr um 2 Uhr nachmittags, begleitet von seinem Boy Kilimandscharo, nach Port Sudan ab.

[Pg 178]

Eine Stunde später machte ich meinen Besuch beim Generalinspektor Baron Slatin Pascha, der mich sofort nach meiner Ankunft in Khartum zu sich geladen hatte. Dieser bewunderungswürdige Gentleman, den ich schon von Wien aus kannte, empfing mich mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit. In seinem entzückenden, mitten in einem Palmengarten liegenden Heim muss sich jeder, der die Ehre hat, von unserem berühmten Landsmann empfangen zu werden, auf das angenehmste berührt fühlen von der freundlichen und dabei bescheidenen Art, die diesen mutigen, von aller Welt hochverehrten Mann auszeichnet. Die Stunden, die ich dort verbrachte, verflossen rasch in angeregtestem Gespräch, und jeder von mir auch nur halbwegs angedeutete Wunsch wurde von Baron Slatin sofort aufgegriffen und erfüllt. Am nächsten Tage hatte ich bei einem grossen Diner, zu dem er mich lud, Gelegenheit, mit den ersten Persönlichkeiten Khartums bekannt zu werden, und am Abend darauf füllte das gastfreundliche Haus des Barons eine Gesellschaft distinguierter österreichischer Gäste. Einige Vertreter unseres Hochadels waren von einem erfolgreichen Jagdausflug am oberen Nil zurückgekehrt und als Freunde bei Slatin Pascha eingekehrt.

Untertags war ich eifrig mit der Umpackung meiner Sammlungen und mit den Vorbereitungen für meine Abreise nach Kairo beschäftigt, wo ich Dr. Stigler, um dessen Befinden ich begreiflicherweise sehr in Sorge war, sobald als möglich treffen wollte. Photograph Schwarzer war wieder ganz wohl, hatte aber auf der weiteren Reise und auch noch in Wien an Malaria-Rückfällen zu leiden, und Präparator Storch fühlte sich hier wie zu Hause und war herzlich froh, dass es keine anstrengenden Märsche mehr gab und die vielen Strapazen und Unbequemlichkeiten zu Ende waren. Während meines Aufenthaltes in Khartum besichtigte ich auch Omdurman, die interessante Eingeborenenstadt mit ihren primitiven Lehmhütten, mit dem Grabe des Mahdi und dem Hause, in dem Slatin Pascha jahrelang in Gefangenschaft schmachtete, wo er, in die schwersten Ketten geworfen, jeden Tag sein Todesurteil erwarten musste und trotzdem mit eiserner Ruhe und ungebrochenem [Pg 179]Mute alle Grausamkeiten überstand. Heute gibt es in Omdurman schon viele europäische Geschäfte, eine Pferdebahn verbindet die weit auseinander liegenden Teile der Stadt, mächtige elektrische Bogenlampen werfen ihr Licht bis an die Ufer des blauen Nils, und nichts deutet mehr darauf hin, dass hier vor gar nicht allzulanger Zeit die blutigsten Kämpfe zwischen den Engländern und den tollkühnen Scharen des Mahdi ausgefochten wurden.

Khartum selbst macht den Eindruck einer vollkommen modernen Stadt. Neben den grossen schönen Regierungsbauten finden sich viele elegante Privathäuser, die breiten Strassen sind von schattigen Alleen umsäumt, und der Europäer vermisst sogar ein grosses Vergnügungslokal nicht, wie es jede Stadt seiner Heimat aufweist. Der längs dem Nil sich hinziehende Kai ist zum grössten Teil bereits ausgebaut, und am Ufer ankern jederzeit mehrere bequeme Dampfer, die den afrikanischen Nimrod in die Jagdgefilde des Sudan bringen.

Nach mehrtägigem Aufenthalte in Khartum entführte mich ein vollbesetzter Luxuszug nach Norden und brachte mich nach viertägiger Reise über Wadi Halfa, Assuan und Luxor in das prächtige Kairo. Am Bahnhof erwartete mich Dr. Stigler, und zu meiner grossen Freude sah ich ihn ohne Augenbinde. Er hatte hier die richtige Behandlung und Pflege gefunden, war in bester Stimmung und nur von dem einen Wunsche durchdrungen, jetzt nach der dreiwöchentlichen Sorge um sein Augenlicht sobald als möglich seine geliebte Mutter wiederzusehen. Er gab sich mit ihr telegraphisch in Italien ein Rendezvous, und schon nach zwei Tagen trennten wir uns mit einem „Auf Wiedersehen in Europa!“ Auf der sechsmonatlichen Expedition, während der Dr. Stigler alle Strapazen und Mühen mit mir teilte, war er mir ein guter, ehrlicher Freund geworden, dem ich für die grosse Unterstützung, die er mir in allem zuteil werden liess, sehr zu Dank verbunden war.

Entlastet von all den Mühsalen des beschwerlichen und doch so reizvollen Karawanenlebens verbrachte ich noch eine Woche in Kairo, dann reiste ich nach Alexandrien und winkte an Bord des prächtigen österreichischen Lloyddampfers „Wien“ tief ergriffen meine Abschiedsgrüsse [Pg 180]dem dunklen Erdteile zu, mit dem mich nun so starke, unvergessliche Erinnerungen an die weite, schöne afrikanische Wildnis verknüpften, die ich lieb gewonnen hatte, wie jeder, der einmal in sie eingedrungen ist. La nature est une patrie sans frontières!

[Pg 181]

METEOROLOGISCHE BEOBACHTUNGEN
Kmunkes in der Zeit vom 6. bis 21. Dezember 1911
auf der Strecke Mbale-Elgon-Mbale.

Ort
Tag
Schleuder-
Thermometer
Höhen-
Baro-
meter
Radau
Temperatur
Assmanisches
Psychrometer
Be-
wölkung
Nieder-
schlag
früh
abends
1911
früh
abends
Max.
Min.
trock.
feucht
trock.
feucht
früh
abds.
Mbale
 6.12.
   
1208 m
35,4
7,2
23,5
21,3
21,4
16,8
1
3
 
 7.12.
18
1443 m
34,5
6,2
18,2
18,1
15,6
15,7
0
2
Bujobo
 8.12.
16
20
35,2
5,6
19,6
16,3
18,8
15,2
3
2
 
 9.12.
13,5
28,5
1346 m
37,1
6,0
24,0
14,8
20,4
14,0
2
2
Buhugu
10.12.
19,0
24
38,1
6,9
24,2
19,2
19,5
18,3
2
5
 
11.12.
19
15
2350 m
37,6
6,8
19,5
14,8
16,2
13,2
2
5
Obere
Masoba
12.12.
9
34,3
0,3
8,7
5,9
8,2
5,1
1
5
Ober dem
Urwald
13.12.
−½
½
3340 m
28,0
−3
4,7
3,0
5,1
4,0
0
2
Elgon
14.12.
−3
6
3826 m
18,0
−10,0
6,0
3,2
4,2
1,0
0
0
Krater
15.12.
−3
5
17,0
−12,0
5,0
2,0
3,2
−½
3
5
Ober dem
Urwald
16.12.
½
3340 m
19,0
−12,0
7,8
1,2
6,0
½
4
5
Urwald
17.12.
5
10
3000 m
18,5
−1
10,2
8,6
8,0
6,0
6
3
Untere
Masoba
18.12.
5,4
20
1430 m
13,5
6,2
6,6
4,7
6
0
Buhugu
19.12.
15
26
1350 m
27,0
19,5
26,2
23,5
22,0
18,4
0
5
Bujobo
20.12.
20
21
1443 m
26,2
18,5
26,1
21,1
21,3
18,0
2
2
Mbale
21.12.
19,5
19,1
1203 m
26,3
9,8
32,8
18,2
19,2
16,8
2
2

[Pg 183]

ORNITHOLOGISCHE ERGEBNISSE
DER REISE RUDOLF KMUNKES
VON DR. JULIUS VON MADARÁSZ

Die Uganda-Reise Kmunkes, welche die Ersteigung des Elgon-Gebirges, sowie die Durchquerung der bisher grösstenteils unbekannten Gebiete nördlich und nordwestlich vom Salisburysee zu ihrer Aufgabe machte, hat ihre Aufmerksamkeit ausser auf geographische Studien auch auf die Ansammlung ethnographischer, botanischer und ornithologischer Gegenstände ausgedehnt.

Dieser Artikel will nun die Aufzählung jener Vögel in systematischer Reihenfolge geben, welche von der Expedition in gutem Zustande nach Hause transportiert werden konnten. Die Namen jener Vögel, welche wegen schlechter Präparation auf der langen Reise zugrunde gegangen sind und deren Zahl beinahe die Hälfte der Ausbeute machte, wurden in die Liste nicht aufgenommen. Die hier besprochenen Vögel gehören 109 Arten an und sind durch 188 Exemplare vertreten.

Obgleich an der Expedition kein Ornithologe teilnahm, glückte es Kmunke dennoch, diese sehr repräsentative Kollektion zusammenzubringen, in welcher auch neue Arten vertreten sind.

Die Vögel dieser Sammlung stammen von folgenden Fundorten: Kampala, Mbale, Elgon (Urwald und Krater), Route zwischen Mbale und Kumi, Salisburysee, Naqua-Toburberge, Acholi, Assuafluss, Nimule und Gondokoro. Die von der Expedition heimgebrachten neuen Arten stammen teils aus dem Urwalde am Elgon, teils vom Krater des Elgon. Es sind folgende:

Pinarochroa rudolfi Mad.
Cisticola Kmunkei Mad.
Cisticola elgonensis Mad.
Bradypterus elgonensis Mad.

[Pg 184]

Schließlich halte ich es für interessant, zu bemerken, dass es Kmunke gelang, zwei Exemplare des Balaeniceps rex Gould am Salisburysee zu erlegen, welcher Fundort meines Wissens nach einen neuen Beitrag zur Kenntnis der geographischen Verbreitung dieses interessanten Vogels bildet.

I. Fam. Psittacidae.
1.
Poicephalus virescens, Rchw.
II. Fam. Coraciidae.
2.
Coracias garrulus, L.
3.
Coracias abyssinus, Bodd.
4.
Coracias caudatus, L.
III. Fam. Alcedinidae.
5.
Ceryle rudis (L.)
6.
Ceryle maxima (Pall.)
7.
Corythornis cyanostigma (Rüpp.)
8.
Halcyon semicaerucleus (Forsk.)
9.
Halcyon senegalensis (L.)
IV. Fam. Bucerotidae.
10.
Lophoceros nasutus (L.)
11.
Lophoceros melanoleucus (Lichst.)
12.
Bycanistes subcylindricus (Sclt.)
13.
Bucorvus abyssinicus (Bodd.)
V. Fam. Meropidae.
14.
Melittophagus meridionalis, Sharpe
15.
Dicrocercus furcatus (Stanl.)
16.
Merops nubicus, Gm.
17.
Merops persicus, Pall.
VI. Fam. Caprimulgidae.
18.
Macrodipteryx macrodipterus (Afz.)
VII. Fam. Coliidae.
19.
Colius affinis, Shell.
20.
Colius pulcher, Neum.
VIII. Fam. Musophagidae.
21.
Turacus leucolophus, Heugl.
22.
Turacus hartlaubi (Fsch. & Rchw.)
23.
Chizaerhis zonura, Rüpp.
IX. Fam. Cuculidae.
24.
Cuculus solitarius, Steph.
25.
Centropus fischeri, Rchw.
26.
Coccystes glandarius (L.)
X. Fam. Capitonidae.
27.
Lybius leucocephalus (Fil.)
28.
Lybius aequatorialis (Shell.)
29.
Trachylaemus elgonensis (Sharpe)
XI. Fam. Picidae.
30.
Dendromus nubicus (Gm.)
31.
Mesopicus centralis, Rchw.
XII. Fam. Muscicapidae.
32.
Melanornis pammelaina (Stanl.)
[Pg 185]
33.
Empidornis semipartitus (Rüpp.)
34.
Tchitrea viridis (Müll.)
XIII. Fam. Campephagidae.
35.
Coracina pectoralis (Jard.)
XIV. Fam. Pycnonotidae.
36.
Pycnonotus minor, Heugl.
XV. Fam. Turdidae.
37.
Crateropus cinereus, Heugl.
38.
Turdus elgonensis (Sharpe)
39.
Monticola saxatilis (L.)
40.
Pinarochroa rudolphi Mad., neu (s. Orn. Monatsb. 1912, p. 175)
XVI. Fam. Sylviidae.
41.
Cisticola Kmunkei, Mad., neu (s. Orn. Monatsb. 1912, p. 175)
42.
Cisticola elgonensis, Mad., neu (s. Orn. Monatsb. 1913, p. 7)
43.
Bradypterus cinnamomeus (Rüpp.)
44.
Bradypterus elgonensis, Mad., neu (s. Orn. Monatsb. 1912, p. 175)
45.
Prinia reichenowi (Hartl.)
46.
Prinia mystacea, Rüpp.
XVII. Fam. Motacillidae.
47.
Budytes flavus (L.)
48.
Macronyx croceus (Vieill)
XVIII. Fam. Zosteropidae.
49.
Zosterops jacksoni, Neum.
XIX. Fam. Nectariniidae.
50.
Cinnyris suachelicus, Rchw.
51.
Cinnyris reichenowi, Sharpe.
52.
Nectarinia kilimensis, Shell.
53.
Chalcomitra viridisplendens (Rchw.)
54.
Chalcomitra acik (Ant.)
XX. Fam. Ploceidae.
55.
Ploceus abyssinicus (Gm.)
56.
Vidua serena (L.)
57.
Quelea aethiopica (Sund.)
58.
Uraeginthus bengalus (L.)
59.
Estrelda paludicola (Heugl.)
XXI. Fam. Sturnidae.
60.
Lamprotornis purpuropterus, Rüpp.
61.
Lamprocolius splendidus (Vieill)
62.
Lamprocolius amethystinus (Heugl.)
63.
Lamprocolius chalcurus (Nordm.)
64.
Lamprocolius chloropterus (Sw.)
XXII. Fam. Dicruridae.
65.
Dicrurus afer (Lichst.)
XXIII. Fam. Corvidae.
66.
Rhinocorax affinis (Rüpp.)
67.
Cryptorhina afra (L.)
XXIV. Fam. Laniidae.
68.
Corvinella corvina (Shaw.)
69.
Lanius excubitorius, Des Murs
[Pg 186]
70.
Lanius humeralis, Stanl.
71.
Laniarius major (Hattl.)
72.
Laniarius chrysostictus Reichw.
73.
Dryoscopus cinerascens, (Hartl.)
74.
Prionops cristatus, Rüpp.
75.
Pomatorhynchus orientalis, cab.
XXV. Fam. Falconidae.
76.
Serpentarius serpentarius (Müll.)
77.
Haliaetus vocifer (Daud.)
78.
Lophoaetus occipitalis (Daud.)
79.
Pernis apivorus (L.)
80.
Melierax matabetes (Heugl.)
81.
Butastur rufipennis (Sund.)
82.
Elanus caeruleus (Delt.)
83.
Micronisus niger (Vieill)
84.
Falco biarmicus, Temm.
85.
Falco ruficollis, Sur.
86.
Cerchneis tinnuncula (L.)
87.
Circus aeruginosus (L.)
88.
Circus pygargus (L.)
XXVI. Fam. Phasianidae.
89.
Philopachus fuscus (Vieill)
90.
Coturnix coturnix (L.)
91.
Francolinus elgonensis, Grant.
XXVII. Fam. Pteroclidae.
92.
Pterocles quadricinctus, Temm.
XXVIII. Fam. Columbidae.
93.
Vinago nudirostris, Sw.
94.
Turtur semitorquatus, Rüpp.
XXIX. Fam. Ardeidae.
95.
Ardea melanocephala, Vig.
96.
Ardea goliath, Cretsm.
97.
Bubulcus ibis (L.)
XXX. Fam. Balaenicipidae.
98.
Balaeniceps rex, Gould.
XXXI. Fam. Ciconiidae.
99.
Leptoptilus cruentifer (Less.)
100.
Anastomus lamelligerus, Temm.
XXXII. Fam. Rallidae.
101.
Limnocorax niger (Gm.)
XXXIII. Fam. Jacanidae.
102.
Actophilus africanus (Gm.)
XXXIV. Fam. Gruidae.
103.
Balearica pavonina (L.)
XXXV. Fam. Otididae.
104.
Otis melanogaster, Rüpp.
XXXVI. Fam. Charadriidae.
105.
Oedicnemus senegalensis, Sw.
106.
Sarciophorus tectus (Bodd.)
107.
Lobivanellus senegalus (L.)
XXXVII. Fam. Anatidae.
108.
Chenalopex aegyptiacus (C.)
XXXVIII. Fam. Phalacrocoracidae.
109.
09. Phalacrocorax africanus (Gm.)

TAFEL 65–68
mit einem Teil der vom Verfasser gesammelten ethnographischen Gegenstände

Tafel 65

Stamm: Naqua

Ort: Naqua-Toburberge (nördlich vom Salisburysee, Uganda)

1–4. Speere
5. Schild aus Giraffenhaut mit Straussfedern
6. Grosses Messer für Elefantenjagden
7. Hacke
8. Kopfstütze
9. Eiserner Halsring
10. Eisenkette als Lendenschmuck
11. 12. Sichelring
13. Ringförmiges Messer, am Handgelenk getragen
14. Lederschutz für diese Waffe
15. Horn

Stamm: Bageshu

Ort: Westabhänge des Elgon (Zentral-Afrika)

1. 2. Speere
3. Schild
4. 5. Bögen
6. Köcher
7. Pfeile
8. Vogelpfeil
9. 10. Kopfschmuck
11. Löwenkappe, aus Abessynien stammend
12. Stirnring
13. Halsring aus Eisen
14. Messer
15. 16. Trinkrohr mit Bambusstock
17. 18. Ohrschmuck aus Holz
19. Lippenschmuck aus Stein
20. Lippenschmuck aus Holz

Tafel 66

Ort: Kamjuru

Stamm: Kamjuru oder Acholi (Uganda)

1–5. Aus Gras geflochtene Körbe und Fruchtbehälter
6. Aus Lehm hergestellter Mörser mit Stössel aus Holz
7. Wasserbehälter

Ort: Kamjuru

Stamm: Kamjuru oder Acholi (Uganda)

1–4. Trinkgefässe aus Kürbisschale
5. 6. Verzierte Mehlbehälter aus Kürbisschale

Tafel 67

Ort: Kamjuru

Stamm: Kamjuru oder Acholi (Uganda)

1–6. Halsschmuck
7. 8. Kopfschmuck
9. Armschmuck
10. Signalpfeife
11–15. Ohrringe
16. 17. Eisen-, Kupfer-Fingerringe
18. 19. Sichelringe

Ort: Kamjuru

Stamm: Kamjuru oder Acholi (Uganda)

1. Schelle aus Eisen
2. Fussangel für Gazellen
3. 4. Signalpfeifen
5. Schnur aus Gras, mit der sich die Eingeborenen die Taille abbinden
6. Halsschmuck aus Eisenringen
7. Messer
8. Lendenschurz einer Frau

Tafel 68

Waffen, Schmuck und Geräte

Stamm: Kamjuru oder Acholi

Ort: Nord-Uganda (Zentral-Afrika)

1–4. Speere der östl. Stämme
5–7. „ „ westl. „
8. Schutzleder für Speerschneide
9–11. Stöcke
12, 13. Verzierte Haken
14. Wurfstock (Bumerang)
15. Schild aus Elefantenhaut mit Eisenverzierungen
16. 17. Bögen
18. 19. Verschiedene Giftpfeile
20. Frauenlendenschurz
21. Tasche aus Gazellenfell
22. 23. Oberarmschmuck
24. Kopfschmuck
25. Eisenringe als Halsschmuck
26. 27. Fingerringe
28–30. Lippenschmuck

Musikinstrumente

1. Im südlichen Uganda bei den Baganda- und Busoga-Eingeborenen
2. Vom Teso-Stamm (südl. und nördl. vom Salisburysee)
3. Aus Kamjuru (Nord-Uganda)

Zu: Kmunke, Quer durch Uganda
Karte 1.
Maßstab 1:35000000
Red. v. P. Sprigade u. M. Moisel.
Geographische Verlagshandlung DIETRICH REIMER (ERNST VOHSEN) Berlin
Routenskizze der Rudolf   Kmunke'schen Expedition in Uganda (Zentralafrika), Oktober 1911 bis April   1912, im Maßstab 1:760000
Karte des Kraters vom
BERG ELGON in UGANDA.
Maßstab 1:40000
Photogrammetrisch aufgenommen von Architekt
Rudolf Kmunke
auf seiner Forschungsreise Oktober 1911 - April 1912.
Entworfen und gezeichnet von
Ignatz Tschamler und Rudolf Langer