The Project Gutenberg EBook of Zum wilden Mann, by Wilhelm Raabe

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Title: Zum wilden Mann

Author: Wilhelm Raabe

Release Date: July 23, 2007 [EBook #22123]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Zum wilden Mann.

Eine Erzhlung
von
Wilhelm Raabe.


Mit dem Bildnis des Verfassers.


Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.




Erstes Kapitel.


Sie machten weit und breit ihre Bemerkungen ber das Wetter, und es war
wirklich ein Wetter, ber das jedermann seine Bemerkungen laut werden
lassen durfte, ohne Schaden an seiner Reputation zu leiden. Es war ein
dem Anscheine nach dem Menschen auergewhnlich unfreundlicher Tag gegen
das Ende des Oktober, der eben in den Abend oder vielmehr die Nacht
berging. Weiter hinauf im Gebirge war schon am Morgen ein gewaltiger
Wolkenbruch niedergegangen, und die Vorberge hatten ebenfalls ihr Teil
bekommen, wenn auch nicht ganz so arg als Volk, Vieh, Wald, Fels, Berg
und Thal weiter oben. Sie waren unter den Vorbergen nordwrts vollkommen
zufrieden mit dem, was sie erhalten hatten, und htten gern auf alles
weitere verzichtet, allein das Weitere und brige kam, und sie hatten es
hinzunehmen, wie es kam. Ihre Anmerkungen durften sie freilich darber
machen; niemand hinderte sie.

Es regnete stoweise in die nahende Dunkelheit hinein, und stoweise
durchgellte ein scharfer, beiender Nordwind, ein geborener Islnder
oder gar Spitzbergener, aus der norddeutschen Tiefebene her die Lfte,
die Schlte und die Ohren und rgerte sich sehr an dem Gebirge, das er,
wie es schien, ganz gegen seine Vermutung auf seinem Wege nach Sden
gefunden hatte. Er war aber mit der Nase darauf gestoen oder vielleicht
auch darauf gestoen worden und heulte gleich einem bsen Buben, der
gleichfalls mit dem erwhnten Glied auf irgend etwas aufmerksam gemacht
und hingewiesen wurde. Ohne alle Umschreibung: der Herbstabend kam
frh, war dunkel und recht strmisch; -- wer noch auf der Landstrae
oder auf den durchweichten Wegen zwischen den nassen Feldern sich
befand, beeilte sich, das Wirtshaus oder das Haus zu erreichen; und wir,
das heit der Erzhler und die Freunde, welche er aus dem deutschen Bund
in den norddeutschen und aus diesem in das neue Reich mit sich
hinbergenommen hat, -- wir beeilen uns ebenfalls, unter das schtzende
Dach dieser neuen Geschichte zu gelangen.

Der Abend wird gemeiniglich eher Nacht, als man fr mglich hielt; so
auch diesmal.

Es ist recht sehr Nacht geworden. Wieder und wieder fegt der Regen in
Strmen von rechts nach links ber die mit kahlen Obstbumen eingefate
Strae. Wir halten, kurz atmend, die Hand ber die Augen, uns nach einem
Lichtschein in irgend einer Richtung vor uns umsehend. Es mssen da
langgestreckte, in ihrer Lnge kaum zu berechnende Drfer vor uns, dem
Gebirge zu, liegen, und der geringste Lampenschimmer sdwrts wrde uns
die trstende Versicherung geben, da wir uns einem dieser Drfer
nherten. Vergeblich!

Pferdehufen, Rdergeroll, Menschentritte hinter uns? Wer wei?

Wir eilen weiter, und pltzlich haben wir das, was wir so sehnlich
herbeiwnschen, zu unserer Linken dicht am Pfade. Da ist das Licht,
welches durch eine Menschenhand angezndet wurde. Eine pltzliche
Wendung des Weges um dunkles Gebsch bringt es uns berraschend schnell
vor die Augen, und wir stehen vor der Apotheke zum wilden Mann.

Ein zweistckiges, dem Anscheine nach recht solides Haus mit einer
Vortreppe liegt zur Seite der Strae vor uns, ringsum rauschende,
triefende Bume -- gegenber zur Rechten der Strae ein anderes Haus --
weiter hin, durch schwcheren Lichterschein sich kennzeichnend, wieder
andere Menschenwohnungen: der Anfang einer dreiviertel Stunde gegen die
Berge sich hinziehenden Dorfgasse. Das Dorf besteht brigens nur aus
dieser einen Gasse; sie gengt aber dem, der sie zu durchwandern hat,
vollkommen; und wer sie durchwanderte, steht gewhnlich am Ausgange
mehrere Augenblicke still, sieht sich um und vor allen Dingen zurck und
uert seine Meinung in einer je nach dem Charakter, Alter und
Geschlecht vermiedenen Weise. Da wir den Ausgang oder Eingang jedoch
aber erst erreichen, sind wir noch nicht hierzu verpflichtet. Wir suchen
einfach, wie gesagt, vorerst unter Dach zu kommen und eilen rasch die
sechs Stufen der Vortreppe hinauf; der Erzhler mit aufgespanntem Schirm
von links, der Leser, gleichfalls mit aufgespanntem Schirm, von rechts.
Schon hat der Erzhler die Thr hastig geffnet und zieht sich den
atemlosen Leser nach, und schon hat der Wind dem Erzhler den Thrgriff
wieder aus der Hand gerissen und hinter ihm und dem Leser die Thr
zugeschlagen, da das ganze Haus widerhallt wir sind darin, in dem Hause
sowohl, wie in der Geschichte vom w i l d e n  M a n n! -- -- Da wir uns
in einer Apotheke befinden, merken wir auf der Stelle auch am Geruche.

Die erleuchteten zwei Fenster, welche wir von der durchweichten, regen-
und sturmwindgeschlagenen Landstrae aus erblickten, waren die der
Offizin, und die Lampe an der Decke darin warf ihr Licht durch die
breiten Schiebfenster auch auf die Hausflur. In der pharmaceutischen
Werksttte herrschte auer dem bekannten Duft die gleichfalls
wohlbekannte Ordnung und Reinlichkeit der deutschen Apotheken. Die
weien, mit blauen Buchstaben und hin und wieder mit schwarzen
Totenkpfen und den beiden Armknochen bezeichneten Bchsen und Glser in
den Fchern an den Wnden, die blanken Mrser und grnschwarzen
Steinreibeschalen, die Wagschalen und alle brigen Gertschaften sahen
ordentlich angenehm und anlockend aus. Wre die schreckliche Bank, auf
welcher die Meisten von uns schon einmal in fiebernder Angst und
Beklemmung saen und warteten, nicht gewesen, das Werkzeug und Gerte
der hohen Kunst htte jedermann das hchste Vertrauen einflen mssen.

Aber die bse Bank! Der abgeriebene schlimme Stuhl! -- Wir saen eben
schon darauf -- vielleicht wohl am hellen, frostklaren Winternachmittag,
oder noch viel schlimmer in der stillen, warmen, der entsetzlichen,
wenngleich noch so schnen Sommernacht; wir trauen den Bchsen und
Glsern, den Flaschen, Wagschalen und Reibeschalen wenig, wir erinnern
uns nur, wie wir damals dem ruhiggemessenen, geheimnisvollen Wirken des
Mannes hinter dem Arbeitstische wild und dumm zusahen.

In der Offizin befand sich augenblicklich niemand; aber es fiel noch ein
Lichtschein aus einem anstoenden Zimmerchen, dessen Thr halb geffnet
stand. Und mit dem Scheine drang ein anderer Duft ein, der die
apothekarische Atmosphre einer aufflligen Vernderung und Entmischung
unterwarf; _herba nicotiana_ gehrt freilich ebenfalls zu den
offizinellen Gewchsen. Wir folgen d i e s e m Geruch und treten in das
Nebengemach.

Das Ding in dem engen Raume lie sich ganz gemtlich an. Aus der einen
Ecke versendete ein eiserner Ofen eine behagliche Wrme, in der anderen
war gegen einen mchtigen gepolsterten Lehnstuhl, der leer stand und von
dem spter noch die Rede sein wird, ein runder Tisch gezogen, an welchem
auf gleichfalls gepolsterten, hochlehnigen Sthlen sich die jedesmaligen
Gste, mit der Pfeife im Munde und ein offizinelles oder nicht
offizinelles warmes oder kaltes Getrnk vor sich, den Aufenthalt
sicherlich recht bequem und behaglich machen konnten. Gegenwrtig jedoch
hatte nur der Herr des Hauses, der Besitzer der Apotheke zum wilden
Mann, allein auf seinem Stuhle Posto gefat, und ob er an diesem
strmischen Abend wirklich noch jemand zum Besuch erwartete, und ob
wirklich jemand der Erwartung entsprach, knnen wir augenblicklich noch
nicht angeben. Wir sind mit der Schilderung unserer Bhne noch nicht
zustande und fahren vorerst darin fort.

Das Kabinettchen hinter der Offizin war mit einer gelblichgrauen,
grauschwarz geblmten Tapete, soweit sich das berblicken lie,
ausgeklebt. Auf der Fensterbank stand neben einigen Blumentpfen ein
Kfig mit einem schlafenden Zeisig, der jedesmal, wenn ein Baumzweig im
Garten, vom Winde gepackt und geschleudert, schrfer an der Glasscheibe
herkratzte, oder wenn ein Regensto heftiger an der Scheibe trommelte,
fester und behaglicher im Gefhle seiner Sicherheit sich in eine
Federkugel zusammenzog.

Eine Eckschenke mit allerlei Tassen, bunten Tpfen und Glsern und auf
ihr eine ausgestopfte Wildkatze in einem Glaskasten drften in der
Inventaraufnahme nicht zu vergessen sein. Ein vordem recht blumiger,
aber nunmehr lngst verblater und abgetretener Teppich bedeckte den
Boden; von der Decke hing eine knstlich geflochtene Graskrone, ein
Staub- und Fliegenfnger herab; und wenn wir nun noch den Bildern an den
Wnden einige Worte gewidmet haben werden, so hindert uns weiter nichts,
frderzugehen und interessanter zu werden.

Die Bilder an den Wnden freilich waren schon an sich interessant. Ihre
Anzahl allein mute jeden eintretenden Betrachter hchlichst in
Erstaunen setzen und fr eine geraume Zeit in ein mundoffenes
Umherstarren an allen vier Wnden, nach allen vier Himmelsgegenden.
Hatte er sich von seiner berraschung erholt, so konnte er anfangen zu
zhlen oder die Zahl wenigstens annhernd zu schtzen. Beides aber war
schwer, denn die Bilder und Bildchen unter Glas und Rahmen bedeckten in
kaum zu berechnender Menge die Wnde von oben bis unten, das heit so
weit nach unten, als es nur irgend mglich war. Alle Arten und Formate
in Kupferstich, Stahlstich, Lithographie und Holzschnitt, alle
Gegenstnde und Situationen im Himmel und in der Hlle, auf Erden, im
Wasser, im Feuer und in der Luft, schwarz oder koloriert.

Viele Ramberg'sche und Chodowiecki'sche Kunstschpfungen, unzhlige
Scenen aus dem Leben Friedrichs des Zweiten und Napoleons des Ersten,
die drei alliirten Monarchen in drei verschiedenen Auffassungen auf dem
Leipziger Schlachtfelde, die am Palmbaum hngende Riesenschlange, an
welcher der bekannte Neger hinaufklettert, um ihr die Haut abzuziehen,
Scenen aus dem Corsar, ein Gedicht von Lord Byron, Modebilder, ein
Portrt von Washington, ein Portrt der Knigin Mathilde von Dnemark
und des Grafen Struensee und, verloren unter all der bunten, kuriosen
Nichtsnutzigkeit, zwischen zwei Straenscenen aus dem Jahre 1848, ein
echter alter Drer'scher Kupferstich: _Melancholia_!

Wir beendigen die Kalalogisierung. Dreiig Jahre hatte der whrend
dieser dreiig Jahre fest an seine Offizin gebundene Apotheker Philipp
Kristeller gebraucht, um seine Bildergalerie zusammenzubringen; es war
ihm also gar nicht zu verdenken, wenn er auf seine Galerie hielt, auf
seine Kunstliebhaberei und seinen Geschmack sich etwas zu gute that.
Sein Hinterstbchen war wohl geziert, und er hatte auerdem noch einiges
andere, worauf er sich etwas zu gute thun durfte.

Wenden wir jetzt unsere Aufmerksamkeit auf den Mann am Tische. Er mochte
ein Alter zwischen den fnfziger und sechziger Jahren erreicht haben,
war von Leibesbeschaffenheit mehr hager als dick, von Farbe mehr gelb
und grau als rot und braun und von Statur mittlerer Gre. Er trug einen
grauen Schlafrock, niedergetretene, dunkelrote Pantoffeln und auf dem
silbergrauen, schlichten Haar eine dunkelgrne Hauskappe mit
abgegriffener Goldstickerei, einen Kranz von Eicheln und Eichenblttern
darstellend. Er rauchte aus einer langen Pfeife, auf deren Kopf ein
Maikfer gemalt war, und sttzte nachdenklich die Stirn mit der Hand,
den Blick auf den groen, leeren, bequemen Lehnstuhl ihm gegenber
gerichtet.

Zum ersten Male blickte er empor, als die Thr, welche aus dem
Hinterzimmer nicht in die Offizin, sondern auf die Hausflur fhrte,
leise geffnet wurde, und ein alter Frauenzimmerkopf sich hineinschob:

Aber Bruder, welch ein Wetter!

Freilich ein bewegtes Wetter, liebe Schwester.

Ob die alte Dame die Antwort noch vernommen hatte, mu zweifelhaft
bleiben, denn sie hatte die Thr eben so rasch und leise, wie sie
dieselbe geffnet hatte, wieder zugezogen.

Ein vernehmbar bewegtes Wetter, in der That, murmelte der Apotheker
zum wilden Mann lchelnd und nach dem bestrmten Fenster horchend. In
demselben Moment klang die Glocke der Hausthr, und es wurde an das
Schiebfenster der Offizin gepocht. Herr Philipp Kristeller erhob sich,
stellte die Pfeife an den Stuhl und ging gebckt in seine Werkstatt.
Kopfschttelnd kam er nach einer viertelstndigen Arbeit im Berufe
zurck; die Hausthrglocke erklang von neuem, und eiligen Laufes
entfernte sich jemand, durch die Wasserlachen der Landstrae dem Dorfe
zuplatschend, ohne im geringsten auf seinen Weg Obacht zu haben.

Kopfschttelnd nahm der Alte seinen Sitz wieder ein, zndete seine
Pfeife von neuem an und sagte:

Eine ungesunde Jahreszeit -- ein Apothekerherbst. -- Gute Kasse, aber
doch ein schlechtes Geschft.

Er seufzte dabei, und das Wort wie der Seufzer zeugten unstreitig von
einem guten Herzen.

Nun sa er wieder einige Minuten, bis er pltzlich zusammenschrak:

Mein Gott -- ja aber -- ist es denn so?!

Er erhob sich von neuem hastig, schritt diesmal eilig in die Offizin,
schlo ein Stehpult am Fenster auf, nahm ein Buch hervor und bltterte
darin. Seine Finger zitterten, seine Lippen zuckten, er sah sich mehrere
Male wie zweifelnd in dem aromatisch durchdufteten Raum um: es war kein
Zweifel, jede Bchse und jedes Glasgef, mit oder ohne Totenkopf,
befand sich noch auf seinem Platze. Der Apotheker Kristeller schlo das
Buch, legte die Hand darauf und rief:

Es ist wahrhaftig so! Es ist richtig; heute ist der Tag oder vielmehr
der Abend. Es sind dreiig Jahre auf die Stunde -- ein Jubilum -- und
ich hatte das vollstndig, vollstndig vergessen. Dorothea, Dorothea!

Lieber Bruder? klang es drauen schrill.

Der Alte schritt in seiner Aufregung fnf Minuten lang auf und ab; dann
war seine Geduld zu Ende. Er ffnete die Thr:

Dorette, Dorette!

Was giebt es denn, Philipp? ertnte es aus der Ferne. Ich hre den
Wind wohl; aber was kann man dagegen thun, -- Thr und Fenster sind
verwahrt, und das brige steht in Gottes Hand.

Ei, ei, murmelte Herr Philipp und rief dann: Es handelt sich nicht um
Wind und Wetter. Komm doch einmal einen Augenblick herein, Dorothea!

Es dauerte noch verschiedene Augenblicke, ehe das mglich war; aber
zuletzt geschah es doch. Da war das Altjungfergesicht wieder und jetzt
die ganze brige Figur und zwar mit einem ber jeden hflichen Zweifel
erhabenen Buckel zwischen den Schultern.

Wir haben es augenblicklich ziemlich eilig in der Kche, lieber
Philipp. Wnschest du etwas, bester Bruder?

Nein; aber heute vor dreiig Jahren um diese Stunde verkaufte ich in
diesem Hause fr den ersten Groschen Wundspiritus. Den Altvater
Zimmermann -- Gott habe ihn selig! -- hatte der Gaul an die Hfte
geschlagen. Ich habe es mir notirt vor dreiig Jahren, und ich hatte es
gnzlich vergessen -- dem Lehnstuhle dort zum Trotz!

O du meine Gte! rief das alte Frulein und verschwand nach einigem,
wie es schien, ratlosen Zgern, schlug dann aber die Thr um so heftiger
hinter sich zu. Schon auf dem Hausflur wute Frulein Dorette Kristeller
ganz genau, was sie zu thun habe, und man hatte fr den ferneren Abend
es noch um ein Bedeutendes eiliger in der Kche der Apotheke zum wilden
Mann.




Zweites Kapitel.


Trotz aller geistigen Aufregung mute der Apotheker Philipp Kristeller
einen erstaunten Blick fr die Pforte, durch welche die Schwester so
pltzlich wieder verschwunden war, brig haben.

Herr Jesus! sagte er; und dann versuchte er es von neuem, sich ruhig
zu setzen, allein es wollte nicht angehen. Das bedeutungsvolle Datum
brannte wie in feurigen Ziffern und Buchstaben vor seinen Augen, und so
schob er denn den Stuhl unter den Tisch und schlurfte, immerfort den
Kopf schttelnd, in seiner Bildergalerie auf und ab; und immer klarer
und deutlicher stieg die Welt, welche vor dreiig Jahren, vor einem
Menschenalter, war, in seiner Seele empor. Ja, von seiner frhesten
Kindheit an lag mit einem Mal alles in den schrfsten Umrissen vor ihm,
und nur seine ihm allzu frh gestorbenen Eltern durchzogen schemenhaft
die helle Landschaft. Dagegen stand der Vormund in derber, ungemtlicher
Deutlichkeit in dem Zauberlicht und in der Mitte der Scenerie jener
kleinen Provinzialstadt jenseits des Gebirges, dem Thringerlande zu,
mit dem Kyffhuser in der Nhe und dem Kickelhahn in der blauen
magischen Ferne.

Der allergewhnlichste Mensch hat doch immer etwas erlebt, wenn er so
ein Menschenalter ber ein Menschenalter hinaus zurckdenken kann,
murmele der Alte. Wie lebendig das nun alles ist, was eben tot und
vergessen in meiner Seele lag. Da ist ja der alte Biedermann, der
Grauwacker, mein Lehrherr, mit seinem ganzen Haus und Hauswesen. Welch
ein schnurriger, verbissener Patron er war; und dann die Patronin, ich
meine die Frau Prinzipalin. Herrgott, wie sorgst du in deiner Gte und
Weisheit dafr, da denen, welchen du einen kleinen Lffel auf den
Lebensweg mitgiebst, auch der Brei nach dem richtigen Mae zugemessen
wird! Ist es mir doch, als versprte ich heute noch das Magenknurren aus
jener guten, alten Zeit unter dem Zwerchfell. Und es war doch eine
glckliche, gesunde Zeit! Und gelernt hat man auch das Seinige bei dem
alten Grauwacker; man mu es ihm lassen, er verstand das Geschft, die
Kunst, und er wute uns darin zurecht zu schtteln. Alles, was nachher
kam --

Die Glocke der Offizin klingelte von neuem; abermals ging der Apotheker
in seine Werkstatt zu seiner Arbeit, die diesmal etwas lnger als vorhin
dauerte. Whrend er seinen Trank mischte und kochte, fhrte er im
landlufigen Dialekt eine Unterhaltung, die wir dem Leser nicht
vorenthalten wollen, die Mundart freilich abgerechnet.

Ihr habt euch bei einem schlimmen Wetter auf den Weg machen mssen,
Gevatterin. Es steht wohl gar nicht gut zu Hause?

Wie mit dem Wetter drauen, sagte das frische, sehr gesunde
Bauerweiblein verdrossen. Man hat seine liebe Not, da man sich darber
selber gern vom Tage thun mchte. Er kann nicht leben und will nicht
sterben; -- ich glaube, er hlt sich eben durch das rgernis, welches er
uns macht; -- recht machen kann man ihm gar nichts mehr, und von dem
Verdru lebt er so hin von einem Tage zum andern.

Hm, hm, brummte Herr Philipp.

Ja, es ist doch so, und der Doktor zieht dann das Beste davon. Das Ding
hat er gestern Abend verschrieben, und es ist uns sehr eilig gemacht;
ich meine aber, Sie wissen es am besten, Herr Kristeller, da kein Tag
vergeht, an welchem Sie mich nicht auf dieser Bank sitzen sehen. So
dachte ich denn, es hat wohl Zeit bis morgen, und weggeworfenes Geld ist
es doch.

Hm, hm, brummte Herr Philipp, fgte aber diesmal hinzu: Doktor- und
Apothekerrechnungen zahlt wohl niemand gern; -- aber wir machen es so
billig als mglich, Gevatterin.

Wie es sich schickt fr eine arme, elende Witfrau, schluchzte die
muntere Buerin hinter ihren Schrzenzipfeln.

Na, na, sagte der Apotheker, zum Teufel, noch lebt er ja! Witfrau?
junge Frau! ei freilich! -- und meiner Meinung nach wird er es noch
manches lange, gute Jahr durchmachen. Der Doktor und ich wollen schon
das Unsrige thun.

Die untrstliche Gattin auf der Bank stie einen Ton hervor, der alles
bedeuten konnte: Dankbarkeit, Hoffnung, Freude, Schreck, Mimut, rger
und Hohn. Der Apotheker hatte seine Mixtur fertig, reichte sie durch das
Fenster, und die jammergeschlagene junge Witwe _in spe_ ging ab und zwar
zu seinem innigsten Gengen gerade in ein erhhtes Aufwten und Lostosen
des Herbststurmes hinein.

Die Canaille! brummte der Alte, als er in seine Bildergalerie
zurckkam und sich unter dem Eindrucke der Unterhaltung wieder recht
fest niederlie, nachdem er mit merklicher Energie vorher frisches Holz
in den Ofen geworfen hatte. Dies Frauenzimmer htte mir beinahe meine
sesten Erinnerungen fr jetzt zu nichte gemacht, murmelte er. Eben
geriet ich in dieselben hinein, als das Weib die Glocke zog; aber das
ist freilich immer mein Los in der Welt gewesen, und anderen wird es
wohl nicht besser gehen. Und dann ist ja doch auch nichts daraus
geworden, Johanne! Zusammen sind wir nicht gekommen. Jeder hat seinen
eigenen Weg gehen mssen; ich unter so sonderbaren Umstnden in diesen
verlorenen Weltwinkel, du, mein armes Kind und Herz, in dein Grab. _Nunc
cinis ante rosa_, einundzwanzig Jahre alt -- ach, Johanne, liebe, liebe
Johanne! -- Ja, ja, es wre doch schn und gut gewesen, wenn wir
zusammengekommen wren und ich dich heute nach einem Menschenalter hier
bei mir htte als alte, gute, schne Frau!

Es duldete den guten wrdigen Herrn an diesem merkwrdigen Abend nimmer
lange auf seinem Sitze. Jetzt holte er ein Paket vergilbter Briefe aus
dem oben erwhnten Pult und lste den Bindfaden davon ab.

Trockene Blumen und Bltter, seufzte er. Alles, was ich da in meinen
Bchsen und Schachteln habe, grnte und blhte auch einmal wie jedes
Wort auf diesem Papier. Apothekerwaren? Droguerien? Nein, nein, nein!
Jenes ist tot und bleibt so; aber dies hier ist noch lebendig und blht
fort und kennt keine Zeit und keinen Jahreswechsel. Es hat seine Wurzeln
in meiner Seele geschlagen: wie knnte es da welken und zu nichte
werden? In der Sonne, im fliegenden Wolkenschatten, im Mondschein, im
Nebelziehen, im grauen Landregen, im lustigen Schneegestber liegt das
Thal, liegen die Berge lebendig. Das ist die alte Stadt -- ja, da ist
sie, wie sie war, als wir jung waren; -- jedes Haus ein guter Bekannter.
Da ist das Eckfenster, an welchem ich stets vorbeigehe, wenn der Alte
mich auf die Pflanzenjagd schickt. Da sitzt das gute Kind mit seinem
Nhzeug, und es whrt lange, sehr lange, ehe sie mich bemerkt, und noch
lnger, ehe ich an die Thatsache glaube, da sie mir wirklich
entgegenschaut und nachsieht. Es ist lange, lange eine Liebe ohne Worte,
bis der Himmel ein Einsehen hat und ein Regenschauer zur richtigen Zeit
auf einer Landpartie schickt, nachdem er mir vorher die glckselige,
heilbringende Idee eingegeben hat, beim schnsten Sonnenschein und
blauesten Himmel einen Schirm mitzunehmen. So lernten wir uns in der
Nhe kennen -- vom Herzen zum Herzen, von Seele zu Seele. Da ging das
beste Erdenleben an. -- Sie hatte wenig und ich gar nichts; aber der
liebe Gott hatte ungezhlte Schtze fr uns und gab eine kurze, kurze
Zeit alles mit vollen Hnden. Erst im zweiten Sommer nach unserem
geheimen Verlbnis, nachdem wir ein volles Jahr durch in unserem Glck
und unserer Hoffnung Millionre gewesen waren, fiel uns ein, darber
nachzudenken, was wohl weiter daraus werden mge und knne --

Abermals klang die Glocke und unterbrach den erinnerungsvollen Traum. Es
waren aber diesmal keine Kunden, welche den Apotheker zum wilden Mann
strten. Die stets recht deutliche Stimme der Schwester Dorette lie
sich drauen vernehmen:

Da sind Sie, meine Herren! Gottlob, da Sie gekommen sind. Das ist
schn, das ist sehr freundlich von Ihnen. Ich wute es aber auch, da
ich Sie nicht vergeblich bitten wrde. Dem Bruder ist die groe
Merkwrdigkeit eben erst eingefallen, und da hat es sich mir sogleich
schwer auf das Herz gelegt, und ich habe dann den Fritz losgejagt. Ich
kenne ihn ja nur zu gut, den Bruder; er wrde sich ohne gute
Gesellschaft eine traurige Nacht zurecht gemacht haben, seine
melancholischen Einbildungen wrden uns klglich genug mitgespielt
haben. Aber nun ist es gut, denn an diesem Abend gehren wir ja doch
zusammen, und der Bruder wird sich nun recht sehr freuen, -- schnsten
guten Abend, meine Herren!




Drittes Kapitel.


Die beiden Herren, zu denen die Schwester Dorette der melancholischen
Einbildungen ihres Bruders wegen sofort geschickt hatte, nachdem er ihr
die Bedeutung des heutigen Abends zugerufen, waren der Pastor des Ortes,
Herr Schnlank, und der Frster Ulebeule. Ersterer kam, dicht in den
Mantel gewickelt, mit seiner Laterne und seinem Regenschirm, letzterer,
jeglicher Witterung Trotz bietend, in kurzer, grnkragiger Flausjacke,
den derben, eisenbeschlagenen Hakenstock unterm Arme. Beide aber
schttelten sich vor allen Dingen tchtig auf der Hausflur und sagten
wie jedermann weit und breit:

Brr, welch' ein Wetter!

Und der Frster fgte noch hinzu:

Das nennt man freilich auch, unterm Wind sich anschleichen; aber ein
Vergngen war es gerade nicht. Na, Pastore, hier haben wir berwind, und
fr das brige wird Frulein Dorette zu sorgen wissen.

Der Alte im Hinterstbchen, welcher anfangs etwas betroffen gehorcht,
hatte sich schnell in die Situation gefunden. Ein Lcheln auf seinem
gutmtigen Gesichte wurde immer breiter und sonniger, und jetzt ri er
seinerseits die Thr auf, welche aus seinem Schlupfwinkel auf die
Hausflur fhrte, und rief in heiterster Laune:

Herein, herein, und gelobt seien alle melancholischen Phantasien, wenn
sie einem so erwnschte Gesellschaft ins Haus fhren. Das war ein
Gedanke -- das war eine That, Dorette! Herein, liebe Freunde, -- das ist
freilich ein Abend, um eine Nacht daraus zu machen, und letzteres wollen
wir und zwar, wie es sich gehrt! Herein, und jeder an seinen Platz, und
ein Vivat fr die alte Apotheke!

Davon nachher, wenn wir erst Chinesien auf dem Tische haben werden,
sagte der Frster, seinen Stock in den Winkel stellend. Frs erste,
alter Bursch, ganz sedate unsere beste Gratulation zum glorwrdigen
Jubilum. Wenn der Pastor das noch einmal und mit Salbung vortrgt, so
habe ich auch nichts dagegen; aber wenn wir den Hasenfu, den Physikus
hier htten, so wrde der uns allen den Rang ablaufen; ein
hirschgerechterer Jger fr einen Glckwunsch und Trinkspruch soll noch
gefunden werden; aber er ist ber Land geholt.

Und wird zu Hause meine Benachrichtigung vorfinden, sagte Frulein
Dorette Kristeller.

Schn, sprach der Frster, unter den Umstnden kriegen wir ihn
sicherlich noch zu Gesicht. brigens wrde er es schon ganz aus
Naturanlage gewittert haben, da wir uns hier rudelten. Bis Mitternacht
bleiben wir ja doch wohl vergngt beisammen?

Natrlich! Hurra! rief der Apotheker, und der Pastor brachte nun
wirklich in Erwartung Chinesiens, das heit der Punschbowle, fein,
zierlich und schicklich seine Gratulation gleichfalls an.

Unterdessen hatte sich das ganze Haus mit eigentmlichen, anmutigen
Dften, die den Apothekendunst ihrerseits sieghaft bekmpften, gefllt.
In des Hauses Kche hatte ein merkwrdig lebendiges Treiben begonnen;
allerlei Gert rasselte und klirrte frhlich durcheinander. Punkt neun
Uhr stand die erste dampfende Schale auf dem Tisch, und nicht sie
allein, sondern, was dazu gehrte, ebenfalls. Fr fnf Minuten fand des
Apothekers Schwester nun auch Mue, sich zu den Mnnern zu setzen und
die ersten Belobungen derselben in Empfang zu nehmen.

Die Belobungen kamen zu rechter Zeit; aber dann trat fr einige
Augenblicke das Stillschweigen ein, welches immer entsteht, wenn ein des
Nachdenkens wrdiges Getrnk auf den Tisch gesetzt wird. Da dieses
Stillschweigen schnell berwunden wird und ein jeder sich merkwrdig
rasch mit der Feierlichkeit des Momentes abzufinden wei, ist bekannt.

Also wirklich bereits ein volles Menschenalter! rief der geistliche
Herr. Ich hielt es im Anfang fast fr unmglich; aber nun, da ich im
Stillen nachgerechnet habe, finde ich und gebe zu, da es sich in der
That also verhlt. Ich hatte mich in jenem Jahre gerade mit meiner guten
Friederike in den Stand der heiligen Ehe begeben, und mein ltester
Sohn, der Inspektor, ist wahrlich seitdem bereits achtundzwanzig Jahre
alt geworden.

Wahrhaftig, Pastore, und wenn ich daran denke, wie Ihr schlecht bei
Leibe hier ankamt, und Euch ansehe, wie Ihr jetzo da sitzt, so brauche
ich gar nicht an den Fingern abzuzhlen, um an die dreiig Jahre zu
glauben. brigens empfing ich euch alle hier und machte euch die
Honneurs des Ortes. Zuerst rcktet Ihr ein, Pastore, und heiratetet
Eures Vorgngers Tochter; und nachher kam der gleichfalls noch anwesende
Jubilant, um die gesunde Gegend mit seinen Pillen und Mixturen noch
gesunder zu machen. Den Doktor rechne ich gar nicht; denn ein Mensch,
der erst ein Dutzend Jahre unter uns haust, ist eben gar nicht zu
rechnen.

Der liebe Gott hat Euch wirklich in Eurem Einzuge gesegnet, lieber,
alter Freund, sagte der Pastor zum Hausherrn. Eure zwei Vorgnger
hatten mit groer Schnelligkeit in diesem Hause Bankerott gemacht; Ihr
aber hattet Glck --

Und Verstand, fiel der Frster Ulebeule ein, den richtigen Verstand
von der Sache; denn in einer so gesunden Gegend, wie die hiesige zum
Exempel, legt sich der richtige Apotheker eben auf etwas anderes, zum
Beispiel auf einen neuen Magenbitter, wie der >Kristeller< einer ist,
auf die Fruchtsfte im Groen, auf den Weinhandel und, nicht zu
vergessen, auf den Kruterhandel durch ganz Deutschland ins
Unermeliche. Heute Abend ist denn im natrlichen Verlaufe der Dinge
der Alte da in seinem Schlafrocke der allereinzige von uns, welcher es
zu etwas gebracht hat. Der Doktor wird es nie zu etwas bringen.

Der geistliche Herr seufzte; aber der Apotheker zum wilden Mann, Herr
Philipp Kristeller, seufzte ebenfalls, und als gerade jetzt Wind und
Sturm strker und bser mit Regen und Schloen durchs Land fuhren, sah
er wie erschreckt von dem behaglichen Tisch auf das gepeitschte,
klirrende Fenster. Die alte, gute Schwester rckte dichter an ihn heran,
indem sie flsterte:

Liebe Herren, man mu niemandem sein Glck vorrcken, es ntzt nichts
und hat schon hufig geschadet; das ist meine Meinung. Und ob meines
Bruders Glck gerade so gro gewesen ist, das steht wirklich noch dahin.
Wir haben unser Los und Leben genommen, wie es uns gegeben wurde, das
ist aber auch alles. Auf das Jubilum aber trinke ich doch, und jetzt
will ich den Spruch ausbringen und sagen: Es lebe die Apotheke >zum
wilden Mann!<

Sie hatte, whrend sie redete, die Glser im Kreise gefllt, und alle
stieen an, doch mit Nachdenken und Ernst, wie es sich gehrte. Herr
Philipp aber, unruhig auf seinem Stuhle hin- und herrckend, sprach
leise und mehr zu sich selber als zu den andern:

Es ist eine Nacht dazu -- die rechte Nacht. Es ist mehr als ein
Menschenalter hingegangen, seit das, was ich mein Hauptglck nennen
sollte, an mich kam. Hrt nur den Sturm da drauen, wie er sich unbndig
hat, ihr solltet kaum glauben, da sich morgen vielleicht kein Lftchen
regen wird, um das letzte Blatt vom Baume zu nehmen. Man sagt, es
verjhre alles; aber es ist nicht wahr. Es kommt alles wieder an einen,
der Sturmwind wie die alte Zeit. Ihr lieben Freunde, wollt ihr mich
anhren, so will ich euch eine Geschichte erzhlen, eine kuriose, eine
recht, recht kuriose Geschichte. Ich will euch erzhlen, wie ich vor
mehr als dreiig Jahren der Besitzer der Apotheke >zum wilden Mann<
wurde.

Der Pastor sagte gar nichts; aber auch er rckte nher an Herrn Philipp
heran, berhrte ermunternd seinen Ellbogen und bot ihm zu noch grerer
Ermunterung die blank abgegriffene silberne Dose.

Geschichten hre ich fr mein Leben gern, selbst Jagdgeschichten im
Notfall! rief der Frster eifrig. Endlich ist das Wild los! hin nach
der Fhrt --

Einen Augenblick! bat Frulein Dorette, jetzt mu ich noch fr eine
Minute in die Kche, nachher bin ich wieder ganz und gar bei dir,
Philipp. Die beiden Nachbarn entschuldigen wohl.

Sie entschuldigten gern und warteten und machten noch einige Bemerkungen
ber die Jahreszeit und die Witterung. Nachdem aber die Schwester
zurckgekommen war, erzhlte der Bruder wirklich seine Geschichte --
eine kuriose Geschichte!




Viertes Kapitel.


Liebe, gute, treue Freunde und Nachbarn, begann der Mann, der nach der
Meinung des Frsters Ulebeule es zu etwas im Leben gebracht, d. h. etwas
vor sich gebracht hatte im Dorfe, ich habe, ehe ihr kamet, von der
alten Zeit verlockt, schon zweimal meinen Archivkasten da in der Offizin
geffnet und habe den Staub von der Vergangenheit geblasen; jetzt werde
ich wohl noch ein Dokument daraus hervorholen mssen. Trotz aller
wunderlichen Geheimnisse liegt mein Geschick vollstndig klar auf dem
Papiere da; nicht etwa da ich ein Tagebuch oder dergleichen gefhrt
htte, sondern in wirklichen authentischen Schriftstcken, die ich euch
dann auch nachher zu eigener Begutachtung in die Hnde geben werde.

Mein Vater hatte mir einige Tausend Thaler hinterlassen; aber mein
Vormund, ein gutmtiger, wohlmeinender, doch hchst zerfahrener und
leichtsinniger Mann, hatte wenig auf dieselben Achtung gegeben. Als ich
das Geld gebrauchen konnte, war es bis auf ein Minimum verschwunden, und
der Vormund legte mir schluchzend das Bekenntnis ab: er wisse am
allerwenigsten, wo es geblieben sei. brigens fgte er zu meinem Troste
hinzu: mit seinem eigenen Vermgen sei es ihm gerade so ergangen. Er war
ein ltlicher Herr mit drei unverheirateten ltlichen Tchtern, und alle
waren meine besten Freunde; -- was blieb mir also brig, als mit ihnen
zu weinen und so auch meinerseits das trockene Faktum in gegenseitiger
Liebe und Zuneigung feucht zu erhalten. Die drei guten Mdchen sorgten
fr meine Wsche und sonstige Ausstattung, packten mir meinen Koffer,
und so zog ich nach abgethaner Lehrzeit als voraussichtlich ewiges
Subjekt ins Laborantentum hinein und trieb mich fnf oder sechs Jahre
lang so umher durch S und Sauer, von einer Epidemie in die andere, von
einem nchtlichen Aufgeklingeltwerden zum andern, von einer Doktorpfote
zur andern, bis ich nach * * * kam, wo ich meine Johanne kennen lernte.
Da, Freund Ulebeule, habe ich wirklich etwas vor mich gebracht, nmlich
die einzigen guten, glcklichen Tage meines Lebens!

Gratuliere auch dazu, brummte der Frster.

Ja, in die glckliche Zeit meines Daseins war ich hineingeraten, und es
stimmte alles zusammen -- ein ganzes Jahr lang!

Ich hatte es in jeder Beziehung gut. Mein damaliger Prinzipal war ein
drolliger alter Kauz, ber den ich etwas mehr sagen mu; denn er
verdient das, meinet- wie seinethalben in jeder Beziehung. Er war
Apotheker mit Liebe; aber mit einem gewissen Wahnsinn ein Enthusiast fr
die hohe Wissenschaft Botanik, und er war in der That ein bedeutender
Pflanzenkundiger. So lange es anging, hatte er seine Provisoren und
Gehilfen die Offizin versorgen lassen und war selber in Wald und Feld
seinem Lieblingsstudium nachgegangen. Als ich aber in sein Haus eintrat,
hatte sich das eben gendert. Er war ber sechzig Jahre alt, seine Augen
waren allmhlich schwach geworden, sein Rcken steif; und wenn er sich
zwischen Berg und Thal nach einem Gewchs bckte, so kam er nur mit
Sthnen und einem verdrielichen Griff nach dem Kreuz wieder in die
Hhe. Ich kam, und er stellte ein botanisches Examen mit mir an, das an
Schrfe nichts zu wnschen brig lie, gottlob aber ziemlich gut
ausfiel, und von dem all' mein spteres Wohlsein in seinem Hause den
Ausgang nahm. Nach dem Examen berreichte er mir als Zeichen seiner
Zufriedenheit ein Exemplar von Stver's Leben des Ritters Karl von Linn
und hielt mir eine Rede ber die Mrtyrer unserer >Gttin<, und empfahl
mir vorzglich zur Nachahmung das grte botanische Genie des
sechzehnten Jahrhunderts, den Meister Charles de l'Ecluse, -- Carolus
Clusius aus Arras in den Niederlanden, der im Dienste der Wissenschaft
im vierundzwanzigsten Jahre die Wassersucht bekam, im neununddreiigsten
Jahre in Spanien mit dem Pferde strzte und den Arm brach und gleich
nach der Heilung den rechten Schenkel; -- der im fnfundfnfzigsten
Jahre in Wien den linken Fu brach und acht Jahre spter sich die rechte
Hfte verrenkte, -- der fortan an Krcken gehen mute, einen Bruch und
Steinschmerzen bekam und doch das wundervolle Buch: _Variarum plantarum
historia_ schrieb und fr alle kommende Zeiten wie ein glorreich helles
Licht aus dem dunklen Jahrhundert, in welchem er lebte und wirkte,
herberleuchtete. Darauf schickte er mich in _re herbaria_ auf die Jagd
und blieb selber seufzend zu Hause, versorgte die Praxis und
durchbltterte seine Kruterbcher, die wirklich merkwrdig in ihrer Art
waren und nach seinem Tode sicherlich auf den Mist geworfen sind. Zu
jeder Jahreszeit fast hatte ich fr ihn das Land abzulaufen, denn er
war auch in der Kenntnis der Moose bedeutend, und in den Monaten, wo die
brige Flora in ihrer Pracht steht, ging ich fast tglich meilenweit ins
Land oder in die Berge, um irgend eine einzige Pflanze zu suchen, auf
deren Besitz und Studium er augenblicklich sein Herz gewendet hatte.
-- Das war eine schne Zeit! das waren Tage, wie ich sie seit Jahren
nicht in so ununterbrochen glcklicher Folge durchlebt hatte, und da
ich, wie gesagt, auch bald den Namen und das Bild meiner Braut mit mir
auf die Hhen und sonnigen Halden und in die schattigen Thler nehmen
konnte, so ist denn weiter nichts mit dem Scheine zu vergleichen, wie er
mir damals ber der Erde und in der Seele lag. Da ich Rad durch den
Sonnenglanz auf den Bergen geschlagen htte, will ich aber nicht gesagt
haben. Im Gegenteil! in die Lust am Leben machte sich immer ein
bnglicher Zug. Kam ich aus meinen Wldern zurck in die kleine,
winklige Stadt, wieder hinein in das Gewirr und znkische Durcheinander
selbst dieser wenigen Menschen, so wurde mir oft sogar sehr bnglich zu
Mute.

Das geht allen Leuten so, die ihr Geschft viel im Freien aufhlt, mir
auch! sagte der Frster Ulebeule.

Aber noch lange, fuhr der Erzhler, ohne auf die Unterbrechung weiter
zu achten, fort, noch lange war und blieb im Freien alles fr mich
Gegenwart, und erst nach und nach wurde drinnen im Stdtchen alles
Zukunft, sorgenvolle, angstvolle, nebelige Zukunft:

Was soll denn eigentlich zuletzt aus dir und deinem Mdchen werden?

Ich habe es schon gesagt, da die richtige Schwerbltigkeit mich erst
im zweiten Jahre meines dortigen Aufenthalts bermannte. Im Anfange
blieben die trben sorglosen Gedanken bei jedem Ausmarsche innerhalb der
alten Mauern der Stadt eingeschlossen zurck; erst nach und nach
begleiteten sie mich ber das Weichbild hinaus und folgten mir weiter
und weiter, bis im dritten Frhlinge der dunkle Finger mir berall auf
meinen Wegen drohte und der Prinzipal die Bemerkung machte, da ich
anfange, bedeutend abzumagern, und mich wohlmeinend und besorgt an
verschiedene nerven- und magenstrkende Droguen unserer Materialkammer
verwies.

Ach, kein Arzneistoff konnte mir wieder zu vollerer Leibesrundung
verhelfen! Zwischen Hypochondrie und gutem Lebensmut hin- und
hergeworfen, schweifte ich umher, bis ich den Mann fand, der mir half!

Meine Herren und lieben Freunde, in eben diesem Sommer machte ich eine
Bekanntschaft, eine seltsame, geheimnisvolle und, wie Johanne sagte,
eigentlich unheimliche Bekanntschaft. Ihr habe ich es zu danken, da ich
heute der Besitzer dieser Apotheke >zum wilden Mann< bin, und sie ist
bis heute, -- ja bis heute, und also lnger als dreiig Jahre das
ungelste Rtsel, das Mysterium in meinem Leben geblieben --

Erzhlen Sie, o erzhlen Sie! rief der Pastor atemlos, den Erzhler in
der besten raschesten Mitteilung seines Berichtes aus bergroer
Spannung unterbrechend, und Herr Philipp Kristeller benutzte die
Gelegenheit, um Atem zu schpfen, ehe er fortfuhr.

Es schien ihm aber wirklich daran gelegen zu sein, das Geheimnis seines
Lebens von der Seele los zu werden, und so fuhr er fort:

Ich fand einfach einen Weggenossen und so zu sagen Kollegen auf meinen
Gngen, einen jungen wohlgekleideten Mann, der sich gleichfalls mit der
Botanik beschftigte, nur um ein Weniges jnger als ich zu sein schien
und sich als ein Naturfreund und Pflanzenkenner auswies, der selbst
meinen Prinzipal im verstndnisvollen Eindringen in unsere hinreiende
Wissenschaft bertraf. Aus der Gegend war er nicht, seinen Namen haben
wir nie recht erfahren; wir nannten ihn Herr August und spter auch
einfach August. Sein Familienname war das aber jedenfalls nicht.

Der Zufall stie uns an einem heien Julinachmittage auf einer
abgeholzten, glhenden Berglehne unter den manneshohen Fingerhutbschen
zwischen dem Gewirr der Granitblcke die Kpfe zusammen und lie uns
sofort hflich das Handwerk gren. Zuerst begrten wir jedoch
natrlich hflich uns selber und betrachteten einander. Was der Fremde
an mir sah, wei ich nicht; mir steht er heute noch so klar und deutlich
wie damals vor den Augen. Es war ein junger Mann, wie gesagt, ungefhr
von meinem Alter, hochgewachsen, wohlgebaut, von schwarzem Haar und mit
einem ernsthaften, energischen Gesicht von etwas gelbweier, jedoch
keineswegs krankhafter Farbe. Den Kopf trug er ein wenig gesenkt, und
seine Stimme war wohllautend, er gebrauchte sie aber nur zu selten.
Whrend unseres ganzen Verkehrs berlie er es mir vollstndig allein,
die Unterhaltung zu fhren; und wie ihr wit, liebe Nachbarn, bin ich
stets fr einen lebhaften mndlichen Verkehr gewesen -- vielleicht oft
nur zu sehr.

An dieser Stelle hatte die Schwester etwas zu sagen, und etwas unmutig
rief sie:

Bester Bruder, sie reden im Dorfe doch schon dumm genug von dir!

Der geistliche Herr lchelte; aber der Frster lachte laut und rief:

Ja, Frulein Dorette, fr den Anstand ist seine Natur freilich nicht
eingerichtet, das habe ich zweimal in Erfahrung gebracht und werde es
mit meiner Einwilligung nicht zum drittenmal erleben. Das ist so! er
hlt jedem Fuchs, der herberwechselt, eine Standrede, ehe er losbrennt
und vorbeipafft. Aber hingegen bei einem Treiben wre er wohl an Ort und
Stelle, und eine Hasenklapper ist auch ein recht ntzliches Ding.

Ich danke Ihnen fr Ihre Bemerkung, Ulebeule! sprach das alte
Frulein spitz und kurz, und jetzt lchelte Herr Philipp Kristeller und
lie sich nicht weiter auf seinem Wege aufhalten.

Ich gab also, wie es nicht anders sein konnte, meiner Natur nach. Ich
erzhlte dem neuen Bekannten so nach und nach von allem, was mir an mir,
meinem Leben und Zustnden wichtig dnkte. Um alles, von meiner Geburt
an, wute er bald Bescheid; was ich von ihm dagegen erfuhr, war so wenig
als mglich, das heit gar nichts! -- Aber ein guter Gesellschafter war
er doch, und wurde ein immer besserer, je hufiger wir uns trafen. Wir
fingen an, die Pltze miteinander zu verabreden, an welchen wir uns
finden wollten, und er, als der freiere Mann, war stets am Orte.
Manchmal begleitete er mich bis an den Hgelhang, an welchem die Stadt
liegt; allein so oft ich ihn auch einlud, nun auch mit mir in dieselbe
hinunterzusteigen, so lehnte er das stets bestimmt ab, ohne einen Grund
fr die Weigerung anzugeben. Am Waldrande ber dem Nordthore nahm er
stets Abschied, drckte mir die Hand und ging zurck. In der Stadt und
Umgegend kannte ihn keiner, so oft und viel ich auch die Leute nach ihm
ausfragte. Gesehen hatte ihn wohl mancher, und manchem war er auch in
seinem Wesen und Treiben aufgefallen; doch nhere Auskunft ber ihn
wute niemand zu geben. In einem Dorfe, mitten in den Bergen, hatte er
fr ein Pferd und einen leichten Wagen ein Standquartier, doch auch da
nannte man ihn einfach nur Herr August und hielt ihn fr einen Studiosen
aus der Universittsstadt in der Ebene, der, >wie schon viele<, von dort
in die Berge komme, um >die Kruter zu verstudieren<.

Scheint mir eine kalte Fhrte gewesen zu sein, meinte der Frster, und
der Pastor war derselben Meinung.

Ich gab auch nichts darauf, erzhlte Herr Philipp weiter, sondern
setzte den Verkehr fort, wie er sich eben machte, und nachdem ich mit
dem Herrn August ein halbdutzend Male zusammengetroffen war, fgte es
der Zufall, da er auch meine Braut kennen lernte. Die hatte mit ihren
Verwandten und Bekannten an einem schnen Sonntage einen Ausflug in den
Wald gemacht, und da trafen wir, -- als Johanne und ich uns von der
lustigen Gesellschaft abseits geschlagen hatten und allein fr uns
gingen, auf einem berwachsenen Pfade auf meinen geheimnisvollen Freund.
Wir gingen Arm in Arm, und er ging wieder einsam, und sein Gesicht war
ernster und trber denn je. Als er uns erblickte, erhellten sich seine
Mienen zwar, aber nicht auf lange. Er wollte mit uns frhlich und heiter
sein; aber es gelang ihm schlecht. Er sprach sehr gut und freundlich zu
meinem Schatz; doch je lnger er mit uns ging und je munterer wir auf
ihn einplauderten, desto stiller wurde er. Und als nun gar die brige
Gesellschaft singend, lachend und jubelnd zu uns stie, da war er
pltzlich wieder verschwunden, und wir sahen ihn an jenem frhlichen
Tage nicht mehr. >Du, Philipp, der hat ein groes Unglck erfahren oder
windet sich noch durch ein solches<, sagte mir Johanne nachher; >Philipp,
der Mensch thut mir unendlich leid; -- ist es dir denn noch niemals bange
und traurig in seiner Nhe zu Mute geworden?<

Die Weiber haben in der Hinsicht einen feinen Blick und Sinn, und sie
verstehen es, uns Mannsvolk auf manches aufmerksam zu machen, was man
gefhlt hat, ohne da es einem im Bewutsein klar geworden ist. Ich
stutzte, und jetzt zuerst fiel es auch mir bei, da mein schweigsamer
Freund auch mir schon einige Male sehr leid gethan habe. Bnglich war's
mir freilich noch nicht in seiner Gesellschaft zu Mute gewesen; doch
schon auf dem lustigen Heimwege nach der Stadt war es mir ganz klar, da
von nun an auch das Bangen mich zu Zeiten wohl berkommen knne. Von
jenem Tage an achtete ich schrfer und schrfer auf meinen Freund
August, und dann einmal fragte ich ihn mit aller Aufbietung meiner
Beredsamkeit und berredungskraft, was ihm eigentlich fehle und ob es
durchaus nicht mglich sei, da ich ihm helfe? Ich beschwor ihn
instndigst, doch ein Herz zu fassen und alles, was ihn drcke, mir
mitzuteilen. Ich sagte ihm, da ich mein Blut und meine Seele dran geben
wrde, ihm zu helfen, und fgte auch sonst noch bei, was man bei einer
solchen zum Zittern aufgeregten Gelegenheit ernstlich und innig einem
geliebten, geschtzten und geachteten Menschen sagen kann. Natrlich
versuchte er zu lachen und versicherte mich, er befinde sich krperlich
wie geistig vollkommen wohl, sein Gewissen sei durchaus nicht durch
irgend eine unaussprechliche Schandthat belastet; aber fr sein
Temperament knne er freilich nichts, und es sei in der That ein
ziemlich unbehagliches zu nennen und schon Mehreren aufgefallen. Er
sagte, er habe ein unglcklich Blut von seinen Vorfahren geerbt, und
wahr sei, da er es stets krftig und aufmerksam im Zaume halten msse,
wenn nicht jeder Tag, den er lebe, zu einem jhzornigen bsen Ende
gelangen solle. Er dankte mir herzlich fr meine Gte, wie er's nannte,
und es war mir fast, als she ich eine Thrne in seinen Augen, allein
das mochte doch wohl eine Tuschung sein, denn ein solches rmisches
Mnzengesicht, wie das seinige, war auf dergleichen Weichheiten hin
nicht in die gehrige Form gegossen.

Was fr eine Art Visage hatte er, Kristeller? fragte der Frster
Ulebeule.

Ein Gesicht wie die Kaiser Nero, Caracalla oder Caligula auf ihren
Dukaten! erluterte der Pfarrherr, und der Apotheker zum wilden Mann
schttelte den Kopf, glaubte sich aber jeder anderen Antwort berhoben
und ging in seiner Erzhlung weiter:

Meine Braut hatte ihm sehr gefallen. Er lobte ihr ueres und alles,
was sie whrend des kurzen Zusammenseins gesprochen hatte, ausnehmend.
Er nannte sie ein liebes, braves Mdchen -- was sie wirklich auch war
-- und er sprach mit tiefen Seufzern den Wunsch aus, eine ihr gleichende
Schwester zu haben. Da erkundigte ich mich denn selbstverstndlich noch
einmal nach seinen Familienverhltnissen, er aber versicherte mich, da
er ganz allein in der Welt stehe, Vater und Mutter durch den Tod
verloren und Geschwister nie gehabt habe; und wie um das Gesprch
schnell zu wenden, fragte er seinerseits, ob der Tag meiner Hochzeit
bereits festgesetzt sei.

Als ich ihm nun gesagt hatte, wie es sich damit verhalte, seufzte er:
>O, knnte ich Ihnen helfen, Philipp, so wrde es heute noch geschehen!<
-- -- Wie er mir half, und weshalb der Ehrensessel da seit dreiig
Jahren leer steht und auf ihn wartet, das will ich euch jetzt sagen.




Fnftes Kapitel.


Die kleine Gesellschaft in dem bilderreichen Hinterstbchen der Apotheke
zum wilden Mann war dicht am Tische zusammengerckt. Sie wuten, da
der alte Freund nicht bel zu erzhlen verstehe, doch so wie heute hatte
er seine Gabe noch nicht gezeigt. Dem Frster Ulebeule war die Pfeife
ausgegangen, Schwester Dorette hielt die Hand des Bruders fest in der
ihrigen und der Pastor _loci_ klopfte leise mit der Dose auf dem Tische
und sagte:

Also endlich! -- Kein Mensch sollte es doch fr mglich halten, da
einen solch braves Mbel, wie ein weichgepolsterter Lehnstuhl, dreiig
Jahre lang auf die Folter spannen knne. Lieber Kristeller, dieser
Sessel da hat mich in der That dreiig Jahre lang auf die Folter
gespannt!

Sie lachten doch trotz ihrer Erregung, und der Herr Philipp lachte mit
und erzhlte dann weiter.

Der Sommer ging, der Herbst kam. Es wurde September und es wurde
Oktober, und die Pracht und Flle der Natur ging fr dieses Jahr auf
die Neige. Mein Prinzipal, der zur Zeit der quinoktialstrme stets
anfing, an Gesichtsschmerzen zu leiden, war gezwungen, mich nun fester
an die Offizin zu binden. Es ging wohl ein Monat hin, ehe er mich wieder
in die Weite schickte; -- am 15. Oktober aber jagte er mich drei Meilen
weit nach jener berhmten Felsgruppe, die ihr alle unter dem Namen der
Blutstuhl kennt, einer Moosart wegen, die um diese Zeit dort blhte und
zwar nur dort allein.

Ich war damals auf dem Blutstuhle, doch nachher nicht wieder. Ich habe
eine Furcht vor dem wilden Orte behalten, trotzdem da damals mir das
gegeben wurde, welches dieses Haus in meinen Besitz brachte und mir das
Leben, wie ich es gefhrt habe, mglich machte. Das Rtsel liegt noch
ungelst da. Wenn ihr, meine Freunde, nachher euren Scharfsinn daran
prfen wollt, so soll es mir lieb sein. Ich habe es aufgegeben, nachdem
ich ein Menschenalter darber habe nachgrbeln mssen, und jetzt wird es
ja auch wohl gleichgltig sein, ob einer hier im Kreise noch zuletzt das
rechte Wort findet. Jenen Tag aber, diesen mir bedeutungsvollen 15.
Oktober, werde ich euch nun mit allen seinen Umstnden so genau als
mglich schildern, und ihr mt es euch schon gefallen lassen.

Kein Hase macht neugieriger seinen Kegel als ich! rief der Frster.

Lieber Gott, welch ein Abend! sagte der geistliche Herr. Hren Sie
nur diesen Sturm! O erzhlen -- erzhlen Sie!

In der That ein strmischer Abend! Je weiter die Nacht vorschritt, desto
wilder tobte es von Norden her gegen das Gebirge heran, und die Apotheke
zum wilden Mann bekam ihr volles Teil.

Solch ein Wetter war es an jenem Tage nicht, sagte Herr Philipp in
seinem gewohnten Tone, ruhig und gelassen, wie jemand, der eben ein
Menschenalter Zeit hatte, ein Erlebnis zu berdenken. Er wurde aber
auch noch einmal unterbrochen, denn es kam ein Kunde und holte fr einen
Groschen Bittersalz und setzte eine Viertelstunde lang dem Verkufer
auseinander wozu; -- was beides auch Zeit hatte bis morgen, wie Ulebeule
mrrisch bemerkte. Die Schwester jedoch benutzte die Pause, die
chinesische Schale auf dem Tische von neuem zu fllen, und endlich
erfuhren die Freunde doch, was der Apotheker Kristeller an jenem 15.
Oktober erlebte.

Um neun Uhr morgens zog ich mit meinem Auftrage, das Frhstck in der
Tasche, die Botanisierbchse auf dem Rcken, vom Hause, das beilufig
das Zeichen >Zum Knig David< fhrte, ab; bei stiller Luft und dichtem
Nebel und diesmal im hchsten Grade geknickt und gebrochen. Ich hatte
Grund dazu, melancholisch auch in die schnste Witterung hineinzusehen!
Am Abend vorher hatte Johanne's Onkel mich bitten lassen, ihn doch
einmal auf ein Viertelstndchen zu besuchen, und ich hatte ihn besucht,
und er hatte mich zwei Stunden lang unterhalten. Zwei Stunden lang hatte
er mir eindringlich zugeredet, endlich doch ein Einsehen zu haben und
mir meine Lebensaussichten einmal recht klar zu machen und seine Nichte
-- nicht unglcklich! Kurz gesagt, er hatte mich aufgefordert, meiner
Braut ihr Wort zurckzugeben, und dafr seiner -- des Onkels -- ewigen
Freundschaft und Zuneigung gewi zu werden. Und der Mann hatte in allem,
was er sagte, Recht gehabt, und er hatte nicht nur verstndig, sondern
auch gutmtig gesprochen. Ohne die geringste Leidenschaft und
Zornmtigkeit hatte er mir seine und der Welt Meinung vorgetragen: er
hatte nichts gegen mich einzuwenden -- ich war ihm sogar sehr lieb und
wert, -- und doch! Ich war eben nach Hause gegangen oder vielmehr
getaumelt und hatte die Nacht ber auf dem Stuhle vor meinem Bette
gesessen und die Stirn mit beiden Hnden gehalten -- durch dieses
verstndige Zureden unfhig zu allem und jedem berlegen und
vernnftigem berdenken: da Johanne, meine arme, liebe Johanne, diese
selbige Nacht durchweint habe, wute ich dazu. Betubt verstand ich den
Prinzipal, der ebenfalls an Schlaflosigkeit litt, kaum, als er schon um
fnf Uhr mit dem Nachtlichte in der Hand an meine Thr kam, um mir
seinen neuen Herzenswunsch mitzuteilen und mir seinen Auftrag fr den
Tag zu geben. Verdrielich ging er, nachdem ich ihn endlich begriffen
hatte, seinen verbundenen Kopf schttelnd, und ich hrte ihn noch auf
der Schwelle deutlich genug murren:

>Auch der wird mir wieder mal unter den Hnden zum Narren!<

>Schreiben Sie dem Mdchen einen braven, ehrlichen, freundlichen Brief,
in welchem Sie das Ntige mit etwas Poesie meinetwegen sagen. Ich will
ihn abgeben und das Meinige, ohne Poesie natrlich, beimerken -- und
dann lassen Sie dem Jammer und meinetwegen auch sich selber in Ihrem
Elend alle Zeit -- es wird schon alles recht werden,< hatte mir der
Onkel vorigen Abend zum Beschlusse seiner schnen Rede geraten, -- und
dabei sollte man denn nicht zum Narren werden!! -- Das blhende Moos
drei Meilen ab vom >Knig David<, dem Hause des Herrn Onkels und meiner
Braut, war unter diesen Umstnden in Wahrheit der einzige Trost, der mir
in der Welt wuchs. Ein Tag wurde wenigstens durch den Weg und das
Aufsuchen fr mich und mein armes Kind gewonnen, und wie sich der Mensch
in seinen Nten an den e i n e n Tag, die e i n e Stunde, die e i n e
Minute klammert, wer htte das nicht schon in irgend einer Weise
erfahren?

Ich schlich selbstverstndlich unter Johanne's Fenster vorbei. Mein
Mdchen erblickte ich nicht; aber den Onkel sah ich. Er stand mit der
Pfeife hinter den Scheiben und schien nach dem Thermometer zu sehen;
seine eigene Temperatur hatte sich seit gestern Abend nicht verndert,
denn er zog hflichst die Nachtmtze ab und erhob dabei den
Zeigefinger. Der Gestus konnte nichts anderes bedeuten als: Vergessen
Sie nicht, mein Bester, was ich Ihnen gesagt habe; ich bestehe darauf
und wei, was uns allen gut ist; -- ich bin ein alter erfahrener Kerl
und kenne die Welt ein wenig genauer als ihr guten, jungen,
leichtsinnigen, unerfahrenen Leute -- Auch ich grte so hflich und
submi, wie ich noch nie einen Menschen gegrt hatte, und schleppte
mich seufzend matt weiter durch den grauen Dunst des Herbstmorgens.

>O wie voll Dornen ist diese Werkeltagswelt<, lt der englische Poet
Shakespeare eine seiner erdichteten Personen in einem seiner Stcke
sagen. Ich habe diesen Poeten immer gern gelesen und besitze eine
bersetzung von ihm und habe mir vieles darin unterstrichen. Das Wort
von den Dornen und der Alltagswelt fiel mir diesmal auf die Seele, und
ich wiederholte es mir fort und fort bis auf die Berge hinauf. Freilich
war mir jetzo die Welt nach allen vier Himmelsgegenden durch das
dichteste Dornengestrpp verwachsen, und da es eine erbrmliche und in
ihrer Gewhnlichkeit thrnenreiche Werkeltagswelt war, das konnten mir
der Boden unter den Fen und das Luftgewlbe ber mir bezeugen.

Der Nebel blieb wohl hinter mir in den Thlern zurck; aber in meiner
Brust nahm ich die Trbe auf die sonnigsten Gipfel mit empor. Ich
schritt rasch zu und tauchte mehrmals das Taschentuch in einen kalten
Waldbach, um es mir dann auf die heie bernchtige Stirn und die
fiebernden Schlfen zu drcken. Um sah ich mich nicht, und es ist ein
Irrtum oder gar eine Lge, wenn man behaupten will, da einem
unglcklichen oder von Not und Sorge bedrngten Menschen eine schne
Gegend und herrliche erhabene Aussicht zum Heil und zur Genesung
gereiche. Es ist einfach nicht wahr!

Im Gegenteil, nichts ist schlimmer fr einen Kummervollen,
Schmerzbeladenen als eine weite sonnenklare, in allen sen Farben der
Erde leuchtende Fernsicht, hoch von einer Bergspitze aus. Es ist arg und
eigentlich furchtbar, aber es ist so: den Sturm, den Regen lt man sich
in der bsen Stimmung gefallen; aber die Schnheit der Natur nimmt man
als einen Hohn, als eine Beleidigung und fngt an, alle sieben
Schpfungstage zu hassen.

Der Pastor schttelte hier bedenklich den Kopf; Frulein Dorette
Kristeller nickte zwar, aber sah doch auch ziemlich bedenklich und trbe
drein; der Frster Ulebeule jedoch klopfte mit der Pfeife auf den Tisch
und rief:

Wahrhaftig, es ist etwas dran! Es ist bei mehrerem Nachdenken sogar
ziemlich viel dran. Jeder Kmmerer -- will sagen jedes durch einen alten
Schu oder durch Krankheit sieche Stck Hochwild will auch von der
Pracht der Schpfung, an der es in gesunden Tagen sein Wohlsein und
seine Freude hat, nichts mehr wissen. Und wer viel Umgang mit den Tieren
gehabt hat, der wei, wie wenig der Unterschied zwischen ihnen und dem
Menschen zu bedeuten hat in allen Dingen, die mit Erde, Wasser, Licht
und Luft zusammenhngen. Ihr waret damals ein richtiger Kmmerer,
Kristeller. Der Onkel hatte Euch nicht bel angeschossen, und manch
einen in Eurer Lage hat das Schicksal bald darauf als tot verbellt.

Nun lasset uns weiter hren! rief der geistliche Herr, und sie hrten
weiter.

Was mir selten in der mir so bekannten Gegend passiert war, hatte ich
heute zu erleben; ich verlor mehrmals meinen Weg und fand ihn stets nur
mit Mhe wieder. Die Lebensverwirrung und schlimme Ratlosigkeit war
auer mir wie in mir; aber mein Pfad ging doch immer aufwrts und einen
Kompa fhrte ich am Uhrgehuse glcklicherweise auch mit mir. So wand
ich mich durch den Buchenwald und dann hinein in die Tannenwlder, an
steilen Lehnen, von denen die wunderlichen Granitblcke der Urzeit in
wahrhaft gespenstischen Formationen herabgerollt waren, schrg in die
Hhe. Dann ging es ber kahle, gleichfalls mit wildem, phantastisch
bereinander gestrztem Felsgetrmmer bedeckte Hochebenen -- aus dem
Nebel in das Sonnenlicht. Die Sonne schien um Mittag herbsthell, und ich
holte Atem, auf meinen Weg und die durchwanderten Thler zurckblickend.
In den Thlern hielt sich der Nebel den ganzen Tag ber, und als ich
nach einer Ruhestunde weiterging, schlich er mir leise wieder nach und
holte mich am Nachmittag, als ich den berhmten Platz, zu dem mein
Prinzipal mich diesmal hingesendet hatte, zu Gesichte bekam, richtig
wieder ein; aber freilich nicht mehr als der dichte Qualm der Tiefe,
sondern als ein leichter, alles in ein Zaubertuch einwickelnder Dunst.
Bei einer Wendung des Weges lag die unbeschreiblich grotesk zerklftete
Steinmasse -- der Blutstuhl, vor mir da. Aus dem Tannendickicht
vortretend, erblickte ich seine hchste Platte sechzig bis achtzig Fu
ber mir; und langsam und ermdet stieg ich nun noch ber den mit kurzem
Gras bewachsenen Boden, um im Schutze der untersten Blcke Krfte zu
sammeln fr das Suchen und Finden meiner seltenen Lichen-Art.

Ihr, Ulebeule, kennt den Blutstuhl. Es ist ein Labyrinth von
Steinkltzen, das einen ziemlich bedeutenden Raum auf der Bergebene
einnimmt. Viele der Gruppen fhren wunderliche sagenhafte Namen, die
hchste ist auf ausgewaschenen Treppenstufen zu erklimmen, und von ihr
hat das ganze Geblck seinen Namen, und in ltester heidnischer Urzeit
unseres Volkes hat es denselben als Opferstelle vielleicht mit vollem
Recht gefhrt.

Ich verzehrte vor allen Dingen trotz meiner trben Seelenstimmung den
mitgebrachten Proviant nicht ohne Appetit; dann begab ich mich an die
Lsung meiner Aufgabe, die gar nicht so leicht war. Das winzige,
kriechende Ding, das mein Alter in einem frischen Exemplare zu besitzen
wnschte, wuchs keineswegs in jeder Spalte des Blutstuhles. Und mit den
Erlebnissen des letzten Abends, den Bildern der schlaflosen Nacht und
dem Onkel mit der Zipfelmtze am Morgen vor den schwimmenden Augen lie
sich auch schlecht suchen.

So kroch und kletterte ich zwischen dem Gestein umher: eine Flechte
fand ich nicht; aber ich fand etwas anderes, nmlich ein Vermgen!

Ah! sagte die Zuhrerschaft in dem Hinterstbchen der Apotheke zum
wilden Mann.

Mhselig in meiner vergeblichen Bemhung hatte ich mich so ziemlich bis
an die Basis der oberwhnten abgeplatteten Gipfelfelsmasse, der
eigentlichen Opferklippe, emporgearbeitet, als pltzlich ein Mensch, wie
es schien im hastigen Aufklimmen von der entgegengesetzten Seite her auf
der Platte erschien und einen Schrei ausstie, der mich erschreckt
zurckfahren lie. Die Gestalt, vom Dunst wie alles umher leicht
verschleiert, warf die Arme empor, griff mit beiden Hnden in die Haare
und fiel mit einem neuen Aufschrei erst in die Kniee und dann ganz zu
Boden. Ich stand und hielt mich zitternd an dem nchsten Granitblocke,
und es dauerte einige Zeit, ehe ich mich so weit gefat hatte, um mir
die Frage vorzulegen: Was ist das?

Ja, was war das? was konnte das sein? Ein Betrunkener? Ein
Wahnsinniger? Ein Epileptiker? Ein lebensmder Unglcklicher, der sich
diesen Ort ausgesucht hatte, um gerade jetzt daselbst zu Ende zu kommen
mit sich? Alle diese Vorstellungen schossen mir nun blitzschnell
nacheinander durchs Gehirn; aber von der Hhe der Opferklippe kam keine
Antwort auf meine Frage.

Und es ist deine Pflicht nachzusehen, was und wer es ist! rief es in
mir. Mit zusammengekniffenen Lippen, fest aufeinander gesetzten Zhnen
fate ich Mut, packte meinen Wanderstock fester, um im Notfall auch auf
einen Angriff gerstet zu sein, und stieg langsam und vorsichtig die
Steinstufen hinauf, die auf die heilige Opferstelle unserer Vorfahren
fhrten. Scheu und behutsam hob ich das Kinn auf die Platte; da lag er!
-- Langausgestreckt, bewegungslos, das Gesicht auf den Stein gedrckt,
lag der Unglckliche da, und rasch sprang ich meinerseits nun hinauf,
trat zu ihm, fate ihn an der Schulter, sprach ihm zu, und nach einer
Weile erhob er auch das Gesicht und stierte mich an.

Jetzt schrie ich fast, wie er vorher. Es war mein Kamerad, mein
geheimnisvoller Freund, mein botanischer Wissenschaftsgenosse, und zwar
mit Zgen so verstrt, so von Schmerz, Angst und Zorn verwstet, da ich
es euch wahrlich nicht, wie es war, schildern kann.

Langsam, wirklich wie aus einem epileptischen Zustande sich erhebend,
stand er auf, sah mich blind und meinungslos an, bis ihm nach und nach
das Bewutsein von Ort, Zeit und Zustand zurckkam.

>Philipp<! sagte er tonlos.

>O August<! rief ich.

>Seid Ihr es, der mich hier gefunden hat?<

>O und Ihr -- was habt Ihr? was ist Euch geschehen? Ich mchte Euch so
gern helfen.<

>Und knnt es ganz und gar nicht. Es wre besser, Ihr ginget und lieet
mich hier, wie Ihr mich fandet. Ich bin fr keines Menschen Gesellschaft
mehr tauglich.<

Er sprach dieses alles so vernnftig, so gesetzt und ruhig, da seine
Verstrung mir dadurch nur noch herzzerreiender in die Seele drang. Ich
wollte seine Hand fassen, doch er zog sie schnell und wie ergrimmt
zurck und schrie:

>Nein, nein! das ist zu Ende, Herr -- Herr Kristeller. Ich habe heute
mit dieser Hand mein Schicksal besiegelt und werde sie niemandem mehr
als Zeichen der Freundschaft, der Zuneigung, der Liebe geben. Haltet
mich nicht fr einen Narren -- o ich wollte, ich wre es; aber ich bin
es nicht! Seit drei Tagen wre es mir eine Wohlthat, wenn die letzte
Faser, die den Geist noch an eure Welt -- eure Alltagswelt bindet,
abrisse, und wenn man mich fnde, wie man sonst wohl schon arme irre,
verlorene Menschen in der Wildnis gefunden hat. Kein anderes Gesicht
wre mir heute so lieb gewesen als das deinige, Philipp; aber meine Hand
gebe ich dir doch nicht. Sieh da rund herum, sieh, wie die Stdte und
Drfer ausgestreut sind; -- sieh, alle diese hunderttausend
Menschenwohnungen sind mir von jetzt an verschlossen: ich habe keinen
Verkehr mit euch mehr, ich bin allein; es giebt keinen anderen Menschen
mehr auf Erden, der so allein ist wie ich!<

>Aber ich bin da! mich hat das Schicksal gerade zu dieser Stunde zu dir
gefhrt, um bei dir zu bleiben! Meine Braut, mein Mdchen habe ich
verloren, oder sie soll mir doch genommen werden. Mir ja auch
verschliet sich die Welt. La uns einander zum Rat und Trost sein!<

Nun war es, als ringe er in der Tiefe seiner Seele mit einem gewaltig
starken Gegner, und dann war es, als ob er dem Feinde obgesiegt habe,
und dann war es, als stehe er triumphierend mit dem Fue auf der Brust
des Niedergeworfenen. Er knirschte mit den Zhnen und rieb sich die
rechte Hand, als sei sie feucht und er msse sie trocknen. Zuletzt sah
er mich scharf und kalt an und sagte leise:

>Lieber Herr, Sie knnen mir doch von keinem Nutzen sein. Ich bitte
Sie, sich keine Mhe zu geben. Sehen Sie, Kristeller, ich habe nie in
meinem Leben anders gesprochen, als meine Meinung war. Auch ist heute
Methode in meinem Wahnsinn gewesen; ich habe mich nicht ohne eine
gewisse Absichtlichkeit auf diesem kalten und harten Steine
niedergeworfen. Mein Herzblut ist durch diese Rinne niedergelaufen, wie
einst das Blut der frnkischen Gefangenen aus dem Heerbann des Kaisers
Karl durch dieselbe niederrieselte. brigens bin ich allein und will
allein sein. Gehen Sie, bester Herr, ich verstehe Ihre Gefhle, Ihre
gute Gesinnung gegen mich vollkommen, und wir wollen auch sicherlich
einander treu im Gedchtnis behalten, -- leben Sie wohl, Philipp
Kristeller.<

Das war khl und abstoend genug, aber ich war auch Psycholog genug, um
zu wissen, aus welchem ganz anders bewegten Grunde dieser Ton
heraufquoll. Es ging nicht an, den Unglcklichen vor das Gericht der
Eigenliebe zu ziehen und mit einem: So empfehle ich mich denn hflichst
-- umzudrehen und gergert nach Hause zu laufen.

>Es ist ja mglich, da wir heute fr immer Abschied voneinander nehmen
mssen<, sagte ich; >aber weshalb sollen wir es denn in dieser Art thun?<

Da brachen dem anderen die Thrnen aus den Augen.

>Nein, nein<, schluchzte er, >du hast Recht, es ist doch nicht die rechte
Art!<

Er warf mir die Arme um den Hals und kte mich und schien mich nun
nicht von sich lassen zu knnen.

>Lebe denn wohl, du Guter, -- denke nur an mein Elend und nichts
anderes an mir! Sieh mir nicht nach; du sollst noch einmal von mir
hren, Philipp! Lebewohl, lebewohl!<

So hielten wir uns lange, und dann schieden wir in der That
voneinander. Ich habe ihn nicht wiedergesehen; aber gehrt habe ich
freilich noch einmal von ihm; -- er hat mir einen Brief geschrieben; und
ich bin seit dreiig Jahren der Besitzer der Apotheke >zum wilden
Mann<!




Sechstes Kapitel.


Der Pastor und der Frster hatten sich auf ihren Sthlen zurckgelehnt
und blickten nach der Decke. Die Schwester hatte die Hnde im Schoe
zusammengelegt und sah auf den Bruder; man hrte den Sturmwind einmal
wieder recht deutlich, und nachdem man lange genug geschwiegen hatte,
sprach der Frster, wie es schien, um etwas zu sagen:

Es wird jetzo auch um den Blutstuhl tchtig pfeifen und sausen.
Sonderbarerweise fgte er dann hinzu:

Einunddreiig Jahre sind eine lange Zeit!

Freilich! sagte der geistliche Herr, wendete sich dann an den
nachdenklichen Hausherrn und fragte:

Und Sie haben gar keine Ahnung, was er seines Zeichens war, und wie er
eigentlich hie?

Entschuldigen Sie, meine Herren, erwiderte Herr Philipp Kristeller und
ging zum letztenmal in dieser Nacht, um seinen Archivschrank in seiner
Offizin zu ffnen. Mit einem einzelnen Briefe in einer weiten, sonst
leeren Hlle kam er zurck, reichte das mit mehreren Poststempeln und
fnf abgebrckelten Siegeln bedeckte Couvert dem Frster Ulebeule und
den Brief dem Pastor Schnlank, setzte sich langsam, legte die Hand ber
die Augen, brachte seine Pfeife von neuem in Brand und wartete ruhig die
Wirkung der Papiere auf die Hausfreunde ab.

Inhalt -- neuntausend -- fnfhundert Thaler in Staatspapieren!
murmelte der Frster. Frei! -- Herrn Philipp Kristeller! --

Sehr wunderbar! rief der Pfarrer seinerseits, das Begleitschreiben
berfliegend. In der That ein seltsamer Brief! Eine rtselhafte,
mysterise Sendung!

Zum Henker, so lesen Sie doch laut! rief der Frster, und der Pastor
las laut:

Ein Mann, der den Willen hat, sein Leben von vorn anzufangen, entledigt
sich hier seiner schwersten und verdrielichsten Last und schickt dem
Freunde das einliegende Geld. Es verschwindet einer und hinterlt keine
Spur; es ist unntig und vergeblich, ihm nachzuforschen und nachzurufen.
O Philipp und Johanne, nehmt, was ihn nur niederziehen wrde in die
Tiefe. Grndet ein Haus, das feststeht und glckliche, frhliche Kinder
in seinen Mauern aufwachsen sieht. Lebt wohl, ihr guten Freunde -- lebt
wohl! -- Philipp Kristeller, es grt dich -- auf dem Wege zurck zu den
Menschen,

          der Narr vom Blutstuhl.

Hamburg, am 30. Oktober 183--

Der Pastor legte den Brief stumm auf den Tisch, Ulebeule schlug auf den
Tisch, da smtliches Gert emporhpfte und die Glser scharf und
bedrohlich zusammenklirrten:

Donnerhallo! Na, das mu ich sagen! na, da bitte ich zu gren!

Und Ihr habt, selbst mit diesem Schreiben in der Hand, damals nicht
gemeint, dieses alles zu trumen, alter Freund? fragte der Pastor.

Tagelang, wochenlang bin ich wie ein Trumender umhergegangen, nicht
nur mit dem Briefe, sondern auch mit dem Gelde in der Hand. Und es waren
die nchternsten Staatspapiere und Landesschuldverschreibungen von
verschiedener Herren Lndern! Sie verwandelten sich nicht ber Nacht in
gelbe Klettenbltter, -- sie gingen mir nicht vor der Nase in
gespenstischem Dampfe auf; -- sie waren echt und hatten ihren Kurs, und
die Banquiers waren gern erbtig, mir sie umzutauschen oder
umzuwechseln! Ich aber trug sie nebst dem Briefe zu meiner Braut und
fragte die, wie ich mich gegen dieses alles zu verhalten habe -- den
guten Onkel ging ich frs erste noch nicht um seinen guten Rat an.

Auch Johanne hatte natrlich zuerst eine Art von Schrecken zu
berwinden; d a n n aber sagte sie mir verstndig und ruhig ihre
Meinung, und ich bin derselben gefolgt.

>Dein Freund hat mir leid gethan und ein Bangen erregt durch sein
Wesen; aber nie ein Grauen, als ob er ein schlechter, ein bser Mensch
sei. Ich habe ein groes Mitleiden mit ihm gehabt und htte ihm gern
helfen mgen in seinem Unglck. Aber sieh, Philipp, er hat mir auch
immer den Eindruck gemacht, als ob er stets genau berlege und wisse,
was er sage und thue. Er hat in seiner Melancholie einen klugen klaren
Kopf; und was uns jetzt so wunderlich scheint und aller Welt als eine
Verrcktheit vorkommen wrde, das hat er auch bedacht und sich zurecht
gelegt, und er wird sicher das Beste fr sich gefunden haben. Ich
glaube, du darfst das Geld nehmen und es versuchen, dein Glck darauf zu
bauen. Wir wollen es verwalten wie ein Darlehn, Philipp; wir wollen dem
Geber tglich seinen Stuhl an unseren Tisch setzen, wir wollen stets den
besten Platz fr ihn frei halten; wir wollen ihn von einem Tage zum
anderen erwarten, und -- dem Onkel wollen wir von einer Erbschaft
sprechen, und du kannst das nur gleich thun; ich nehme die Verantwortung
fr die kleine Notlge gern auf mein Gewissen.<

Seht, Nachbarn, das ist denn der Grund, weshalb der Sessel da stets
leer steht, weshalb immer ein Platz an meinem Tische offen gehalten
worden ist, diese ganzen letzten einunddreiig Jahre durch; der Freund
ist aber bis heute nicht zurckgekehrt! Mein Leben von meiner Ankunft
unter euch kennt ihr; -- ihr wit, wie ich diese bereits zweimal in Gant
geratene Offizin bernahm, und wie es mir in schwerer Arbeit glckte,
den Platz zu behaupten, der meinen Vorgngern so gefhrlich geworden
war! Ihr wit aber auch --

Welch einen groen Schmerz du zu erdulden hattest, Bruder? rief die
alte Schwester leidenschaftlich erregt. Nein, nein, sie haben wohl
davon gehrt; aber das rechte Wissen haben sie doch nicht davon.

Es war sehr traurig, Frulein Kristeller, sprach der Pastor, und
Ulebeule seufzte schwer und murmelte:

Ja, ja; aber Ihr seid nicht der Erste, Philipp, dem solcherart das Glas
vor dem Munde weggeschlagen wird.

Das Haus stand; aber die Braut, die junge Frau sollte nicht einziehen.
Sie starb an dem Tage, auf welchen die Hochzeit festgesetzt war, und an
ihrer Stelle habe ich meinem armen Bruder seine Wirtschaft gefhrt,
diese dreiig Jahre hindurch, dieses Menschenalter, von welchem an
diesem strmischen Abend so viel die Rede gewesen ist.

Und wir haben unsere Tage in der Stille doch gut verlebt, sagte der
Apotheker zum wilden Mann wehmtig lchelnd. Wir sind in Frieden grau
geworden, und der Sturm, der vor dem Fenster vorbeibraust, kmmert uns
wenig mehr. Der freie Stuhl ist leer geblieben, und der, fr welchen der
Sitz aufbewahrt wurde, hat seine Ruhe wohl auch gefunden, an einem
anderen Orte weit in der Fremde; hoffentlich nachdem er sich, wie er in
seinem wilden Briefe da sagt, zu den Menschen zurckgefunden hatte. Wir
aber, die wir hier miteinander alt geworden sind, wir wollen in Treue
und guter Gesinnung auch fernerhin bei einander bleiben und kein
rgernis an einander ber die nchste Begegnung hinaus weiter tragen.

Das wollen wir! sprachen beide Mnner wie aus einem Munde.

Gewi, gewi, sagte das Frulein.




Siebentes Kapitel.


Der Regen hatte augenblicklich aufgehrt; aber der Wind war dafr um ein
ziemliches heftiger geworden. Nach dem, was da erzhlt worden war, lie
sich ein gleichgltiges Gesprch nicht leicht anknpfen, und doch fhlte
jeder das Bedrfnis dazu im hohen Grade.

Als Ulebeule sich endlich zusammennahm und klglich sagte:

Es ist doch ein tchtiger Wind! machte Frulein Kristeller freilich
die dazu gehrende Bemerkung:

Ach ja, und die armen Leute, die jetzt auf dem Wasser sind! aber das
Gesprch war damit doch wieder zu Ende und fiel klglich zu Boden. Herr
Philipp hatte seinen schicksalvollen Brief wieder in das gelbgewordene
Couvert geschoben und trat eben mit demselben in die Thr seiner
Offizin, als er stehen blieb und rief:

Da ist der Doktor!

Der Doktor! riefen aufatmend und mit glatt auseinander sich legenden
Mienen alle ihm nach. Der Doktor! richtig, er wird es sein.

Er war es. Man vernahm drauen vor den Fenstern der Offizin, nicht des
Hinterstbchens, Rdergeknarr, das Stampfen eines Gaules,
Peitschengeknall und dazwischen eine laute joviale Stimme:

Holla, heda! Giftbude! Lichter an die Fenster! Bist du da, Friedrich,
so rei' das Scheunenthor auf und leuchte, da wir die Karete und uns
aus der Sndflut und dem sonstigen Orkane in Sicherung bringen!

Das alte Frulein lief schnell hinaus und dem gern gesehenen dritten
Hausfreunde entgegen. Behaglicher lehnten sich der Frster und der
geistliche Herr auf ihren Sthlen zurck. Der Apotheker stand lchelnd
mit seinem vergilbten Briefe in der Hand da und horchte mit den andern.
Schon hrte man jetzo auf der Hausflur des Doktors lustige Stimme,
dazwischen die Stimme Dorothea's, und dann sprach noch jemand darein,
gleichfalls krftig-heiter.

Er kommt nicht allein. Er bringt uns einen Gast oder sich einen
Patienten mit, sprach der Apotheker zum wilden Mann, und sofort
zeigte es sich, da das erstere der Fall war. Weit flog die Thr, die
von der Hausflur in das bilderreiche Hinterstbchen fhrte, auf, und mit
dem Landphysikus _Dr._ Eberhard Hanff trat der Gast ein, hflich auf der
Schwelle um den Vortritt sich mit Frulein Dorothea bekomplimentierend.

Keine Umstnde, Herr Oberst, rief der Doktor, den ltlichen,
breitschulterigen, stattlichen alten Herrn mit dem schneeweien Haar,
den schwarzen scharfen Augen im munteren tiefgebrunten Gesichte weiter
vorschiebend. Und ohne alle weiteren Umstnde stellte er vor:

Colonel Dom Agostin Agonista -- im Dienste Seiner Majestt des Kaisers
von Brasilien, -- von mir aufgegriffen auf dem Wege zum wilden -- ach,
Herrje, Punsch?! -- o Oberst, habe ich es nicht gesagt? Frulein
Dorette, Sie wissen meine Gefhle und Gemtsstimmungen doch immer auf
drei Meilen Weges hinaus zu ahnen; -- Punsch!! Die Herren werden sich dem
Herrn Oberst am besten selber bekannt machen. Ach, Frulein Dorette, je
bsartiger die Witterung, desto inniger die Ahnung Ihrerseits; --
erlauben Sie mir, da ich Ihnen die Hand ksse.

Lassen Sie das dumme Zeug nur und hngen Sie lieber Ihren Mantel an den
Haken, sprach die Schwester des Apothekers, der Herr Oberst ist uns
sehr willkommen, und wir bitten hflichst, Platz zu nehmen.

Der Landphysikus pflegte die Leute, die er dann und wann auf seinen
Berufswegen als Gste aufgriff und in irgend ein beliebiges Haus mit
sich nahm, stets in einer hnlichen Weise vorzustellen und sie dadurch
gewhnlich in nicht geringe Verlegenheit zu bringen. Der brasilianische
Oberst jedoch lie sich nicht so leicht in Verlegenheit setzen. Er
wendete sein munteres, vernarbtes altes Soldatengesicht heiter und hell
im kleinen Kreise umher und sagte mit dem leisesten Anhauch eines
fremdartigen Accentes:

Meinerseits nenne ich dieses einen raschen berfall, meine Dame und
meine Herren, und bitte sehr um Entschuldigung wegen dieses nchtlichen
Eindringens. Der Herr Doktor fand mich freilich in einer hchst
erbrmlichen Schenke am Wege durch den Sturm und die Nacht festgehalten
hinter dem Tische und hat in der That in der freundlichsten Weise den
barmherzigen Samariter gespielt. Er nahm mich in seinen Wagen auf und
bot mir ein besseres Nachtquartier in dieser Ortschaft an. Ich folgte
ihm gern, und dann hielt er vor diesem Hause an, -- um einen
>Kristeller< zu nehmen, wie er sagte, -- auf einen Moment, wie er sagte,
und ich kam mit ihm herein, um auch einen >Kristeller< zu mir zu nehmen,
und mein Name ist wirklich Agonista, und ich bin Oberst in
brasilianischen Diensten.

Mein Name ist Kristeller; aber der Doktor, mein lieber Freund, nennt
einen Liqueur so, dessen Erfindung mir gelungen ist, Herr Oberst, sagte
der Apotheker. brigens ist uns allen hier Ihr Eintritt in unseren
kleinen Kreis eine Ehre und ein groes Vergngen.

Der Pastor und der Frster sprachen nun gleichfalls ihre Befriedigung
ber die zeitgeme Ankunft des interessanten Fremden aus. Man
schttelte sich die Hnde und schob von neuem die Sthle an den Tisch.

O -- Frulein Dorette, ich habe Ihnen wie gewhnlich mein Kompliment zu
machen! rief der Landphysikus _Dr._ Eberhard Hanff, in Extase nach
einem langen Zuge die Nase aus dem Dampfe des Getrnkes des Abends in
die Hhe hebend. Finden Sie jetzt nicht auch, Colonel, da wir hier
besser aufgehoben sind als dort in der Kneipe >zum Krug ohne Deckel<
oder wie die Ruberhhle sonst heit? he, und wie wehrte und sperrte
man sich gegen das bessere Verstndnis eines landkundigen Mannes!

Es ist gewi besser hier, sagte der Soldat mit einer Verbeugung gegen
die Schwester des Hausherrn. Man wehrt sich oft gegen sein Glck,
Senhora -- man sollte es nicht thun.

Die brigen gaben dem Oberst natrlich recht, und dann redete man ebenso
selbstverstndlich von neuem eine geraume Zeit ber das Wetter; doch
dann auch ber die Wege, ber die Wegschenke, in welcher der Doktor den
Fremden gefunden hatte, ber die Gegend im allgemeinen und besondern,
ber das frhe Abziehen der Zugvgel in diesem Jahre, ber dieses und
jenes: nur der Apotheker zum wilden Mann nahm an dieser Unterhaltung
wenig Anteil.

Er, Philipp Kristeller, sa seinem brasilianischen Gaste gegenber. Den
alten Brief hatte er nicht wieder in sein Pult verschlossen, sondern,
durch die pltzliche Ankunft des Doktors und des Fremden daran
gehindert, ihn wieder mit sich gebracht und auf dem Tische von neuem vor
sich niedergelegt. Er sttzte jetzt den Ellenbogen darauf und lchelte
in das Gesprch der brigen hinein, doch wie abwesend und den eigenen
Gedankengespinnsten nachgehend. Da der so pltzlich und unvermutet in
seinem stillen Hauswesen erschienene auslndische Herr seine innere
Erregung vermehrte, konnte man nicht sagen, doch richtete er, der
Hausherr, dann und wann verstohlen forschend den Blick auf den Gast; und
die Antworten, die er sodann auf an ihn gerichtete Fragen gab, waren
noch um ein weniges zerstreuter.

Der Arzt erkundigte sich zuerst scherzhaft nach dem Grunde, und Ulebeule
antwortete fr den Apotheker.

Lat ihn, Medicus, hat sich der Br erniedrigt, so wird er sich wohl
bald um so mehr erheben; denn wozu hat er seine Hinterpranken sonsten?
fragt man in Polackien. Wret ihr eine Viertelstunde frher gekommen, so
httet ihr uns a l l e insgesamt in einer noch viel kurioseren Stimmung
angetroffen. Wie die Hasen ihre Hexensteige durchs Korn, so haben wir
uns an diesem Abend unsere Wege durch die angenehme Unterhaltung
gebissen. O, wir haben seltsame Historien vernommen!

Ulebeule! rief der Apotheker; doch der Frster war in seinem Eifer
nicht imstande, auf den Ruf zu hren.

Ich sage Ihnen, Doktor, es ist ein Jammer und Schade, da Frulein
Dorette's Punsch Sie und den Herrn Oberst nicht ein wenig frher
angeludert hat. Wie Federwild sind die merkwrdigsten Geschichten um uns
her aufgestoben. Wir wissen jetzt, weshalb sich dreiig Jahre lang
keiner von uns in diesen Lehnstuhl da hat setzen drfen; -- wir wissen,
in welcher Weise unser Freund Philipp bei uns ankam, -- wir haben viel
gehrt von Liebe und Tod, von wilden Mnnern und alten Geldbriefen, wie
nicht jedermann solche von der Post zugeschickt kriegt. Waren Sie jemals
in Ihrem Leben auf dem Blutstuhle, Doktor?

Ulebeule?! rief jetzt auch der geistliche Herr, und diesmal hrte der
Frster.

Nun, nun, -- ja, ja, Ihr habt recht! brummte der redselige Waidmann
kleinlaut. Nehmt's nicht bel, Kristeller, da Ihr selber so vertraulich
waret --

Herr Philipp fllte freundlich dem biederen Hausfreunde das Glas und
reichte ihm die Hand; doch nun sagte der Doktor Hanff:

Zu den kuriosen Geschichten sind wir, die wir unsererseits dergleichen
vielleicht auch dann und wann erlebten, diesmal zu spt gekommen. Aber
eine Frage erlaube ich mir doch: habt ihr diesen guten Trunk hier jener
Historien wegen etwa zusammengebraut?

Der brasilianische Oberst Dom Agostin Agonista, der die ganze Zeit
hindurch mit nachdenklichen Augen auf den leerstehenden Ehrensessel
geschaut hatte, sah jetzt scharf auf und hell und heiter im Kreise
umher, zuletzt am schrfsten auf den Herrn des Hauses. Whrenddessen
antwortete der Pastor dem Physikus und den forschenden Blicken des
Colonels zugleich mit:

Sie sind zu einem eben so freudigen wie ernsthaften Gedchtnisfeste
gerade noch zur rechten Zeit gekommen, lieber Doktor. Unser Freund
Kristeller sitzt heute gerade dreiig Jahre hier in diesem Hause >zum
wilden Mann<, Herr Oberst. Er ist uns und allen Bewohnern der Gegend
weit und breit ein lieber, treuer Freund und Helfer ein ganzes
Menschenalter durch gewesen; den Punsch hat uns Frulein Dorothea
improvisiert, und Ihre Einladung wrden Sie zu Hause vorgefunden haben,
lieber Doktor.

Den Umweg habe ich mir demnach gespart, lachte der Landphysikus. Mein
Herr Vater verwunderte sich gleich ber meine verstndige Nase, als die
Wickelfrau mich ihm auf die Arme legte.

Noch eine Bemerkung ber seinen Hausschlssel anfgend, sah der Humorist
des Ortes von einem zum anderen, aber man lchelte diesmal nur, man
lachte nicht mit oder hielt sich gar vor Lachen am Tische. Am
vergngtesten sah noch der Oberst aus, und dieser erhob nunmehr auch
sein dampfendes Glas und sprach:

So erlaube ich mir denn, als ein wie vom Himmel in diese Behaglichkeit
hineingefallener Fremdling gleichfalls auf diesen schnen und wichtigen
Gedenktag und Abend zu trinken. Dreiig Jahre sind eine lange Zeit;
manches wird darin anders -- Gesichter und Meinungen. Und meine gndige
Dame und meine guten Herren, auch ich kann heute ebenfalls ein mir sehr
merkwrdiges und folgenreiches Gedchtnisfest feiern; -- auch mir sind
heute gerade dreiig Jahre vergangen, seit ich zum erstenmale im Feuer
stand und zwar an Bord der chilenischen Fregatte >Juan Fernandez< gegen
den >Diablo blanco<, den weien Teufel, ein Schiff der Republik Haity,
um am folgenden Morgen mit einem Holzsplitter in der Hfte und einem
Beilhieb ber der Schulter im Raum des Niggerpiraten aus der
Bewutlosigkeit aufzuwachen!

Wozu man freilich heute noch gratulieren kann, brummte der Doktor,
whrend die anderen auf andere Weise ihr Interesse und Mitgefhl
kundgaben.

Wozu ich mir ganz gewi heute noch Glck zu wnschen habe, sagte der
tapfere alte Krieger, denn in diesem gottverdammten Schiffsraume, dem
schwrzesten, stinkendsten Loche, das je auf dem Wasser schwamm, lernte
ich einen Arzt kennen, der eine Kur an mir verrichtete, wie sie keinem
europischen Mediziner gelungen wre --

Das wre der Teufel! rief der europische Physikus.

Der war es so zu sagen auch, sprach gelassen der brasilianische
Oberst, und er klopfte mich auf die Schulter und sagte: >Senhor, eine
Zeit lang hat jedermann auf Erden das Recht, den Narren zu spielen, nur
darf er das Spiel nicht ber die gebhrliche Zeit fortsetzen, er macht
sich sonst lcherlich; Ihr gefallt mir, Senhor, und ich meine es gut mit
Euch, -- diesmal kommt Ihr noch mit dem Leben davon; erinnert Euch
meiner und ruft mich, wenn Ihr mich braucht; ich stehe immer an Eurem
linken Ellbogen.< -- Meine Herrschaften, das Ding verhielt sich wirklich
so, und ich habe den Schwarzen jedesmal, wenn ich ihn ntig hatte,
gerufen, und mich stets wohl dabei gefunden. Vorher war's mir herzlich
schlecht in der Welt ergangen, und ich hatte mich recht bel darin
befunden.

Der geistliche Herr rckte ein wenig ab von dem sonderbaren Gaste,
Frulein Dorothea Kristeller murmelte:

Ei, ei! hm, hm; -- der Apotheker sagte noch immer nichts; aber
Ulebeule rief entzckt:

Das ist ja aber heute wie ein Abend aus dem Tausendundeinenachtbuche!
Wir sind drin im Erzhlen, und wenn's nach mir geht, bleiben wir bis zum
Morgen dabei. Lieber Herr Oberst, unser alter Philipp da hatte vom
Anfange an auch nicht die Absicht, uns alles das, was er uns berichtet
hat, zu beichten; er geriet nur so ganz allgemach auf die Fhrte, und
wir haben ihn nur durch gute Ermunterung darauf gehalten. Herr Oberst,
nehmen Sie sich gtigst ein Exempel und erzhlen Sie weiter von den
Mohren. Der Abend ist ganz darnach; -- was meinen Sie, Pastore?

Der Pastor war wieder zugerckt und bot dem fremden Kriegsmann die Dose.

Dom Agostin Agonista lchelte gutmtig und sagte vergngt:

Ich wei nicht, was fr wilde Historien unser freundlicher Herr Hospes
von sich erzhlt hat; mein Leben ist sicherlich ins Wilde geschossen und
hat Frchte gebracht, die auf jedem Markte Verwunderung erregen mssen.
Zuerst wucherte das Gewchs phantastisch ins Kraut, und mehr als ein
Botanikus wartete mit Spannung auf die berirdischen Blten und Frchte.
Jawohl! Der groe Hurrikane kam, der Wind und Sturm ber Land und See,
-- die Bltter wurden weggefegt, die Blten, oder was so aussah, dito.
Endlich fand sich so ungefhr drei bis vier Fu unter der Erde etwas,
was mit der Kartoffel einige hnlichkeit hatte -- allerlei Knollen durch
Fasern aneinanderhngend -- ungeniebar, zh, ein abgeschmacktes Produkt
der alten Mutter Erde. Dazu hat man es denn gebracht, meine
Herrschaften, und der einzige Trost ist nur, da eben nicht ein jeder
nach seiner Wahl ein Pomeranzen-oder Palmenbaum werden kann. Je frher
aber der Mensch herausfindet, in welche Klasse er nach Linn oder Buffon
gehrt, desto besser ist es fr ihn und desto schneller kommt er zur
Ruhe und zur Zufriedenheit mit seinen Zustnden. So lange er's noch
nicht heraus hat, spuckt er Gift und Galle in den schnsten Sonnenschein
hinein und macht Brderschaft mit dem Schneegestber und Winterwinde.
Ich halte das auch fr eine Philosophie, Herr Kristeller.

Das ist es auch, Herr Oberst, sagte Herr Philipp. So lange aber der
Mensch jung ist, findet er die groe Wahrheit selten. Ja, Viele -- die
Meisten finden sie nie und glauben an ihre Palmbaumberechtigung bis zum
Ende.

Und das ist ein Glck, rief der wetterfeste, philosophische
Kriegsmann, denn ohne diese glckliche Illusion wrde die ganze
Menschheit doch nichts weiter sein als ein sich elend am Boden
hinwindendes Geschling und Gestrpp. brigens sind die Kartoffeln und
die Trffeln gar nicht zu verachten.

Aber mit dem Mohrenschiff und dem schwarzen Satan, der den verehrten
Herrn Oberst so zutraulich auf die Schulter klopfte, hat dieses alles
doch eigentlich nicht das Geringste zu schaffen -- nicht wahr? fragte
Ulebeule.

Bravo, Frster! rief der Doktor. Ihr seid und bleibt ein
hirschgerechter Waidmann. Tago! Tago! Ihr lat Euch wahrlich nicht von
der Fhrte abbringen. Geben Sie sich nur drein, Oberst, und erzhlen Sie
uns von dem Mohrenschiffe und Ihren sonstigen spahaften und ernsthaften
Erlebnissen. Die Nacht ist schwarz genug dazu, und wir sind ganz Ohr.

Nun schien der richtige Ton fr die folgende Unterhaltung gefunden zu
sein; aber in demselben Moment jagte der Colonel Agonista alle, nur den
Hausherrn nicht, in hellster berraschung, ja im jhen Schrecken von den
Sthlen empor.

Er hatte sein Glas erhoben und sagte jetzt langsam und ruhig:

Lassen Sie uns anstoen auf das Wohl aller wetterfesten Herzen,
gleichviel ob sie ihre Schlachten innerhalb ihrer vier Wnde
durchfechten oder durch Blut und Feuer ber den halben Erdball
herumgeworfen werden. Kennst du mich nicht mehr, Philipp? Kennst du mich
wirklich nicht mehr, Philipp Kristeller?!

       *       *       *       *       *

Der Apotheker zum wilden Mann hatte den Geldbrief, der bis jetzt unter
seinem Ellenbogen gelegen hatte, gefat und in der zitternden Hand
zusammengeknittert. Seit fnf Minuten schon wute er, wer sein Gast war,
und der Oberst Dom Agostin Agonista hatte das auch gewut. Nun aber
griff die Schwester zu und sttzte den Bruder; der Oberst fate ihn von
der anderen Seite und so erhob er sich jetzo mhsam wie die brigen,
legte beide Arme dem Gaste um die Schultern, legte ihm das Gesicht an
die Brust und sthnte:

Nach einem Menschenalter also!

Der Doktor, der Pastor und der Frster verwunderten sich, ein jeder auf
seine Manier, und es whrte eine ziemliche Weile, ehe jedermann wieder
Platz genommen hatte.

Endlich saen sie wieder; der Oberst aber nicht auf dem ihm so lange
Zeit aufbewahrten weichen Ehrenplatz. Dom Agostin hatte, nachdem er die
Ehre zuletzt fast grob zurckgewiesen hatte, mit zierlicher, drngender
Hflichkeit Frulein Dorette Kristeller in den Lehnstuhl niedergesetzt,
und diese behielt denn auch den Platz, nachdem sie ihren Protest
eingelegt hatte.

Gegen die Gewalt kann ich nicht an, Herr Oberst, aber behaglich sitze
ich hier wahrhaftig nicht, und in die Wirtschaft mu ich auch jeden
Augenblick hinaus.

Das war richtig. Die chinesische Bowle mute noch zweimal im Verlaufe
der Nacht gefllt und das Gastzimmer ebenfalls doch auch fr den
geheimnisvollen, abenteuerlichen Freund hergerichtet werden. Dazwischen
erzhlte der alte Soldat, ohne sich im geringsten zu sperren, dem
Wilden Mann seine Geschichte. Was darin zu Tage kam, htte jeden Tisch
voll Philister (unter anderen Umstnden) bewogen, erst von dem munteren
Erzhler leise abzurcken, dann nach und nach mit den Glsern und
Pfeifen sich nach einem anderen Platze umzusehen und dann -- bis zum
Nachhausegehen -- von dem neuen Stuhl aus verstohlen, furchtsam und
verblfft ber die Schultern nach dem unheimlichen fidelen alten
sdamerikanischen Burschen hinzustieren.




Achtes Kapitel.


Das kahle Gezweig kratzte nicht mehr so rgerlich wie vorher an den
Fensterscheiben des Hinterstbchens in der Apotheke zum wilden Mann.
Der Frster Ulebeule hatte den Kopf in die Nacht hinausgesteckt, ihn
zurckgezogen und den im Zimmer Anwesenden die trstliche Versicherung
gegeben:

Es klrt sich richtig auf. Man sieht die Sterne durchs Gewlk. Der Wind
hat ordentlich ber unseren Kpfen und Schornsteinen aufgerumt. Ich
kenne das und wette, da wir morgen einen ganz klaren Tag haben werden.

Dies fiel in die Pause nach dem wundervollen Ereignis und
Wiederzusammenfinden in der Apotheke zum wilden Mann.

Philipp Kristeller hatte bis jetzt die Hand seines Wohlthters noch
nicht losgelassen. Die beiden alten Freunde saen nebeneinander, und der
Oberst hielt spielend in der Linken den Brief, den er vor einunddreiig
Jahren in der Lebensverzweiflung geschrieben und mit 9500 Thalern in
Staatspapieren fr den botanischen Studiengenossen beschwert hatte.
Jetzt zum erstenmal entzog er die rechte Hand dem Freunde vom
Blutstuhle, warf das letzte Endchen seiner Cigarre hinter sich und zog
eine kurze Pfeife heraus, die er aus einem sehr exotisch, sehr
indianisch aussehenden Tabaksbeutel fllte und pltzlich -- ehe er durch
einen hastigen Griff und Ruf des Apothekers daran gehindert wurde, in
Brand setzte. Ehe er dran gehindert werden konnte, hatte Dom Agostin
Agonista ein bedeutendes Stck von seinem verjhrten, wild-phantastischen
Schreiben abgerissen, es regelrecht zu einem Fidibus zusammengedreht und
denselben zu dem Zwecke verwendet, zu welchem man eben einen Fidibus
gebraucht. In demselben Moment fing er gelassen und gemtlich an, seine
Geschichte zu erzhlen, und sie ging gut an, nmlich mit den Worten:

Nicht wahr, Doktor, wer noch keinen Menschen umgebracht hat, der wird
sich nur schwer in die Gefhle eines, der's bereits fertig brachte,
hineinfinden. Erschrecken Sie nur nicht zu arg, meine Herrschaften; ich
habe mich allmhlich hineingefunden; -- es lernt sich alles in der Welt
und wird zur Gewohnheit, das Hngen und Erschieen wie -- das Kpfen.
Ich stamme aus einem der anrchigsten Geschlechter Deutschlands und
hatte drei Tage vor dem Zusammentreffen mit meinem Freund Philipp
Kristeller auf dem Blutstuhle gethan, was ich mute. Um es kurz zu
sagen, so hatte ich, unter Billigung und Beistand von Staat und Kirche,
einem nichtsnutzigen Mitbruder im Wirrwarr dieser Welt auf offenem Felde
und vor zehntausend Zuschauern den Kopf abgeschlagen. Erschrecken Sie
nicht, bestes Frulein -- auch das ist eine verjhrte Geschichte.

Ja, was half es zu sagen: Erschrecken Sie nicht! --? sie fuhren doch
alle zusammen, selbst Herr Philipp Kristeller.

Das Amt, das meine Vorfahren seit mehr als zweihundert Jahren in
ununterbrochener Geschlechtsfolge verwaltet hatten -- rhmlich verwaltet
hatten, war eines Tages auf mich bergegangen, und ich habe es ausgebt
-- einmal! -- wie gesagt, drei Tage vor jenem Anfall vom Veitstanz, in
welchem der da mich auf dem Blutstuhl fand. Sieh, Philipp, d a s  w a r
e s! und deine Johanne hatte wohl Recht, wenn sie schon lange vor jenem
letzten Zusammentreffen dich auf mancherlei an mir aufmerksam machte,
was ihr nicht gefiel. Ach Gott, ich wollte, ich knnte es dem armen
guten Kinde heute abend auch sagen, wie gut sie mir stets gefiel. Sie
ist also tot -- ein Menschenalter tot? ach Philipp, Philipp, du hast es
kaum wissen knnen, wie viel Sonnenschein von ihr ausging, wo sie ging
und stand, und wie schwarz und scheulich mir die Welt in dem schnen
Lichte vorkam. Auch verjhrt! da wir noch am Leben sind und es uns wohl
geht, so wollen wir von uns reden. -- Ich war wunderlich erzogen worden.
Mein Grovater August Gottfried Mrdling hatte das schlimme Erbamt noch
im reichlichen Mae und als finsterer Enthusiast bekleidet; mein Vater
hatte dagegen das Glck gehabt, da in seine ganze, freilich nicht sehr
lange Lebenszeit nicht ein einziges Mal die unangenehme Notwendigkeit
fiel, die Kammer im Oberstock des Hauses aufzuschlieen und mit dem Auge
und dem Finger an der Schrfe des breiten Schwertes mit der Jahreszahl
1650 hinauf und hinunter zu fahren. Von meiner Mutter wei ich wenig zu
sagen. Sie war eine krnkliche, verdrossene Frau, und ich habe nur eine
Haupterinnerung von ihr, nmlich da sie eine ausgebreitete
Geflgelzucht trieb und das Schlachten der Hhner, Puter, Enten, Tauben
und Gnse stets selber besorgte und zwar mit groer Kunstfertigkeit und
einer gewissen wilden Energie. Mein Vater, ein sanfter, gebildeter Mann,
der Schiller verehrte, Goethe verstand, fr Uhland schwrmte und mich
erzog, ging bei solchen Exekutionen stets mit raschen Schritten vom Hofe
oder aus der Kche weg, indem er murmelte: O du grundgtiger Himmel! --
Mein Vater, Alexander Franz Mrdling, war auch gereist, sowohl als
Kunst- wie als Naturliebhaber, er war in Frankreich, England und Holland
gewesen, sprach recht gut englisch und franzsisch und erzog mich nur zu
gut. Er machte auch mich zu einem gebildeten Menschen, der ber Sonnen-
und Mond- Auf- und Untergnge zu reden wute, und vor allen Dingen ein
Herbarium anzulegen verstand. Als die echten, richtigen Autodidakten
machten wir uns beide unsere Welt zurecht, -- eine Welt, aus der keiner
von uns beiden berufsmig herausgerufen werden durfte, ohne halb
verrckt zu werden und ganz zu Grunde zu gehen. Unser Erbhof lag
natrlich auerhalb der Stadt, versteckt im Grn, von uralten Linden
berschattet, durch hohe Mauern und ein gewaltiges Thor geschtzt -- ein
Haus aus dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts, warm im Winter, khl im
Sommer -- ein Generalsuperintendent htte drin wohnen und seine
Predigten abfassen knnen. Der Schall und Spektakel der Leute drauen
drang kaum zu uns; und wenn mein Papa mir unsere eigentlichen Zustnde
keineswegs vorenthielt, so machte die Kenntnis davon durchaus keinen
niederdrckenden Eindruck auf mich. Es lag fr den Knaben sogar ein Reiz
darin -- man war allein, aber man war auch etwas, was die anderen nicht
waren; -- liebes Frulein, man sa wie ein geheimnisvoller Affe auf der
Mauer und grinste die Jungen drben jenseits des Grabens, die nicht zu
grinsen wagten, so zu sagen unheimlich-vornehm an. Sie glauben es mir
nicht, Frulein Dorette, aber es verhielt sich doch so. Da mein Vater in
seiner Abgeschiedenheit ertrglich behaglich und zufrieden seine Tage
verbrachte, so hatte ich um so weniger Grund, mich ber mein Schicksal
zu beklagen. Wir hatten durch Sommer und Winter unsere kleinen Freuden,
-- und Matthias Claudius wrde sich sicherlich wohl in unseren
Beschftigungen und trumerischen Grbeleien und Liebhabereien gefhlt
haben. Ja, es fllt mir erst jetzt bei: vom alten Wandsbecker Boten
hatte mein Alter das Meiste in seiner Natur; -- er konnte es sicherlich
nicht ahnen, welch ein Meister Urian in seinem Shnchen steckte. -- Aber
endlich kam ein Winter, in dem mein Vater bei hohem Schnee und
hartgefrorenem Boden mit Tode abging; und ich ein mndiger, erwachsener
Mensch, der allem, was auerhalb unserer Hofmauer lag und vorging,
gnzlich unmndig gegenberstand, ihn sterben sah.

An dieser Stelle stand der Erzhler, der Oberst Dom Agostin Agonista auf
und ging zum Fenster, um nach dem Wetter zu sehen.

Es ist das einzige, was einem bei auergewhnlich unruhigen
Gemtsbewegungen hilft, sagte er zurckkommend und seinen Stuhl wieder
einnehmend. brigens hat der Herr Frster recht; es wird klar, und wir
werden morgen wohl einen schnen Tag haben. Wo war ich doch stehen
geblieben? Ja so, beim Tode meines Vaters und dem, was damit
zusammenhing. Ich mu die Herren und das Frulein also noch eine Weile
inkommodieren.

Sie hatten ihm alle, bis auf den Apotheker, starr und mit immer noch
hoch emporgezogenen Augenbrauen auf den Rcken gesehen, den er ihnen
zudrehte, als er aus dem Fenster guckte. Als er sich umwendete, wandte
ein jeder, nur der Apotheker nicht, die Augen wo anders hin und that so
unbefangen als mglich.

Das nennst du uns inkommodieren, August? fragte Philipp Kristeller
vorwurfsvoll zrtlich.

Augustin -- Agostin -- Agostin Agonista, wenn es dir einerlei ist,
alter Bursch, lachte der brasilianische Oberst und -- erzhlte weiter:

Wir waren allein im Hause, mein Vater, ich und eine alte Hexe von Magd,
die uns Beide seit meiner Mutter Tode in der raffiniertesten
Knechtschaft hielt. Mein Vater hatte schon lngere Zeit gekrnkelt, sich
selber bedoktert und war nun mit seiner Kunst zu Ende. Lieber Doktor,
der stdtische Arzt, den wir zum Schlu herbeiriefen, konnte auch weiter
nichts thun, als die Achseln zucken, -- und, Freund Philipp, in der
Nacht vor seinem Abscheiden berlieferte mein Vater mir die Schlssel zu
dem Archive unseres Hauses! Drei Tage nach seinem Begrbnis ffnete ich
den schwarzen Eichenschrank, in welchem die seit fast zweihundert Jahren
recht ordentlich gefhrte Chronik unserer Familie aufbewahrt wurde, und
trat damit in die Krisis ein, whrend welcher mein alter Philipp da und
seine so junge und schne Johanne meine Bekanntschaft machten und so
viele Grnde hatten, sich ber mich zu verwundern. Ich fand in dem
Schranke ein von meinen Vorvtern zusammengeschriebenes dickleibiges
Manuskript in schwarzem Lederband mit Messingecken und Haspen. Sie
hatten regelrecht Buch gefhrt, und es war ein recht nettes Hauptbuch
draus geworden mit allen Zahlen und sonstigen Belegen! Und ich las und
rechnete es nach bis auf meinen Herrn Gropapa hinunter -- ich las es
vom Anfang bis zum Ende, Wort fr Wort, Datum fr Datum, Zahl fr Zahl;
und als ich in der dritten Nacht gegen zwei Uhr morgens von der
grulichen Lektre aufstehen wollte, da konnte ich nicht. Ich sa fest
im Stuhl, gerdert von unten auf, und drauen war es grimmig kalt -- der
Hofhund heulte und weinte vor Frost, und ich fhlte den Frost
gleichfalls bis in die Knochen, und dazu, halb wahnsinnig, mein Leben,
Fhlen, Denken, Meinen abgebrochen, wie wenn ein Stock bers Knie
abgebrochen worden wre. Meine grimmige Hexe von Haushlterin hatte mich
am Ofen aufzuthauen wie ein steifgefrorenes Handtuch, und es whrte
lnger als eine Woche, ehe sich die allernotwendigste animalische Wrme
wieder in mir bemerkbar machte. Ich lag lnger als eine Woche im Bett
und klapperte geistig und krperlich mit den Zhnen; dann aber lief ich
hinaus und lief mich warm durch das winterliche Land -- blieb vierzehn
Tage fr diesmal vom Hause weg und suchte mir zu der Wrme auch den
Schlaf zu erlaufen, erlief mir jedoch nur die scheulichsten aller
Trume. Es ist ein Wunder, da keiner es mir heute ansieht, was fr ein
Narr ich damals war! Nach meiner Rckkehr sa ich bis zum Frhjahr als
ein Idiot am Herde, und ohne den Frhling wre ich sicherlich als ein
Idiot im Landesirrenhause elend und erbrmlich verkommen; und
eigentlich, lieber Philipp, habe ich ber jene Periode meines Daseins
nichts mehr zu sagen. Ich fuhr in meinem Einspnner ber die Grenze,
mietete in einem Dorfe eurer Provinz ein Absteigequartier und ging dann
in die Berge: -- da trafen wir uns, und du hieltest mich fr einen
bergeschnappten Privatgelehrten, dem seine Freunde seiner Gesundheit
wegen geraten hatten, sich ein wenig auf die Botanik zu legen.

Ich habe meinen Freunden bereits vorhin mitgeteilt, mit welchem Respekt
mich deine Wissenschaft erfllte, rief der Apotheker zum wilden Mann,
und sie nickten rund um den Tisch und sprachen:

Ja, ja! o freilich!

Der Oberst Dom Agostin Agonista aber sah selbst in dieser Nacht zum
erstenmale sehr ernst, ja fast bse und finster drein und sagte:

Ich wrde dir im Laufe der Zeit meine Umstnde wohl klarer erschlossen
haben, Philipp, ich wrde dir alles von mir und meinem Leben erzhlt
haben; aber dein Liebeswesen hat mich dran gehindert und mir den Mund
zugehalten. Lieber Junge, wenn mir etwas die Welt noch mehr verleidete,
so war das deine Braut. Bei Gott, ich habe euch oft gehat wegen eurer
Seligkeit, -- o Philipp Kristeller, in mehr als einer Stunde htte ich
euch mit Vergngen eine Fallgrube fr eure Zrtlichkeit graben knnen.
Wre das Eifersucht gewesen, so wr's schlimm genug gewesen; aber es war
noch schlimmer, es war Neid, der nichtswrdige zhnknirschende Neid.
Ach, Freund, Freund, damals hatte ich wahrhaftig nicht die Absicht, dir
im Leben auf die Beine und, so weit ich es konnte, zu einer Frau zu
helfen! Mute da erst das rgste kommen, um mir den Sinn vollstndig zu
wenden, und das rgste kam; -- gottlob, sage ich heute! -- Von einer
meiner vorgeblichen botanischen Rasereien ins Wilde zurckkehrend, fand
ich einen Brief zu Hause, ein Schreiben mit dem Siegel der
Oberstaatsanwaltschaft drauf. Ich wurde durch dieses Reskript umgehend
nach der nchsten Kreisstadt beordert, und was die hohe Behrde da von
mir verlangte und zu verlangen berechtigt war, das knnen die Herren und
die gtige Senhora sich sicher selber vorstellen; ich habe gewi nicht
ntig, mit dem Finger die Richtung anzudeuten. Man legte mir ein vom
Landesherrn bereits unterzeichnetes Todesurteil vor, und ich hatte noch
drei Wochen Zeit, mich und meinen Patienten auf die mir obliegende
Operation vorzubereiten. Whrend dieser drei Wochen sahest du mich
nicht, Philipp Kristeller; aber du fandest mich drei Tage nach
vollbrachtem Amtsgeschft auf der Opferklippe. Ja, ja, meine Herren,
nach gethaner Arbeit ist gut ruhen, und auch das war ein
Erholungsausflug! -- Ich hatte meine Sache gut gemacht und war gelobt
worden, von den Behrden, den Zeitungen und dem zuschauenden Pbel; aber
ich trug schwer an der Ehre. Buchstblich, -- ich trug meinen still und
um einen Kopf krzer gemachten Patienten, minus diesen Kopf auf dem
Rcken, und ich hatte ihn eben auf den Blutstuhl hinaufgeschleppt, als
mein Freund Philipp die Klippe von der anderen Seite her erkletterte.
Seht, es ist immer von den Gefhlen des armen Snders auf dem
Hochgerichte die Rede; aber diesmal waren auch die des Scharfrichters
bemerkenswerth; -- reden wir nicht davon: ich trug, wie gesagt, den
Rumpf des armen Teufels von dem Gerste hinunter; er hing mir auf dem
Rcken, die Hnde schleiften auf dem Boden nach, und ich hielt auf jeder
Schulter einen Fu im blauen wollenen Strumpfe gepackt! So hab' ich ihn
auf den Blutstuhl hinaufgeschleift; und als du mich fandest, Philipp
Kristeller, auf dem Felsen liegend, das Gesicht zu Boden gedrckt, da
sa der Halunke auf mir, kopflos -- hatte mir eine Kralle in das
Nackenhaar gewhlt und sang sein diabolisches Triumphlied ber mich --
ein Bauchredner sondergleichen; aber hchst widerlich, selbst heute
abend noch, nach einunddreiig Jahren ruhigeren Nachdenkens und khlerer
berlegung!




Neuntes Kapitel.


Der Oberst schwieg und fuhr sich mit dem Taschentuche ber die Stirn.
Man rusperte sich rund um den Tisch; der Frster und der Pastor hllten
ihre Verlegenheit in die dichtesten Tabakswolken, der Landphysikus
schien die seinige in sich ertrnken zu wollen, und alle drei -- sonst
gar nicht bele Leute -- sahen in diesem Momente merkwrdig stupide aus.
Frulein Dorette Kristeller im Ehrenstuhle hatte sich soweit als mglich
aus dem Lichtschein in die Dmmerung zurckgezogen; man hrte sie leise
chzen und seufzen, ja es schien sogar, als ob sie stoweise in ihr
Taschentuch hineinschluchze. Eine solche Geschichte erzhlte man trotz
allem nicht ungestraft, -- selbst im Kreise seiner allerbesten Freunde
nicht.

Dem alten Soldaten entging der gemachte Eindruck keineswegs, aber
nachdem er seinerseits die widerliche Erinnerung mit einer Hand- und
Armbewegung so zu sagen vom Tische gewischt hatte, sttzte er beide
Ellenbogen auf die Platte und schaute munterer denn je um sich. Er
hatte, wie sich gleich auswies, noch extraordinrere Dinge in seinem
spteren Leben durchgemacht, er hatte nicht wie die anderen still im
Winkel gesessen, er hatte sich allerlei um die Nase wehen lassen, was
die meisten Leute fr Sturm genommen haben wrden, er aber nur noch fr
Wind hielt. Er war nicht umsonst kaiserlich brasilianischer
Gendarmerieoberst geworden.

Lieber, guter August -- Augustin, flsterte der Apotheker, du bist
als ein eigentumsloser Bettler in deiner Verwirrung in die Welt
hinausgelaufen; -- du hast mir das Erbe deiner Vter berwiesen --

So ist es! Niemals hat ein Mensch mit gleich leerer Tasche dem alten
Europa den Rcken gewendet!

O meine Johanne -- meine liebe, arme Johanne! seufzte der Apotheker
leise; aber da that der Abenteurer und Soldat einen sehr feinfhligen
Griff in die Ideenfolge seines Jugendbekannten.

Nein, nein, Philipp, bei allen Mchten, nein! es ist nicht so! Das ist
nicht der Geschftsgang zwischen Himmel und Erde! Du wrdest sie doch
verloren haben -- o, um meine Hinterlassenschaft hat sie dir das
Schicksal nicht sterben lassen! Was hatte ihr Dasein und Geschick mit
dem zu schaffen, was alles an den Thalern hing, die ich damals auf der
Flucht von mir warf und dir an den Hals, weil du mir zufllig zunchst
standest. Das Kind ist nicht daran gestorben, Philipp! Ihr httet ein
schnes Leben auf die Erbschaft meiner Vorvter gebaut, wenn die Schne,
die Gute dir nicht doch htte sterben mssen; und dann -- -- wer hier
unter uns hat wohl ein besseres Los gezogen als sie?

Die Frage erforderte eine Antwort, und jeder gab sie auf seine Weise,
doch laut bejahete oder verneinte niemand. Der Apotheker zum wilden
Mann drckte zum hundertstenmale dem Obersten Agonista die Hand, und
dieser schttelte sie ihm wiederum herzhaft und rief:

Was kann es alles helfen -- jeder erlebt sein Leben, und wer noch mit
dem ntigen Humor davon zu erzhlen wei, der ziert jegliche Tafelrunde,
und selbst die Weisesten, Ehrwrdigsten und Ehrbarsten knnen ihn ruhig
ausreden lassen. Jetzo will ich einmal eine weise Bemerkung machen,
nmlich da der grte Verdru der Menschen im einzelnen daraus
entspringt, weil sie die Welt im ganzen fr zu still halten. Meine
Herrschaften, die Welt ist nicht still, und man mu den Wirrwarr nur
recht kennen lernen, um das, was einem vom ersten Seufzer bis zum
letzten passiert, nach dem richtigen Mae zu schtzen. Hol der Teufel
die Narren, denen ihre vier Wnde auf den Kopf zu fallen scheinen:
steigt aufs Dach jedesmal, wenn's euch zu angst wird und berzeugt euch,
da das Firmament frs erste noch nicht die Absicht hat,
zusammenzubrechen. Also, ich stand ohne einen Heller in der Tasche auf
dem Kai zu Neu-Orleans, so ungefhr in der Stimmung eines Menschen, der
aus einem schweren Rausch erwacht, bernchtig sich die Stirn reibt und
doch den khlen Morgenwind mit Wohlbehagen auf seinen Schlfen fhlt.
Was aus mir werden mochte, war mir ganz gleichgltig. Ich war zu allem
bereit, zum Leben wie zum Sterben, und verkaufte, da ich Hunger hatte,
um wenigstens das allernchste Behagen noch einmal festzuhalten, mein
Halstuch und mein Taschentuch an einen wandernden Trdler. Traktierte
darauf meinen ersten guten Bekannten auf amerikanischem Boden, den
einarmigen Mulatten Aaron Toothache, und zwar in einem Lokale, in dem
Volk zusammensa, von welchem man hier am Tische kaum einen Begriff
haben kann. Hier lernte ich einen Haufen Gesindel von vorbenanntem
Fregattschiff der Republik Chile, dem braven >Juan Fernandez<, kennen,
und wir gefielen uns gegenseitig. Wie die Bekanntschaft endlich im
Schiffsraume des >weien Satans< auslief, habe ich euch bereits
mitgeteilt.

Sie waren ihm whrend der letzten Minuten alle auf den Leib gerckt. Sie
schienen nach seinen letzten uerungen ihre geheime Scheu und Abneigung
gegen ihn gnzlich berwunden zu haben! Sie waren ihm so dicht an die
Ellenbogen gerckt, da ihm die Luft auszugehen schien. Blasend machte
er eine Armbewegung, um sie wieder ein wenig von sich zurckzudrngen,
und wir -- wir machen es vollstndig umgekehrt, als die aufs uerste
gespannten Lauscher in der Hinterstube der Apotheke zum wilden Mann:
wir rcken ab vom Kaiserlich brasilianischen Gendarmerieoberst Dom
Agostin Agonista.

Was dieser wunderliche Erzhler jetzt zu erzhlen hatte, war freilich
bunt genug und voll Feuerwerk und Geprassel zu Wasser und zu Lande;
allein das alles war doch schon von anderen hunderttausendmal erlebt und
mndlich oder schriftlich, ja sogar dann und wann durch den Druck
mitgeteilt worden. Wir lassen ihn, den Oberst Agonista so ungefhr um
ein Uhr morgens noch einmal mit der flachen Hand ber den Tisch
streichen und seine jetzige Lebens- und Weltanschauungsweise in ein
kurzes Wort zusammenfassen.

Also im zweiten Jahre meiner Abfahrt von Hamburg stand ich als
Gefreiter in dem Peloton, das als Executionskommando in den
Festungsgraben befehligt worden war. Der Lieutenant hob den Degen, und
-- wir gaben Feuer: ich ohne Umstnde wie die anderen. Von dem
Augenblicke an war ich von meiner europischen Lebensbrde vollstndig
frei. Ich machte mir aus dem Tage, der gestern war, und dem, der
vielleicht morgen sein konnte, nicht das Geringste mehr; -- juchhe, wie
der Dichter stellte ich meine Sache auf nichts! So bin ich immer bei
mir, und zwar bei mir allein gewesen: auf dem Marsche, wie in der
Wachtstube, am Feuer in der Indianerhtte wie in den Salons der
Prsidialstdte. Ja, meine Herrschaften, habe ich da drben manchen
Prsidenten in mancher Republik kommen und gehen sehen, habe selber
geholfen, den Excellenzen Sthle zuzurcken oder sie ihnen unterm Sitze
wegzuziehen, wie's sich gerade schickte. Venezuela machte mich zum
Luogotenente, Paraguay zum Major; aber Seine Majestt Dom Pedro von
Brasilien war am gndigsten gegen mich, und so fand ich denn auch am
meisten Gefallen an ihm. Wir beide haben jetzt manch liebes Jahr das
vielfarbige Gesindel in Rio Janeiro zur Ordnung und Tugend angehalten:
er durch regelrecht richtige konstitutionelle Gte, ich durch flache
Sbelhiebe und im Notfall durch einen kurzen Galopp, drei Schwadronen
hinter einander, rund ber das Pack weg. Meine Herren und Sie, liebes
Frulein, Sie werden sicherlich noch einmal erschrecken und mich von der
Seite ansehen; aber es ist nicht anders, und bei der Wahrheit soll der
Mensch bleiben: wenn ich das Kpfen aufgegeben habe, so habe ich mich
desto energischer auf das Hngen gelegt und gefunden, da es eine viel
reinlichere Arbeit ist und seinen Zweck ebenso gut erfllt. Was aber das
Gehngtwerden anbetrifft, so habe ich selber die Schlinge mehr als
einmal um den Hals gefhlt, gottlob ihn aber stets noch glcklich
herausgezogen. Ei ja, ich komme jetzt ganz gut mit jedermann aus -- bin
hoffhig und reite bei feierlichen Aufzgen am Kutschenschlage Ihrer
kaiserlichen Majestten. Komme ich nach Rio heim, so werde ich mich
verheiraten; denn fr ein ferneres junggesellenhaftes Umherschweifen
wird's allmhlich ein wenig spt. Doch davon morgen, und nun vor allen
Dingen das letzte Glas von diesem hchst vortrefflichen Getrnk und dazu
ein Rat, Wunsch und Trinkspruch: Verehrte Freunde, da wir einmal da
sind, so leben wir, wie es eben gehen will; und da das, was uns endlich
aus dem Dasein hinausschiebt, immer am Werk ist, so schieben wir ohne
Skrupel gleichfalls; -- vor allen Dingen aber lebe e r hoch -- mein
Freund, mein lieber, alter, guter Freund Philipp Kristeller und mit ihm
wachse, blhe und gedeihe fort und fort seine Apotheke >zum wilden
Mann!<

Das riefen sie alle nach und klangen die Glser an einander, und dabei
erhoben sie sich und standen verwirrt, schwankend ob all des
Abenteuerlichen, das der Abend enthllt und gebracht hatte. Wie die
Gste Abschied von dem Hausherrn, seiner Schwester und dem Oberst
Agostin Agonista nahmen, wuten sie selbst nachher kaum anzugeben.

Der Oberst aber sagte:

Philipp, einen Schlafrock und ein Paar Pantoffeln bitte ich mir aus.
Ich will es doch wenigstens einmal noch behaglich im deutschen
Vaterlande haben.

Die beiden Freunde vom Blutstuhl umarmten sich noch einmal; wir aber
begleiten den Frster Ulebeule und den Pastor ein Endchen auf ihrem Wege
nach ihren Wohnungen.




Zehntes Kapitel.


Da sie, der Frster, der Pastor und der Landphysikus _Dr._ Hanff, ihren
freundlichen Wirten gute Nacht oder vielmehr guten Morgen gesagt hatten,
stand fest.

Der Apotheker hatte sie mit dem Lichte an die Thr begleitet, und sie
standen auf der Landstrae, wo der Doktor seinen Einspnner bereits
wartend fand. Sie vernahmen noch, wie der Hausherr drinnen den Schlssel
im Schlo umdrehte, und niemand hinderte sie jetzt mehr, ihren
Stimmungen, Gefhlen und Ansichten die Thren weit aufzuwerfen.

Der Erste, der das Wort ergriff, war natrlich der Doktor, und er rief
von seinem Wagentritt aus:

Nicht wahr, da hab' ich euch wieder mal einen tollen Gesellen ins Dorf
geschleift? He, ihr hattet wohl kaum eine Ahnung davon, da es
dergleichen auf Erden geben knne, -- was? Mir gefllt der Kerl
ausnehmend wohl, und ich freue mich unbndig auf eine fernere und
genauere Bekanntschaft, -- zu Worte wird er einen im Laufe der Zeit ja
auch wohl einmal kommen lassen. Wir laden ihn natrlich rund herum der
Reihe nach zum Essen ein.

Natrlich, und er soll sich dann auch ber uns wundern, rief Ulebeule,
und der Doktor fuhr ab auf der Landstrae zur Rechten; er hatte ein gut
Stck Weges zu fahren, ehe er seine Behausung erreichte.

Die beiden anderen wendeten sich links, und der geistliche Herr trug
vorsichtig seine Taschenlaterne voran. Wo ihre Wege aber schieden,
standen sie noch einmal still und sahen nach der Apotheke zum wilden
Mann zurck. Das Haus lag dunkel da unter dem wieder dunkel und schnell
ziehenden Gewlk. Obgleich der Wind sich ein wenig gelegt hatte und die
Sterne sichtbar waren, trieb sich noch genug bedrohliches Gednst am
Himmelsgewlbe um, und die Pappeln in der Nhe der Apotheke schwankten
wie betrunkene Gespenster.

Mir wird jenes Haus dort nie wieder so aussehen, wie ich es bis zum
heutigen Abend gekannt habe, sagte der Pastor. Was sagen Sie, lieber
Freund?

Das wei der Teufel!

Der geistliche Herr zog ein wenig die Achseln zusammen.

Sie sollten dieses bse Wort vorsichtiger gebrauchen, Bester, meinte
er. Freilich, freilich, nach dem, was wir eben vernommen haben -- wer
kann da sagen -- wer da seine Hand im Spiele gehabt hat? Ich lobe mir
Zustnde, die auf besseren Grund und Boden gebaut sind als -- -- kurz,
was halten Sie vom heutigen Abend an von den Umstnden unseres Freundes
Kristeller?

Der Alte ist mir lieber denn je geworden! rief der Frster voll
Enthusiasmus. Das nenn' ich einen braven Mann und einen guten Menschen!
Wenn einer es verdiente, diesem famosen Scharfrichter und
brasilianischen Generalfeldmarschall zur richtigen Stunde auf seinem
Wege zu begegnen, so war's unser Philipp. Die Welt oder nur ein Stck
davon wrde er freilich nicht erobert haben, aber was man ihm giebt, das
nimmt er mit Bescheidenheit und Dankbarkeit, und fr unsere Gegend ist
er doch wirklich diese dreiig Jahre durch ein Segen gewesen.

Und der andere -- dieser andere -- dieser Dom -- Dom -- Agonista?!

Hren Sie, Pastore, den mu man sich erst bei Tage besehen, ehe man ein
Urteil ber ihn abgeben kann; bei Lampenlicht geht nichts in der ganzen
weiten Welt ber ihn! das ist ein Prachtkerl; -- wahrhaftig, solch ein
Gesell aus Schmiedeeisen und Eichenholz rckt einem nicht alle Tage an
den Ellenbogen. Was wollen Sie -- ich glaube, ich glaube, mich hat lange
nichts so sehr gergert, als da er mir nicht auf der Stelle angetragen
hat, Brderschaft mit ihm zu machen.

Da bin ich denn doch in der That ein wenig weichlicher als Sie, lieber
Ulebeule, sagte der Pastor mit einem leisen Schauder. Mir ist dieser
pltzlich wie aus dem Boden aufgestiegene Mensch entsetzlich! Die
Kaltbltigkeit, mit welcher er aus nichts in seinem Leben ein Hehl
machte, griff mir in alle Nerven. Wenn ich zu viel Punsch getrunken
haben sollte, so bin ich nicht schuld daran, sondern dieser -- dieser --
dieser ungewhnliche Erzhler. Wehren Sie sich einmal gegen ein
fortwhrend Einschnken, wenn es Sie fortwhrend hei und kalt
berluft! Hatten Sie wirklich vorher eine Ahnung davon, da es solche
Lebenswege und Fata in unseres Herrgotts Welt geben knne?

In Bchern habe ich Schnurrioseres gelesen; aber hier hatten wir
freilich einmal das Wirkliche und Wahrhaftige _in natura_. Hei und kalt
hat mich seine Historie nicht gemacht, aber die Pfeife ist mir ziemlich
oft darber ausgegangen. Kme einem jeden Abend ein solcher Kerl ber
den Hals, so wrde einem das Schmauchen auf die allernatrlichste Art
abgewhnt. Auerdem da ich einen brasilianischen Obersten noch niemals
mit eigenen Augen gesehen hatte, erzhlte dieser Oberst mehr als
brasilianisch gut, und noch dazu ganz und gar nicht aus dem
Jger-Lateinischen. Das mu ich kennen und htte es ihm beim ersten
Flunkerwort abgesprt und es ihm merken lassen, nmlich moralisch mit
dem Hirschfnger bers Ges: Hoho, das ist fr den gndigsten Frsten
und Herrn! Hoho, das ist fr die Ritter und Knecht'! Dies ist das edle
Jgerrecht!

Ulebeule?! rief der Pastor klagend-vorwurfsvoll.

Ja, ja, es ist wahr, 's ist spt und es zieht hier arg, rief der
Frster, aber die Mohrenschiffgeschichte allein htte doch auf jedem
Orgelbilde abgemalt werden knnen; -- bei allem in Grn, man kommt sich
ganz abgeschmackt und verrucht verledert und in seinem Loche versumpft
vor, wenn man es sich berlegt, was man seinerseits hier am Orte vor
sich brachte an Erfahrung, whrend der sein Gewlle um so viele Nester
herum ablegte.

Ich danke dem Himmel dafr, da er mich hier im Frieden grau werden
lie. Meine Natur htte nicht fr ein solches Dasein gepat.

Das brauchen Sie mir nicht schriftlich zu geben, lachte der Frster;
aber hat uns nicht gerade dieses kuriose, ins Kraut geschossene
Menschenkind bewiesen, da niemand wei, was in ihm steckt und was er
unter Umstnden aus sich herausziehen kann? O je, wie oft hab' ich in
meinen jungen Jahren aus Angst oder Verdru in die weite Welt
hinauslaufen wollen! Nach einem solchen Erzhlungsabend begreift man
weniger als je, weshalb man es damals nicht ausfhrte und seinen
Schulmeistern, Eltern und sonstigen Vorgesetzten durch die Lappen ging.

Wir werden alle unsere Wege richtig gefhrt und sind in guten Hnden,
sprach der geistliche Hirte und trat leider gerade in diesem ganz
unpassenden Moment in eine etwas tiefere Pftze, in der er ohne Gnade
htte umkommen mssen, wenn sein handfester Begleiter nicht noch gerade
zu rechter Zeit zugegriffen htte.

Bitte ein andermal um denselben Dienst, sprach Ulebeule gravittisch;
sonst aber brachte dieser Zufall ihr jetziges Gesprch ber das Haus
Kristeller und den Kaiserlich brasilianischen Gendarmerieobersten Dom
Agostin Agonista zu einem Abschlu.

Einiges wurde jedoch noch gesprochen, ehe der Pastor geradeaus seiner
Pfarre zuwanderte und der Frster sich links in den dunkeln Hohlweg
schlug, der zu seiner Frsterei fhrte.

Wir sehen uns doch morgen? Dieses alles kann doch gewi nicht passiert
sein, ohne da man ein weniges mehr davon sieht und hrt und sich
darber ausspricht!

Man fhlt freilich das Bedrfnis, meinte der Pastor, und ich meine,
wir treffen wohl irgendwo zusammen. Man ist es auch unserm guten
Apotheker schuldig, da man sich nach seinem Befinden erkundige.

Und dem Oberst nicht weniger.

Gewi, gewi. Nun, wir werden ja sehen. Und nun gute Nacht, oder
vielmehr guten Morgen, mein teurer Freund. Wir sind selten so lange bei
einander geblieben als am heutigen Abend.

Und immer war's noch zu frh zum Aufbruch, und ich wre sofort bereit,
diesen wilden Indianer mit der ersten Dmmerung thauschlgig zu spren.
Aber der Kerl schnarcht -- ich bin fest berzeugt, er liegt im Bau und
schnarcht wie kein zweiter Mensch mit gutem Gewissen auf zwanzig Meilen
in die Runde. Sapperlot, so wie ich mich aufs Ohr gelegt habe, fange ich
an, vom Blutstuhl und diesem brasilianischen Landdragoner-General zu
trumen, und -- morgen -- morgen -- mache ich -- doch Brderschaft mit
ihm!

       *       *       *       *       *

So sprach also die Welt! -- Wenn eine Million Zuhrer in dem
bildervollen Hinterstbchen der Apotheke zum wilden Mann dem alten
Philipp Kristeller und dem Obersten Agostin Agonista zugehrt haben
wrde, so wrde diese Million denkender und redender Wesen kaum ein
mehreres und anderes als der Pastor Schnlank und der Frster Ulebeule
bemerkt haben. Der Seelenaustausch in diesen Wendungen gengte brigens
auch vollkommen: wenden wir uns zu dem greisen Geschwisterpaar in der
Apotheke zum wilden Mann und zu seinem eigentmlichen Gaste zurck.




Elftes Kapitel.


Bruder und Schwester saen allein im jetzt recht frostig werdenden
Hinterstbchen, im erkaltenden Qualm von spiritusem Getrnk und
Tabaksdampf. Der Gast war zu Bett gegangen.

Der Hausherr hatte den Freund mit dem Lichte in das behagliche Gemach
die Treppe hinaufbegleitet und noch einmal all sein berquellendes
Gefhl in Wort und Empfindungslaut zusammenzufassen gesucht. Der Oberst
hatte ihn freundlich zu beruhigen bestrebt und dann, noch in Gegenwart
seines guten Philipp's, sehr geghnt und den Rock ausgezogen. Liebevoll
aber hatte er ihn doch noch einmal von dem ersten Treppenabsatz
zurckgerufen und, ihm die Hand auf die Schulter legend, gesagt:

Philipp, alter Kerl, lieber Junge, es ist mir in der That ein
herzliches Gengen, unter deinem Dache zu ruhen. Wahrhaftig, in mancher
unbehaglichen, unbequemen Stunde zu Lande und zu Wasser habe ich mir da,
d. h. unter diesem Dache, oft das vorzglichste Quartier zurecht
gemacht, und jetzt hab' ich die Wirklichkeit, und sie ist wunderbar
wohlthuend!

An diesen erfreulichen Ausbruch seiner Gefhle hatte er denn freilich
recht praktisch die Frage nach dem Stiefelknecht geknpft.

Whrend der Bruder dem Gaste zu seinem Schlafzimmer leuchtete, war
Frulein Dorette in der Bildergalerie sitzen geblieben, doch hatte sie
den Ehrensessel aufgegeben und sich auf ihrem gewohnten Stuhle
niedergesetzt. Da sa sie, beide Ellenbogen auf den Tisch sttzend und
starr durch den Qualm, den die Herren hinterlassen hatten, und ber die
leere Punschschale und die gleichfalls leeren Glser weg auf die
buntbehngte Wand gegenber sehend. Da sa sie und horchte auf die
Schritte ber ihrem Kopfe und dann auf die Schritte des zurckkehrenden
Bruders auf der Treppe.

Welch ein Erlebnis! murmelte sie. Wie fllt das jetzt in unsere Tage?
-- So spt im Leben! -- Und was werden die Folgen sein? -- o, o, o!

Nun aber trat der Bruder wieder ein und zur Schwester heran. Nun legte
er seinerseits ihr die Hand auf die Schulter:

Weit du dich auch noch nicht in dem Glck, das uns dieser Abend
gebracht hat, zurecht zu finden? O Dorette, liebe Dorette, wie schn hat
sich nun alles ineinander gefunden und geschlossen, -- und gerade an
diesem Tage, an diesem Abend. Wer glaubt da an Zufall? Wer hat jemals
deutlicher als wir die Hand der Vorsehung, die alles gut macht, in
seinem Lebenslose erblickt?

O! sthnte die Schwester. Ach, Bruder, Bruder, was wird nun aus
unserm Leben werden? -- O, wenn er doch nur frher gekommen wre! Aber
so spt am Abend -- so spt am Abend -- was sollen wir anfangen?

Herr Philipp Kristeller hatte sich auf seinem Stuhl niedergelassen und
blickte die Schwester gro und verwundert an.

Was -- wie meinst du das, Dorothea?

Jetzt frage mich nur nicht weiter, sagte das alte Frulein scharf. Es
wird sich ja alles finden -- morgen, bermorgen! Ja morgen ist ja auch
ein Tag! -- Aber man kann es ja nicht lassen. -- Bester Bruder, wenn er
nun bliebe? wenn er sich bei uns niederlassen wollte? Man mu sich ja da
alle mglichen Fragen stellen.

Wenn er bliebe? wenn er sich bei uns niederlassen wollte? Aber das wre
ja herrlich! rief der Apotheker, entzckt sich die Hnde reibend. Wie
weich und angenehm wollten wir ihm sein Leben machen!

Verwundert sah er hin, als das Frulein zweifelnd und melancholisch den
Kopf schttelte.

Du glaubst nicht, da wir das vermchten, Dorothea?

Nein, erwiderte das Frulein kurz und sprach unter einem schweren
Seufzer mehr zu sich als dem Bruder:

Und dann der andere Fall, -- wenn er morgen wieder abreisen will, und
dazu --

Sie brach ab und vollendete den Satz auch nicht, als der Bruder gespannt
eifrig fragte:

Und dazu? -- was meinst du? was willst du sagen?

Wir mssen es eben abwarten, sprach Frulein Dorothea Kristeller
aufstehend. Etwas anderes lt sich in dieser Nacht doch nicht bereden;
und jetzt wollen auch wir zu Bett gehen und versuchen zu schlafen.

Nach diesem saen sie doch noch, aber stumm, eine gute halbe Stunde
beieinander. Als sie zu Bette gegangen waren, schlief weder Bruder noch
Schwester einen ruhigen Schlaf.

Den ruhigsten Schlaf von allen, deren Bekanntschaft wir diesmal machten,
schlief der brasilianische Oberst Dom Agostin Agonista.

Der lag friedlich auf dem Rcken und lchelte im Schlummer und sogar
beim Schnarchen. Man vernahm ihn so ziemlich durch das ganze Haus, und
wenn er trumte, so trumte er, ganz gegen alle soldatische Sitte und
Gewohnheit, weit in den jungen Tag hinein.

Dieser junge Tag kam frisch, reingewaschen, glnzend und sonnig -- ein
klarster, kalter Oktobertag. Die Berge in ihrem braunen Herbstgewande
hoben sich scharf von dem hellblauen Himmelsgewlbe ab; die leeren
Felder der Ebene lagen bis in die weiteste Ferne klar da; und die
Drfer, die einzelnen Gehfte, Anbauerhuser und Htten erschienen dem
Auge scharf umzogen, als ob sie dem Spiegel einer _Camera obscura_
entnommen worden und in die Morgenlandschaft hinein aufgestellt seien.

In dieser sonnigklaren Herbstmorgenlandschaft erschien aber die Apotheke
zum wilden Mann vor allem brigen wie hbsch auf- und abgeputzt. Die
Firma ber der Thr glnzte in ihrer Goldschrift weit hin, die
Landstrae nach rechts und links entlang. Und alles, was sonst zu dem
Hause gehrte: Gartengegitter, Stallungen und Mauern, befand sich im
ordentlichsten Zustande. Man sah, da um jegliches Zubehr dieses
Heimwesens ein sorglicher Geist walte, der seine Freude und sein Gengen
dran habe und sein Mglichstes von Tag zu Tage thue, alles im Hof, Haus
und Garten im guten Stande zu erhalten. Bis auf die vom Sturme der Nacht
zerzausten Sonnenblumen, die noch in ihren welken Resten ber den
Gartenzaun hingen, war alles rings um die Apotheke zum wilden Mann im
vollsten Sinne des schnen Wortes -- prsentabel.

Und Bruder und Schwester warteten mit dem Kaffee auf den Gast. Eben
hatte er herunter sagen lassen: augenblicklich rasiere er sich und werde
in zehn Minuten erscheinen.

Die Dnste der Nacht waren verscheucht, das Hinterstbchen gekehrt und
mit weiem Sande bestreut. Die Hauskatze putzte sich unter dem Tische,
und der Zeisig zwitscherte lebendig in seinem Bauer; -- es war ein
Vergngen, Herrn und Frulein Kristeller an ihrem Kaffeetische sitzen zu
sehen, und -- eingeladen zu werden, gleichfalls daran Platz zu nehmen.

Der Oberst lie nur wenig ber die angegebenen zehn Minuten auf sich
warten. Schon vernahm man seinen martialisch schweren Schritt auf der
Treppe; -- der Apotheker Philipp Kristeller ri die Thr seines
Lieblingsgemaches auf.

Schnen guten Morgen! rief der Oberst Dom Agostin Agonista auf der
Schwelle, und Wirte und Gast faten sich rasch zum erstenmal bei hellem
Tageslicht ins Auge: am schrfsten sah das Frulein zu; etwas weniger
scharf sah sich der brasilianische Kriegsmann seine Leute an; -- der
Apotheker zum wilden Mann sah gar nichts, sein Gast und Freund
schwamm ihm vor den Augen -- wenigstens die ersten Minuten durch.

Recht alt geworden, meinte der Oberst bei sich, und er hatte recht.

Unter anderen Verhltnissen wrde ich gar nichts gegen ihn haben,
sagte das Frulein in der Tiefe der Seele, ein anstndiger, behbiger
Herr!

Der Apotheker Philipp Kristeller sagte gar nichts; er schttelte von
neuem dem alten wiedergefundenen Freunde -- dem Wohlthter und Gaste die
Hand und drckte ihn diesmal trotz alles Widerstrebens auf den
Ehrenplatz nieder. Erst als der Oberst sa, sagte Herr Philipp etwas,
und zwar nicht bei sich und in der Tiefe seiner Seele, sondern er rief
es frhlich und laut:

August, ich freue mich unendlich, -- du bist merkwrdig jung
geblieben!

Bei allen Gttern zu Wasser und zu Lande, ich hoffe das, lachte der
Oberst Dom Agostin, und es war eine Wahrheit: trotz seiner schneeweien
Haare und seiner wohlgezhlten Jahre war er sehr jung geblieben; aber
das jngste an ihm war doch seine Stimme.

Diese allein schon konnte als eine Merkwrdigkeit gelten. Mit einem
behaglichen Widerhall erfllte sie das Haus, ging einem voll und rund
durch die Ohren ins Herz und pate sich gemtlich, ja sozusagen,
trstlich-frhlich allem und jeglichem an, was die Stunde im Guten und
im Bsen bringen mochte. Wer sie von fern vernahm und vorzglich in
Verbindung mit dem herzlichen Lachen ihres Besitzers, der sagte sich
unbedingt:

Da freut sich ein braver Gesell seines Daseins.

Der Oberst schttelte nun noch einmal dem Frulein die Hand und sprach
zum Apotheker:

Ich habe euch heute morgen das Recht gegeben, mich fr einen
Langschlfer zu halten, aber ihr werdet wahrscheinlich morgen frh schon
eines Besseren belehrt werden. Gewhnlich pflege ich drei Stunden vor
Sonnenaufgang auf dem Marsche zu sein. Man lernt das, auch ohne Anlagen
dazu zu haben, unterm quator; und wenn ihr eines morgens das Nest ganz
leer finden solltet, so braucht ihr euch auch nicht allzu sehr zu
wundern.

O, Freund, rief der Apotheker, wir werden dich zu halten wissen! wir
werden dich sicherlich frs erste nicht loslassen! Du bist unser! Du
darfst nicht gehen, wie du gekommen bist -- du wrdest fr lange Zeit
alle unsere Freude, unser Behagen mit dir wegfhren!

Hm, sagte der Oberst, und dann frhstckten sie gemchlich und der
alte Soldat mit besonders ausgezeichnetem Appetit. Er zeigte auch
beneidenswert wohl konservierte Zhne und wute sie trefflich zu
gebrauchen.

Nach vollendetem Frhstck lehnte er sich behaglich seufzend zurck und
setzte seine Pfeife in Brand. Dorette ging ihren Hausgeschften nach,
und die beiden Herren waren allein. Sie plauderten jetzt -- sie konnten
jetzt plaudern -- der Ernst in ihren gegenseitigen Verknpfungen war
wenigstens fr den Moment berwunden; sie hatten die ntige Ruhe zum
harmlosen Schwatzen gefunden, und sie schwatzten miteinander -- zwei
gemtliche ltliche Herren, deren einer etwas mehr von der Welt gesehen
und sich bedeutend besser erhalten hatte, als es dem anderen vergnnt
gewesen war.

Der Brasilianer freute sich ber die deutschen Stubenfliegen, welche ihm
um die Nase summten; es war ihm auch durchaus nicht zu verdenken; aber
die Thatsache verdient, in einem eigenen Kapitel behandelt zu werden.




Zwlftes Kapitel.


Ihr glcklichen Leute wit es gar nicht, um wie vieles unsereiner euch
zu beneiden hat, sprach der Oberst. Da sitzt ihr in eurer tglichen
Behaglichkeit, und wenn ihr euch nicht dann und wann wirklich ber die
Fliege an der Wand zu rgern httet, so ginge es euch eigentlich zu gut.
Nun guck einer, wie niedlich sich das Ding da auf der Zuckerdose die
Nase wischt und die Flgel putzt! Sollte man es nun fr mglich halten,
da der Gutmtigste von euch hier zu Lande vor Wut auer sich gert,
wenn das ihm whrend des Mittagsschlafes ber die Stirn spaziert? So ein
Bivouac am Rio Grande ohne Moskitonetz, das wrde etwas fr euch sein,
um euch Geduld in Anfechtungen zu lehren.

Der Apotheker lchelte und sagte:

Unsere Anfechtungen haben wir auch wohl ohne das, lieber August.

Lieber Agostin! wenn ich dich bitten darf, rief der Gast. Du hast
keine Ahnung davon, wie verhat mir dieser frhere August ist. Wenn
jemand seinen alten Adam so vollstndig wie ich im Graben ablegt, dann
hlt er auch etwas auf seinen neuen Rock. Mein jetziger pat mir wie
angegossen, bemerke ich dir abermals; -- Dom Agostin Agonista,
Gendarmerie-Oberst in kaiserlich brasilianischen Diensten -- alles in
Ordnung, Patent wie Pa --

Ereifere dich doch nicht, Lieber, sagte der alte Philipp begtigend.

Ich ereifere mich nicht, ich rgere mich nur! rief der Oberst.

Und zwar wie ein echter Deutscher ber die Fliege an der Wand, bester
Augustin, meinte der Apotheker zum wilden Mann; und dann gingen sie
zu etwas anderem ber, das heit, der Oberst fing an, sich sehr genau
nach den Umstnden und Lebenslufen der Herren, deren Bekanntschaft er
am gestrigen Abend gemacht hatte, zu erkundigen. Dann erzhlte er
seinerseits genauer, auf welche Weise er mit dem Doktor Hanff auf dem
Wege zusammengeraten sei, und dadurch kam er darauf, wie ihn doch nicht
allein der Zufall in diese Gegend gefhrt habe, sondern wie er in der
That mit der Absicht gekommen sei, sich nach dem alten botanischen Wald-
und Jugendgenossen, nach dem treuen Freunde vom Blutstuhl umzuschauen.

Ich hatte keine Ahnung, wo du geblieben warst, und ob du berhaupt noch
am Leben seist, Filippo! rief der Brasilianer. Aber ich hatte mir
vorgenommen, dich tot oder lebendig zu finden, und es ist mir gelungen.
Eine Maronjagd war es durchaus nicht, Alter. Ich habe es wohl gelernt,
Spuren von Wild und Mensch im Urwalde, wie zwischen den Ackerfeldern und
in dem verworrensten Straennetz ber und unter der Erde zum Zwecke zu
verfolgen. Dich, oder deinen Namen, oder vielmehr einen Schnaps oder
Liqueur deines Namens sprte ich in den Zeitungen aus; -- dem
>Kristeller< ging ich nach, und da bin ich denn, und du wirst es mir
gewi nicht verdenken, wenn ich im Laufe des Morgens das Getrnk an der
Quelle zu erproben wnsche. Es war keineswegs notwendig, da euer Doktor
mich auf den >Kristeller< aufmerksam machte.

Der alte Philipp hatte sich whrend dieser Auseinandersetzung
fortwhrend vergnglichst die Hnde gerieben, jetzt sprang er auf,
klopfte den Freund auf die Schulter und rief:

Also mein >Kristeller< hat dich auf meine Spur gebracht! O, lieber
August--in, ich glaube da wirklich eine wohlthtige Erfindung gemacht zu
haben; ich werde sogleich --

Nachher, sprach der Oberst Agonista. Sieh, wie herrlich die Sonne
scheint, wie blau der Himmel ist! Philipp, jetzt zeigst du mir vor allen
Dingen dein Heimwesen im einzelnen: Herd und Hof -- ach, wie schade, da
du mir nicht auch Weib und Kinder und Enkel zeigen kannst! -- und
Garten, die Offizin, das Laboratorium, die Materialkammer, Kche und
Keller, Stall und Viehstand -- alles interessiert mich!

Da der Hausherr jetzt wieder neben seinem Gaste sa, so klopfte er ihn
nun auf das Knie:

O Augustin, wie freundlich ist das von dir! Welch' eine Freude machst
du mir da. Sollen wir gleich gehen?

Gewi, sprach der Oberst Dom Agostin Agonista, sprang auf, drckte den
Tabak in der Pfeife fest und nahm den Arm des Freundes.

Beide Herren traten ihre Gnge an, durch Haus und Hof, durch Garten und
Stlle, und es war zugleich eine Merkwrdigkeit und ein Vergngen, wie
verstndig und sachkundig der Kriegsmann ber alles zu reden wute, und
-- wie genau er sich jegliches Ding ansah.

Der entzckte Hausherr sprach ihm mehrfach seine Verwunderung darob aus;
aber Dom Agostin lachte und meinte:

Treibe du dich einmal wie ich ein Menschenalter da drben um unter dem
Volk und den Vlkerschaften, die Affen und sonstigen Bestien
eingeschlossen. Das heit natrlich als ein von Haus und Anlage aus
berlegender und praktischer Mann, und dann sieh zu, ob du nicht
gleichfalls die Ordnungen der alten Heimat dir im Gedchtnis wachrufen
und tglich gern mit neuen Erfahrungen vermehren wirst. Wenn mich mein
Schicksal zu einem Abenteurer gemacht hat, Philipp, so bin ich doch ein
ganz solider geworden. Da ich mich demnchst verheiraten werde, glaube
ich euch bereits gestern abend mitgeteilt zu haben.

Wenn es wirklich dein Ernst war, Augustin --

Mein bitterer Ernst. Ihr schient es alle fr einen Scherz zu nehmen;
ich habe das wohl gemerkt. Eigentlich htte ich das bel aufnehmen
sollen und begreife jetzt auch nicht, weshalb ich nicht sofort um
weitere Aufklrung ber euer Lcheln hat; -- dieser Doktor -- Doktor
Hanff schien mir sogar die Schultern in die Hhe zu ziehen. Nun,
schieben wir das alles auf den trefflichen Punsch deiner Schwester; --
ich aber wiederhole es dir, ich bin bis ber die Ohren verliebt und
trage das Bild meiner Geliebten in einem Medaillon unter der Weste auf
dem Busen. Du sollst das Portrt sehen, und deine Schwester soll's
nachher auch sehen, und dann will ich eure Meinung ruhig anhren. Es ist
ein Prachtweib und nicht ohne Vermgen; Senhora Julia Fuentalacunas, --
nicht wahr, ein recht wohlklingender Name? Sie kam jung als Julchen
Brandes von Stettin nach Rio und heiratete den Senhor Fuentalacunas vom
Zollamte. Weit du, lieber Freund, der Rock des Kaisers ist zwar eine
recht kleidsame und honorable Tracht; aber wenn man so die erste Jugend
hinter sich hat, fngt man an, auf die Ehre zu pfeifen und das Behagen
dem Herrendienste vorzuziehen. Ich werde eine Hacienda kaufen und hoffe
als ein begterter Familienvater meine Tage in Ruhe im Kreise der
Meinigen zu beschlieen. Ihr -- du und Frulein Dorette -- gehrt
natrlich zu der Familie, und wir werden ein vortreffliches Leben
miteinander fhren.

Wie? -- -- fragte der Apotheker zum wilden Mann, Herr Philipp
Kristeller, und sah seinen Gast mit den gresten Augen an.

Wie ich es sage, sprach der kaiserlich brasilianische
Gendarmerie-Oberst, den erstaunten Blick seines alten Freundes nicht im
mindesten beachtend, sondern, mitten im Hofraume stehend, rings umher an
den umgebenden Gebuden emporschauend. Es schien ihm wiederum in der
That bitterer Ernst um das zu sein, was er sagte.

Ich hoffe, deine Schwester ohne Mhe zu berreden, fgte er wie
beilufig an.

Der Apotheker lachte, der Oberst aber lachte ganz und gar nicht mit,
sondern umging die zwei Milchkhe im Stalle mit kritischem Blicke,
klopfte sie auf die Weichen und bemerkte:

Vor einigen Jahren war ich in Fray Bentos und sah mir das dortige
Fleischextrakt-Institut an. Groartig! -- Sie treiben euch vor den Augen
einen Ochsen in die Retorte und liefern ihn euch nach zehn Minuten in
eine Bchse konzentriert, die ihr in die Hosentasche steckt -- wre das
Weltmeer nicht da, dem ihr euer Erstaunen zurufen knnt, ihr wtet
nirgends damit hin, Philipp. Und vor vierzehn Tagen war ich bei Liebig
in Mnchen -- annhernd derselbe Geruch und Duft wie bei dir, nur noch
ein bichen metallischer; -- Kristeller, da knnen wir einander
gleichfalls gebrauchen -- ich liefere dir das Vieh, und du lieferst mir
den Extrakt; -- Philipp, ich gebe dir mein Ehrenwort darauf, in drei
Jahren machen wir den Herren zu Fray Bentos eine Konkurrenz, die sie zu
Thrnen rhren soll.

O Augustin, welch einen prchtigen Humor hast du aus deinem neuen
Vaterlande mit herbergebracht! rief der Apotheker; aber --

Humor? fragte der Oberst sehr ernsthaft und setzte fast schreiend
hinzu: Zahlen! Zahlen! Die eingehendsten, unumstlichsten
Berechnungen: Hier! -- da!

Er hatte bereits seine Brieftasche hervorgezogen und las im Fluge dem
Freunde einige in der That sehr eingehend auf die
Fleischextrakt-Fabrikation Bezug habende Zahlenreihen her. Herr Philipp
Kristeller rieb sich in immer grerer Erstarrung die Stirn:

Die Schwester -- die Schwester sollte das hren, murmelte er, und
jetzt lchelte auch der Gendarmerie-Oberst endlich wieder einmal und
meinte:

Ich werde natrlich schon beim Mittagsessen deine gute Schwester mit
unseren Plnen bekannt machen und sie fr dieselben zu gewinnen suchen.
Ich bin berzeugt, sie wird sich nicht so steif-verwundert wie du
hinstellen und nur meinen Humor loben.

O du groer Gott! seufzte Herr Philipp.

Die Ziege, welche neben den zwei Khen im Stall unter der besonderen
Obhut Frulein Dorette Kristellers ein wohlbehagliches Dasein lebte,
berging der Oberst ohne weitere Bemerkung; dagegen sprach er im
Hhnerhofe kopfschttelnd:

Dieses Vieh hier erinnert mich stets merkwrdig lebhaft an meine selige
Mutter.

Er hatte die Brieftafel in der Hand behalten und machte von Zeit zu Zeit
einige Notizen. Fast zwei Stunden brachten die beiden Herren auf ihrer
Inspektionsreise zu, und als sie ins Haus zurckkehrten, fanden sie den
Landphysikus in der Offizin auf sie wartend und ein Glschen vom
berhmten Kristeller'schen Magenliqueur vor ihm auf dem Tische.

Mit gewohnter Jovialitt begrte der Doktor die eintretenden beiden
Herren. Man schttelte sich bieder die Hnde im Kreise und erkundigte
sich gegenseitig auf das Herzlichste nach der Nachtruhe und dem
sonstigen Befinden.

Was fr einen Wochentag schreiben wir denn heute eigentlich? fragte
der Oberst, seine Brieftasche immer noch in der Hand tragend.

Das wird Ihnen der Barbier, welcher da eben hinrennt, am besten sagen
knnen, lachte der Doktor Hanff, der Pflug geht den Bauern ber die
Wochenstoppeln; es ist Sonnabend --

Und morgen besuche ich zum erstenmale seit einem Menschenalter den
deutschen Gottesdienst wieder! rief der Oberst Dom Agostin Agonista
entzckt. bermorgen reise ich ab.

August? -- Augustin? rief erschrocken Herr Philipp Kristeller.

Herr Oberst? sprach erstaunt Frulein Dorette Kristeller.

Aber der Landphysikus, sein Glas energisch zurckschiebend, rief:

Unter allen Umstnden unmglich, Colonel; der Frster Ulebeule
begegnete mir, er ist mit einer Einladung zum Mittagsessen auf den
Montag unterwegs; fr den Dienstag erbitte ich mir die Ehre; am Mittwoch
kommt die Reihe an den Pastor; am Donnerstag -- doch da wollen wir den
brigen Herren nicht vorgreifen; jedenfalls lassen wir Sie unter keinen
Umstnden so rasch fort, Oberst. Wer einen seltenen Vogel wie Sie in den
Hnden hat, der hlt ihn, so lange es mglich, fest. Geben Sie mir noch
einen >Kristeller<, lieber Kristeller, und nehmen Sie auch einen,
liebster Oberst; Sie scheinen noch gar keine rechte Ahnung davon zu
haben, welche guten und angenehmen Dinge die hiesige Planetenstelle
produziert.




Dreizehntes Kapitel.


Der Frster, welcher in diesem Augenblick in die Thr trat, vernahm, was
besprochen wurde, und redete sofort mit den brigen heftig und dringend
auf den alten, tapferen, sdamerikanischen Krieger ein. Dieser aber
wehrte sich stumm nur durch Gesten, zu gleicher Zeit das ihm kredenzte
Spitzglas mit dem Kristeller'schen Magenbitter gegen das Licht haltend
und durchugelnd.

Jetzt setzte er den Becher an die Lippen -- schlrfte -- hielt ein --
probierte noch einmal mit tieferer Andacht -- go den Rest mit einer
gewissen wilden Inbrunst die Kehle hinunter -- reichte sofort das Glas
zu neuer Fllung aus der dickbuchigen grnen Flasche hin und rief:

Bei meiner Seele, das ist ja wirklich endlich -- endlich einmal ein
G e t r  n k!

Nicht wahr? fragten der Frster und der Doktor ernsthaft, whrend der
Apotheker zum wilden Mann verschmt-glcklich der Schwester ber die
Schulter lchelte.

Bei den Gttern, das ist ein Getrnk, Philipp! Und du bist wahrhaftig
davon der Erfinder? Und du hast das Rezept dazu unter Schlo und Riegel?
-- Und du sitzest hier noch immer in diesem verlorenen Winkel und drehst
dem Doktor da seine Pillen und rhrst ihm seine Mixturen zusammen? --
Frulein Kristeller, ich erbitte mir sogleich nach Tisch ein
Privatgesprch! Meine Herren, dies ndert die Sachlage vielleicht;
lieber Forstmeister, im Laufe des Nachmittags werde ich mir erlauben,
Ihnen Nachricht zu geben, ob ich Ihre Einladung annehmen kann oder
nicht.

Bravo! riefen der Landphysikus und der Frster; der Apotheker sagte:

Du bleibst also ohne Bedingung, Lieber; und es war auch durchaus nicht
nothwendig, uns einen solchen Schrecken in die Glieder zu jagen. Es war
nicht freundschaftlich und brderlich, Augustin.

Ich bitte noch um einen >Kristeller<, erwiderte der Oberst. Philipp,
auf dein Wohl! Ich versichere dich, ich habe dich lieb gehabt; aber
jetzt tritt der Respekt zur Liebe; -- meine Herren, Sie haben diese
dreiig Jahre durch einen groen Mann in Ihrer Mitte gehabt, ohne es zu
wissen. Philipp, dein Schnaps ist wunderbar, was aber meine Abreise
betrifft, so ist Unsereiner stets mit Gewehr ber auf dem Marsche, und
man mu eben ein Weib nehmen und ein brgerlich Geschft treiben, um das
Stillsitzen zu erlernen. Bei den hohen Gttern, dieses hier ist
vielleicht noch rentabler als Fray Bentos! Kristeller, wir werden drben
den feurigen siebenten Himmel durch einen Destillierkolben auf die Erde
herunterholen. Frulein Dorette, wir werden die Sonne und den Blitz auf
Flaschen ziehen und unsere Preise darnach stellen. Kristeller und
Agonista -- Sao Paradiso, -- Provinz Minas Geraes, Kaiserreich
Brasilien! Mit diesem Getrnk unter dem Arm kommen wir durch bei allen
Nationen rund um den Erdball. Wir kommen durch, Senhora, und wie gesagt,
nach Tisch erbitte ich mir ein behagliches Plauderviertelstndchen im
Hinterstbchen, Senhora Dorothea.

Sie lachten alle, nur das Frulein nicht. Was das Lachen des
erfindungsreichen Hausherrn anbetraf, so machte das einen unbedingt
ratlosen und hilflosen Eindruck. Ein Mensch aber, der ein Leben hinter
sich hatte, wie der Oberst Agonista, durfte in der That die Erde mit
anderen Augen sehen und mit anderen Hnden greifen als die
Hausgenossenschaft und die Hausfreunde der Apotheke zum wilden Mann,
und konnte auch, ohne dafr zur Rechenschaft gezogen zu werden, von den
anderen ganz naiv verlangen, da man sich auf seinen Standpunkt stelle.
Der Oberst Dom Agostin Agonista konnte wirklich seinen festen
unerschtterlichen Entschlu darlegen, noch einmal, und zwar nach einem
Menschenalter, das Glck und Schicksal seines Freundes Philipp
Kristeller auf die andere Seite zu drehen, und zwar ohne auf irgend
welche Einwrfe und Gegenvorstellungen zu hren.

Da sich jetzt die Hausflur mit allerlei Kunden fllte, so begleitete der
tapfere alte Soldat allein den Frster und den Doktor auf ihrem Wege ins
Dorf zurck. Er ging zwischen ihnen, jeden unterm Arme haltend, und wer
den Dreien begegnete, stehen blieb und ihnen nachsah, der mute es
zugeben, da jeder von den Dreien in seiner Art gut war. Dazu aber
hielt sich das Gesprch der Herren am alten Philipp und seinem
Kristeller; und selbst auf diesem kurzen Wege erhielt der
brasilianische Gendarmen-Oberst noch einige recht ntzliche Notizen ber
die Apotheke zum wilden Mann und kam, heiter pfeifend und die reine,
frische Herbstluft wohlig einschlrfend zurck -- gerade recht zum
Mittagsessen.

Man speiste; man hielt Siesta, -- der Oberst die seinige diesmal in
seinem Ehrensessel im bilderbunten Hinterstbchen.

Punkt drei Uhr trat er erfrischt wiederum in die Offizin, um noch einen
Kristeller zu nehmen. Dann wute er den Weg in die Kche schon ganz
genau und brauchte keinen Fhrer auf demselben.

Frulein Dorette, sagte er, jetzt wre der gnstige Augenblick
vorhanden. Soeben habe ich den guten Philipp auf seine Materialkammer
geleitet, und wir beide, liebes Frulein, haben hier unten das Reich
allein. Kinder, Kinder, ich freue mich kindlich, so familienfreundlich
mit euch zusammen zu sein! Und wir bleiben eine Familie -- nicht wahr,
wir bleiben e i n e Familie? -- Es ist zu prchtig! Da drauen der
deutsche Herbsthimmel, hier innen die deutsche Ofenwrme und -- das
liebe Brasilien wie das Land der Verheiung in der Ferne! Senhora, ich
erlaube mir, Ihnen meinen Arm anzubieten.

Er fhrte richtig die alte, ngstlich ber die Schulter zurckblickende
Dame in ihre eigene Stube, des Hauses Ehrengemach, und verblieb mit ihr
eine gute halbe Stunde drinnen und zwar in dringlichsten Verhandlungen;
whrend der Bruder, um seiner Erregungen wenigstens etwas Meister zu
bleiben, in seiner Materialkammer smtliche Kruterscke auf- und
abtrmte und smtliche Schubladen aufzog und zuschob.

Eine halbe Stunde kann selbst dem phlegmatischsten Menschen unter
Umstnden sehr lang erscheinen; das ist eine bekannte Wahrheit, mu hier
jedoch dessenungeachtet wiederholt werden. Dem Apotheker zum wilden
Mann erschien der kurze Zeitraum s e h r lang, Frulein Dorette
hingegen ging er ungemein rasch vorber.

Schon ffnete der Oberst ihr hflichst die Thr ihrer Putzstube und --
lie sie heraus. Er blieb drin! -- Sie hielt sich am Thrpfosten wie von
einem Schwindel befallen; -- sie hatte dem braven Kriegsmann einen Knix
machen wollen, allein es war ihr nicht mglich gewesen. Whrend sie aber
drauen an der Wand lehnte und wie aus pltzlich erblindeten Augen um
sich zu sehen strebte, war der Oberst drinnen leise pfeifend zum Fenster
gegangen und hatte es geffnet und sich drein gelegt.

Da lag er, schwer auf den Ellenbogen, stie einen schweren Seufzer aus
und blickte die Landstrae entlang, zur Rechten und zur Linken hin.

Das Frulein drauen legte jetzt beide Hnde an die Schlfen und stie
gleichfalls einen Seufzer aus und sthnte dazu:

Groer Gott, ganz wie ich es mir gedacht hatte! o du lieber Gott, mein
armer, armer Bruder!

Von seinem Fenster aus rief der Oberst einen vorbeilaufenden Dorfknaben
an:

Heda, miin Jung', kennst du den Herrn Frster Ulebeule und weit du, wo
er wohnt?

Na?! fragte der Bengel an der Hauswand empor, entrstet ob der
Naivett der Frage.

Gut, mein Sohn. Ich warte hier mit fnf Groschen in der Hand auf dich.
Lauf' einmal zum Herrn Frster und bestell' einen schnen Gru von dem
fremden Herrn in der Apotheke, und es wrde dem Herrn Apotheker und dem
fremden Herrn ein Vergngen sein, am Montag bei dem Herrn Frster zu
essen.

Der Knabe vom Gebirge rannte und sah im Rennen verschiedene Male zurck,
ob der weikpfige Herr mit dem braunen Gesichte im Fenster auch
wirklich Wort halte und mit dem gebotenen Honorar prsent bleibe.
Drunten im Hinterstbchen, im Ehrensessel des brasilianischen Obersten,
sa Frulein Dorette Kristeller, sttzte die Ellenbogen auf den Tisch
und das Gesicht auf die Hnde und chzte leise:

Mein Bruder, mein armer Bruder!




Vierzehntes Kapitel.


Am anderen Tage war Sonntag, ein deutscher Dorf-Sonntag. Die Glocke
lutete zur Kirche, und der Pastor Schnlank hatte seine Predigt fertig
und bereit. Mit dem Gesangbuch seines Freundes Philipp unter dem Arme
und wrdig die Schwester des Freundes fhrend ging auch der
brasilianische Oberst Dom Agostin Agostina in die Kirche und zwar in
Uniform. Er hatte seinen Mantelsack und kleinen Reisekoffer vollstndig
ausgepackt und sein ueres festtglich geschmckt. Er trug seine
smtlichen Orden und sah nicht nur martialisch, sondern wirklich
prchtig und vornehm aus und strte die Andacht des Dorfes durch seine
Erscheinung vollstndig. Er sang auch mit. Der Pastor in der Sakristei
vernahm ihn ber die Orgel, den Kantor und die Gemeinde weg; -- ein so
sonorer Ba hatte lange nicht die Wlbung des kleinen Gotteshauses
erschttert. Nach der Kirche hatte der fremdlndische Krieger, wiederum
Frulein Dorette Kristeller am Arme fhrend, so zu sagen die Parade der
ganzen Gemeinde abzunehmen. Sie bildete Spalier auf seinem Wege, und
gutmtig lchelnd und fort und fort an die Mtze fassend, schritt der
Oberst zwischen der Hecke anstaunender Bauerngesichter durch.

Das Dorf sprach heute nur von ihm; Frulein Dorothea kam aber sehr
unwohl aus der Kirche nach Hause und fhlte sich gezwungen, sich zu
Bette zu legen und den Rest des Tages darin zu bleiben.

Am folgenden Tage ging der Oberst mit seinem Freunde Philipp zum Frster
Ulebeule auf einen Wildschweinkopf. Frulein Dorette setzte sich vor die
Rechenbcher des Hauses. Die Herren in der Frsterei waren sehr heiter
bei Tische; der Oberst erzhlte wieder von der Herrlichkeit seiner neuen
Heimat und brachte die Leute aus dem stillen Erdenwinkel fast auer sich
durch seine Beredsamkeit und die Farbenpracht seiner Schilderungen.
Diesmal forderte er den Doktor auf, mit hinberzugehen und ein Millionr
und kaiserlicher geheimer Hofmedicus zu werden, und schon bei der
vierten Flasche hatte der Landphysikus es dem Oberst fest versprochen
und durch Handschlag sein Wort besiegelt.

Mit Ihnen, lieber Pastor, wissen wir weniger da drben anzufangen,
rief Dom Agostin, aber wir holen Sie vielleicht doch noch nach, wenn
wir uns unsere eigenen Hauskapellen errichtet haben.

Da hatte der geistliche Herr gelchelt, aber etwas klglich gesagt:

Wir sind doch wohl zu einer solchen Emigration ein wenig zu alt, Herr
Oberst. Auch wrden Sie vorher vor allen Dingen mit meiner guten Frau
reden mssen, theurer Herr.

Weshalb sollte ich das nicht, wenn sonst die Bedingungen vorhanden
sind? fragte der Brasilianer.

Sie waren ungemein vergngt bei dem Frster Ulebeule, und erst bei weit
vorgeschrittener Dmmerung kamen Philipp und August Arm in Arm und
Schulter an Schulter, angeregt und hchst lebhaft heim zur Apotheke.

Von dem >Kristeller< erbitte ich mir ein Flacon auf den Nachttisch,
lieber alter Junge, sprach der Oberst. Er entzckt mich immer von
neuem, auch nach dem Diner. Pereat Fray Bentos, -- dies hier nenne ich
in Wahrheit eine konzentrierte Bouillon! Der Teufel hole alles Rindvieh
in den Pampas; -- da wir diesen Feuertrank hier am Orte schon so kochen,
wie wird er erst da drben im Feuerlande ausfallen, Fi--lip--po!

De--li--kat! erwiderte Herr Philipp Kristeller, worauf die beiden
Freunde einander dreimal recht herzhaft abkten.

Sie saen brigens an diesem Abend allein im Hinterstbchen, der Oberst
und der Apotheker zum wilden Mann. Frulein Dorette lie sich durch
das Hausmdchen entschuldigen und heruntersagen: sie habe arges Kopfweh.

Die beiden Herren lieen sofort hinaufsagen: das thue ihnen sehr leid
und sie wnschten von Herzen eine baldige Besserung; -- nachher saen
sie noch bis gegen Mitternacht in der Bildergalerie zusammen und
redeten, eingehllt in Tabaksdampf, von ihrer Jugendzeit.

Als die Uhr Zwlf schlug, stand der Oberst auf und sagte herzlich:

Du weit doch nicht ganz, wie gut es mir hier zu Mute ist, Philipp. Wir
wollen uns aber auch von nun an nicht wieder von einander trennen,
Alter! Wir wollen von jetzt an e i n Schicksal und e i n Glck haben,
nicht wahr? Nicht wahr, nicht wahr, es bleibt dabei, Philipp?

Es bleibt dabei, stammelte Herr Philipp Kristeller, und dann ging der
Oberst zu Bett. Er kannte jetzt den Weg zu seinem Schlafgemache bereits
und brauchte kein Geleit mehr. Das Flacon mit dem Kristeller nahm er
unter dem Arme mit wie am Sonntag das Gesangbuch seines Freundes. Aber
vorher hatte er noch den Freund in den Ehrensessel niedergedrckt; und
in dem Ehrensessel sa Herr Philipp noch eine Weile in der stillen Nacht
und suchte zu berlegen, ehe auch er zur Ruhe ging.

Die Nacht war still, das Haus war still. Eben schlug es ein Uhr, als
oben eine Thr knarrte und ein langsamer leiser Schritt die Treppe
herabkam. Aus dem berlegenwollen des Hausherrn im Ehrenstuhl des
Obersten war ein ziemlich fester Schlummer geworden. Aus diesem
Schlummer wiederum auffahrend, horchte Herr Philipp: da war der
gespenstische Schritt an der Pforte des Hinterstbchens:

Wer ist da? rief der Apotheker auftaumelnd und mit beiden Hnden
schwerfllig sich auf die Lehnen des Armsessels sttzend.

Ich bin es, Bruder, sagte Frulein Dorette Kristeller, im langen
weien Nachtrock wie eine moralische Lady Macbeth hereinschwankend. Ich
bin es, Philipp; ich habe keine Ruhe mehr im Bette, keine Ruhe im ganzen
Hause. Ich glaubte, hier noch einen warmen Ofen zu finden; aber nun ist
es mir lieb, da auch du noch wach bist, lieber Bruder; -- o Bruder,
Bruder Philipp, es ist wirklich und wahrhaftig sein Ernst!

Sein Ernst? Wessen Ernst?

Sein bitterer Ernst! O, ich habe es mir gleich so gedacht, als er dich
zuerst so gemtlich auf die Schulter klopfte und ihr alle ber seine
wilden Plne lachtet. Er meint es ja vielleicht auch gut mit uns; aber
elend macht er uns doch. Philipp, er braucht Geld! er braucht sein Geld,
und er ist gekommen, es zu holen!

Der Apotheker zum wilden Mann sah das trostlose alte Jngferchen
pltzlich mit den glnzendsten, verstndnisinnigsten Augen an.

Er braucht sein Geld, und er ist gekommen, es zu holen? Aber Dorette,
das wre ja wundervoll!

Wundervoll?! --

Herr Philipp Kristeller knpfte mit zitternder Hand, der khlen Nacht
zum Trotze, vor innerster Aufregung die Weste auf:

Dorette, wenn du Recht httest! -- herrlich, herrlich wre es! Aber --
wenn das so wre, so wrde er es mir doch wohl zuerst gesagt haben?!

Hat er das denn nicht? und zwar auf jede nur mgliche Weise -- fein und
grob!

Der Apotheker antwortete nichts hierauf. Er ging rasch in dem engen
Raume seiner Bildergalerie auf und ab und rieb sich nach seiner Art die
Hnde und murmelte vor sich hin:

Der Gute -- der Wackere -- mein Gott, welch eine glckselige Nacht! --
Und ich habe ihn ganz und gar nicht verstanden! O diese Weiber, diese
klugen Weiber! Dorette, wenn du recht httest!

Ich habe Recht! chzte jetzt das alte Frulein fast bse. So setze
dich doch und nimm Vernunft an. Was soll denn aus uns werden, Bruder? Du
bist diese dreiig Jahre lang deinen Liebhabereien und dem Geschfte
nachgegangen; aber ich habe die Bcher gefhrt und wei, wie wir stehen.
O, es reicht noch; aber es reicht auch nur gerade hin, -- und, Philipp,
ich bin fest berzeugt, er holt nicht nur das Kapital, sondern er kann
auch die Zinsen gebrauchen, die Zinsen seit dreiig Jahren!

Das vergebe ich ihm so leicht nicht, da er nicht sofort seinen Wunsch
mir klar und deutlich ausgesprochen hat, murmelte Herr Philipp, der
durchaus nicht imstande war, sich zu setzen, sondern der fort und fort
auf und ab lief und das Wort der Schwester ganz und gar berhrte. O
August, August, also endlich ist auch fr mich die Stunde da, dir auf
deinem Wege zum Glcke behilflich sein zu knnen!

Von der ganzen Flle dieser Vorstellung berwltigt, stand er jetzt
still, und was er seit nicht zu berechnender Zeit nicht gethan hatte,
das that er jetzt: er gab der Schwester einen Ku -- einen langen,
herzlichen Ku, und dann -- nahm er sein Licht und ging seinerseits in
seine Kammer. Er hatte das Bedrfnis, allein zu sein und sich in der
Stille und Dunkelheit der Nacht den frohen nahen Morgen und seine erste
Begrung mit dem Freunde, dem Obersten Dom Agostin Agonista,
auszumalen.

Frulein Dorette stand im Scheine ihres Nachtlichtes mit schlaff
niederhngenden Armen und vor dem Leibe gefalteten Hnden, blickte
hinter ihm her und sthnte:

Also da sind wir denn! -- o diese Mannsleute! Was soll aus uns werden?
lieber Herrgott, was soll aus uns werden? -- Zu den Pottekudern, seinen
neuen Landsleuten, gehe ich fr mein Teil nicht mit! Er wre freilich
imstande, uns in aller Gte und Zureden mit Haus und Hof mit sich zu
schleppen und uns mitten in der Urwildnis hinzusetzen und eine
Schnapsfabrik auf meines armen Bruders Namen und Liqueur zu grnden.
Aber er soll mir kommen, der Kehlabschneider, der Scharfrichter, der
Menschenschinder, der Henkersknecht. Fr alle Freibillets in der Welt
geh' ich mit ihm nicht nach seinem Amerika; am Spiee brt er uns doch,
wenn er uns drben hat, und wenn er auch noch so schlau hier am Orte den
Gemtlichen, den Vergngten und den biederen treuherzigen Krieger
spielt.

Der Oberst Dom Agostin Agonista wurde durch das, was im unteren Teile
des Hauses zum wilden Manne vorging, nicht in seinem Schlummer
gestrt. Er schlief abermals weit in den hellen Sonnenschein des
Dienstags hinein, und die Flasche mit dem Kristeller stand auf seinem
Nachttische, und auch das Spitzglas, das dazu gehrte, hatte der alte
Soldat handgerecht zugerckt. Aber auf dem Stuhle am Bette sa um halb
neun Uhr, seit einer Viertelstunde zrtlich lauschend, Herr Philipp
Kristeller, das Erwachen des Gastes, Freundes und Wohlthters erwartend.

Sobald der Gute erwacht, wollen wir berlegen, in welcher Weise es am
angenehmsten und vorteilhaftesten fr ihn einzurichten ist, hatte der
Apotheker, auf den Zehen in die Kammer schleichend, geflstert; und er
hatte eine gute Stunde zu warten, ehe der Brasilier die Augen ffnete,
sich entsetzlich reckte, gewaltig ghnte und dann, sich berrascht
aufrichtend, rief:

Diablo! bist du denn das, Filippo? Ei, schnsten guten Morgen! aber
dieses ist einmal freundlich von dir!

Guten Morgen, August. Du erlaubst mir wohl, da ich dich diesmal wieder
August nennen darf; denn ich sitze hier und warte auf dein Erwachen, um
dich recht tchtig abzukanzeln.

Abzukanzeln? weshalb? wieso? warum? wofr?

Weil du meiner guten Schwester mehr Zutrauen bewiesen hast als mir,
August.

Ah -- -- -- so! sprach der brasilianische Gendarmerie-Oberst ungemein
gedehnt und legte sich wieder hin -- nmlich mit dem Hinterkopfe in
seine Kopfkissen. Nach einer Pause erst fgte er etwas gedrckt hinzu:

Und nicht wahr, du giebst mir recht? Dein Entschlu ist gefat; -- wir
gehen zusammen ber das Weltmeer, um goldene Berge fr uns und unsere
Nachkommen aufzuschtten?!

Herr Philipp schttelte melancholisch den Kopf.

Meine Schwester Dorothea und ich doch wohl nicht, aber -- mit dir ist
es freilich etwas anderes. Nein, mein teurer August, du wirst wieder
allein gehen mssen.

Aber das macht mir wirklich einen Strich durch alle meine
Berechnungen, brummte der Kriegsmann verdrielich.

Du nimmst unsere besten Wnsche mit hinber; wir werden in Gedanken
stets bei dir sein.

Danke! sagte der Oberst womglich noch verstimmter.

Ich habe den Tisch vor deinem Stuhle bereits zurecht gerckt, mein
guter August. Meine Hausbcher liegen zu deiner Einsicht bereit; du
wirst mit meiner Schwester zufrieden sein, denn sie hat die Bilanz
gezogen. Ich hoffe, du wirst finden, da wir -- meine Schwester und ich
-- unser -- mein -- dein Vermgen nach bestem Wissen verwaltet haben.

Ich komme im Augenblick hinunter, lieber Alter! rief der Oberst, allen
Mimut sofort abschttelnd und mit hellem Lcheln das rechte Bein
blitzartig unter dem Deckbette vorschnellend und mit dem Fue nach des
Apothekers Reserve-Ehren-Pantoffeln auf dem Boden angelnd. Im Moment --
in zehn Minuten bin ich drunten bei dir. Philipp, du bist ein
Prachtmensch! und du wirst sehen, da ich die Welt kenne und auch fr
dich das Nutzbringendste zu ergreifen verstehe.

Wir warten mit dem Kaffee auf dich, lieber August!

Mein schnstes Kompliment im voraus an deine Schwester! Im Augenblick
bin ich bei euch. Nicht wahr, Philipp, dein Rezept fr den >Kristeller<
giebst du mir mit hinber, -- nicht wahr, Alter?

Der Erfinder des Kristeller versprach's, und nach einer Viertelstunde
sa der Oberst Dom Agostin Agonista richtig bei dem Geschwisterpaar im
Hinterstbchen und zwar, ohne alles vorherige Struben, im Ehrensessel
und vor den Haus- und Rechnungsbchern der Apotheke zum wilden Mann;
-- Frulein Dorette Kristeller hatte ihn dazu von Zeit zu Zeit zu
fragen, ob ihm noch eine Tasse Kaffee gefllig sei.




Fnfzehntes Kapitel.


Einen Mann wie den Oberst stelle man einmal unter den Scheffel, wenn er
in einer Gegend gleich der von uns geschilderten ankommt, d. h. aus den
Wolken fllt. Auf Meilen in der Runde gingen bald die fabelhaftesten
Gerchte ber ihn um. Ein wieder wie vor dreiig Jahren mit ein wenig
Bangen gemischter Respekt begleitete ihn in jeglichem Blicke, der ihm
nachgesendet wurde, klang in jedem hflichen Wort, das man an ihn
richtete; nur that er niemanden mehr leid dazu. Der bald so bekannte
Fremdling entsprach in jeder Beziehung den Vorstellungen, die sich die
Landschaft von einem Wundertier machte, und die Jovialitt in seinem
Wesen und Auftreten nahm der vertraulichen Scheu, die er den Leuten
einflte, nichts von ihrer Wirksamkeit. Er aber fhlte sich wohl unter
dem Volke der Gegend, geno die Gemtsbewegungen, die er unter ihm
hervorbrachte und -- a sich harmlos herum.

Nmlich es hatte sich herausgestellt, da fr die ersten Wochen an ein
Verlassen der Gegend, an eine Abreise aus der Apotheke zum wilden
Mann noch nicht zu denken sei.

Der Oberst blieb, und sie luden ihn alle zu Tisch. Nach den Honoratioren
des Dorfes kamen die Gutsbesitzer und reichen Domnenpchter der
Umgegend an die Reihe: der Oberst Dom Agostin Agonista fhlte sich immer
behaglicher in seinem behaglichen Quartier in der Apotheke zum wilden
Mann.

Wenn er aber viel abwesend von der Apotheke war, so blieb der alte
Philipp Kristeller desto sedater in seinen vier Pfhlen, schrieb viel,
bekam viele Briefe von Banquiers und sonstigen Handelsleuten und trieb
selber allerlei Handel. Er fing an, in Lndereien zu spekulieren und
zwar in seinen eigenen.

Und whrend der Oberst nicht das Geringste von seiner stattlichen
Rundung einbte, wurde Frulein Dorette Kristeller, die doch wenig
einzuben hatte, von Tag zu Tage magerer, und auch der Apotheker fiel
ab, soviel das noch mglich war. Das Geschwisterpaar wurde immer gelber
und gelber; was den Dom Agostin anbetraf, so fingen die Leute an, ihm zu
sagen:

Herr Oberst, die Luft hier scheint Ihnen gottlob recht gut zu
bekommen.

Sie bekam ihm wirklich, die Luft der Gegend, und das Gercht von dem,
was er vor einunddreiig Jahren an dem Besitzer der Apotheke zum wilden
Mann gethan hatte, schwebte auch in der Luft ber ihm und um sein
weies, munteres Haupt und verklrte ihn rosig. Die Frauen nannten ihn
einen prchtigen alten Herrn, und die Mnner nannten ihn einen
Prachtkerl und fgten hinzu: Unter Umstnden fnden wir auch mit
Vergngen einen hnlichen Burschen im Busch und Walde und suchten seine
intimste Bekanntschaft zu machen. Selbst auf die Botanik knnte man in
einem solchen Falle sich mit Plsier legen.

Auch der Oberst bekam im Verlaufe der nchsten Woche Briefe. Es langte
ein Packet von Rio Janeiro an, eine Menge Dokumente enthaltend. Dieses
Packet sendete Senhor Joaquimo Pamparente, sein Rechtsbeistand, und Dom
Agonista fand sich bewogen, den Inhalt eingehend mit seinem Freunde
Philipp Kristeller zu besprechen. Er, der Oberst, schrieb an Senhora
Julia Fuentalacunas einen zrtlichen Brief, der aber doch zugleich auch
ein Geschftsbrief war; -- leider reichte die Zeit zu einer Antwort der
Dame nun nicht mehr.

Thut nichts, sprach der zrtliche Krieger, es wird sich jetzt alles
aufs Beste und Angenehmste arrangieren, wenn ich erst selbst wieder
drben bin.

Am meisten verkehrte Dom Agostin in diesen ernsten Geschftstagen mit
dem heitern Doktor und Landphysikus Hanff. Beide vergngte Gesellen
hatten Brderschaft miteinander getrunken, und der Oberst Agonista fuhr
dann und wann des Spaes wegen mit auf die Landpraxis. Jegliches Wetter
war dabei dem tapferen alten Soldaten recht, und der Doktor, der doch
auch das Seinige vertragen konnte, hatte auch hier seinen Begleiter als
ein Mirakel zu bestaunen.

Bei den Gttern beider Halbkugeln, du wenigstens gehst mit mir
hinber, rief der Oberst, gegen Ende Novembers auf einer dieser Fahrten
den ersten Schnee des Jahres vom Fenster eines Dorfwirtshauses weit im
offenen Lande beobachtend. Ich habe dir bereits hundertmal das
brillanteste Lebensglck garantiert und ich verbrge mich auch jetzt
wieder dafr. Sieh dir dieses Wetter an; -- ist das ein Klima fr
verstndige anstndige und zu allem brigen mit Vernunft und Weib und
Kind begabte Menschen? Ist das eine Gegend, um siebzig Jahre drin alt zu
werden?

Meine Frau -- meine Jungen, murmelte der Doktor.

Werden sich sehr wohl dort acclimatisieren; ich rede dir ja eben gerade
vom Klima! Ein Jahr lt du sie hier zurck, um dich drben behaglich
einzurichten. Im nchsten Herbst fhre ich meine Frau nach Paris in die
Honigwochen, und du begleitest mich, d. h. du schlgst deinen Winkel
hierher und holst dein Hauswesen nach. He -- was sagst du? Zum Teufel,
sieh auf den Kirchhof dort im Regen und Schneegestber und sage mir, ob
es ein Vergngen und eine Ehre sein wird, dort einst eine
Sandsteinplatte zu haben mit der Inschrift: >Hier liegt der Doktor
Eisenbart?!<

Zum Henker, Bruder, chzte der Landphysikus, weit du, was ich
wollte?

Nun?

Ich wollte, du wrest geblieben, wo du dich so wohl fhltest. Mein
gesunder nchtlicher Schlaf ist hin, seit du im Lande bist, und wie mir,
so geht es der Mehrzahl meiner Bekannten. Du hast, sozusagen, der ganzen
Gegend die Phantasie verdorben. Ich kenne auf drei Meilen in der Runde
niemanden, der noch ruhig auf seinem Stuhle sitzen kann. Da ist nicht
einer, der nicht hin und her rckt und berlegt und berechnet, was alles
er bis Dato im Leben versumt habe.

Das mag fr die brigen gelten, aber in deinem Alter hat man noch nicht
das Geringste versumt, -- da brauchst du nur mich anzusehen. brigens
erlaube mir doch ein Wort: ich berrede niemanden! Diablo, wie kme ich
dazu, mit diesem meinem weien Haar noch einmal von neuem anzufangen,
die Dummheiten meiner Jugend zu wiederholen, um mir eine frische Last
Gewissensbisse aufzuladen? In drei Wochen reise ich jetzt bestimmt; --
bestimmt, das sage ich dir! Bis dahin hab' ich mein altes Vaterland und
sein Verhltnis zu mir wieder in Ordnung gebracht und mache mich auf den
Weg und aufs groe Wasser, auch fr die alten Freunde in der Apotheke
die Fortuna, die spanische Silberflotte mit zu entern. O, die sollen
bequem hier sitzen bleiben unter ihrem Zeichen >zum wilden Mann<, -- ich
werde fr sie handeln, und die nchste Post, die ihr von mir erhalten
werdet, wird das Weitere melden.

Er reist in drei Wochen! seufzte der Doktor, hastig sein Glas
hinuntergieend.




Sechzehntes Kapitel.


Er hatte, wie man zu sagen pflegt, immer auf dem Sprunge gestanden, der
kaiserlich brasilianische Oberst Dom Agostin Agonista, aber diesmal
reiste er wirklich, und zwar auf die Stunde zum angegebenen Zeitpunkt,
nmlich am Mittage des 23. Dezembers. Man hatte ihn natrlich dringend
von allen Seiten aufgefordert, wenigstens das Weihnachtsfest ber noch
zu bleiben, doch alles Bitten und Zureden war vergeblich geblieben.

Qult mich nicht lnger, hatte er gesagt, ich kenne meine Natur und
wei, was ihr gut ist. Diese liebe Feier im gemtvollen Vaterlande,
dieses holde Fest im sinnigen, gefhlvollen Deutschland wrde mich zu
weich stimmen, und es ist unbedingt notwendig, da ich mich, einige Zeit
noch, ein wenig hrtlich halte. Ich bin das nicht nur mir, sondern auch
meinen guten braven Freunden in der Apotheke schuldig. Meine
Verpflichtungen erfordern es, was mein Herz auch dagegen zu sagen haben
mag.

Damit verschwand er, verschwand spurlos, als jedermann bereit stand, ihm
noch einmal die Hand zu drcken und sich ihm zu empfehlen. Der Abschied
war so eigentmlich wie alles andere, was die Ankunft und den Aufenthalt
des Mannes am Orte begleitet hatte. Sie kamen alle zu spt dazu: Herr
Philipp aus seinem Laboratorium, Frulein Dorette aus der Kche, der
Doktor Hanff von seinem nchstliegenden Patienten.

Der Oberst hatte den Wagen an die Hinterthr bestellt, war einfach
eingestiegen und abgefahren; sein Gepck hatte er vorausgeschickt, und
die Gegend -- sah ihm nach.

Die aus der Apotheke sagten nichts, sondern seufzten, der Doktor schlug
sich vor die Stirn und rief ein wenig rgerlich und enttuscht:

Ich htte ihm doch gern noch ein Wort ber meine Projekte gesagt! Man
bringt einem doch nicht so um nichts und gar nichts die Gedanken in
Unordnung und das Blut in Wallung; -- Donnerwetter, dieses Brasilien!

Die brigen Freunde und Bekannten kamen nach und nach verwundert und
erstaunt an das Fenster der Offizin.

Er wollte vielleicht alles unntige Aufsehen vermeiden, sagte Frulein
Dorette Kristeller kurz und tonlos. Ihr Bruder war selbst fr den Pastor
und fr den Frster nicht zu sprechen. Der Apotheker zum wilden Mann
fhlte sich durch die Trennung von seinem Jugendfreunde sehr angegriffen
und wnschte einige Tage ganz sich selber berlassen zu bleiben. Die
guten Bekannten begriffen das wohl und lieen das Geschwisterpaar in der
That ber das Fest allein.

ber das Fest allein!

       *       *       *       *       *

Da sitzen wir wieder unter den Bildern des Hinterstbchens der Apotheke
zum wilden Mann, und es ist der Abend des vierundzwanzigsten
Dezembers. Ein trbes Talglicht in einem schlechten Messingleuchter, den
Frulein Dorette mit sich ins Zimmer brachte, brennt auf dem Tische. Der
alte Herr sa im Dunkel, bis die alte Schwester dieses Licht brachte; --
im trben Scheine desselben sitzt er in dem Ehrensessel, und die alte
Schwester hat sich ihm gegenber niedergelassen. Sie sehen beide
abgemattet-sorgenvoll aus; sie feiern beide eine betrbte Weihnacht.

Nach einem langen Schweigen sagte Frulein Dorette:

Plagmann aus Borgfelde will die Khe gleich nach dem Feste abholen.

Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; denn Ble und Muhtz waren ihre
Herzensfreude und ihr Stolz, und sie mute sich von beiden trennen.

Ihr Bruder nickte blo und sprach nach einer Pause seinerseits:

Ich meine, so ungefhr am fnfzehnten Januar wrde die beste Zeit fr
die Auktion sein.

Und die Schwester nickte auch und sthnte:

Ja, ja, mir ist's recht! mir ist alles recht! o Gott!

Nun versuchte der alte Herr, um doch etwas fr das Fest zu thun, wieder
einmal heiter und ruhig auszusehen und rief:

Courage, Alte! Wer wird so den Kopf hngen lassen? Du sollst jetzt
einmal zu deinem Erstaunen gewahr werden, mit wievielerlei unntzem
Germpel wir uns allgemach auf unserm Lebenswege bepackeselt hatten. Da
wir die Landwirtschaft -- die Sorge und den Verdru um Wiese und Feld
los werden, ist im Grunde auch nicht so bel und jedenfalls nicht das
Schlimmste. Offen gestanden, meine Knochen leisteten zuletzt doch nicht
mehr das, was sie frher mit Lust thaten.

Der Trost war wohl gemeint, aber er half wenig. Pltzlich brach die
Schwester in ein helles, krampfhaftes Schluchzen aus:

O grundgtiger Heiland, es wre mir ja alles, alles recht, es kommt nur
so sehr spt! Bruder, es kommt zu spt, dieses Elend! -- Wre dieser --
Mann um zwanzig Jahre frher gekommen, so wrde ich ja mit Freuden mit
deinem Kopfkissen meine Bettdecke hingegeben haben; aber wahrhaftig,
jetzt ist es fr uns zu spt im Leben geworden! Die Hypothek, die auf
dem Hause liegt, liegt auch auf mir wie ein Berg! Und dazu keinen --
keinen Menschen, dem man seinen Kummer klagen kann, klagen darf -- ja
klagen darf!

Nein, rief Herr Philipp Kristeller, allen Nachdruck seiner Seele in
das Wort werfend, nein, was wir hier tragen, das tragen wir fr uns
allein! Fremde Nasen drfen wir gewi nicht in unser jetziges Dasein
hineinriechen lassen, Dorothea! Es wre nicht zu rechtfertigen gegen den
Freund -- meinen Freund -- meinen Freund vom Blutstuhle! Ach, fasse nur
Mut, liebe Dorette, und mache mir vor allen Dingen keine solche
verzweiflungsvollen Mienen, du sollst sehen, wir behalten den Kopf doch
noch oben und fhren auch unter den jetzigen Verhltnissen ein gutes und
stilles Leben weiter. Was wrde meine Johanne sagen, wenn sie bis heute
mein Los mit mir geteilt htte? Sieh, die Leute knnen wir denken und
reden lassen, was sie wollen.

Und ich sehe sie schon vor mir, wie sie die Kpfe zusammenstecken; der
Pastor und der Ulebeule, die Herren vom Gestt, der Amtsrichter und der
Doktor. Sie werden sich schne Historien zusammenphantasieren und uns in
einem bunten Lichte an die Wand hinmalen!

La sie! mge es nur dem alten tollen Freunde mit seinem jungen Glck
gut gehen! Ich sage dir, liebe Schwester, schon die Gewiheit, da
niemand es so herzlich mit uns meint als er, wre mir ein Trost, wenn es
mir vielleicht auch noch so klglich zu Mute wre. Jetzt glaubt er, mit
vollen Segeln seinem und unserem Glcke entgegenzuschwimmen; sieh, Alte,
und sein Geld hat doch wenigstens zum zweitenmal einem Menschen fr eine
Stunde Behagen gegeben, was man wahrhaftig nicht von jedem Gelde sagen
kann, und wenn es auch wie hier zwlftausend Thaler wren.

Die Schwester erwiderte nichts hierauf, sondern zuckte nur die Achseln,
welches ihr dann wieder Gewissensbisse machte. Sie stand auf, ging zum
Fenster und sah in den nchtlich winterlichen, gleichfalls schwer mit
Hypotheken belasteten Garten hinaus und wendete sich nach drei Minuten
erst ins Zimmer zurck:

Es schneit tchtig, Bruder. Weit du wohl noch, Philipp, welch ein
Vergngen und welche geheime Behaglichkeit wir gerade an diesem Tage am
Schnee hatten?

Ei gewi, rief der Bruder, wie wren wir sonst wohl dies
Menschenalter durch so gut miteinander ausgekommen? Dorette, heute sind
wir doch die richtigen Narren gewesen, da wir uns zum erstenmal nicht
einen Tannenbaum mit Lichtern besteckt haben. Allem zum Trotz htten wir
das thun sollen! Nun das nchste Mal! -- im nchsten Jahre --

Wenn dein Freund vom Blutstuhle das Schiff mit den Fssern voll Gold
und Edelsteinen geschickt hat, als Abzahlung -- wenigstens fr das
Rezept zum Kristeller! O, und dafr dreiig Jahre lang da seinen
Lehnstuhl frei gehalten zu haben!

Das war echt weiblich und also nichts dagegen zu machen: der alte Herr
Philipp hielt sich an sein eigen mnnlich und treu Gemt, lie sich das
Wort nicht vor dem Munde abschneiden, sondern schlo seinen Satz:

Wollen wir das diesmal Versumte desto herzlicher und herzhafter
nachholen. Der weiblichen Einschaltung wegen fgte er jedoch im Stillen
noch hinzu: Wie es auch kommen mag.

Was die Freunde der Umgegend anbetraf, so verwunderten sie sich in der
That sehr, als im Laufe des Winters und Frhjahrs in der Apotheke zum
wilden Mann sich vieles sehr vernderte; -- als die Mbeln aus den
Gemchern abhanden kamen, das Vieh aus den Stllen verschwand, als der
Blumengarten sich in einen Gemseplatz verwandelte, das zierliche
Dienstmdchen eine andere gute Herrschaft suchte, dem Knechte gekndigt
wurde und es im Kreisblatte zu lesen stand, da der Apotheker Herr
Philipp Kristeller so und so viel Morgen Wiesen und Ackerfeld an die und
die Bauern der Gemeinde und Feldmark verkauft habe. Als aber die Auktion
in der Apotheke selbst wirklich abgehalten wurde, boten sie
kopfschttelnd mit; und auf dieser Auktion erstand der Frster des
Apothekers Bildergalerie, der Doktor die chinesische Punschschale und
der Pastor den Ehrensessel des Obersten in brasilianischen Diensten Dom
Agostin Agonista.

Ein kahleres Haus gab es nachher nicht im Orte. Nur der Inhalt der
Bchsen und Glser in der Offizin blieb verschont; die Freunde und
Bekannten aber berlegten und mutmaten nach allen Richtungen hin und
kamen zuletzt smtlich auf die nicht ganz unwahrscheinliche Vermutung,
da ihr Freund, Herr Philipp Kristeller, in schlechten Papieren ganz
heimlich spekuliert und sich verspekuliert habe.

Natrlich rieten sie ihm dringend, sich doch umgehend an seinen Freund,
den brasilianischen Obersten, zu wenden, und begriffen nicht, aus
welchem Grunde er das so sehr hartnckig ablehnte.

Ende.





End of the Project Gutenberg EBook of Zum wilden Mann, by Wilhelm Raabe

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZUM WILDEN MANN ***

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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
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Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
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ways including checks, online payments and credit card donations.
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Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
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