The Project Gutenberg EBook of Leben und Schicksale des Katers Rosaurus, by 
Amalie Winter

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Title: Leben und Schicksale des Katers Rosaurus
       oder die kleine Prinzessin und ihre Katze

Author: Amalie Winter

Release Date: June 7, 2008 [EBook #25722]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  [Bild: Prinzessin Marie und Rosaurus
  Stahlstich d. Kunst u. geogr. Anst. v. Serz & C^ie]


  Leben und Schicksale
  des
  _Katers Rosaurus_,

  oder
  die kleine Prinzessin und ihre Katze.

  Ein unterhaltendes Lese- und Bilderbuch fr Kinder
  von
  Amalie Winter.

  Mit 1 schwarzem und 5 colorirten Stahlstichen.


  Leipzig, 1851.
  _Baumgrtners Buchhandlung._




Kapitel 1.

Die Ueberraschung.


  Meine Freuden.

  Wollt Ihr meine Freude hren,
  Ruft ein Mdchen voller Lust,
  Nun ich will sie gern Euch lehren,
  Hegt sie auch in reiner Brust.

    Meine Freude sind die Blthen
    Und die Blumen gro und klein
    Die des Himmels Lust und Frieden
    Durch die weite Schpfung streu'n.

  Meine Freuden sind die Thiere,
  Schfchen, Biene, Schmetterling.
  Denn in Gottes Lustreviere
  Ist mir keines zu gering.

Die kleine Prinzessin Marie war 6 Jahr alt und fhrte ein glckliches
Leben. Alle Welt war ihr gut und Jedermann bemhte sich, ihr Freude zu
machen. Tglich wurden kleine Mdchen eingeladen, mit denen sie im
schnen Wagen spatzieren fuhr und mit schnen Spielsachen spielte.

Die Spielsachen waren aber ganz auerordentlich schn. Sie hatte unter
Anderm eine Puppenstube, welche so gro war, da nicht nur die Puppen,
sondern auch deren Besitzerin, nebst zwei ihrer Freundinnen darin Platz
fanden. Kanapee, Sthle und der Tisch waren so eingerichtet, da die
Kinder sich ihrer bedienen konnten und oft wurde dort in Gesellschaft
der Puppen von verschiedener Gre Chocolade getrunken. Der kleine Hund
_Joly_ wurde bei solchen Gelegenheiten ebenfalls eingelassen und erhielt
einen Platz auf dem Kanapee, von wo aus er mit wahrhaft menschlicher
Grazie, ebenfalls Chocolade trank und Bisquit fra. Wenn er sich
zuweilen verga und sich allzu gefrig zeigte, so wurde er ernstlich
ermahnt und das Prinzechen drohte mit dem Finger.

Die Puppen waren inde von verschiedener Gre und von ganz
verschiedener Art. Da sah man eine groe Puppe als Knigin angethan,
mit einer goldenen Krone auf dem Kopf und dem Hermelinmantel um die
Schultern. Neben ihr sa das Bauermdchen in der Landestracht, mit
Bndermtze, kurzem Rock und goldgesticktem Latz. Ein kleiner Knabe
und ein kleines Mdchen waren in den kurzen Flgelkleidern und weien
Beinkleidern mit den runden Strohhten sehr hbsch anzusehen.
--Auerdem gab es auch Puppen in Haus- und Ball-Kleidern und alle
hatten ihre besondere Garderobe. Viele davon besaen sehr schnes langes
Haar, und es gewhrte den Kindern groe Freude, solches zu kmmen und zu
flechten; andere hatten blos Locken, was ihnen auch sehr gut stand.

Alle diese Puppen waren aber, in dem Augenblick wo diese Geschichte
beginnt, ganz vergessen und lagen in einer Ecke der Puppenstube ber
einander gehuft, denn die Prinzessin hatte krzlich eine Puppe
erhalten, welche alle anderen aus ihrem Herzen verdrngte; das war
nmlich eine schne Wickelpuppe. --Kopf, Arme und Beine waren von
Wachs und das Kinderzeug war uerst vollstndig. Es fehlte nicht an
Windeln, Stopflppchen und Wickelschnuren. Die Wickelkissen waren mit
Bandschleifen versehen und mit Stickereien garnirt. Die Mtzchen waren
prchtig, ganz mit Spitzen und Bndern bedeckt. Es gewhrte den Kindern
groe Freude, das Puppenkind zu wickeln und trocken zu legen, herum zu
tragen und einzuschlfern, und ihm Brei zu geben, mit dem kleinen
silbernen Breilffel, aus dem vergoldeten Breinpfchen. Des Abends wurde
die Puppe immer in die Wiege gelegt, welche ebenfalls in der Puppenstube
stand; und das war eine sehr schne Wiege von Mahagoniholz, wie nur
wenig Menschenkinder sie besitzen. Es schlft sich nun zwar eben so gut
in einer einfachen Wiege; aber fr die Puppe einer kleinen Prinzessin
heit es doch: je schner, je besser. An dieser Wiege waren nun reiche
Vergoldungen angebracht; ein vergoldeter Engel schwebte darber und
hielt in seinen Hnden den grnen Vorhang von schwerem rauschenden
Seidenstoff: Kopfkissen und Decke waren von rosa Atlas mit Ueberzug von
gesticktem Tll mit Spitzenbesatz.

Das schnste Eigenthum der Wickelpuppe war aber das Taufzeug. Es bestand
aus einem langen Kleid von Spitzentll ber rosa Atlas. Das Kind lag auf
einem Kissen von rosa Atlas und nun gab es Spitzen und Schleifen in
Menge. Besonders schn waren die Aermelchen gestickt, und das Mtzchen
erregte allgemeine Bewunderung. Eine arme Stickerin hatte vier Wochen
daran gearbeitet und von dem Lohn, den sie dafr bekam, ihre ganze
Familie erhalten. Die Wickelpuppe sah aber in diesem Taufzeug gerade so
aus, wie das Prinzechen selbst bei der Taufe ausgesehen hatte.

Wir wollen doch Taufens spielen, sagte _Lisi_ eines Tages, als eine
Gesellschaft kleiner Mdchen bei der Prinze versammelt war. Lisi war
die lteste von ihnen und pflegte gewhnlich die Spiele anzugeben. Wir
wollen die Wickelpuppe taufen, sagte sie, und ich will der Pastor
sein. Die Kinder nahmen den Vorschlag mit Jubel an; Mademoiselle Gogo,
die Bonne, hatte das Zimmer verlassen wegen eines Besuches und hatte die
Kinder gebeten, recht still zu spielen; nun! bei der Taufe machte man
auch gewi keinen Spectakel. Lisi wickelte sich in einen schwarzen Shawl
und machte sich von Papier Pffchen an den Hals. Ein kleiner Tisch wurde
als Altar angeputzt. Nun putzten sich auch die Pathen. Das Prinzechen
setzte ein Diadem ihrer Mama auf, welches diese wegen dessen Schwere auf
einige Stunden bei ihr abgelegt hatte; ein goldgestickter Longshawl ward
ihr als Schleppe angemacht. Die kleine _Diana_ befestigte zwei
Blumenkrnze der Balldamenpuppe auf den Kopf und band ihren himmelblauen
Mantel um die Taille, so da er hinten Schleppe bildete; die kleine
_Amelie_ hatte eine Echarpe von rosa Flor auf dem Kopfe befestigt und
hllte sich hinein, so da sie in einem jener Wlkchen zu stecken
schien, welche Abends vor Untergang der Sonne so schn roth aussehen.
Die lange _Jenny_ hatte aber die Mtze des kleinen Prinzen aufgesetzt,
einen Kindersbel umgeschnallt und ein Paar Vorhangsquasten als
Epauletten an die Schultern befestigt und wollte durchaus der Herr
Gevatter sein.

Nun sollte die Taufe losgehen. Lisi hatte nmlich ihr Schwesterchen
taufen sehen und nahm sich vor, es gerade so zu machen. Joly mute sich
auf die Hinterpfoten setzen, um das Mtzchen zu halten, was damals Lisis
Amt gewesen war.

Als nun die Vorbereitungen vollendet waren und die Kinder feierlich im
Kreise standen, vernahm man pltzlich ein fremdartiges Gerusch, ein
Poltern, Miauen, Winseln. Die Kinder wuten gar nicht, was es war,
-- die Wickelpuppe konnte es doch nicht sein!

Das Gerusch kam aus dem Kamin, welches im Sommer zugestellt wurde,
damit der Wind nicht herein fauchen konnte. Die Kinder frchteten sich
und flchteten schreiend und um Hlfe rufend in das andere Zimmer und
Joly verfiel in ein frchterliches Gebell. Ueber dem Lrm kam
Mademoiselle Gogo herbei und frug, was es gbe? Als die Kinder von dem
Spektakel im Kamin erzhlten, schttelte sie bedenklich den Kopf; sie
wute nicht recht, ob es gerathen sei, das Kamin zu ffnen, es konnte ja
eine Eule oder ein Uhu hineingeflogen sein; diese Vgel haben aber groe
Schnbel und pflegen damit um sich herum zu hacken; es konnte auch eine
Fledermaus sein und Mademoiselle Gogo frchtete sich vor Fledermusen.
--Alles stand um das Kamin in horchender Stellung. --Ach, die Tne
waren so leise, so hlfebedrftig, man mute ahnden, da ein Geschpf
Gottes sich sehr unbehaglich darin fhle. Lisi ri geschwind das Kamin
auf und siehe, da lag ein kleines allerliebstes Ktzchen. Es konnte kaum
14 Tage alt sein und gefiel den Kindern ungemein. Es war ein buntes
Cypernktzchen. Es hatte einen langen Schwanz, den es anmuthig bewegte,
kurze Ohren, die es klug zu spitzen wute und ein Fellchen, so weich und
glatt wie Seide. Dabei schnurrte es uerst lieblich und schien sich im
Schoo des Prinzechens sehr wohl zu befinden. Die Kinder holten Milch
herbei und es leckte dieselbe mit seinem rosarothen Zngelchen. Man sah
es ihm an, da es ihm gutschmeckte. --Die Kinder hatten sich um das
Prinzechen herumgekauert, um den kleinen Ankmmling recht betrachten zu
knnen; alle waren davon entzckt, nur nicht Joly, welcher zur Thre
hinaus gebracht werden mute, da er Lust zu haben schien, das arme
Ktzchen zu beien und aufzufressen.

  [Buntbild: Das Ktzchen wird im Kamin entdeckt.]

Als Lisi aber die Freundinnen aufmerksam machte auf die Sammetpftchen
des Ktzchens und auf deren rosarothe Sohlen, wurden die Bedienten zum
Abholen gemeldet und man mute sich trennen. Das Ktzchen war im Schoo
des Prinzechens eingeschlafen, und wir wollen es schlafen lassen, um zu
erforschen, wie der kleine Gast eigentlich in das Kamin gekommen war.




Kapitel 2.

Wie das Ktzchen in's Kamin kam.


  In Sonnenschein --
  In dunkler Nacht
  Fr Mensch und Thier
  Gottes Auge wacht.

Die Art und Weise, wie das Ktzchen in's Kamin gelangt war, gewhrt dem
aufmerksamen Leser einen Blick in die traurigen Familienverhltnisse der
Katzen. Bei dem Vogelgeschlecht ist das Mnnchen dem Weibchen beim
Nestbauen, Brten und Fttern der Jungen behilflich. Der liebenswrdige
Gatte der Nachtigall singt seinem brtenden Weibchen vor und erfreut
durch seine herrlichen Liebestne das Ohr des lustwandelnden Menschen.
Auch bei manchem vierfigen Thier findet man vterliche Zuneigung und
Frsorge fr die Jungen; aber bei den Katzen ist das nicht der Fall.
Mancher Katzenpapa hat sogar die schlechte Gewohnheit, seine Kleinen zu
fressen. Vielleicht hlt er sie fr Muse oder Ratten; vielleicht hat
er sie, weil sie die Katzen zu sehr beschftigen und von den
Mondscheinpromenaden auf den Dchern, vom Besuch der
Katzengesellschaften und von der Theilnahme an den herrlichen
Katzenconzerten, deren Ihr, lieben Kinder, gewi schon oft gehrt habt,
abhalten. Kurz, der Kater frit seine Jungen und die liebende Katzenmama
ist genthigt, dieselben gegen ihn zu vertheidigen oder vor ihm zu
verbergen. Das thut sie nun so gut sie kann, indem sie sich zu ihrem
Wochenbett Stellen aufsucht, wo Niemand so leicht hinkommt. --Ktzchens
Mutter war nun niemand Anders als Mies Mies, die Hofkatze, und sein
Vater, der sehr ehrenwerthe Hofkater, Namens Murr. Beide Eltern
erfreuten sich einer sehr eintrglichen Anstellung bei der Kche und
erhielten eine reichliche Besoldung an Hhnerknochen und Fischgrten,
die sie blos mit dem Hofraben zu theilen hatten. Mies Mies fand inde
noch nebenbei Gelegenheit, manche verhungerte Stadtkatze zu
untersttzen, denn Mies Mies hatte ein gutes Herz; aber der Kater Murr
und der Hofrabe Hans wollten das nicht leiden und scharrten in die Erde,
was sie nicht fressen konnten, lieber, als andere Thiere damit zu
erfreuen. Man htte nun meinen sollen, bei so reichlicher Kost wrde der
Vater seine Kinder verschonen, aber nein! er hatte von Zeit zu Zeit
frmlich Appetit nach jungen Ktzchen und auch der Hofrabe liebte solche
zu verspeisen. Mies Mies kannte alle diese drohenden Gefahren und war
ernstlich darauf bedacht, ihre Kinder denselben zu entziehen.

Mies Mies hatte auch ein Gesprch der Schlomagd und des Schlovoigts
belauscht, worin diese sich vornahmen, keine jungen Ktzchen mehr im
Schlo zu dulden, weil solche Unreinlichkeiten verursachten; alle Kinder
der Mies Mies sollten knftighin ersuft werden. Man kann sich denken,
wie das Herz der armen Hofkatze schlug, als die Stunde nahte, wo sie
Mutter werden sollte.

In ihre traurigen Gedanken vertieft schlich sie auf einem vorragenden
Haussims, in den Fenstern der frstlichen Gastzimmer vorber und
bemerkte, da der Wind eines dieser Fenster aufgerissen hatte, ohne da
irgend Jemand es bemerkt zu haben schien. Im Fremdenzimmer stand aber
ein Himmelbett mit blauseidenen Vorhngen, worin schon Frsten und
Grafen geschlafen hatten; das mute sich vortrefflich zum Wochenbett
eignen, es war ganz so weich und sanft, wie Mies Mies es fr ihre jungen
Ktzchen nur wnschen konnte; sie schlpfte also zum Fenster hinein,
sprang auf das Bett, whlte mit ihren Pfoten eine Art von Nest zwischen
Kopfkissen und Plmeau, und sah sich bald von drei allerliebsten
Ktzchen umgeben, die sie auch whrend neun Tagen ungestrt sugte. Nur
ein Mal tglich verlie sie ihre Kinder, um selbst Nahrung einzunehmen;
das that sie aber nur in der Nacht, damit Niemand ersphen mge, wohin
sie ihre Schritte wendete.

Die Ktzchen pflegen bis zum neunten Tag blind zu sein, bis dahin leiht
die sorgsame Mutter ihnen ihr Auge und wacht ber sie. Mies Mies
erwartete stndlich, da ihren Kindern das Licht aufgehen werde und
hatte fleiig die geschlossenen Augen geleckt, um ihnen das Aufschlagen
derselben zu erleichtern. Da vernahm sie eines Tages ein Gerusch an der
Thr; ein Schlssel wurde in's Schlsselloch gesteckt, das Schlo
gedreht, die Thr ging auf und herein trat die entsetzliche Schlomagd,
mit einem furchtbaren Besen an einem langen, langen Stiel. Mies Mies
befahl ihren Kindern ganz still zu sein; sie hoffte, die Hofmagd wrde
nur kehren und nicht das Bett machen; ngstlich blinzelte sie durch die
Spalten des Vorhangs und verfolgte jede Bewegung der Entsetzlichen. Ach
-- all ihr Hoffen war vergeblich! -- Es waren Gste angesagt und die
Fremden-Zimmer und Fremden-Betten muten in Ordnung gebracht werden.
Eine krftige Hand ri den Vorhang auseinander und das Plmeau in die
Hh'! Welch eine Unthat war da geschehen!--

Die Schlomagd erhob einen gewaltigen Lrm; sie schrie und tobte gegen
die Katze, sie schimpfte und drohte sie zu verderben mit ihrer ganzen
Brut. Mies Mies lie sich aber nicht so leicht einschchtern, sie machte
wahre Tigeraugen; sie zischte, knurrte, pustete, machte einen
furchtbaren Katzenbuckel und schien sich zu einem gewaltigen Sprung nach
dem Angesichte der Schlomagd zu rsten; dabei bewegte sie ihren Schwanz
wie eine Lwin und zeigte ihre spitzen, scharfen Zhne wie ein Leopard.
Sie erschien in ihrer muthigen Mutterliebe so furchtbar, da der
Schlomagd ganz angst und bange wurde fr ihre Augen und fr ihre rothen
Wangen und sie davon eilte, um den Schlovoigt als Beistand herbei zu
rufen.

Frau Mies Mies war inde nicht so dumm, diesen Beistand abzuwarten; sie
dachte: wenn der Schlovoigt und die Schlomagd sich mit ihren
Besenstielen ber mich hermachen, dann bin ich mit meinen lieben Kleinen
verloren, da geht es uns schlecht. --Sie beschlo also, so schnell als
mglich ihre Ktzchen hinweg zu tragen und ihnen ein anderes Unterkommen
zu suchen. So nahm sie denn ein Ktzchen in's Maul und trug es auf's
Dach; dann holte sie das zweite, dann das dritte, und als die Hofmagd
und der Hofknecht kamen, fanden sie das Bett leer. Dasselbe sah aber
nicht reinlich aus und der Hofknecht hielt sich die Nase zu und lief so
schnell als mglich davon.

Nun ergriff Mies Mies wieder das Ktzchen, das sie zuerst auf das Dach
niedergelegt hatte; sie, deren Zhne so scharf fr die Muse waren, sie
wute dieselben ganz stumpf zu machen, damit ihr Kind den mtterlichen
Zahn nicht fhlte. Sie trug es nach einer Bodenkammer, wo sie sich eines
alten Strohsacks erinnerte; dort waren die Kleinen zwar nicht so weich
und vornehm gebettet, wie frher, doch sicher vor Strung. Dann holte
die Mutter das zweite Kind -- unser Ktzchen war aber das dritte,
welches bis zuletzt warten mute.

So lag es denn allein auf dem Dache; es war bis jetzt noch blind gewesen
und wute eigentlich nicht, was man mit ihm vorgenommen hatte; es fror
und ihm war ganz unheimlich zu Muthe; da berhrt ein Strahl der
scheidenden Sonne das arme Thier und suchte dessen geschlossenes Auge,
welches sich pltzlich ffnete und zum ersten Male das Licht der Welt
erblickte. Ktzchen verfiel darber in ein ungeheures Nieen und gerieth
durch diese Bewegung in's Rollen; es rollte vom Dachgiebel herab, immer
weiter, immer weiter; es wre bis in den Schlohof gerollt, wenn das
Kamin es nicht aufgenommen htte. So kam es denn in des Prinzechens
Zimmer und gewi in sehr gute, liebevolle Hnde.




Kapitel 3.

Wie die Kinder mit dem Ktzchen spielen.


  Qule nie ein Thier zum Scherz,
  Denn es fhlt wie Du den Schmerz.

Ktzchens Ankunft war eine groe Freude fr die Kinder und besonders fr
Prinze Marie. Wenn sie frh aufwachte, mute man ihr das kleine Thier
ins Bett bringen, wo sie ihm das Frhstck gab, welches aus Milch und
Bisquit bestand. Joly, der oft eiferschtig war, wurde ohne Erbarmen
geschlagen und in die Bedientenstube verwiesen, wenn er sich neidisch
zeigte und dem Ktzchen etwas anhaben wollte. Ktzchen fhlte sich auch
bald heimisch in dem blauen mit Sternen beseten Zimmer, man merkte es
ihm an, da es in einem Himmelbett zur Welt gekommen war; denn nichts
erschien ihm zu gut, um es zu benutzen. Das Prinzechen wollte auch mit
nichts Anderem mehr spielen als mit Ktzchen. Trotzig stand die schne
groe Puppen-Knigin in der Ecke, seit 8 Tagen war ihr starkes Haar
nicht gebrstet und geflochten, ihr Staat nicht gewechselt worden.
--Gabriele, die Balldame, lag eben so lang schon im Himmelbett in der
Nachtjacke und niemand dachte daran, ihr nur ein einziges Mal die
Augenlieder aufschlagen zu lassen, unter welchen doch so schne blaue
Glasaugen ruhten. Unter dem Tisch lag aber die Wickelpuppe noch im
Taufstaat, denn sie hatte ihre schne Wiege dem Miauktzchen einrumen
mssen. Die Puppenstube befand sich aber in groer Unordnung, weil
Miauktzchen alles darin herumgeworfen hatte; der Kronleuchter war
zertrmmert, die hbschen Nippsachen zerbrochen und die kleine Uhr von
Marzipan sah gar nicht mehr aus wie eine Uhr; denn Miauktzchen hatte
die sen Bestandtheile derselben entdeckt und hufig daran geleckt.

Ktzchen durfte sich auch alle mglichen Freiheiten nehmen. Wenn die
Frstin durch das Zimmer ging mit dem Schleppkleid, sprang es auf die
Schleppe und lie sich spazieren fahren. Wenn Prinzechen mit dem
Batisttuch wedelte, haschte Ktzchen danach und hing sich mit seinen
kleinen Krallen in dessen Spitzen, welche natrlich darunter litten.

Mademoiselle Gogo pflegte in einem Lehnsessel Platz zu nehmen, wenn sie
das Prinzechen an- oder auskleidete; dann hpfte Ktzchen auf die
Lehne. Ktzchen sieht zu, sagte Mademoiselle Gogo, und sie meinte, das
knne Prinzechen vermgen, hbsch still zu halten. Das war aber eines
Tages gar nicht der Fall und Mademoiselle Gogo schttelte unzufrieden
das Haupt, so da die rothen Mtzenbnder wackelten, und da Ktzchen
meinte, alles was sich bewege, wolle mit ihr spielen, Wupp! war es auf
Mademoiselle Gogos Kopf gesprungen und hatte die rothen Schleifen in den
Klauen. Mademoiselle Gogo fiel aber beinahe in Ohnmacht vor Schrecken
und das Prinzechen konnte vor Lachen vollends nicht still halten; aber
das war auch nicht nthig, denn die gute Mademoiselle Gogo lachte gleich
darauf von ganzem Herzen mit.

Joly pflegte sein Frhstck und Mittagsmahl beim Kamin in des
Prinzechens Zimmer zu erhalten, und Ktzchen, obgleich es schon ganz
gesttigt war, fhlte stets Appetit danach und naschte davon. Wenn nun
der arme zurckgesetzte Joly sich darber erzrnte, zu bellen anfing und
Ktzchen wegjagen wollte, begann dasselbe zu pusten und zu drohen und
mit ihren Sammetpftchen Ohrfeigen auszutheilen, so da Joly das
Schwnzchen einzog und queilte und unter das Kanapee flchtete.

Ktzchen war noch gar nicht gut erzogen und pflegte oft die schnen
Teppiche zu verunreinigen; Mademoiselle Gogo machte eine Ruthe, um es zu
strafen, aber Prinzechen bat immer vor und wenn alle Welt sich die Nase
zuhielt, meinte sie immer, es sei die Resede, welche so stark dufte --
und da gab es auch manche Leute, welche das wirklich zu glauben
schienen.

Eines Tages wurden wieder die guten Freundinnen zu Chocolade gebeten und
alle freuten sich sehr am Ktzchen und spielten mit demselben auf alle
mgliche Weise. Sie bliesen eine Marabout-Feder in dem Zimmer umher und
Ktzchen haschte danach; dann kullerten sie Blle, lieen ein wchsernes
Muschen mit einem Uhrwerk umher laufen; banden eine kleine Puppe an
einen Bindfaden und lieen sie tanzen. Ktzchen machte die
wunderlichsten Sprnge bei solchem Spiel und legte eine wahre
Katzengrazie an den Tag. Eine berhmte Tnzerin soll eine Katze als
Vorbild genommen haben fr ihre Pas' und Bewegungen und unser Ktzchen
htte wirklich Tanzstunde geben knnen. Zuletzt setzten die Kinder dem
Ktzchen einen Federhut auf und zogen ihm einen Puppenberrock an, was
sich Ktzchen gefallen lie, und die Kinder waren ganz vergngt dabei.

Endlich frug Lisi: wie heit denn das Ktzchen? und alle waren
erstaunt, da es noch keinen Namen hatte. Owir sollten es taufen, wie
neulich die Wickelpuppe, das war doch ein gar zu hbsches Spiel, sagte
Lisi und Prinzechen klatschte vergngt in die Hnde.

Das ist prchtig! das ist allerliebst! riefen die Kinder.

Wir kleiden Ktzchen in das Taufzeug der Wickelpuppe, sagte Diane und
Ktzchen mute das Schleppkleid anlegen und wurde auf das rosa-atlas
Kissen festgebunden; dabei schien es sich inde nicht so behaglich und
unterhaltend zu fhlen wie bei den anderen Spielen; es war inde
gehorsam und lag ganz still, whrend die Pathen sich putzten. Es war ja
festgebunden.

Das Prinzechen schmckte sich wieder mit dem goldgestickten Shawl,
Diane mit dem blauen Mantel, Amelie mit dem rosa Schleier, Lisi kleidete
sich als Pastor und die lange Jenny erschien wieder als Herr Gevatter.

Wir haben bis jetzt noch nicht viel von der langen Jenny gesprochen und
das aus guten Grnden. Es ist nicht angenehm, von unartigen Kindern
sprechen zu mssen, und die lange Jenny war ein unartiges Kind. Freilich
konnte sie nichts dafr; denn sie hatte ihre Mutter sehr frh verloren
und wurde vom Vater und von der ganzen Dienerschaft verzogen, welche
ber ihre Unarten lachten und ihr allen Willen thaten. Sie war 8 Jahr
alt und so gro wie ein 10jhriges Mdchen; aber in der Schule wute sie
nicht mehr als die sechsjhrigen, und da sie nie ihre Aufgaben machte,
mute sie immer im Winkel stehen. Bei den Kindergesellschaften strte
sie gern das Spielen, auch erregte sie immer Zank und man hatte sie
nicht lieb und lud sie selten ein; heute war sie aber eingeladen worden.

Wie soll das Ktzchen heien? frug Lisi.

Krallktzchen! rief Jenny schnell.

O nicht doch, erwiederte das Prinzechen, das wrde ja Ktzchen an
seine einzigen Fehler erinnern.

Schwanzelius, meinte Diane, wegen des schnen Schwanzes, den es so
anmuthig zu bewegen wei.

Scheckchen, sagte Amelie. Ktzchen ist ja so scheckig wie die jungen
Kastanien, die wir zuweilen aus den grnen Schalen pochen.

Prinzechen wollte aber von all diesen Namen nichts wissen.

Ich dchte, meinte Lisi, wir tauften Ktzchen Rschen, wegen des
hbschen rosarothen Schnuzchens, was es hat.

Ja, sagte Prinzechen, Ktzchen ist aber ein Kater und darf doch
nicht einen weiblichen Namen haben. Auch wird das liebe Thier, wenn es
so gro und dick ist wie Murr, der Hofkater, nicht gut Rschen genannt
werden knnen.

Nun, sagte Lisi, so wollen wir es denn Rosaurus taufen; -- so lang es
jung ist, rufen wir es Rschen, und wird es alt und hlich, so kann es
Saurus genannt werden.

Damit waren die Kinder einverstanden und die Taufe begann. Die Pathen
stellten sich im Kreise auf, wie damals, als die Wickelpuppe getauft
werden sollte. Dem Joly wurde inde die Demthigung erspart, seinem
Feind das Mtzchen zu halten und er durfte im Lehnstuhl schlummern.

Lisi begann:

Rosaurus, du sollst nicht wie die andern Katzen, arme kleine Vgel
verspeisen; du sollst sie nicht aus ihren Kfigen herauskratzen mit
grausamer Blutgier, worber die Kinder, denen sie gehren, dann so
bitterlich weinen; du sollst nicht die jungen Vgelchen aus den Nestern
holen, da die Alten pipen und klagen ber ihre unglcklichen Kinder.
Rosaurus, du sollst auch nicht die weien Muschen verfolgen, welche bei
Nacht lustwandeln und durch die rothen Augen und hellen Fellchen sich im
Dunkeln verrathen; Rosaurus, du sollst auch die andern Muse ungestrt
knuppern lassen an Wurst und Speck, an Zucker und Bisquit. Deine Pathen
versprechen, dich recht gut zu erziehen und dir immer so viel Bisquit
und Braten zu geben, da du gar nicht an lebendige Leckerbissen denken
kannst. Du sollst durch die Liebe und Frsorge deiner Pathen aus einem
wilden Raubthiere, aus einem blutdrstigen Hausthiere, in eine edle,
sanftmthige Schookatze umgewandelt werden. ----

So weit war Lisi in ihrer Rede gekommen, als sie pltzlich unerwarteter
Weise unterbrochen ward.

Jede Gevatterin hatte nmlich whrend der Rede den kleinen
Katzen-Tufling einige Secunden auf dem Arm gehalten, wie das bei Lisis
Schwesterchen auch geschehen war, und das Kind hatte ganz still auf dem
Rcken gelegen und nur zuweilen mit den halbzugekniffenen Aeugelein
geblinzelt. Als nun die lange Jenny an die Reihe kam, fing diese an es
heftig zu wiegen, so da der kleine Rosaurus unruhig ward.

Ich mchte wohl, dachte Jenny, da der Balg etwas schrie, er fhrt
sich gar zu langweilig auf.

Whrend sie nun in scheinbarer Freundlichkeit das Gesicht ber ihn
beugte, fuhr sie mit der Hand unter das lange Schleppkleid und kniff
Ktzchen recht tchtig in den Schwanz. Kaum war das aber geschehen, als
der kleine Tufling ein durchdringendes Geschrei ausstie und in der
hchsten Wuth nach Jennys Gesicht sprang; es bi sie in die Nase und
schlug beide Vorderkrallen in ihre Wangen, so da sie vor Schreck das
Kissen fallen lie.

Das war Ktzchen eben recht, es schlpfte heraus aus den seidenen
Fesseln und ergriff die Flucht; dabei berpurzelte es sich einige Mal,
weil das lange Taufkleid den schnellen Lauf hinderte.

Ueber den Lrm erwachte Joly; er bemerkte schnell, welchen Vortheil
Ktzchens Staat seinem Feind in die Hnde spiele. Bellend verfolgte er
das arme Thier; aber dieses sprang mit dem Taufkleid auf einen Stuhl und
gab dem wthenden Joly, trotz den schnen gestickten Aermeln, zwei derbe
Ohrfeigen auf jede Seite, so da ihm das Blut aus dem Munde strmte, und
Joly heulend und schreiend sich verkroch. Rosaurus aber floh weiter und
blieb mit der Schleppe an einem Thrriegel hngen, so da dieselbe
abri; die Mtze hatte er lange schon verloren, dann schlpfte er aus
dem Taufjckchen heraus, indem er mit Krallen und Zhnen alle
Hindernisse zerri und, heilfroh, seine Banden gebrochen zu haben,
entfloh er, niemand wute wohin. Niemand wagte auch das wilde Thier zu
verfolgen, denn die Kinder frchteten dessen Verzweiflung; sie lachten
inde nach berstandenem Schreck nicht wenig; nur Jenny weinte, denn sie
blutete und es war zu vermuthen, da sie noch lange die Narben der
Katzenkrallen und Zhne tragen wrde.

Mlle. Gogo kam herbei und wusch ihr die Wunden mit frischem Wasser;
dabei zankte sie aber die Kinder aus wegen des Spiels und meinte, die
Taufe sei eine heilige Handlung; sie sei eingesetzt, um die Menschen
unter die Christen aufzunehmen und man msse nicht Scherz treiben mit
Kirche und Religion. Lisi bat sehr um Verzeihung, da sie das Spiel
vorgeschlagen und versicherte, da sie es nicht berlegt habe.

Hierauf hatten die Kinder noch viel ber den Vorfall zu plaudern, als
die Dienerschaft gemeldet ward, um sie abzuholen; man nahm Abschied und
Prinzechen konnte den Moment der Trennung gar nicht erwarten, um das
liebe kleine Ktzchen ans Herz zu drcken, welches sich in seiner Angst
sehr gut verborgen hatte. Es wollte gewi den Augenblick abwarten, wo
alles still war, um sein Abendbrot zu verlangen. --Aber es kam nicht.
Prinzechen rief mit der sesten Stimme; sie kroch unter Betten und
Komoden; sie leuchtete ins Kamin: Rosaurus war nicht zu sehen.
Prinzechen konnte sich lange nicht entschlieen, ins Bett zu gehen; sie
meinte, Ktzchen knnte nicht schlafen, wenn es nicht wie gewhnlich in
die Puppenwiege gebracht wrde. Mlle. Gogo bestand aber darauf, da die
Prinzessin sich niederlege; diese weinte aber bitterlich, ehe sie
einschlief und glaubte immer im Traum, den kleinen Rosaurus miauen zu
hren.




Kapitel 4.

Das Katzenconzert.


  Meine Freuden sind die Spiele
  Mit Geschwistern lieb und hold.
  In des Abends heit'rer Khle
  Seid ihr theurer mir als Gold.

  Meine Freude ist die Liebe,
  Die das Herz den Eltern weiht,
  Des Gehorsams fromme Triebe
  Und die reine Dankbarkeit.

Rosaurus war in seiner Angst ber die lange Jenny, die ihn gekniffen,
ber Joly, der ihn verfolgt, ber das Geschrei der Kinder, welches ihn
erschreckt hatte, in raschem Laufe geflohen und durch alle frstlichen
Zimmer geeilt, um so viel als mglich Raum zwischen sich und seinen
Feinden zu lassen; im letzten Zimmer hatte es im Kamin eine kleine
Oeffnung entdeckt und war hineingeschlpft, heilfroh sich in Sicherheit
zu sehen, denn dorthin konnte selbst Joly nicht dringen; er setzte sich
zufrieden auf seine Hinterbeine, schlug den Schwanz um seinen Krper und
begann zu schnurren, was die Katzen immer zu thun pflegen, wenn sie ber
das Leben nachdenken. --Es war dunkel im Kamin, nur von hoch oben drang
zur Oeffnung des Schlotes das Licht ein und erweckte in Rosaurus jenes
Streben nach oben, jenes Bedrfni der Seele, sich immer hher und hher
zu schwingen, welches dem Katzengeschlecht angeboren ist. Er versuchte,
in die schwarzberuten Wnde des Kamins die scharfen Krallen zu fgen
und siehe da! das kluge Thier, welches bisher nur auf ebener Erde und
auf weichem Teppiche gewandelt hatte, es konnte klettern. Ja, Rosaurus
kletterte und kletterte, bis er oben angelangt war, an das Ende der
dunkeln Hhle, die nach einem neuen Leben fhrte. Rosaurus sa auf dem
Dach; ber sich hatte er den Himmel, zu seinen Fen die Welt, d.h.
den Schlohof und einen Theil der Stadt. Die letzten Strahlen der
untergehenden Sonne lieen die blechernen Dachrinnen in wunderbarer
Pracht erglnzen; hie und da flatterte noch ein verspteter Vogel. Der
Hofrabe sa auf dem Balkon und krchzte sein Abendlied, whrend der
Hofhahn sein letztes Kickeriki, welches wahrscheinlich eine gute Nacht
fr seine Hhner bedeuten sollte, von sich gab; Rosaurus sa staunend
und entzckt auf dem Dache und wute gar nicht, was er ber alle die
Schnheiten dieser Welt, die sich ihm erschlossen, denken sollte.

Da sah er aus einem Bodenfenster drei Gestalten hervorkriechen, bei
deren Anblick sein Herz heftig zu schlagen begann. Er hatte diese
Gestalten noch nie gesehen, er wute nicht, wie sie hieen, es waren
keine Menschen, denn sie gingen nicht auf zwei Fen, es waren keine
Hunde, obgleich sie auf allen Vieren einherschritten; onein! es waren
Wesen hherer Art; es muten Katzen sein. Er vermochte sein Auge nicht
von ihnen hinwegzuwenden, ihre anmuthigen Bewegungen hatten einen
unwiderruflichen Reiz fr ihn -- die kleinen Ktzchen sprangen an der
Alten empor; diese legte sie sanft mit der groen Sammetpfote auf den
Rcken und tndelte mit ihnen in freundlicher Herablassung; dann leckte
sie die Kleinen. Dieses ist nmlich die Art und Weise, wie die Katzen
der Reinlichkeit pflegen, und fr Rosaurus war dieses Beispiel eine
ernste Mahnung. Ach, wie sah er aus! Auf der einen Katerpfote hatte er
noch den Spitzenrmel des Taufkleides; der brige Krper war geschwrzt
vom Ru des Kamins. Rosaurus streifte den Aermel ab und begann nun auch
sich zu lecken, indem er jedoch die Katzenfamilie immer im Auge hatte
und dann und wann durch ein zartes Miau ihre Aufmerksamkeit auf sich zu
lenken suchte. Pltzlich erblickte die groe Katze ihn; sie stutzte
einen Augenblick und hielt ein mit dem Tndeln; sie setzte sich auf die
Hinterbeine und sah ihn unverwandt an; dann nherte sie sich ihm mit dem
Zeichen der grten Gemthsbewegung! -- Pltzlich fhlte Rosaurus sich
von zwei zrtlichen Armen umschlossen und es ahnete ihm, da seine
Mutter ihn an's Herz drckte. Ja es war Mies Mies, die Hofkatze, welche
den verlorenen Liebling so unverhofft wieder fand, nachdem sie ihn
vierzehn Tage lang beweint hatte. Heute zum ersten Mal fhrte sie ihre
beiden zurckgebliebenen Kinder in die Welt ein, jetzt hatten sie nichts
mehr vom unnatrlichen Vater noch vom bsen Hofraben zu frchten, diesen
Gefahren waren sie entwachsen; auch konnte die grausame Schlomagd sie
hier nicht erreichen. O, das war eine groe Freude des Wiedersehens! wie
glcklich fhlte sich Rosaurus! wie hbsch spielte es sich mit den
Geschwistern! welche zierliche Sprnge wurden im Mondenschein von den
drei jungen Ktzchen aufgefhrt! Die Mutter hatte ihre groe Freude
daran und schaute mit wrdiger Miene dem muntern Treiben zu. Pltzlich
drngten die Kleinen sich ngstlich um die Mutter, denn aus einem
Bodenfenster leuchteten ein Paar unheimliche Augen, die sie mit Furcht
erfllten. Sie hatten aber keine Ursache zum Frchten, denn es war
niemand Anderes als Murr, der schwarze Hofkater, welcher nur noch zum
Familienglck gefehlt hatte. Es gab eine rhrende Erkennungsscene; dann
setzte sich der Kater neben Mies Mies, und whrend die beiden Alten
plauderten, spielten die Kleinen von Neuem und freueten sich des Lebens.
Als sie das Bedrfni nach Nahrung fhlten, fhrte Mies Mies sie alle
nach der Bodenkammer, wo sie auf dem alten Strohsack eine leckere
Mahlzeit anrichtete; dieselbe bestand aus Hringsgrten und
Taubenknchelchen. Rosaurus fand inde keinen Geschmack daran; er
rmpfte die Nase und dachte an die guten Bissen des prinzelichen
Tisches.

Ich habe, sagte Murr leise zu Mies Mies, ein Sperlingsnest entdeckt;
die Jungen mssen jetzt ziemlich flgge sein; wie wre es, meine Liebe,
wenn wir sie jetzt zusammen verspeisten, whrend die Jugend sich so
herrlich belustigt.

Mein Lieber, sagte Mies Mies, wie knnte ich schwelgen in solchem
Genu, whrend meine lieben Kleinen denselben entbehren mssen; ich habe
schon lngst ein solches Nest gesucht, um ihnen den ersten Unterricht zu
ertheilen, in jenem schnen anmuthigen Vogel- und Musespiel, worin
unser Geschlecht so groe Geschicklichkeit entwickelt; denn wir strzen
uns nicht gierig auf unsere Beute, wie andere Thiere, wir zeigen uns
nicht gefrig und sinnlich: onein, wir wissen den Genu zu verlngern
und bekunden dadurch einen hhern Ursprung. Unsere Kinder hatten noch
nie Gelegenheit, dieses Talent zu entwickeln.

Murr schien nicht groe Lust zu haben, die gute Mahlzeit mit so Vielen
zu theilen, inde schmte er sich, seinen Eigennutz einzugestehen und so
bewegte sich denn die ganze Familie nach einem andern Theil des Dorfes,
wo in dem Winkel einer Dachrinne ein Sperlingspaar auf seinem Nestchen
schlief. Murr ergriff die Sperlingsmutter mit scharfer sicherer Kralle,
whrend das Mnnchen schreiend entschlpfte. Ach, das Angstgeschrei des
Weibchens erreichte sein Ohr. Murr hatte dasselbe der Mies Mies
gebracht, welche die kleinen Katzen lehrte, wie sie den Vogel bald am
Flgel, bald am Schwanz packen muten, wie sie ihm bald eine Feder dort,
bald eine hier entreien sollten und wie sie das frische Blut zu lecken
hatten; endlich fra Murr das arme Thier, um ihnen zu zeigen, wie man
mit Anstand einen Vogel verzehren msse. Als nun Murr sich dem Neste
wieder nherte, flatterten die jungen Vgel erschreckt auf; der
Sperlings-Vater sa trostlos auf dem Schornstein, er schwang sich hoch
in die Luft, von wo er Zeuge war des Todes seiner Kleinen; die ganze
Katzenfamilie strzte sich ber dieselben her und entwickelte ihr Talent
zum Vogelspiel; besonders Rosaurus zeigte sich sehr geschickt darin; er
hatte sich nicht umsonst an Maraboutfedern, Knulen und Puppen gebt;
sein Vgelchen lebte am lngsten -- endlich fra er es auf, wofr er
eine derbe Ohrfeige vom Murr erhielt, welcher dieses auch hatte
verzehren wollen, wie es mit den andern geschehen war. Diese Ohrfeige
nahm Rosaurus sehr bel; er war nicht an eine so unwrdige Behandlung
gewhnt; auch verglich er im Stillen die guten Bissen in Prinzechens
Zimmer, die Bisquits und gebratenen Fleische mit diesem Vgelchen au
naturel. Mies Mies merkte seine Verstimmung, und um ihn auf andere
Gedanken zu bringen, schlug sie einen Gesang vor. Mies Mies hatte eine
wunderschne Alt-Stimme, Murr einen guten Ba; Beide stimmten ein
herrliches Duett an und die Discantstimmen der drei Ktzchen bildeten
den Chor. Es war eine erhabene Musik! So etwas hatte Rosaurus nie am
Hofe gehrt. Thrnen der Rhrung traten ihm in's Auge, als er im
herrlichen Mondschein, so nah dem Himmel, seine Familie auf den
Hinterbeinen sitzend, mit halbzugekniffenen Augen, weitgeffneten
Schnauzen und auf die Seite gebeugten Huptern, so herrlich singen
hrte.

  [Buntbild: Das Katzen-Concert.]

Aber dieser Gesang sollte frchterlich enden. Aus dem Schornstein
tauchte ein schwarzes entsetzliches Wesen -- es war ein Schlotfeger!
Er schwang ein furchtbares Instrument und schrie gewaltig ber den
Katzenspectakel. Dann schleuderte er das Instrument mitten unter die
Armen, welche in ihrer knstlerischen Begeisterung auf solche Strung
keineswegs gefat waren; sie flohen nach allen Seiten zu unter lautem
Jammergeschrei; das weie und das schwarze Ktzchen waren schwer
verwundet. Rosaurus entkam aber glcklich und fand auch das bekannte
Kamin, wo er geschickt hinabsprang. Leise schlich er in die frstlichen
Zimmer und legte sich allein in die Puppenwiege, als der Morgen schon
graute. Rosaurus dachte: Ja, hier lebt es sich doch besser als auf dem
Dach, hier ruht es sich besser als auf dem alten Strohsack und die
Hofspeisen schmecken besser als die Hofgrten. Rosaurus nahm sich vor,
noch fernerhin hier zu bleiben und nur dann und wann Spatziergnge auf
das Dach zu halten, um sich den Genu der herrlichen Concerte zu
gewhren. --Gro war des Prinzechens Freude, als sie am andern Morgen
Rosaurus das Frhstck reichen konnte; aber wie sah Rosaurus aus! Sein
ganzes Fell war schwarz geworden vom Ru des Kamins und er hatte auch
die schne Puppenwiege und des Prinzechens weies Nachtkleid schwarz
gemacht. Er sa neben der kleinen Prinzessin, als sie folgendes Gedicht
in den Lehrstunden aufsagen mute:

Die Katzen und der Hausherr.

  Murner, eine Cyperkatze
  Gab unlngst den Gildeschmau,
  Und ersahe sich zum Platze
  Eines Brgers Wohnung aus.

  Mensch und Thiere schliefen feste,
  Selbst der Hausprophete schwieg,
  Als ein Schwarm geschwnzter Gste
  Von den nchsten Dchern stieg.

  Murner kommt, sie zu begren,
  Fhrt sie d'rauf in einen Saal,
  Und setzt jeden auf ein Kissen
  Von der feinsten Katzenzahl.

  Sechzig feiste Musezimmel
  Machten die Versammlung satt;
  Ob geschickt, das wei der Himmel,
  Jeder giebt's so gut er hat.

  Von der Mahlzeit ging's zum Tanze,
  Wo der Wirth sich hren lie,
  Und auf einem Rattenschwanze
  Manch verliebtes Stckchen blies.

  Hinz, des Erstern Schwiegervater,
  Sang darein erbrmlich schn,
  Und zween abgelebte Kater
  Qulten sich, ihm beizusteh'n.

  Jetzo tanzen alle Katzen,
  Poltern, lrmen, da es kracht,
  Zischen, heulen, sprudeln, kratzen,
  Bis der Herr im Haus erwacht.

  Dieser springt mit einem Stecken
  In den finstern Saal hinein,
  Schlgt um sich, sie zu erschrecken,
  Schmeiet einen Spiegel ein.

  Stolpert ber einige Spne,
  Strzt im Fallen auf die Uhr,
  Und zerbricht zwei Reihen Zhne.
  Blinder Eifer schadet nur!

Was mochte wohl Rosaurus denken, als die Prinzessin dieses Gedicht
aufsagte? Gewi erweckte es in ihm Erinnerungen an die vergangene Nacht.




Kapitel 5.

Katzenerziehung.


  Artig, flink und rein
  Mssen Ktzchen sein.

Rosaurus wurde nun zu einem recht liebenswrdigen Ktzchen erzogen; ja
er zeigte tglich mehr seine groen Anlagen zu den bei einem wirklichen
Hofkater so nthigen Hofmanieren. Er eignete sich immer mehr den Ton der
feinen Welt an, und wenn auch die kleine Prinzessin sich nicht sehr
bemhte, zu seiner Erziehung beizutragen, indem sie ihn eigentlich nur
verzog, so erwarb sich doch Mlle. Gogo groe Verdienste um seine
Bildung.

Eines Tages hatte Rosaurus sich gerade auf den Sammtsessel gelegt, den
die Prinzessin bei der Lection einnehmen sollte und schien sehr s zu
schlafen, denn er schnarchte laut. Als nun die Prinzessin ihn vom Stuhl
herunter schieben wollte, so leise und zart als mglich, indem sie ihm
noch gute Worte gab, da lie das bse Thier ihm seine Krallen fhlen und
vier blutige Streifen liefen auf dem weien Arm herab. Da ergriff Mlle.
Gogo aber eine kleine Ruthe und schlug Rosaurus damit recht derb auf den
Rcken; er schrie und floh unter das Kanapee. Aber er war ein kluges
Thier und man hat es nie wieder erlebt, da er sein Sammetpftchen
verleugnet htte, wenn die Prinzessin sich mit ihm abgab. --Ja er legte
sich nie wieder auf ihren Sammetsessel, sondern auf ein Fubnkchen ihr
zu Fen; dort rhrte Rosaurus sich nicht, whrend sie Unterricht hatte;
ja zuweilen hrte er so aufmerksam zu, da man htte meinen sollen, er
verstnde alles, was die Lehrer lehrten. Nur bei dem Klavier-Unterricht
wurde es ihm unheimlich zu Muthe und man sah oft, da er sich mit seinen
kleinen Pfoten die Ohren zuhielt, wenn die Prinzessin spielte.
Vielleicht waren es einige falsche Tne, die dem fr Katzenkonzerte so
gebildeten Ohre weh thaten. Oder liebte Rosaurus berhaupt nicht alles,
was zu laut war? Ja! wenn die Prinze die Janitscharen-Musik anstimmte,
da begann Rosaurus oft zu miauen und mute zum Zimmer hinausgebracht
werden. Eine andere ble Angewohnheit mute der junge Kater ablegen. Er
liebte nmlich vor Allem zu klettern, und da es im frstlichen Zimmer
weder Bume, noch Mauern, noch Dcher gab, um seinem angeborenen Trieb
zu gengen, sprang er gern auf die Tische. Da stie er im khnen Sprung
manches hbsche Nipp herab; ihm war es ganz einerlei, ob eine schne
vergoldete Tasse, ein kostbares Kristallglas oder ein sonstiges
Kunstwerk zu Grunde ging; da mute Mlle. Gogos Ruthe ihm erst den
richtigen Kunstsinn beibringen. Einstmals war er auf des Prinzechens
Schreibtisch gesprungen, hatte erst mit ihren Federn gespielt, dann ein
kostbares in Leder gebundenes Album zernagt und zuletzt noch das
Tintefa umgeworfen. Das war eine schne Bescherung! Der arme Rosaurus
mute gewaltig dafr ben.

Rosaurus hatte eine groe Abneigung gegen die Ruthe; wir glauben, da es
nicht blos um des physischen Schmerzes willen war, sondern auch wegen
seiner Ehre; dann mochte er auch nicht leiden, da sein Fell in
Unordnung gerieth; er hatte den Grundsatz, da wenn man in guter
Gesellschaft lebe, man auch anstndig gekleidet sein msse. Die Katzen
pflegen nun Toilette zu machen, indem sie sich lecken. Das rosa
Zngelchen dient ihnen als Kleiderbrste, der eigene Speichel als
Schnheitswasser. --Rosaurus hatte nun ein Pltzchen gefunden, wo es
keinen Schaden anrichten konnte; das war nmlich die Fensterbrstung.
Dort sa er viel und leckte sich. Sein Fell glnzte wie Schillertaffet;
den Schwanz schlang er auf anmuthige Weise um den Krper, so blickte er
hinaus in die Welt, und alle Vorbergehenden, die ihn sitzen sahen,
blieben stehen und sagten: -- ach seht doch das hbsche Ktzchen der
Prinzessin!

Als nun einstmals die Freundinnen wieder eingeladen wurden, waren sie
hchst erfreut, ihren kleinen Taufpathen wieder zu sehen und alle
streichelten ihn freundlich, nur Jenny nicht, welche noch immer Spuren
seiner Zhne und Krallen im Gesicht trug. Wenn sie ihn ansah, dachte sie
immer: Das abscheuliche Thier, wenn ich ihm nur etwas anhaben knnte!
Rosaurus mochte ihre ble Absicht ahnden, denn er entfernte sich und
lie sich den ganzen Abend nicht mehr sehen.

Als die Kinder nun abgeholt wurden, war Jenny die erste, welche sich
entfernte, und als sie im Vorzimmer ihren Mantel umnehmen wollte, siehe,
da hatte sich Rosaurus auf demselben gebettet und schlief so fest und
s, da er nicht einmal von einer Strung trumte.

Du hliches Thier, sagte Jenny leise, da hab' ich dich endlich; du
sollst mir nun fr deinen Frevel ben und geschwind, ehe es Jemand
sah, und ehe Rosaurus sich auf ein hlferufendes Miau besinnen konnte,
steckte sie ihn in den Arbeitsbeutel und trug ihn mit sich fort.

Das ist recht gut, dachte sie im Gehen bei sich selbst, da das Thier
auf gute Manier fortkommt; denn seitdem es beim Prinzechen ist, kann
gar nichts Ordentliches mehr gespielt werden, alles bewegt sich um das
dumme Thier! Wie ich es hasse!

Jennys Weg fhrte ber eine Brcke; ich werde Rosaurus ins Wasser
werfen, sagte sie zu sich selbst, da ist es mit ihm auf immer vorbei!

Als das Prinzechen vor Schlafengehen ihren Rosaurus vergebens suchte,
da dachte sie: Oer wird gewi wieder zur Esse hinauf sein auf das Dach
zu seinen Geschwistern; denn sie hatte durch die Hofmagd von der
Katzengesellschaft gehrt, die der Schlotfeger an jenem Abend gestrt
hatte, so wie auch von den zwei schwer verwundeten Ktzchen, und sie
lie dem Schlotfeger befehlen, ihren Rosaurus nicht wieder zu
erschrecken; dann legte sie sich nieder und trstete sich mit der
Hoffnung, am andern Morgen Rosaurus wieder zu sehen. Diese Hoffnung
sollte aber nicht in Erfllung gehen.




Kapitel 6.

Die Kinder der Armuth.


  Trockne deine heien Zhren
  Von dem bleichen Angesicht;
  Bald wird Gott dir Trost gewhren,
  Er vergit dich ewig nicht.

In einer engen Strae lebte in einem kleinen Huschen eine arme Familie.
Sie bewohnte ein niedriges rauchgeschwrztes Hinterstbchen. Vater,
Mutter und Kinder waren in Lumpen gehllt. Der Vater lag auf einem
Strohsack, welcher des Nachts als Familienbett diente; er hatte den
ganzen Tag darauf gelegen in jenem halbwachen Zustand, den der Genu
geistiger Getrnke, vereint mit Trgheit des Krpers und Verstimmung der
Seele hervorzubringen pflegt. Ob er nicht arbeiten konnte oder wollte?
wer wei das. Die Mutter arbeitete auch nicht, sondern sa auf einer
hlzernen Bank und hatte ein dreijhriges Tchterchen auf dem Schoo,
welches eben so schmutzig und ungekmmt war, als sie selbst. Ein anderes
kleines Mdchen von 8 Jahren kauerte im Winkel und weinte; sie hatte Weh
am Fu, weil sie in einen Glasscherben getreten hatte; denn das arme
Kind mute immer barfu laufen, weil die Eltern ihr keine Schuhe kaufen
konnten.

Dieses kleine Mdchen hie Dorothea und wurde gewhnlich Dorte genannt.

Mich hungert's so sehr, klagte Dorte, wre nicht mein ber Fu, so
htte ich Euch schon lngst etwas heim gebracht. Wilhelm braucht immer
mehr Zeit, um etwas zusammen zu betteln.

Wie kommt das nur? fragte die Mutter.

Ja, er kann sich nie ein Herz nehmen, die Leute anzubetteln, da schiebt
er mich immer vor; er maust viel lieber.

Halts Maul, Mdchen! schrie der Vater, wenns Jemand hrt, so --

Ich wollte ja eben, da Vater und Mutter es hren mchten, sagte
Dorte; mir gehorcht Wilhelm nicht, und ich frchte immer, da er noch
sich selbst und uns Alle ins Unglck bringt.

Wir armen Leute, erwiderte der Vater, mssen eben so gut leben, als
die Reichen, und wenn diese uns nichts geben, so nehmen wir's.

_Dorte._ Ich habe neulich in der Schule ein Verschen gelernt, welches
ich immer befolgen will: Du sollst nicht lgen und nicht stehlen, und
was du findest, nicht verhehlen.

_Mutter._ Dabei wirst Du aber nicht sehr reich werden!

_Dorte._ Und doch brachte ich neulich einen ganzen Thaler mit nach
Hause. Oder glnzte! Prinzechen hatte ihn mir geschenkt, als es im
Winter so kalt war und ich so bitterlich weinte, weil mich so hungerte.

_Mutter._ Ich wei wohl, da du nie so gut weinen kannst, als wenn du
Hunger hast.

_Dorte._ Darum schickt Ihr mich so oft mit leerem Magen zum Betteln aus.

_Vater._ Ja die Dorte zwingt es immer mit ihren Thrnen, der Wilhelm
aber mit dem Verstande. Das ist ein kluger Kopf! der wird es noch weit
bringen.

_Dorte._ Bis zum Galgen! so meinte neulich ein dicker Herr.

_Mutter._ Wer war der Schndliche, der sich unterstand, das von meinem
Wilhelm zu sagen?

_Dorte._ Ich kenne ihn nicht, es war am Sonntag.

_Vater._ Wo der Wetterjunge 12 Groschen nach Hause brachte.

_Dorte._ Ja! die er sich mit Lgen verdient hatte.

_Mutter._ Wie so denn?

_Dorte._ Er hatte sich an einer Straenecke aufgestellt, wo viele Leute
vorber gehen muten; dort that er, als ob er weine und etwas suche. Kam
nun ein Mitleidiger vorber und frug: was ihm fehle? so klagte er, da
er einen Groschen verloren habe, wofr er fr die kranke Mutter Arznei
habe kaufen sollen; nun werde er Schlge erhalten, wenn er nach Hause
kme. Und mancher Vorbergehende schenkte ihm einen Groschen. So wie der
Geber sich aber entfernt hatte, begann die Geschichte von Neuem.

_Vater._ Der Blitzjunge!

_Dorte._ Ja, und wie gut er weinen konnte! selbst wenn ich Hunger habe
und mit leerem Magen betteln mu, kann ich es nicht so gut.

_Mutter._ Du wirst aber immer ein dummes Mdchen bleiben.

_Dorte._ Ich mchte aber auch nicht so ankommen, wie Wilhelm an jenem
Tage.

_Vater._ Nun, wie kam er denn an?

_Dorte._ Ein dicker Herr, der ihm schon ein Mal einen Groschen geschenkt
hatte, kam zufllig denselben Weg wieder zurck. Wilhelm erkannte ihn
aber nicht wieder und begann abermals, um den verlorenen Groschen zu
weinen und zu schluchzen. Da gab der Herr ihm eine Ohrfeige rechts und
eine links und sagte: -- Vielleicht rettet dich das von dem Galgen.

  [Buntbild: Rosaurus wird gestohlen.]

Man hrte hier die Hausthr gehen und herein trat Wilhelm mit einem sehr
vergngten Gesicht. Er hielt etwas unter der Rocktasche verborgen und
als er sich versichert hatte, da niemand Fremdes im Zimmer sei, zog er
einen schweren Arbeitsbeutel von grnem Sammet hervor.

Der Vater erhob sich bei diesem Anblick von seinem Lager, die Mutter
rckte dem Tisch nher, Dorte und die kleine Hanne blickten mit
neugierigen Augen nach dem erbeuteten Gegenstande in der Hoffnung, etwas
Erfreuliches daraus hervorlangen zu sehen. Vater und Mutter erwarteten
Geld, die Kinder Lebensmittel. Wilhelm erzhlte, er habe den Beutel
einem kleinen Mdchen vom Arm geschnitten bei der groen Brcke. Die
wird sich wundern! sagte er; sie hat gar nichts gemerkt; auch war es
schon etwas dunkel.

Er ffnete den Beutel und heraus kam -- _Rosaurus_; er schien sich nicht
ganz behaglich zu fhlen, ja sogar auf einen feindseligen Angriff gefat
zu sein; denn er machte einen gewaltigen Katzenbuckel und begann zu
knurren und zu pusten. Die Kinder lachten. Nun, meinte der Vater, da
httest du auch etwas Besseres erwischen knnen. Glcklicherweise fand
sich nebst einem Taschentuch auch ein Fnfgroschenstck im Beutel; auch
kramte Wilhelm einige Semmeln und Aepfel aus, die er in der Dmmerung
von Bckern und Hckern gestohlen hatte. --Man theilte solche unter
sich und verzehrte sie.

Rosaurus fhlte sich keineswegs heimisch in dieser Umgebung, er war ja
an den frstlichen Palast gewhnt; auch verschmhte er die Brodkrumen,
welche Dorte ihm bot, und machte ein ganz philosophisches und
nachdenkliches Gesicht. Vielleicht dachte er an seiner Pathen
Versprechungen von Bisquit und Leckerbissen, denn er brach in ein
klgliches Miau aus.

Was sollen wir nur mit der Katze anfangen, Wilhelm? sagte die Mutter,
du wirst uns doch nicht zumuthen, unsere Kaffee-Milch mit ihr zu
theilen. Wirf sie zum Fenster hinaus oder setze sie vor die Thr.

Das arme Thier, meinte Dorte; es ist gewi gewohnt, recht gut
verpflegt zu werden und wird sich auf der Strae unbehaglich fhlen; wir
wollen es bis morgen frh behalten, dann trag ich es in ein vornehmes
Haus, wo man es gewi aufnimmt.

Nein, nein! sagte Wilhelm, die Katze ist mein und bleibt hier. Ich
wei schon, was ich mit ihr anfange. Morgen geht das Vogelschieen los,
da bringe ich sie in die Menagerie und verkaufe sie als einen Braten fr
den groen Lwen. Wenn ich auch nichts dafr bekomme als den freien
Eintritt. Ich sehe so etwas gar zu gern, besonders die Affen -- von
ihnen kann man recht geschickt stibitzen lernen. Auch giebt es dort
gefllte Taschen, erreichbare Taschentcher, unbeachtete Arbeitsbeutel
-- kurz eine gute Ernte fr arme und geschickte Leute.

In dieser Gesellschaft brachte Rosaurus die Nacht zu, und schlummerte in
Dortens Schoo so sanft, wie in seiner Puppenwiege.

Am andern Morgen ward es sehr bald lebendig, denn es war der Tag der
Holzlese und Vater und Mutter gingen in den Wald. Beide waren dafr
bekannt, da sie lieber frische Aeste abbrachen, als sich mit dem alten
Holz begngten; dadurch fiel ihre Erndte auch immer reichlicher aus, als
die anderer armen Leute.

Wilhelm und Dorte sollten in die Schule gehen; letztere wusch und kmmte
vorher das Schwesterchen; dann gab sie Rosaurus ihre Milch und trank
ihren Kaffee schwarz. Wilhelm dehnte sich aber noch lange auf seinem
Strohsacke.

Willst du nicht aufstehen? sagte Dorte, es ist bald Zeit zur Schule.
Langsam erhob er sich, frhstckte und machte Anstalt, die Schwester zu
begleiten. Als sie die Thr hinter sich geschlossen hatten, sagte Dorte:
Es freut mich, da Hannchen heute nicht so ganz allein bleibt, wie
gewhnlich.

Wer ist denn bei ihr? frug der Bruder.

Nun das Ktzchen.

Potztausend! das hatte ich ganz vergessen, sagte er, indem er noch ein
Mal die Thr aufri, rief er in die Stube. Hanne, wenn du mir das
Ktzchen anrhrst, so kriegst du Prgel!--

Hannchen war aber ein sehr unfolgsames Kind; sie war nicht zum Gehorsam
erzogen worden, und man brauchte ihr nur etwas zu verbieten, so bekam
sie Lust, es zu thun. Als sie sich also allein mit Ktzchen sah, ging
sie auf dasselbe zu, um es zu streicheln. Rosaurus lie sich das wohl
gefallen und schnurrte; dann nahm sie das Ktzchen auf den Arm und trug
es im Zimmer umher. --Dann meinte die Kleine, sie wolle etwas zum
Fenster hinaus sehen; deshalb stieg sie auf einen Stuhl, machte das
Fenster auf und lud Ktzchen ein, sich aufs Gesims zu setzen und die
Vorbergehenden zu betrachten.

Rosaurus schien Gefallen daran zu finden und nahm seine philosophische
Stellung auf den Hinterbeinen an und berlegte sich, was er thun wolle?
Das Fenster war sehr niedrig, ein kleiner Sprung und Rosaurus war auf
der Strae. Vielleicht konnte er sich dann leicht in der Stadt zurecht
finden, und ins Schlo oder wenigstens zu einer Freundin des
Prinzechens gelangen.

Rosaurus fand diesen Schritt sehr gerathen, er machte Anstalt, die
innere Fensterbrstung mit der ueren zu vertauschen; -- Hannchen
wollte es nicht leiden und erfate den Flchtling beim Schwanz -- aber
Rosaurus schlug seine Krallen in des Kindes Hndchen und husch! -- unten
war er, worauf er in gestrecktem Laufe die Strae verlie.




Kapitel 7.

Weitere Erlebnisse des jungen Katers Rosaurus.


  Wer jetzt das Thierlein liebt,
  Wird einst auch Menschen lieben,
  Wer jetzt das Thierlein qult,
  Wird Menschen einst betrben.

Als Rosaurus an das Ende der Strae gelangt war, hielt er im raschen
Laufe an, um wieder zu Athem zu kommen; er setzte sich auf einen
Prallstein, um die unbekannte Strae und seine eigene Lage besser zu
berschauen. Ach! er war in eine ganz fremde Welt gerathen, in welcher
er sich nicht zurecht finden konnte. Fremde Menschen gingen an ihm
vorber, ohne ihn eines Blickes zu wrdigen; ach! wie fhlte Rosaurus
sich unglcklich und verlassen. --Pltzlich aber schien sein Schicksal
sich aufzuklren; zwei kleine wohlgekleidete Mdchen kamen daher,
begleitet von ihrer Bonne. Sie hatten groe Arbeitstaschen und schienen
in die Schule gehen zu wollen. Rosaurus erkannte Lisi und Amelie, seine
beiden Freundinnen, und hoffte, die Stunde seiner Erlsung habe
geschlagen. Er sprang hinunter vom Prallsteine und eilte auf die Kinder
zu, sich mit einem ausdrucksvollen Katzenbuckel an Lisi anschmiegend und
ihr zwischen die Fe laufend. Die Kinder blieben stehen.

Ach! das niedliche Ktzchen, sagte Amelie, das sieht doch gerade aus,
wie der Rosaurus der Prinzessin.

_Lisi._ Wie kme dieser aber hierher? der schlummert wahrscheinlich noch
in seiner Wiege, oder frhstckt Milch und Bisquit, whrend dieses arme
Thierchen hier ziemlich hungrig zu sein scheint.

_Amelie._ Knnten wir es doch mitnehmen, das Ktzchen sieht uns an, als
wolle es unseren Schutz anflehen, es hat gewi seinen Herrn und seine
Heimath verloren.

O! sagte die Bonne, es gehrt wahrscheinlich in eins der benachbarten
Huser, man wird es bald suchen und wir wrden einen Diebstahl begehen,
wenn wir es mit uns nehmen wollten. Lisi meinte auch, da sie doch
unmglich ein Ktzchen mit in die Schule bringen knnten, und schlug
vor, dem armen Thiere etwas zu fressen zu geben und nach beendeter
Schule wieder an dieser Stelle vorber zu gehen, um es mitzunehmen, wenn
es noch immer so verlassen, einsam und unglcklich sein sollte.

Die Kinder brockten zufolge dieses Beschlusses, den auch die Bonne
billigte, etwas Bisquit und Semmel auf einen reinlichen Stein der
Straenecke, wnschten dem Ktzchen guten Appetit und gingen von dannen.

Da Rosaurus wirklich groen Hunger hatte und ihm kein Mittel zu Gebote
stand, sich seinen Freundinnen zu erkennen zu geben, indem sie die
Katzenbuckel-Sprache doch nicht so ganz deutlich zu verstehen schienen,
strzte er sich gefrig ber das Bisquit her, indem er sorgfltig die
Semmelbrocken liegen lie. --Er sollte inde, noch ehe er die Mahlzeit
vollendet hatte, gestrt werden; denn er vernahm aus der Ferne ein
furchtbares Donnern und Krachen, und meinte einen Augenblick, die ganze
Welt gehe unter; sein Gemth beruhigte sich nicht, als er die
Veranlassung dieses Gerusches erblickte. Es kam nmlich ein Ungeheuer
die Strae entlang gesaust; war es ein Thier? war es etwas Anderes? Es
hatte vier glnzende Augen, acht Beine, und noch auerdem vier Rder,
welche den ungeheuren Lrm verursachten. --Spter erfuhr Rosaurus wohl,
da es eine Kutsche mit zwei Rdern sei, aber damals war er ja gar zu
unerfahren in der Welt. Als das Ungethm sich auf ihn zu bewegte,
ergriff er die Flucht; er whnte sich verfolgt, weil die Kutsche
denselben Weg einschlug, wie er, und so lief und lief er denn, bis er in
eine Seitenstrae gerieth, wo der gefhrliche Feind vorber fuhr. So
hatte Rosaurus in der wilden Flucht sich weit entfernt von der Stelle,
wo Lisi und Amelie ihn wieder zu finden gedachten. Rosaurus sollte aber
bald noch andere Gefahren kennen lernen.--

Ein vierbeiniges Geschpf lie sich nmlich am uersten Ende der Strae
erblicken. Rosaurus dachte sich gleich, da dasselbe ein Hund sei,
obgleich es keineswegs dem Joly glich, es war gewi viermal grer als
Joly, hatte ganz schwarzes gelocktes Haar, lange herunterhngende Ohren
und kleine schwarze Augen, welche unter dichten Haarbscheln
hervorglnzten.

Als der Pudel Kartusch den Rosaurus erblickte, stutzte er einen
Augenblick und legte durch ein kurzes abgebrochenes Gebell seine
katzenfeindlichen Gesinnungen an den Tag. Rosaurus war unschlssig ber
seinen Vertheidigungsplan. Konnte er hoffen, mit seinen zarten Krallen
dem groen Hund Ehrfurcht einzuflen, wie dem kleinen Joly? Gewi
nicht! Ihm erschien also die Flucht das gerathenste zu sein. Ach, er
wute nicht, wie schnell Kartusch laufen konnte! -- Kartusch hatte
groen Respekt vor den Krallen der Katzen, aber gar keinen vor ihren
Schwanz, und als er letzteren sich zugewendet sah, verfolgte er mit
freudigem Bellen das arme gengstete Thier. Rosaurus hrte sein
Schnaufen und Knurren, sein drohendes Gebell immer nher rcken, immer
mehr schwand der Raum zwischen ihm und seinem Verfolger; er fhlte schon
den heien Athem des Pudels und glaubte auch schon dessen Zhne zu
fhlen -- da ersah er einen Baum -- noch ein Mal strengte er seine
schwindenden Krfte an und sprang hinauf -- blo ein kleines Stck
seines Schwnzchens blieb in Kartusch's Zhnen zurck; das that zwar
weh, es blutete, aber sein kostbares Leben war doch gerettet. Rosaurus
blickte hohnlchelnd und pustend herab auf den wthend bellenden
Kartusch, der sich gar nicht darber zufrieden geben konnte, da seine
Beute ihm entrissen war. --Endlich wurde Kartusch durch einen Pfiff
seines Herrn abgerufen.

O, htte der doch eher gepfiffen, seufzte Rosaurus, indem er seinen
blutenden Schwanz leckte.

O welch ein Unglck! dieser Schwanz, sein Stolz, seine Freude; dieses
Glied seines Krpers, welches dem Kater eine Aehnlichkeit mit den
Kometen des Himmels giebt, es war verstmmelt; Rosaurus war auf ewig
geschndet! Er berlie sich ganz seinem Schmerz und brach in laute
Klagen aus.

Diese Klagen vernahm eine muntere Knabenschaar, welche so eben aus der
Schule kam. Das ist der Augenblick, wo die Kinder am bermthigsten zu
sein pflegen. Sie nahmen Steine und warfen nach dem armen schreienden
Thier. Rosaurus flchtete immer hher in die dichtesten Zweige des
Baumes; er zog sich hinter die verschlungendsten Aeste zurck und suchte
sich zu schtzen gegen das Wurf-Material, welches von allen Seiten in
seiner Nhe einschlug, entweder vorbeiflog oder an den schtzenden
Zweigen abprallte. Ein khner Knabe entschlo sich, an dem Baum hinauf
zu klettern; alle jubelten ber diesen Entschlu; der Steinregen war zu
Ende und die Jugend blickte neugierig und mit reger Theilnahme dem
Kletternden nach; Rosaurus hatte sonach eine neue Gefahr zu frchten.
Der kletternde Knabe mute sich an die innern Baumste halten, wo
Rosaurus von den Steinen hingetrieben war, so da letzterer sich
genthigt sah, seine Zufluchtssttte zu verlassen und die uersten
Spitzen der hchsten Aeste aufzusuchen. Rosaurus war sehr leicht, ihn
trug das dnnste Zweigelchen; die Vgel flohen erschreckt aus den
Wipfeln des Baums, indem sie ein ngstliches Piep Piep ausstieen, und
Rosaurus versprte in diesem Augenblick einiges Gelste nach dem
Vogelspiel, er mute aber diese strafbaren Gedanken unterdrcken wegen
der eigenen Gefahr, welche auch wirklich mit jeder Minute stieg; denn
als der Knabe auf dem Baum nicht Rosaurus selbst packen konnte, ergriff
er den Ast, auf dessen uersten Spitzen das arme gengstete Thier sa
und schttelte denselben so stark, da er sich nicht lnger darauf
halten konnte. Rosaurus strzte aus der schwindelnden Hhe herab, unter
lautem Freudenruf der Schuljugend.

Jedes andere unbeflgelte Thier wrde unstreitig den Hals gebrochen
haben; aber die Katzen haben die groe Geschicklichkeit, immer auf den
Beinen zur Erde zu gelangen; das war auch jetzt der Fall mit Rosaurus.
--Seine Fe waren freilich geprellt und htten der Ruhe und Pflege auf
weichem Bettchen bedurft; aber unter dieser blutdrstigen Umgebung
konnte er nicht weilen -- er mute wieder zu schneller Flucht greifen
und unter neuem Steinregen davon laufen. --Als er endlich sich sicher
glaubte, fhlte er sich von einer kleinen aber krftigen Hand gepackt
und eine wohlbekannte Stimme rief. Du bist mein, und steckte Rosaurus
unter seinen Rock.

Es war niemand anders als Wilhelm, welcher aus der Schule kam und, in
der Hoffnung, dem Lwen zwei Braten, d.h. zwei Ktzchen, bringen zu
knnen, die ganze Verfolgung des armen Thiers geleitet hatte.

Es gab inde groen Spektakel zu Haus, als Wilhelm Rosaurus Flucht
entdeckte und in dem armen abgehetzten, verstmmelten Ktzchen sein
Eigenthum erkannte. Hannchen wurde von ihm geschimpft, geschlagen und
gekneipt, bis Dorte ihr zu Hlfe kam.

Am Nachmittag sah Wilhelm inde ganz anders aus, als am Morgen, denn er
hatte sich sorgsam gewaschen und gekmmt, eine wohlgeflickte
Sonntagsjacke angethan, die verschossenen Hosen stramm gezogen, die
Strmpfe in die Hh gebunden und die Schuhe geschwrzt. Jetzt, sagte
er, bin ich ein schmucker Mensch und ich glaube, der Lwe wrde mich
verspeien, wenn er knnte; ich bin ganz geeignet, um ihm Appetit
einzuflen. Rosaurus wurde nun in die Rocktasche gesteckt und so gings
zum Vogelschieen.

Man zog gerade den groen hlzernen Vogel unter Musik und
Kanonenschssen empor. Es war ein Adler mit zwei Kpfen. Kronen, Scepter
und Reichsapfel waren vergoldet. Es wurde Rosaurus recht unheimlich im
Gedrnge, denn Wilhelm war immer da, wo es am dichtesten war und zwar
aus guten Grnden.

Viele Buden mit Sehenswrdigkeiten waren aufgeschlagen. Da gab es
Wachsfiguren, Panoramen, Seiltnzer, Taschenspieler und Marionetten zu
sehen; am meisten gab es aber Ebuden, welche die herrlichsten Bissen
aufgestellt hatten. Da zischten und dampften Bratwrste, dort gab es
Kuchen, Torten, Frchte; Rosaurus versprte groen Appetit und auch noch
andere empfanden solchen.

Viele Leute kauften und lieen es sich wohl schmecken; aber viele
standen dabei und konnten sich nichts kaufen und man sah es ihnen doch
an den Augen an, da sie es so gern gethan htten; das waren die Armen.
Darunter gehrte auch Wilhelm. --Er trstete sich aber mit dem
Gedanken, da er noch vor Schlafengehen sich auf irgend eine Weise ein
Stck Kuchen verschaffen werde und mit diesem Trost lief er zur
Menagerie.

Diese war leicht aufzufinden, denn vor derselben schrien Papageien und
tanzten Affen in wunderlichen Sprngen. Wilhelm bot dem Besitzer der
Menagerie sein Ktzchen zum Verkauf. Das ist ein rechtes Futter, sagte
der Mann in verchtlichem Ton, das fllt ja kaum einen hohlen Zahn des
Lwen aus; doch um des Spaes willen nehm ich dir den Kater ab. Da hast
du einen Groschen, und wenn du sehen willst, wie dein Ktzchen gefressen
wird, so kannst du in einer Stunde wieder kommen, da wird gefttert --
du sollst eingelassen werden, ohne zu zahlen.

Wilhelm lief nun mit seinem Groschen zur Kuchenbude. Er dachte zwar
daran, da der Vater ihm befohlen habe, alles Geld nach Hause zu
bringen; da mte ich doch ein rechter Narr sein! sagte er zu sich
selbst, kaufte ein Stck Kuchen, welches er sehr gemthlich verzehrte,
whrend einige seiner armen Schulkameraden ihm nicht ohne Neid zusahen.




Kapitel 8.

Die groen Katzen.


  Tiger! Tiger! Flammenpracht!
  In des Waldes dunkler Nacht,
  Wo die khne Meisterhand,
  Die sich dieses unterstand,
  Da die Gluth sie angefat,
  Die du in den Augen hast.

  Ward aus Himmel oder Hll'
  Ausgeschpft die Feuerquell?
  Alles wie aus einem Gu!
  Welche Hand! und welcher Fu!
  Wo die Esse, die so stolz,
  Dieses Hirn aus Erz dir schmolz!

  Aller Wesen letzter Tag
  Tiger ist dein,
  Was du anfat, das ist roth,
  Was du angefat, ist todt.
  Tiger, Tiger, frchterlich!
  Der das Lamm schuf -- schuf er dich?

Als Wilhelm nach der Menagerie zurckkam, vernahm er schon lautes
Brllen. Im Vorplatz wurden groe Stcke Fleisch zerschnitten; diese
wurden sodann vertheilt, und Wilhelm weidete sich an der Frebegierde
der Thiere, an ihren scharfen Zhnen und an den wilden Tnen, welche sie
dabei ausstieen. Man warf das Ktzchen in des Lwen Kfig; es zitterte,
und Wilhelm dachte schon, das groe Thier werde seiner Angst bald ein
Ende machen und es unter seiner Riesentatze ersticken. Aber nein! der
Lwe schien es gar nicht zu bemerken, es konnte ganz sicher bei ihm
leben; wenn er es nicht aus Zufall zertrat, mit Willen that er es gewi
nicht. Ktzchen verlor auch wirklich bald alle Angst; es leckte von dem
blutigen Fleisch, welches der Lwe zur Mahlzeit erhielt -- das arme
Thier mute ja auch sehr hungrig sein; der Lwe lie es sogar geschehen,
da es ein kleines Stckchen fra, und als es gesttigt war, zeigte es
sogar Lust, mit dem Schweif des Knigs zu spielen, wie es mit Mlle.
Gogo's Mtzenschleife gespielt hatte.

Als nun die Thiere gefttert waren, rusperte sich der
Menageriebesitzer, und indem er mit einem Stock nach den verschiedenen
Kfigen deutete, gab er mit lauter Stimme folgenden Bericht. Sie sehen
hier, meine Herrschaften, den groen Lwen aus Bengalen. Er ist einer
der grten, die man je in Europa gesehen hat, indem er 9 Fu lang und 5
Fu hoch ist. Seine prchtige Gestalt, sein fester Blick, sein stolzer
Gang und sein furchtbares Gebrll zeugen von seiner Kraft. Seine
ungeheure Muskelstrke verrth sich durch die groen Sprnge die er
macht, um auf seine Beute zu strzen und durch das Schlagen seines
Schweifes, womit er einen Ochsen zu Boden werfen kann. Sein gewhnlicher
Gang ist langsam und wrdevoll; er pflegt blos zu laufen, wenn er
verfolgt wird. Hinter Gebsch und Rohr verbirgt er sich und lauert auf
das vorbergehende Wild, welches an einer nahen Quelle zu trinken
pflegt; mit einem ungeheueren Sprunge strzt er ber dasselbe her, indem
er seine Krallen tief in dessen Seiten schlgt und mit seinen Zhnen
dessen Hinterschdel zerbricht. Wenn er im Sprung seine Beute verfehlt
hat, so lt er sie laufen und versucht nicht, sie zu verfolgen, sondern
legt sich abermals auf die Lauer. Hat er sich satt gefressen, so legt er
sich nieder und schlft zwei bis drei Tage, bis der Hunger ihn wieder
aufweckt. Wenn der Lwe unter eine Heerde gerth, so tdtet er Alles,
was ihm vorkommt, selbst wenn er gesttigt ist. Sein Muth ist nicht so
gro, als man glauben mchte; er greift nur kleinere und schwchere
Thiere an, und wenn er sich in den Bereich der menschlichen Wohnungen
geschlichen hat, so kann man ihn mit einigem Lrm oder auch mit einer
brennenden Fackel verjagen. Indem er die Haut seines Gesichts und
vorzglich die Stirnhaut mit groer Leichtigkeit bewegt, kann er den
Ausdruck seiner Physiognomie sehr oft wechseln und ihr den einer
furchtbaren Wuth geben, welcher durch die Beweglichkeit seiner Mhne,
die er emporstruben und nach allen Richtungen hin wenden kann, sehr
erhht wird. Die Lwin ist kleiner, ruhiger und feiger, als der Lwe,
doch wenn sie Junge hat, ist sie furchtbarer als er, indem sie sich dann
auf Menschen und Thiere ohne Unterschied strzt, sie tdtet und ihren
Kleinen zutrgt, denen sie bei Zeiten lehrt, das Blut zu saugen und das
Fleisch zu zerreien. Der Lwe suft wie ein Hund. Sein Gebrll ist so
stark, da man es des Nachts in der Wste fr Donner halten knnte;
er stt es tglich 5 bis 6 Mal aus, besonders hufig, wenn Regen zu
erwarten steht. Wenn der Lwe Menschen und Thiere zusammen findet,
so fllt er lieber die letztern an, es sei denn, da ein Mensch ihn
schlgt, bei welcher Gelegenheit er den Beleidiger gewi schnell
herausfindet. Der Elephant, das Rhinozeros, der Tiger und das Nilpferd
sind die einzigen Thiere, welche ihm Widerstand leisten knnen und
welche er auch gern vermeidet, wenn er kann. Das Fleisch des Lwen hat
einen unangenehmen starken Nachgeschmack; doch essen die Neger es gern.
Der Lwe gehrt dem Katzengeschlecht an, man vergleiche ihn nur mit dem
kleinen Ktzchen, welches ihm Gesellschaft leistet. Beide haben 30
scharfe Zhne, beide Pfoten mit langen starken Krallen, die sie nach
Belieben einziehen und herausstoen knnen; beide haben denselben Bau
des Kopfes und tragen denselben Raubthiercharakter.


_Der Tiger_

gehrt ebenfalls zum Katzengeschlecht. Whrend der Lwe als erstes unter
den fleischfressenden Thieren gilt, ist der Tiger das zweite. Ihm fehlt
die Wrde des Lwen; er ist immer blutdrstig und fllt gern die
Menschen an. Ihm fehlt auch des Lwen edler Anstand; sein Krper ist zu
lang, seine Beine zu niedrig; das Haupt hat keine Mhne, die Augen sind
unstt und die Zunge blutroth; er ist von einer unersttlichen Blutgier,
von einer emprenden Grausamkeit beseelt; sein einziger Instinkt scheint
eine stete Wuth zu sein, welche ihn oft so weit verblendet, da er seine
eigenen Jungen frit und deren Mutter zerreit, wenn sie dieselben
vertheidigen will.

Glcklicher Weise sind diese Thiere nicht sehr zahlreich und blos auf
das heieste Klima Ostindiens beschrnkt.

Wenn der Tiger irgend ein groes Thier, z.B. ein Pferd oder einen
Bffel getdtet hat, so zerreit er es nicht an der Stelle der That,
sondern er schleppt es in die Tiefe des Waldes mit einer Leichtigkeit,
da die Schnelligkeit seines Laufes gar nicht durch die Schwere des
Gegenstandes gehemmt zu sein scheint. Der Tiger ist vielleicht das
einzige Thier, das man nicht zhmen kann; er ist immer bs, sowohl wenn
man ihn gut, als wenn man ihn schlecht behandelt. Nicht Gewohnheit,
nicht Zeit vermag ihn zu bndigen; er zerreit die Hand, welche ihm
Nahrung reicht, wie die, welche ihn schlgt und alles Lebendige
erscheint ihm nur als erschaffen, um seine Beute zu werden. Die Tigerin
wirft wie die Lwin 4-5 Junge, und ihre Wuth steigert sich bis zu einem
entsetzlichen Grade, wenn man dieselben raubt.


_Der Panther_

gehrt ebenfalls zum Katzengeschlecht. Er sieht wild aus, hat ein stets
unruhiges Auge; seine Bewegungen sind heftig und seine Stimme gleicht
der eines wthenden Hundes. Die Zunge ist rauh und sehr roth; die Zhne
sind stark und spitzig, die Krallen hart und scharf. Das Fell ist schn,
mit schwarzen ringelartigen Flecken beset. Der Panther gleicht an
Gestalt und Gre einer Dogge von guter Rae, nur mit krzern Beinen.

In Persien und andern Theilen von Asien pflegt man den Panther zur Jagd
zu benutzen, ohne ihn jedoch zhmen zu knnen, denn er verliert nie
seinen wilden Charakter und wenn man sich seiner bedienen will, bedarf
es groer Mhe, um ihn abzurichten und noch grere Vorsicht, um ihn
auszufhren und zu benutzen.


_Die Unze_

ist zahlreicher und weiter verbreitet als der Panther. Sie lebt
gewhnlich in Arabien und im sdlichen Asien; man bedient sich ihrer
dort zur Jagd, weil in den heien Lndern Asiens die Hunde selten sind.
Die Unze hat inde den Geruch nicht so fein wie der Hund und kann das
Wild nicht nach seiner Fhrte verfolgen; auch wrde es nicht im
schnellen Laufe verfolgen knnen, sondern jagt nur nach dem Gesicht und
kann sich nur aus dem Hinterhalt auf ihre Beute strzen und sie
niederwerfen.


_Der Leopard_

hat dieselben Gewohnheiten und denselben Charakter, wie der Panther,
aber man kann ihn nicht so leicht zhmen; er bewohnt den Senegal und
Guinea, wo man ihn sehr hufig findet. Panther, Unze und Leopard
bewohnen nur die hintersten Landesstrecken von Asien und Afrika; sie
halten sich am liebsten im dichten Walde und am Ufer der Flsse auf oder
auch in der Nhe entlegener menschlicher Wohnungen, wo sie den
Hausthieren auf dem Wege nach der Quelle gern auflauern. Sie fallen
selten Menschenan. Leicht erklettern sie Bume, von deren Zweigen sie
auf ihre Beute herabstrzen. Obgleich sie meistens sehr mager sind, so
gilt ihr Fleisch doch als Leckerbissen fr den Reisenden.

Wilhelm wendete bald sein Interesse von dem Bericht des
Menageriebesitzers ab und den Affen zu, welche auch gar zu lustig
anzuschauen waren. Sie befanden sich in einem groen Bauer, worin sie
unaufhrlich umhersprangen. Ueberall gab es allerliebste Affengruppen.
Hier flhte eine alte Aeffin ihr Kind mit mtterlicher Liebe; dort
wickelten sie einige Bonbons aus Papierhllen und grinzten freudig ber
den Fund. Manche balgten sich, andere schaukelten sich in groen Ringen,
die mit Seilen aufgehngt waren, oder sie wiegten sich in Zweigen, die
man im innern Raum des Bauers angebracht hatte. Wilhelm meinte immer,
diese Thiere mten Menschen sein, weil sie so menschliche Bewegungen
zeigten.

Was ihn aber mehr als alles andere an diesen Affenbauer fesselte, das
waren die zahllosen Kinder, welche umherstanden und im Anschauen
vertieft nicht Acht hatten auf ihre Habseligkeiten. So war es dem
kleinen Taschendieb schon gelungen, einige Taschentcher und einen
wohlgefllten Arbeitsbeutel zu rauben und in seine Rocktasche zu
verbergen.

  [Buntbild: Rosaurus in dem Lwenkfig.]




Kapitel 9.

Die bse That und deren Folgen.


  Und ist das Fdchen noch so fein gesponnen,
  Am Ende kommt es doch ans Licht der Sonnen.

Pltzlich vernahm man Gerusch an der Thr und es hie: -- die kleine
Prinzessin kme, um die Thiere zu sehen. Alles blickte nach ihr hin und
freuete sich ber ihr freundliches Gren und ber ihren hbschen Anzug.
--Wie sie vor den Kfig des groen Lwen trat, stie sie einen lauten
Schrei der Ueberraschung und des Entsetzens aus, denn sie erkannte auf
den ersten Blick ihren Rosaurus. Sie wollte auch gleich mit der Hand
durch die Eisenstbe fahren, um den kleinen Liebling zu streicheln und
zu trsten, aber Mlle. Gogo ri sie erschrocken zurck. --Der
Menageriebesitzer wurde sogleich gefragt, wie er zu dem Ktzchen
gekommen sei? und er erzhlte, da er es einem unbekannten Knaben
abgekauft habe, welcher noch in diesem Augenblick hier gewesen, -- er
wolle sogleich nach ihm suchen.

Wilhelm war aber nicht zu finden und das ging auch ganz natrlich zu;
denn als er das Gesprch ber das Ktzchen hrte, wurde ihm bang ums
Herz und er kroch unter einen Tisch, worauf Papageien standen, und
dessen unterer Raum mit einem Leinwandvorhang versehen war; da war er
sicher geborgen. Durch ein Loch konnte er Alles sehen, was in der
Menagerie vorging, und hren konnte er auch Alles. So mute er denn
Zeuge sein, wie der Menageriebesitzer das Ktzchen aus dem Lwenkfig
holte und einen Thaler erhielt, whrend er doch nur einen Groschen dafr
bezahlt hatte. Wilhelm rgerte sich recht, da er nicht selbst ein so
gutes Geschft gemacht habe.

Es wurde ihm inde sehr unheimlich unter dem Tisch zu Muthe; denn es
befand sich unter demselben eine groe Aeffin im Wochenbette, welche den
unberufenen Eindringling mit den langen Armen in den Nacken kratzte, und
unter dem Kfig der Aeffin stand der eines brtenden Pelikans, welcher,
ebenfalls entrstet ber die Strung, Wilhelm so arg bi, da die Hosen
zerrissen und das Blut strmte. Er, der schon so wenig Sitzefleisch in
der Schule hatte, frchtete auf diese Weise ganz untchtig zum Sitzen zu
werden und als die Nachsuchung zu Ende war, benutzte er den Moment, wo
ein dicker Herr sich vor den Tisch gestellt hatte, um hervor zu kriechen
und sich hinter diesem verborgen zu halten.

Da aber das Bse in seinem Herzen nie schlummern konnte, so entging es
seiner Aufmerksamkeit nicht, da der dicke Herr eine sehr wohlgefllte
Brse, woraus er so eben ein Extra-Trinkgeld fr die Schlange gezahlt
hatte, in die linke Rocktasche steckte. Die Schlange fra nmlich so
eben eine Taube in gewohnter grausamer Weise, indem sie mit der
freundlichsten Miene von der Welt dieselbe beleckte und durch ihren
Speichel schlpfrig und geschmeidig machte; dann zog sie das arme Thier
unbarmherzig in ihren Rachen, und man fhlte, wie es im tiefen Schlund
noch zappelte.

Wilhelm meinte, der dicke Herr she gewi so aufmerksam zu, da er es
nicht merken wrde, wenn seine zarte Hand ihm in die Tasche griff, und
die Brse heraus holte und im Hui war diese Hand auch drinnen. Aber in
demselben Augenblick fhlte Wilhelm, da sie von einer anderen,
krftigeren Hand gefat wurde, welche unter dem Rocke schon mute geruht
haben; zu gleicher Zeit ward sein Ellbogen ergriffen und mit Riesenkraft
auf einen Ruck sein Unterarm wie ein drres Stck Holz zerknickt.
Wilhelm schrie vor Schreck und vor Schmerz und als der dicke Herr sich
ihm zuwendete, da erkannte er in ihm denselben, der ihm neulich die zwei
Ohrfeigen und den Groschen gegeben hatte. Es war der Herr
Polizei-Prsident. Aha, sagte dieser, wir kennen uns schon; jetzt hoffe
ich, stiehlst du so bald nicht wieder.

Das ganze Publikum war aufmerksam auf den schreienden Knaben geworden
und auch die Prinzessin wollte ihn bedauern und ihm etwas schenken. Aber
der Menageriebesitzer erzhlte ihr, da es derselbe Knabe sei, der ihren
Rosaurus fr den Lwen verkauft habe; auch fanden sich beim Ausleeren
seiner Taschen eine Menge gestohlener Gegenstnde. Nein, dieser
verdient kein Mitleid! meinten die Leute.

Aber er litt doch groe Schmerzen; bla und zitternd stand er da und
alle Blicke waren auf ihn gerichtet; ein Wundarzt, welcher zufllig in
der Nhe war, untersuchte den Arm und erklrte, derselbe msse sogleich
eingerichtet werden.

Das soll in meinem Haus geschehen, sagte der Polizei-Prsident; ich
will ihn bei mir verpflegen lassen und auch alle Kosten tragen. Seine
Eltern taugen gewi nicht viel, sonst wrde der Junge nicht so
durchtrieben sein.

So wurde denn Wilhelm fortgebracht, whrend die kleine Prinze mit ihrem
Rosaurus sich nach Haus begab und sich vornahm, ihm das Leben noch viel
angenehmer als frher zu machen. --Sie konnte sich gar nicht denken,
wie er in des bsen Knaben Hnde gekommen sei und als Mlle. Gogo endlich
nhere Erkundigungen einzog, und man nach der Beschreibung Wilhelms und
nach dem Arbeitsbeutel, den er noch besa, die lange Jenny als die
Ursache von Rosaurus Verschwinden erkannte, da wurde der Letzteren
erklrt, da sie nie wieder bei der kleinen Prinzessin eingeladen werden
solle, was allerdings eine groe Strafe und auch eine groe Schande war.
Der Vater schickte sie hierauf in ein Institut und man hoffte, sie werde
von da artiger zurckkehren.

Es war recht gut, da Wilhelm in gute Pflege kam, denn zu Hause fehlte
es ja an Allem. Sein Vater hatte beim Holzlesen einen jungen Baum
abgehauen und war dabei ertappt worden, da mute er zur Strafe fr die
Waldbue arbeiten und da die Mutter nichts verdienen konnte, so war kein
Geld zu Hause.

Im Hause des Prsidenten fehlte es inde an Nichts. Wilhelm lag im
reinlichen Bett in einer hbschen Kammer. Eine freundliche Magd bediente
ihn und pflegte ihn. In den ersten Tagen bekam er blos Wassersuppen und
khlende Getrnke zu genieen, spter sorgte man fr krftigere Nahrung;
ein freundlicher Arzt besuchte ihn tglich und der Prsident brachte ihm
Bilder und Bcher und setzte sich stundenlang an sein Bett, um ihm
Geschichten zu erzhlen, er wute deren sehr schne: von klugen Kindern,
die anstatt ihre Geistesgaben auf das Lernen oder etwas Ntzliches zu
richten, sie benutzten, um andere Menschen zu berlisten und zu
betrgen; er erzhlte auch von Verbrechen, die lange geheim gehalten
wurden, endlich aber doch ans Tageslicht kamen und den Uebelthter zur
Strafe brachten.


_Der Finger Gottes._

In einem kleinen Stdtchen lebte einst eine glckliche Familie; die
Eltern waren brav und die Kinder gut erzogen. Nur ein Sohn, Namens
Ludwig, gab durch seinen heftigen Charakter oft Ursache zur
Unzufriedenheit; dabei hatte er ein rachschtiges Gemth und in den
Stunden seines Zorns hatte er manchem Freund schon weh gethan und oft
die Geschwister schwer gekrnkt. Trotz aller Vorstellungen hatte er
diesen Fehler nicht abgelegt; er war nun 16 Jahr, confirmirt, und noch
immer brach von Zeit zu Zeit, bei unbedeutender Gelegenheit, seine
blinde Wuth aus und uerte sich in irgend einer Unthat, deren Folgen
inde nie so bedeutend waren, da sie eine andere Strafe als die Rgen
des Vaters veranlat htte.

Eines Tages war Ludwig mit dem Sohn eines Gutsbesitzers beim Tanzen in
Streit gerathen; in Wuth entbrannt, wollte er mit der Faust auf seinen
Gegner losgehen, dieser aber, strker wie er, ergriff ihn beim Kragen
und warf ihn zur Thr hinaus.

Rache brtend ging Ludwig nach Hause; er mute vor einem Bauerngut
vorbei, welches dem Vater seines Gegners gehrte und einst dessen
Erbtheil werden sollte. Er konnte seinem Beleidiger wohl keinen grern
Schabernack anthun, als wenn er dasselbe niederbrannte. Noch immer war
er in der Aufregung des Zorns und rasch griff er nach dem Feuerzeug und
warf einige glimmende Schwammstckchen ins Fenster. Da diese aber nicht
gleich zndeten, nahm er ein Wachslichtchen, welches auf der Schwester
Weihnachtsbaum gestanden hatte, und warf es brennend in das Stroh.
--Dann ging er weiter. Er hatte kaum die bse That gethan, als sein
Zorn sich legte und er sie zu bereuen anfing; er hoffte, es werde nicht
Feuer fangen. Als er aber eine Stunde zu Bette war, vernahm er den
Feuerlrm. Er eilte nach der Brandsttte, er half mit lschen und
retten; er war unermdlich und scheuete keine Gefahr. Er holte sogar ein
Kind aus den Flammen, wobei er selbst sehr beschdigt ward; aber nichts
konnte das ungestme Pochen seines Herzens beschwichtigen. Das Gut war
niedergebrannt; die Besitzer dankten denen, die beim Retten behlflich
gewesen waren und Ludwig vor allen Andern; der Dank that diesem aber
sehr weh. Er htte gern sein Hab' und Gut hingegeben, um ihn zu
entschdigen. --Man qulte sich mit Vermuthungen, wer das Feuer
angelegt habe; weder der Gutsbesitzer noch dessen Sohn hatten Jemand
beleidigt; sie kannten keinen Feind; man hatte nichts gefunden von dem
Mordbrenner, als ein Wachsstckchen, welches verlscht war und seinen
Zweck nicht erfllt hatte. Es giebt so viele Wachsstckchen in der Welt.
Dieses konnte unmglich auf den Schuldigen fhren.

Ludwig ward tglich ernster und mehr in sich gekehrt. Seine Wangen
erbleichten, er schlief nicht des Nachts; sein Gewissen qulte ihn; auch
frchtete er, man mge doch einmal entdecken, da er ein Mordbrenner sei
und ihn dafr bestrafen. Eines Tages wurde er wirklich abgeholt und
verhrt. --Einer der Untersuchungsrichter war mit Ludwigs Vater
zusammen in der Residenz gewesen und sie hatten zusammen die bunten
Wachslichter fr den Weihnachtsbaum gekauft; so wute er, wo solche
Lichter waren; kaum war diese Spur gefunden, so gedachte man des
Streites, welchen Ludwig am Vorabend des Brandes gehabt. Dann bemerkte
man sein unruhiges Wesen, seine bleichen Wangen. Er ward verhrt,
gestand und wurde auf viele Jahre ins Zuchthaus verurtheilt. So kommt
selbst das Geheimnivollste an den Tag.

Christian, der Sohn eines Tagelhners, ging einst an einem Garten
vorber, wo Aprikosen an einem Baume hingen. Die Frchte waren ganz reif
und hatten die schnsten rothen Backen. Das will ich mir merken,
dachte der naschlustige Knabe, heute Nacht, wenn es dunkel ist, da
komme ich und hole sie mir. -- Als er fort war, kam Peter, der Sohn des
Hirten; sein Vater hatte ihn betteln geschickt und er kam heim mit einem
Sack voll Brodrinden. Aber er war sehr mde, und da er noch weit von
Hause war, legte er sich vor die Gartenthr, welche eine Art von Obdach
bot, und schlief ein. --Er wachte auf durch ein Gerusch und sah Jemand
in den Garten steigen. Christian hatte sich zwar vorsichtig umgeschaut,
aber den in dem Schatten der Thr ruhenden Hirtenknaben nicht entdeckt.
Der kleine Peter erkannte dagegen beim Mondenschein den Einsteigenden,
wollte ihn aber nicht stren, weil er frchtete, derselbe knne ihn
schlagen. Er legte sich also auf die andere Seite und schlief weiter. Am
andern Morgen ward er unsanft von dem Grtner geweckt, welcher ihn fr
den Dieb hielt und ihn durchaus vor die Polizei schleppen wollte; aber
Peter betheuerte seine Unschuld, er zeigte den Inhalt seines Bettelsacks
vor und nannte, da alles nichts half, den wirklichen Dieb. Wirklich fand
der Grtner, welcher gleich in Christians Wohnung ging, die gestohlenen
Frchte, whrend Christian noch fest schlief; er hatte ja einen Theil
der Nacht durchwacht und war fest berzeugt, da Niemand ihn gesehen
habe. --Gott sieht es aber immer und wei es auch immer also zu lenken,
da die menschliche Gerechtigkeit es erfahre und da schon auf Erden die
Strafe den Verbrecher erreicht.


Im Anfang hrte Wilhelm nur mrrisch zu; er hatte ja Schmerzen und diese
Schmerzen hatte der Mann, welcher da vor ihm sa, verursacht. Nach und
nach aber erweichten die liebevollen Worte sein Gemth; es war ihm oft
zu Muthe, als werde es pltzlich vor seiner Seele Tag; als falle ein
Schleier vor seinen Augen herab und er erkannte eine Wahrheit; diese
Wahrheit hie aber: Ehrlich whrt am lngsten.

Eines Tages, als Wilhelm eine schmerzlose Nacht gehabt hatte und zum
ersten Mal das Bett verlassen konnte, freilich mit festgeschientem Arm,
frug der Prsident ihn mit seiner freundlichen sanften Stimme: sage mir
doch recht aufrichtig, was du denn eigentlich mit deiner Hand in meiner
Tasche wolltest?

_Wilhelm._ Ich wollte Ihren Geldbeutel herausholen.

_Prsident._ Wutest du denn nicht, da das gestohlen sei?

_Wilhelm._ O ja! das wute ich sehr wohl.

_Prsident._ Wutest du denn nicht, da das Stehlen unrecht sei?

_Wilhelm._ Das wute ich nicht so ganz genau; ich wute nur, da man
gestraft wird, wenn man sich dabei ertappen lie und ich habe mich
niemals ertappen lassen (hier lchelte Wilhelm triumphirend).

_Prsident._ Machte dir denn das Stehlen Freude?

_Wilhelm._ Ja! sehr groe, besonders wenn ich es recht geschickt anfing
und wenn es mir mit groer Mhe gelang. Auch war ich froh, wenn ich
etwas nach Hause brachte; und zu Hause konnte man alles brauchen.

_Prsident._ Wuten denn deine Eltern, da das, was du nach Hause
brachtest, gestohlenes Gut sei?

Wilhelm schwieg verlegen; er scheute sich, seine Eltern zu verrathen;
die Eltern, sagte er, schickten mich mit der Schwester aus, um zu
betteln -- es ging aber gar zu langsam, wir brachten nur wenig zusammen,
kaum genug, ein Brod zu kaufen und ich wollte doch auch manchmal ein
Stckchen Kuchen essen. Man sieht so schne Sachen bei den Conditoren am
Fenster stehen, das giebt Lust zu naschen und ich fand es ungerecht, da
die Reichen allein solche gute Sachen genieen sollten.

_Prsident._ Als Gott Reiche und Arme schuf, mu er wohl sehr weise
Absichten gehabt haben. Der Arme kann brigens reich, der Reiche arm
werden, der Arme wird aber nur reich durch Arbeit, nicht durch
Diebstahl; denn auf der Snde ruht kein Segen. Ich will dir Mittel an
die Hand geben, die dich reich machen knnen, wenn du brav und arbeitsam
werden willst.

_Wilhelm._ Ja, das will ich!

_Prsident._ Nun, so gieb mir die Hand darauf, da du nie wieder fremdes
Eigenthum an dich nehmen wirst.

Wilhelm versprach es.

_Prsident._ Auch versprich mir nie zu lgen.

Wilhelm versprach es auch.

_Prsident._ So will ich dich in eine Schule bringen, wo du erzogen und
unterrichtet wirst; dann la ich dir ein Handwerk lernen, welches dich
ernhren kann, und du kannst dir eins whlen.

_Wilhelm._ Ich mchte gern Bcker oder Conditor werden.

_Prsident._ Haha! wohl wegen der guten Kuchen.

_Wilhelm._ Ich meine, es mu eine Freude sein, das bereiten zu knnen,
was so vielen Leuten gut schmeckt.

_Prsident._ Brav, mein Junge; es ist recht, wenn man nicht blos an sich
selbst, sondern auch an Andere denkt. Bist du mir noch bse, da ich dir
den Arm in meiner Tasche zerbrach. Ich kann in meiner eignen Tasche doch
machen, was ich will, und was sich unberufen hinein verirrt, mu sich
alles gefallen lassen.

_Wilhelm._ Ich bin jetzt recht froh, da Sie mir den Arm zerbrachen und
ich will Ihnen immer recht dankbar dafr sein, wenn Sie mir etwas
Tchtiges lernen lassen.

Als der Prsident eines Tages der kleinen Prinzessin begegnete, fragte
diese:

Was macht der kleine bse Junge?

Er ist kein bser Junge mehr, antwortete der Prsident, und es wrde
gar keine bsen Jungen in der Welt geben, wenn die Eltern nicht bse
wren. Er erzhlte hierauf, wie Wilhelm erzogen worden und da er noch
andere Geschwister habe. Die Prinzessin frug nun, ob diese auch so bse
wren? Man lie sich nach ihnen erkundigen und hrte bald nur Gutes von
Dorothea; die Prinzessin lie sie kleiden und in eine Strick- und
Nhschule schicken. Die kleine Hanne wurde aber in einer
Klein-Kinderbewahrschule untergebracht, wo sie beten, singen, stricken
und hbsche Verschen lernte; man hielt sie auch dazu an, sich die Nase
zu putzen und die Hnde zu waschen, was sie zu Hause nicht nthig hatte;
auch mute sie hbsch sittsam sein. Der Prsident sagte: auf solche
Weise rette man die Kinder von dem Verderben, und fhre ihre Seelen dem
Himmelzu.




Kapitel 10.

Das groe Abenteuer.


  Verliere den Muth nicht in Gefahr,
  Gott wacht und schtzt dich immerdar.

Tglich besuchte die Prinzessin den Lwen und brachte eine Stunde in der
Menagerie zu. Sie war dem Thier sehr dankbar, da er ihr Ktzchen nicht
gefressen hatte, und wollte ihm ihre Erkenntlichkeit beweisen, indem sie
ihm alle Tage einige Pfund Fleisch brachte. Dieses Fleisch war hbsch in
Stcken geschnitten und auf Papier in einem zierlichen Krbchen
geborgen, welches der Bediente ihr nachtrug. Die Fleischstcken reichte
sie selbst dem Lwen durch das Gitter und sie machte es dabei nicht wie
der Menageriebesitzer bei der Ftterung, welcher ihm das Fleisch,
nachdem er es gereicht hatte, mit dem eisernen Haken so oft wieder
entzog, um ihn recht bse zu machen und den Zuschauern ein Beispiel
seiner bestialischen Wuth zu geben. Nein, sie reichte es dem Lwen recht
schnell und ohne sich zu frchten. Der Lwe kannte auch bald seine
kleine Wohlthterin, besonders wenn sie Rosaurus mitbrachte, der ihr
gewhnlich auf der Schulter sa. Wenn sie mit ihrem Gefolge eintrat,
legte er sich ganz sanftmthig vor das Gitter nieder und empfing dankbar
sein Geschenk; dabei pflegte er mit Rosaurus um die Wette zu schnurren.

Im Sommer bewohnte die Prinzessin ein Lustschlchen in einer kleinen
Entfernung von der Stadt; dort durfte sie recht lustig herumspringen und
recht wenig Stunden haben. Damit sie ihre Gespielinnen nicht entbehre,
wurde Lisi mitgenommen. Joly und Rosaurus durften natrlich nicht
fehlen. Das Schlchen war von einem hbschen Garten umgeben und an den
Garten stie ein kleiner Wald. Die Kinder durften sich darin nach
Belieben ergehen und erfreueten sich des Landlebens, indem sie Blumen
suchten, Krnze banden oder Seifenblasen machten. Letztere unterhielten
besonders Rosaurus recht gut, welcher immer danach haschte und sehr
verwundert war, wenn sie unter seinen Sammetpftchen zerplatzten. Joly
war ebenfalls sehr verlegen, wenn die Kinder ihm ihre Seifenblasen auf
die Nase zerplatzen lieen; er bellte dieselben oft an, zog das
Schwnzchen ein und ri vor ihnen aus. Uebrigens vertrug er sich viel
besser als im Anfang mit Rosaurus. Obgleich sich wohl dann und wann bei
Fregelegenheiten ein Streit zwischen Beiden erhob wegen des Mein und
Dein, so konnten sie doch recht oft niedlich zusammenspielen.
--Rosaurus mochte wohl einsehen, da Joly im Vergleich mit dem Pudel
Kartusch ein sehr wohl erzogener und hflicher Hund sei.

Eines Tages sa die Prinzessin mit Lisi und Mlle. Gogo am Rand des
Wldchens auf weichem Rasen und flochten Krnze; Joly und Rosaurus
spielten neben ihnen und sie sprachen, wie das hufig geschah, vom
groen Lwen, den sie erst gestern besucht hatten. Die Prinzessin lobte
ihn abermals, da er dem Rosaurus nichts zu Leid gethan, worauf Lisi
sagte:

Ich habe neulich gelesen, da der Lwe, obgleich er eigentlich die
Einsamkeit liebt, sich doch leicht an andere Thiere gewhnen und mit
ihnen freundlich verkehren kann. Noch vor nicht all zu langer Zeit gab
es in Paris im Jardin des plantes eine Lwin, Namens Constantine, welche
whrend mehrerer Jahre mit einem kleinen Spitz sehr glcklich lebte. Man
hatte letzteren, welcher wei und schwarz war, in ihren Kfig geworfen,
und er hatte sich, an allen Gliedern zitternd, in einen Winkel
verkrochen. Die Lwin erhob sich langsam, brllte mit dumpfer Stimme und
nherte sich dem armen kleinen Thier, welches ein klgliches Geschrei
ausstie und eine flehende Stellung anzunehmen schien. Sein
verzweiflungsvoller Blick schien die Lwin zu rhren; denn sie legte
sich ruhig nieder, ohne ihm wehe zu thun. Als man bei der Ftterung
Constantine ihre Nahrung gab, lie sie etwas fr den Spitz brig; er
aber wagte nicht irgend etwas davon zu berhren; ja der grte Hunger
wrde ihn nicht vermocht haben, seinen dunkeln Winkel zu verlassen.
Am nchsten Tage frchtete er sich weniger und entschlo sich, das zu
verzehren, was die Lwin fr ihn brig gelassen hatte. Am zweiten Tag
wagte er es, aus dem Winkel hervorzukriechen und gleich nach der Lwin
zu speisen. Nach acht Tagen erlaubte er der Lwin nicht eher zu fressen,
als bis er selbst sich gesttigt hatte, und wenn sie es wagte, sich
frher dem Fleisch zu nhern, so sprang der Spitz ihr wthend in's
Gesicht und bi sie mit allen Krften.

Im Herbst, als es kalt und feucht wurde, brachte der Spitz die Nchte
zwischen den Beinen der Lwin zu, um warm zu liegen, was sie ebenfalls
willig geschehen lie. Zum Dank dafr bi er sie eines Tages in einem
Anfall von Wuth dermaen in den Schwanz, da das Blut strmte und sie
zeitlebens eine Narbe behielt. --Nach einigen Jahren starb der Spitz an
Altersschwche und Constantine schien untrstlich ber diesen Verlust.
Man gab ihr verschiedene andere Hunde, die sie alle erwrgte; endlich
lie sie den einen am Leben, aber sie zeigte demselben nur die grte
Gleichgiltigkeit und erwies ihm nie eine Geflligkeit. Sie starb auch
bald darauf, wie man meinte, aus Sehnsucht nach ihrem bsen Spitz.

Als Lisi kaum diese Geschichte vollendet hatte, begann Joly zu bellen,
und es erschienen drei wunderliche Wesen, welche unter dem Gestrpp
hervorgekrochen kamen; es waren drei Affen. Die Affenmutter trug ihr
Kleines, welches krank zu sein schien; die Thiere nahten sich zutraulich
und fletschten die Zhne, und hielten die Hnde flehend den Kindern hin,
die sie vielleicht erkannten, weil sie sie fters gesehen hatten, denn
diese Affen gehrten zu der Menagerie; gewi waren sie entsprungen.
--Die Prinzessin lie sogleich Milch und Semmel fr sie bringen und mit
Aepfeln und Nssen sie in ein Zimmer locken, wo sie eingesperrt wurden.

Nach diesem Ereigni, welches die Kinder sehr beschftigte, da sie sich
gar nicht denken konnten, wie die Affen hatten entspringen knnen,
wandelten sie zusammen in den Wald. Mlle. Gogo begleitete sie aus der
Ferne, Joly und Rosaurus waren ihnen zur Seite. Letzterer schien ganz
besonders gern in dem Wald zu sein und die Prinzessin befrchtete, das
Blut, welches er in des Lwen Kfig geleckt hatte und sein Antheil an
des Lwen Mahlzeit mge in ihm bse Gelste entwickelt haben. Jedes Mal,
wenn er einen Vogel sah, wurde er stutzig und er vermochte kaum seinen
grausamen Appetit unter einer gleinerischen Freundlichkeit zu
verbergen. Die Prinzessin pflegte ihn deshalb an einem rosarothen
Atlasband zu befestigen und so an ihrer Seite zu halten, in der
Hoffnung, ihn von seinen sndhaften Begierden zu heilen und ihm gute
Gewohnheiten zu geben.

  [Buntbild: Das groe Abenteuer.]

Als die Kinder nun eine ziemliche Strecke in dem Walde zurckgelegt
hatten und Lisi meinte, sie mten zurckkehren, indem sie Mlle. Gogo
ganz aus dem Gesicht verloren habe, da vernahmen sie ein ungewohntes
Knistern im Dickicht; die Zweige bogen sich und knickten; Rosaurus
spitzte die Ohren und Joly zog den Schwanz ein und floh eilend dem
Schlo zu. Den Kindern fing es an ganz unheimlich zu werden, sie wuten
nicht warum, und doch blieben sie stehen und blickten regungslos nach
der Stelle, woher das Gerusch kam.

Aber welch ein Schreck durchrieselte ihre Glieder, als das Gebsch sich
theilte und niemand anders als der Lwe hervortrat; sehr feierlich und
behutsam blickte er um sich her und schritt mit wahrhaft majesttischem
Anstand auf die Kinder zu. Beiden schlug das Herz heftig und Lisi war so
erschrocken, da sie in Ohnmacht fiel. Die kleine Prinzessin verlor aber
nicht die Gegenwart ihres Geistes, und im Vertrauen auf ihre alte
Bekanntschaft nahm sie Rosaurus auf die Schulter und blieb vor der
ohnmchtigen Lisi stehen. Der Lwe kam nher; er sah gar nicht grimmig
aus, sondern wedelte freundlich mit dem Riesenschweif und legte sich
dann vor der Prinzessin nieder. Diese nahm ihren ganzen Muth zusammen,
schaute dem Thier in die Augen und sprach einige freundliche Worte zu
ihm, wie sie es gethan, wenn sie ihm Fleisch in den Kfig brachte.

Pltzlich aber vernahm man im Gebsch Hundegebell und menschliche
Tritte. Der Lwe horchte, sprang erschrocken auf und strzte der andern
Seite des Waldes zu; da fand er aber Hindernisse. Dichtes Gebsch hemmte
seine Flucht. Jger kamen herbei und nahten auf Schuweite; vier Schsse
krachten auf ein Mal und wohlgetroffen, mit furchtbarem klglichen
Gebrll fiel das edle Thier nieder und wlzte sich in seinem Blute.
Niemand wagte es, sich dem Knig der Thiere whrend seines Todeskampfes
zu nhern. --Die Prinzessin aber wandte sich der ohnmchtigen Freundin
zu, welche mit Hilfe der herbeigeeilten Mlle. Gogo auch bald wieder zu
sich kam.

Wie aber hatte der groe Lwe den Kfig durchbrechen und in den Wald
gelangen knnen?

In der vorhergehenden Nacht waren durch die Kohlen eines Bratwurstfeuers
unter andern Buden auch die Menagerie in Brand gerathen. Das trockene
Holz des Gerstes hatte rasch die Flammen verbreitet, welche allen
Lschungsversuchen des Menageriebesitzers trotzten. Die Thiere stieen
die schrecklichsten Tne aus; sie liefen angsterfllt in ihren Kfigen
umher; die Papageien schlugen mit den Flgeln, die Affen sprangen herum
und schrieen wie die kleinen Kinder; aber die Raubthiere waren
frchterlich. Der Tiger fletschte die Zhne, indem er sich in den
Hintergrund des Kfigs zurckzog, er schien das feindliche Element
auffressen zu wollen; -- trostlos sprang der Eisbr in seinem Gefngni
hin und her; die Hitze erschien ihm unertrglich, und als sein schner
weier Pelz Feuer fing, da meinte man, die ganze Welt msse untergehen,
so tief und trostlos war sein Brummen. Der Panther und der Luchs
versuchten an den eisernen Stben empor zu klettern, sie klammerten sich
fest daran, bis dieselben glhend wurden; heulend lieen sie dann los
von ihrem Halten und fielen auf den Boden des Kfigs herab, wo sie in
gewaltigem Todeszucken im Rauch erstickten und dann verbrannten.

Als der Menageriebesitzer sah, da er das Feuer nicht mehr lschen
konnte, war er darauf bedacht, wenigstens einige seiner Prachtstcken zu
retten, und er versuchte den Wagen, worauf der Kfig des Lwen stand,
aus der Wagenreihe herauszuziehen; dabei fiel derselbe aber um, die Thr
sprang durch die Erschtterung auf und der vom Feuer und Todesangst
wilde Lwe kam heraus. Das Thier war keineswegs wthend, als es seine
Freiheit erlangte, im Gegentheil war es schchtern und furchtsam und es
wre dem Menageriebesitzer ein Leichtes gewesen, es wieder
einzuschlieen, wenn er nicht selbst unter dem umgestrzten Wagen
gelegen htte. Ehe er sich unter demselben hervorhelfen konnte, war der
Lwe langsamen Schrittes durch die schreiende und fliehende
Menschenmenge, die das Feuer herbeigelockt hatte, dem Walde
zugeschritten. Er hatte sich sogar einige Mal sehr wrdevoll umgeschaut
und als er die Feuerflamme sich noch ein Mal betrachtet hatte, war er
zgernd in das Dickicht verschwunden.

Nachdem der Menageriebesitzer noch einige andere Thiere in Sicherheit
gebracht hatte, war er seinem Lwen in den Wald gefolgt in der Hoffnung,
ihn zurckzulocken; derselbe hatte aber seitdem die Bekanntschaft einer
Schafheerde gemacht und einen Hammel verspeist. Dadurch war ihm der Sinn
fr die Freiheit aufgegangen; sein Instinkt war erwacht und er gehorchte
nicht mehr der bekannten Stimme, sondern entfernte sich von dem rufenden
Herrn in wrdevollem Schritt.

Man erzhlte nun, der Lwe habe auch ein Kind erwrgt und die Polizei
hielt es demnach fr ihre Pflicht, sich in die Sache zu mischen. Trotz
den dringenden Bitten des Menageriebesitzers, der so gern seinen Lwen
erhalten wollte, wurden Jger ausgeschickt, um den gefhrlichen Gast der
Wlder und Felder zu erlegen, damit derselbe kein weiteres Unheil
anrichten knne.




Kapitel 11.

Aus der Naturgeschichte des Lwen.


  Und herein mit bedchtigem Schritt
  Ein Lwe tritt.
  Er sieht sich stumm
  Ringsum
  Mit langem Ghnen.
  Er schttelt die Mhnen.
  Und legt sich nieder.

Als der letzte Lebensfunke des Lwen verlscht war, kam der
Menageriebesitzer herbei; er warf sich ber die Leiche seines
Prachtstckes und weinte laut. Mit seinen Thieren hatte der arme Mann
sein Vermgen verloren. Die kleine Prinzessin erbot sich, ihm die Haut
des Lwen abzukaufen, sie wollte dieselbe ausstopfen lassen und im
Lustschlchen aufstellen, da ein in dessen Umgegend erschossener Lwe
gewi zu den Seltenheiten gehre; dann lud sie den betrbten Mann ein,
seine Affen in Empfang zu nehmen, deren Erscheinen man sich jetzt
erklren konnte. Jetzt bemerkte man auch, da das kleine Aeffchen an
Brandwunden leide und man verband es mit khlender Salbe, wobei es ganz
still hielt.

Sodann lud man den Menageriebesitzer ein, den Thee mit der Prinzessin zu
trinken; die Kinder gedachten an ihn viele Fragen ber seine Thiere zu
thun und sich zu erkundigen, wie er sie erhalten habe.

Den Lwen, erzhlte er, habe ich, als er noch ganz klein war, einem
Araber abgekauft. Der Araber hatte nmlich ausfindig gemacht, da ein
Lwenpaar in einer Hhle seine Jungen gro ziehe. Die Lwen pflegen nun
niemals ihre Jungen allein zu lassen und wachen deshalb abwechselnd bei
ihnen. Wenn die Lwin die Wache hat, ist sie stets mit ihren Kleinen
beschftigt; der Lwe aber, welcher meist mde von der Jagd nach Hause
kommt, benutzt die Zeit der Beaufsichtigung, um zu schlafen, und da
schlft er oft sehr fest mit den Kleinen um die Wette. Diesen Augenblick
hatte der Araber nun von einem nahen Baume erlauert; als die Lwin
einige Minuten fort war, kletterte er herab, kroch in die Hhle und nahm
zwei kleine Lwen, die er in seinen Busen barg; sie winselten etwas und
der Vater knurrte im Schlafe so stark, da der Araber schon meinte, er
sei verloren; er eilte so schnell als mglich fort nach einer Stelle auf
einem Hgel, wo ein Pferd seiner wartete; er hatte solches inde noch
nicht erreicht, als er die Lwin hinter sich her kommen sah mit dem
Ausdruck und dem Gebrll der hchsten Wuth. In groen Stzen durchras'te
sie das Thal und der Araber wre verloren gewesen, wenn er nicht die
Gegenwart des Geistes gehabt htte, eines der kleinen Lwen
niederzulegen, so da die Mutter es finden mute. Dann bestieg er das
Pferd und jagte davon. Als er mir den jungen Lwen brachte, hatte
derselbe ihn mit scharfen Krallen die Brust zerkratzt, so da das Blut
in Strmen herabrieselte. Ich mute dem Araber viel Geld fr den jungen
Lwen zahlen und hatte dann noch groe Mhe, ehe ich ihn gro brachte;
da knnen Sie es sich wohl denken, wie sehr es mich betrbt, das schne
Thier nun verloren zu haben. Thrnen strmten seinen Wangen herab; dann
erzhlte er weiter:

Es ist schon so viel von den Gewohnheiten des Lwen erzhlt worden und
dennoch giebt es noch manchen wenig bekannten Zug in seiner Lebensweise.
Wenn der Lwe in Gesellschaft jagt, so wird der lteste immer zuerst das
Wild anfallen. Ist er so glcklich, dasselbe zu erlegen, so streckt er
sich whrend einer Viertelstunde an dessen Seite nieder, um wieder zu
Odem zu kommen, und seine Gefhrten lagern sich um ihn her. Hat er sich
genugsam ausgeruht, so erhebt er sich und verzehrt den Bauch und die
Brust des getdteten Thieres; das sind die Lieblingsbissen des Lwen.
Sodann legt er sich abermals nieder, ohne da seine Gefhrten oder seine
Jungen sich die geringste Bewegung erlauben. Erst wenn sein Hunger
vollstndig befriedigt ist, fallen sie ber das getdtete Thier her und
zerfleischen es. So auch wenn ein junger Lwe auf der Jagd glcklich
war, und ein alter ihm naht, wird er sich stets zurckziehen und warten
bis der alte seine Mahlzeit vollendet hat.

Ich beobachtete einst einen groen Lwen, welcher im Gebsch lag, und
verschiedene Mal seinen ungeheuren Satz nach einem alten Baumstamm
richtete, gleichsam um Krfte und Blick zu ben.

Ich kannte in Bethanien einen Mann, welcher auf einer Fureise nach
einer Quelle einlenkte, wo er eine Gazelle zu erlegen hoffte. Die Sonne
stand schon ziemlich hoch, als er diese Quelle erreichte; da er kein
Wild bemerkte, legte er die Flinte auf einen, von wildem Dorngebsch
beschatteten Felsen, erfrischte sich mit einem khlen Trunk an der
Quelle und streckte sich dann auf dem Felsen nieder, wo er, nachdem er
seine Pfeife geraucht hatte, einschlief. Bald darauf erweckte ihn inde
die Hitze der Sonne, welche die Felsenwnde zurckstrahlte, und als er
die Augen aufschlug, erblickte er zu seinen Fen einen groen Lwen,
welcher in liegender Stellung seine glhenden Augen auf ihn gerichtet
hatte. Er blieb einige Augenblicke regungslos, bis er seine
Geistesgegenwart wieder erhielt; verstohlen blickte er nach seiner
Flinte und machte eine Bewegung dieselbe zu ergreifen. Dem Lwen entging
solches inde nicht, er richtete das Haupt empor und erhob ein
furchtbares Gebrll. Zu verschiedenen Malen erneuerte der arme Mann den
Versuch seine Waffen zu fassen und jedes Mal drohte ihm der wthende
Lwe von Neuem mit seinem Gebrll. Die Lage des Hottentotten wurde immer
peinlicher; der Felsen, worauf er lag, ward so hei, da er kaum seine
nackten Fe darauf konnte ruhen lassen. Tag und Nacht verstrichen, ohne
da der Lwe seine Lage gewechselt htte. Abermal ging die Sonne empor
und die Gluth ihrer Strahlen ward bald so heftig, da die schmerzhaften
Fe ganz gefhllos wurden. Gegen Mitte des Tages erhob sich der Lwe
und begab sich an die Quelle, indem er bei jedem Schritt den Kopf
umdrehte, um seinen Gefangenen zu bewachen; und so bald als dieser nur
die kleinste Bewegung mit der Hand machte, drohte das Thier ber ihn
herzustrzen; als es getrunken hatte, legte es sich wieder an seinen
Platz und es verstrich eine zweite Nacht, ohne da sich das Auge des
Knigs der Wlder von dem armen Hottentotten abwandte.

Am nchsten Morgen erhob sich der Lwe abermals, um seinen Durst zu
lschen, als ein fernes Gerusch sein Ohr erreichte; er horchte auf und
verschwand im Gebsch.

Der Hottentotte nahm alle seine Krfte zusammen, um seine Flinte zu
ergreifen, und wollte sich, nachdem dieses ihm gelungen, aufrichten,
fiel aber wieder nieder, da seine Fe ihn nicht tragen konnten. Mit der
Flinte kroch er an die Quelle und trank in langen Zgen; dann erst
betrachtete er seine Fe und entdeckte, da seine Zehen ganz verbrannt
waren. Er setzte sich nieder, um die Rckkehr des Lwen zu erwarten,
entschlossen, sein Gewehr in dessen Hirn zu entladen, da er ihn aber
nicht zurckkehren sah, begann er auf allen Vieren den Weg nach seiner
Wohnung einzuschlagen, in der Hoffnung einem Reisenden zu begegnen, der
ihm weiter helfe, was auch geschah; man brachte ihn an einen sichern
Ort, wo er gepflegt werden konnte. Er verlor inde die Zehen und konnte
niemals wieder sich des vollstndigen Gebrauchs seiner Fe erfreuen.

Der Lwe ist beim Fressen, wenn er Hunger hat, sehr grimmig, gesttigt
ist er aber ganz mild. Bei der Jagd ergreift er nie offenbar die Flucht
oder zeigt Furcht. Sucht er auch wegen der Menge der Jger sich zu
entfernen, so weicht er doch nur langsam und Schritt vor Schritt und
wendet sich von Zeit zu Zeit um. Erreicht er einen Wald, so flieht er
schnell, bis er wieder ins Freie kommt; dann geht er wieder schrittweis,
oder wird er zu sehr gedrngt auch laufend, aber nie springend. Er luft
wie ein Hund, gerade und vorgestreckt fort; will er aber selbst
angreifen, so springt er auf den Raub, sobald er ihm nahe ist. Auch ist
es wahr, da er das Feuer frchtet. Er hat keine besondere Vorliebe fr
Menschenfleisch, und zieht jedes andere demselben vor. Nur wenn er zu
alt ist, um Jagd auf die Thiere zu machen, nhert er sich gern den
Stdten und fngt Kinder zu seiner Nahrung. Er giebt den Hottentotten
immer den Vorzug vor den weien Menschen, vielleicht weil sie
unbekleidet sind; er durchbricht oft die Reihen der Jger, um sich das
erwhlte Opfer heraus zu suchen. --Wenn der Lwe alt wird, verliert er
die Zhne; dann hat er wenig Muth und man sah einen Lwen, der vor einem
Schweine floh, welches sich wehrte und die Borsten gegen ihn strubte.
Er kann brigens viele Pfeilschsse aushalten, nur nicht in den Weichen.
Am Kopf ist er am festesten. In Lybien glaubt man, er verstehe das
Flehen der Frauen. Eine Gefangene, welche mit ihrem Kind am Wege stand,
sah pltzlich einen Lwen vor sich liegen; da warf sie sich im Schrecken
vor ihm nieder und bat ihn jammernd, sie und ihr Kind zu verschonen,
da soll er aufgestanden und fortgegangen sein. Die Absicht des Lwen
verrth der Schwanz; wenn sich derselbe nicht bewegt, so ist das Thier
guter Laune. Ist es das nicht, so schlgt er mit dem Schweif auf die
Erde, und bei wachsender Wuth sich selbst auf den Rcken, gleichsam als
wollte er seinen Zorn dadurch noch mehr reizen. Kmpft die Lwin fr
ihre Jungen, so heftet sie die Augen auf den Boden, um nicht vor den
Waffen zu erschrecken. Wenn man inde dem Lwen eine Decke ber Kopf und
Augen wirft, da ist seine Kraft gebrochen und man kann ihn sogar binden,
so furchtsam ister.

Zwei Jger stieen pltzlich auf einen Lwen, welcher im Gras lag und
mit dem Schweif schlug; Beide sehen ein, da es um sie geschehen sei;
als der Lwe nun auf den Einen zusprang, wich derselbe schnell aus,
packte das Thier an der Mhne und klammerte sich fest an ihn. Der Lwe
schttelte und wlzte sich mit dem Unglcklichen, welcher endlich von
seinem Halten loslassen mute. Schon sah er den Rachen ber sich
geffnet, als er mit beiden Hnden hineinfuhr und des Lwen Zunge
packte. Whrend dem zielte der andere Jger nach dem Thier und traf es
tdtlich.

Sobald ein Pferd einen Lwen riecht, achtet es nicht mehr auf Zaum und
Gebi, sondern reit mit dem Reiter aus oder wirft ihn ab. Der Lwe
verfolgt inde das Pferd und lt den Reiter liegen.

Als ich, erzhlte der Menageriebesitzer, weiter in der Nhe des
kleinen Sonntagflusses reiste, hrte ich zum ersten Mal die Lwen die
ganze Nacht hindurch brllen. Das Brllen besteht aus einem groben
unartikulirten Laute, der etwas Hohles hat, wie der Schall eines
Sprachrohrs. Es ist ein Mittelding zwischen U und O und scheint aus der
Erde zu kommen, so da man die Richtung nicht errathen kann. Daher
wissen die erschreckten Thiere auch nicht, wohin sie fliehen sollen,
sondern laufen im Dunkeln hin und her und fallen dem Feind in den
Rachen. Whrend des Brllens hlt nmlich der Lwe das Maul gegen die
Erde. An unserm Vieh konnten wir es jedes Mal erkennen, wenn sich Lwen
nherten, selbst wenn sie nicht brllten. Die Hunde wagten nicht einen
Laut von sich zu geben, die Ochsen und Pferde holten tief Athem und
zogen langsam an den Riemen, womit sie an die Wagen gebunden waren,
legten sich auf die Erde und standen wieder auf, als wenn sie in
Todesangst wren. Die uns begleitenden Hottentotten machten sodann
Feuer, legten ihre Wurfspiee neben sich und die Europer luden die
Flinten mit Kugeln. Obschon die Lwen das Feuer frchten, so wuten die
Hottentotten doch Beispiele, da sie Menschen davon weggeholt und ganz
in der Nhe aufgefressen hatten. Sie verboten, zur Unzeit zu schieen,
damit im Finstern nicht ein Mensch getroffen werde und beschlossen, das
Thier mit ihren Spieen anzugreifen, whrend andere sich ihm an die Fe
hngen sollten. Sie behaupteten, da der Lwe den Menschen, den er
berwltigt und unter sich liegen hat, nicht sogleich tdte, wofern
derselbe ruhig bleibt, sondern ihm erst spter unter frchterlichem
Gebrll einen Schlag auf die Brust gebe. Die Hottentotten waren inde
sehr muthig und bezeigten keine Furcht. Einer der Ochsen zeigte sich
ganz besonders ngstlich, so da es ihm sogar vor Schreck im Leibe
rumpelte; eben so benahm sich auch ein Hengst und beide Thiere hatten
noch nie einen Lwen gesehen. Dagegen scheinen die gemsenartigen Thiere
ihn nicht zu wittern, da sie an seinem Versteck oft so sorglos
vorbergehen, wenn sie an's Wasser wollen, um ihren Durst zu lschen
und dann auch meist seine Beute werden. Will man durch Flsse setzen,
so pflegt man mit der groen Ochsenpeitsche so laut als mglich zu
klatschen, um auf diese Weise die lauernden Lwen aus ihrem Hinterhalte
zu vertreiben. Das Klatschen der Peitsche tnt weiter als ein
Flintenschu.

Ein Hottentotte bemerkte eines Tages am obern Sonntagsflu, da ihm ein
Lwe zwei Stunden lang nachschlich und schlo daraus, da derselbe nur
die Nacht abwarte, um ber ihn herzufallen. Da er nichts als einen Stock
bei sich hatte, versteckte er sich beim Einbruch der Nacht in eine Kluft
an einem Abgrund, steckte Hut und Wamms auf den Stock, den er aus der
Kluft herausragen lie, indem er ihn von Zeit zu Zeit bewegte. Der Lwe
schlich ganz leise wie eine Katze herbei, dann sprang er auf den Hut zu
und strzte die Felsen hinab.

Es ist merkwrdig, da der Lwe den Menschen gewhnlich nur verwundet
oder eine Weile wartet, bis er ihm den tdtlichen Streich giebt, whrend
er die Thiere augenblicklich tdtet. So hatte einer zwei Ochsen, als sie
kaum vom Wagen ausgespannt waren, auf der Stelle den Rcken entzwei
geschlagen. Ein Mann hatte es mit seinen zwei Shnen gewagt, Jagd auf
einen Lwen zu machen. Sie waren zu Fu, und als der Lwe hervorstrzte,
hatte er schnell Einen ergriffen und ihn unter sich geworfen und dennoch
hatten die beiden Andern Zeit, den Lwen zu erschieen und den
Unglcklichen zu retten. Ich habe selbst einen am Backen scheulich
verwundeten Hottentotten gesehen, dem auf einer Jagd ein Lwe blo
diesen Bi beigebracht hatte, ohne ihm weiter etwas zu thun. Ein anderer
hatte einen Mann blo in den Arm gebissen. Da er in der Regel keinen
Widerstand begegnet, so scheint er den Muth leicht zu verlieren, wenn
man ihm dergleichen entgegensetzt. In der Berberei, wo er die Uebermacht
des Menschen mehr kennen gelernt hat, soll er sich sogar mit
Stockschlgen von Weibern und Kindern vertreiben lassen.

Die Strke des Lwen ist auerordentlich. Er schleppt ein Rind im
Rachen fort, wie die Katze eine Maus und springt damit sogar ber
Grben. Ein Bffel ist ihm jedoch zu schwer. Am Buschmannsflu sahen
zwei Bauern einmal einen Lwen, welcher einen Bffel fortschleppte; sie
vertrieben aber den Lwen, weil sie selbst Lust nach dessen Beute
hatten. Er hatte dem Bffel das Gedrm aus dem Leibe gerissen, um ihn
leichter fortschaffen zu knnen. Als sie das Fleisch auf den Wagen luden
und fortfuhren, sah er sich recht oft aus dem nahen Wald nach ihnen um,
ohne Zweifel nicht ohne groen Verdru. Wenn er den Sieg ber den Bffel
davon trgt, so geschieht das blo durch Ueberfall aus einem
Hinterhalte, nicht durch freien Kampf auf dem Felde. Er springt auf ihn
los, setzt ihm die Klauen an den Hals, schlgt ihn mit der Tatze in's
Gesicht, schlingt sich um den Kopf, zieht ihn bei den Hrnern zu Boden
und sucht ihm Maul und Nase zuzudrcken, bis er erstickt oder an seinen
Wunden verblutet.

Uebrigens wehren sich die Bffel, besonders wenn sie Klber haben, und
ein Lwe soll von einer Heerde Khe, welche er bei hellem Tage angriff,
todt gestoen worden sein.

Ein Dutzend gewhnlicher Hofhunde werden brigens bei Tag auch Meister
des Lwen. Sein Stolz hlt ihn nmlich ab, vor ihnen zu fliehen und er
setzt sich blos hin, um sie mit den Tatzen abzuwehren, womit er freilich
2-3 todt schlgt, aber von den andern zerrissen wird.

Der Lwe ist viel leichter zu tdten als andere Thiere; Bffel und
groe Gemsen laufen mit einem Schu durch Bauch und Gedrme davon, der
Lwe aber bekommt gleich Erbrechen und wird unvermgend zu laufen. Der
Lwe ist brigens eines der trgsten Raubthiere und giebt sich nicht
gern die Mhe, etwas aufzusuchen, so lange er nicht vom Hunger gedrngt
ist.

Am Kohmiesberge, im Lande der Nomaden, wollte ein Hottentotte eine
Heerde Vieh in's Wasser treiben, als er einen Lwen entdeckte. Er floh
mitten durch die Heerde in der Hoffnung, da der Lwe eher ein Stck
Vieh ergreifen wrde, als ihm zu folgen. Keineswegs. Der Lwe brach
durch die Heerde und folgte dem Hottentotten, der jedoch noch so
glcklich war, auf einen Aloebaum zu klettern und sich hinter einen
Haufen Nester des grauen Webervogels zu verstecken. Der Lwe that einen
Sprung hinauf, verfehlte aber seinen Zweck und fiel auf den Boden.
In mrrischem Schweigen ging er um den Baum, warf dann und wann einen
schrecklichen Blick hinauf, legte sich endlich nieder und ging 24
Stunden nicht von der Stelle. Endlich begab er sich nach der Quelle, um
seinen Durst zu lschen; der Hottentotte stieg herunter und lief nach
Haus, welches nur eine halbe Stunde entfernt war. Der Lwe folgte ihm
und kehrte erst 300 Schritt vom Hauseum.

Der Lwe greift, nach Aussage der Jger, kein Thier und keinen Menschen
an, wenn sie nicht fliehen, ohne vorher in einer Entfernung von zehn
Schritt sich niedergelegt und seinen Sprung abgemessen zu haben. Daher
schieen die Jger ihn nicht eher, als bis er sich gelegt hat, weil sie
dann richtig vor den Kopf treffen. --Begegnet man unbewaffnet einem
Lwen, so sind Muth und Geistesgegenwart das einzige Rettungsmittel. Wer
entflieht, ist unfehlbar verloren, wer ruhig stehen bleibt, den greift
der Lwe nicht an. Die erhabene Gestalt des Menschen flt ihm,
vorausgesetzt, da er den leichten Kampf mit den Menschen noch nicht
versucht hat, eher Furcht und Mitrauen in seine eigene Kraft ein und
eine ruhige Haltung verstrkt diesen Eindruck mit jedem Augenblick. Wenn
er sich auch zum Sprung niederlegt, so wird er denselben doch nicht
wagen, wenn man ihn unbeweglich wie eine Bildsule in's Auge schaut. Man
mu sich hten, durch eine unbedachtsame Bewegung Furcht zu verrathen.
Der Ausgang beweist, da er selbst sich nicht minder gefrchtet hat als
der Mensch; denn nach einiger Zeit erhebt er sich langsam, geht unter
bestndigem Umsehen einige Schritte zurck, legt sich wieder, entfernt
sich abermals in immer greren Zwischenrumen und nimmt endlich, wenn
er ganz auer dem Wirkungskreis des Menschen gekommen zu sein glaubt, in
vollem Laufe die Flucht. Der Lwe wgt die Gefahr ab, der Panther aber
strzt sich blindlings auf den Feind, unbekmmert, ob er siegen oder
unterliegen werde.

So erzhlte der Menageriebesitzer lange den Kindern und von Zeit zu Zeit
brachen immer wieder seine Thrnen aus. O, sagte er betrbt, wo werde
ich wieder einen Lwen bekommen, der so klug ist wie der meinige und so
schn Komdie spielen kann?

Wie, Komdie? riefen die Kinder einstimmig.

Ja, auf einem groen Theater in Paris.

Man erzhlt nmlich eine Geschichte von einer englischen Dame, welche
nach einem andern Welttheil reisen wollte, um ihren Mann zu besuchen.
Das Schiff legte an der Kste von Afrika an, um Wasser einzunehmen und
die Frau stieg mit ihrem Kind an's Land. Sie setzte letzteres unter
einen Baum, um einen Trunk zu holen, und als sie wieder zurckkehren
wollte, erblickte sie mit Schrecken einen Lwen, welcher um das Kind
herumging, es beschnupperte und leckte. Als das kleine Wesen ber die
unsanfte Berhrung seiner rauhen Zunge zu schreien begann, stutzte der
Lwe und entfernte sich in ruhigem Schritt. Die Mutter eilte nun herbei;
sie hatte schon gemeint, ihren Liebling todt oder verstmmelt zu finden,
aber siehe da, er war unversehrt, und sie sank nieder auf das Knie neben
dem Kinde und dankte Gott, da er das Herz des Raubthiers gerhrt
hatte.

Diese Geschichte wird nun als Singspiel in Paris aufgefhrt und mein
Lwe spielte mit. Ich hatte ihn seit seiner frhesten Kindheit darauf
abgerichtet.

_Prinze._ Aber, wenn er nun wild wird?

_Lisi._ Frchtet sich denn das Publikum nicht?

Das Publikum wei wohl, versetzte der Menageriebesitzer, da mein
Lwe von vier dicken Seilen gebunden ist, die man aber nicht sieht.

_Prinze._ Das Kind ist wohl durch eine Puppe vorgestellt?

_Menageriebesitzer._ Nein, es ist ein lebendiges Kind.

_Prinze._ Aber welche Mutter wird ihr Kind zu so etwas hergeben?

_Menageriebesitzer._ Das Kind luft keine Gefahr, denn es liegt unter
einem Gitter von starkem Draht; dieses schtzt vor des Lwen Zahn und
Zunge, whrend es fr das Publikum unsichtbar ist.

Als der Menageriebesitzer seine Erzhlung beendet hatte, begab er sich
auf den Heimweg. Die Kinder aber plauderten noch lange ber das
Lwenabenteuer, ber den Lwen und dessen Naturgeschichte.




Kapitel 12.

Der Kater Rosaurus will Knig der Wlder werden.


  Hochmuth
  Thut selten gut.

Das Kind, welches der Lwe gefressen hatte, war niemand anders als die
kleine Hanne. --Dorte hatte sie wie gewhnlich sorgsam angekleidet,
gewaschen und gekmmt, um sie in die Klein-Kinderbewahrschule zu
bringen. Sie hatte ihr auch ein Taschentuch mitgegeben, was sie wohl
konnte, da Wilhelm deren so viel gestohlen hatte. Hanne aber wollte
nicht in die Bewahrschule gehen, sondern lieber auf der Strae spielen;
sie war noch immer ein ungehorsames Kind, und als die Schwester mit ihr
auf dem Wege war, ri sie sich los von deren Halten und lief weg. Sie
hatte sich im nahen Gebsch verstecken wollen, bis Dorte selbst in die
Schule gehen mute; dann wre sie whrend mehrer Stunden ganz ohne
Aufsicht gewesen. Hannchen wute nicht, da man nicht davon laufen msse
vor dem Lwen, und als sie das groe Thier erblickte, war sie trotz
ihrem Schrecken auf nichts als auf ihre Flucht bedacht. Sie ri aus, so
schnell die vor Angst zitternden Fe sie tragen konnten, -- aber der
Lwe hatte sie mit zwei Sprngen erreicht; er mute noch hungrig sein
trotz des erlegten Schafs, bei dessen Verzehren seine Verfolger ihn
gestrt hatten. Mit seiner groen Tatze schlug er das Kind zu Boden und
bald war sie mit Haut und Haaren verspeist.

Der Ungehorsam wird immer bestraft, auch wenn keine Lwen frei im Walde
herum laufen!--

Der groe Lwe wurde nun ausgestopft und im Lustschlo der Prinzessin
aufgestellt. Er stand im Hausplatz, und wer zur Hausthr hereintrat,
bewunderte das schne Thier. Rosaurus erfreute sich ganz besonders an
demselben; er kletterte an dem Schwanz hinauf, setzte sich auf des Lwen
Kopf, zaute in dessen Mhnen herum und ergtzte durch seine
wunderlichen Sprnge und Geberden die Prinzessin und deren Freundinnen.

Wenn Rosaurus auf des Lwen Haupte sa, so kamen ihm oft wunderliche
Gedanken; es war, als ob der Muth des groen Todten ihm durch die
Glieder strme, er bekam Lust, auch ein Knig der Wlder zu werden. Ich
verbringe, sagte Rosaurus zu sich selbst, hier meine Tage in
Miggang; wenn ich durch meine Sprnge eine lachlustige Jugend
unterhalte, so habe ich meinen Beruf erfllt. Ich fhre eigentlich ein
wahres Schlaraffenleben; mir fliegen, so zu sagen, die gebratenen Tauben
in den Mund, whrend die Natur mir List und Geschicklichkeit verliehen
hat, sie lebendig zu fangen. Ich hnge ab von den Launen einer kleinen
Prinzessin, ich bin gebannt auf die weichen Teppiche der frstlichen
Zimmer, whrend die ganze groe Welt mir offen steht und Millionen von
Musen herumlaufen, die eigentlich nur fr mich geschaffen sind. Ich bin
ein Sklave und knnte so gut frei sein. Im Wald, wo alle Thiere froh und
vergngt herumklettern, mu ich allein Fesseln tragen und werde an einem
rosa Atlasband gehalten. Nein! das geht nicht lnger so. Ich bin zwar
noch nicht ein ganz groer ausgewachsener Kater, aber ich fhle doch
schon Kraft und Muth genug, um meine goldenen Fesseln zu brechen und
mich selbst zu ernhren; ich will ein freier Kater sein!

Nach diesen Betrachtungen erwartete Rosaurus nur die Gelegenheit, aus
dem Lustschlo zu entkommen, die sich auch leicht fand, da das erste
offene Fenster im Parterre ihm zu seiner Flucht behlflich war; er
bewerkstelligte dieselbe am frhen Morgen, und eilte sogleich, aus
Furcht, da man ihn bald einfangen wrde, in den tiefsten Wald. Er hatte
noch kein Frhstck genossen und freute sich, dasselbe zum ersten Mal in
seinem Leben sich selbst zu erwerben. --In den Gipfeln der Bume
erblickte er Nester; das Wasser lief ihm in dem Mund zusammen beim
Gedanken an die zarten Vgelchen, die er knacken wollte; aber ach! als
er die Bume erklettert hatte, fand er die Nester leer, es war die
Brutzeit vorber. Nachdem er zu verschiedenen Malen auf hnliche Weise
getuscht worden, nahm er sich vor, lieber den Musen nachzugehen. Er
wute sehr wenig Bescheid im Wald, kannte also nicht die musereichen
Distrikte und hielt es fr das Beste, sich auf die Lauer zu legen.
Es war ein starker Thau gefallen und Rosaurus hatte ganz nasse Fe
bekommen; er suchte also ein trockenes Pltzchen unter einem groen
Baum, wo mehrere Muselcher ihm einige Hoffnung auf Erfllung seiner
Wnsche erffneten; dort leckte er seine Pftchen, putzte sich das Kinn,
und machte eine sehr sorgfltige Toilette, denn er meinte, ein freier
Kater msse auch auf eine anstndige Weise einhergehen.

Whrend dieser Beschftigung hrte er etwas neben sich rascheln -- eine
Maus, dachte er -- aber nein, es war ein anderes niedliches Thier.
--Gelb der Rcken und wei die Brust, zierlich der Bau. Es war ein
Wiesel. Beide Thiere freuten sich, Bekanntschaft mit einander zu machen;
sie schlossen Freundschaft. --Lieber Freund, sagte das Wiesel, wenn
du mich lieb hast, so entferne dich von hier; wir befinden uns auf
_meinem_ Muserevier; ich habe noch nicht gefrhstckt und wenn mein
Wild dich so schn schnurren hrt, da bleibt es in den Hhlen -- vergieb
-- mit Freunden macht man nicht Umstnde.

Rosaurus hatte gemeint, alle Muse wren nur fr ihn geschaffen und
siehe, da war ein Nebenbuhler; schnell eilte er nach einem andern Platz;
die Sonne hatte den Thau getrocknet und er schlich im zarten Grase so
leise und weich einher, wie auf dem frstlichen Teppich. Hier ist mir
gewi das Glck hold, dachte er. Da bemerkte er pltzlich ein
wunderliches Geschpf; es war ein rundes, ganz mit Stacheln bedecktes
Thier, welches einen sehr kleinen Kopf und sehr kurze Fe hatte; es war
ein Igel. Was willst du? frug derselbe mit sanfter Stimme; du weit
wohl nicht, da du hier auf meinem Muserevier bist; habe die Gte, dich
zu entfernen, denn mich hungert's. Ich laure schon den ganzen Morgen
vergebens auf ein Frhstck.

Rosaurus eilte weiter; er war sehr hungrig; an einem Bergabhang hoffte
er Schutz vor den heien Strahlen der Sonne und eine Maus zu finden.
Kaum dort angelangt aber vernahm er eine tiefe grobe Stimme, welche aus
einer Hhle hervortnte, und die mit scharfen Zhnen versehene Schnauze
eines Fuchses lie sich sehen. --Mach, da du fort kommst, du
mauselustiges Thier; das Musenest in der Nhe habe ich nicht etwa so
lange fr dich aufgespart; wenn ich kein besseres Mahl erwischen kann,
so sollen dessen Bewohner mir gar nicht bel schmecken. Der Hunger ist
der beste Koch!

Rosaurus schlich betrbt weiter; er, der gemeint hatte, die Muse wren
nur fr die Katzen geschaffen, er fand nun, da noch so viele andere
Thiere auf diese Speise angewiesen waren. --Sein Muth sank immer mehr;
als er mde sich auf einen Baumstummel setzte, vernahm er ein klgliches
Schreien -- ein Sperber hatte eine Maus gefangen und verzehrte dieselbe
auf einem benachbarten Zweig.

Der Abend brach ein und Rosaurus war noch nchtern. Es war dunkle Nacht
und dichte Wolken hatten sich ber dem Himmel gelagert und verhllten
Mond und Sterne; ein fernes Donnern lie sich vernehmen und Rosaurus
suchte Obdach hinter der verfallenen Mauer eines alten Thurmes.
Vielleicht luft mir ein Muschen in den Weg, welches Schutz sucht, wie
ich. -- So dachte Rosaurus und sollte abermals getuscht werden. Eine
groe Eule hatte dort ihr Nest aufgeschlagen und Rosaurus fhlte
pltzlich den krummen Schnabel auf seinem Rcken. Die Eulen hassen die
Katzen von Natur, weil sie von Musen leben, wie sie selbst; diese hier
hatte noch obendrein Junge, denen Rosaurus gefhrlich werden konnte.

Erschrocken eilte der arme Kater von dannen; die Eule hatte ihm eine
tiefe Wunde auf dem rechten Schenkel beigebracht und diese schmerzte.
Der Regen strmte herab und Rosaurus befand sich auf freiem Feld; -- er
fhlte sich sehr unglcklich. Was war aus seinen Trumen von Freiheit
geworden? er, welcher ein Knig der Thiere hatte werden wollen, was war
er jetzt? Ein gedemthigtes nasses Ktzchen, ohne Obdach, ohne Speise,
das sich nicht mehr nach Hause finden konnte. Ach, er mochte wohl sehr
weit von Hause entfernt sein; wie war er mde! Er streckte sich ins
nasse Gras und sein klgliches Miau mute alle Muse verscheuchen, wenn
der Regen das nicht schon gethan htte. --Zuletzt verstummte auch
dieses Miau; Rosaurus lag erstarrt und ohnmchtig und alles Bewutsein
war von ihm geschwunden. Armer Rosaurus! das war ein schreckliches Ende
seines ehrgeizigen Strebens.

Die Nacht war vorbei, der Regen hatte aufgehrt, die Sonne ging auf, die
Vgel zwitscherten, die Regenwrmer krochen hervor; die Feldmuschen
streckten ihr spitzig Nschen aus den Lchern, aber Rosaurus merkte
nichts davon. Da kam ein kleines Mdchen daher, es war Dortchen, welche
Etwas nach dem frstlichen Lustschlo zu tragen hatte; sie sah Rosaurus
am Wege liegen und erkannte ihn an dem abgebissenen Schwnzchen; denn an
etwas Anderem htte sie ihn nicht erkennen knnen, so hlich, schmutzig
und zerzaut sah er aus. Sie nahm das erstarrte Thier in ihren Mantel
und wrmte es; dann trug sie es zur kleinen Prinzessin. Rosaurus schlug
die Augen auf, ihm war es, als habe er einen schweren Traum gehabt, nur
der groe Hunger, den er fhlte, sagte ihm, da es kein Traum gewesen
sei. Aber da stand auch schon die warme Milch mit Bisquit; whrend er
fra, wurde die Wunde ausgewaschen und mit kaltem Rahm benetzt; dann
trug man Rosaurus in sein weiches Bettchen und deckte ihn mit warmen
Tchern zu. --Er schlief ein.--

Als er erwachte, fhlte er sich neu gestrkt, alle Sehnsucht nach der
Freiheit war geschwunden, er sprte nichts mehr von Gelsten -- ein
Knig der Wlder zu sein und empfand mit groem Behagen die
Annehmlichkeit seiner Hofexistenz. Er nahm sich vor, dieselbe nicht mehr
freiwillig aufzugeben, und die unsichere Musejagd nicht mehr hher zu
stellen als die Sigkeiten, welche der Prinzessin weie Hand ihm
stndlich reichte.




Schlu.


  Gieb sie, gieb sie des Lebens Gaben
  Und was Dein Herz in Liebe trgt:
  Das Herz will seine Stimme haben,
  Bevor es stolz und ruhig schlgt.

Jahre verstrichen. Rosaurus war ein groer dicker Kater geworden; die
niedlichen Sprnge hatte er eingestellt; selten erlaubte er sich einen
Spatziergang auf das Dach; seine Eltern waren gestorben und seine
Geschwister kannten ihn nicht mehr; sie meinten, er habe gar zu feine
Manieren angenommen; wollte immer etwas vorstellen, wenn er unter ihnen
wre, und wisse von gar nichts zu erzhlen, als von dem groen Lwen,
bei dem er drei Stunden zugebracht und den er in Respekt erhalten habe.
--Dagegen mache er eine verchtliche Miene, wenn sie von ihren Musen-
und Ratten-Abenteuern im Keller erzhlten; er schien die wichtigsten
Ereignisse ihres Lebens fr hchst kleinlich und unbedeutend zu halten
und bei ihren schnsten Konzerten schlief er ein oder schnurrte so laut,
da der krftigste Katzenba kaum vernehmbar werden konnte. Rosaurus
wurde demnach nicht mehr eingeladen und wenn seine Verwandten ihn mit
einiger Hflichkeit behandelten, so geschah es blos, weil sie
vermutheten, da er groe Schtze an Knochen, Zucker und Bisquit
besitze, die er ihnen einmal Preis geben oder vermachen knne.

Indessen war Joly gestorben; -- er hatte von allzuguter Nahrung und, wie
Lisi meinte, vom steten Aerger ber Rosaurus, die Raute bekommen und war
so ekelhaft geworden, da man es fr nothwendig hielt, ihn todt zu
schieen, wovon freilich die Prinzessin nichts erfahren durfte. Bald
darauf brachte man ihr ein anderes Hndchen, welches dem Joly hnlich
sah, nur jnger und lustiger. Jetzt kam die Reihe an Rosaurus
eiferschtig zu werden und er zeigte sich so heftig und erbarmungslos
gegen das kleine Thier, er hatte so wenig von der Gromuth des Lwen
gelernt, da er dem neuen kleinen Joly einst mit einem starken Schlag
seiner Tatze ein Auge auskratzte.

Demnach wurde Rosaurus ins Vorzimmer verbannt und der kleine Joly wurde
der Schoohund und der stete Gefhrte der Prinzessin.

Einst erhielt sie zwei allerliebste kleine Vgelchen; sie waren grn und
man nannte sie die Unzertrennlichen, weil sie immer ganz dicht bei
einander saen und das Bild einer guten Ehe abgaben. Sie kamen aus
Amerika, wo sie heimisch sind. Die Prinzessin freute sich sehr an den
kleinen Thieren. --Rosaurus erblickte sie eines Tages und schien zu
meinen, da sie blos seinetwegen so weit hergekommen seien; er strzte
sich ber den Bauer her und fgte seine Krallen in dessen Drathgitter,
um sie herauszuholen; glcklicherweise trat gerade Lisi ins Zimmer und
erhob ein furchtbares Geschrei. --Rosaurus ward verjagt und das Leben
der kleinen Vgel gerettet. Der Schreck mochte aber sehr gro gewesen
sein und ihre schnen grnen Federchen flogen im Kfig herum, und hier
und da blutete eine Stelle, wo eine scharfe Kralle die Haut geritzt
hatte.

Nach dieser Missethat fiel Rosaurus gnzlich in Ungnade; und als
Mademoiselle Gogo einer jungen Erzieherin Platz machte, weil sie wegen
Krnklichkeit in den Ruhestand versetzt zu werden bat, nahm sie
Rosaurus, an den sie sich gewhnt hatte, mit in ihre Wohnung, wo sie ihn
mit groer Liebe und Sorgfalt pflegte. Die Prinzessin hatte ihr ein
groes weiches Sammetkissen fr diesen Lebensgefhrten geschenkt; darauf
lag Rosaurus und war noch im Alter ein schner Kater. Er that eigentlich
nichts als fressen und schnurren -- und das Spinnrdchen der Mlle. Gogo
schnurrte mit ihm um die Wette.




Druck der Vereins-Buchdruckerei in Leipzig.


       *       *       *       *       *
           *       *       *       *
       *       *       *       *       *


ERRATA

  Die kleine _Diana_  [_ungendert: spter immer Diane_]
  Prinzechen wollte aber von all diesen Namen nichts wissen.
    [_Original hat berflssiges  am Ende_]
  wenn diese uns nichts geben, so nehmen wir's.  [_ fehlt_]
  Versprechungen von Bisquit und Leckerbissen  [_Orig. Pisquit_]
  wenn wir es mit uns nehmen wollten.  [_ fehlt_]
  folgenden Bericht. Sie  [_ kommt nie_]
  solche gute Sachen genieen sollten.  [_ fehlt_]
  Bist du mir noch bse, da ich dir den Arm in meiner Tasche zerbrach.
    [_ungendert: Fehler . for ?_]
  wenn du mich lieb hast  [_ fehlt_]





End of the Project Gutenberg EBook of Leben und Schicksale des Katers
Rosaurus, by Amalie Winter

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBEN UND SCHICKSALE ***

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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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