Project Gutenberg's Die Lobensteiner reisen nach Bhmen, by Alfred Dblin

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Title: Die Lobensteiner reisen nach Bhmen
       Zwlf Novellen und Geschichten

Author: Alfred Dblin

Release Date: July 20, 2011 [EBook #36779]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LOBENSTEINER REISEN NACH ***




Produced by Jens Sadowski





Alfred Dblin

Die Lobensteiner reisen nach Bhmen

Zwlf Novellen und Geschichten







Zweite Auflage

Mnchen 1917 bei Georg Mller





Inhalt


Linie Dresden-Bukarest
Das Femgericht
Die Schlacht, die Schlacht!
Der Kaplan
Die Nachtwandlerin
Von der himmlischen Gnade
Vom Hinzel und dem wilden Lenchen
Der Riese Wenzel
Das Krokodil
Das Gespenst vom Ritthof
Der vertauschte Knecht
Die Lobensteiner reisen nach Bhmen





Linie Dresden-Bukarest


Vor der Abfahrt des Zuges lchelte Frau Barinianu auf dem Bahnhof Bukarest.
Ihr Mann der Oberst, neben ihr promenierend, schob einen Zeitungsausrufer
beiseite, blhte die Nase, straffte seinen Uniformrock, indem er seinem
kolossalen Brustkasten einen scharfen Ruck gab: Liebe Cesarine, ich wei,
da du von einer Last befreit bist, aber wir sind auf dem Hauptbahnhof und
du gehst in Trauer. Es brauchen nicht alle Leute sehen, da dir mein
seliger Vater nichts bedeutet hat.

Sie nahm sich kaum zusammen; mit heiter verwirrtem Ausdruck hauchte sie
hinter ihrem schwarzen Schleier: Verzeih, ich geh heute zum ersten Male
ein paar Schritt.

Er zog ein Portefeuille mit braunen Banknoten aus der Brusttasche. Als die
Maschine pfiff, rief er ins Coupfenster hinauf, sie solle gleich ein paar
Aussteuersachen fr Matilda in Dresden besorgen. Die Wagen rollten. Der
Oberst klappte etwas zusammen. Sie winkte und nickte. Er, trumerisch mit
dem Sbelknauf spielend, fuhr in der Kalesche ins Kasino zum Festdiner.

Frau Barinianu sa in dem schmetternden Zug auf dem roten Polster der
ersten Klasse. Das Coup leer. Runde Backen hatte sie und sehr kleine Fe
in grauen Gamaschen. Der Hut neben ihr rutschte vom Sitz; sie beugte sich
zur Seite, um ihn festzuhalten. Sich aufrichtend sah sie im Rundspiegel
drben, da das Haar ihr ber die Stirn gesunken war und vor der koketten
Nase wehte, ebenholzschwarz und ohne einen einzigen grauen Faden. Dunkler
Flaum auf der Oberlippe. Das Gesicht gertet und wei und so kindlich
lebendig, da sie sich freudig zurcklehnte, den Hut hinuntergleiten lie
und die metallstrahlenden Augen schlo. Den Gang kamen dauernd Menschen
herauf, Kinder sprangen vorbei, der Kellner warf eine Speisekarte herein.
Sie ghnte und zog sich die langen Lederhandschuhe ab.

Herr Fortunesku stieg in Plojescht ein und sah sie sitzen. Er schlenkerte
in seiner ausbaldowernden Art herum und drckte sein breites Gesicht
drauen viermal gegen die Scheibe. Seine durchgestoenen Hosen rutschten
hoch. Als der Kontrolleur vorbeikam, las er angestrengt die Bestimmungen
ber das Verhalten des Publikums bei Unglcksfllen. Mit festem Entschlu
sagte er: Diese oder keine. Er ging mit seinem Kfferchen auf die
Toilette, zog sich um, eleganter, etwas knapp sitzender Cutaway, schwarze
Samtweste, gestreifte braune Hosen, eng um die Kniee. Das braune Haar
klebte er mit Wasser in dnner Lage auf den Schdel. Gebrstet, mit
bertriebenen Bewegungen, die seine athletischen Muskeln hervortreten
lieen, spazierte er in das Nachbarcoup Cesarines.

Whrend sanfter Fahrt strzte pltzlich der Dame eine Hutschachtel ber die
Arme und knallte vor ihre Fe. Sie schrie leise auf, sah ber sich. Die
Tre des Abteils ffnete sich; ein gescheitelter Kopf streckte sich vor:
Was ist? Um Gottes willen, ich eile zu Hilfe. Oh! Und Herr Fortunesku
sammelte den Deckel, den Hut und die Apfelsinen auf, die unter die Sitze
gerollt waren; auch ein langer Lederhandschuh lag da. Sie rckte in die
Ecke, als er um ihre Fe herum tastete. Er stellte sich mit glatten Worten
als Verlagsdirektor aus Jassy vor, jawohl aus Jassy. Er schnalzte,
flsterte, schmatzte, schon am Boden, in einer naiven Art. Es sei eine zu
lcherliche Geschichte; sie sei ihm schon mal passiert, vor vier fnf
Monaten, hinter Braila, zwischen Lanza und Braila; doch damals sei es keine
Hutschachtel gewesen, sondern in der Hutschachtel eine Bombe, so gro wie
ein Schneeball oder eine gewisse Sorte von Zwergpfeln; freilich sei sie
nicht explodiert, die Bombe; es hat ja auch in der Zeitung davon gestanden.
Aber dieser Knall, es war unvergelich. Und so sang er bis Kronstadt in
Ungarn, wo er ihr ein Glas Milch brachte. Er beteuerte, da sich manche
Damen bei dem Sturz von Hutschachteln verletzten; aber diese htten dann
weniger volles Haar, als die Gndige. Langes Haar mache es nicht, es msse
auch volles sein.

Wie er sich vom Fenster zur Tr, von der Tr zum Gepckhalter bewegte,
entwickelte er eine auerordentliche Grazie. Er hatte groartige formvolle
Bewegungen. Sie verfolgte ihn aus ihrer Ecke mit den Blicken und sagte es
ihm. Er verkroch sich geschmeichelt in seinen Halskragen, so da sie
erstaunte. Er sei nmlich Turner, Springer, Fechter, Stafettenlufer,
natrlich im Nebenberuf aus Sportleidenschaft. Auch wette er gelegentlich
bei schner Sommerluft, alles Temperamentssache. Und was sind Sie im
Hauptberuf?

Verlagsdirektor, meine Gndige, ich sagte es schon.

Ah so.

Ich verlege Zeitungen, Broschren, Bcher, am liebsten aus meinem
Interessengebiet. Turnen geht mir ber alles; Mllerei, Mllerei erhlt
mich. Sehn Sie so --

Er begann eine Kniebeuge zu machen und den Rumpf zu verdrehen.

Und sehen Sie so.

Sie prustete heraus und versteckte sich hinter ihrer Muffe.

Meine bungen scheinen Sie zu belustigen.

Nein, Ihr rmel ist ja geplatzt.

Er erstarrte, wurde lang: Ah so, schlechter Stoff. Ziehen wir aus.
Gestatten Gndige? Noch als der Rock lag, boxte er ihn mit mitrauischen
beleidigten Mienen: Ziehen wir aus. Ein unerhrter Stoff. Gekauft in
Braila; schlechte Industrie, wo die Stoffe platzen.

Er agierte in Hemdsrmeln langsam weiter, fter mit Blicken auf den Rock.
Als sie ihn aufforderte, sich zu ruhen, machte er einen beschmten Hpfer
ans Fenster: Es ist dieselbe Stadt, wo die Bombe fiel. Dieser Ort ist mir
verhngnisvoll. Ich ruhe jetzt, meine Gndige.

Er plumpste keuchend auf den Sitz ihr gegenber: Nun ruhe ich.

Inzwischen rutschte unter seinen Hemdsrmeln ein braunes dickes Flanellhemd
an den Kncheln vor; leicht errtend nahm sie die Jacke auf, legte sie ihm
ber: Sie sind Junggeselle, Herr Fortunesku?

Sein Mund verbreiterte sich, eine Feuchtigkeit schwamm ber die drehenden
Augen, er fuhr nach ihrem Handgelenk: Ein liebes Wesen starb mir vor
Jahresfrist; sagen wir rund ein Jahr und zwei Monate. Sie ist mir entrissen
worden.

Und warum schweigen Sie jetzt, mein Herr?

Situationen gibt es, die nicht nachlassen, an einem Mnnerherz zu pressen.
Bis es schwillt, schwillt; berschwillt.

Sie klopfte warm seine Finger. Er schttelte sich, wischte sich die Stirn
mit dem Zeigefinger, machte eine krampfhafte Klimmzugbewegung. Hin und her
wandernd sthnte er. Die Schwermut ri ihn hin. Er beugte sich zu ihr; im
Nu hatte er sie an seiner Brust, sa eng bei ihr. Die Tropfen aus den Augen
des trostlosen Mannes fielen auf ihren Rock. Betubt hielt sie still. Was
ist das? dachte sie, ich kann mir das nicht gefallen lassen. Das ist ja
entsetzlich. Sie brachte aber nur seufzend heraus: Es ging aber doch
recht schnell. Sie halten mich fest, mein Herr.

Triumphierend glnzte sein Gesicht. Sie flsterte ngstlich: Schlieen Sie
wenigstens die Tr; ich habe Kaffee bestellt.

Ein Zug am Riegel, Einschnappen des Schlosses. Sie hing gehoben auf seinem
Scho, so da sie die weichen Patschen faltete, befangen lchelte: Es ist
wunderbar. Man mu das erlebt haben.

An ihrem Spiegelbild sah sie vorbei. Die Wagen ratterten. Heller und
dumpfer klirrten die Scheiben in ihren Holzrahmen. Er strich sich den
Schnurrbart. Auch ihr Gesicht fing an zu glhen. Seine Brauen waren
borstig, seine Augen klein wie Murmeltiere. Ihr dicker runder Krper
sackte, von ihm losgelassen, gegen den roten Plsch. Zwei Mnnerarme
schlossen sich um ihren atmenden widerstandslosen Rumpf, drckten ihn hoch;
eine stopplige nasse Haut rieb gegen ihre Wange. Whrend ihre Lippen
einander benetzten, Zhne ber Zhne strichen, schwindelte ihr leicht
hinter der Stirn. Entfernt schnaubte die Lokomotive; sie fhlte das Stoen
der Rder herauf. Seine Knie unter ihr zitterten.

Da kam ihr vor, als ob es seitlich von ihr irgendwo knackte. Und wie sie
den Kopf ber seine Schulter schob und mit dem rechten Auge
herunterschielte an seinem Rcken, blinkte auf dem Polster eine kleine
Beizange an ihrem Handgelenk, ihr Armband lag frei daneben. Unwillkrlich
zuckte ihr Arm. Blitzschnell waren Zange und Schmuck in seinem gebauschten
Hemdsrmel verschwunden, Schlaff wlbte sich ihr Rcken nach einem tiefen
Atemzug. Ihr Mund fiel auf seine knochige Schulter und mahlte das blaue
Westenfutter. Er, von unten den Blick zu ihr drehend, bettelte, ob ihr
schlecht wre, ob er sie legen sollte. Sie fixierte ihn halb ohnmchtig aus
den schmalen Augenschlitzen: Ist das ein Lump. Es ist ein Hochstapler, ein
Eisenbahnruber. Ich setze mich in den Zug, um nach Dresden zu fahren und
er sieht mich und stiehlt meine Brillanten.

Er kratzte sich mit der freien rechten Hand den Scheitel, so da sich eine
Haarstrhne wie ein gebogenes Horn aufstellte: Seelische Strapazen
peinigen mich, meine schne Dame. Nennen Sie mir Ihren Namen, Ihren
Vornamen, geschwind, geschwind.

Angstvoll, ohne ein Glied zu bewegen, lag sie. Sie dachte: Es geschieht
mir recht. Wo ist er denn jetzt? Ich habe goldene Strumpfschnallen.

Und schon knackte es wieder. Sie weinte halb, warf jammernde Blicke gegen
die Notbremse: Ich kann nichts machen gegen ihn. Er kompromittiert mich,
wenn das Bahnpersonal kommt. Und diese Hemdsrmeln. Er ist solch Lump.

Ihren Vornamen, geschwind, geschwind.

Sein Haar war dnn; seine Ohren standen ab, braune Bschel wuchsen daraus:
Er ist vielleicht ausgebrochen aus dem Zuchthaus. Er hat im Zuchthaus
gesessen. -- Wie schrecklich wre es, wenn er ein anstndiger Mensch wre
und ich mich so gehen liee. Was wrde er von mir denken, von mir erzhlen.
Wo wrde ich ihm begegnen knnen. Dem werde ich nie begegnen, dem Strolch.
Bei ihm bin ich gut aufgehoben.

Sie drckte Auge und Nase fester gegen seinen Gummikragen: Der prahlt
hchstens mit mir. In einer Kaschemme rhmt er sich.

Sie sprte, wie er die Knie vorsichtig unter ihr wegzog, bog den
spitzenverhllten Arm um seinen Hals: Du prahlst mit mir, nicht wahr? Wenn
du mit deinen Freunden bist? Wo bist du her? Du mut mir erzhlen.

Er fuhr hoch. Diese Frau duzte ihn. In einer Zuckung streckten sich seine
Beine quer ber den Gang; sein linker Arm stemmte sich auf den Plsch. Es
kollerte und klirrte etwas ber seine Fe. Sie hielt ihn, lie ihn nicht
los, Stirn dicht auf Stirn: Ist dir was hingefallen? Hebs spter auf. La
doch liegen. Du mut mich nachher noch so lange begleiten. Ich fahre nach
Dresden. Ich hole meine Tochter aus dem Pensionat. Ja, ich bin verheiratet,
und mein Mann ist Offizier in Bukarest. Aber unseren Namen sag ich dir
nicht, denn du bist solch Strolch, ich durchschaue dich, solch frecher,
frecher Strolch.

Fortunesku atemlos unter ihrem Drngen, schnitt ungeschickte Grimassen; er
gaffte aus dem Ring ihrer Arme auf die Leiste des Spiegels: Das ist eine
besondere Frau. Sie bringt mich um. Ich will ihr alles wiedergeben.

Madame, ffnete er indigniert den schlecht rasierten Mund. Aber sie hatte
ihn schon mit vergngtem Gelchter um die Taille gefat. Sie kniff ihm in
den Arm, quietschte: Bin ich froh, bin ich froh ber dich, du Lump. Weil
du solch Lump bist. Er wand sich, verdrehte sich schlangenhaft. Sie stand
zugleich mit ihm auf. Sie packte ihn bei den Hften, lie ihn nicht los,
lie ihn nicht los. --

Als Cesarine zwischen Znaim und Iglau, wohlig ausgestreckt, sich von dem
Zug ab- und auffedern lie, plauderte sie von Dresden, von ihrer Familie.
Sie blinzelte gegen die grelle Deckenbeleuchtung, lobte Matilda und ihren
Verlobten. Madame, fing Fortunesku an, von Zrtlichkeit und
Gewissensbissen berwltigt, whrend er sich ihr gegenber den Schnrsenkel
festzog, wollen Sie zwei Worte von mir anhren. Ich bin, wie Sie sehen,
Kavalier und Ritter. Ein Mann von meinem Temperament und Gewandtheit, in
meinem Gesellschaftsrang ist natrlich von einer Vielseitigkeit, die
anderen Berufsarten fremd erscheint. Ich hebe Lasten, ffne Schlsser. Ich
mache Scherze als Turner, die Uneingeweihte miverstehen.

Sie zog den Fenstervorhang vor ihr Gesicht: Ja, Sie knnen turnen wie kein
Mensch auf der ganzen Erde. Die Bremse knarrte, die Wagen schaukelten; ein
sdlicher Vorort Dresdens blitzte. Cesarine rauschte hoch, stie mit den
Fen gegen Metall.

Aber heben Sie doch Ihre Sachen auf.

Unsicher lchelnd stemmte Fortunesku, noch sitzend, die Arme in die
Weichen; er streifte sich die geborstene Jacke ber.

Der lange Ruck, die weie Wlbung der Bahnhofshalle. Gepcktrger brllten
in die Fenster.

Sie drehte sich sanft, in Trauerhut und Schleier, zu ihm, der gebckt
stand, hauchte: Sind Sie fertig?

Herr Fortunesku war edles Halbblut; seine Mutter hatte es ihm oft gesagt.
Beleidigt schnellte er durch das Coup, tauchte unter die Sitze, kehrte ihr
den Rcken zu. Sie beobachtete ihn entzckt. Pltzlich scharrte er, giftig
ausspeiend, die Sachen zusammen, legte das Armband mit einer noblen Geste
offen um sein linkes Handgelenk. Sie bat ihn um ihren Handschuh, schwebte
duftend voran; der Trauerschleier wallte um sie; Arm in Arm verlieen sie
den Bahnhof.

Sie nahmen Wohnung im Hotel Zur goldenen Eintracht. Verlagsdirektor
Fortunesku aus Jassy nebst Gemahlin. In ihrem Zimmer warf er, als sie Licht
knipste, Armband und Brillanten in der Ecke oben auf die Hutschachtel.
Schelmisch besnftigte sie ihn vom Lavoir her; was er gegen die
Hutschachtel habe. Sie bot ihm vor der Ausfahrt ihr Portemonnaie an. Er
schob den schwarzen Samthut in den Nacken, schob ihre Hand zurck, zeigte
voll unterdrckter Wut sein eigenes Portemonnaie. Mit einer heimtckischen
Sigkeit schmeichelte er ihr in dem offenen Landauer. Sie sog die
abendliche Luft auf Lnitz ein. Die Menschen murmelten, lachten,
murmelten. Glcklich rauschten die Akazien im Sommerwind. Wie seine Augen
grell seitlich funkelten, in einer frchterlichen Drohung, schauerte ihr
ber den Rcken. Dieser Mensch konnte morden, wie gut war sie bei ihm
angekommen.

Matilda hie die Tochter Cesarinens; sie war achtzehn Jahr. Blonde Ponys
hingen ihr in die Stirn, die Nase krftig geschwungen, graue stolze Augen.
Im weien schlanken Sportkleid trat sie am Morgen der Mutter entgegen, die
ihr Fortunesku vorstellte, einen weitlufigen Verwandten in Jassy und
zuflligen Reisebegleiter. Fortunesku schwang den Hut. Das Silbergehenk am
gelben Ledergrtel Matildas klapperte, als sie sich zusammen an den
Frhstckstisch setzten. Die elegante Pensionswirtin zog Frau Barinianu
hinaus zu einer Besprechung.

Rasch drckte Fortunesku seinen veilchenblauen Selbstbinder fest, pfiff
hoch zwischen zwei Fingern, hob den Daumen. Das junge Mdchen legte das
Messer auf die Marmeladenschale.

Ein Wink, flsterte er, schlo die faltige Portiere zur Bibliothek, ein
Wink: Grigor Papiu, Petru Kostin.

Dicht rckte er seinen Korbsessel an ihren: Legen Sie die Serviette hin.
Sie wissen nicht, was die gndige Frau mit Ihnen vorhat. Ich bin nicht
Fortunesku, wie sie sagte. Petru Kostin, heie ich, Sekondeleutnant im
zweiten Infanterieregiment zu Jassy, Freund Ihres Verlobten Papiu. Ich habe
eine geheime Botschaft zu berbringen. Sie mssen schwren.

Petru Kostin?

Nicht sprechen, um Gottes willen nicht sprechen. Ich bin ohne Urlaub
gefahren. Kommen Sie in die Ecke, auf die Loggia; Ihre Mutter erschrickt,
wenn sie uns hrt.

Mein lieber Gott, was ist das! Was will Grigor?

Mit gefahrdrohenden Schritten ging er ber den Teppich: Sie haben Grund,
sich zu ngstigen. Auf der Hut sein vor der gndigen Frau. Ich warne Sie
vor ihr.

Ein Stelzen um das Bfett, Sprung, schlangenhaftes Umschleichen der Sthle.

Sie kennen sie nicht. Niemand kennt Weiber. Sie hat sich mir anvertraut
auf der Fahrt. Mit Galanterie, mit bestrickendem Wesen habe ich alles
erreicht. Ich habe ihr entlockt, was sie fr sich behalten wollte. Aus
Mitleid fr Sie, deren Photographie sie mir zeigte, aus Kameraderie fr
meinen Freund habe ich mich ins Zeug gelegt.

Mama hat doch keine Photographie von mir.

Finster hielt er an der Anrichte und schwenkte ein Bein: Dann war es eine
Tuschung, der Sie dankbar sein mssen.

Es war Olga.

Mag sein. Ich verwechsele Olga mit Ihnen. Auch Olga wird es nicht gut
haben. Sie sollen mit Ihrem Vetter verheiratet werden aus Bukarest; sie
wird es Ihnen auf der Reise sagen.

Nein, das ist nicht wahr. Sie war erst starr, dann schluchzte sie und
krmmte sich ber ihren Scho.

Es ist kein Zufall, da ich mit Ihrer Mutter zugleich hier eintraf. Ihr
Verlobter Grigor hat es mir auf die Seele gebunden, vor Ihrer Heimreise mit
Ihnen zu sprechen, Ihnen alles vorzustellen, was auf dem Spiele steht,
seine Liebe, sein Leben, sein ganzes Dasein.

Er zog aus der Hosentasche ein zerbrochenes Bild: Sie sehen den Namenszug
Ihres Verlobten. Sie zweifeln nicht mehr an meiner Legitimation, mich Ihnen
vertraulich zu nhern.

Matilda kniff ein bses Gesicht. Versunken stand sie auf, schleifte zwei
Schritt um den Tisch, befahl Fortunesku: Setzen Sie sich. Und dann das
harte Gesicht gegen die Hngelampe hebend, deren grner Perlenbehang ihr
ber die Nasenwurzel spielte: Die letzten Briefe vom Vater klangen sehr
fremd. Ich dachte, es wre wegen der Krankheit Gropapas.

Fortunesku tobte durch das winklige verstellte Zimmer: Weg von hier! Wie
knnen Sie daran zweifeln? Diese Frau im Stich lassen. Ich verlange das von
Ihnen im Namen meines Kameraden. Oh diese Frau will ich strafen fr die
schlechte nichtsachtende Gesinnung, die schlechte Gesinnung, die sie mir
offenbart hat. ber Leichen geht sie, ein Ehrgefhl hat sie nicht.

Matilda bewahrte khle Haltung zur Mutter. Sobald sie allein war und sich
ausgeweint hatte, entschlo sie sich; sie stieg mit Fortunesku in den Zug
nach Bukarest.

Ich bin jetzt wieder glcklich, sagte Matilda, und ich bin Ihnen so
dankbar.

Sie drang in ihn, warum er so still wre. Er redete von Aufgaben, denen
manche Menschen nicht gewachsen wren, ein liebes Wesen sei ihm vor einem
Jahr gestorben, vor etwa einem Jahr. Pltzlich erklrte er, da er
schwitze. Sein breites Gesicht, -- die grauen Augenlider, die faltigen
Wangen mit den Narben am Kieferwinkel, die striemig rote Stirnhaut
vibrierten. Er zog mit ihrer Erlaubnis den Cutaway aus, streichelte
vorsichtig ber ihre Ponys. Sie kicherte: Sie sind doch nicht solch guter
Freund, wie Sie sagten, zu Grigor.

Es sind Wallungen, mein Frulein, schmerzliche Wallungen. Ich glaube
freilich, da sich manches Gefhl aus Wallungen zusammensetzt.

Und dann nach einer Pause: Der gute Grigor ist freilich etwas zahm.

Sie warf sich in die Brust, machte einen spitzen Mund: Aber das ist so
hbsch an einem jungen Mann, wenn er ernst und zahm ist. Und wenn er nicht
so frech ist wie --

Wie wer denn, meine Gndige?

Wie Sie.

Sie senkte umfat ihren lachenden Kopf an seine fleckige Samtweste: Was
glauben Sie, Frulein Matilda, was mich Grigor beneidet um diesen
Augenblick. Um meinen Schneid. Um meine Courage.

Whrend er sie herzog und sie folgsam ihren geschmeidigen Oberkrper wiegen
lie von ihm, sagte sie: Aber viel Schneid hat Grigor doch auch. Und so
lieb ist mein Grigor. Ihre Arme legten sich um seinen Gummikragen: Und so
froh bin ich, da Sie mich zu ihm fhren, Herr Petru, lieber Herr Petru.

Sie lachte und seufzte und lachte. --

Bei der kleinen Umsteigestation Beneschau, eine Minute Aufenthalt, kroch
aus dem letzten Waggon ein Mann, mit zerbeultem steifen Hut, gelbem
Sommerpaletot, durchgestoenen Hosen, in der Hand einen kleinen platten
Koffer. Fortunesku schluckte auf dem Bahnsteig sein Glas Helles, rckte
matt seinen Stuhl aus der Sonne und sah die blanken Geleise entlang: Es
ist nichts mit der Familie Barinianu. Sein Magen kam ihm leer und
schwindlig vor; er bestellte einen Schnaps: Strapazen, Strapazen; keinen
Pfennig verdient. Es geht abwrts mit dir, Franz; lauter Gefhle. Mutter
hat recht; aus mir wird nichts.

Er flegelte am Schanktisch, schmatzte, massierte seine Waden, seinen Arm,
schlich in das Dorf.

Eine blonde junge Dame verlie unter allgemeiner Aufmerksamkeit in Tabor
ein Coup erster Klasse. Sie schluchzte ber den Perron; ein
Bahnhofsbeamter fhrte sie am Arm, trug ihren Handkoffer und grauen
Reisemantel. Sie schien betubt oder wirr. Im Stationsgebude erholte sich
Matilda etwas, als die Frau des Bahnhofswirts ihr zusprach, heien Kaffee
brachte. Das Frulein stie mehrmals hervor, man mchte nach Dresden in das
Hotel Eintracht telephonieren, da sie hier warte.

Nach fnf Stunden kam die Mutter im Auto. Sie nahmen den nchsten Zug nach
Bukarest. Im Coup legte Frau Barinianu den Hut nicht ab; den
Trauerschleier knautschte sie in die Hhe, ri Matilda an sich. Cesarines
Gesicht war verschwollen; ihre kleine Nase dick und na. Sie lie von dem
Kind nicht ab, zitterte, schrie leise: Ich habe gedacht, du bist ermordet,
ich hab gedacht, der Lump hat dich ermordet.

Matilda rutschte mit dem Kopf an ihre Brust, schwieg, streichelte ihren
Rcken.

Nein, du lebst, Matilda, du bist ja wieder da.

Sei gut zu mir, Mama. Sage nichts zu Hause. Bitte. Nichts zu Grigor. Sein
Freund hat mir den Kopf verdreht. Ich habe mich rechtzeitig besonnen, sag
Grigor so.

Es war ja ein Lump, ein Strolch. Es war nicht Grigors Freund. Ich wei gar
nicht, wie er heit.

Die Tochter drngte sich an das zerpresste Jabot Cesarines: Er war solch
Lgner, dieser Mann. Er war so flink mit Lgen und allem. So flink.

Das Mdchen schlug sich die Hnde vors Gesicht und sthnte, sthnte.

Frau Barinianu steckte die Haarnadeln Matildas zurecht, umarmte sie
heftiger. Dann lie sie das Kind los, atmete tief. Sie rieb sich die Stirn.
Lange sprachen sie nicht.

Der Zug schwebte ber den Schienen. Von Zeit zu Zeit kam ein Sto der
Rder. Der Dampf der Lokomotive flog vorbei.

Langsam lste nun Frau Barinianu ihren Hut, wischte sanft ber den
Schleier, whrend ihr Kopf zurck auf das Polster fiel. Sie lchelte mit
weichem Mund, indem sie trumerisch vor sich in den Spiegel sah: Er ist in
die Welt verschwunden und kehrt nicht wieder. Oh, er konnte turnen, dieser
Lump. Ich habe noch nie einen Menschen so turnen sehen.

Lauter und zrtlicher vibrierte ihre Stimme vor Vergngen. Wie eine schne
Bratsche klang es aus ihr. Sie drckte das zerzauste Frulein an sich. Und
whrend die noch leise weinte, lachte die Mutter aus tiefem Herzen ber sie
her: Er war ein geborener Springer. Bis auch die stolze Matilda mit
verschmter Bewegung hoch blinzelte: Ja nicht wahr, Mutter, so springen
konnte er? Die Stimme wie eine Hirtenflte dnn und s.

Und sie kten sich. Der Wagen schmetterte ber eine Eisenbahnbrcke. Sie
wiegten sich Wange an Wange.




Das Femgericht


Ein Mann namens Haslau, der im Wrttembergischen wohnte, wurde von
Diebsgesindel heimgesucht. Haslau hauste, ein Fettwanst, klein, mit
stoppligem braunen Haar auf einem kugelrunden Kopf, in seiner Herberge.
Zwischen den Bauern, die die breiten Sitzbnke drckten, humpelte er
freundlich herum; am Schanktisch sttzte er die Arme auf, sah beobachtend
in die Stube rechts und links. Hausierer, Wanderburschen tauchten auf;
Karren hielten im Hof. Zweimal mute Haslau auf den Leiterwagen steigen, in
die Stadt, sich selbst wegen Hehlerei und Begnstigung verantworten. Als er
den letzten Diebstahl auf dem Amt meldete und sich halb umdrehte, bevor er
die Tre hinter sich anzog, schmunzelten Schulze und Schreiber an ihren
Pulten; der langnsige bebrillte Schreiber flsterte mit dem Daumen gegen
Haslau: Hacken die Krhen sich also doch die Augen aus? Wie spahaft, wie
spahaft! Und dann kratzten beide das Papier, preten dicke Querfalten auf
ihre Stirnen, weil Haslau noch an der Tr stand und grimmig zurckblickend
sich die Kolbennase rieb.

Im Frhjahr wurde das Schild an der Herberge neu gestrichen; der Name
Hitzinger wurde golden auf blauem Grunde ber Haslaus gepinselt. Vier
verdeckte Rollwagen fuhren an dem Marienkirchlein vorbei aus dem Dorf auf
die Landstrae. Den letzten lenkte Haslau selbst. Nickte finster in die
Stuben hinein. Am Ende der Strae, wo die Feuerwehr in einer Scheune
wohnte, spuckte er aus, schlug den Braunen, schnalzte: Hh, h-h!

Vor Elingen wurde die Ebene wellig. Pflaumen- und Kirschbume blhten. Die
Pferde in Schwei. Auf einer Anhhe ein sauberes Huschen; lchelnd und
knixend kam eine groe Frau in blaukariertem Kleid zur Tr hinaus, nahm
Haslau die Peitsche ab. Sie hatte stopplige Haare wie er und ein rotes
Gesicht; seine Schwester Kathrine.

Haslau zchtete in dem Huschen zwei Jahre lang belgische Kaninchen und
Schweine, pflanzte Krbisse, war in Elingen geehrter Vorstand des
Gesangvereins, Mitglied der Mnnerriege; ab und zu bernachteten stille
Besucher in seiner Wohnung, die morgens mit ihrem Pckchen verschwanden.
Eines Sonnabends nahm Kathrine ein Kchenbeil, ergriff ein feistes
Kaninchen an den Hinterbeinen, erschlug es, hutete es ab. Am Sonntag
Morgen suchte sie im Keller nach dem Tier, von der Frhmesse bis Haslau
aufstand. Er hinkte unglubig die Treppe herunter, leuchtete unter Kisten,
kratzte sich das Ohr: Es fehlen sechs Weinflaschen und zwei sind leer.
Kathrine machte maulsperrend drei Kreuze, zitterte Jesus Maria, latschte
nach oben, sa den vollen Vormittag bei der Nachbarin. Ihr Bruder zog sich
die grne Joppe an, horchte im Verein, man steckte die Kpfe zusammen,
sprach mit Nachdruck und trank erregt. Der Kolonialwarenhndler hatte einen
Sohn, der beim Militr diente; er besuchte Haslau und sagte, man solle die
Sache der Polizei melden. Haslau schniefte: Ich mach mir meine
Wasserleitung allein; einen Viehdoktor brauch ich nicht. Und die Polizei:
in Ehren, in Ehren, unberufen, aber wozu?

Er lehnte die Haustr von jetzt ab nur an. Ein dralles Hausmdchen brachte
er aus der Stadt mit fr Kathrine. Als Kathrine ihn verblfft anglotzte,
strich er ihr ber den Rcken, zog ihre steifen Schrzenbnder durch die
Finger: Wegen der Luft ist es, Kathrine, wegen der Luft auf der Brust. Man
wird alt. Ja warum denn? Sie soll dir helfen. Man will, aber es geht
nicht mehr, -- so allmhlich meine ich. Es kocht bei dir auf der Brust.
Knappe Luft. Auf die Spitzen stellte er sich flsternd, mit dem Daumen
zeigend: Eine Falle, fr den Lump. Bei der soll er anbeien. Er wird's
tun, verla dich drauf. Eine leckere Falle, ein schnes Schmackhppschen,
Trinchen.

Im Hochsommer trug das saubere Mdchen einen versiegelten Brief von
Hitzinger und ein graues Paket mit zwei Schinken herauf, und dann drehte
sie sich vor Haslau und brachte nichts heraus. Er nahm die Pfeife aus dem
Mund, schimpfte bei Seite, was das solle. Sie flennte, sie sei nicht
schuld. Die Pfeife lie Haslau auf die Rutsche poltern, das Mdchen fate
er am Handgelenk, sprang mit ihr auf den Flur, auf die Kellertreppe:
Kathrine, bring Licht. Er fluchte zwischen Kisten, Scken und Tonnen.
Acht Flaschen standen, ausgeleert auf dem Holzverschlag unter der Treppe,
davon fnf groe Weinflaschen. Kathrine traute sich nicht herunter, dann
heulte sie um zwei Kartoffelscke und ein Beutelchen Korinthen. Er unter
dem Treppenabsatz, dick schwoll sein rundes Gesicht. Nach einer Weile hob
er eine Flasche auf, schmetterte sie grimmig auf die Steine, ohne ein Wort
zu sagen. Es war was drin, kreischte Kathrine. Haslau nahm stumm zehn
Flaschen unter den Arm, klirrte eine nach der andern auf das Pflaster unter
der dunklen Treppe. Als die lange Kathrine dem Besessenen in die Arme fiel,
schleuderte er sie selbst bei ihrer Korallenkette herum, so da sie in die
feuchten Scherben rasselte, sitzen blieb und nach Luft rang. Der blumige
Wein spritzte ber ihre blauweien Backen. Sie machte ein Bein lang,
angelte mit dem nackten Fu nach dem Pantoffel, der ganz unter dem roten
Wasser stand.

Abends kauerte Haslau an seinem Tisch, schrieb mit breiten Ellenbogen:
Lieber Hitzinger, besuch mich mal. Deine Schinken sind schn. Kathrine
lt dich gren. Bei Reutberg ist die Brcke wacklig; fahr langsam rber.
Dein treuer Freund Oskar Haslau.

Sie stakelten zwischen den Obstbumen. Hitzinger im langen Rock mit der
schwarzen Weste und Messingknpfen kniff ein Auge zu, zhlte die Kastanien,
die Apfelbume, die Birnbume: Htt ich doch gedacht, da es sumpfig ist
in Elingen. Und so schn fest alles! Die Schiffermtze zog er schief in
die Stirn; aus seinem glatten viereckigen Gesicht blinzelte er zu Haslau
herunter, dessen kupferrote Backen und Nasenflgel verdrielich zuckten. An
einer Wegkreuzung setzten sie sich auf einen Stein, verschnauften. Haslau
kramte sich Kiesel aus seinen Schuhen: Der Strolch mu ein strammes
Bengelchen sein. Auf Essen und Trinken hat er's abgesehn. Aber mit dem
Mdel bndelt er nicht an. Hitzinger sphte um sich, bog sich lang nach
vorn ber sein Knie, flsterte ins Gras: Ein Schuft ist es, ein
undankbarer. Was hast du dich geschunden fr sie. Wir haben immer
zusammengehalten. Meine Flaschen htt ich zerschmissen, hoho! Vielleicht
ist es ein neuer. Mt ihn erwischen und zu Kleinholz schlagen. Mcht
schon, brummte Haslau, aber wer ist es? Minzel Aloys ist in Stuttgart
verheiratet, Musikantenfranzele schwimmt auf dem Wasser, Fabian macht Uhren
im Zuchthaus. Der Mann mit den Silberknpfen wiegte sich: Sollt mir
passieren, Haslau Oskar. Mein Vater erzhlt: wenn frher einer so was
fingerte in der Sippe oder an Kameraden, so haben sie sich zusammengetan
die Leute allesamt, haben die Feme gemacht ber ihn, so hats geheien, und
ab mit der Kohlrbe. Leg ein Blatt Papier in den Keller, schreib rauf mit
dem roten Blei: >Bruder< und drei schwarze Kreuze hinterher. Haslau leckte
sich die Lippen: Er gefllt mir, das Bengelchen. Ich denke: Fuchseisen
oder Rattengift. Das zieht. Erst warnen! Das Vieh liest nicht, suft
nur. -- Egal; er soll sein Fett kriegen, aber in Ordnung, mein Jung, in
Ordnung; also schreib du hier aufs Papier: Bruder und drei Kreuze; schwarz,
feste Handschrift, Oskar. Weiter scherts dich nicht.

Eine Woche drauf, Mittwoch frh sechs Uhr in der tiefsten Stille, gellten
und gellten Schreie durch das Huschen, berschlagende Frauengeschreie,
Geheul, Hinklatschen auf der Treppe. Gegen die Schlafstube schlug es; in
Schlafrock und Pantinen riegelte Haslau auf, packte das Mdchen, das
blkend ins Zimmer fiel, beim Arm: Hat er dir etwas tun wollen? Er ri
den Ochsenziemer von der Wand, zerrte das unbndige Geschpf, das immer
heiserer brllte, ber den Flur, auf die Kellertreppe: Schrei nicht,
sachte, sachte, sonst kommen die Leute von drben. Sie patschte in
sinnlosem Entsetzen die Hnde zusammen, hatte Aufstoen, spie. Hast du
auch die Tr hinter ihm zugemacht?

Aus dem Keller kam ein schmaler Lichtschein.

Krumm, in einer riesigen Lache Erbrochenem lag ein toter Mann neben
umgeworfenen Flaschen.

Still zog Haslau den Schlafrock ber dem Bauch zusammen, ein
verstndnisvolles Aufleuchten ging ber sein Gesicht; er nickte: So, so,
so, hin! Das Mdchen sprang ber eine Pftze, kreischte drauen weiter.
Von oben trampelten schwere Schritte. Haslau bckte sich kopfschttelnd
ber seinen Zettel. Er leuchtete, whrend die beiden Mnner sich
herandrngten, dem Toten ber den besudelten Bart, den gesperrten Mund:
Fabian, ausgerckt aus dem Kittchen, da sind wir ja wieder. Der eine
Rollkutscher, mit dem hngenden zerfaserten Schnurrbart, fragte, was denn
hier wre; nachdenklich blickte Haslau ihn und den Toten an, pfiff: Wie
sind Sie eigentlich hier rein gekommen meine Herren? -- Ja, das ist der
Fabian. Ein guter alter Bekannter von mir. Was so aus einem Menschen wird.
Man mchte an aller Vernunft verzweifeln. Da hab ich diesen Dreideibelskerl
in meinem Keller erwischt. Das war ein Geriebener aus Stuttgart. Hat der
ntig gehabt, bei mir Kartoffeln zu stehlen? Und er machte sich ber die
Flaschen her: Anderthalb Flaschen heute. Der Rest hat ihm nicht
geschmeckt.

Die Mnner sahen sich an, kletterten flsternd die Treppe hinauf. Haslau
fate den Toten bei den Beinen, schleifte ihn ber die Stufen auf den Hof,
packte ihn auf den Buckel, so da der geschorene Kopf auf das Pflaster
knallte und schmi ihn an den Rand des Gartens hin. Brach ein Stck des
Holzgitters heraus, lie den Krper, zwei heftige Ste gegen das Kreuz,
bergab auf die Strae rollen. Unten kniete die Leiche, die sich mit einem
Arm an einem Pfahl verfing, nach einer Minute ruhig am Weg, beugte den Kopf
so tief ins Gras, da sie durch ihre Beine hindurchsah. In der Stube wusch
er sich die Hnde, rieb sich Weste und Hose ab, schrieb schnaufend an
seinen Freund: Fabian mu in letzter Zeit sehr dick geworden sein; er war
sehr schwer. Nun werden wir Ruhe haben und das Mdchen kann ich entlassen.

Der Gendarm ri an der Klingel, der Rollkutscher dabei. Als der mit dem
Helm brllte, fragte Haslau verblfft, ob er solchen stinkenden Kerl auf
seinem Grundstck liegen lassen sollte. Holt Ihr ihn ab, Ihr
Polizeiherrchen. Ich mach meine Stube sauber, mit gtigem Verlaub. Sie
packten ihn an. Mit gehssigen Blicken trat er rckwrts dem Kutscher gegen
das Schienbein, so da er jaulte.

Im Gerichtssaale priemte er erregt. Hitzinger lmmelte an der Barriere.

Erst brummte Haslau: Herr Richter, der Mann ist an das Zyankali fr die
Whlmuse in meinem Keller geraten.

Es wird behauptet, Sie haben das Gift absichtlich in Weinflaschen
aufbewahrt.

Lassen wir doch die Leute reden, Herr Richter.

Mit einmal verweigerte er die Antwort und suchte auf seiner Bank herum.
Dann protestierte er pltzlich mit vortretenden Augen, indem er sich ber
die Schranke beugte, wegen Freiheitsberaubung.

Als die Richter nach kurzer Zwischenberatung auf das Podium wiederkehrten,
beobachtete er sie verbissen, keifte vor sich: Was die geheim tun! Mit
ihren schwarzen Mtzen! Die Herren Dokters! Die Herren Dokters! Den Dreck
kmmert sie mein Ding mit Fabian.

Der Vorsitzende schlug auf den Tisch. Haslau schniefte herauf: Wollt ihr
mir zeigen, was ich zu tun hab, ich alter Mann? In dieser Sache? Wit ihr
was von diesem Proze? He?

Prustend schttelte er die Fuste, whrend ihm blaue Ringe vor dem Gesicht
schwammen und er auf den Beinen schaukelte: Ich verlange, da ihr Fabian
vernehmt und mich rauslat. Fabian ist von meinen Leuten. Das ist hier kein
Gericht fr unsereins. Wenn Fabian nicht recht geschehen ist, so soll er's
sagen.

Mde kroch als Zeugin ein krummes Mtterchen heraus: Ja, ja, wenn ich
sprechen drft, und der Fabian hat gesagt, wenn er das nchste Mal
einbrechen tt bei Haslau Oskar, dann wrd's wohl eine Geschichte geben.

Der Vorsitzende fauchte ber den Tisch gegen sie. Haslau zitterte,
brummelte: Also ihr lat mich raus, wenn ihr's doch hrt! Die Sach ist
zwischen mir und Fabian. Die Sach ist beschlossen und gerichtet und
beendet. Ich misch mich auch nicht in euren Streit. Ihr lat mich raus!

Der Richter donnerte: Sie haben sich ruhig zu verhalten hier.

Mit unkenntlichem Gesichtsausdruck, fade schielend, die Augen etwas
wsserig leer, bewegte sich der Wirt an der Brstung, setzte sich
schwerfllig, whrend er grunzte, und sein Brustkorb arbeitete. Seine
blaurote Unterlippe zuckte pulsierend. Hitzinger flsterte hetzend; Haslau
winkte ab.

Es war nichts zu beweisen. Er wurde zu zehn Tagen Haft wegen Fahrlssigkeit
und so weiter verurteilt.

Karl, sagte er auf der Strae zu Hitzinger, die wollten mich umbringen.
Wenn ichs nicht hintergeschluckt htte, sa ich drin.

Der lange Hitzinger beruhigte ihn. Zu Hause beim Anblick der grnen
Kognakflasche, die Kathrine hereintrug, weinte Haslau erbittert. Er zog die
karierten Vorhnge zu, schwieg erst, trank und gluckste finster: Karl, ist
fr die denn ein anstndiger Mensch und ein Schwein dasselbe? Wegen des
dicken Fabian, des Viehs, der meinen Wein ausgesoffen hat, mu ich ins
Kittchen?

Wenn er's wt, krank lacht er sich.

Haslau schrie: Krank lachen tt er sich. Schlimmer als Minzel Aloys war
er.

Als der andere bekmmert die Flasche an sich heranzog, legte der dicke Wirt
den aufgesttzten Arm hin, sagte entschieden: Ich nicht. Es gibt noch
Gerechtigkeit dafr. Bin kein Aff, Karl, sag ich dir, der sich kujonieren
lt wie ein dummer Lausbub von den hergelaufenen Federfuchsern auf dem
Gericht. Bin ich ein solcher Aff? und pflanzte sich im Zimmer neben
Hitzinger auf, den Hosengurt anziehend.

Was denn, Oskar?

Meinen Wein soll er mir aussaufen drfen und ich geh ins Kittchen?

Was denn, Oskar?

Meine Sach hab ich mit Fabian abgemacht, wie wir's besprochen haben.
Kommst du mit, ist's gut. Kommst du nicht mit, mach ich mein Ding allein,
Karl. Es mu ein End nehmen damit. Haslau schlo die Kommode auf, stopfte
sich Geld aus einem braunen Strumpf in die Taschen. Den Schlssel warf er
vor Hitzinger auf den Tisch. Oskar, da du dich vorsiehst. Wir knnen alle
zusammen nichts ausrichten gegen die Federfuchser. Es ist eine abgefeimte
Klique.

Wirst schon sehen, Karl. Wirst schon sehen.

Nach vierundzwanzig Stunden brannte die Villa des Amtsrichters ab; das
Feuer brach im Dachstuhl aus, ein schlafendes Kindermdchen und viele
Tauben kamen um.

Haslau war verschwunden.

Erstach Vieh bei Begterten, zndete Heuschober an. Wtete im Land. Nach
anderthalb Jahren ergriffen ihn zwei Gnsetreiber in der Nhe von
Hitzingers Gasthaus, als er sich mit einer Strickleiter hinter dem
Amtsgebude des Dorfes zu schaffen machte. Nachdem man ihm mit Riemen Hnde
und Fe verschnrt hatte, war er taumlig und bei Stimmung, sah tiefbraun
und sehr mager aus. Den gewaltigen Gendarm, der ihn hielt, seinen Feind
grinste er an: Lebst auch noch, alter Sepp. Gnn's dir, da du mich gefat
hast; sollst deine Freud haben.

Aus den kleinen Tren polterten die Dorfgenossen in die graue Morgenfrhe;
reckten die Arme, stieen dem gebundenen Patron in die Weichen, klatschten
ihm mit einer Latte meckernd ber die Waden. Er blkte einknickend: Jetzt
machts mit mir, was ihr wollt, ihr Grindkpfe. Jetzt kanns geschehen. Reit
mir die Kaldaunen aus dem Leib. Leckt mir meine Lehmstiebeln ab, da, ihr
Borstenvieh, ausgesuchtes.

Jh packte ihn, als er spie, der Gendarm bei der Schulter und warf ihn mit
einem Ruck vor einen Misthaufen. Ein Bauer rief: Jetzt gibt's nichts mehr
zu hehlen dahier, du Hehler. Ein anderer lockerte den Mist mit einer
Gabel: Zu essen, Herr Wirt, dahier! Kuhfleisch, lat euch schmecken,
Lammbraten, da, fetter Schinken, Schinken mit Tunke.

Er wlzte sein beschmiertes Gesicht hoch: Htt ich noch die Herberge, ich
wollte euch was zu trinken geben, was euch Maul und Magen zusammen
verbrennt und euch das leibhaftige Hllenfeuer bei Lebzeiten im Bauch
anrichtet. Mignstige ihr, Diebe allesamt, unehrliches Volk.

Der lange Hitzinger war aus dem Bett gekrochen, stand mit sinkenden Hosen
auf der Treppe vor dem goldblitzenden Schild. Der Leiterwagen klapperte mit
Haslau, der ausgelassen hhnte, grhlte und pfiff, aus dem Dorf. Hitzinger
zog sich die Hosen stramm, spuckte hinter den springenden, fuchtelnden
Bauern aus, bevor er mit einem Fluch ber die Schwelle stolperte.




Die Schlacht, die Schlacht!


Armand Mercier geht seinen Freund Louis suchen.

Weiche schmelzende Schultern, Louis Poinsignon, in blaue Kittel gehllter
dnner Rumpf, schiebende Beine in hohen schwarzen Stiefeln, Louis, den
blauen Schal um den Hals.

Da er tot ist, wer glaubt das? Seine Mutter in Vareau heult, steckt sich
die Daumen in die Ohren, kaut Teebltter. Seine Mutter heult! Hh, wollen
sehen. Noch hat man einen Kopf und spuckt auf einen Wisch von Depesche.

Armand prustet neun Tage um sich, hat eine blasse Nase, merkt nicht, da
Frost da ist; sein Schacht verdreckt, Wasser rennt armdick ber den Boden,
Pumpen ziehen nicht.

Louis Poinsignon mit dem strohblonden glatten Haar steht nicht im
Maschinenhaus, kommt nicht zum Tricktrackspiel. Gegen die Preuen
gekrabbelt mit den andern; und ich auf eine Grube aufpassen. Die Ameise,
das Ameischen, Louis Poinsignon, das fleiige saubere Ameischen, das sie
zertreten haben, und ich auf die Grube aufpassen. Das alte Weib heult: was
geht's mich an! Die Frau hat keinen Begriff. Entweder ist er tot und dann,
-- Armand kaut an seiner Zunge und ist besinnungslos, -- oder eben: er ist
nicht tot. Oder er ist eben nicht tot. Er ist eben nicht tot. Ist nicht
tot. Louis ist nicht tot.

Am zehnten Tage sagt er sich: man ist kein Sklave; wenn Louis Poinsignon im
Hgelland von Roye gefallen ist, dann ist es um was geschehen. Pfeifen,
Trompeten, Trommeln, dann sollen sie mal trommeln, bumberum bumm bumm,
titiliti. Mtze in die Ecke, Rock in die Ecke, ein Bad genommen. Nach
Hause. Sieben Uhr abends. Armands Augen lesen die Schilder des Stdtchens
ab: Frol Gide, Drogerie; Witwe Walter, Kostme; Camille Ticeuze,
Pfandleihe. Nun ade, du mein lieb Heimatland.

Elf Uhr; noch einmal in der Kammer rasiert. Adieu, liebe Frau, ich geh'
ins Wirtshaus, Muscheln essen.

Pssst, Amlie schlft.

Nacht, ltte Amlie.

Bergmannskappe ber die Ohren, Finsternis in den gewundenen Straen,
Novembersturm. Verkrochen in den steifen schwarzen Ledermantel,
Blendlaterne ins dritte Knopfloch gehakt. An den roten Wirtshausfenstern
geduckt vorbei. Witwe Walter, Kostme; Frol Gide, Drogerie; Metzgerei vom
dicken Camille.

Nasser Gischt in der Luft, freie cker. Preuen, Bayern, wenn ihr Louis
habt, gebt ihr ihn her. Weier zappelnder Laternenkreis immer zwei Schritt
vor den Stiefelspitzen. Marschieren. Der Lehm saugt an den Stiefeln.
Marschieren.

Zunchst Dizennes; geschlossene Fensterlden. Dann der Besitz von Herrn
Uzaire; durch den gesperrten Wildpark; alles tot; die Vgel runtergeholt;
kein Wchter; ah, Kaninchen. Chaussee nach Craor. Ein Leiterwagen. Nehmt
ihr mich mit nach Roye? Wenn du blechst, bis Craor. Und nach Roye?
Geht nicht weiter.

Auf Mehlscken bis in den Vormittag hinein, schnarchend, kauernd,
hochfahrend. Einmal kollert er rckwrts, fat einen Sacktrger beim bloen
Hals, rollt ihn seitlich ber die Bretter; der wollte ihm was wegnehmen,
ihn berauben. Miverstndnis im Halbschlaf, aber das Glas der Blendlaterne
vorn ist kaputt, das Blech vom Gehuse verbogen, das Mantelleder qualmt,
stinkt.

Kalte graue Helligkeit. Nackte Felder, endlose Felder. Es bullert. Es stt
gegen den Horizont. Deutlicher, abgegrenzt, ein langgezogenes Dumm; immer
Orgelgrundba nachschwingend.

Gefahrenzone.

Radfahrersoldaten rechts nach vorn vorbei, links nach vorn vorbei;
Konservenbchsen in den Tornistern klappern. Patrouillen latschen zu zwei,
zu fnf, Knarre auf dem Buckel, kalte Tabakspfeifen zwischen den Zhnen;
blinzeln gegen den Himmel; die Stiefel unten zerquarken den Lehm. Linker
Stiefel: Wo liegt Frankreich? rechter Stiefel: Wo liegt Frankreich?
linker Stiefel: Wo liegt Frankreich? rechter Stiefel: Alles Wurscht,
linker Stiefel: Alles Wurscht, rechter Stiefel. Psse, Psse. Man kommt
nicht durch. Runter vom Wagen. Dicke Menschenhaufen aus dem Dorf. Alle
rckwrts nach Bagolles, nach Petit-Bagolles, nach Bordigaux. Bettscke,
Kinderwagen, Handkarren, Vogelbauer. Armands Heimat wird morgen Grostadt,
der Heurige, die Schnecken werden nicht reichen. Alle rckwrts.

Dahinten brennt's doch nicht! Dahinten brennt's. Die Preuen schieen.

Wo geht's nach Crataires?

Verrckt. Nicht durchzukommen. Die Preuen schieen.

Wo geht's nach Crataires?

Was willst du in Crataires? Die Gromutter abholen? Die wrmt sich die
Beine da. Guck hin.

Herr Wachtmeister, ich heie Armand Mercier, ich mu durch. Ich habe
Verwandte in Crataires, eine Frau, meine Schwester, mit zwei Kindern, zwei
kleinen Kindern; das eine acht Monat. Der Mann steht in Toulon. Man kann
die Frau nicht umkommen lassen.

Wie lange wollen Sie noch reden.

Die Frau ist hilflos. Ich bin aus diesem Kreis, Mercier heie ich, man mu
mich durchlassen. Ich kann es nicht auf mich nehmen.

Wie lange wollen Sie noch reden. Etappenwache drben links, holen Sie
einen Pa.

Es eilt, sehen Sie ja, Herr Wachtmeister, um Marias willen. Bester Herr.
Der Mann steht bei der Hafenkommandantur, Vizefeldwebel, ein sehr
zuverlssiger Mann, Sie knnen sich denken. Ich werde es Ihnen nicht
vergessen. Ich wohne in der Strae, wenn Sie ber Dizennes kommen, gleich
links die zweite Querstrae.

Hollah, hol-lah! Die Herrschaften da! Wo wollen die Herrschaften hin? Sie
in dem Auto! Haben Sie Pa! Kommen Sie runter, wenn Sie nicht verstehen. --
Drben links, Etappenwache. Ich sage doch >links<. -- Wie lange wollen Sie
noch reden.

Soldaten kommen durch. Eine Uniform stehlen. Wo liegen Verwundete? Wo ein
Schlachtfeld? Armand Mercier stellt sich in eine Nische neben den
Pakontrolleur, studiert Menschen. Braucht Gre 1,80. Sachte trabt ein
Korbwgelchen an, herum rutscht es um den Zaun, auch zurck nach Dizennes.

Zwei Soldaten drauf, stmmige Burschen, einer mit rotem Bndchen, aber Kopf
verbunden. Dumm! Dumm! Bullert gewaltig, man geht, fhrt, luft
schneller.

Guten Morgen, Kamerad. Sie schreien runter, der mit dem Kopfverband
will mit den Hacken gegen Merciers anklammernde Finger; schon kniet Mercier
auf der scharfen Bodenkante des Wgelchens, Seitenlatte angepackt, das
Pferd rast vorwrts, lang fegt der schwarze Ledermantel durch den
Straenmist. Mercier keucht: Nach Roye; ihr nehmt mich doch mit. Ich
zahle. Mercier ist verbissen; er brabbelt den beiden stier ins Gesicht,
whrend er sich hochhangelt: Meine Schwester hat zwei Kinder, der Mann
steht in Belfort, Vizefeldwebel, ein zuverlssiger Mann.

Wir fahren ja nach Dizennes, rckwrts fahren wir.

Ich meine Dizennes. Er hat mir ans Herz gelegt, fr seine Kinder zu
sorgen.

Vorn flstern die beiden. Armand hockt hinter ihrem Rcken unter dem runden
Dach, schielt ber ihre Schultern, prft ihre Uniformen. Sie flstern
schrfer. Als sie kurz vor Dizennes langsamer fahren, bernimmt der gesunde
schlankere die Zgel, der mit dem Bndchen stemmt sich pltzlich mit seinem
ganzen Katzenbuckel gegen den hochgestlpten Pferdetrog, ruckt nach hinten
herumschnellend die Beine gegen Armands Beine, wie ein Hampelmann. Rutscht
dabei vom Trog ab, gibt sich heftige Ste gegen Kopf und linke Schulter an
zwei Kistchen mit Liebesgaben, weil Armand inzwischen seine Fe ber den
Kncheln zu fassen gekriegt hat und er nicht loskommt. Der Schlanke haut
das Pferd. Als sie sitzen und Armand sich die Hnde an den Kistendeckeln
abgewischt hat, verlangt er von dem Schlanken, der kutschiert, Uniform und
Urlaubspa, fr fnfzig Frank in Gold, leihweise. Gelchter. Der mit der
Kopfwunde will kutschieren; hat vor, aus Wut, sie alle drei in Dreck zu
setzen. Vorher gelingt es Armand, nachdem er lange mit der Zunge geschnalzt
und ein verliebtes Schmunzeln hinter mehreren spazierenden Mdchen
aufgesteckt hat, den Schlanken, der rauflustig ist, hinter sich herzulocken
auf die Chaussee, einer kleinen Buerin nach, die auf dem Kopf mit dem
Strohkranz einen hohen Korb balanciert. Statt aber das Mdchen im
Birkengehlz hinzulegen, wird der Soldat dicht hinter der Fliehenden, die
den Korb schon in der linken Hand schwingt und den Mund atemlos zum
Schreien aufreit, am Sandplatz vor dem Gehlz durch einen versehentlichen
Ellbogensto ber eine Wurzel gerempelt. Armand stolpert ber den
Gestrzten, der sich abwechselnd Kinn und Knie reibt, kriegt den schon
Hochkletternden am Hals ber der Binde und fngt mit dem Schnappenden ein
Handelsgeschft an. Also fnfzig Frank, siebzig Frank und das Mdel fr
dich allein. Aber fix, in zehn Minuten ist sie auer Sicht. Wir bleiben
gute Brder. Hand weg. Es geht nicht anders.

Der schluckt und juchzt wie ein Fisch, den man bei den Kiemen hat und der
nach hinten mit der Schwanzflosse schlgt. Spion, ich schreie.

Schrei. Kriegst den Daumen drauf. Schreist? Also du ziehst meine Sachen
an, gehst in die Ferme und holst das Mdel. Kein Mensch fragt nach dir.

Ich schrei doch.

Kriegst den Daumen.

Der Soldat zieht sich, whrend er in dem Sandloch sitzt, atmet und wieder
rosa wird, die Stiefeln aus, fragt unsicher, ob der andere einen Ausweis
hat. Der taucht aus seinem Mantel, hat im Nu die Stiefel erwischt. Drei
Tage kriegst du meine Steigerkarte, fr den Weg, fr die Gendarme und so.
Bis man raus hat, wo du steckst, bist du wieder da.

Meine Kluft.

Wirst du wiederhaben.

Alles?

Zehn Frank nachher.

Beide frieren im Hemd, zusammengekrmmt im Sandloch, belauern sich, kratzen
sich die Waden. Der schlanke, whrend er sich Armands Hosen anzieht, findet
in der Hintertasche etwas Hartes, ein Messer, verlangt pltzlich
fnfundachtzig Frank. Armand tut, als merkt er nichts, sagt zu und stellt
den Fu auf das Seitengewehr am Boden. Damit abgemacht.

Drben knallt der Blessierte, der sie in den Chausseegraben setzen will,
neben dem Wgelchen mit der Peitsche. Armand das leichte rote Kppi auf;
Pioupiou schlurrt im Ledermantel, Blendlaterne am Knopf, zufrieden mit
fnfundachtzig Frank Gold in der Faust. Wiedersehen hier in drei Tagen.
Pioupiou tnzelt bartzwirbelnd in die Ferne, rafft den Mantel wie einen
Damenrock.

Armand um den Wagen herum. Die Chaussee nach Nordosten. Wieder in die
Gefahrenzone. Der Tag ist um. Scharf durch die gegenflutenden
Menschenmengen, hinter Munitionskolonnen. Die Pferde strzen auf dem
Glatteis; Peitschen, Gewehrkolben ber sie. Dumm, Dumm von rechts hinten;
das Echo rollt Dumm -- lang zwischen den Zhnen aus.

Krassiere gehen ohne Pferd stumm jenseits des Bchleins. Ich will zu
meinem Regiment, Territorial-Ersatzbataillon 81.

Gibt's das noch, dein Regiment?

Territorial 81 Ersatz. Oha, oha. Wo werden die sein.

Bruder, komm mit, wir wischen aus. Ich wei Bescheid.

Oha, oha, sein Regiment, 81 Territorial-Ersatz.

Der Etappenaufseher, Unteroffizier, weikpfig, schreit ihn durch ein
Fenster am Torhaus an: Sie htten mit dem Zug fahren sollen um acht Uhr
zwanzig von Craor. Ihr seid Drckeberger, Vaterlandsverrter.

Hier ist mein Pa.

Sie haben noch bis zum 26. Urlaub.

Ich verzichte.

Ein Sanittsauto rasselt an und trillert. Den Mann mitnehmen.

Unterwegs, als schon der hohe Granatengesang deutlich vor ihnen ist,
lockert Armand heimlich den Drcker der Tr, denn er sitzt im Wagen auf der
Trage; helle Angst, da sie ihn zur Stellung der 81er bringen und
entlarven. Lt sich, als das Auto langsamer zu fahren scheint, der Weg
dunkel und voller Lrm ist, rasch rckwrts in den Dreck fallen. Ein
Radfahrer springt dicht vor ihm ab.

Heller Mond, durchsichtige Nacht. Rechts, links sanft ansteigende Hgel;
glatt rasierte Abhnge. Chausseen in der Talwindung; an schwarzen geteerten
Holzbaracken vorbei, Sgereien, auf vorgeschobenem Hgel eine drehende
Windmhle. Weier, flirrender Bndel von der Mhlenspitze nordwrts in die
Nacht gebohrt, still sich kreuzend mit einem Schein, der von unsichtbarem
Orte in die Finsternis sich schiebt und schleicht und verschwindet und
pltzlich ber das Tal mit aufblendendem Nebel schwimmt und kilometerweit
abgleitet. Menschen, Wagen drngen auseinander. Armand mit einer
Trainkolonne biegt links ab; bei Grandmoulin sind die Stellungen der
Reserven und Louis Poinsignon. Matt ist Armand Mercier; er reitet auf einem
Vorspannpferd und it Corned beef aus einer Schachtel. Immer neue Hgel.
Wenn das Wagenknarren aufhrt, Hui -- i -- i -- iahh! der Granaten,
meckerndes Png --png --png dazwischen. Die Eisschalen unter den
Pferdehufen knacken.

Breit und lang die Chaussee. Nur die Munitionskolonne reitet hier. Dies ist
der Weg zu Louis Poinsignon. Armand Mercier weint hei vor Trauer, krampft
mit der linken Hand in die Mhne des Tieres, zieht die Knie an dem atmenden
Tierleib hoch. Wre er zu Fu, wrde er sich haben hinsinken lassen und
stundenlang nicht aufgestanden sein. Das Pferd trgt ihn zu Louis
Poinsignon, der nicht da ist. Am Ende der Chaussee wird das Dorf mit dem
Quartier sein, und Louis Poinsignon ist nicht da. Die Schwche hlt ihn auf
dem Pferd; das trottet, hebt sich, senkt sich. Es geht wehrlos weiter durch
die stille Chaussee. Hier kann kein Louis Poinsignon existieren, es ist
unmglich. Hier ist der Mann weggerafft.

Rot und rter loht von rechts der Himmel. Niedergebrochen blickt durch
Trnen Armand Mercier auf den Himmel, stumm geradeaus bewegt sich die
Kolonne. Seine Augen bleiben gefangen an der Rte, die hochdrngt, fast im
Halbkreis des Horizontes. Mit Befremden, Bitternis und Abscheu betrachtet
Armand den Flammenschein, die Chaussee, den vorberziehenden Wald. Auf die
linke Chausseeseite herber biegt sein Zug, hlt an. Und da rattert es
vorbei, vom Dorf herunter, die hochtrmigen Transportautos, die
strohgeftterten Wagen, die offenen ungeschtzten Bretterwagen mit den
Verwundeten, den zerschossenen Soldatenleibern, die angeblafft sind von den
aufbumenden Granaten, die sthnenden, ber deren Kpfe Mauerwerk gepoltert
ist, die japsenden, halb erstickt aus den Giftdmpfen der Schtzengrben
gezogen, ausgestreckte Leiber in nicht endender Reihe hintereinander, in
weie Verbnde geschlagen, durch die das Blut sickert, eine trumende
delirierende Schar, der furchtbar drngenden Macht drben aus den Zhnen
gedreht.

Louis Poinsignon tot. Bevor das letzte Auto an der gebckt harrenden
Kolonne vorbersurrt, ist Armand Mercier in den Wald geglitten. Wandert um
das Dorf herum, er will nicht in das Quartier der Reserven. Von dem
grauroten Flammengewlbe schmettert es in malmenden Lagen nieder, haushohe
Feuergarben quellen aus der Erde. Eine Esse; Hammer, Ambo.

Schmerzvoll schleicht Armand Mercier aus dem Wald heraus; verstohlen
Flchtende auf allen Seiten um ihn; eine schattige Figur kommt ber die
Wiese gelaufen, hat einen weigarnierten Hut in der Hand. Armand geht, ohne
zu wissen, was er tut, neben ihr her, als sie zwischen die erste Stammreihe
eingetreten ist. Das zarte Dmchen hat ein Plaid ber der linken Schulter,
ihr Rock ist bis zur Hfte mit Lehm bespritzt. Sie sagt entrstet: Ich
wohne in Roye; wir mssen fliehen, mein Vater und meine Schwestern kommen
gleich nach.

Aber Fruleinchen, Fruleinchen Nini. Er tatscht sie zutraulich.

Sie reit sich ab, sieht ngstlich um sich. Ach Gott, Herr Mercier. Aber
Sie sind es.

Frulein Nini.

Sehen Sie. Sie sagen nichts zu Hause. Ich bin erst drei Tage weg. Ich habe
George besucht, meinen Verlobten, den Buchbindersltesten, George steht
hier.

Mit dem sind Sie verlobt?

Heimlich. Sie sagen nichts zu Hause. Gott, ist das ein Zufall. Sie sind's
doch wirklich, Herr Mercier. Ich wute gar nicht, da Sie einberufen sind.
Bei welchem Regiment stehen Sie eigentlich.

Armand aber wundert sich wenig. Setzt ihr den Hut auf, steckt die Nadeln
fest, nimmt das Plaid und legt ihn ihr um die Schultern, dann nimmt er sie
unter den Arm: Kommen Sie mit.

Sie lchelt ihn glcklich an: Armand, ich habe gar nicht gewut, da Sie
eingezogen waren.

Ja, doch.

Sonst htte ich Sie auch besucht.

Er den Kopf tief zwischen den Schultern wandert mit ihr ziellos durch den
Wald. Nini, man mte etwas zu trinken haben.

Er kneift sie und pfeift. Sie kichert ihn an: Wie nett Sie sein knnen.
Wissen Sie, Armand, im Krieg sind alle Mnner viel netter.

Ihre Augen schlieen sich, whrend sie sich an Armand schmiegt. Sie sind in
eine Lichtung getreten, ein Reiter kommt aus einem Seitenweg im Galopp auf
sie zu, ein Feldgendarm. Sie stuben auseinander; beim Weglaufen winkt Nini
Armand zu, weist, wo sie sich versteckt. Nach einer Viertelstunde knackt es
im Buschwerk neben Armand; Nini zieht ihn am Arm: Tippel, tappel, tippel,
tappel, kichert sie; sie kommandiert, als sie sich, die Hnde voraus,
vorsichtig durch das Dickicht drngen: >Mann, wie heien Sie? Wo stehen
Sie im Quartier? Wie knnen Sie sich hier mit einer Weibsperson
herumtreiben!< Hab' ich gehrt; mit George. Der Unterleutnant hat gesagt:
>Da mir keiner eine Sie bei sich hat. Ein Soldat mit 'ner Ziege saust
rin.< Armand, glauben Sie, da ich Mut habe?

Sie blickte ihn erwartend an.

Doch, Nini.

Ihr Gesicht leuchtet auf: Oh! Aber pfui, das reit ja. Ich war bei George
im Schtzengraben. Es waren noch andere Fruleins da. Als der Wachhabende
es merkt und mich sucht, versteckt mich George; er will mich verstecken,
aber er hat nur eine Kiste da, vorn an der Brustwehr, eine Brotkiste,
wissen Sie, so ein langes hohes Ding. In die Kiste bin ich reingesprungen,
wie ich war; er hat mich hochgehoben; lieber mich von den Preuen
totschieen, als von dem groben Kerl anfassen lassen. Oh, der ist grob. Der
wei gar nicht, was er tut, so wtend ist er immer. Und auf mich hatte er
es immer abgesehen, der schlechte Mensch. Denken Sie, Armand -- Sie sind
mir nicht bse, wenn ich Sie Armand nenne? Sie sind doch heute so nett zu
mir. Da bin ich oben zwischen den Steinhaufen in der Kiste gesessen, die
hatte vorn ein groes Loch, fast wie ein Kopf gro, von einem Stck
Granate, und ich sitze da oben und hre den Wachhabenden schreien und tuen
und brllen, er sucht mich im ganzen Graben. Und George hat immerzu
geschossen, oh, der kann schieen, ein Mal hinter dem andern, am
fleiigsten von allen; ich hab' nicht gesehen, wo er hingeschossen hat. Die
Preuen haben nichts dazu getan. Ich habe mich auch gar nicht gefrchtet;
ich habe immer zugehrt, wie George geschossen hat. Er hat mir gesagt, er
htte keinen Preuen an mich herangelassen; zwanzig oder dreiig hat er
totgeschossen in einer Stunde, bums, bums, immerzu. Nachher war ich ganz
glcklich. Ich geh' bald wieder zu ihm. Oh, mir gefllt der Krieg.

Lichtschein zwischen den Stmmen vor ihnen; er arbeitet sich mit ihr
gedankenlos drauf zu; frieren beide nicht. Pltzlich zehn Schritt vor ihnen
grell bestrahlter Boden; geffnete Blendlaterne im Moos, erzhlende
Mnnerstimmen. Zwei Posten in weien Pelzen, Gewehre hingelegt, lachen,
treten von Bein auf Bein, schlucken, kauen, was sie aus groem, dampfendem
Blechtopf neben der Laterne mit Fingern fischen.

Der merkt nichts. Der wei nicht mal genau, ob er seinen Topf noch hat.

Ein Schaf. Ich kenn' ihn dafr.

Wer sollte das kriegen?

Na, wer wohl? Na, rat mal! Wer kann wohl ein Huhn kriegen?

Na.

Na, rat mal. Immer derselbe. Immer derselbe dicke Vize; aus dem Lazarett
stiehlt er hintenrum, wo er's kann. Nebenbei schickt er das Schaf auf
Suche. Abends sitzt ihm eine gewisse auf dem Scho.

Pass' auf, heut kontrolliert er Lazarettposten. Von mir findet er nichts.

Von mir nicht mal ein Knchelchen; fress' alles reinweg runter. Er kann
schnffeln.

Hocken hinter der Laterne, gieen sich gegenseitig Suppe in zusammengelegte
Handteller.

Jenseits der Lazarettlichter hinten flackert es auf einmal, erlischt oft,
es ist Stroh, Mnner schtten von einer Erhhung Bettscke ins Feuer.
Armand kann sich nicht rhren; langsam hat sich Nini, whrend er hockt,
ber seine Knie an seine Brust gedrckt, atmet tief und gleichmig.

Der Posten, schluckend: Pierre Chavanne aus meiner Heimat ist gestern
gestorben drben. Hat drin eine feine Sache gehabt. Also er lag mit einem
Pariser zusammen auf einer Stube. Wie es Chavanne schlecht geht, sagt der
Pariser: >Du, schenkst du mir nicht deinen Trauring? Nachher klaut ihn ein
Wrter.<

Anderer Posten: Chavanne, war der verheiratet?

Nein. Verheiratet? Tu doch nicht so? Hast du keinen.

Der andere schluckt verdchtig laut, murmelt: Ich hab keinen, habe keine
Furcht vor den Preuen.

>Also du schenkst mir den Trauring<, sagt der Pariser zu Chavanne; und
kriegt ihn. Aber Chavanne wird dir wieder besser und den Pariser packt es
derbe. Und wie der Pariser schon fast auf der Nase liegt, wird Chavanne ihn
bitten und sagen, er soll ihm seinen Trauring wiedergeben und den von dem
Pariser dazu. Der tut's auch. Mein Chavanne freut sich, guckt jeden Tag
hin, ob sein Nachbar noch nicht tot ist. Jeden Morgen guckt er rber, jede
Nacht. Bis der Pariser auch wieder lebendig wird und nun Chavanne auf
einmal solche Wut darber hat, da er dir einen Herzschlag kriegt, gestern
mittag. Und mein Pariser hat beide Ringe.

Ist er tot, der Chavanne?

Ist tot.

So ein Dmlack.

Nein, alle beide Dmlacks. Ich htte --

Sachte, sachte, psssst! Kontrolle!

Gewehre hoch, Laterne geschlossen, getrennt zwischen den Bumen durch.

Armand vertrumt biegt die Arme. Die Kleine fest eingeschlafen, Kopf
zurckgefallen; ihr Hut schwebt frei abwrts am gelockerten Haar. Sie atmet
mit offenem Mund; durch eine Zahnlcke wird die nasse Zunge sichtbar. Als
er den Hut gegen ihren Kopf andrckt, sticht sie die Nadel, sie ist gleich
hoch und munter.

Wieder plappert es nicht weit: Png, png, png. Wie Armand, das Mdchen
am Arm, ber den Topf marschiert und die Knochen in Bewegung kommen, fhlt
er, schn frisch ist die Luft. Denkt: Louis Poinsignon ist tot und es mu
schn sein so wie er zu marschieren, zu rennen, zu klettern, zu schieen.
Braver Junge, Armand freut sich ber ihn. Der Nini erzhlt er von ihm, sie
lobt den Louis auch. Gar nicht traurig ist Armand ber den Tod Poinsignons;
es ist wirklich gerade so, als wenn Louis, der Lange mit dem blauen Schal,
tot sein mte. Kaputt mu doch alles gehen; es liegt hier so in der Luft.
Ran woll'n wir alle an den Tod. Armand und Nini haben ihren Spa an dem
Dumm dumm. Beide hungrig, kommen ins laufen. Armand bittet: Spring zu
meiner Kompagnie, frag nach dem Unterleutnant, aber komm bald wieder. Wenn
er abgeschossen ist, bin ich froh, dann tret ich in die Kompagnie ein.
Beglckt luft Nini. Und bei grauendem Morgen hrt Armand, da der
Unterleutnant und viele andere gefallen sind, fremder Nachschub, fast nur
Fremdes in der Kompagnie. Juchzt Armand Mercier, macht einen Sprung,
beschenkt Nini mit einem Schmatz, sagt: Adieu! Am Mittag schippt er
hinter dem Schtzengraben, fr den schlanken Pioupiou, der in der Ferme
flirtet. Zwei Tage: Schippen, Essenholen, Wachen.

Bis ihm am dritten jhlings die Hnde lahm werden und ihm einfllt, da
alles schn und herzhafte Freude sei, aber schlielich ungewi bliebe, was
aus Louis Poinsignon geworden ist. Ihm ist gegen Mittag so drngend zumute
und sein Gemt so trbe verschleiert, da er keine Ruhe findet. Mu seinen
Tornister nehmen; ohne etwas zu sagen, die Knarre ber den Buckel hngen
und sich davonmachen. Und ehe er's sich versieht, ist er in der Nhe des
Lazaretts. Man lt ihn in die Wachtstube. Dann nimmt ihn ein
Sanittsfeldwebel mit, blttert in einem ungeheuren Buch, das auf dem
Korridor an einer Kette auf besonderem Pulte liegt, dick wie ein Adrebuch.
Der glattrasierte Mann fragt, ob dieser Poinsignon Louis oder wie sonst
geheien habe. Und dann hrt Armand, da sein Freund am soundsovielten an
Typhus gestorben sei.

Das wirkt gar nicht auf Armand Mercier. Grt stramm, geht und sagt sich:
Nun habe ich es doch herausgekriegt. Erst in dem Wald, wo ihm Nini und
der frische muntere Tag einfllt, an dem er zur Kompagnie gegangen ist,
wird er betrbt, recht klglich, als wenn er enttuscht wre. Zankt mit
sich, hat Schmerzen im Kreuz; gar keine Freude werde ich mehr haben. Was
hab' ich nun? Uniform und Schieknppel. Keinen Sarg hab' ich von ihm;
keine Leiche, nichts hat er mir hinterlassen. Sehr unfreundlich und
ungndig denkt er an Louis, der einfach gestorben ist, am Typhus, im
Lazarett, womit sich nichts machen lt.

Und in seinem rger marschiert er weiter, von ungefhr auf seine Stellung
zu. Vergit nach einer Weile ganz, da er Uniform trgt, plrrt. Denkt an
seine Heimat, an die Frau und Amlie, und das bereitet ihm alles solchen
Gram, da er nicht satt werden kann zu weinen. Weil er auch so sterben wird
hier, an Typhus oder was sonst.

Louis, Louis, seufzt er und sitzt am Boden nahe dem Bagagewagen. Er
ringt, mit sich beschftigt, die Hnde und schlgt die Arme auf und ab. Der
Fhrer eines Wagens pflanzt sich vor ihm auf. Armand Mercier hrt nicht,
was der schimpft. Der Unteroffizier reit ihn hoch, und unversehens hat ihm
Armand, der ihm starr ins Gesicht geschaut hat, einen Faustschlag ber die
Nasenwurzel versetzt, setzt sich wieder neben das Rad, heftiger ber sich
und die Welt jammernd.

Wird nach fnf Minuten von vier Mann angefat, geschttelt, Kolbenste.
Auf freiem Feld wird er, Tornister angeschnallt, an eine Kiefer mit
Stricken gebunden, Arme hoch. Zwei Stunden mu er stehen und frieren.

Zweite Stunde ist um; lahm und bse geht Armand vom Baum weg. Gewehr und
Sbel hat man ihm abgenommen. Da will er nichts weiter als ber die Wiese
rennen, sein Gewehr haben, gegen die Preuen rennen und schieen, schieen.
Wird jenseits der Grben zur Arbeitstruppe gejagt. Der vordere Teil des
Waldes wird umgekappt, Stammenden fest, Wipfel gegen den Feind, ber- und
nebeneinanderlagernd weit vorgeworfen wie angewurzelte Kavallerie mit
Lanzen. Sein Arbeitstrupp schlgt mit Kreuzhacke und Wuchtbaum zwei kleine
Forsthuser nieder. Von der gefrorenen Erde hauen und kratzen sie Staub ab,
fllen die Tonnen, Sandscke. Die Flche der drngenden Kolonnenfhrer,
Klatschen der verirrten Sprengstcke gegen einen Stamm, das erregte
Arbeiten. Die Unruhe aller, das Umsichblicken, das Rckwrtsblicken.
Dichter, nher schiet es.

Wald nach rckwrts bis zur Eisenbahnbschung gebrochen, trampelt Armand
fluchend mit fnf anderen in die Schleusen-Kneipe hinter dem Bahndamm.

Ein Drfler, Weibart, Stahlbrille, zieht mit knickrigen Knien hinterher;
Fiedel unter dem rechten Arm, in der linken Hand im blauen Taschentuch
einen Igel. Wer ihm die Fiedel abkaufen will. Spielt gegen zwei Schnpse
auf Armands galgenlaunigen Wunsch Lndler auf; ein Pionier sagt zu seinem
Nachbarn: Wenn der Alte herauskommt, nehmen wir ihm die Fiedel ab.
Drauen gleich neben der Tr fliegt der Alte in einen Asthaufen, Fiedel und
Igel im Taschentuch drber weg. Gekreisch des Alten; der Pionier hat die
Geige unterm Arm; vier Soldaten heran. Der Pionier zerschlgt in Wut die
Geige an seiner Stiefelspitze. Gebrll von drei Seiten, der Ruber droht
dem Weibart mit den Geigentrmmern. Armand rafft mit: Ei, ei den Igel im
Taschentuch auf, will ihn unter seiner Jacke aufhngen.

Als er am Ellenbogen gefat, rechts herumgeworfen wird. Lump, Lump,
schreit was, da haben wir ihn, meine Uniform. Der verliebte schlanke
Pioupiou im Bergmannsmantel, Laterne im Knopfloch, Feldgendarm neben ihm.
Das Gekeif. Armand herausgerissen. Spion, brllt der gefesselte Pioupiou.
Vor den Hauptmann in den Unterstand geschleppt. Der Gendarm stellt seinen
schwarzen Sbel vor, er htte den Pioupiou in Wirtschaften herumstrolchen
sehn, mit einer groen Goldsumme, die wohl gestohlen sei; Pioupiou behaupte
Soldat und beraubt zu sein von diesem Bergmann Armand Mercier. Pioupiou
flennt; er habe allein ein Korbwgelchen gelenkt, Armand und drei andere
seien dem Pferde vor Dizennes in die Zgel gefallen, htten ihn dann in
eine verlassene Ferme gelockt, ihm die Uniform ausgezogen; die drei anderen
htten Pickelhauben gehabt, groe Pickelhauben, es seien Deutsche gewesen,
und mit Armand Mercier Spione. Und das Gold? Das htte er sich in einem
Wirtshaus geliehen.

Armand Mercier grollt, brummelt vor sich, sieht wehmtig allen drei unter
die Augen. Bckt sich nach vorn ber seinen Bauch, um nicht den kleinen
Igel zu drcken. Er will im Krieg bleiben, will nicht wieder an den Baum.
Louis hat er schon verloren, nun nicht noch mehr. Ist genug dran gegeben.
Verflucht den Strolch von Pioupiou, der ihm in die Quere kommt. Leugnet,
als er von dem einen gehssigen Blick kriegt, steif, Armand Mercier zu
sein, hier seine Erkennungsmarke. Sie berschreien sich, Armand bettelt,
ohne den hhnisch lchelnden Hauptmann zu beachten, der mit seitlich
gelegtem Kopf dem Gendarm abwinkt. Bis schlielich Armand, als er nicht
fertig wird, an den Kerl herantritt, ihm die Faust vor die Nase drckt:
Und du willst ein ehrlicher Kerl sein? Wendet sich wutgeschwollen gegen
den Hauptmann um: Bezahlen hat er sich lassen, mit fnfundachtzig Frank.
Meinen Freund Louis Poinsignon wollte ich begraben, der am Typhus gestorben
ist im Lazarett. Aber der da ist ein Lump, der zehn Stunden an den Baum
gehrt. Herr Hauptmann, so ein Lump und verruchter Menschenverderber ist
das. Kein Kamerad ist der Ihnen, der Strolch. Vor dem Blick des Hauptmanns
weicht Mercier zurck. Beide drei Tage je zwei Stunden an den Baum. Befehl
an den Feldwebel: sind bei den Pionierarbeiten an den vorderen
Schtzenlinien zu beschftigen. Brllend lacht der Hauptmann hinter ihnen
her; Armand denkt, der hat den heiseren wtenden Ton in der Stimme; der
wird auch bald fallen.

Beginn der Nacht bricht die Kolonne Armand Merciers aus einem zerschossenen
Drfchen hinter der Bahnberfhrung auf. Pioupiou mit der Beilpicke im Zug.
Voll Wut marschiert er hinter Armand, mchte ihn erschlagen fr die zwei
Stunden am Baume, Mercier weicht aus, wie er die Fuste von hinten
kriegt; grollt dem Pioupiou nicht; lohnt nicht, hier fluchen; man mu sich
schlagen, man wird fallen oder die Preuen werden fallen. Was der Igel fr
ein drolliges Tier ist; ei, ei; ein Igel hngt im Taschentuch unter seinem
Waffenrock. Aus dem Drfchen unterhalb des Bahndammes laufen zwei brennende
Khe; ein brennender Hund, tanzend, heulend, findet Asyl in einem
klaffenden Pferdebauch, der zischt und qualmt. Die Schtzengrben; gedrngt
hinein hintereinander Mann hinter Mann durch die schmalen
Verbindungsgrben, rechts links sich teilend, zusammenflieend; an den
Latrinen vorbei, durch die vllige Finsternis, die Meldestelle mit den
Telephonen, der stinkende gesthnerfllte Verbandraum. Jetzt die vorderste
Reihe; in dem kurzen Licht der Taschenlampen werden die stummen Gestalten
unter der Brustwehr sichtbar, in ihren lehmerstarrten Mnteln, den
abgemergelten grauen Gesichtern, den hohlen Augen, die Gewehrmndungen in
die Finsternis da drauen gerichtet. Lautlos ber die Ausfallsstufen
heraus, zwischen den Drahtgassen ber Granatlcher auf den ebenen Boden
gedrckt vorwrts, Gewehr an der linken Schulter, Spaten mit Blatt unter
der rechten Achsel. Horchposten vor der Front am Boden. Das Richtband.
Heimlich grbt die Schippe; nichts klappert, man whlt, flstert, chzt im
Finstern. Oh, naht etwas? Man flstert, tastet seinen Nachbarn. Die Nacht
vergeht, Horchposten zurck, Ablsung. In die eisigen Gruben rcken von
hinten die Arbeitsreserven an, schleppen Eisenbahnschienen fr
Eindeckungen, Blech fr die Scharten, Handsgen, Schrotsgen, Balleisen,
Stoxte, Taue, Eisenklammern; Telephondraht rollt.

Da schmettern die ersten Lagen aus den Feldhaubitzenbatterien von drben.
Und dies ist der Moment des Sturms. Die hohlugigen Mnner aus den Grben
sind alle herausgestiegen, ihre starren Mntel haben sie abgeworfen.
berall sind sie in die graue Dmmerung heraufgestiegen, immer mehr quellen
herauf. Sie haben an der freien Luft die steifen Grimassen von Sterbenden
und Besinnungslosen. Sie sind wie Katzen, die in den Sumpf springen und
ertrinken, vor Durst, vor Durst. Sie rennen gegen das schwingende leere
Feld in einer blutroten Wildheit. Aber das ist nicht still, das Feld, das
schweigt, atmet, wartet. Die kleinen Flintenlagen, die herankommen.
Verlogener Kder; es sind mehr, viel viel mehr drben, mit Speck fngt man
Muse.

Da!! -- Radumm, dummdumm, png-png, png!!

So ist es. Barmherziger Gott, das ist es also.

Wie schieen die Preuen. Die prasselnde Angst, die schreiende Wut. Weiter,
weiter, wenn wir erst drin wren; nicht schieen, die Bajonette. Tornister
weg, Mtzen weg, Stiefel aus, den Kolben hoch.

Radumm, dumm, png, png.

Armand Mercier knirscht die Zhne, hat das Gewehr weggeworfen, hebt
abwehrend das Spatenblatt ber den Kopf. Zieht und zottelt mit der linken
Hand am Seitengewehr. Der Igel sticht ihn in den Oberschenkel. Hier mssen
wir laufen. Er schwenkt die Arme wie alle, brllt: Weiter, weiter, oh, oh,
radum, radum, er ist das Echo, er blafft mit dem Mund zurck jeden Schu;
drngt die Augen heraus, wo sind die Geschtze, wir werden sie kriegen, es
sind die Preuen, die haben das Land besetzt; die haben meinen Freund
gettet.

Louis! Louis Poinsignon! Louis!

Rache! Rache! Maul und Beine und lauernde Bajonettspitze. Tausend hungrige
Bajonette! Weie auf- und abzappelnde Stacheln! Eisenwald, der
heranschaukelt!

Wie sich alles bewegt!

Wie das ist! Vorn, rechts, links stolpern Soldaten, im Lauf, man hrt
nichts; Holzpuppen kippen vornber; als wenn man einem Hammel die Beine
wegschlgt.

Infamie! Verrat! Infamie!

Die Preuen schieen mit Wasser, mit kaltem Wasser, mit Eis! Von hinten!
Sto gegen den Rcken. Stich zwischen die Schulterbltter, etwas Kaltes,
Langes, eine Fischgrte, die gar nicht aufhrt sich nach vorn in den Hals
hinaufzuschieben; sich nicht schlucken lt. Das Bajonett des Pioupiou, der
weitertorkelt. Halt! Zappelnd, sich stemmend ber einem Tornister. Die
Tritte der Folgenden ber seine Knie, die rollenden Maschinengewehre.
Kommen sie weiter? Kommen sie durch?! Kommen sie weiter?!! Rache! Ich will
mit! Will mit! Der Igel sticht, eine halbgelhmte Hand knpft das Tierchen
los, es kullert aus dem Taschentuch, rollt weiter. Er blafft am Boden:
Vorwrts! radum radum dum!

Platzender Vulkan eines Schrapnells. Noch ein Schrapnell. Sie rennen
zurck. Klappern der Gewehrkugeln. Die deutschen Signaltrompeten. Hurra,
hurra. Hurra! Eine schwarze Wolke, dann steinerner, eiserner; ein eiserner
Wagen ber Schottersteine. Nher!

Hurra! Hurr-aaa!! Radum!

Maschinengewehre zurck! Reserven zurck! Keine Gewehre, keine Mtzen. Sie
kommen ja zurck! Sie springen in die Lcher. Die Preuen.

Armand hat Erde zwischen den Zhnen und einen weien Mund.

Zermanscht zehn Schritt vor ihm der Konditor, der die besten Witze machte
vor dem Schlafengehen, ein alter Junggeselle; auf der Pike ein kleiner
rundbckiger Student, der wie achtzehn aussah und fnfundzwanzig war; der
Hauptmann; zweiundachtzig weiter. Wer kennt alle ihre Geschichten. Der Wald
bis an den Bahndamm verloren.




Der Kaplan


Weich dnstete der Nebel ber den Potsdamer Platz und schwoll vom
Tiergarten her. Die Bogenlampen auf den hohen Kandelabern schienen wei in
der Luft; kleine schwarze Fahrrder tauchten auf, klingelten und
verschwanden; zgernd schwirrten die Autos ber das Asphalt. ber dem
Spiegel des Asphalts erschienen Pferdebeine, Rcke, von denen der Regen
troff, verzerrte Konturen von lackierten Droschken, Stimmen, Traben,
Klirren, Rollen ber dem Platz; in regelmigen Intervallen ein Pfiff.

Der Kaplan stieg aus der Untergrundbahn herauf und stand vor Stillers
Schuhgeschft. ber das regenblanke Trottoir zog er, den Schirm
aufgespannt. Viele Menschen kamen hinter ihm her, berholten ihn. Eine
kleine Schlanke huschte ihm zur Seite ber die Bordschwelle, in einem
himbeerroten Mantel glitt sie ber den Fahrdamm, den Rock raffend, eine
Pftze umgehend; das schwarze Haar wippte in einem Knoten unter der runden
Kappe. Die kleinen braunen Augen des Kaplans verfolgten die Bewegungen.

Dies war die Gestalt zu einer Stimme, die er in der Beichte gehrt hatte.

Und der Gedanke bewirkte, da er seinen Schirm tiefer ber sich zog, den
schmalen Kopf auf die fallende linke Schulter legte und ein paar Sekunden
die Augen schlo. Ihre schlngelnden Bewegungen verschwammen im Nebel, das
Rot leuchtete. Das Rot leitete ihn. Er lchelte ohne Widerstreben. An den
erleuchteten Lden vorbei, folgte er, an Schnittmustern, Schaufenstern mit
Fischbassins, stummen Antiquariaten, flimmernden Similibrillanten.
Zigarettenreklame erlosch, grellte auf. Als sie in die Uferpromenade einbog
an der Potsdamer Brcke, war er neben ihr mit langem drehenden Hals,
vorgebeugtem Kopf. Irgendwie dankbar sah er ihr in das volle, erhitzte
Gesicht, hob den schwarzen, feuchten Filzhut. Das Weie ihrer langwimprigen
Augen wurde sichtbar, der erschrockene schwarze Blick fuhr an seinem
zugeknpften Gehrock herunter, sie standen an dem Eisengitter. In
franzsischem Akzent brachte sie heraus, da es vielleicht ein Irrtum sei,
sie kenne Hochwrden nicht. Als er wieder langsam nach dem Hut griff, lste
sie die Hnde von der kalten Eisenstange, wischte sich mit dem Taschentuch
die Wasserflecke von den braunen Glaes, sagte mit ruhigem Blick auf seine
Tuchknpfe und dann auf sein hingeneigtes, unverndert verbindliches
Gesicht, da sie sich freuen wrde, mit ihm zu sprechen; sie sei fremd in
Berlin.

Sie gingen unter seinem Schirm am Kanal entlang; die Kastanien schnellten
pltzliche Regenschauer herunter. Das Frulein sah auf den Boden, spazierte
in Gummischuhen, die Fchen spitzend, durch den Morast; ihre rote
Hutschleife ragte wie ein Horn ber der Stirn, ber der verwirrten Linie
ihrer Ponys. Sein magerer Oberkrper schaukelte wie ein Pendel. Er schwieg.

Vor einem Hause der Flottwellstrae tauchte sie unter dem Schirmdach
hervor: Ich wohne drei Treppen; Mademoiselle Alice Dufoult.

Ohne es zu merken, kehrte er die Potsdamer Strae zurck, gelangte auf den
dunsthellen Platz. Er hielt sich eine viertel Stunde auf vor Stillers
Schuhgeschft, vor dem er sie zuerst gesehen hatte; schlielich trugen ihn
seine Beine vor die Schwelle, seine Hand klinkte die Tr auf; er kaufte in
einer lchelnden Versunkenheit, sich nicht begreifend, eine Bchse
Schuhcreme und berlegte einen Moment, wem er hier ein Trinkgeld geben
solle. Und dann nach einem Hin und Her im Regen, unter dem der Nebel sank,
ber den Kemperplatz auf die dunklen Wege des Tiergartens. Er ffnete, als
er allein auf einem groen Sandplatz stand neben einer Holzbude, seinen
verschlossenen Schirm, sah in die finstere Wlbung hinein, stellte sich
dicht unter ihn, geschmiegt unter ihn, wie eine Katze, die ihren Buckel
gegen die streichelnde Hand hebt. So blieb er in der Lache neben der
Holzbude minutenlang, lnger; es war ihm, als wenn er in einem warmen Bett
lge und schliefe. Bis ein Junge vorbeistrich, ihn anrempelte und
schreiend, als der Mensch hervortrat, davonlief quer ber den Platz,
purzelte, sich aufraffte, schrie durch die trufelnden Gnge. Rasch klappte
der Kaplan den Schirm zusammen. In einer hellen Querallee stellte er
hochblickend einen Fu gegen das Podest eines Schmuckdenkmals, umging mit
den Augen die Gruppe des Pferdebndigers. Ein Passant, den Kragen
hochgeschlagen, beobachtete befremdet von einer Bank aus, wie der Kaplan
mit dem Kopf ruckte, freudig sich streckte, seine Glieder bewegte, mit den
Fingern zuckte; in den Waden des Kaplans spannte es, seine Knie krmmten
sich; eine Ungeduld, wie pltzliche Khnheit, berfiel ihn; er strampelte
mutig, wie das edle Ro da oben.

Seinen Rosenkranz fhlte er in der Rocktasche; weiterschlendernd senkte er
den Kopf ber den Kragen, seine Hnde falteten sich ber dem Leib. Die
kalten Tropfen rannen in den Nacken. Der magere Kaplan murmelte abgeblendet
seine Gebete, die Stirn gerunzelt, die Lippen gespitzt.

An dem sonnigen Mainachmittag war der Tisch in ihrem Zimmer mit einer
zitronengelben Decke belegt; blauer Flieder duftete in einer kleinen
Glasvase; zwei Kaffeetassen standen vor einer Schssel mit Streuselkuchen.
Alice schaukelte in ihrem Stuhl. Robert neben ihr erzhlte Witze; sein
nackter spiegelnder Schdel glnzte; wenn er lachte und sein junges,
blutrotes Gesicht ins Vibrieren kam, stie er prchtige Fanfarenlaute aus;
sie stopfte sich den Mund mit Kuchen. Alice hatte das blaue, faltenreiche
Kleid an, das ihr die Mutter vor einem halben Jahr in Grenoble mitgegeben
hatte: Wenn du es vorsichtig trgst und nicht viel drauf sitzst, kannst du
eine Weile damit auskommen. Als sie es zum zweiten Male trug im
franzsischen Klub, sa Wahlen mit dem Monokel hinter ihr und gab ihr den
etwas ldierten Hornkamm wieder, der aus ihrem Haarknoten in seinen Scho
gefallen war, er meinte, als sie aufstanden, ein Netz hielte sicherer; zog
aus seiner Brieftasche eins hervor und demonstrierte es ihr mit dem
Bemerken, da er weder Friseurgehilfe sei noch solche Instrumente
fabriziere. Ein paar Wochen spter zog er ihr eigenhndig das altmodische
Kostm aus und probierte mit ihr einen Kimono an, ein Hermelinjckchen,
eine Nachmittagstoilette aus altrosa Samt.

Wie Robert gerade die Backen prall aufblhte, aus einem Mundwinkel schrg
die Zigarettenasche von der gestickten weien Weste paffte und mit der
mchtigen beringten Hand nach einer Papierserviette tastete, klopfte es und
der hagere Kaplan trat ein. Alice verschttete die Kuchenkrmel auf den
Teppich: Nein, das ist nicht mglich. Sie zog die Silben, blieb lnger
sitzen, um Zeit zu gewinnen. Dann richtete sie sich auf, nahm ihm den Hut
ab und erzhlte freudig, als sie zu dreien an dem Tisch saen, gegen Robert
gewendet, mit fliegender Rte und Blsse, wie reizend sich der Herr Kaplan
ihrer angenommen htte gestern im Regen. Der Kaplan sa zwischen ihnen
beiden auf einem niedrigen Plschfauteuil, mit dem Rcken gegen die
Butzenscheiben des Fensters; Robert machte sich lang, betrachtete von oben
die Tonsur des Gastes. Mit unsglicher Dankbarkeit sa der Kaplan zwischen
ihnen. Die zitronengelbe Decke betrachtete er mit den plattgedrckten
Fransen, die Zinnkrge auf den Konsolen. Dies stimmte alles, auch da die
Gardinen schmutzig waren und die berhnge nicht paten, die Brillanten
dieses glattkpfigen jungen Menschen, das altmodische, blaue Kleid der
Mademoiselle mit den Spitzenmanschetten. Er fand sich nachdenklich und ihm
kam, ohne da er es wute, warum, der Einfall: Wie sich doch alle Dinge in
der Welt erfllen! Das Fauteuil geriet ins Rollen auf dem blanken Parkett.
Als aber Alice nach seinem Arm griff, um ihn zurckzuziehen, zuckte der
Kaplan aufgescheucht zusammen. Er flsterte: Bitte, fassen Sie mich nicht
an. Sie fragte: Was haben Sie? Er wurde blasser, sagte, er wre so
empfindlich an den Hnden. Aber doch nicht an den Armen. Etwas an den
Armen auch, bitte! Sie tupfte in seinen Handteller; er krmmte sich, der
Schwei stand auf seiner Stirn, so da sie sich abwandte: Gott, sind Sie
komisch. Ja, entschuldigen Sie, mein verehrtes Frulein, Sie auch, mein
Herr, es ist vielleicht Gewohnheit, ich mache mich gewi lcherlich.
Darauf entstand eine Stille zwischen ihnen, weil der Kaplan sich nicht
wieder in die Hhe richtete, sondern immer die Parkettfugen studierte.
Robert schnffelte, schttelte, immer mehr belustigt, den Kopf; er knipste
an seinen Manschetten: Aber das ist ja zum Totlachen, Herr Kaplan, oder
wie nennt man Sie. Da gehen Sie auf die Straen, wie so, na, ich will mal
sagen, ein Flaneur, und werfen Ihre Blicke um sich auf die Tchter des
Landes. Ich freute mich ber Mademoiselle Dufoult und war glcklich, sie
kennen zu lernen.

Sie sind ja ein groartiger Mensch. Wirklich, Sie gefallen mir
auergewhnlich. Man soll niemals sagen, da es irgend etwas im
menschlichen Leben nicht gibt.

Der Kaplan lie einen verehrenden Blick auf dem breitbrstigen Herrn
liegen.

Sie sind solch rstiger Mann, mein Herr. Ich bewundere Sie; Sie scheinen
wie aus Eisen geschnitten.

Na, ich danke. Hab gedient: bin noch halber Soldat! Er legte die Hnde
auf seine Knie: Menschenskind, nun sagen Sie, was machen Sie hier? Stre
ich etwa jetzt, Sie und dich, Alice? Er lachte und prustete gewaltig. Sie
schwankte zwischen entrsteter Haltung und Vergngen; ihre feine lange Nase
bog und streckte sich:

Robert, nimm dich doch etwas zusammen. Sie konnte nicht weiter, platzte
heraus in ihr Taschentuch.

Soll ich rausgehen, Alice, ja? Er quietschte schon. Aber ich kann doch
durchs Schlsselloch gucken? Entschuldigen Sie, Hochwrden, die Sache nimmt
mich gewaltig mit.

Der Kaplan lchelte freundlich von einem zum andern, zog sein Fauteuil ganz
an den Tisch: Lachen Sie doch, wenn es nur auf meine Kosten ist. Ich bin
gern unter frhlichen Menschen.

Der neben ihm schrie aus vollem Hals: Gotteswillen, du mut mir den Kragen
aufmachen, Alice, den Schlips.

Sie wlzte ihr Gesicht auf dem Tischtuch: Ich kann ja selbst nicht.
Hochwrden mu eine schne Meinung von uns kriegen, Robert.

Und wieder sagte der Kaplan ruhig: Aber nicht doch. Ich bin nur froh, da
ich hier sitzen und alles mit ansehen darf. Ja, ja, Alice, er hat recht;
mit trnenden Augen richtete sich Robert auf, wischte sich, betrachtete
pltzlich ghnend und etwas betreten den schwarzen Herrn im Fauteuil.
Trinken wir eine Tasse Kaffee zusammen. Vielleicht erzhlen Sie uns etwas
von ihrem Klosterleben, Herr Kaplan. Man mu die Situation ausnutzen.

Gern will ich Ihnen erzhlen. Wenn es Sie nicht betrbt, ernste Dinge zu
hren. Gern will ich Ihnen erzhlen.

Betrben, keine Rede. Nehmen Sie Zucker? Wie kommen Sie auf betrben?

Whrend die Tassen klirrten, das junge Hausmdchen in hellblauer Schrze
Milch brachte, fixierte Robert fter den Kaplan, der mit seiner melodischen
Stimme zur Mademoiselle sprach. Robert kratzte sich das Kinn, wurde
wortkarg. Der Kaplan fiel ihm auf die Nerven, der verrckte Gast machte
sich in einer sonderbaren Weise breit.

Alice legte die Arme von hinten um seine Schultern: Du, hab ich dich
verletzt. Na, na, la mal, Alice. Setz dich nur wieder hin. Es ist was
Geschftliches, fiel mir pltzlich ein. Brr, mein Kaffee ist kalt
geworden. Der Kaplan schob den Fauteuil zurck: Ich darf mich jetzt
verabschieden? Robert drckte sich hoch. Lieber Herr, Sie laufen weg. Die
Sache eilt nicht; brigens: wir gehen zusammen. Alice, ein Knie ber ihren
Stuhl schiebend, hielt stumm Robert in den Augen, der an ihr vorbersah.
Also, liebe Alice, nur eine halbe Stunde; du entschuldigst mich. Sie
gingen ber die Schwelle; Alice bckte sich neben der Chaiselongue, brachte
mit kalter Miene Robert die dnnen Seidenhandschuhe nach, pfiff im Zimmer
vor sich hin, auf der Schwelle stehend, die Ngel ihrer linken Hand
betrachtend. Der Kaplan und der Reserveleutnant von Wahlen marschierten die
Tiergartenstrae herauf; beide atmeten krftig. Ja, das ist mal reizend,
fing der robuste Mann an, da ich einen richtigen Menschen treffe, ein
Unikum, nehmen Sie mir das nicht bel. Mir ist zwar wirklich nicht klar,
was Sie von meiner Freundin wollen, aber das ist ja egal. Sie sind
vorzglich, Ihre ganze Art gefllt mir.

Sie drfen nicht so weiter reden, Herr von Wahlen, wenn Sie wollen, da
ich mit Ihnen gehe.

Keine falsche Bescheidenheit, Hochwrden. Alles an seinem Platz. Also, ich
wollte Sie um einen Gefallen bitten. Er hakte sich bei dem langen Kaplan
mit seinem linken Arm ein. Es wird mir etwas schwer, es Ihnen vorzutragen.
Die Sache ist heikel. Ich rechne darauf, da Sie solch besonderer Mensch
und schlielich auch von Berufs wegen Geistlicher sind. Das pat faktisch
tadellos zu Ihnen, der Kaplan, wie angegossen!

Als sie minutenlang weiter gegangen waren, wandte der Kaplan sein glattes
Schauspielergesicht zu ihm: Wollten Sie nicht sprechen, Herr von Wahlen?

Freilich, freilich, kommt schon. Die Sache wird mir schwer. Also mit einem
Wort gesagt: es handelt sich um ein frheres Verhltnis, genauer gesagt, um
mein letztes. Alice nicht, mein voriges. Sie sollen mir helfen, Herr
Kaplan.

Gern, ich stelle mich Ihnen gern zur Verfgung. Erzhlen Sie mir von der
Dame, welche Situation vorliegt. Lassen Sie sich die Besprechung doch nicht
schwer werden.

Nee, kommen Sie mir nicht mit Situation und Dame und so, lieber Herr. Sie
sollen mir das Mdchen abnehmen, wenn ich's denn mal rausbringen soll!
Wie meinen Sie? Scheuliches Wort, ja, abnehmen. Das Drum und Dran der
Geschichte knnen Sie sich allein denken. Aber Sie sind Menschenfreund und
mein Mann. Ach, was soll ich mit dem Mdchen machen, Herr von Wahlen; ich
tue Ihnen ja gern jeden Gefallen. Nur keine Angst, Herr Kaplan. Sie beit
nicht. Ich mu das von Ihnen verlangen. Sie drfen sich nicht struben. Sie
knnen dem Freund Ihrer Alice, Ihrer Alice, aus dem Sumpf helfen. Sehr
bleich und schmerzlich verzog der Kaplan das Gesicht: Lassen Sie das,
lassen Sie das, das sind schon nicht mehr Witze.

Pardon, hab ich falsch gemacht, bitte um Entschuldigung, Hochwrden, ist
so meine Art Witze, ist mir vorbeigeraten.

Dem Kaplan baumelte der Kopf vor der Brust, seine Hnde falteten sich vor
der schsselfrmigen Vertiefung, die sein Leib war: Was soll ich mit der
Dame, mit dem Mdchen machen?

Am besten, Sie stellen Sie auf den Kopf und schlagen ihr einen Nagel in
jedes Ohr, dann steht sie bombenfest. Im brigen lassen Sie sich von mir in
flagranti erwischen.

Der Herr im schwarzen Gehrock schwieg, dann flsterte er: Das sind
grliche Dinge. Wei ich. Das sind ekle Sachen, Herr von Wahlen.
Wei ich.

Bitte, eine Frage, Herr von Wahlen, mibrauchen Sie mich nicht, Sie lieben
Frulein Alice Dufoult wirklich? Meine Frage wird Sie nicht krnken. Dabei
sah er dem energisch ausschreitenden breitschultrigen Mann, dem der weie
Strohhut schrg tief in der Stirn sa, bettelnd in die zwinkernden grauen
Augen. Sie schwenkten in die Fasanenallee ein; elegante Equipagen fuhren
vorbei; der Herr neben dem Kaplan winkte und grte oft. Er kicherte,
nervs belustigt: Etwas komisch, wie Sie fragen, verzeihen Sie. Wenn Sie
wollen: ich liebe Frulein Alice; es liegt mir an ihr.

Und es erfreut Sie, wenn ich diese -- Sache bernehme? Der muskulse Herr
im Strohhut blieb angewurzelt stehen, es fuhr ihm schneidig aus der Kehle:
Na, sind Sie komisch; ich komme doch zu Ihnen damit.

Dann will ich Ihnen behilflich sein, lieber Herr. Verzeihen Sie mir. Aber
gehen wir doch weiter. Seien Sie versichert, leicht wird mir das alles
nicht. Denken Sie nicht falsch von mir. Immer wieder errtete er und wich
den scharfen Blicken des Leutnants aus. Mal keine Redensarten,
Hochwrden, damit klopfte er dem Kaplan auf den Rcken, wir haben es alle
nicht leicht. Wenn ich Ihnen erzhlen wrde von mir allerlei, Sie wrden
staunen. Der Kaplan atmete freier: Ich bin ja zufrieden, wenn es Ihnen
gut geht und wenn ich Sie nicht gekrnkt habe.

Leicht angewidert wehrte der elegante Herr ab; er streckte die Hand hin,
schob den Kaplan beiseite: Na, Schlu. Mal keine Redensarten. Auslagen
ersetze ich Ihnen natrlich. Sehen Sie zu und trsten Sie sich, wir mssen
alle unser Pckchen tragen. Das ist mal so im Leben. Auto! Auto! Puh!

Das war eine andere Wohnung, als die Alice Dufoults. In einem westlichen
Gartenhaus ein mig dunkler Korridor und dann ein langes, schmales Zimmer.
Eine Petroleumlampe auf der Kommode; eine gelbe spanische Wand vor einem
Bett; Haussegen, patriotische Bilder an der Wand. Vor dem Fenster der
unbedeckte vierbeinige Ausziehtisch und Rohrsthle. Bertha sa in weier
Untertaille und rotseidenem Rock hinter der Gardine und kaute einen Apfel.
Sie hatte ein festes energisches Gesicht und lebendige blaugraue Augen.
Ihre nackten massiven Arme waren weigeschminkt, die Hnde noch rot.

Als der Kaplan klopfte, wollte sie nach ihrem Umschlagtuch greifen, rief
aber gleich: Immer rinn! Der Kaplan schlo die Tr hinter sich; sie ri
den Mund auf: Nanu, was ist denn das fr einer? Sie sind wohl von der
Heilsarmee?

Der Kaplan murmelte seinen Namen. Sie winkte ab: Bei mir ist nichts zu
machen damit. Hier wird berhaupt nicht hausiert. Lauter nannte der Kaplan
seinen Namen, buchstabierte, trat mit dem Hut in den Hnden nher.

Da kreischte sie auf, warf ihren Apfel, da er zerplatzte, ber den Tisch:
Jesses, Sie sind das! Der mir Gesellschaft leisten soll, bis Robert
wiederkommt. Nu schlg's aber dreizehn, nee, kommen Sie mal ran, setzen Sie
sich mal hin.

Der Kaplan rckte sich einen Stuhl zurecht: Ich freue mich, Sie kennen zu
lernen, liebes Frulein. Herr von Wahlen hat mir viel Angenehmes von Ihnen
erzhlt. Nu fangen Sie mal nicht aus die Ecke an. Sie, die Geschichte mit
dem Verreisen glaub ich schon lange nicht. Das knnen Sie Robert sagen. Das
ist eine Drckebergerei. Aber -- und da quietschte sie auf und schlug sich
die Hnde vor den Mund: Menschenskind, wie sehen Sie blo aus! Was haben
Sie fr einen katholischen Rock an! Zum besten scheint's Ihnen auch nicht
zu gehen.

Peinlich berhrt seufzte der Kaplan: Sprechen wir doch lieber von etwas
Schnem. Wie mir Herr von Wahlen sagte, lieben Sie gelbe Rosen sehr. Ich
habe mir erlaubt, Ihnen dies Struchen mitzubringen. Ich bitte Sie, wollen
Sie meine freundliche Gesinnung daraus erkennen. Sie betrachtete ihn
aufmerksam und mit Teilnahme. Da hat Sie Robert aber schn reingelegt. Der
Filou, das sieht nach ihm aus. Die gelben mag ich grade nicht. Warum machen
Sie sich aber blo nicht wenigstens den obersten Knopf auf? Sie werden sich
noch erklten. Sone Tuerei steht einem jungen Mann gar nicht.

Wenn Sie wollen, mache ich mir den obersten Knopf auf.

Natrlichement. Mit etepetete kommt man bei mir berhaupt nicht weit.
Wissen Sie brigens Mnneken, was ich Ihnen sagen will? Sie kaute ihren
Apfel: Ich meine von wegen die Geschichte mit Ihnen und Robert: da liegt
eine gemeine Schiebung vor. Und sie fixierte ihn schlau.

Geqult sah ihr der Kaplan ins Gesicht und studierte vertieft ihre Zge; er
uerte ein paar stimmlose Stze.

Sie markieren den Scheinheiligen, mein Lieber. Lassen Sie man sein. Sie
sind Strohmann von dem Filou. Und weil Sie schchtern sind mit Damen, ist
Ihnen ganz pa, da der Filou Sie so deichselt. Was?

Nach einem weiteren tonlosen Satz fuhr der Herr im schwarzem Gehrock
stockend fort: Ich will Ihnen sagen, mein Frulein, in gewissem Sinne
haben Sie ganz recht. Ihre Vermutung ist zum Teil nicht unbegrndet.

Sie schmetterte ihre Faust auf die blanke Tischplatte, fuhr hoch: Wissen
Sie, Sie sind zum Piepen. Wenn ich Ihnen nu eins runterlatsche, -- wie ist
es dann mit der Vermutung? Er verfolgte sie freudig, seine Stimme klang
befreit: Ja, das wre ganz passend und es wrde mir recht geschehen.

Das Gelchter Berthas wollte sich nicht beruhigen:

Wissen Sie, Amsel oder was Sie sonst fr nen Vogelnamen haben, Sie sind
zum Heulen. So ein Gerissener wie der Robert ist, der hat sich wieder mal
den Richtigen rausgesucht. Bleiben Sie man sitzen. Sie knnen einem leid
tun. Ich mache Ihnen noch einen Knopf auf. Sie stand mit ihrem bloen Arm
hinter seinem Stuhl, drckte ihn an seinen Schultern herunter: Ordentlich
rausfttern mte man Sie. Ich bring Ihnen nachher was zum Essen. Na nu
sagen Sie mal, Mamsell, wie steht's denn eigentlich mit uns? Wie sind wir
denn beide dran? Sie mgen mich wohl nicht? Er steckte zwischen ihren
Armen; sein glattes Gesicht fllte sich, wurde gedunsen.

Sie lie ihn los, angelte sich ihren Stuhl; seinen Hut patschte sie ihm auf
die Erde; ihn zog sie zu sich auf den Scho. Er schluchzte leise. Sie sah
zu ihm herauf; er drehte den Kopf weg. Was hast du denn, Mamsell?
Nichts. Nanu, du heulst doch. Er schluchzte unterdrckt: Es ist
wirklich nichts. Mich regt nur alles so furchtbar auf. Er lchelte
seitlich zu ihr herunter. Lang bist du, Mamsell. Komm doch mal runter zu
mir. Runter mut du.

Sie lie das hilflose Menschengerst halb ber ihre Knie rutschen. Bertha
erstaunte: Gotte doch, ich tu dir ja nichts. Du bist doch ein propperer
Kerl. Mal was Besonderes. Das ist ein feiner Gedanke von Robert gewesen,
statt dem ausgebliebenen Geburtstagsgeschenk.

Der Kaplan lag zwischen ihren Armen; mit den Knien wippte er gegen den
Boden; er balancierte sich mhsam auf ihrem Scho zurecht; er wollte sich
oft aufrichten und tastete nach seinem Stuhl, fiel wieder zurck. Sie
bckte sich ber ihn. Soll ich dich mal ordentlich abknutschen jetzt,
Mamsell, weil ich dich grad so habe; fr die gelben Rosen, da dir die
Ohrlappen brennen? Was meinste?

Er flsterte nach einer Pause, mit einem versonnenen Ausdruck: Willst du
das tun? Bertha? Ja, so tu es doch.

Sie kte ihn weidlich, auch seinen Kopf, wobei sie mit einem Blick auf die
Tonsur klagte, da ihm schon die Haare ausfielen. Er hob sich whrenddessen
immer mehr an ihr Gesicht, drngte sich gegen ihren Mund. Sie streichelte
ihn: Was machst denn, Mamsell?

Er blickte mit verwirrten Augen an die geweite Wand: Nur trumen tu ich.

Scheint dir ganz gut zu schmecken, Schwach lchelnd sa er wieder auf
seinem Stuhl. Sie zog sich gegen das Fenster, lockte ihn: Na, mein Junge,
hngste noch an der Stange? Komm mal zu mir: komm doch mal her. Gibt
Zucker. Beine durchgedrckt. Immer feste ran an die Gewehre. Ihren feisten
Hals hielt sie ihm entgegen, er legte sein Gesicht an, schwindlig, mit
geschlossenen Augen. Ne, du begaunerst mich. Augen aufgeklappt. Siehste.

Am Sonnabend suchte der Kaplan seinen Beichtvater, den Bruder Vincenz auf,
der neben ihm wohnte. Er ffnete sich dem Pater, breitete es vor ihm aus,
fhrte den entsetzten Mann vor alle Dinge. Schlielich gingen sie auf das
Zimmer des Kaplans; der schlo seinen Schrank auf, zeigte den Schirm in der
Ecke, der mit Bindfden zugebunden war. Auf den Wunsch des Paters spannte
er den Schirm, hielt ihn lchelnd ber ihre Kpfe mitten im Zimmer.
Friedlich und ganz unzugnglich blieb er: Ich will alles tun, was Sie fr
ntig erachten. Nur habe ich das Gefhl, das unabweisbare, unbezwingliche
Gefhl, da ich nicht verstoe gegen die heiligen Vorschriften mit meinem
Tun. Der elastische grauhaarige Pater setzte sich, die Arme kreuzend, auf
einen Schemel unter dem Bild des gemarterten Sebastian, der zum Himmel
blickt, whrend ihm die Pfeile im Fleisch stecken: Wenn ich Sie nun
nochmal frage, Bruder Anselmus, ob Sie unzchtige Gedanken gehegt haben in
den Straen oder in den Wohnungen, unzchtige Bewegungen ausgefhrt oder
geduldet? Was antworten Sie ohne jeden Umschweif? Ich habe keine Unzucht
getrieben und nichts Schlechtes gedacht. Halten Sie mich nicht fr einen
Verbrecher. Ich habe eine sanfte Empfindung fr die Frau mit Namen Alice
Dufoult, aber ich kann nicht drber sprechen. Ich dachte, vorhin, als ich
den Regenschirm ber uns beide ausspannte, fhlten Sie es auch. Bruder
Anselm, Sie sind verliebt in das Mdchen, Sie begehren sie.

Das sind Worte, die mich nicht treffen. Ich habe eine sanfte Empfindung in
mir, die sehr stark ist. Ich bete und mein Gebet ist innig. Ich fhle mich
in keiner Weise gendert. Und dann schwammem seine Augen, er berhrte den
Pater am rmel. Meine Auffassung klingt unmglich, ich wei. Ich staune,
was mit mir geschehen ist. Wieder hielt er inne; seufzte mit einem Blick
auf den umgefallenen Schirm, den Beichtvater, die kahle Zimmerwand.
Freilich schillert manchmal alles, jedes in mir, bewegt sich von mir weg.
Dann habe ich den Wunsch, da ein Ende eintrte damit. Verstehen Sie das?
Der Pater schttelte den Kopf und schwieg. Als er sich erhob, gab er dem
Kaplan eine kleine, kleine Bedenkzeit.

Am Abend, als es regnete, nahm der Bruder Anselmus, Berthas Haus
verlassend, eine Droschke, fuhr vor Wahlens Wohnung. Wahlen war nicht zu
Hause. Auf das Drngen des Kaplans nannte der Diener die Telephonnummer,
unter der sein Herr zu erreichen war; fhrte den Gast in das Rauchzimmer.
Auf den fen standen zahlreiche Photographien, auch Berthas, Alices,
mehrere Balletdamen, einige phantastisch schne Kpfe. Beim Anblick eines
dieser schwermtig feinen Gesichter wurde der Kaplan von solchem schweren
krampfenden Mitgefhl ergriffen, da er sich auf einen trkischen Sessel
setzte und den Diener bat, die Verbindung noch nicht herzustellen. Er
fragte den Mann in der Livree nach einem andern Apparat in einem andern
Raum. Und ging mit dem erstaunten durch viele Zimmer in die Kche hinaus,
flsterte, er knne auch die leiseste Rauchluft nicht vertragen. Allein
telephonierte er dann. Seine Stimme tremolierte. Eine Damenstimme kicherte;
fr Privates wre aber der Herr Leutnant jetzt auf keinen Fall zu sprechen,
die Stimme fltete ihm ein paar Scherzworte zu, und wie er denn heie, wie
gro er sei, ob er einen Schnurrbart trge. Und dann entfernt vom Apparat
flsterte sie vernehmlich: Du, das scheint dein verliebter Pfaffe zu sein.
Ich hr nebenan mit zu? Mit angehaltener Erregung sprach der Kaplan: Ich
war zweimal bei Bertha. Warum kommen Sie denn nicht? Wo bleiben Sie? Sind
Sie denn schon so weit, Hochwrden? So kommen Sie doch. Eilt ja nicht,
Hochwrden. Sie gefllt Ihnen wohl nicht? Na, will dafr bald mit was
anderem aufwarten. brigens -- Er lud den Kaplan zu einem kleinen
Maskenspiel ein, das morgen in der Wohnung Alices stattfnde; Alice bte
ihn dringend zu kommen; sein Inkognito wrde gewahrt bleiben.

Dem Kaplan spannte sich die Brusthaut vor Schmerz. Er rieb sich die Ohren;
ein leiser Schreck war durch ihn gefahren, ohne da er wute, worber. Er
atmete tief, noch vor dem Apparat; seine Lungen wagten nicht auszuatmen. Er
wollte Alicen sehen.

Und zu einer japanischen Frhlingslandschaft war die kleine Wohnung der
Mademoiselle gestutzt worden. Drei lustige Franzsinnen liefen zusammen,
Sinnloses schnatternd. Sie sprangen auf Stelzen von einem Zimmer ins
andere, wedelten mit kleinen Fchern. Ein deutsches elegantes Frulein
hatte sich eine turmhohe japanische Percke aufgestlpt und schiefe
Augenlinien geschminkt; sie hielt sich krhend an die Herren. Das waren
Robert und zwei Mnner, die smtlich im schwarzen Trikot als Athleten und
Gaukler bizarre Purzelbume schlugen, hin und wieder ein merkwrdiges
Glockeninstrument klppelten, das sie am Handgelenk trugen. Als der Kaplan
erschien, kam Robert wie ein Dmon unter die rosa Ampel des Korridors
gestrzt, hielt ihn fest: Sie drfen nicht so herein. Maske. Lassen Sie
mich berlegen. Verschwand im Wohnzimmer, wo es sofort stille wurde und
Tuscheln entstand; dann fhrte er den Kaplan in Alices Schlafzimmer. Alice
erschien, nur an der Stimme kenntlich, in gelbseidenem Mantel mit tollen
Fabelstickereien, einen zngelnden Katzenkopf vorgebunden. Als sie die
weien Sachen fr den Kaplan aus einem Schrank herausholte und auf die
grne Chaiselongue ausbreitete, wurde sie sehr langsam in ihren Bewegungen;
Robert zeigte ihr dies und das, was sie dann auch hinlegte; er drngte sie,
schob sie, als sie zum Schlu zgernd vor der Chaiselongue stehen blieb,
zur Tr hinaus: Hochwrden wird sich vor uns schmen. Hochwrden aber
lachte und fieberte; er war leidend, hilfsbedrftig und fhlte dabei mit
Entsetzen, da ein Rausch von seinem Kopf und seiner Brust Besitz nahm, da
eine wilde Begierde ber seine Arme, ber seinen Mund schlich. Er knllte
mit raschelnden Hnden an den Sachen, sah sich im Zimmer um. Automatisch
zog er an, was man ihm hingelegt hatte. Schwindlig ging er auf den
Zehenspitzen ber den Korridor in die bunten Zimmer. Gelchter, Kreischen
und Wiehern empfing ihn. Die Damen, nachdem sie herbeigerannt waren,
versteckten sich in die verhngte Ecke des Zimmers, die vier Herren tobten
um ihn im Kreis; sie stampften bocksbeinig einen wtenden Ringeltanz um ihn
und zerrten ihn durch die Zimmer. Weit schlotterte und wehte, entblend um
seinen schmchtigen Rumpf, das rotgebnderte ausgeschnittene Nachthemd
Alices; ein grnes Seidentuch, ein Zigeunertuch, hatte er ber die nackten
drren Schultern gespreizt. Die Herren rissen es ihm aber ab, legten es
ber, bliesen es weg. Perlenbesetzte Nachtpantffelchen schleifte er an den
Zehen, hellblaudurchbrochene Strmpfe rutschten ihm herab von den
Stckerbeinen; ber die angeklemmten Strumpfbnder stolperte er. Er hatte
nicht gesehen, was er anzog; er tanzte mit den Herren, freute sich, suchte
Alice, und lachte, weil alle lachten und htte gern gesehen, da sie
mitlachte. Seine langen graublassen Arme schwang er ber seinen Kopf; wie
die Gebeine eines Totentanzes wehten und sanken sie oben durch den Dunst.
Die Katzenmaske griff ihn, als er zum zweiten Male durch die Wohnung
gewalzt und, gewirbelt wurde, am Hemdenausschnitt, fauchte die Herren weg,
zog ihn auf den Korridor. Sie ri sich die Fratze ab; ihr Gesicht glhrot
bebte: Was tun Sie hier in den Sachen, Hochwrden? Was lassen Sie sich
bieten? Wer bietet mir etwas? Ich wei nicht, da mir irgend jemand etwas
bietet. Es ist schon ganz unnatrlich, was Sie mit sich machen,
Hochwrden. Der Kaplan sah an dem wallendem Hemd herunter, spielte mit den
roten Bndern, whrend sie sich abdrehte: Nehmen Sie doch die Hnde
davon. Er zitterte sichtlich: Ich finde, da Sie mich alle miverstehen.
Resolut ri das Frulein die Tr zu ihrem Schlafzimmer auf: Ziehen Sie
sich um und gehen Sie. Kommen Sie nicht wieder herein. Morgen will ich Sie
sprechen, Hochwrden. Ich mu Sie sprechen. Er sthnte: Ich will hier
bleiben bei Ihnen. Was wird morgen sein? Warum schicken Sie mich hinaus,
sie war schon fort.

In der Nacht heimkehrend steckte er die Gasflamme in seinem Zimmer an. Aus
seinem Schrank hob er mit schwankenden Armen den schwarzen Regenschirm,
tastete nach der Bchse Schuhcreme im Fach. Er fingerte unsicher ber
Schirm und Bchse, packte sie auf einen Stuhl unter dem Bilde des heiligen
Sebastian, warf sich in einer unbezwinglichen Bewegung auf den Boden,
aufgewirbelt und fast ohne Besinnung, schrie: Herr, mach ein Ende! Noch
Sekunden la mich irren, noch Minuten, wenn du es willst, nicht lnger,
Herr ein Ende!

Als er morgens erwachte, brannte noch das Gas ber ihm. Er war am Boden
eingeschlafen. Er fand sich voll inwendiger Sehnsucht nach Alice und hatte
das Gefhl, da dies ein gebenedeiter notwendiger Tag sei.

Er ging durch das Seitenportal seiner Kapelle auf die Strae. Er blickte
sich scheu um; ber sein weies Priesterkleid und die Stola hatte er eine
lange Pelerine geworfen; sein Kopf blo. Am Rand des Rinnsteins in der
stillen Strae schlich er; ein Wagen knatterte ber Steine; er winkte,
stieg ein. Blendende lebendige Frhlingssonne in allen Straen. Der
Potsdamer Platz tauchte auf, menschenwogend, von Wagen durchschwungen.
Stillers Schuhgeschft glitt vorbei. Lden an Lden, eine Allee von
Schaufenstern; die grnen Kastanien und Buchen des Schneberger Ufers. Kein
Nebel, jedes aufblhend, schmelzend, hinflieend, alles du und du. Die
Pelerine, die auf den Rcken umgeschlagen war, zog der lange Kaplan nicht
nach vorn zurck, als der Wagen hielt; in der Flottwellstrae stieg er
langsam aus der Droschke, ging ruhig an den Staunenden vorbei in das Haus
Alices. Rauchige Luft in ihrem Korridor, die Lampions und Girlanden hingen
noch und lagen zertreten auf dem Flurteppich. Als er den Korridor betrat
und alles schwieg, kam ihm vor, als ob er auf Daunen einherginge. Er dachte
zrtlich: wohl euch, was habe ich euch beschert.

Im Wohnzimmer setzte er sich an das Fenster; das Zimmer vllig ausgerumt;
der Parkettboden zerschrammt, mit duftendem Wein und Bier begossen, ein
kleiner Haufen grner und weier Scherben mitten im Zimmer unter dem
bebnderten Kram. Wie sich der Kaplan halb zur Seite wandte, stand in einer
Erkernische etwas Buntes; er fate hin; es waren die Strmpfe Alicens die
er gestern getragen hatte, mit Apfelsinen ausgestopft, an einer
Korsettstange darber baumelte ihr Hemd, mit Rotwein begossen, den Abschlu
oben bildete eine Mtze aus Silberpapier; er erkannte, es war eine runde
Priestermtze. Er streichelte leidend den Haufen: wie gut sind sie, und was
mu ich ihnen antun! Der Aufbau raschelte hin, als er ihn loslie. Seine
Oberlippe zuckte. Er sollte warten; hrte nebenan im Schlafzimmer Alicens
Wasserpltschern, warf die Pelerine wie zum Schutz ab ber die Figur und
ging ohne zu klopfen hinein. Sie tauchte grade die Hnde in das Becken;
gellte kurz, strzte ins offene Bett, verschwand unter der Decke. Der
Kaplan blieb an dem Waschbecken stehen, sagte leise, langsam und ruhig,
warum sie erschrecke; er wnsche sehnlich mit ihr zu sprechen. Unter dem
Deckbett whlte es: Rufen Sie sofort das Mdchen. Er schlo die Tr;
setzte sich auf die Bettkante, streichelte ihre Kopfkonturen auf der Decke:
Ich will mit Ihnen sprechen. Sie drfen sich nicht mir vorenthalten.
Stehen Sie auf. Ihr Gesicht kam hervor, sie sprang hinter ihm am Fuende
heraus; stellte sich, im Unterrock mit nackten Fen und halboffener Brust,
Konfetti im hngenden Haar, jenseits des Betts an die Wand. Hochwrden,
sagte sie halb weinend, was wollen Sie von mir? Warten Sie drauen. Er
blieb auf der Bettkante sitzen mit strahlendem Ausdruck: Seien Sie doch
ruhig, Frulein Alice. Seh ich aus, wie einer, der Ihnen etwas tun will?
Seien Sie ruhig und lassen Sie mich hier. Sie hing sich ihren Kimono um,
rauschte auf ihn zu, konvulsivisch ausbrechend warf sie sich vor ihm hin
und whlte Hals und Kinn, Konfetti regnend, in den weien Stoff ber seinen
Knien. Hochwrden, was wollen Sie so frh kommen. Ich will nicht mehr
hierbleiben, keine Minute lnger. Was Robert macht, ist schndlich, ist
unertrglich. Ich ertrag es nicht. Sie mssen mir hier weg helfen. Robert
ist kein Schurke; er ist kein Schurke. Wie knnen Sie so sprechen! Sie
schrie: Was sind Sie fr ein Mensch. Ich will nicht, da Sie sich durch
den Sumpf ziehen lassen von ihm. Wenn das so fort geht, will ich Sie nicht
sehen und Robert nicht sehen. Hochwrden, was hab ich erduldet von diesem
Mann. Ich habe in den letzten Wochen alles gesehen. Lieber will ich Hunger
und Durst ertragen, als mit ihm lnger zusammen sein. Ich wei, da Sie mir
gut sind, helfen Sie mir. Der Kaplan war aufgestanden; sie stand dicht an
ihn gedrngt.

Er flsterte mit unbeweglichem Gesicht: Hier ist keine Rede von Hilfe.
Woher wissen Sie, da ich Ihnen gut bin. Er zitterte, als sie ihn
anblickte: Aber jetzt glaub ich, da Sie mich nicht mehr miverstehen.
Mein Gott, es scheint durch meine Poren zu dringen. Was ist Ihnen?

Der Taumel berhrte sein Gehirn. Er hielt nicht mehr stand. Ich wei, ich
bin dir gut, Alice. Und gleichzeitig hre ich dich gar nicht. Ich kann mich
anstellen, wie ich will, ich hre nicht, was du sagst. Es schwingt in mir
nicht mit. Ich bin dir gut, und du verschwindest vor mir. Wie heit du?

Alice, Alice Dufoult.

So gut bin ich dir. Du mut dich nicht beklagen. Ich beklage mich auch
nicht. Ich wei nicht, was du verloren hast. Wenn du vor mir stehst in
diesem Zimmer, bist du ohne Fehl, und ich bin ohne Fehl. Du bist mein. Und
darfst dich mir nicht vorenthalten.

Sie ri an seiner Stola: Du darfst nicht diesen Mantel tragen, wenn du
mich anfat.

Er lachte mit einer quellenden Heiterkeit: Fa meinen Mantel an, fa die
Stola an. Ich bin Priester. Frchte dich nicht.

Aber ich frchte mich nicht, Anselm.

Nein, das sollst du nicht. Nur ich mu mich frchten. Und tus nicht, und
wills nicht tun.

Sie streichelte seine Hand, die er sich vor den Mund hielt, als wollte er
sein Lachen darauf festdrcken und festklammern.

Und wenn mich einer anklagt und ich verdammt werde, Alice, ich kann es
nicht mehr aufhalten. Ich kann nicht an mich halten, ich mu dich in meine
Arme nehmen, und dich kssen.

Sie lie sich kssen, ja sie hngte sich an seinen Hals. Sie bettelte, er
solle den Mantel ablegen, aber er blieb dabei, er msse ihn vor seinen
Augen haben, vor seinen Augen behalten; keine irdische Gewalt wrde ihm das
rauben. Und so ging er hinaus, sie kleidete sich an. In einer Hemmung stand
sie immer wieder da. Schlielich war sie angezogen und schlpfte
entschlossen zu ihm hinein. Ins Grne wollten sie fahren. Sie war frhlich
und sagte ja, schickte das Mdchen herunter nach dem kleinen Tandem. An der
Tr drehte sie sich um, rief dem Mdchen zu, sie mchte nicht warten mit
dem Mittag, sie fhren nach Dberitz zu auf die Heerstrae.

Die breite benzindampfende Chaussee, zwischen den beiden grnen Baumlinien,
trabte das Gefhrt. Alice in grauer Sportmtze, die Peitsche in der Hand,
lenkte den Schimmel. Vor einem Blumengeschft hielten sie, hngten groe
Fliederbsche, Goldlack, schneeweie Myrrhen ber ihren Sitzen auf. Hinter
schaukelnden Zweigen fuhren sie. Der junge Priester war ein Kind, drckte
ihre freie linke Hand flach zwischen seinen beiden, sagte, nun sei sie ein
Frosch und er hielte sie festgeklemmt: quak, sprang der Frosch heraus. Sie
bettelte, der Frosch wolle wieder hpfen. Er trumte: ja, wohin?

Da sah sie zwischen den Blten, da drben zwei Kinder, dort ein Prchen,
rechts ein Herr auf dem Trottoir stehen blieben, gespannten Ausdrucks etwas
hinter ihnen beobachteten. Ein dumpfes Trappen kam hinter ihnen her, wie
entferntes Teppichklopfen, Poltern ber Trommeln, jetzt Klappern, Eisen auf
Stein, schmetternd und klirrend, heranstoende Pferdehufe. Alice scho
hoch, ihre Mtze ri die Zweige auseinander: Robert, es ist Robert! Von
hinten brllte es her, whrend der Schimmel halb scheu die Hinterbeine
hochwarf, den Hals zurckbog und geifernd ein wtendes Tempo einschlug:
Kanaillen, anhalten! Pfaffenhund anhalten!

Hilf mir, Anselm, rette mich, er schlgt mich tot.

Besinnungslos schob sie ihm die Zgel zu, drehte sich auf ihrem Platz
aufrecht um sich selbst, entwand sich dem Kaplan, murmelte mit einem
blinden Blick ber die lange vorbeifliegende Chaussee: Er schlgt mich
tot, er schlgt mich tot! Hilfe! Der Schimmel bockte, strmte mit dem
kleinen Wagen davon, der rechts und links schleuderte, gegen die
Bordschwelle schlug, einen Baum anstreifte. Sie rasten zwischen den
Baumreihen hindurch. Ein Geschrei war vor ihnen, neben ihnen. Die auf dem
Wagen blieben ohne Laut. Einen Moment, als er sie noch hielt, drehte sie
den Kopf zu ihm; in seinem Gesicht war etwas, da das armselige Geschpf
die Hufschlge des Reiters anhrte und es durch sie fuhr: Was will der von
mir, und was will der von mir? Die wirbelnde graue Luft war da. Die graue
flieende Luft deckte seinen Mund und seine Augen, hielt seinen Kopf von
vorn und hinten. Die Frau wand sich neben ihn herunter zwischen Pferd und
Deichsel, nach der Leine zuckend; er packte sie um den Rcken, griff ihr
unter die Arme. Und whrend er mit ihr rang, den Zgel in der Linken, und
sie ihm den Mund zerkratzte, von ihm abdrngend, war in seinem Kopf hell
das Bild des strampelnden edlen Rosses, des rettenden edlen Tieres. Sein
Krper strebte hoch, um sie auf den Sitz zurckzuschleudern, die Zgel
anzureien. In seine Arme aber kam ein blinder Willen: weg von Alice, weg
von ihr. Die Hnde muten es tun, die Hnde taten es. Vor seinen Augen
stand noch auf einem weien Vorhang das Bild des davonstrmenden Rosses mit
der Frau auf dem Rcken; da sprachen seine Lippen in die Luft hinein das
Totengebet ber der strzenden Frau, jede Silbe ein betubender
hirnfllender Schluck Luft: Commendo te omni potenti, aspectus mitis atqe
festivus tibi appareat.

Der Krper des Kaplans lag atmend, blutbedeckt in einer Baubude der
Rohrleger. Die Arme hielt er steif vorgestreckt in der Haltung, in der er
Alicen sinken und zerschmettern lie. Der Leutnant drang an den Mnnern
vorbei, hieb dem Kaplan mit seiner Reitgerte ber die Arme; die Arme
schnellten wieder zurck. Der Bewutlose zwinkerte, bebte auf, hielt sich
fr Wasser, das man mit Ruten streicht.

Die Brder fuhren ihn auf das Land in ein waldumstandenes Kloster. Er las
keine Totenmessen, duldete nicht, da man sie las. Die Frau sollte brennen
in der Hlle, das legte er sich auf.

Drei Wochen brannte sie. Da merkte er, als er morgens erwachte und der
weiche Nebel vom Garten in seine Zelle wehte, da die Bewegungen seiner
Arme, das steife Vorsichhinstrecken etwas anderes bedeuteten. Die Kutte
warf er sich ber, auf nackten Fen ging er bebend an seinen kleinen
Altar. Er trug auf seinen Armen ein Opfer fr Maria, das brachte er ihr
jetzt. Whrend er die Stirn auf den schwarzen Samt des Tischchens prete,
fhlte er, da Maria ihn verstand, da sie sein Opfer annehmen wollte. Eine
Lsung kam in seine Glieder, seine Arme sanken herunter. Er zndete die
Kerzen an, las die Messe fr die Tote.

Und whrend er die Hnde aneinandergelegt vor die Stirn hielt, kam ihm vor,
als ob ein Frosch aus der Mulde zwischen ihnen hervorhpfte, laut quak,
quak machte und behend vor die Fe der Gottesmutter sprang. Die Engel
lachten fein, wie wenn man ein Seidenpapier umwendet. Die Fe Marias
bewegten sich wenig. Das rosige Wolkenkleid ber ihren Schenkeln strich sie
glatt, da hpfte der kleine braune Frosch empor. Auf ihrem Scho sa er mit
seinen mchtigen Augenbllen und durfte still sitzen bleiben zwischen den
Englein.




Die Nachtwandlerin


Als es zur Abendmesse lutete, ging Herr Valentin Priebe an der riesigen
Hedwigskirche vorber und erwog, seine dnne goldene Uhr mit einer
eleganten Armbewegung aus der Tasche ziehend, wie er den Rest des Tages
verleben solle. Es war Sonnabend, sein Bureau um fnf Uhr geschlossen, und
in der warmen Herbstluft mochte es lieblich sein fr einen jungen Mann zu
flanieren.

Er hob zweimal den braunen Samthut ab, um vorsichtig die feinen Spinnweben
abzublasen, die von der Alten Bibliothek durch die Luft herschwammen,
zupfte an seinem Taschentuch, dessen Rosa malerisch vor der blauen
Sportsjacke stand. Seine sanft gebogenen Beine schritten zierlich einher in
weien Tennishosen, hellgelben Schuhen. An der Charlottenstrae prustete
ein lahmes Auto vorbei; schnffelnd hob sich die aufgestlpte Nase ber dem
struppigen blonden Schnurrbart. Herr Priebe wedelte anmutig das Taschentuch
gegen den Staub, bog sich besnftigt in den Hften vor. Er huschte ber den
Damm.

Violette Strmpfe trug er, und es gelang ihm trotz energischen Schleuderns
der Beine nicht, sie den Passanten zu Gesicht zu bringen; die Hosen waren
zu lang.

In der Friedrichstrae musterte er mit verwegenem Blick gleichmig Herren
und Damen, bereit nach Belieben als Schrzenjger oder Mnnerfreund zu
gelten. Sperrte die braunen, runden Augen auf, die gutmtige
Kaninchenblicke warfen. Sein linkes Auge, mit schwarzen Sprenkeln in der
Iris, stand etwas nach auen; auch zuckte Herr Priebe mit dem Kopf hufig
nach links, als wollte er ber die Schulter nach hinten sehen.

In aufgelsten Scharen trotteten die Menschen beide Seiten der Strae
entlang, standen vor den Schaufenstern, sprangen in die Wagen, schlpften
zwischen schnurrenden Autos ber den Asphalt. Streifte ihn etwas am Arm in
der Mohrenstrae, lockte eine Stimme: Na, Schatz? Geschminktes feines
Gesicht, rotblonde Percke, bergroe Augen, Moschuswolke, Veilchenbukett
an der Brust. Blutbergossen wandte Herr Priebe den Kopf ab. Er sah
angestrengt auf den Damm, fixierte einen Radfahrer derart ngstlich, da
der ihn anblkte.

Wie er aus seiner Lhmung an der Bordschwelle erwachte, schlenderte er vor
das Schuhgeschft von Barthmann und summte. Da kam dicht hinter ihm her ein
grazises Pppchen, rotblonde Percke, bergroe Augen, Dessous schlenkernd
ber durchbrochenen hellblauen Strmpfchen, plaudernd mit einem Geck im
Zylinder. Sie lachten an ihm vorber. Herrn Priebe stand das Herz still.

Er setzte sich in die Elektrische, fuhr in den Tiergarten, zog auf und ab
die Hofjgerallee, bis er sich beruhigt hatte, lag matt in einer Droschke.
Er wohnte in der Brunnenstrae in einem Quergebude. In der lauen Abendluft
lrmten die Kinder. Bevor er in den Hausflur ging, sah er sich um, ob ihm
jemand folgte. Sein Vater sa hemdsrmelig in der Wohnung unter der
Hngelampe, qualmte einen beizenden Knaster; ein kahlkpfiger Invalide mit
einer blauen Brille, krummem Rcken. Die kleine Ella war schon im Bett an
der Wand; sie zog Herrn Valentin das rosa Taschentuch aus der Jacke und
roch daran; er gab ihr eine Banane vom Tisch.

Am Montag zwngte er sich in seinen Omnibus, rollte zum Wedding hinauf. Er
ging ber einen ungeheuren Kohlenhof. In kleinen Haufen lagen die schwarzen
ruigen Steine, schwelten. Der Hof war mit dickem Staub bedeckt, unter dem
Schienenstrnge in dem weien Morgenlicht blitzten. Von schwarzen Bergen
rieselte es unaufhrlich herunter; starke Krne knirschten hinein,
prasselten ihre Ladung in die kleinen Bunker. Herr Priebe ging in einem
glanzigen schwarzen berrock ber den dunstigen Hof; seine grauen Hosen
waren abgestoen. Er warf verschlafene Blicke ber die Geleise, kletterte
die Wendeltreppe des kleinen Bureauhauses hinauf. Niedrige weite
Kontorrume, Holzladen an den Fenstern. Hinter den Pulten Mnner; an der
Wand junge Mdchen in schwarzen Schrzen; sie spielten auf
Schreibmaschinen, machten metallischen Lrm.

Der Herr kaute an seinem Schnurrbart, pendelte tiefsinnig und zerstreut auf
und ab, rauchte eine zerbltterte Zigarre. Zwei Frulein stieen sich an,
sagten laut zueinander: Herr Priebe sieht eigentlich recht verlebt aus.
Er stutzte, rekelte sich an seinem Pult, sagte unter hrbarem Ghnen zu
seinem Nachbarn: Das Grostadtleben bekommt einem auf die Dauer nicht. Ich
werde doch noch nach Friedrichshagen ziehen. A zum Frhstck einen sauren
Hering. Dann setzte er den horngefaten Zwicker auf, schrie ein
engbrstiges Mdchen an, einer anderen warf er den Durchschlag zerrissen
vor die Fe. Das Frulein hob die Fetzen auf, maulte, plrrte laut los,
die Schrze ins Gesicht geknllt. Entrstet verlngerte der Herr sein
Gesicht, bewegte sich verlegen herum.

In der Mittagspause beobachtete der Herr dieses Mdchen, das Antonie
gerufen wurde, folgte ihr auf die Wendeltreppe, nselte neben ihr
leutselig, da die Sache von vorhin nichts auf sich habe. In polnischem
rauhen Dialekt erwiderte sie von Furcht vor Kndigung und weinte nochmals.
Er stieg zurck; die jungen Mnner an den Pulten stieen sich lchelnd an.

Am nchsten Morgen hatte Herr Priebe eine faltige Stirn, zotete mit den
Kollegen, dann ging er summend durch den Raum, beugte sich, wie
versehentlich, ber die polnische Maschinistin, die hochfuhr, und flsterte
eine kleine Zeit mit ihr vor allen Menschen. Als er sich von ihr abwandte,
pfiff er gleichmtig und sa ngellutschend an seinem Pult, um seinem
glattgescheitelten, blonden Nachbarn ein trumerisches Ja, ja zuzuwerfen.
Wie der ihm zuzwinkerte, zog er schmunzelnd sein gut ausgeflltes Gesicht
in Falten, so da es aussah, als wre es mit Bindfden verschnrt von den
Ohren her.

Antonie Kowalski war ein rundes ebenmiges Geschpf. Sie trug groe
unechte Ringe in beiden Ohren; an den feisten Armen breite metallene
Reifen. Sie wohnte im Nebenhause Valentins; eine niedrige Mauer trennte
beide Hfe. Hoch im vierten Stock hauste sie mit ihrer Mutter. Die Frau,
eine Polin, hatte, whrend ihr Mann im Gefngnis sa, eine Liebschaft mit
einem Zigeuner, einem Kesselflicker, unterhalten. Als der Ehemann nach
dreieinhalb Jahren aus dem Gefngnis wiederkam und die einjhrige Antonie
vorfand, setzte er Mutter und Kind aus der Wohnung. Sie zogen in die
Brunnenstrae, in eine Dachkammer. Antonie wuchs als ein jhzorniges,
leidenschaftliches und zrtliches Tierchen auf; nur da sie in der Zeit
ihres monatlichen Ungemachs stiller und leidend wurde, sich verkroch, auch
viel mit der Mutter weinte. Um den Vollmond hatte die Mutter sie empfangen.
Die Frau stand damals sptabends mit dem Zigeuner in der Kche, als ihr der
branntweinduftende Geselle um den Leib griff. Sie war, Hilfe zu schreien,
an das Fenster gelaufen, hatte die Gardine und Flgel weit aufgerissen, so
da pltzlich das prallweie Mondlicht hart ber Diele und Tisch fiel. Sie
fuhr einen Augenblick geblendet zurck. Der rasende Mann warf sie schon auf
den wei bestrahlten Boden, ri ihr keuchend die Rcke ab, und so wurde sie
seine Geliebte. Jetzt lachte und schwatzte Antonie viel im Schlaf, wenn der
Mond vor ihr Fenster trat. Oft sa sie abends am Fenster, hatte die Augen
offen; die Mutter mute sie schtteln und laut anrufen, ehe sie den Blick
herdrehte und aufstand.

Eines Tages, als es Mittag pfiff, wartete Antonie Herrn Valentin an der
Wendeltreppe ab. Sie fragte ihn leise, warum er sie nicht anshe und warum
er sie vorige Woche sitzen gelassen htte. Hier sind zwei Billetts fr das
Konzert bei Lipps, um halb neun an der Kegelbahn oder drin im Saal.
Drckte ihm einen gelben Programmzettel in die Hand, lief ber den
Kohlenhof.

Herr Priebe zitterte stark. Seine kalten Hnde schwitzten, als er wieder an
seinem Pult sa. Ihm wurde wst und schwindelig. Der Speichel lief ihm
unter der Zunge vor, er legte den Kopf auf die Schreibunterlage: Was nun?
Setzte seinen steifen Hut verbeult auf, stockerte auf die Strae und ging
statt zu Tisch lange Straenzge rasch entlang, die Liebenwalder-Strae,
Prinz-Eugen-Strae, ber die Pankstrae, zum grnumsumten Bahnhof Wedding,
fuhr mit der Ringbahn um halb Berlin und zurck. Vom Kontor machte er sich
abends im schbigen Gehrock auf den Weg zur Brauerei, erst als ein
hellgekleidetes Mdchen hinter ihm kicherte, fuhr er nach Hause,
parfmierte sich im Tennisanzug. Mit Trnen in den Augen verabschiedete er
sich nach vielem Drehen von der kleinen Ella, die ihn oft fragte, warum er
so sthne, wie ein Br sthne.

Musik schmetterte aus allen Grten am Friedrichshain. Antonie war nicht an
der dunklen Kegelbahn. Aus dem blitzenden Ballsaal tnte die Stimme des
Maitre. Herr Valentin sttzte sich auf den Arm eines lustigen Kollegen, als
er die Treppe zum Saal hinaufging. Antonie tanzte gerade am Arm eines
flotten Kommis vorbei. Gndig begrte Herr Valentin das Frulein im
Vorbergehen. Sie huschte am Schlu des Polkas auf ihn zu, stellte sich,
ohne ein Wort zu sagen, neben ihm auf. Da wren wir also, kleine Krabbe,
sagte er heiser, fixierte sie bis zu den Fen mit Kennerblicken.

Sie trug ein weies Waschkleid mit einem braunen Ledergrtel. Die schwarzen
Haare hatte sie ber die Ohren gewellt, hoch aus der Stirn gekmmt. Der
groe weie Federhut war vom Tanzen weit in den Nacken gesunken, so da das
dunkelrote volle Gesicht grell davorstand. Breite Nase, hervortretende
Backenknochen; die schwarzen Augen ernst und feucht. Schweigend standen sie
sich gegenber, dann legte sie ihren bloen prallen Arm in seinen und zog
ihn mit ehrfrchtigen zrtlichen Blicken zum Saal hinaus in den
lampionbeschienenen Garten.

Drauen unter den alten Laubbumen krachten die Schiebuden; die Karussells
dudelten. Herr Valentin schob keck den Samthut zurck, zndete eine
Zigarette an, fhrte Antonie in das Gewhl zwischen den Tischen. Mit
berlauter Stimme schwatzte er, lachte, gestikulierte. Sie prete seinen
rechten Arm fest an sich. Einem Frulein, das mit einem Glas Bier
vorberging, warf er einen schlpfrigen Gru zu. Antonie kicherte
begeistert. An der Kegelbahn brannten keine Laternen. Sie setzte sich mit
einem Sprung auf einen sandbestreuten Tisch, er hpfte nach einer Pause
neben sie. Schon lehnte ihr weier Federhut an seiner Wange, fate sie ihn
zgernd um die Taille. Ein stoweises Rucken ging durch seinen Krper, er
wand sich unter ihrem Arm, schauderte: Ach Gott! Der Samthut kollerte
hinter ihnen auf den Tisch. Valentin sagte: Frulein, ich habe heute
mittag ein Paar Wrstchen gegessen; die mssen verdorben gewesen sein. Sie
streichelte mit dem Handteller seine Wange, seufzte verschmt: Sie mssen
was dagegen tun, Herr Priebe. Er rutschte nach einer Pause mit einem
Grinsen von der Tischplatte, stand leichenbla da. Sie kam nach.

In der Nacht warf er sich im Bett, murmelte ins Kissen: Was soll daraus
werden? Was ist denn, was ist denn? Der Vater schrie aus der Nebenstube:
Immerfort kracht dein Bett. Wer soll denn dabei schlafen? Priebe lag
ruhiger. Ihm fiel ein, da Antonie eine Vase in einer Verkaufsbude schn
gefunden hatte. Noch vor acht Uhr morgens stand er vor einem Laden in der
Chausseestrae, betrat als erster Kufer das Geschft und erstand fr
achtundzwanzig Mark ein unfrmiges Porzellanstck, eine Vase mit einem
Reigen von Amoretten, die dicke Backen machten und einen Kranz hielten.

In der khlen Fasanenallee traf er sich abends mit der kleinen Polin. Die
nahm ihm kreischend das hohe Paket aus der Hand. Sie ri das Papier ab,
sobald sie allein auf einer Bank saen. Mit offenem Mund blieb sie vor der
bunten Kostbarkeit sitzen. Vorsichtig stellte sie sie neben sich auf die
Bank, kte und bi Herrn Priebe resolut in die Backe. Er streichelte ihr
mit einigen krampfhaften Bewegungen das Stirnhaar unter dem weien Federhut
zurck und hielt es fr angebracht, ihr unter schlpfrigen Koseworten an
die Brust zu greifen. Sie bog krftig seine Hand weg, nahm seinen Kopf und
kte sein ganzes Gesicht ab. Dann gingen sie Arm in Arm die schmalen
Spazierwege, whrend er sie oft loslie, an einem Baum lehnte und mit einem
Gelchter losplatzte, das sie stutzig machte; schlielich sah sie
geschmeichelt schief auf die Erde. Die Vase aber warf er unter solchen
Grimassen an der Rousseauinsel ins Wasser, zum schluchzenden Entsetzen
Antoniens, der er eine schnere versprach. Am Gitter des nebligen
Wasserstreifens krchzte er mit bermdetem Gesicht: Vase hin, Vase her,
was kommt es auf eine Vase an?

Er hatte schon im Kontor gelegentlich den jungen Leuten erzhlt von einer
exotischen Mtresse, die er sich halte, und die ihn stark strapaziere; von
einem kleinen reizenden Brillantring, den er ihr geschenkt habe, und den
sie nun jetzt beim Tanz verloren htte, ohne deswegen auch nur mit der
Wimper zu zucken. Er wurde eines Sonnabends von den Kollegen gentigt, mit
ihnen auf die feinen Lokale zu gehen. Er meinte zuerst, das sei lcherlich
fr sie, denn das Geld ginge dabei nur so hin, dann fuhr man zunehmend
heiter in Berlin herum. Valentin, in gehobener Laune, freudig ber sich
erstaunt, lud sie zu immer neuen Lokalen ein, die er aus Plakaten kannte.
Sie hockten zu vieren in einer jmmerlichen Rumpeldroschke, tranken erst in
Mundts Tanzsalon, fuhren von Caf zu Kneipe. Um drei Uhr morgens grhlten
sie im Caf Minerva, um halb vier torkelten sie untergefat in das Caf
Greif, Elssser-Strae. An einem Ecktisch sagte eine graublasse Dame zu
Valentin, er she aus wie der keusche Josef; er sank ber den Scho einer
alten Vettel, die ihr Pilsener Bier wegrckte, und der er gestand, sie wre
so zrtlich wie seine letzte Braut. Die drei anderen halsten ihm das Weib
auf, packten beide in eine Droschke und tobten hinter dem langsamen
Fuhrwerk mit Schirmen und Hten her.

Kaum ein Wort sprach Valentin in den nchsten Tagen im Kontor. Sein Gesicht
hatte in manchen Minuten etwas von Versteinerung. Er war ernchtert, fand
sich nicht damit ab, was ihm in der Nacht geschehen war, wtete gegen die
Kollegen und htte sie um Gnade bitten mgen. Abends blieb er zu Hause; vor
dem Einschlafen weinte er im Bett viel und klglich. Antonien bersah er;
auch als sie ihm verstohlen auf dem Kohlenhof Adieu sagte, weil sie eine
Verwandte in Ostpreuen pflegen sollte, meinte er nur: Ja, wenn Sie Urlaub
bekommen haben, Frulein, -- dann, dann reisen Sie nur. Er lie sich
gehen, brstete sich nicht ab, lief manchmal mittags unter einer Angst
spazieren.

Wenig ber zwei Wochen dauerte dieser Zustand. Dann cremte Valentin seine
gelben Schuhe ein, nahm sich zu einigen verzweifelten Flanierzgen, um
nicht zu ersticken, einen jungen Kassierer mit; hatte eine gelle,
herrische, aufgeregte Stimme, sonderbar auch, da seine Augen
blutunterlaufen waren, wie bei einem Sufer. Erwachte eines Morgens mit
Halsschmerzen. Der Klo, das Drcken lie nicht nach. Eine frhliche
Bewegung entstand in ihm unter dieser drolligen Ablenkung, die ihn
veranlate, alle Augenblicke gluck, gluck zu machen und dabei den Kopf
nach vorn wie eine Gans zu rucken. Der Doktor, zu dem er ging, schickte ihn
zu seinem Erstaunen zu einem anderen. Und der, ein beleibter Sanittsrat
mit fleischigen Fingern, lchelte auf Valentins Frage, was er denn habe,
schnffelte, whrend er in seinem Notizbuch kritzelte: Mssen Sie sich mal
bei dem schnen Frulein erkundigen, das Sie vor ein paar Wochen besucht
haben, hh; die wird's wissen. Er hrte schon nichts mehr. Er sprang mit
inwendigem Gelchter die Treppe herunter. Also das war es? Er prustete auf
der Knigsstrae vor Vergngen. In einer ihn pltzlich berkommenden
Heiterkeit kaufte er sich ein Witzblatt an der Ecke Spandauer Strae; ob
etwas von seiner Sache drinstnde. Nun war alles wieder gut. So hatte sich
die Sache doch gelohnt. Zu Hause zog er sich um und promenierte an der
strengen Winterluft. In seiner Pelzmtze und dem vermotteten Krimmerkragen
machte er einen entschieden russischen Eindruck. Er lupfte mit feiner
Verachtung das linke Bein, wenn er an einer Dame vorberging. In dieser
Gesellschaft wren wir also zu Hause. Die Krankheit pat zur Pelzgarnitur.
Vom Scheitel bis zur Sohle. Er hatte keine gewhnlichen Halsschmerzen; es
war das Leiden der Rous, der Herrschaften von Welt. Es ist nicht
schrecklich; man kann damit spazieren gehen, Schokolade trinken. Er
lchelte in tief befriedigter Rache um sich. Zu einem Reisenden, den er
traf, sagte er: Wir haben unsere Bewegungsfreiheit wieder.

Antonie kam zurck. Valentin begrte sie geringschtzig an der
Schreibmaschine. Sie sah recht gewhnlich aus, schon die Beschftigung
degradierte. Auf der Strae schmiegte sie sich mittags an ihn; sie
latschten durch die lange Turmstrae im Schnee. Auf die Frage, warum er so
sei, antwortete er, es ereigneten sich in einer Stadt wie Berlin mancherlei
Dinge; Erlebnisse knne man sie nennen; er nhme sie belanglos. Sie bat
ihn, zu sprechen. Als er sich selbstzufrieden eine Zigarette angezndet
hatte und noch lange mit dem Streichholz spielte, gab er brockenweise von
sich, da es mit der Offenheit solche Sache sei; man wte schlecht, wie
man sich da zu verhalten habe, besonders Frauen gegenber, man hrt ja
manches; es sei jedenfalls nicht so einfach. Sie hatte trnenschwimmende
Augen, machte ein verschlossenes fremdes Gesicht. Ihm ging die Zigarette
aus; er stammelte beunruhigt, er werde sich die Sache berlegen. Dabei
klopfte er ihr den Schnee vom Rock ab, den sie beim Anlauf gegen einen Baum
abgestreift hatte.

Abends im Humboldthain empfand er vor ihrem verfrorenen Gesicht ein so
demtig anbetendes Gefhl und war so furchtsam, da er wie ein getretener
Hund an ihre Hand kroch und alles herausplatzte, blind, wie ein
Todgeweihter. Am Schlu seiner Rede fiel er vor Erregung von der Bank.
Antonie, von seiner Erregung mitgerissen, zerrte an seiner Schulter,
bettelte, er mchte doch aufstehen, trat auf ihre Muffe, die hingefallen
war. Sie weinte und trstete ihn plappernd, als sie nach der Stadt
zugingen; jeden Augenblick fate sie ihn bei den Paletotknpfen, umarmte
ihn mit Kraft, da er seufzte. Sie hatte, als sie sich bald trennten, beide
mit blauen Nasen und mit Schnee auf den Schultern, ein fast glcklich
verwirrtes Wesen, wollte mit Valentin in ihre Wohnung gehen. Er warf
unruhige Blicke, schnaubte, rannte getrieben durch die hellen und engen
Straen, an Kinos vorbei mit Mordplakaten, an dem Geigengesang der Cafs,
auf Knien, die weicher und weicher wurden und ihm wie Wachs wegschmolzen.

Antonie und Valentin sprachen dann fr lange Zeit nur noch zweimal
zusammen. Das eine Mal am Tage nach der Begegnung im Humboldthain; da
trafen sie sich vor der Fabrik zu einem gemeinsamen Nachhauseweg. Sie hatte
einen schwarzen Tuchmantel an, dazu eine leichte Boa; auf dem Kopf eine
samtene Kappe. In ihren runden Bewegungen glitt sie an ihn heran; ffnete
wenig den breiten Mund mit den aufgeworfenen Lippen, ging vertraulich dicht
neben Valentin im Schnee. Sie sprachen vom Geschft, vom Wetter und blieben
vor den Schaufenstern stehen. Den Rest des Weges fuhren sie in der
Elektrischen. Nur beim Abschiede konnte er einmal ihren unverstndlichen
Blick fassen, den sie auf die Seite drehte.

Nach anderthalb Wochen fragte er sie auf der Wendeltreppe, wie es ihr
ginge. Sie antwortete, whrend sie sich an einem Ohrring zupfte: Gut;
vielleicht knnten sie sich morgen unterhalten.

Am nchsten Tag kam sie nicht ins Kontor. Wochenlang blieb sie fort. Er
schrieb an sie, bettelte um eine Antwort. Ihre Mutter hielt sie zu Hause.
Sie war still geworden. Sie litt an Schlaflosigkeit. Noch als sie ins
Bureau ging die letzten Tage, meinte sie zur Mutter, sie hre feines
Glckchenklingen, auch tiefe summende Saitentne, die in Harmonien
abwechselten. Es war gar nicht lstig, sie hrte es recht gern. Sie wollte
nicht auf die Straen gehen, blieb lieber im Zimmer; keinen Menschen als
die Mutter mochte sie sehen. Und als einmal Valentin sie besuchte, durfte
er sich ihr gegenber setzen; nur da er sie berhrte, duldete sie nicht.
Hinter ihm ffnete sie das Fenster. Ein pltzlicher Trieb kam ber sie,
sich nicht zu bewegen. Sie ging wenige Schritte im Zimmer liebevoll um sich
herum. Die Mutter fragte einmal, ob sie sich nicht langweile. Sie setzte
ihr den breiten Federhut auf, kleidete sie vllig und warm an. Sie lchelte
zur Mutter: Geh du mit aus. Die fate sie bei den Ellbogen: Hast du eine
Liebschaft, Toni? Kriegst schon einen anderen. Sie gingen die Treppe
hinunter und wieder hinauf. Ich freue mich allein viel mehr mit meinen
schnen Sachen. Und wirklich sa sie oben in den Stuhl gesunken der Mutter
gegenber, plauderte schn und strahlend; sie strich ber ihr Kleid. Das
Weie ihres Auges war sichtbar. Sie war viel beschftigt, ohne zu wissen,
womit. Oft wanderte sie im Zimmer herum mit glcklichem Gesicht, auf
lautlosen Pantoffeln. Sie gnnte sich feierlich keine Beschftigung.
Spielte gedankenlos, gedankenvoll mit bunten Zeuglappen. Band sich nach und
nach eine Puppe zusammen, eine sehr farbige Flickpuppe, ein kleines
Mdchen, gro wie eine Hand, zeigte sie der Mutter, schmiegte sie an sich,
bettete sie ein.

Unter dem Spiel und dem Plaudern wurde sie offener. Antonie half der Mutter
trumerisch im Haushalt, begleitete sie bei Besorgungen. Valentin wnschte
zu ihr; er sa ihr gebrochen gegenber. Sie beobachtete ihn leer. Eine
Freundin riet Antonien, ihn doch wegzuschicken.

Und eines Sptnachmittags stand Antonie am Fenster ihrer Dachwohnung, sah
auf das Nachbargebude. Je lnger sie hinsah, um so wilder fuhren ihre Arme
zusammen. Krampfhaft wand sie sich; sie beschattete ihre hellen Augen: Ich
will ihn wieder lieben knnen. Ich kann es nicht ohne ihn ertragen. Ich
will dich wieder lieben knnen. Am Abend hatte er einen Zettel von ihr.
Sie waren allein. Das grlich geffnete Gesicht stand vor seinem. Sie
hielt ihn, fordernd: K mich, k mich! Nein, ich darf nicht, ich darf
nicht. Der Arzt geht mich nichts an, Valentin. Der Arzt kann mich nicht
tot und nicht lebendig machen. Die bibbernden zwei umarmten sich. Sie bi
sich in seine Lippe fest; und dann bi er nach ihrer. Valentin torkelte.
Eine Schlange umwand sie in einer steinernen Spirale, rollte sie hin, lie
sie liegen.

Als die Mutter am nchsten Morgen den braunen Schal sich ber den Kopf
schlug, um waschen zu gehen, kam Antonie verschlafen aus dem Bett
gekrochen, zog die Frau am Arm zu sich her und lie sich von ihr
streicheln: Mir fehlt gar nichts mehr, Mutter; ich geh, ins Geschft.
Hast du dich mit Valentin vertragen?

Nach einer langen Pause, whrend es schien, als ob sie wieder einschliefe,
sagte Antonie: Ich denke schon.

Im Geschft war sie trge, sinnierte herum, blieb schlielich weg. Sie
mischte sich unter die kleinen Fabrikmdchen, die abends in der
Brunnenstrae und Chausseestrae tanzen gingen, sagte nie Valentin davon.
Sie stand neugierig und mit verschmter Miene um elf Uhr abends an dunklen
Huserecken mit zweifelhaften Damen, die ihr mit Witzeleien zuredeten.
Antonie horchte sie aus, betrachtete sie, lie sich in Cafs von Mnnern
begleiten und lief dann weg. Stiller und stiller kam sie von solchen
Spaziergngen nach Hause; ihre Schlaflosigkeit fing wieder an. Damals
begannen die ersten Erscheinungen eines sonderbaren Nachtwandelns bei ihr.
Ihre kleine Puppe in der Hand, schlich sie im Hemd bei vlliger Finsternis
durch Stube und Kche, an der schnarchenden Mutter vorbei ber den Korridor
und wieder zurck. Keine Diele krachte, vorsichtig setzte sie die nackten
Fe, keinen Stuhl stie sie an. Sie flsterte zu der Puppe, die sie an
ihren Mund hochschwenkte: Nimmst du mich mit? Du bist gut. Mit dir geh'
ich. Hupf auf meinen Arm und sei recht lieb zu mir. Mit dir geh, ich aus.
Ja, kannst dich ruhig auf die Hemdkrause setzen. Du bist so schn, so schn
zu mir. Mit wem kann man so schn sein wie mit dir?

Einmal erwachte die Mutter darunter, da Antonie seufzend am Fenster
rttelte, das nicht gleich aufsprang. Sie brachte die Trumerin wortlos zu
Bett, die nach einigem Stammeln unruhig einschlief.

Zu Valentin war Antonie in dieser Zeit gleichmig freundlich. Er kam
heimlich oft zu ihr; als er sie einmal fragte, wann sie heiraten wollten,
sagte sie, wozu das sei, wessen es noch zwischen ihnen bedrfe. Und immer
ungeduldiger wartete sie, wenn er wegging, da es ganz finster wrde.
Willenlos umarmte sie ihn und war gut zu ihm; wenn er fort war, sthnte sie
jammervoll, bestrich ihren kleinen runden Spiegel mit Seife, so da sie
sich nicht sah, steckte die Gardinen vor dem Fenster zusammen. Die Mutter
tappte im Dunkeln durch die, Kche herein: Bist du da, Toni? Willst du
die Toni sehen, Mutter? Und whrend die Frau mit der Petroleumlampe
herkam, hielt sie ihr den kleinen Zeuglappen, die Puppe, trnenbergossen
hin: Das ist die Toni. Das ist meine kleine se Toni. Nicht, Mutter, das
soll unsere kleine se Toni sein? Sie lachte und schmeichelte dem Lumpen;
die alte Frau lachte mit.

Und eines spten Abends brannte das elektrische Licht vor einem
neuerffneten Tingeltangel in der Hussitenstrae. Es war strenger Frost; in
ihrem schwarzen Tuchmantel, die Kappe auf dem Haar, lief die kleine Polin
in eine Husernische und sah mit zwei heftig kichernden und kreischenden
Mdchen zu den grell plakatierten Schaufenstern herber. Da drehte sich
drben die Tr; untergefat zogen drei bunte Damen mit zwei Herren ber den
schmutzigen Damm, in einer Reihe. Der eine Herr tnzelte grazis; er hatte
ein gedunsenes glhrotes Gesicht und verlor oft zum allgemeinen Vergngen
einen Gummischuh; ein rosa Taschentuch stand malerisch vor seinem
zerknulten Ulster. Antonie ging taumelig ein paar Schritte auf die Gruppe
zu, drckte sich, die Muffe vor der Stirn, in einen dunklen Hauseingang.
Der amsierte Herr griff mit feuchter Hand ber ihr Ohr, zerrte eine
Haarstrhne; im Vorbergehen stotterte er: Alle Kinder sollen mitkommen.
Ihr braucht euch vor mir nicht zu frchten.

Drei Uhr mitten in der Nacht grhlten sie im Hofe von Valentin zweistimmig
Lieder; dann gedmpft zu Ehren seiner Braut, wie Herr Priebe sagte, den
Schlager: Nimm mich mit, nimm mich mit, in dein Kmmerlein. Und whrend
sie, Mnnchen und Weibchen, im Kreise flteten, kam in dem grellen
Mondschein oben aus der Dachluke ein Kopf mit schwarzem losen Haar hervor,
bloer Hals, rot durchwirkter Hemdrand, schob sich im weien Unterrock ein
Krper durch das Fenster auf die Dachrinne. Tappte mit unregelmigem
Schritt die Regenrinne entlang; bloe Fe; an ihrer Hand, vor ihrem Rock
zappelte etwas Schwarzes, Kleines.

Herr Priebe imitierte eben mit Damenstimme: Ach, wenn das der Petrus
wte.

Da scharrte es vom Dach. Der Kassierer Lorenz, ein pickliges Biergesicht,
blickte zuerst auf. Ein weier Haufen, aufgestreckte Beine ohne Strmpfe,
kam dicht vor der Front des Hinterhauses herunter, polterte gegen ein
Blumenbrett auf einen Mlleimerdeckel, klatschte saftvoll dick und breit
auf. ber die niedrige Feuermauer spritzte es klebrig, wei; auf der Mauer
blieb etwas dunkles Lappiges liegen.

Es ist einer aus dem Fenster gefallen. Die fnf bewegungslos. Herr Lorenz
wischte sich die Lippen ab. Wo war das? gellte ein Frulein; sie rannte
heulend ber den Hof zum Tor, die beiden anderen nach. Ich kann so was
nicht sehen, murmelte Herr Priebe, mir wird ganz schlecht; ich leg' mich
schlafen. Im Hause klapperte es, wurden Fenster hell. Valentin bewegte die
Lippen, was nun wirklich gewesen wre, zitterte die Treppen hinauf in seine
Wohnung, hllte sich bis ber die Ohren ein: Ich will von dem ganzen Hause
nichts wissen; ach, mir ist schlecht. Umziehen, umziehen.

Morgens im Finsteren klopfte Antoniens Mutter bei Priebe an, schrie und
schluchzte am ungeheizten Ofen, der Fensterriegel sei nicht zu gewesen in
der Nacht, sie htte es vergessen am Abend. Sie hielt auch einen alten
Zettel von Antonie in der Faust; auf dem stand, Valentin solle ihre Puppe
nicht bekommen, wenn sie wieder krank wrde. Da ist nun der Lumpen. Kommen
Sie doch blo mal rauf zu uns, Herr Priebe. Valentin ri die kleine Ella
bei der Schulter herum; sie solle ausspucken hinter der Frau; den Vater
fuhr er an, wie er die Tr vor so was aufmachen knne. Das Kind bockte:
Grade machen wir die Tr auf.

Nachdem man in der folgenden Woche Valentin nahegelegt hatte im Bureau,
wegen seines malosen Brllens mit dem Personal und wegen des unmotivierten
Herumskandalierens in Urlaub zu gehen, zog er, ohne sich von Vater und
Schwester zu verabschieden, nach der Woltersdorfer Schleuse und nahm ein
mbliertes Zimmer. Der Wirtin erzhlte er, man habe ihn beneidet in Berlin
und ihn fr einige Zeit kaltstellen wollen; natrlich Weibergeschichten,
die unvermeidlichen Weibergeschichten; drei Wochen wrde er bleiben. Er
sprudelte in anklagender Rede von Gemeinheiten, Ruchlosigkeiten, die man
gegen ihn begangen habe. In einer Sofaecke im dunklen Zimmer brummelte er,
holte die Puppe zur Spielerei aus seinem Koffer. Der Wirtin erklrte er,
man msse sich mangels anderer Gesellschaft irgendwie unterhalten. Hei
schluchzend berfiel er den scheckigen Lumpen, pfiff: Wir haben uns mit
solchen Sachen aufzuhalten, Toni, wir knnten ganz anderes im Kopf haben.
Trostlos und verzweifelt weinte er drin so laut, da die Wirtin ein Kreuz
vor der Tr schlug.

Als die Frau beim Richten ihrer Resedenstcke sagte: Sie werden die Sachen
schon berwinden, meinte er mit schiefem Grinsen: Wir haben Krfte, liebe
Frau. Was glauben Sie von uns? Wir werden das den Leuten heimzahlen mit
Zins und Zinseszins. Lassen sie uns mal wieder zu Haus sein. Und er sang
so schn: Wenn das der Petrus wte, da die Wirtin mit dem Kopf nickte:
Gott, haben Sie eine Stimme, Herr Priebe.

Er dampfte schon nach zwei Wochen, Ende April, ab: Der Landaufenthalt ist
nichts fr Berliner, wenigstens nicht fr mich.

Er packte zu Hause seine Sachen in den Schrank, kaufte sich einen grnen
Schlips, einen Lavallier, der offen vor der Weste wehen konnte. Fr elf Uhr
abends verabredete er sich mit seinem Freund Lorenz, dem Kassierer. Er
pomadisierte sich, als man drin schlief, zog neue graue Gamaschen ber die
Schuhe, schraubte die Hngelampe hoch, um sich vor dem Spiegel an seinen
Bewegungen zu erfreuen. Da sah er aus dem schweren Holzkoffer einen
Puppenarm ragen. Er kehrte dem Koffer den Rcken, rmpfte die Nase, sprang
nach kurzem Herumstehen auf den Koffer zu, stopfte den Arm zurck. Wie er
die Bartbinde abnahm und schrg nach hinten sah, ragte der Arm wieder
hervor. Valentin ri den Deckel hoch, schmi die Puppe in die Mitte des
Wschebndels, schniefte gehssig: Den Dreck werd' ich dir. Dich
rausholen. Die Zeiten sind vorber. Den Dreck. Rin in die Kommode. Der
Deckel schmetterte herunter. Im Spiegel sah er bewegungslos, wie der Deckel
zitterte, sich langsam hob, die Puppe durch die Spalte auf ein Handtuch am
Boden raschelte. Mit plumpen Schritten, die Arme in Boxerstellung, bewegte
sich Valentin in Hemdsrmeln auf das Handtuch: Zeitversumnis! Gemeiner
Ulk! Wie ein Stehaufmnnchen wippte die Puppe auf der Diele und fiel
wieder hin. Valentin gegen sie her. Sie schnellte, zappelte und kam
vorwrts. Als er wuchtig ber sie strzte, stand sie am Spind, schlpfte in
den weien Mondschein und glitt leicht gegen die Tr. Knarrte die Schwelle;
mit einmal war die Puppe nicht mehr im Zimmer. Den Hut stlpte Valentin
wutgeschwollen auf den glattgekmmten Schdel, schlug auf die Trklinke. Da
schwang sich am Treppenabsatz das feine Geschpf grade ber das finstere
Gelnder.

Er stand im kalten Luftzug im Trrahmen; die Jacke unter dem linken Arm,
der Riemen einer Gamasche hing. Er winselte, die Schultern senkend:
Heiliger Gott, was soll das? Soll ich Vatern wecken? schlich schon die
Stufen herunter, dem schleifenden Gerusch nach. Wie er durch den langen
Hausflur stolperte, flsterte er: Du, du, halt, bleib doch stehen. Ich --
ich hab' nichts getan. Ich nehme dich mit zu Lorenz.

Nach, nach.

Hagelwetter in der Brunnenstrae. An der Gaslaterne schlpfte sie im Bogen
herum. Groe Schritte machte er schon, sie immer grere. Sie wuchs, war
wie ein Junge, wie ein Mann. Stralsunderstrae. Er schwenkte seine Jacke in
der Linken, schluckte Hagelkrner ein. Sie bog in die Hussitenstrae ein,
hielt an der Ecke an, war breit wie ein Pferd. Er lief auf sie auf, sa,
wie sie sich duckte, schwankend auf ihren Schultern fest, und sie rannte
mit ihm fort.

Er bi in ihren Kopf. An der Sebastiankirche hrte er die ersten grunzenden
Laute von unten, schttelte an ihrem Hals, wimmerte: Ich will ja ehrlich
sein.

Hhnend kam es herauf: Willst du das? Willst du das?

Du kannst mich nach Hause lassen. Was hab' ich schon ausgehalten?

Noch nicht genug.

Sie rasten vorbei an einem Schutzmann; der schnaubte sich die Nase. Was
hat der Mensch fr einen Gang am Leibe! Hoppa, hoppa, Reiter.

Valentin wollte den Schutzmann anrufen, es ging zu rasch. Er heulte in den
Wind. Ich verlier' meinen Hut.

Brauchst keinen Hut.

Meine Jacke, meinen Kragen.

Kannst nackt kommen.

Greinend schlug Valentin die Hnde vor die roten Augen: Ich will nichts
mehr wissen von diesen Sachen. Werd' ich doch mal den kleinen Lorenz
fragen, was er dazu meint.

Die Gleise der Maschinenfabrik tauchten auf, ganz in Finsternis gelagert.
Valentin brllte, warf sich: Keiner hilft, keiner hilft. Die Puppe hielt
ihn fest wie Kautschuk. Und whrend er kratzte, mit Armen und Beinen in den
weichen Massen whlte und sich wand auf seinem Sitz, kam der schwarze
Humholdthain heran, menschenleer, mit Eisengelndern, starren Bumen.

Hi, hi, hi! wrgte er. Drhnend lachte die Puppe: Nimmst du mich mit zu
Lorenz? Der leere Vorplatz. Der tintige Teich dehnte sich. Sie lockerte
seine Beine; schnellte zusammen. Mit einem Ruck sauste er kopfber in das
Wasser.

Sie strzte sich glucksend nach. Er schluckte hochsteigend. Ich sterbe
schon, la mich los. Wie ein Schlagbaum lang war ihr Arm, mit dem sie ihn
unter das Wasser drckte: Es fngt erst an! Verlogener Hund! Das Wasser
spritzte nach allen Seiten; sprudelte, gurgelte minutenlang. Verfaulen
sollte ich dich lassen.

Schrg ber den Teich prasselte der Hagel in der Finsternis.




Von der himmlischen Gnade


Kein Land ist an Friedlichkeit jenem zu vergleichen, das in den Tod fhrt.
Das Leben wlbt sich ber dem Kopf wie ein Brckenbogen und unten fliet
das Wasser, trgt den Kahn, nimmt ihn weiter.

Friedrichsfelde bei Berlin; ein heller Sommerabend. Die Fredersdorferstrae
eng, schlecht gepflastert; eine Reihe niedriger verfallener Huser,
Kohlenpltze, Baustellen. Die schmutzigen, verwachsenen Kinder lrmten
nicht mehr drauen. Gebckt zog ein altes Menschenpaar von der Chaussee her
in die Gasse ein. Er an der Deichsel des ratternden Hundewagens, sie
daneben, die Hnde unter der schmierigen roten Schrze, die sie wie ein
Muff aufgerollt hatte. Sie fuhren blicklos die Gasse herauf, unter dem
blhenden Kastanienbaum hindurch, der schrg gegenber ihrem jmmerlichen
Huschen wuchs.

Ein Stieglitz sprang auf den Baum, hpfte Zweig auf, Zweig ab; nach einigem
Kiwitt, kiwitt, zwrr sang er:

Grn ist der Mai. Mit mancherlei schnen Blmelein gezieret sind Berg und
Tal. Viele kalte Brnnlein rauschen, darauf wir Waldvgelein lauschen.

Die ueren ste der Kastanien berhrten den hohen Bretterzaun vor Nakes
Huschen. Hinter einem verwilderten Hof, auf dem Brennholz und Ziegelsteine
stapelten, einen schmalen Gemsegarten vor der Front, stand das einstckige
Bauwerk. Die Fensterscheiben blind, mit Staub beladen, einige verhngt mit
Lumpen und Laken. Im ersten Stock waren Fenster geffnet; irgend wer
bullerte oben und warf von Zeit zu Zeit etwas um. Sie fuhren in den Hof
ein, trabten drin langsam und blicklos.

Der Alte schirrte den Hund ab, an die Leine unter einem niedrigen Schuppen,
schttete, den Eimer auf den Knien und geduckt, dem schnappenden Tier
Abfall vor. Sie gingen nicht gleich ins Haus. Neben dem Wagen, der sich in
den weichen Schutt tief mit den Rdern eingrub, saen sie auf umgekehrten
Kiepen vor dem Gemsegarten. Die Spatzen schrien, der Stieglitz rief
weiter. Der Alte murrte: Wat die nu zu krhen haben.

Sie saen still nebeneinander und sahen geradeaus. Braune Klinkersteine von
fen lagen da und blitzten. Dann fing der Vogel wieder an: Kwiwitt,
kwiwitt.

Man wird doch seine Ruhe haben knnen vor die ser; einen Stein nahm der
Alte, schmi ihn ber den Zaun in das Laub hinauf, der Vogel flog fort.
Nicht lange fing leise im ersten Stock eine Handharmonika an, wimmernd und
sthnend; die Musik kam hinter ihren krummen Rcken her und ging mit der
Luft. Nach einer Weile wiegte die vertrocknete Gromutter den Kopf unter
ihrem Umschlagetuch: Et zieht; ick jeh rin. Unbeweglich sa er, mit den
Armen auf den Knien; die Klinkersteine flammten. Jeh man. Er hrte auf
die Musik.

Die Blicke der beiden waren wie Gummiringe, die allmhlich berweitet
wurden; die Haut hing als ein zu weiter Lumpensack um ihr Gestell. Grausam
verrunzelte Gesichter boten sie dem Licht. Bei Tag fuhren sie Hundefutter
durch die Stadt, an den Markthallen lasen sie Fleischabfall, halbverweste
Fische, Kartoffeln, Schalen auf. Das Sprechen hatten sie sich abgewhnt.
Ihre Knochen taten unermdlich den Dienst, Maschinen, die einmal angelassen
waren, trugen das Herz, das trge und zgernd sein Ticktack machte, die
keuchenden Lungen; und die Kpfe schaukelten auf den verdorrten Hlsen.

Rasch wurde es finster. Und wie die beiden auf ihrem stummen Zimmer
wirtschafteten, schlug der Hund an. Mannesschritt auf den Stufen, eine
derbe Gestalt steckte den Kopf in die dunkle Kche, knipste und der weie
Lichtkreis lief ber Scke, Tpfe, Herd und ein Durcheinander von
Konservenbchsen: Sind Nakes hier? Ist das dunkel! Ne, ist das dunkel!
Ein zweiter Mann kam herauf, stand neben ihm, behelmt, ein Schutzmann mit
dem Revolver am braunen Gurt. Die beiden Alten saen auf der Matratze im
Zimmer nebenan. Sie knuffte ihn in die Seite, zischte: Du und zeigte nach
der Kche. Er tat als ob er schlief. Warten Sie mal, Fiebig, Sie brauchen
nicht mitzukommen, sagte der brtige Mann an der Kchentr, bleiben Sie
drauen, lassen Sie aber die Hoftr offen. Vorsichtig stieg er durch die
verstellte Kche, stie die Stubentr auf: Warum meldet ihr euch denn
nicht? Wenn man euch ruft? Was? Sie sind Nake? Der Alte krabbelte unter
dem stechenden fahndenden Lichtkreis hoch, sttzte sich gegen die Wand.
Sind Sie Nake? Sagen Sies doch. Wo ist denn die Alte? Na, verkriechen Sie
sich man nicht, Gromutterken; wir kriegen Ihnen schon.

Er hob sie unter den Lumpen hoch: Die Beenekens taugen wohl nicht mehr.
Aber es langt noch. Die Alte kreischte, hob die Hnde ber den Kopf und
drehte sich nach der dunklen Wand zu. Ne, olle Dame, schreien hilft
nischt. Stehen Sie mal janz uff; Sie sollen mitkommen uff's Revier. Ick
hab' nich jestohlen, Herr Wachtmeester, plrrte die Frau. Das knnen Se
nachher erzhlen. Hut haben Sie woll nich? Ick hab' nischt jestohlen und
ick hab, nischt jestohlen. Sie gingen vor dem krftigen Mann mit gesenkten
Kpfen her. Nu mach man blo kein Klamauk hier. Fiebig, Sie gehen mal rauf
hier oben. Dett sind doch eure Freinde, die lange Emma und der dufte
Rutschinski, alles auf einen Haufen. Den Leutchen gehrt der Hund, Fiebig;
sagen Sie von wegen Nummer sicher mit die Nakes und kucken Sie sich bei
die Jelegenheit ein bichen um. Er flsterte dem Schutzmann ins Ohr:
Vorsicht; ich warte solange.

Sie hatten am Vormittag in einem Haus von Rummelsburg den Mlleimer
durchsucht. Als sie mit ihrem Sack durch den Hausflur kamen, stand ein
Bierwagen vor der Tr; der Bierfahrer hatte einen leeren Bierkasten im
Hausflur abgestellt, whrend er durch einen Hintereingang eine frische
Ladung in die Restauration trug. Versehentlich tat der Mann sein Beutelchen
mit Kleingeld statt in die Tasche in ein Schubfach des leeren Kastens.
Nake griff unbedenklich im Vorbergehen danach; sie fuhr ngstlich hinter
ihm her, schimpfte leise: Wat willste denn damit? Leg wieder hin. Er
tauchte den Beutel in seinen gleichmtig abgeschulterten Lumpensack,
ffnete die Tr, sie sockten langsam mit ihrem Wagen um die nchste Ecke.
Die Frau schob hinten an dem Karren; sie war ngstlich; er hatte das
Gefhl: Die Sache hat ihre Ordnung; dem Dicken haben wirs besorgt. Er
kaufte sich bei einem Hndler in der Kneipe eine Stange extrafeinen Priem;
sie ein paar wollene Pulswrmer, eine Flasche sen Likr und ein kariertes
Umschlagetuch. Der Rest des Geldes wurde am Boden zwischen die Bretter des
Karrens geklemmt.

Man fuhr die abgelebten widerspenstigen Geschpfe nach Moabit hinaus. Ihn
steckte man zusammen mit einem behbigen schlauen Bruder, der schon fter
ein Ding gedreht hatte. Zuletzt htte er eine schne Stange Geld geerbt,
erzhlte er dem Alten, den er mit den Worten begrte: Mensch, dir htten
Se ooch lieber gleich in de Mllkute lassen knnen. Er suchte die olle
Mumie zu bewegen, ihm etwas zu erzhlen. Als der schwieg und immer giftig
auf die Diele hinsah, reizte er ihn: Wat hast du denn jeklaut? Nen doten
Heringsschwanz, wat? Und denn gleich jekocht in de Sechserkneipe und
alleene uffjefressen. Der Alte blieb stumm. Er war mit einem dumpfen Grimm
gefllt; wenn er strrisch die Suppe herunterschluckte und seinen Teller
ausleckte, fuhr der Dicke vor ihm zurck: Bei mir man nicht; sonstens
bestell ick 'nen Maulkorb.

Eines Morgens greinte und quakte Nake: Mein Zahn wackelt. Wat soll ick
denn damit? Ick will 'nen Balbier haben fr mein Zahn. Wat is? Ick
will 'nen Balbier haben. La dir ausstellen im Zoologischen, oller Affe
mit dein Zahn. Der Alte knarrte weiter; der andere meinte ruhig: Wenn de
noch viel jaulst, kriegst eins in die Fresse und der Zahn hoppst raus.
Zwei Wochen sa Nake; am Abend bevor er entlassen wurde, brummte er
wieder. Der Gauner fragte: Wat mchste? Nake sah vergrmt vor sich hin
und sagte nach einer Pause: Wat man mchte? Man mchte am liebsten dot
sin.

Im ersten Stock bei Nakes wohnte Emma mit dem duften Rutschinski.
Rutschinski ging in der Zeit, whrend die beiden festgenommen wurden, nicht
aus, weil er sich den Fu auf der Treppe umgeknickt hatte. Er war ein
groer schlanker Mann, hatte ein schnes volles Gesicht. Seine schne Figur
hatte sein Schicksal bestimmt. Sobald er das erste Mal keine Arbeit fand
und spazieren ging, entdeckten zwei ledige Fruleins seine schwarzen Haare
und die stumpfe Nase, dazu ein Paar grade Beine. So spazierte er bald
weiter mit einer samtenen Mtze und der kecken Strizzilocke auf der Stirn;
die ledigen Fruleins arbeiteten fr ihn. Nun beschtzte er die lange Emma,
ein blondes ehemaliges Kindermdchen. Wenn es soweit war mit dem Geld,
wollten sie heiraten und ein Gemsegeschft aufmachen. Als die Nakes in
Moabit saen, sagte Rutschinski, Emma solle flott verdienen gehen, sie
wollten den alten Leuten ein kesses Abendbrot zukommen lassen und einen
Anwalt bestellen.

Am nchsten Morgen um sechs entstand vor der Rettungswache Ecke
Fredersdorfer Strae ein groer Lrm. Emma wurde von einem Mann
hereingefhrt am Arm. Sie torkelte. Sie hatte eine Kratzwunde an der Stirn,
ihre Nase und Oberlippe blutete; in Strhnen fiel ihr das blonde Haar
zottelig auf die Schulter. Die Blumen auf ihrem Hut halb heruntergerissen;
die weie Bluse mit Straenschmutz beklebt. Der Mann hielt ihren
Sonnenschirm in der Hand; er war mitten entzweigebrochen, die Stangen mit
dem roten Bezug hingen. Aus einer Seitentr des hellen viereckigen Raumes,
in dem Instrumentenschrnke, Verbandksten standen, stampfte gewichtig ein
lterer Mann in einer weirotgestreiften Bluse mit bloen Armen; er trug
eine Stahlbrille, in der Mitte des Schdels waren ihm die Haare
ausgegangen; an den Seiten wuchsen sie buschig, bsartig nach vorn, schwarz
und grau. Er sah, die Arme in die Seiten gestemmt, zu, wie der Arbeiter
prustend das Mdchen ber den Boden schleifte und hingleiten lie. Er
kommandierte grimmig: Legen Sie den Schirm daneben. Die Person kennen Sie
natrlich nich? Na, dann kennen Se gehen.

Emma schnarchte am Boden; der Schleim hing ihr aus dem Mund und bildete
schon eine Lache auf dem Linoleum; ein Dunst von Schnaps und Tabakrauch
ging von ihr aus. Die Treppe im Hintergrund des Raumes sprang ein Herr im
weien Mantel herunter; lang, schmalwangiges Gesicht, geschftsschlaue
Zge, muntere Bewegungen. Herr Doktor, rief ihm der Heilgehilfe entgegen,
der noch immer mit eingestemmten Armen vor Emma stand, ein neuer Fall.
Das sieht ein Blinder, Walter. Wenn Sie weiter nischt von mir wollen, kann
ich ja wieder gehen. Aber 'ne feine Nummer fr den frhen Morgen. Man
sollte es nicht fr mglich halten. Die hat sich aus der Linienstrae hier
rauf verirrt. Haben wir jetzt alle selber hier am Ort, Herr Doktor. Na
sehen Sie zu, Walter, klingeln Sie's Revier an.

Der Heilgehilfe war mit dem Mdchen allein. Er ging um sie herum, spuckte
verchtlich zu ihren Fen aus: Pfui! Aus dem Verbandsschrank holte er
einen Wattebausch, go einen Schu Salmiak darauf, stubbste es hinkniend
der schnarchenden Person unter die Nase. Die drehte den Kopf ab, spuckte
aus. Er folgte hingekniet mit dem Bausch, klammerte ihren zerzausten Kopf
in seinen linken Arm fest. Sie schlug mit den Beinen. Wat hat det Luder
fr 'ne Kledasche an. Stiefeletten bis unter die Knie. Ihre blauseidenen
durchbrochenen Strmpfe kamen zum Vorschein. Mit einem Ruck wand sie ihren
Kopf aus seinem Arm, kauerte hin, dann kroch sie wie ein Hund auf allen
Vieren bis an den Verbandtisch, whrend ihr die Haare ber das
verschwollene Gesicht hingen, richtete sich prustend hoch; er dicht hinter
ihr mit dem Lappen. Sie taumelte zur Wand hin, zerrte an dem Schlo des
Verbandskastens, beschmierte die Scheibe mit ihrem angepreten Gesicht. Er
schleuderte sie zur Seite: Mensch, nimmste die Pfoten weg. Von hinten
prete er der Torkelnden wieder den scharf riechenden Bausch von den Mund,
sie wrgte, brllte, strzte seitwrts auf die Hnde. Der Doktor rief hell
von drinnen: Sie werden wohl mit dem Weib nicht fertig, da die so
schreit? Wird eben wach, Herr Doktor. Na schn. Das Gesicht Emmas war
dick gequollen, ihre Augen trnten. Der Mann mit der Glatze nahm sie, die
wieder kroch, von rckwrts ber sie gebeugt, die Zhne zusammenbeiend,
auf den Arm, schleppte und krachte sie auf den Verbandstisch hin; er
flsterte: Jetzt bleibste aber liegen, olle Toppsau du. Schwapp, die
feuchte Ladung sa wieder im Gesicht. Sie fing an zu ringen, mit den Beinen
zu strampeln, um vom Tisch zu kommen und dem stechenden Dunst zu entgehen.
Er drckte sie mit seinem breiten Oberkrper nieder, stemmte ihre Knie
herunter, hielt sie umklammernd gegen die Tischplatte. Er knirschte, der
Schwei machte seine Glatze feucht und glnzend: Lt du meine Bluse los,
Dreckfink gemeiner. Schmen sollste dich, da du dich so auffhrst, schmen
sollste dich, schmen sollste dich! Sie kmpfte erwachend immer heftiger,
er lie von ihrer Nase nicht ab. Wie sie, whrend ihr die Kleider bis an
das Ges hochrutschten, vom Tisch herunterstrampelte und ihm ber die
Backe kratzte, wuchtete der grimmige Mann zurckfahrend, atemlos seine
rechte Faust mit dem Lappen zweimal auf ihrem Mund, gegen ihre Zhne, da
sie sthnte, geiferte, die Augen aufri. Sie sa auf dem Boden vor dem
Tisch, sabberte: Herr Rat, ich kann ja nichts davor. Tun Sie mir nichts.
Tu man nich noch so dmlich. Der Franz hat mir zuerst geschlagen mit
mein Schirm, Herr Rat. Jetzt stehste uff und hltst die Klappe. Er ging
an den kleinen Spiegel ber dem Waschbecken, wischte sich mit einem
Sublimattupfer die lange Kratzstrieme.

Drauen klinkte die Tre; ein fahler junger Mann in einer blauen Pelerine
polterte herein. Franz, grhlte Emma heiser, Liebling, Liebling! Komm
doch her. Es ist mein Brutigam. Ja, sie meint mir. Ick tu mir was an,
wenn du nicht zu mir kommst. Beruhige dir doch, Emma; es is weiter
nischt.

Mit einmal blinzte sie gegen ihn hin: Det will 'n Rechtsanwalt sind,
sagte sie blickend, am Boden herumkrabbelnd, det will mein Brutigam sind?
Un nachher wird er mein Schirm an mir kaputt hauen. Wat willste denn hieer?
Die Nakes kommen ooch ohne dir raus. Aber Emma. Wo bin ich denn deine
Emma, du Bedrieger. Herr Rat, det is ein Bedrieger. Sie hatte sich am
Tisch aufgerichtet, schimpfte lauter und drohte gegen den kleinen Mann, der
sich neben den Heilgehilten stellte: Mit dir wer ick schon mal abrechnen.
Erst macht er ein besoffen und nachher will er Vorschu von eim habn. Wofr
denn? Der 'n Rechtsanwalt? Du -- Sie wollte auf ihn zu, der Mann mit der
Bluse hielt sie fest; er drckte sie auf den Stuhl: Setzen Se sich man und
quasseln Se hier nich noch. Sie fuchtelte, rckte sich den Hut zurecht.
Der alte Mann verpflasterte ihre Nase, steckte ihr mit bsen Blicken die
Haare fest.

Am folgenden Tage wurde Emma von der Polizei entlassen. Die Nakes hockten
schon wieder zu Hause. Rutschinski empfing seine Braut mit den Worten: Dir
sollten sie lieber rausgeschmissen haben auf der Unfallstation statts dir
zu verbinden. Sie holte aus ihrem Strumpf Geld, das sie von ihrem
ersparten genommen hatte; er zhlte besnftigt: Na fleiig bist ja
gewesen, Emma, olle Schmalzbacke. Aber mach mir blo nich sone Zicken,
besonders wenn ick een krankes Been habe und nicht mitkann. Als er nach
ihrem Schirm fragte, erzhlte sie ablenkend, schmeichelnd von dem kleinen
Franz, den er kannte; er kriegte einen Grimm, versprach, indem er sich in
die Hand spuckte, die Handflchen gegeneinander rieb und dabei pfiff,
Abhilfe zu schaffen.

Nake konnte sein Hundefutter nicht mehr loswerden. Zwei Kollegen waren ihm
zuvorgekommen. Er fand aus seinem Groll nicht heraus. Der Hunger war in
ihrer Wohnung; der Alte lie sich nicht bewegen zu arbeiten. Wenn er blo
den dicken Bierfahrer unter die Finger kriegte. Sie wickelte sich groe
Zeuglappen um ihr geschwollenes Bein, legte gekautes Brot unter. Er
nselte: Wat pusselste immerzu an det Been? Det schene Brot rufflegen.
Wennstes blo ausspucken tust, brauchst et ooch nich zu essen. Sie keifte
und stubbste ihn unter das Kinn: Und wenn du oller Dusselbart blo
quasseln tust, kannste gehn. Mit deine Schlauheit brauchste dir nich dicke
zu tun. Sie schwiegen auf ihren Matratzen. Dann sagte er: Ick hng mir
uff. Sie packte ihn vor Wut und schttelte ihn: Uffhngen kannste dir
soviel du willst. Und ick zahl noch een Jroschen zu und jeh mit Emman in
'nen Kientopp.

Rutschinski hinkte herunter zu dem Alten, der sich nicht aus dem Haus
bewegte und die Alte allein mit dem Wagen lie; er fragte ihn, warum er
sich denn aufhngen wollte. Nake bellte: Wat jeht denn dir det an? Ihr
seid Grnschnbel. Du fragst mir ooch nich, wennste deine Emma vermbelst.
Ick kann mir uffhngen, wenn ick will. Rutschinski stellte ihm eine
Flasche Schnaps auf das Fensterbrett: Son oller Mann und sich uffhngen,
det hat keenen Dreh. Naken trinken Se man eins mit Muttern. Der Alte
winkte ab. Er sa in dem wsten Zimmer allein auf der Matratze, hockte
stundenlang. Sein welkes Gesicht war bitter. Wie es Abend wurde, die Vgel
zankten und sangen, trank er in einem Winkel einen Schluck Schnaps, ging in
den Hof, holte eine alte Hundeleine aus dem Schuppen und hngte sich an
einem Fensterhaken auf.

Da hing er, hinter einem bergelegten Sacklumpen, mit zusammengeschnrtem
Hals, wie ein leichtes langes Paket an einem Seil und schwankte nicht.

Der Brckenbogen schwamm ber den Kopf weg; eine Schnelle hob den Kahn,
senkte ihn in einen Brunnen; glatt und frei sank der Kahn, eine angeblasene
Feder, versank.

Die Alte zottelte mit dem Hundewagen an; kauerte auf der Kiepe vor dem
Gemsegarten. Mde lahmte sie durch die Kche ins Zimmer. Als sie das
Bndel am Fensterhaken hngen sah, stand sie gebckt, faltete die Hnde
ber der Schrze und sah regungslos lange Minuten hinber. Sie blieb ganz
kalt, schttelte den Kopf: Nu hat er sich richtig uffjehngt, der olle
Struckruber. Der fragt ooch nich nach Gott und de Welt. Durch die Tr
keifte sie nach Emma und Rutschinski, zeigte ihnen die Leiche: Da hngt
er. Rutschinski fragte: Aber Gromutterken, warum schneiden Se denn Ihren
Ollen nich ab? Sie scharrte rgerlich in die Kche; nach einer Weile
piepste es zurck: Ick soll ihn nu noch abschneiden, den Struckruber. Vor
sonen Doten ekle ick mir. Spter, als die Leiche auf der Matratze lag,
sagte sie zu Rutschinski: Raus mit dem. Mach dir uff die Socken.

Die Tage vor dem Begrbnis fuhr die alte Nake nicht mit dem Karren; Emma
brachte ihr zu essen; wenn sie im Garten auf ihrer Kiepe sa, spielte
Rutschinski der Gromutter auf seiner Mundharmonika vor, aber nur lustige
Stcke, Gassenhauer. Und nach der Beerdigung, am Nachmittag nahmen Emma und
Rutschinski die Frau unter die Arme, und sie marschierten langsam die
sommerlich warme Chaussee herunter. Emma trug eine kleine schwarze Kapotte;
ihr Gesicht war noch verpflastert, die Lippe geschwollen; an den
Mundwinkeln der tiefe Dirnenzug; ber ihr helles Kleid hatte sie ein
dunkles langes Jackett gelegt. Der dufte Rutschinski, bla, den schwarzen
Schnurrbart mit Bartwichse hochgezwirbelt, lie seine lebendigen Augen
rechts und links gehen; auf dem glattgescheitelten Kopf sa der steife
schwarze Hut schief, die Strizzilocke unentwegt in der Stirn, im schicken
grauen Anzug mit einem Knotenstock; eine rote Nelke im Knopfloch. Sie
schleppten die Alte, die unter ihrem neuen karierten Umschlagetuch
verschwand, in den grnumzunten Garten einer Budike, an dem Eingang war
ein kleines Holzschild angebracht: Hier spielt Bismarck. Sie setzten
sich; Emma raffte ihr Kleid, holte aus dem rechten Strumpf ber dem Knie
ihr Portemonnaie, gab es Rutschinski.

Frau Nake schwieg hinter ihrem Kognak, sie schien zu frieren. Emma
flsterte: Sie is noch jiftig auf den Ollen; nich dran tippen. Der dicke
Kneipier mit einer mchtigen Bierschrze stellte sich neben den Tisch;
Rutschinski stand auf: Ein scheener Dag, aber traurig. Der olle Mann hat
mit Hundekuchen gehandelt und denn, wie et is in die schlechte Zeit, Se
knnen sich denken -- Is woll dot? Rutschinski sagte bei Seite: Hat
sich das Jas alleene abjedreht. Ne sowat. Die arme olle Frau. Die redt
keen Ton. Machen Se 'n bisken Musike. Wo is denn Bismarck? Wird gleich
serviert. Der Hausdiener mit der ungeheuren Glatze setzte sich drin an das
Tafelklavier. Rutschinski fate seinen Stock kurz; wenn mal der kleine
Franz hier wieder einkehrte, solle der Kneipier nach ihm schicken: Mit dem
will ick mal unter vier Oogen sprechen. Det is mein Freind. Kucken Sie sich
mal die Neese von meine Braut an. Emma mit den blonden Haaren hielt die
alte Naken umfat, redete ihr zu einem Schnpschen zu. Die nippte und
lchelte schwach. Bismarck klimperte. Auf der Buche vor dem Lokal
zwitscherten die Vgel; ein Junge klatschte mit seiner Peitsche: Sie, mein
Triesel, nich rufftreten.

Der Stieglitz sang:

Des Menschen Gemt hoch aufgeblht soll sich nun auch ergtzen zu dieser
Zeit, mit Lust und Freud sich an dem Maien letzen. Und bitten Gott gar
eben, er wolle weiter Gnade geben.




Vom Hinzel und dem wilden Lenchen


Im Schwarzwald, nicht weit vom Mummelsee, wo es herunter geht nach
Rappweiler, mitten auf einem grnen Wiesenanger lag ein Anwesen, das
behtete allein der alte Herkel, Bill geheien, mit seiner Tochter Lene.
Sie wohnten in einem Huschen, das ganz aus wurmstichigem Holz und
verfallen war. Das schrge Moosdach fiel auf der einen Seite bis auf die
Erde; die Schweine quietschten hinten im Stall und der groe Hund Wulfi
schnffelte und kratzte am Zaun. Der alte Bill rasierte sich nicht und lie
sich nicht den Bart scheren, seitdem Frau Suse gestorben war. Mit Stiefeln,
durch die das Wasser rann, mit einem Gesicht, bewachsen wie der Rbezahl,
braunrot, schlurrte er morgens auf das ckerchen; Wulfi bellte, bis er ihn
losband. Und manchmal, wenn Bill spt aufstand und vor der Tre in der
Sonne sa, nahm er einen Sack aus dem Stall, warf ein ganzes Brot und sechs
Hnde Kartoffeln hinein; er hustete lange und spuckte und sagte durch die
Kchentr: Ich geh mal rber, ob die Zwetschgen schon reif sind. Dann
kramte er den Stecken aus der Lade, schulterte den Sack um und zottelte
langsam ber das Feld, tapps, tapps, tapps, bis er nicht mehr zu hren war.
Lenchen wute, da er dann drei Tage nicht wiederkam.

Hinzel, der Knecht, schlurrte fter herber zu Lenchen, und einmal war der
Vater nicht da, und am nchsten Tage war der Vater auch nicht da. Da fragte
Hinzel: Wo ist denn Bill, Lenchen? Sie maulte: Er ist krank und sitzt
oben in seiner Stube. Aber wie er mit einer Speckschwarte hinaufgehen
wollte zum alten Bill, um ihm das Bein einzureiben, stampfte Lene: Er
sitzt neben dem Schweinestall und schneidet Pfeifen aus Weidenholz. Hinzel
fragte: Fr wen denn? Da nahm Lenchen ihre schne rote Schrze, weinte:
Du hast mich nicht lieb, schluchzte sie, mir tuen die Augen schon weh
von dem vielen Weinen. Und sie erzhlte, da sie den Vater schon mit einem
Karnickelfell und einem Fuchsschwanz geschlagen htte, aber er holte sich
doch immer wieder den Sack mit Brot und Kartoffeln, und dann geht er zu ihr
und bleibt drei lange Tage und kein Mensch ist da. Zu wem geht er denn,
Lenchen?

Was kann hier nicht alles passieren. Mir tuen die Augen schon weh. Wenn
ich sie blo zu sehen kriege, kratz ich ihr das Gesicht entzwei.

Hinzel hob traurig den Kopf.

Ist es die Frau Kirbelei?

Die Hexe ist es, ja die Hexe, und Lenchen wurde ganz unbndig, schrie,
da Hinzel die Ohren klangen, warf sich lang hin auf die Diele.

Als der stille Hinzel gehrt hatte, da Bill zur Hexe Kirbelei ging,
schlich er nach Hause. Er kehrte viele Tage nicht wieder. Lene nahm, wie
sie ihn kommen sah, einen Schrubber aus der Ecke, go Wasser auf den Gang
und scheuerte, da die Nhte ihrer blauen rmel krachten. Ich habe viel zu
tun, sagte sie atemlos zu Hinzel, komm ein andermal. Er kam am nchsten
Morgen: Heute habe ich Schoten zu knacken. So viel Schoten hab ich zu
knacken, oh! Hinzel setzte sich mit ihr an die Schssel, aber wie er den
Haufen sah, bat er, sie mchte doch heut nicht alle machen. Der Vater Bill
tue ihm solchen Herzenskummer an; er htte so Angst vor Hexen. Ach wenn
doch Bill nicht zur Frau Kirbelei ginge. Da wurde Lenchen wieder gut,
streichelte und kte den traurigen Hinzel.

Dem alten Bill aber versteckte sie das Essen; sie ftterte ihn mit rohem
Salat und gab ihm salzige Schweinsohren zu essen. Und wenn er Durst hatte,
lief sie ihm voraus, trank rasch das Bier aus und sagte unschuldig: Es ist
nichts da, ha, alles weg.

Einmal klopfte Hinzel an die Fensterlade: Ist Bill zu Hause? Da lachte
Lene heraus: Seine Stiefel sind ja entzwei, zerschnitten habe ich sie mit
dem Messer, jetzt sitzt er unter der Traufe und mu Tropfen zhlen.

Wie nun Hinzel immer betrbter wurde und jammerte, da sie nicht heiraten
knnten und die Hexe wre ihre Schwiegermutter, machte sie die Tre zu und
schlang ihre Arme um ihn: Geh du doch hin, Hinzel. Bind ihr Eppich um den
Hals, und wenn sie drinsteckt, wird sie ein altes Weib und alle laufen weg
vor ihr. Oder nimm einen Tropfen Fingerblut und streiche ihr's unter die
Sohle, dann ist sie tot. Die Mareike hat's mir gesagt.

Ach ich kann doch nicht an ihre Sohle kommen.

Tus doch, Hinzel, sag ihr so und so, streich ihr unter die Sohle und denk
herzlich an mich.

Sie stopfte ihm eine Tasche mit frischem Eppich und tat ihm eine Stecknadel
an seinen Schrzenlatz. Dann sagte er: Adi, liebes Lenchen, und zog den
Futapfen des Alten nach, ber den Acker, an den Tannen vorbei, am Berg
entlang. Die Spechte klopften an den Stmmen, der Kuckuck rief. Zwischen
gefallenem Laub rieselte ein Bach herunter, ein graugrner See lag da,
viele Bume waren ber ihn gestrzt und faulten. Hinzel wute nicht wo er
gehen sollte, Lene hatte nur gesagt: immer den Futapfen nach. Jetzt waren
die Futapfen zu Ende. Er setzte sich auf einen Stein und schlte Rben,
die sie ihm eingesteckt hatte. Die Schalen fielen herunter, mit einmal
waren sie weg. Er whlte mit seinen Haken, wo sie wren. Sie waren in ein
Maulwurfsloch gefallen. Er stocherte weiter. Es schien sehr tief zu sein.
Er hockte hin, rumte die Erde mit den Hnden weg. So tief war das Loch,
da man bequem einsteigen konnte. Hinzel legte seinen Hut oben hin, damit
nicht einer das Loche zuwerfe, und lie sich herunter. Er schlpfte voran;
es war ein Gang, ein schmaler Gang. Unten lagen die Schalen. Das
Kuckucksrufen wurde leiser. Er freute sich, hier wanderte man sanft unter
dem Rasen, und kein Wind wehte; er wanderte zur Frau Kirbelei und konnte
Lenchen heiraten. Gar nicht dunkel wurde es. Man spazierte wie durch einen
langen Keller. Der Weg wurde breiter, die Wnde liefen auseinander. Da war
es, als wenn er auf dem Grund eines Meeres ginge. Sand rauschte unter
seinen Fen, weier Sand. Die Luft war grnlich, und ein Dmmern, Blinken,
Wallen, da er schwindlig wurde, wenn er nicht auf den Boden sah. Die
Fische schwammen lautlos um ihn herum, strichen mit ihren Flossen ber sein
Haar. Braune Seepferdchen ohne Arm und Beine stiegen hoch und nieder, wie
hngende Raupen; sie streckten ihren eingerollten Schweif; auf ihrem Rcken
flimmerte ein seidener Saum. In kleinen Schwrmen zogen die Schlammpeizger
mit ihren Brten, die Karpfen sprangen zur Seite und schnappten. Hinzel
dachte: Wie freundschaftlich sie miteinander tnzeln; sie sen nicht, sie
ernten nicht. Ganz munter trieben es platte Fische, sie sahen aus wie
Flundern mit einem weien Bauch, wedelten mit ihrem Mantel, warfen sich hin
und her und lagen auf dem Sande, so da man sie gar nicht erkennen konnte;
nur mit einem Auge plinkten sie. Da sich Hinzel frchtete, sie zu treten,
ging er auf den Zehenspitzen; aber seine Stiefel waren zu breit und mit
einmal schwappte einer unter seinen Fen auf. Hinzel schrie, schwankte.

Etwas rief fein: Komm doch her, komm doch hierher, nein hierher.

Wo denn, wo denn?

Hierher, nein, hierher.

Er strengte sich an. Rosigwei bewegte es sich um ihn, ganz dicht vor
seiner Wange, glitzerte wie Glas, auf das die Sonne scheint. Sie hatte
rote, starre Augen; zwei Zpfe schwammen ihr nach vorn ber die Schultern
und zitterten lebendig. Auf dem Kopf trug sie ein groes braunes
Schneckengehuse, in das sie manchmal tauchte, wie hochgesogen, aus dem sie
wieder hervorwallte. Einen Mantel hatte sie an, der schaukelte und war
nicht dicker als eine Wurstpelle. Hinzel griff nach ihrem Arm: Wohnst du
hier unten? Man kann gar nicht gehen. Die Flundern liegen berall herum.

Bist du jung, bist du jung, kreischte sie und zog ihn an seinem
Schrzenband auf einen Steinblock; ihre Zpfe tasteten vor ihr. Und whrend
sie sprach, achtete er auf ihren Mund; denn kaum hatte sie ausgesprochen,
kam es ihm vor, als ob sie gar keine Stimme htte, und er hatte doch alles
verstanden. Sie lchelte und blickte ihn an; ihr Gesicht war klein und aus
rotem Korall. Er pate ngstlich auf die Fische auf, weil sie gegen seine
Stirn fuhren und es leicht passieren konnte, da er einen Stichling, ein
Moderlieschen verschluckte. Dann stand er ungeduldig auf: Ich mu ja
weiter, ich kann hier nicht bleiben.

Wo willst du denn hin?

Ich mu zu der Frau Kirbelei. Geht es hier lang?

Was willst du bei Frau Kirbelei?

Die will ich umbringen. Mein Lenchen ihr Vater ist ein schlechter Mann. Er
nimmt alle Woche einen Sack mit Kartoffeln und geht zu der Hexe. Ich binde
ihr Eppich um den Hals, und dann --

Und dann?

Und dann streich ich ihr mein Fingerblut unter die Sohle und denk herzlich
an Lenchen. Aber ich kann doch nicht an ihre Sohle.

Warum denn nicht? Versuchs mal bei mir.

Ja, deine Sohle. Du hast eine feine Sohle. Ihr seid alle beinah wie
Fische. Ich hab noch nie gehrt, da es bei uns im Schwarzwald sowas gibt.
Dreiuglein und Trullmnner wohl, Hochwrden hat uns erzhlt. Was du fr
schne Ngel an den Zehen hast.

Komm doch fter zu mir.

Ja, und Lenchen bring ich mit.

Nicht. Komm allein und sag ihr nichts. Dann zeig ich dir den Weg zur Frau
Kirbelei.

Er stelzte nach Hause, dachte frhlich, als drauen die Krhen und
Rotamseln zankten und er seinen Hut nahm, wie verschieden die Welt sei an
allen Orten.

Lenchen schluckte ihre Trnen herunter, als er zurckkam, und seine Tasche
war noch voll und die Nadel steckte im Schrzenlatz. Ihr Mnner seid alles
Tolpatsche. Du hast gewi den Niklas aus Rappweiler getroffen, ihr seid ins
Wirtshaus gegangen und dann habt ihr euch schlafen gelegt.

Als er sie trsten wollte, patschte sie ihm ber den Mund: Ich will nichts
von dir wissen.

Aber Lenchen, ich konnt' sie nicht finden.

Sie streckte ihm die Zunge heraus: Dann geh da hin und da hin und da hin
und find sie. Wenn ich ein Mann wr, wrd' ich sie schon finden.

Und sie lie ihn in der Kche stehen. Seufzend klopfte er Tags drauf bei
ihr an, lie sich frischen Eppich geben, marschierte zu dem Maulwurfsloche.
Er schwitzte in der Sonne; in der Maulwurfshhle ging es sich gut. Unten
besah er sich einen Hecht, der still und silberglnzend an einem Fleck
stand und sich nicht rhrte; manchmal war er grnwei und durchsichtig wie
ein Geist. Hinzel berlegte, was sich wohl der Hecht die ganze Zeit dachte.
Da kam das Schneckenfrulein und sie schwatzten zusammen. Sie gab ihm
wieder ihren Fu zu spielen; er sagte: Wenn Lenchen das wte, wrde sie
mich schn knuffen.

Schlief nachmittags mde im Garten Bills ein. Und als Lenchen ihn schlafen
fand unter dem Apfelbaum, beschnffelte sie ihn, fhlte sein warmes Gesicht
ab. Er trumte von den Fischen, die so auf und nieder schwammen, von den
drolligen Seepferdchen und Aalen. Sie krallte ihn in den Arm: Woran du
denkst! Nur an Saufen und Spielen denkst du. Da liegst du und schlfst. Wir
knnen nicht heiraten!

Was soll ich denn machen?

Du sollst sie umbringen. Du sollst sie totschlagen. Du sollst einen Hammer
nehmen und geradeaus laufen, bis du sie triffst und ihr vor den Kopf hauen,
eins, zwei, drei, bis sie tot ist. Und da geriet er in ein Zittern, seine
Hnde zitterten, seine Arme zitterten, sein Kopf zitterte: Ich will nicht.
Ich kann keinen umbringen.

Weil du mich nicht liebst, schrie sie ihn an und warf ihm die ganze
Tasche vor die Fe. Wenn du sie mir nicht bringst, sperre ich dich unter
das Dach und geb dir nichts zu essen.

Er kam zu ihr gerannt am nchsten Morgen. Da spannte sie grade den alten
Bill vor den Pflug wie einen Ochsen, nahm die Peitsche und schlug ihn:
hah, hah! Sie fuhr an Hinzel vorbei ohne ihn anzusehen. Er lief heulend
hinter ihr her. Sie zog ihm eins mit dem Riemen ber, und als er nach ihrer
Hand fate, noch eins und trat ihm mit dem Fu gegen die Wade. Er wankte
auf den Feldweg, verga, da er nichts gegessen und nichts getrunken hatte
seit gestern abend, weinte, weinte. Bis er an den See kam.

Warum weinst du denn? fragte das Schneckenfrulein.

Weil ich die Frau Kirbelei nicht finde.

Hier hast du meinen Hals.

Ich will deinen Hals nicht. Ach meine Striemen brennen.

Wer hat dich denn geschlagen?

Lenchen.

Hier hast du meinen Fu. Nimm die Nadel, streich mir dein Fingerblut unter
die Sohle.

Was willst du von mir?

Ich bin ja die Frau Kirbelei.

Nein, nein, das bist du nicht. Du bist doch nicht schlecht. Mein Lenchen
ist schlechter.

Nun kannst du mich totschlagen, Hinzel.

Ich geh' nicht zu Lenchen. Sie hat ihren Vater vor den Pflug gespannt. Ich
mchte hier bleiben, bei dir bleiben.

Ja, du darfst bleiben.

Und whrend er weinte um Lenchen, sah er sehnschtig hin zu einem Molch,
der eben mit dem Schneckenfrulein gespielt hatte. Sein Mund wurde breit
und breiter.

Mir ist ganz lustig in den Gliedern, sagte er zu dem Frulein, das neben
ihm schwamm. Du heiest Schnickedei. Ich mchte mit dir walzen und
schrammen wie der Molch.

Er drehte sich mit ihr, da wurde sein Leib rund und schlank wie eine Rolle.
Er warf sich zur Seite und in die Hhe, da legten sich die Arme dicht an
und schrumpften ein wie die Beinchen. Lang wuchs ihm ein Schweif heraus,
braun und goldig fing seine Haut zu schillern an. Ein schner bunter Molch
war er geworden, der tanzte mit der Schnickedei.

Seinen Hut hat ein Geisbub gefunden. Der lief zur Mutter: Mutter, am
Mummelsee ist ein Loch; da ist ein Mann reingefallen. Die Mutter sagte:
Geh hin und grabs zu. Da fand am Mittag der alte Bill, wie er antappste
mit Sack und Stecken, nicht mehr herunter in den See. Lenchen lachte hell,
als der Bauer brummig in die Stube kam, sich die Stiefeln auszog und sich
auf den Strohsack legte unter dem Bilde der Frau Suse. Lange stand sie an
der Zaunlcke neben dem Hundestall, wartete auf Hinzel. Der aber sa in dem
khlen See auf einem Stein. Die feinen Moderlieschen schwammen ber ihm, er
nickte mit dem Kopf und schnappte Fliegen.




Der Riese Wenzel


Hinter Jterbog lag der junge Riese Wenzel auf dem Bauch und schlief. Als
der Morgentau fiel, trumte Wenzel, er tauche mit dem Kopf in einen Pfuhl
und eine Padde scharwnzele dicht unter seinem Gesicht. Drehte sich um,
rieb sich die Nase mit einer Hand ausgerupfter Erde, wurde im Niesen wach.
Quarig richtete er sich auf. Es regnete vom grauen Himmel in das Tal
herunter. Er meckerte, arbeitete mit Borke an seinen schmierigen Fingern.
Ein altes Strohdach hing ihm mit einem Bindfaden von der Schulter, auf dem
spitzen Kopf sa ihm gestlpt ein Blechkessel mit Beulen und Lchern. Sein
plattes langes Gesicht grn von dem zerpreten Gras. Er sabberte in seinen
Bart. Ein alter Gnsetreiber lahmte an mit einem Eimer Stutenmilch. Als
Wenzel den Eimer glucksend absetzte, quetschte er versehentlich einem
Gnschen den Hals; da weinte er: Heut ist ein unglcklicher Tag. Suchte
seine Beine zusammen, um aufzustehen; eins lag in der Tannenschonung des
Jochen Dietrich, das andere war dicht an die Chaussee nach Jterbog
gerutscht. Der Gnsetreiber flchtete um die Ecke. Wenzel latschte fort,
schrammte mit jeder Ferse eine Furche in den Acker.

Bei Krknitz dampfte eine Wolke um den Berg, zwei Riesen qualmten
Buchenbltter aus ihren Pfeifen. Wenzel schwenkte von weitem die Arme: Ich
halts nicht mehr aus. Brllte, wie er hinaufkletterte: Ich will in die
Stadt gehen.

Hast keine Milch gekriegt?

Trink keine Milch, will Besseres saufen. Hab genug von Jterbog.

Sie lachten so grob, da den Bauern die Erbsen von den Tischen hopsten und
einer zum andern sagte: Wir wollen Hasenpfeffer auf die Wege streuen, da
die Riesen gute Laune haben.

Die drei stalpten herunter nach Luckenwalde auf ein verlassenes
Schienengleis. Neben dem Rangierbahnhof sa ein Alter, dem die Augen schon
erloschen waren; er hatte sich Igel in die Augenhhlen gesetzt, die fr ihn
sehen muten. Einen zerrissenen Teppich hatte er um und fror sehr in dem
Regen. Gebt mir eine Pfeife, drhnte er, als er den Qualm schnubberte.

Wenzel will in die Stadt, grunzte einer.

Der alte Kilian schmauchte: Was willst du in der Stadt?

Will tanzen, will mich amsieren.

Seufzte Kilian: Oh weh. Seine Nase, ber die Hirschkfer krochen, fing an
zu zittern; sie war drr und blaubla wie ein Spargel.

Plrrend drohte Wenzel mit den Fusten und trampelte: Will in die Stadt,
in die Stadt!

Hornvieh, schrie der Alte, schwang die Pfeife, dumme Krte. Werden dir
die Lumpen abreien, dich ins Wasser schmeien, da du versaufst.

Die mir was tun in der Stadt? Wenzel kicherte, wie wenn eine Fliege am
Fenster brummt. Die sind ja so sanft, so fein, so gut. Sind nicht wie
Bauern. Nehmen den Hut ab, machen Knix und noch Knix: >Lieber Wenzel,
liebes Wenzelchen, guten Tag, wie gehts?< Kenne sie schon, hab gesehen,
wenn sie vorbeigefahren sind im Zug. Haben samtene Kleider, essen Marmelade
und geben mir davon, soviel ich will. Und dann sage ich: >Ich komm ja
schon, ich komm ja schon. Da bin ich.<

Den beiden jngeren Riesen kollerte ein dumpfes Lachen aus dem Bauch, dem
uralten Kilian aber tropfte das Wasser ber die geriefte Lippe; er ftterte
sein linkes Auge mit einem Regenwurm, denn der Igel stach ihn. Er prustete,
mit der Hacke whlte er voll Wut ein Loch in die Erde, da eine Schiene
heraussprang: In den Paddenpfuhl werden sie dich schmeien. Wirst schreien
nach uns, da wir dir helfen.

Und dann versauf ich lieber, h, als da ich fresse trockene Kastanien in
Jterbog und la mir die Zehen abfrieren.

Der Alte holte mit Pfeifenrohr und nassem Teppich aus; die beiden andern
klafterten Fuder Sand ber Wenzels Buckel.

Der junge Riese Wenzel rannte durch den Regen; eine Tanne ri er hoch und
soff im Zorn ihr Harz; eine andere nahm er als Spazierstock. Er lief auf
Berlin zu. Seine Mutter scharrte mit einem Fischnetz hinter ihm durch die
Heide, sechs Krebse zog sie heraus; klammerte seinen Strohmantel fest und
das rote Bettlaken, das ihm um die Beine flog; ach Wenzel sollte nicht
frieren.

Er keuchte bei Tempelhof heran, ging gebckt unter den blanken Drhten der
Elektrischen, vor denen er sich frchtete. Grenzenloses Gekreisch um ihn,
Wallen von Menschen; Schnarren, Schnattern. Kleine Mnner, kleine Frauen
stiegen in kleine rollende Wagen; im Husch waren die langen Straen vor ihm
frei. Es stank nach Qualm, bsen Dnsten. Wenzel zog beschmt von
Huserreihe nach Huserreihe, drckte eine Scheibe ein, bog sich eine
Regenrhre um; guckte hindurch zum Himmel. ber leere Pltze schlurrte er;
als er mit krummen Knien sich ber ein Huschen bckte, auf die
Nachbarstrae hinbersah, rief er leise: Ihr! Nehmt mich mit. In euren
Ballsaal. Aber die Stimme blieb ihm stecken, als alle davonliefen. Wo
habt ihr eure Marmelade?

Die Stdter, verngstigt, versteckt, merkten, was er fr ein Tolpatsch war,
als er so verspielt sachte herumflanierte, kamen in Haufen, hetzten: Den
haben wir bald, den kriegen wir schon. Wenzel kauerte grade auf dem
Knigsplatz, lutschte an der Siegessule, da fing eine Glocke zu luten an,
eine andere bullerte, dann viele, alle in der ganzen Stadt, Drhnen,
Brummen. Still legte Wenzel den Kopf an die Sule, freute sich, was die
Berliner fr fromme Leute wren. Klingelnd rckte die Feuerwehr durch den
Tiergarten, zwanzig Wagen hintereinander, spritzte scharf auf einen Pfiff
gegen Wenzels Beine, da er zgernd davor auswich, erstaunt Strae nach
Strae, ber einen Platz, ber eine Brcke, bis er an ein Fabriktor kam, da
ri pltzlich ein eiserner Krahn seinen linken Fu hoch und eine Dampframme
schmetterte einen Keil durch die Ferse. An einer Kette hinkte er
schmerzheulend, wo sie ihn fhrten. Wie ein Br tanzte er auf dem Neuen
Markt; Berliner und Berlinerinnen liefen hinzu und lachten. Er hatte Angst;
seinen Strohmantel zerrten sie herunter. Zwei Mnner legten eine Leiter an,
kitzelten ihn unter der Achsel, hrten nicht auf. Und da er sich frchtete
sie zu zerdrcken, wirbelte er im Kreise herum, knackte vier Laternen ab,
bog sich, streckte sich, lachte und heulte in einem Atem. Wie er etwas Luft
schpfen wollte, saen zwei graue Katzen auf dem Dach. Er chzte: Lauft zu
Kilian hin und sagt ihm: das machen sie mit Wenzel in Berlin.

Die Riesen standen hinter Jterbog auf dem Floriansberg und horchten, als
der Lrm und das Luten entstand. Einmal sahen sie, wie der junge Wenzel
auf das Pflaster hingeledert wurde, dann stiegen sie auf einen Kirchturm,
putzten sich die Augen. Schauten nicht lange hin, ihnen wurde angst und
bange.

Die Katzen sprangen ber Dcher und Bden, sie lieen sich an hohen
Schornsteinen herunter, rannten Wette ber den Belle-Alliance-Platz, ohne
Rast zum Floriansberg.

Mit Kugeln schossen die Stdter in Wenzels Fell; da dmmerte dem jungen
Riesen, da die Stdter schlecht mit ihm waren. Seine Augen wurden weit und
trbe; eine Klte rieselte von seinen Fen herauf; er lie mit sich
geschehen.

Der Wind lie am Abend nach. Von Jterbog torkelten die drei Riesen her.
Ihre Kessel hatten sie vom Kopf genommen, paukten drauf, um Furcht zu
erwecken. Die beiden grauen Katzen mit blutig bsen Augen sprangen neben
ihnen. Bei Tempelhof, dicht vor Mariendorf, ragte etwas aus dem Sande und
bewegte sich. Sie hoben Wenzel an den Schultern hoch; seine Beine steckten
tief im Boden, klirrten und klapperten; bis an die Brust war der junge
Riese versteinert. Sein Mund lappig und schwer; er sthnte: Tut ihnen
nichts. Tut ihnen nichts. Dann versteinerte er ganz und war tot. Ein Krebs
hing noch ber seinem Arm, der zappelte, weil er mit der braunen Schere im
Stein fest sa. Die Riesen schaufelten mit den Hnden ein groes Loch in
die Erde, damit der Stein nicht umfiel. Da wackelte die Mutter herzu. Sie
stellten sich hin zu dreien, sahen sich auf die Fe: Wenzel ist Knig
geworden in der Stadt. Geh nicht hin. Die Leute sind bse und schieen.
Wenn er eine neue Kutsche hat, holt er dich ab. Die Mutter warf ihr blaues
Tuch ab, weinte: Das glaub ich nicht. Dieser Stein, das ist mein Kind.

Und fallend glitt sie ber den Stein und bedeckte ihn als ein schner,
warmer, grner Rasen. Und flieend bedeckte sie den Boden und die ganze
Umgebung. Die Riesen zupften sich die Brte, pflanzten Hanfnessel,
Lwenmaul und Bilsenkraut.




Das Krokodil


Unter der ungeheuren Aracee lag Julie wie ein blauer feistgefressener
Drache. Sie whlte sich im schattigen Klee, an der Allee, die sich grell in
der Hitze hinwand. Die prallen, lederartigen Bltter des Gewchses deckten
sich gleich Ziegeln und aus rosa Blattscheiden zngelten die purpurroten
fingerlangen Fruchtknoten, weigesprenkelt, schleimglnzend, an den Spitzen
wurmartig gewunden. Sie zog die ste zu einem Vorhang vor ihre lauernden,
gelbbraunen Augen; sie blinzelte tckisch, machte mit zwei dnnen
Fingerchen einen Spalt, sobald Schritte die Chaussee heraufklapperten.
Trollte ein Kind vorbei, chzte ein Weibchen unter seiner Kiepe, Julie
schaukelte ein Blatt vor die weie Nase, leckte ber die breit
glhrotgesumte Oberlippe, auf der schwarze Hrchen standen, wie
Grasspitzen auf einer Wiese, leckte das Blattende herunter, um daran zu
saugen. Beim harten gleichmigen Trampeln stemmte sie den Oberleib auf den
Ellbogen hoch; der Mnnerstock klirrte, schnellend schaukelte der Vorhang
auseinander und wiegte sich, durch die schwankende Bltterlcke fuhr auf
den gelben Blicken ein giftiger Ha hinter den Wanderer, geschient wie ein
Eisenbahnzug. Einen Augenblick, dann spuckte sie die angekaute
Pflanzenfaser auf die weien Kleekpfe zwischen ihren Hnden, wlbte den
Mund breit und h, ein dickes kehlgequetschtes h, h hhnisch und
langgetrieben, wobei sie ihren kleinen Krper verkrzte und den Bauch
hervortrieb, blkte hinter dem Gartengitter ber den stummen Weg; wer sich
umdrehte, sah die beglnzte gummiblttrige Aracee.

Wei lag auf dem Wiesenhgel hinter der Aracee die zweistckige Villa mit
den grnen Fensterlden, dem geschnitzten schmalen Balkon; Glasveranda
rechts und links. Juliens grauer stiller Vater, der Ostindienfahrer und
Seelord, der zwanzig Jahre an asiatischen Ksten gefochten hatte, spazierte
oben im gelben Khakikleid mit seiner schnen weihaarigen Schwester; aus
grnem Samt war ihr Kleid und ihre frstlich lange Schleppe, die ber den
chinesischen Mosaikboden strich. Er hob schwer an seinen langen Knochen und
Knien; steif als wenn er einen Trrahmen um sich trug, ging er; die beiden
grbelten zusammen in den Gewchshusern, vor den blulichen ungeheuren
Glasfenstern, stopften Vogelblge aus, putzten Orden.

Sonntags sprang das kleine eiserne, mit Lotosblumen besetzte Gartentor auf.
Zwischen der steinernen Doppelreihe grauer Lwen, die mit riesigen
Lappohren wedelten, bewegte sich Julie, um in die Dorfkirche ber die
steinige Allee zu gehen. Die ppige sanfte Tante wallte trumend unter der
warmen Sonne, Julie neben ihr; schwer wackelte ihr draller seidenverhngter
Krper, nach rechts stieg er herunter, pumpte hoch, nach links fiel er und
raffte sich. Wie ein Kalb an der Stange, das der Schlchter den Rumpf
abwrts auf dem Rcken trgt, die eine Schulter senkend, die andere
senkend, so trottete sie, stampfte den Sand. Die schwarzhaarige wilde Julie
trug ein blaues Barett mit einer silbernen Feder fest ber der
quergefalteten Stirn, eine lange breit gebundene Schleife aus dem grnen
Samt der Tante fiel hinten ber das dunkelblaue Seidenkleid, wei ihre
Schuhchen, wei die hohe Halsrsche und die wehenden Spitzen der rmel.
Aber ein Korsett hatte man nicht um den kleinen Leib gespannt. Es war ihr
ganz frh um Weichen und Hften herumgesprossen, kleine Plttchen in der
Haut, Einlagen, die wie Perlmutter glnzten und die man salbte und rieb. Um
den weien, festen, ppigen Leib wuchs es schauerlich mit dicken dunklen
Lederschalen, die manchmal bltterten. Gell hatte Julie gelacht, als sie
einmal aus dem Bad stieg und ihr einfiel, sie she aus wie das Krokodil des
Vaters im Gewchshaus. Zu der weihaarigen Tante, die lngst tote
Jugendlieben pflegte, watschelte sie, zeigte im blauen Bademantel halbnackt
ihre Hften, jauchzte: Ich bin ein Krokodil. Ich werde ganz ein Krokodil
und fre euch alle auf. Die Dame weinte, deckte das Frulein zu, sie
mochte es nicht hren; erinnerte sich entsetzt, da Juliens Mutter immer
geklagt hatte ber den khlen Seehelden, der Kinder nicht mochte und dem
ein Alligator lieber war als eine Tochter. Und als das bermtige Frulein
sich von der grn samtenen Dame losmachte und nacktfig auf der Veranda
dem Vater, der die Pfeife im Mund sich ein Messerchen zum Prparieren
schliff, zustammelte, kichernd: Ein Krokodil, sieh nur, ich bin ein
Krokodil, da betastete der gelbe Herr unglubig die Hfte, schlug sich vor
Vergngen den Schenkel, umarmte die Tochter, whrend er das Messerchen aus
der linken Hand fallen lie; er fluchte englisch, kte sie, sie lachten
sich, Hand in Hand gegenberstehend, an. Der Kapitn bestellte Sekt fr den
Abend, als wre ihm heute ein Kind geboren; allein pokulierte er ber dem
dunklen Dorf, fr die Tochter lie er einen Perlenschmuck kommen. Den Arzt,
dazu die zwei Masseusen und die Badefrau schickte Julie, den Perlenschmuck
am Hals, an diesem Tage weg. Mit funkelnden Blicken und Gebrden vertrieb
sie den behbigen Hausarzt, der gelehrte Warnungen ber den Fortschritt der
Krankheit murmelte; er stolzierte hinber zum Vater; aber als der zwischen
dem Rhren und Schumen seiner Bowle hrte, was Julie gesagt hatte, kratzte
er sich dicht vor dem Gesicht des Sanittsrats den grauen Kinnbart und
knarrte ironisch: Da wird sich wohl nichts machen lassen, worauf der
Mediziner heftig mit dem Ebenholzstock aufstampfte und abwanderte ber den
Hgel.

Wie ein blauer feistgefressener Drache lag Julie unter der Aracee. Eines
Tages vor Pfingsten ritt Herr von Wetzling, der Dragoner, mit zwei fremden
Krassieren und vier Damen aus den Nachbarvillen die versengte Allee
herauf. Auf seinem schweren braunen Gaul sa er in der lichtblauen Uniform;
rosa sein Halskragen; der lange schwarze Degen schleppte zur Linken des
Pferdes herunter, verheiend blickte der Dragoner seitwrts und zu den
Damen. Die lchelten alle und die Krassiere schoben ihre blanken
Prunkhelme rckwrts, um gut sehen zu knnen. Zierlich beugte sich der
Dragoner seitwrts, sein Pferd sprengte der Kavalkade voraus, durch die
rechte hohle Hand, durch den rotbraunen Handschuh sang er leise vor dem
exotischen Gebsch das Lied von Sankt Nikolaus, und seine warmen Augen
schimmerten verfhrerisch. Die Bltter drben schwankten, der Baum zitterte
allgemein, die purpurroten Fruchtknoten schraubten sich hher. Zwei
Fingerchen, fnf Fingerchen, zwei Hnde, zwei Arme breiteten einen Spalt;
ein weies Kinn, eine weie Nase, ruschwarze Haarmassen; die Stirn
verdeckt und die Augen verdeckt in der grnen Hhle.

Ein frommer Mann war Nikolaus, er fhrte zwei Reiter auf die Brcke hinaus,
breit war das Brckengelnder, schmal war der Weg.

Das Frulein verschlafen; seufzend und vertrauensselig schwammen ihre
Blicke auf den blauen singenden Mann, sie hob das schwere Blatt von der
Stirn, durch die Blattlcke zwischen ihren haltenden Armen steckte sie den
feinen schwarzberwolkten Kopf, die gelbe Sonne lag ber dem weien
freudigen Gesicht.

Aber als die zwei Reiter ber die Brcke trabten, da kniete eine Bettlerin,
das schwarze Lumpentuch ber den Schultern.

Der Dragoner sah das strenge adlige Gesicht des Fruleins vor die Bltter
sich schieben, hrte zu singen auf; er winkte ihr zu mit seinen
Reithandschuhen, denn er kannte sie und sie kannte ihn, und er bat sie,
doch herauszutreten, mit ihm im Schatten zu plaudern. Sie lachte entzckt;
leise klirrte das Gitter, einem Lwenhund trat sie auf die Schnauze,
zerknittert nherte sie sich ber den Rasen, tauchte rechts, pumpte links,
beide Arme balancierend und grend in der Luft vor ihrer Brust. Ob sie ein
Drache sei oder eine Schlange, wolle er wissen, und sprang vom Pferd, aber
es hiee, da sie unter der Aracee die Menschen wie ein Teufel belaure,
ngstige. Julie, die kleine, stand mit ihm vor dem mchtigen Brunnen, sie
sttzte sich an dem Zgel des schwitzenden Tieres, strahlte die braunen
Wangen des falschen Mannes an, seinen atmenden Brustkorb, seine langen
graden Beine in den schwarzen Schaftstiefeln.

Ach, sagte sie und hrte kaum, was sie sagte, was sie sei, Drache oder
Schlange, wisse sie selbst nicht, aber es sei egal, sie belle nur hinter
den schlechten Menschen her, damit jeder hre, wer da komme. Der Dragoner
lste ihre Hand vom Riemen, drngte das Frulein gegen das Gitter, so da
es aussah, als suchten sie das Versteck der Aracee; ungerufen klapperte das
Pferd neben ihnen.

Auf der Brcke stand die Bettlerin; ein Reiter warf ihr einen Heller zu,
der andere nahm ihr das Tuch vom Kopf, da sa ein wunderbares Frulein
darunter, das hob er auf das Brckengelnder.

Aber was hatte das Jungfrulein auf dem Kopf? Unter dem Tuche? Einen Hut
aus Zittergras, ganz dicht geflochten.

Den habe ich nicht, lchelte Julie und lie sich ber das Haar
streicheln.

Was hatte das Jungfrulein um die Hften?

Einen Grtel, sagte Julie.

Einen Grtel aus gelbem Marmelstein.

Aus gelbem Marmelstein. Sie wiederholte gedankenlos. Gegen den
lichtblauen Waffenrock drckte sie ihren schwarzen glhenden Kopf.
Schamhaft fhlte sie seine Hand an ihrer Hfte. Da war ein Schlitz an der
linken Seite und wie an dem Araceenbaum sperrten seine Finger einen Spalt,
zwei Finger, vier Finger, whrend ihre Augen fragend in seinen falschen
suchten. Breit ri er, seinen Kopf herunterbeugend, in den Stoff hinein.
Sie versteckte ihr Gesicht in den Hnden.

Das Pferd losgerissen galoppierte auf die Chaussee. Lachend, dankend,
winkend, sprengten zugleich die beiden Krassiere und die vier Damen heran,
vorber.

Das Krokodil, das Krokodil des Dorfes, sie sahen es, Herr von Wetzling
hatte es ihnen gezeigt. Er rannte seinem Pferde nach, die Mtze flog ihm im
Lauf ab, haschend, winkend rief er gegen das Gitter, er werde morgen das
Lied vom Nikolaus, morgen zu Ende singen. Zuckend lag Julie und schrie in
ihrem geschlossenen Munde.

Da wohnte am Ende des Dorfes ein vlliger Narr mitten im Gehlz, hie van
der Meeren, sollte aus Gent stammen. Er wohnte zusammen mit seinem Sohne,
der ein Nichtstuer war und sich auf Landstraen herumtrieb. Diese wurden im
Dorfe dazu verwandt, Schafe zu heilen und Hunden die Ohren zu schneiden. In
die Villa des Seehelden war der Alte oft geklettert; Schnecken und
Blattpflanzen starben viel und van der Meeren verstand es schnffelnd,
greinend, mauzend, das Zimmer von Menschen zu subern, und liebevoll mit
dem Wasser, den Tieren und Gewchsen umzugehen; war er da, so konnte
Wasser, Tier, Pflanze wieder eine Zeitlang leben. Meeren vermochte beinah
jedes verkmmerte Pflnzlein wiederzuerkennen, bediente die jungen und
alten Blttlein in gemurmeltem Gesprch: das Wasser sprudelte aus seinem
Schlauch gebogen in das Becken. Drckte man ihm Geld in die Hand, so
schnitt er eine grimmige Miene, er schwang die Fuste im Herauspoltern, als
ob er Steine wiegte.

In seinem Haus drauen lebte eine schwarze Mutterziege und drei gefleckte
Geien; Finken und Zeisige flogen durch die Fenster; unter den Dachsparren
klebten Nester, in den Winkeln der beiden Stuben und der Kche wohnten und
sprangen Kaninchen.

An regnerischen Tagen nahm der Alte einen Karren, zog in den dunklen Wald;
er suchte gefallenes Wild, tote Vgel, war der Totengrber der Tiere.

Zu ihm schlich Julie, zwei Tage nachdem der Dragoner, die Krassiere mit
ihren Damen ber die Allee gesprengt waren.

Van der Meeren hobelte vor seiner Tr grade einen Sarg fr eine weie
Katze, die er ersufen wollte fr ihr mrderisches Wesen. Da stellte sich
Julie hin und sagte, sie wolle sich in Pension geben zu ihm.

Wo hast du deinen Vater?

Julie fate sich an die Brust, weil der Narr es wagte, sie zu duzen, dann
meinte sie ngstlich: Er jagt.

Werden wir schon kriegen.

Ich will mich bei Ihnen in Pension geben.

Sieh mal an, das Krokodil!

Nun ja, sagte sie furchtsam aber entschlossen, zog das blaugemusterte
Umschlagtuch vom Kopf.

Haben wohl die Doktorsch und die Mamsellchens nichts ausgerichtet? Wie,
he? Kommt dann der Meeren dran. Mag dich nicht.

Die Spne flogen.

Bettelnd verzog Julie den Mund, faltete die Hnde vor dem Leib, whrend ihr
das Tuch ber dem Arm hing, trat an den Sarg.

Mag dich nicht, brllte der Alte ber sein Brett, scher dich weg. Wenn
der Herr Vater ein groer Jger ist, soll er wissen wie es ist, wenn die
Hunde kommen und sein Kind beien.

Sie weinte und rhrte sich nicht.

Soll ich den Hunden pfeifen?

Nach einer Weile hob sie den Kopf: Pfeifen Sie.

Nun fing das mchtige Hmmern an; harte Buchenstifte trieb er durch das
junge Holz seiner Bretter; die Katze, die er erschlagen wollte, ging
spionierend ber den Dachgiebel und sah rotugig herunter.

Ich will in Ihr Aquarium, flsterte Julie, ich schwre, ich will Ihnen
ganz gehorchen.

Solch groes Aquarium haben die Lumpen im Walde nicht. Mu der Herr Vater
selber kommen und eins bauen.

Aber seine Augen waren milder, so blickte er, wenn er ein Blttchen
streichelte.

Ich will, da Sie mich ins Aquarium setzen. Wenn ich schon ein Krokodil
bin, will ichs auch ganz sein.

Bist du trotzig. Sie werden dich zurichten, die Eidechsen, die Molche, die
Stichlinge.

So fein sie war, so merkte sie nicht, da er spate.

Mich stechen sie nicht. Irgendwohin mu ich doch gehren.

Er spttelte weiter, ffnete die Haustr, rief hinein und der junge
Tunichtsgut kam.

Schlaff und sanft war der, wie ein kleines Mdchen. Verschlafen war sein
Gesicht immer; rotes Haar zottelte in seinen Nacken; einen kurzen Stecken
zwirbelte er zwischen drei Fingern und verfolgte im Gehen, wie rasch sich
der Stecken drehte. Seine Hnde waren ruig vom Herd, in nackten Fen
strich er her, denn er kochte und putzte die Wirtschaft fr den alten
Meeren.

Bring eine Leiter, Ziwel, brummte Meeren, das gndige Frulein will ins
Aquarium.

Der wurde feuerrot, steckte sein Hlzchen in den Mund; an jeder Seite
konnte man darauf blasen: Ich bring einen Lappen, damit sie durch's Glas
sehen kann.

Nichts von Durchsehen. Das Frulein will hinein.

Ziwel schwieg darauf eine Weile, probierte die Enden des Steckens. Dann
huschte er rasch dicht an Julie, streichelte bewundernd ihre beiden rmel
und blies, whrend van Meeren lchelnd einen Kieselstein aufhob, ein langes
Lied vor ihren Ohren. Der Kiesel, den van Meeren warf, klappte auf den
Nagel an seiner groen Zeh, da hrte Ziwel auf.

Sie ist keine Wachtel. Wo ist das Aquarium fr das Frulein?

So gro hab ich keins.

Traurig schob Ziwel in das Haus; er dachte, Julie wolle vielleicht ein Glas
Milch trinken.

Wir werden dir einen Bottich bauen, sagte sanft van Meeren; wenn du
zweimal mit einem Stein in dies Fenster wirfst, wird Ziwel aufmachen. Dann
kannst du schwimmen und dich mit den Fischen unterhalten.

Zaghaft kam nach zwei Wochen Julie daher. Hinter dem Huschen im Freien,
zwischen einem wsten Scherbenhaufen und einem Erlengebsch, stand mit
riesiger ffnung der Bottich, hoch wie zwei Mnner, mit Holzlatten
umschlagen. Weinend zog Julie um den Bau, van der Meeren schleppte hinter
sich die Leiter aus der Kche; da sei kein Taschentuch not und sie brauche
nicht zu weinen.

Ob sie die Kleider anbehalten knnte und die Stiefel.

Er pfiff durch die Zhne, sah rckwrts, drohte ber die Schulter einem
jungen Hndchen. Stiefel und Kleider, die brauche sie fr die Eidechsen
nicht, die liefen auch ber den Sand, wie sie unser Herrgott geschaffen
habe, und die Frsche haben nur ihre Haut bei sich. Ein wollenes groes
Tuch brachte der Alte ihr, dann schwieg er und betrachtete Julie mit
wiegendem Kopf, wie sie ganz blo oben stand. Er schwelgte: Ein feines
Krokodil bist du geworden. Ei. Streichelte ihre Hften und Lenden und sie
weinte.

Als sie drin im warmen Sand, zwischen Laub- und Astwerk lag, rief der Alte
am Fenster: Liegst du schn? Und ein paar Stunden spter: Scheint auch
die Sonne gut? Die Vgel flogen zu ihr herunter. Sie hatte zuerst Angst.
Eidechsen liefen neben ihr, die Stichlinge schwammen im Tmpel. Dann dachte
sie: Ich bin ein Krokodil und kann euch alle auffressen. Da frchtete sie
sich nicht mehr. Nach einer Weile standen Ziwels rote Haare oben am Rand
des Bottichs; sie hatte sich unter ihrer Decke versteckt, ihr war bange, er
wrde mit einem Stein nach ihr werfen. Aber er schlpfte herunter.

In ihren Ohren tnte noch grausig das Hufklappern der Kavalkade, Sankt
Nikolaus. Wie die Tante in der Villa sorgfltig alles umstellte, die Tren
verhngte, dreifache Vorhnge vor ihrem Bett anlegen lie, damit niemand
ihr Fell sehen sollte. Wie sie sich heimlich geqult in ihr Bett drcken
mute. Sie bi sich auf die Unterlippe, blickte um sich: Hier wird mich
keiner verjagen.

Sie rief Ziwel. Van der Meeren meldete sich; wenn ihr der Rotkopf lstig
wrde mit seinem Blasen, sollte sie ihn wegschicken.

Ziwel balancierte mit einem Suppenteller in den Bottich herunter. Der Alte
warnte: Du tust unserem Krokodil nichts. Ziwel tauchte die nackten Fe
in den Tmpel; die Fische schnappten nach seinen Zehen, als wenn es Kder
wre. Julie lachte. Die Backen blies er auf, hpfte mit hervorquellenden
Augen wie ein Frosch zu ihren Fen und quakte. Den Teller setzte er sich
auf den Kopf, das war ihr Tisch.

Abend um Abend hob sie van der Meeren aus dem Bottich, die Rcke band er
ihr im Erlengebsch. Sanft blies Ziwel oft im Bottich; die Stare und
Rotfinken setzten sich im Kreis auf den Bottich und hrten zu. Aber wie es
Winter wurde, merkte der Alte, da das Krokodil schwerer geworden war. Sie
seufzte mit, wenn er unter ihrem Gewicht seufzte; zwischen den Erlen fragte
er: Soll dich Ziwel noch bedienen? So demtig antwortete sie: La ihn
kommen; er soll nur immer kommen.

Ihr Leib nahm nicht zu an Umfang; sie atmete tief und schwer; nach dem
Herzen drngte es ihr herauf. Ziwel kam nicht mehr in den Bottich; der
schweigende Alte wlzte ihre hlzerne Wohnung in seine niedrige warme
Stube; auch da umschwrmte sie das Getier. Vergeblich rief sie nach dem
sanften Rothaar; der mute immer weg; der Alte brummte, er msse in den
Wald, Tierfallen zerstren, Vgelchen, die aus dem Nest gefallen waren,
fttern.

Wie der Seelord den Zobelkragen hochschlug und die Schneeblumen an seinem
Fenster mit kleinen Augen bewunderte, knarrte Julie ungeduldig mit ihren
roten Schuhen auf dem Teppich, so da er sich umdrehte. Aber dann fand sie
nur den Mut, sich von ihm unter der Drachenampel kssen zu lassen. Der
prunkvollen schnen Tante, dieser mochte Julie gern etwas antun; am weien
Winternachmittag sa die Dame grougig, mit warmen Mienen vor ihrer
breiten Kaffeetasse; ein Araceenblatt kaute das Frulein und erzhlte von
Ziwel und wie es drauen ginge so schn. Das Fenster mute Julie bald
schlieen, laut sthnte die weiche Dame; in die Tasse, auf das Samtkleid
fielen tausend Trnen.

Der Bottich des van der Meeren stand von nun an leer; das eiserne Gittertor
ffnete sich nicht mehr fr Julie. Sechs und eine halbe Woche vergingen,
dann brachte Julie ein totes Kind zur Welt, und niemand wute davon als die
dreifachen schweren Vorhnge ihres Bettes, die traurige Tante und ein
schwarzgekleideter fremder Mann. Als wre sie sich selbst fremd, lag Julie
gewickelt im Bett. Wie sie im neuen Jahr aufgestanden war, schleppte sie
sich matt ins Badezimmer, wollte wieder in ein Wasser gehen, Vgel hren,
die Frsche springen sehen. Das Fenster ffnete sie. Als sie sich die
Strmpfe abstreifen wollte, wurde ihr das Bcken so leicht. Und dann, ach,
waren die braunen Schalen um ihren Leib so taubengrau, so dnn geworden;
sie konnte sie biegen; sie schilferten wie Fischschuppen. Julie blickte
sich um; niemand war da. Das Herz schlug ihr pulsierend in den Hals. Ihre
Unruhe, ihre Angst wurde gro. Sie raffte ein unscheinbares
Winterkleidchen, zog es an. So schnell stahl sie sich zu Meeren in den
verschneiten Wald.

Der Alte schrte sein Feuer am Herd. Als sie mit unsicherer Stimme,
zhneschlagend, stammelte, sie wolle wieder zu ihm kommen, in den Bottich
steigen, betrachtete er sie aufmerksam. Warum zitterst du? fragte er. Sie
nahm sein groes Tuch. Lange stand sie an der Leiter und beobachtete
fiebernd sein Gesicht. Ganz blo stand sie unten. Aber der gtige Blick kam
nicht wieder; sie regnete Schlchen auf den Stufen. Hastig, glhend
entglitt sie ihm, kletterte hher. Sie war glcklich: Meeren nahm sie nicht
fr ein Tier: Werd' ich ein Mensch, werd, ich ein Mensch?

In dem stillen Haus lag sie stundenlang. Der Alte hob sie nicht heraus,
sprach nicht. Nach drei Tagen lief sie wieder hin. Ob Ziwel kommen wrde?
Sie frchtete, Ziwel knnte kommen. Eng wurde es im Bottich, sie ghnte,
die Fische rochen; heimlich schlug sie die Finger um den Rand des Bottichs,
konnte sich hochziehen; wie der Alte in den Wald stalpte, stand sie
horchend auf der Leiter und war fort.

Und nun kam sie nicht wieder. Sie frchtete sich vor dem Erlenbusch, da er
sie holen knnte; eine Kette lie sie am Gartengitter anschmieden, einen
bissigen Hund anlegen, da niemand hinbersteige. Und bald blies Ziwel aus
der dichten Aracee; eines Abends kletterte er vor ihr Fenster und blickte
traurig durch die Scheiben. Sie stand dahinter. Sie wies ihm beide Fuste
und schttelte den Kopf. Als er stumm auf dem Sims kauerte, ri sie den
Flgel auf. Ich bin eine Herrin, schrie sie; bse war ihr Gesicht. Du
ein Strolch. Dein Vater ein Bettler. Ich werde euch bezahlen. Was willst
du? Als er wehmtig eine Hand nach ihrer Schulter bog, stie sie ihn vor
die Brust, da er in den Kies strzte. Die Dogge schlug vor ihm kurz an,
kuschte vor Ziwels Hand.

Nun kutschierten die feinen Kaufleute mit ihren Stoffen tglich vor die
Villa des Seelords. Franzsische Tnzerinnen kamen aus der Stadt und
schwebten mit Julie durch leere Sle; man hrte ihre Fe und Julies Fe
nicht auf dem Boden. Weit offen stand das Gartentor; das Gitter breit
durchbrochen zur mchtigen Auffahrt zwischen Beeten, Bumen und
chinesischen Fabeltieren. Und niemand von allen Villenbewohnerinnen trug
sich bei den Festen so hochmtig wie Julie, stieg so khl in den Wagen zu
Ausflgen, drehte sich so unberhrbar im Tanze. Ein rehbraunes Kleid mit
Gold gestickt hatte das zierliche Frulein eines lauen Frhjahrabends an,
die pfaugraue Schrpe fiel seitlich bis an den Kferschuh. Herr Wetzling,
der Dragoner in lichtblauer Uniform, wickelte die Schleife um seinen Arm,
damit er nicht darber stolpere; unter der Aracee setzte er ihren Schuh vor
seinen Mund, damit er den Kfer nicht zertrte. Dann hielt sie der Dragoner
unter den Gummiblttern in den Armen und sie knisterte darin und dachte an
nichts, er war so frhlich. So glhend wie Pechfackeln brannte es aus ihren
Augen gegen ihn; Julie lohte, wie eine Flamme, die trockenes Geblk
ergriffen hat und durch die der singende Wind streicht; ihr Leben lang, kam
ihr vor, war sie nichts bis zu diesem Augenblick.

Die Felder, Wiesen und Berge nahmen Tag um Tag an ihrem bermut teil. Sie
hatte einen Schimmel und ritt auf die Jagd. Der Seelord trabte ihnen voran.
Hand in Hand, eine rote klingelnde Schnur zwischen sich, ritten der
Dragoner und Julie durch die dmmrige, knackende Schonung; dahinter fremde
Herren und Damen. Die Damen zwitscherten und jauchzten von ihren
hochbeinigen Pferden.

Als sie einmal ber eine sumpfige Wiese setzten, kreischte eine
Mnnerstimme hinten. Der rotverknpfte Schimmel und Rappen hielten und
machten kehrt; es trabten langsam zwei Damen nher, trieben zwischen sich
etwas Menschenhnliches, das sich wand und oft auf den Rasen schlpfte, ein
Peitschenband um den nackten verbrannten Hals. Der Rotkopf, der Rotkopf,
lachten sie und verdrehten falsch die sanften Augen zueinander und zu
Wetzling, wir haben ihn gefangen, den Wilderer, den Fallensteller. Wie
die Pferdepaare Kopf an Kopf rieben, kroch der Rothaarige am Boden, so da
sich die Reiterin ihm nach krmmen mute; sie rief, schrg liegend: Was
wollen wir mit ihm machen? Julie!

Das kleine Frulein im schwarzen Jagdkleid schwankte blutlos auf dem
Pferde, pltzlich zuckte ihr Tier hoch mit dem Kopf, schlug mit den
Hinterbeinen aus, die rote Leine zu dem Rappen ri; der Schimmel
galoppierte mit Julie tobend, graswerfend in den Wald. Am Rand des Waldes
hrte sie den verwehten jauchzenden Aufschrei; Ziwel hatte die Dame vom
Pferd gerissen; mit der Peitsche auf dem Rcken rannte, kroch, sprang er
ber das Gras, in ein Kohlfeld; die Damen standen vergngt um das
strampelnde Frulein.

Als am Abend Wetzling sporenklirrend in die Villa kam, stellte sich ihm
Julie mit finsterem Mund auf der Treppe entgegen; er strich ihr bedauernd
das schlaffe Hndchen. Einen Spa, sagte er, haben sich die Damen
gemacht. Sie haben den Sohn deines Wunderarztes ausfindig gemacht, den
Strolch. Er soll dich verehren. Sie wollten dich damit necken; nichts als
necken, Julie.

Er soll mich verehren.

Du weit es nicht. Er trgt ein Beutelchen auf der Brust. Sie haben es
gesehen. Aber ich sage dir nicht, womit das Beutelchen gefllt ist.

Sie antwortete nichts. Mit ihren Schuppen war das Beutelchen gefllt. Er
legte einen Arm um ihren Leib, sie duldete es; als sie nach oben stiegen,
fhlte sie staunend, erschreckt, wie er ihr mitleidig eine Wange strich.

Wetzling war ein Sammler von Perlen; die bleichen Ketten seiner Mutter
hngte er um Julie. Wetzling hatte englische und franzsische Pferde; die
leichtesten fhrte er in Juliens Stall. Julie war wie Eisen hei; die Khle
von Wasser schenkte sie Wetzling; sie konnte bei Tag und Nacht wispern vor
Verlangen, Stummheit; die unfabare Leere einer Sandwste: damit kleidete
sie sich fr ihn. Die schne prunkvolle Tante wandelte hoheitsvoll neben
dem Frulein durch die Villa. Ohne zu reden trug sie nach und nach jede
Erinnerung an Juliens Jugend aus den Zimmern; kehrte Julie zurck vom Ritt,
dem Spaziergang, dem Kirchweg, immer fehlte etwas, eine Decke, ein Bild,
ein Kasten, ein Teppich, war ersetzt durch ein Neues. Die Dame nagte an dem
Haus.

In den Vorgarten an den exotischen Baum zerrte der Dragoner einmal seine
Geliebte; auch er war ernster geworden; er seufzte: So still und fremd
bist du; warum? Was tu' ich dir?

Sie fragte zurck: Hast du Auftrag gegeben, die Bder, die Wannen und
Salben aus meinem Zimmer zu schaffen?

Nein, nein. Aber du brauchst die Bder und die Salben nicht mehr.

Ich kann so springen. Aber sie stren mich nicht. Sie knnen da stehen.

Du bist schn, die schnste von allen. Ich will dich nicht erinnern lassen
an die Zeit, wo du leidend warst.

Wo ich nicht schn war. Herr Nikolaus, meine Hfte ist nicht mehr aus
Marmelstein.

Wir wollen gut zueinander sein.

Willst du aufhren zu sprechen. Glaubst du, da ich ein Wort davon hre.
Du kannst noch eine halbe Stunde sprechen.

Julie, ich will gut zu dir sein.

Willst du etwa sagen, da du mich gesucht hast.

Ja.

Mach deine Brust auf, zeig deine Brust. Was trgst du da, zeig es mir.

Nichts, Julie.

Nichts, kein Beutelchen! Nein, wahrhaftig nicht, kein Beutelchen!

Julie sperrte ihre Tr ab. Sehnschtig sah sie zum Fenster herunter auf den
Araceenbaum. Voll Angst erwartete sie den Brutigam: Was werdet ihr mir
heute tun? Was wirst du mir heute tun? Sie hngte sich an seinen Hals:
La mich bleiben wie ich bin. La mich nicht werden wie frher.

Sie weinte und kte ihn. Er fragte: Was frchtest du, Julie?

Sie strmte Trnen: Ich mu wieder unter die Aracee.

Und nach zehn Tagen zog sie in das stockdunkle Haus die Tante auf ihr
Zimmer; eine Kerze trug Julie, ein kleines brennendes Licht vor sich. Der
Brutigam stieg hinter ihnen. Von dem Bett waren die dreifachen schweren
Vorhnge gerissen, bltenweie neue, mit Bndern geziert hingen an ihrer
Statt. Die Kerze fiel Julie aus der Hand und zersprang. Sie schrie und
schrie, da die Tante davon lief im Finstern.

Meine Vorhnge, meine Vorhnge? Herr Wetzling, wo stehen Sie?

Die Tante erschien mit einem Licht.

Sie frchten sich vor meinen Vorhngen, vor meinen Salben, Herr Wetzling.
Und meine Bder mgen Sie auch nicht leiden. Dann will ich Ihnen etwas
anderes melden. Hebe das Licht hher, Tante, damit er mir auch gut ins
Gesicht sehen kann.

Sie drehte sich um und zerrte die Bnder aus dem Bettvorhang und zerkrallte
sie. Sie bi wie eine Rasende in die weien Betttcher: Ich schme mich
nicht, nein ich schme mich nicht. Ich will mich nicht schmen brauchen.

Sie brllte, ber dem Bett liegend; ein Schuh fiel ihr ab.

Wo ist mein Kind? Wer hat mein Kind begraben?

Der Freiherr zitterte mit den Lippen, die Tante drehte sich gegen die Tr.

Wissen Sie nichts von meinem Kind? Man hat es ihnen nicht gesagt? Ich bin
ein Krokodil und habe eins geboren. Mein Mann ist Ziwel, der rote, das ist
mein Gemahl. Wissen Sie's nicht? Wissen Sie's jetzt?

Die Tr schlug ein; man lie sie im Finstern arbeiten.

Im Garten kroch am regnerischen Morgen eine groe Weinbergschnecke ber den
Kies. Das Frulein sagte, ber die Schnecke gebeugt, auf den Knien: Wenn
man mich sticht, geh ich in mein Haus zurck; sonst krieche ich wie du. Man
kann meine Spur sehen; jeder, der will, kann sie sehen. Schneckchen, wir
drfen uns nicht beschmen lassen. Wir sind keine Diener. Ach, flsterte
sie nach einer Weile, streichelte an sich herum; sie war vom Wasser
begossen, mein ser ser Leib, ich bin froh, da ich dich habe. Ich la
dich von keinem beschmutzen, und wenn ich auch noch Schuppen htte. Es geht
keinen was an. Wo kriechen wir hin, wir beide, mein ses Schneckchen, mein
feines Herrchen, mein schnupperndes Tierchen. Wohin, wohin.

Die Schnecke kroch unter den Baum, die Aracee, blieb da. Julie glhte und
jammerte, warf sich in den Klee, zog die Gummibltter ber das Gesicht.

Am Mittag hrte der Regen auf. Den steinigen Weg herauf ratterte ein
kleiner tropfender Wagen. Vor dem Baum hielt er; eine tiefe Stimme: Hier
stinkt es. Ziwel, halt an.

Eisen klapperte, Meeren nahm seine Schippe ber die Schulter, stie ohne zu
klingeln das Gartentor auf. Mit dem Fu klopfte er an das Knie des
Fruleins am Boden: Wer fault hier bei lebendigem Leibe. Ziwel, komm greif
zu.

Zwei Hnde faten Julie unter den Kopf und die Schulter, zwei an den
Beinen. Wir wollen sie begraben. Sie schleppten Julie auf den harten
Wagen. Julie blinzelte, ob die Dogge die Mnner beien werde; aber das
gelbe Tier sprang vor die Deichsel und lie sich anspannen. Im Wald, wo sie
die Bltter beiseite schippten, winselte sie: Ich will nicht. Ich will
nicht begraben werden.

Was willst du denn, schrie Meeren grimmig glaubst du, du hltst uns zum
Narren.

Ich will leben, flehte sie, bitte, bitte.

Er schleuderte ihr die Schippe vor den Leib. Er schimpfte in seinen Bart.
Das wei ich nicht, ob sich sowas wie du noch brauchen lt zum Leben.

Ziwel verkroch sich unter einem Haufen von Laub. Klein lag Julie neben dem
angestochenen Grab. Der Alte schrie, ihr die Faust ins Gesicht steckend:
Wenn du nicht Mist schlucken kannst, knnen wir dich nicht brauchen.

Sie warf sich und heulte. Er krmmte sich nach der Schippe. Sie bettelte:
Ich kann Mist schlucken.

Wenn du rohe Kartoffeln und rohe Rben essen kannst, kannst du bleiben.

Ich kann essen.

Sie warfen Julie auf den Wagen, fuhren nach Hause vor das Erlengebsch. Sie
half den Bottich zerschlagen, machte Feuer fr Ziwel und den Alten.

Sie schluckte, was man ihr gab, brach, hungerte, aber wehrte sich nicht. Es
war genug, da sie leben blieb. Dann nhte sie aus alten Fellen und Scken
ein Kleid; ihr eigenes, aus rosa Seide, steckte sie in den Herd.

Die Tage gingen vorbei, die Wochen.

Sie diente den Mnnern und Tieren. Ziwel blieb gut zu ihr, sie verlangte
nur den sanften Blick des alten Meeren wieder.

Die Kastanienblte war zu Ende, berall lagen die weien Blttchen auf den
Wegen, bald mute der Flieder kommen. Da ritt der alte Seelord auf schwerer
brauner Stute hinber in den Wald, ein Junge barfu neben ihm mit einem
Zobelpelz. Vier Tage wohnte der steife Mann in dem Huschen des Meeren, bis
ihn die Gicht in der Schulter und den Zehen zu heftig stach. Als am Morgen
der Regen ber den trben Tmpel strich und Rauschen, Tropfen und
Pltschern unter den Bumen nah und fern zu hren war, half ihm Julie,
mager, sonnengebrunt, klein und barfu in den Steigbgel, kte demtig
seine geschwollene Hand am Hals der Stute. Du bist so stolz, Julie, du
bist zu stolz, sagte er vom Pferdercken herab. Du bist von meiner Art.
Ich htte es nicht gedacht.

Er lobte sie und Meeren und den treuen Ziwel. Julie legte den Pelz vor ihm
auf den Sattel. Sie winkte hinter ihm her; ihre gelben Augen und ihr
gespitzter Mund waren freudig. Die hohe Dogge tanzte um sie. Hui-ih,
machte der Wind.

In das Haus, in das Haus.




Das Gespenst vom Ritthof


Wie des Karl Vlkers Sohn Johann vom Ritthof herunterging, wo er den heien
Nachmittagskaffee getrunken hatte, rieselte am Wege nach Fechingen etwas
Wolkigblaues, Niedriges von Menschengestalt an ihm vorbei. Er verfolgte den
Schatten, trumend: Dich kenn ich, oh, wir haben uns schon gesehen. Die
Haare der Gestalt wurden von dem Mrzenwind lang und wagerecht ausgezogen,
sanft lief sie und bewegte kaum die Fe und die Arme, als wre sie mit
Bndern umwickelt. Sie mute von der Gegend der Fhre herkommen;
gleichmig lief sie ber das dnne Grn der Wiese wie aufrechter Rauch.
ber den Bhlbach flo sie; er suchte lange, bis er eine schmale Stelle
fand. In weiten Stzen machte er sich hinter ihr her. An der Holzbrcke vor
dem Dorf drehte sie sich, rechts, links. Da hatte er sie aus den Augen
verloren.

Dicht am Eingang zu Bliesschweien, dem Dorf, wehte das Fhnchen vom
Wirtshaus. Dort trank Johann Vlker in der niedrigen langen Stube ein Glas
gelben Saarwein. Und als er eine Viertelstunde am Kieferntisch gekauzt
hatte, kam ein scheues, burisch gekleidetes Mdchen ohne Hut zur Tr
herein, das einen Eimer und ein Tablett mit leeren Weinkaraffen trug. Sie
bewegte sich, als sie den Eimer neben dem Schenktisch abgesetzt hatte, bla
und erschrocken zwischen den dicht belagerten Tischen herum, warf die Augen
auf Johann. Er fragte sie, indem er das leere Glas von sich schob, ob sie
mit ihm trinken wolle und warum sie so erschrocken sei. Ach, lchelte sie,
das sei nur, weil er eine blaue Mtze trge, die stnde ihm so gut, darber
habe sie sich gefreut. Wir wollen zusammen essen, schlug Johann mit der
Faust auf die Holzplatte, da er das Mdchen immer schner fand. Aber sie
zwinkerte mit den Augen, kniff ein verschmitztes Grbchen in die Wange,
kicherte ganz hoch in der Kehle mit geschlossenen Lippen, lie die Karaffen
fllen.

Johann blieb die Nacht ber in dem fremden Wirtshaus. Tags drauf und fter
begegnete er dem Mdchen mit dem Eimer; sie war die Tochter des Schmiedes
Liewennen und hie Ktti. Er wanderte mit seiner blauen Mtze, in dem
jungen ebenmigen Gesicht die randlose Brille, an den dnnen langen Beinen
Radfahrhosen und braune Segeltuchschuhe, wanderte zwischen der Schmiede und
der Schenke des Nikolaus Schlser her und hin. Sie freuten sich miteinander
den ganzen Sommer. Sein Vater wute nicht, wo er hauste, glaubte, Johann
htte eine Reise wieder ber den Ozean auf einem Frachtdampfer oder auf
einem Segelschiff angetreten.

Im August quartierten sich vier lustige Herren aus Trier beim Nikolaus
Schlser ein. Mit denen ritt Johann auf die Hhnerjagd; sie knallten den
halben Tag ber, abends warfen sie sich in der Laube neben der Bliesbrcke
auf den Rasen, stieen den Gartentisch um, pflanzten eine brennende Kerze
in die Erde und spielten Karten, bis die Hhner krhten. Ktti hrte nichts
von Johann. Feine Mdchen brachten die Trierer Herren in die Laube und zum
Schlser. Johanns Gesicht wurde vom Trinken und Lumpen dick. Statt der
leichten Fe in Segeltuchschuhen scharrten die Latschen eines Jungen zur
Schmiede herber; er brachte Gre und ein Bndel Rosen von Herrn Johann
Vlker.

Aber sie war schlauer als er hinter seiner glsernen Brille. Sie ging in
die Honoratiorenstube, wenn die fremden Weiber mitpokulierten, sangen und
kreischten, lie sich verschmt bei der Hand fassen, ihre
hochausgeschnittenen Augen wanderten; den Fingern, die nach ihren Zpfen
tasteten, wich sie aus; sie warf sich dem schmunzelnden Johann, zwischen
Tischkante und Stuhl sich einzwngend, brustangeschmiegt auf den Scho. Und
als sie ihn mit der Eitelkeit gefangen hatte, kicherte sie eines lrmenden
Abends, whrend er im Korridor ihren Kopf nehmen wollte: Guten Tag,
Johann, lebwohl, hing sich an den Arm des spitzbrtigen Jgers aus Trier,
der eben in grnen Wickelgamaschen, geschniegelt, gescheitelt, keck aus
seiner Stube spazierte und im Vorberziehen, elegant fuscharrend, Johann
mit einem Finger auf die zuckende Schulter tippte.

Das war an einem Sonntag. Karl Vlkers Sohn verga den Tag nicht. Und im
Moment, wo sie vorber waren, fhlte er einen Zwang, aus dem Flurfenster
nach der Brcke hinzusehen, und wie er sich abwandte und nach unten vor die
Haustr blickte, da hatte sich die Liewennen, -- im sauber gewaschenen
weien Kleidchen hpfte sie hinter einer kleiderrauschenden Dame in das
Kabriolet, -- da hatte sich die Liewennen verndert. ber ihrem gebgelten
Rock lag es, der Rock dampfte; streifig, der Lnge nach war er tausendfach
gefltet; von dem rosenblumigen Hut, den sie sich eben weit in den Nacken
stlpte, go sich ein Staub, ein feiner Ru, der um ihre Schultern
schwelte.

Johann verlie seine Stube nicht; eine hllische Wut und Raserei nahm ihn
gefangen. Er berhrte keine Flinte; die Karten, die man mit rotem Wein
begossen zu ihm hinaufschickte, streute er auf den Flur vor die Stube der
vier. Dann machte er sich verbissen hinter die Schmiedstochter her. Er sah,
er bersah dieses Flssige, Dnne, Zittrige, das sie umgab, das aus ihren
Kleidern, von ihrem freudevollen Gesicht wie der Dunst aus warmem Wasser
aufstieg. Es beunruhigte ihn nicht. Er brtete, war der Sprhund hinter
ihr, hate sie. Aber so oft er sich auch in seiner Stube einschlo und den
Federhalter zur Hand nahm, er konnte sich nicht entschlieen, dem alten
Karl Vlker im Hessischen zu schreiben, da man mit der Schiffahrt mal ein
Ende machen msse; im Mittelmeer sei es jetzt sehr hei, sein Kapitn wolle
nach Rumnien, um Petroleum zu laden, und das knne er nicht mehr riechen.
Er kaufte sich einen grnen Jgerhut, lie sich die Haare bis auf den
Wirbel scheren, frech wuchs auf seiner Lippe ein blondes Schnurrbrtchen.
So ritt er und schlampte mit den Tieren, den wilden Vgeln. Seine schlanken
Rennerbeine zitterten und wackelten wie einem Greis, wenn sie Arm in Arm
auf den finsteren Kuckucksberg seitlich von Ransbach schlenderten und
Speere warfen nach einer angebundenen schneeweien Gei, die ngstlich
meckerte, Blut spritzte, unter Gebrll zertreten wurde. Aas! keifte
Hannes Vlker heiser, zog sich die rotbefleckten Schuhe aus und hackte
tobend dem verreckenden Vieh rechts und links in das Maul auf die Zhne;
Gras und Erde stopfte er in den Schlund hinzu, whrend die anderen vier
ihre Eisenstbe gegen die entzndeten bernchtigen Larven drckten, vor
Lachen den Buckel krmmten.

Des Schmiedes Liewennen Ktti mied das Wirtshaus; es hie, der Pfarrer habe
mit ihr gesprochen. Aber das stillte seine Wut nicht. Im burisch weiten
Rock, mit beruter armloser Taille trug sie ihrem Vater vom Brunnen die
Wassereimer Tag um Tag; schon wurden die Bltter an den Bumen bunt; warm
und traurig hielt sie das Gesicht gesenkt, wenn der lange Hesse ihr ber
den Weg stolperte. Wenn sie lief und die Eimer schwappten ber, sah er ihr
nach, und da liefen doch zwei. Gedoppelt lief es, machte ihn eine Minute
stumm, hielt sein Herz an. Zweimal waren es zwei bloe Arme, zweimal
schoben sich zwei Fe eng nebeneinander vor; ihr Kopf hatte hinten dicke,
festgesteckte und bebnderte Flechten, der andere war glatt, er schwankte
bald rckwrts bald seitwrts von ihrem, und wenn sie ihren auf die Brust
legte, so stand der andere dnn in der Luft da, gegen dunkle Baumstmme hob
er sich hell ab; so glattgestrichen war er von allen Seiten. In einem
dunklen Grimm duldete er den Anblick: Das ist das Zeichen; daran sollst du
sie erkennen. Sie blieb eines Mittags, ohne die Eimer abzusetzen, vor dem
Denkmal des heiligen Quirin auf dem Dorfplatz stehen neben ihm und
flsterte rasch, das schrge Htchen kleide ihn nicht gut, er solle sich
die Haare wachsen lassen und die blaue Mtze aufsetzen. Johann schnalzte
verchtlich mit der Zunge, da es ber den Platz knallte, schleuderte mit
einem stolzen Juhu das Htchen an der Krempe in die Luft, fing es auf,
whrend er ein Bein hochzog, wie ein Storch auf einer Spitze stand. Die
Eimer schlugen ihr gegen die Hacken, das Wasser spritzte gegen ihren Rock,
rasch lief sie.

Und eines Sonntags fuhr ein Wandertheater auf den Marktplatz vor das
Gemeindehaus mit drei grnen Wagen, schlug seine Bretterbude seitlich vom
heiligen Quirin auf. Da brachte der geschminkte Auslufer des Direktors dem
Hessen ein Billett, das habe, so erwhnte er mit grazisen Hin- und
Herwinden und sem Gurgeln vor dem Herausgehen, eine bekannte unbekannte
Person bezahlt, beglichen, honoriert. Das Schicksal der Kaiserin Dorothea
von Byzanz wrde nach dem Gottesdienst die Bewohner von Bliesschweien
erschttern, auch viele Nachbarorte seien voll Teilnahme, kein Auge wrde
trnenleer bleiben.

Der Hesse nahm ein rotes Taschentuch und legte es auf seinen Platz, erste
Bank vor der Bhne, stellte sich an sein Fenster, um das rote Taschentuch
und den Nachbarplatz zu beobachten. Nun sollte die Liewennen, die Liewennen
bestraft werden fr ihren Verrat. Das Theater begann. An dem Haustor des
Bckers, im Schatten, spielte Ktti mit den Kindern, in ihrem weien
bauschigen Kleid; sie warf von Minute zu Minute einen Blick gegen das Seil
am Denkmal, wo die Billettabnehmerin auf einem Stuhl schlief.
Dreivierteldes Stckes waren zu Ende, lngst ging keiner durch die
Billettsperre, schon wanderten ltere Leute zurck, um noch vor Nacht ihre
Drfer zu erreichen oder sich einen Platz in der Schnke zu sichern. Die
Liewennen kletterte auf den kleinen Tritt, lugte vorgebeugt, an der
mrtelstreuenden Wand sich haltend, ber das leinwandumspannte Karee; ganz
leer die erste Bank, aber auf einem Platz sorgfltig hingebreitet ein rotes
Taschentuch.

Sie fhlte einen Stich im Herz, vorsichtig, bla stieg sie den Tritt
herunter, dann rasch zum Seil ber den leeren heien Platz, scheuchte die
Kinder zurck, die weinten und mit hineinwollten; gleich wre sie wieder
da. Das Gedrnge im Gang; ach, bitt euch, mein Platz ist vorne, lat mich
durch. Nun sa sie vorn, drckte zitternd das Tuch gegen ihre weie Bluse,
wagte nicht, von allen Seiten beobachtet, unter dem Rollen der
Bhnenrhetorik, den roten Stoff zu entfalten, das Zettelchen zu lesen, das
wohl drin lag. Schon waren oben die vier Anstifter und Mrder der
gottesfrchtigen Kaiserin handelseins; wieder drngte ein Ehepaar heraus.
Die Liewennen, glhend, kopfgeduckt, schob sich hinter sie, wie ein
Hhnchen unter die Flgel der Henne. Aufgeschreckt rckte die hutzlige
verschlafene Frau, die Billettabnehmerin, mit dem Stuhl nach rechts. Die
Liewennen rannte an den jauchzenden Kindern vorbei; Kttchen riefen sie,
komm her; hier sind wir ja, hier. In die Blindgasse des Fuhrherrn Bell
floh sie; nichts in dem Taschentuch; ein blaues Zeichen, J. V. Da knllte
sie es in dem khlen Gang vor ihrem gespitzten Mund zusammen, weinte und
hatte den Wunsch, das Tuch sich ber die Stirn, die Augen zu legen, ber
den Kopf zu breiten.

Pltzlich hrten die Kinder auf zu kreischen. Hinter ihr, neben ihr bewegte
sich der verlumpte Hesse in rosa Hemdsrmeln, hatte die Brille auf die
Stirn geschoben und stierte sie mit wasserblauen Blicken ber ihre Schulter
an; sein Atem strich an ihrem Hals entlang.

Fr wen willst du dich mit meinem Taschentuch putzen?

Sie zuckte mit lautem Aufweinen nach dem roten Lappen auf ihrem Haar,
stopfte ihn in ihren Brustausschnitt, hatte die Hnde frei, tastete flehend
nach seinem rmel.

Wen willst du mit meinem Taschentuch locken?

Es lag ihm nichts an ihr. Nun sollte sie gerichtet werden. Sie war ihm
gleichgltig wie die abgebrochene Deichsel zu seinen Fen. Er bedauerte
sie, whrend er nach ihr griff. Als das Mdchen mit heiem Wimmern ber ein
Rad in die Knie strzte, fuhr eine ungesehene Hand vor seinen Hals,
schnrte seinen Hemdkragen zusammen. Das Gespenst drngte sich, whrend er
torkelte, in seine leer rudernden, schlingenden Arme, mit roten derchen
berzogen wie ein angebrtetes Ei. Zwischen zwei Stlle schob ihn die
bewegungslose, wie auf Rdern gleitende Gestalt, rammte ihn gegen einen
Pfosten. Er rang mit ihr keuchend, sie zu bewltigen, sie totzumachen,
wegzuwischen. Als er ihren Kopf zwischen den Handtellern einspannte, wollte
er ihr ins Gesicht speien. Aber sie, ohne die Miene zu verziehen, machte
langsam langsam eine Bewegung von unten herauf mit beiden Mittelfingern,
eine Bewegung, die er nicht verstand, wiegte ihren Kopf aus seinen
nachgebenden Hnden rckwrts. Schamlos grinste sie lippenwulstend und kam
nher. Sie strich dicht, Nase an Nase mit ihm, kitzelnd unter sein Kinn,
unter seine Achseln. Und ihr Gesicht, -- er konnte aufseufzend nicht sagen,
wie es aussah. Es war ihm bekannt, so bekannt, so unheimlich vertraut.

Er wollte, das Kinn andrckend, die gelhmten Arme von ihrem Hals sinken
lassen, da hatte er dicke Beulen auf der Stirn; seine Weste war aufgerissen
und es klatschte gegen seine Brust. An die Hand fate sie ihn und warf ihn
mit einem Schwung herum, ber die Beine der winselnden Liewennen, durch das
offene Tor, in den Pferdestall zwischen die Pferde.




Der vertauschte Knecht


Der junge Graf Bertran vertrieb sich in Abwesenheit seines Vaters auf der
Burg Beaucair die Zeit mit Spielleuten, Seiltnzern, Gauklern und anderem
fahrenden Volk. Hinter dem Frauenhaus stand eine niedrige Halle mit kleinen
Galerien, in der er das zweifelhafte Gesindel amsierte mit Kampfwachteln,
flinken krftigen Tierchen, die sich in der Arena eines roten Holzbottichs
anfielen. Die Wartung dieser Vgel unterlag einem Knecht, namens Philipp.
Der alte Graf schtzte den dicken zuverlssigen Mann sehr, der
jahrzehntelang in seiner unmittelbaren Umgebung gelebt hatte. Und Bertran,
der Sohn, behandelte ihn gut wie alle Leute aus den niederen Stnden;
ignorierte Verste, die sich Philipp herausnahm im Hinblick auf seine
angeblichen Verdienste um die herrschenden Grafen, so als er sich weigerte,
die damals beliebten anderen Kampfvgel anzuschaffen und zu pflegen. Sogar
die schlimme Sitte des Philipp, viel von gestohlenem Cypernwein zu trinken,
beachtete Bertran nicht.

Dies wurde auch zunchst nicht anders nach der pltzlichen Abreise des
regierenden Grafen. Die Ringkmpfer, Balanciermeister, Taschenspieler,
Rezitatoren fllten das Haus Bertrans tglich; elegante Courtisanen wurden
mit ihnen eingefhrt und Philipp verfehlte nicht, seine Abneigung gegen
diese Gesellschaft zu uern, die sich auf der Burg den Leib vollstopfte,
stahl, und offen ber Bertran lustig machte. Die Schimpfszenen zwischen ihm
und den geschftskundigen Leuten waren an der Tagesordnung. Es gehrte zu
den unvermeidlichen Spen fr die Besucher, den Neulingen Philipp als
ehemaligen Burgvogt vorzustellen, der durch seine Wettleidenschaft bei
Wachtelkmpfen sein Vermgen, seinen Rang, und was hinreichend laut gesagt
wurde, seinen Verstand verloren htte.

Einmal fhrten die Schauspieler nachmittags aus einem Kriegsstck eine
Szene auf, in der der Sohn eines regierenden Grafen anscheinend schlafend
einer Verschwrung gegen den Vater beiwohnt. Man suchte den Schauspieler,
der diese Rolle zu bernehmen pflegte. ber den hinteren Hof in den
Schneeballgrten laufend sahen zwei der Burschen Philipp vor seinem
Wachtelstall schlafen, betrunken, in der Sonne.

Sie hoben ihn, noch zwei hinzurufend, auf, schleppten ihn in die
Theatergarderobe, schminkten und putzten ihn, und als die Szene herankam,
sa Philipp in dem prchtigsten braunen Pelzrock mit fliegenden rmeln auf
der Bhne; seine schmutzigen Strohsandalen hatte man ihm angelassen, der
edelsteinbesetzte Sbel hing am Silbergehenke ber seine Brust; friedlich
daneben der zerschlissene Strohhutteller des Tierwrters.

Das so harmlos und spahaft begonnene Spiel erhielt durch das ganz
auerordentliche Vergngen, das der vornehme Bertran an dem Anblick nahm,
eine erregtere Wendung. Bertran lie, als Philipp zu rlpsen und erwachen
begann, das Spiel abbrechen, rief fnf Diener, befahl Philipp zu behandeln
als wre er ein Sohn des regierenden Herrn, man solle ihn rasch von der
Bhne herunter in den Saal tragen; er selbst werde die Vorgnge durch einen
Seitenvorhang beobachten.

Die Durchfhrung des Einfalls wurde im Beginn gehindert durch einen
wasserkpfigen Mediener. Der klagte, man drfe nicht Scherze treiben mit
der Seele eines Christenmenschen, und suchte Philipp mit seinem dnnen
Krper zu decken. Die Gaukler stlpten ihm einen Sack ber, rollten ihn auf
den Hof.

Leicht gelang dann alles bei dem eitlen, halb schwachsinnigen angetrunkenen
Mann. Nach der ersten Verwunderung wurde mit starkem Realismus von dem
Hofmeister Bertrans vorgetragen: Bertran sei in vllige Ungnade beim
regierenden Herren gefallen; ein Kurier habe aus Toulouse einen gndigen
Brief gebracht, wonach dem alten verdienten Philipp der Rang eines
Grafensohnes verliehen und das ehemalige Besitztum Bertrans bertragen sei.
Ein Schriftstck mit dem hngenden Siegel, das in italienischer Sprache
gehalten war, zeigte er dem glotzenden Fettwanst vor, der nicht italienisch
lesen konnte und nur den grflichen Siegel an der Rolle, einem Steuererla,
erkannte.

beraus rasch ernchterte er sich; nahm das Schreiben des gndigen Herrn
mit Ehrfurcht an sich, ri sich den Strohhut ab, schimpfte grob ber die
unsaubere oberfchliche Art, mit der man ihn angezogen hatte; wo der Hut
mit der Seidenbinde sei, und zeigte sich in seinem Benehmen derart vllig
seiner Rolle gewachsen.

Bertran zog sich zurck, sobald er sah, wie rasch sich Philipp in die
Situation einlebte, und gab Auftrag, die Tuschung nach Mglichkeit zwei
drei Tage durchzufhren. Ihn fesselte die ungewollte Travestie auf sich.

Der Knecht warf den grten Teil der Lumpen und Schauspieler, der
Nimmersatts heraus, rieb den vielen Bedienten ihre Unterschlagungen und
sonstige Betrgereien unter die Nase, keifte ber die eingerissene
Lotterwirtschaft, war besorgt, seinen Stall in gute Hnde zu bringen. Er
ging in die Backstube, sah dem Werkmeister in den Teig, er zhlte das
Schlachtvieh, forschte nach den Frohngaben der Bauern.

Der schwachsinnige Mensch zeigte sich in einer bald langweilenden Weise
vernnftig, mklig. Er fhrte den Namen seines grflichen Beschtzers mit
einer peinlichen Hufigkeit im Munde, trug sich damit, einen Besuch bei dem
alten Herrn in Toulouse vorzubereiten, um ihn zu trsten ber das
schimpfliche Verhalten Bertrans, uerungen, die Bertran bestimmten, am
dritten Tage seinen Spielgefhrten den Auftrag zur Beendigung der Sache zu
geben.

Man wollte nun den Spa so enden, wie er begonnen hatte, aber dieser Plan
scheiterte an der Entschiedenheit, mit der Philipp die Einladung zum
Saufgelage ablehnte, sich sogar piquiert fhlte und einem von den
Schauspielern, der ihm besonders zusetzte, einen derben Backenstreich
berzog. Der Geschlagene, in Wut versetzt, fing an auf Philipp zu
schimpfen, als wenn er noch Tierwrter wre, lie sich durch die
Flsterworte der beiden Kameraden nicht begtigen. Als der Knecht, auer
sich, sein Schwert zog, blieb freilich auch diesen beiden nichts weiter
brig, als ber ihn herzufallen. Und nun bentzten sie die Gelegenheit, um
ganze Arbeit zu machen: der feiste Mann wurde halbnackt ausgezogen, zwei
Dirnen liefen, hinzu und halfen kreischend und kichernd, den Fettwanst
durch den Kot zu rollen. Mit Schmutz beschmiert, verprgelt, warfen sie den
Hilflosen auf den Hof vor seinen Stall.

Diese Szene hatte Bertran nicht mit angesehen; er wohnte wieder in seinem
Palaste, nachdem er die beiden Tage vorher bei dem Burgvogt logiert hatte,
und dachte nicht mehr an den langweiligen Einfall. Gegen Abend ffnete
heimlich jemand ohne Anmeldung die Tr seines Zimmer. Im Dunkel schlich
etwas Groes ber den Teppich und der ganz entstellte Philipp, der alte
Tierwrter, flegelte sich, die Arme ber sein stinkendes Lumpenkleid,
seinen Arbeitskittel verschrnkend, vor den Grafen hin, der in eine Ecke
gewichen war, aus Angst vor der Berhrung. Philipp brach in lautes Hhnen
und Lachen aus; also das sei die Ursache! Das verstoene degradierte
Grflein habe die Abwesenheit seines Vaters benutzt und sich mit Hilfe
seiner lausigen Spiegesellen wieder in den Besitz des Hauses gesetzt.

Bertran wehrte ab; er bat Philipp zu gehen; die Gaukler htten sich einen
Spa mit ihm gemacht, und es sei doch das ganze Grafenspielen nur ein
Scherz gewesen.

Das versetzte den Mann in die grte Heiterkeit, die in Wut umschlug; es
sei vielmehr ein berma von Frechheit, jetzt die Sache noch damit zu
krnen, da er behauptete, auch das grfliche Siegel mit der Ernennung sei
falsch. Er habe lange genug in Treue, Anhnglichkeit neben dem gndigen
Herrn gelebt, um sein Siegel zu kennen. Was soll denn noch alles falsch
sein? Vielleicht, sei er, Philipp, schon gar tot?

Bertran bat ihn wieder, doch zu gehen, er sei mit Cypernwein wie so oft
betrunken gelegen, die Urkunde enthielte einen Steuererla in italienischer
Sprache. Aber Philipp blieb ungerhrt, der das alles nur als Ausflchte
ansah, den jungen Grafen ruhig betteln lie, und ihn angrinste: ob es nicht
wahrscheinlicher sei, da Bertran degradiert als da er selbst betrogen
sei, er der Gnstling des gndigen Herrn, wie der Dummkopf sich in diesen
Tagen nannte. Kurz und gut, schlo er violett vor Zorn, Bertran solle keine
Umstnde machen und seiner Wege gehen.

Als er dabei die Schulter des Herrn berhrte, sank dieser halb um und
schlotterte aus dem Zimmer.

Philipps Freude war kurz; er wurde nach einer Viertelstunde in den Stall
gesperrt, erhielt zwanzig Hiebe auf die Hnde mit dem Stecken.

Es konnte bei dieser Strafe nicht bleiben. Dem jungen Grafen, der nach
diesem Abend in den entsetzlichsten Zustnden lebte, konnte keiner helfen;
nichts beruhigte ihn; der Gedanke, da der schmutzige Tierwrter ihn
angefat hatte, brachte ihn fast um.

Dann entwich der Knecht nach einer Woche aus dem Stall. Der rasende, von
seinem Recht berzeugte Schwachsinnige wurde noch innerhalb der Burg
festgenommen, wo er sich bei dem schmchtigen Mediener aufhielt; er wollte
wirklich nach Toulouse hin, um seinen alten Herrn aufzuklren.

Der Jungherr raste, weil der Mensch schon unter dem Gesinde von der
angeblichen Degradation Bertrans erzhlt hatte, von seiner eigenen
Befrderung; diesen Gerchten mute Einhalt geboten werden. Es ging nicht
an, Philipp dauernd in seinem Stall festzuhalten. Ehe Bertran in seinen
Zweifeln noch zu einer Entscheidung gekommen war, erzwang Philipp selber
einen raschen Beschlu und ein Ende.

Nachdem die Schauspieler ihn in seinem lrmenden belduftenden Vogelstall
besucht hatten, ihn anflehend, die Verneigungen und Begrungen der
Wachteln huldvoll anzunehmen und sich in diesem wahrhaft grflichen Palast
bei herrlichem Gesang und Geruch wohlzufhlen, wurde er vor Bertran
gefhrt, der dem gereizten, gehssigen Mann freundlich zuredete, ihm
Belohnungen versprach. Wie ein Kufer, der merkt, da er bertlpelt werden
soll, schttelte der giftige Alte schlau seinen kugligen Kopf. Er stellte
sich in eine gewisse vornehme Positur, die er dem alten Herrn abgesehen
hatte, den Hals eingezogen, das Gesicht in strenge Falten geworfen, die
Hnde in die Hften gesttzt, einen Fu vor den andern geschoben, lchelte
ab und zu verstndnisinnig. Dieses Benehmen des Mannes vor den Bedienten
und Schauspielern ertrug Bertran nicht. Er stampfte mit dem Fu, drehte
sich um, gab einen raschen Befehl. Nach wenigen Stunden, vor Anbruch des
Abends, schrillten hohe grauenvolle Tne ber die Hfe.

Man hatte Philipp mit Tchern umhllt, mit Wachs begossen, wie ein Licht
angezndet.

Der Mediener, allein mit ihm auf dem Hof, wirbelte die Arme vor dem
Balkon, wie ein Wechselbalg anzusehen, einen grauenvollen Fluch schmetternd
auf die, die einem Christenmenschen die Seele gestohlen htten und den Leib
als eine Teufelskerze ansteckten. Er sprang trnenberstrmend um die
lodernde Puppe, kte sie und wurde halb verbrannt mit Zangen von ihr
losgerissen.

Der groe Bischof von Toulouse erschien nach einer Woche mit fnfhundert
Mann vor Beaucair; den Mediener trug man dem Heere voran. Graf Bertran
lie die Fallbrcken herunter, ffnete die Tore der Burg und setzte sich an
die Spitze seiner Knechte und der jubilierenden Gauklerbande. In einem
blutigen Treffen schlug er wider alles Erwarten den Bischof auf der schnen
Wiese Langedraine. Er zeigte mit seiner Lanze nach der Bahre, auf der jener
angesengte Freund Philipps lag; unter Gelchter und kampfberauscht zog man
mit ihm zurck auf die Burg. Als der wehleidige bigotte Geselle dort
trotzig tat, geiferndes Gerede machte von der sndhaft vertauschten Seele
des Knechts, lie Bertran ihn zunchst in den Wachtelstall einsperren. Am
Sonntag wurde dann die Glocke der Kapelle gelutet, aber statt in die
Kirche, wie die Strolche unter Grinsen dem Mann versprochen hatten, fhrten
sie ihn in einen runden Kfig, eine Art groen Vogelbauer, der vor der
Kapellentr aufgestellt war im Grnen. Der Boden des Kfigs war aus Eisen,
und wie die Orgelmusik drin anfing zu spielen, tanzte der glubige Anklger
sonderbar, weil ein paar klingelnde Spielleute ein sanftes Holzfeuer
schrten unter seinen Fusohlen. Da ber dem Kopf des Meners die blanken
Knochen des alten Philipp von den Kfigstangen herabhingen, so sah es aus,
als ob ein Vogel nach den Knochen schnappte. Am Schlu der Andacht klirrte
Graf Bertran waffenstrahlend an der Spitze seiner bunten Spiegesellen her,
lie den Mann fragen, da er sich vor ihm ekelte, ob also dieser betrunkene
Philipp mit Recht gegen seine Behandlung protestiert htte. Auf das
bejahende Geschrei zuckte er mit der Achsel und ging weiter. Die Spielleute
lieen den Mener hher hpfen. Eintnig brllte der Krppel seine Flche,
rief den Himmel an zur Bestrafung der teuflischen Snder. Die Gaukler
fiedelten.

Die Rckkehr des alten Grafen machte dem allen ein Ende. Er hatte schon von
dem Sieg gehrt und freute sich ber seinen Sohn. Der alte Philipp tat ihm
leid, und als er von dem Getu des Meners hrte, sah er sich im
Vorbergehen den krummen Narren an. Das Hpfen langweilte ihn, auch das
wichtigtuerische Beten des Menschen langweilte ihn, und so lie er denn die
springende Heuschrecke, wie er sich ausdrckte, auf eine neumodische Art
mittels Rdern umbringen, auch fr ein paar Tage in den Kfig hngen zu den
andern Knochen. Dem Bischof von Toulouse nahm er noch ein Stck Land weg,
das lange strittig war, so da er schlielich meinte, im ganzen bliebe es
doch erstaunlich, wie die Wege des Himmels seien. Und es htte wohl niemand
gedacht, wozu letzten Endes der abgelebte schwachsinnige Philipp gut wre,
angesichts der fnfzig Morgen Weideland und dieses reich bestandenen
Weinberges.




Die Lobensteiner reisen nach Bhmen


Bei Olmtz in Bhmen liegt die schne Landschaft Padrutz.

Sie hatte die Herrschaft eines tchtigen Grafengeschlechts zwei
Jahrhunderte ertragen, war dabei leidlich gediehen. Etwa dreitausend
Menschen hausten hier, bebauten das Land, waren Schmiede, Schreiner,
Spengler, Bcker, und was die Notdurft noch erfordert. Der Graf war
Kirchenpatron und lie Katholiken und Protestanten, dazu ein paar
hergelaufene verwachsene Kalvinisten und dienstbeflissene Juden
gleichermaen ungeschoren. Die Linie erlosch nun im Mannesstamm und der
letzte Graf hatte festgelegt, da seine blhende Tochter das Reich
bernehmen sollte, um mit einem rasch zu erwhlenden Herrn Gemahl die
Regierung ber die dreitausend Menschen, Protestanten, Katholiken,
Kalvinisten und Juden in die Hand zu nehmen. Leopold Christoph, Herzog in
rheinisch Lobenstein bei Kurhessen, hrte davon und schickte seinen
Generaloberst Ekbert hin, der sollte die Erbin heiraten. Sie mochte ihn
nicht; wolle berhaupt keinen Generaloberst und im brigen nur einen Mann
aus Olmtz und zwar einen ganz gewissen. Das machte Leopold Christoph,
genannt Stoffel, nachdenklich; er setzte sich mit seinem ltesten
Kabinettsrat in die Bibliothek und diktierte dem Mann nach Einsicht in ein
lteres Ehestandsregister, da er ihre Wahl billige, im brigen aber auf
Grund einer genau explizierten Verwandtschaftstafel sie besuchen werde, aus
welcher Tafel klipp und klar hervorgehe, da man mit Fug von einer
Padrutzer Seitenlinie der Lobensteiner Dynastie sprechen knne. Den Beweis,
Beleg usw. dafr werde er der schnen Dame in zwei Monaten selbst
berbringen. Vorlufig suspendiere er als Familienoberhaupt trotz
erheblichen Wohlwollens das Frulein von der Herrschaft und setze sie ab
wegen landeskundiger Mesalliance.

Er schlo in Eile ein Schutz- und Trutzbndnis mit zwei kleinen
Reichsfrsten an der Grenze Hessens, die versprachen, dies Gebiet zum
Abschrecken auf sechs Meilen zu verwsten, tobte waffenschttelnd durch das
erstaunte Europa, das sich von den Kriegen des Napoleon sehr langsam
erholte und nicht daran dachte, wegen Lobenstein und Padrutz einem Soldaten
die Patronentasche umzuhngen. Der versprochene Beweis, Beleg gelang unter
diesen Umstnden dem entschlossenen Stoffel auerordentlich glatt; er zwang
die kratzbrstige Philine von Padrutz, die sich mit einer neumodischen
Krinoline wichtig tat, sich sofort mit jenem gewissen Hauptmann und
Fouragehndler aus der Stadt zu verheiraten, obwohl sie erklrte in
Anbetracht der sechshundert blanken Gewehrlufe, da sie sich besonnen
htte im letzten Augenblick und leidenschaftlich fr Familientradition
schwrme; auch Herr Ekbert wre nicht ohne nennenswerten Charme. Aber der
Herzog Christoph erklrte, da eine schwankende Gesinnung keinen guten
Eindruck auf ihn mache, bei den Lobensteinern auch der entfernten Linie nie
vorkomme und da er sich daher des Verdachts nicht erwehren knne, mit ihr
als einer untergeschobenen Tochter zu verhandeln. Angesichts dieser
Sachlage und des passiven Verhaltens der Wiener kaiserlichen Behrden lie
Philine dann ihr Reich, samt allem Volk, Kirchen, Boden, Vieh und Vogel auf
knapp fnfundzwanzigtausend Gulden abschtzen, wurde Frau Hauptmann, zog
nach Prag in die Nepomukgasse und war erledigt.

Einmal da, besah sich Herzog Stoffel Land und Leute, lie alles Hab und Gut
von seinem Sekretariat in zwei Folianten nebst Anhang und Register
aufschreiben; die bemerkenswerten Menschen- und Tiertypen des Gebiets lie
er zeichnen und kolorieren, und zog wieder unter groem Gedrhn, furisen
Siegesbulletins quer durch das schlafende Deutschland nach dem stillen
Lobenstein. Da sagte er: Wir wollen uns jetzt einmal in Ruhe des neuen
Besitztums erfreuen. Stracks ging die Regiererei los. Herzog Christoph
verlangte von seinem Ministerium tglich nach dem Morgenkaffee eine gewisse
Mindestzahl von Edikten, Erlassen zur Unterschrift; lieferte das
Ministerium weniger Erlasse, so war es notorisch faul. Jetzt schwelgte er;
geno die Padrutzer Akquisition; in Sten rckten die Manuskripte und
Aktenbndel an, krachten auf seine Dielen, Das Kabinett lieferte dem
Padrutzer Lande, Mann und Maus, in Vor- und Nachsitzungen neue Schlachten.
Es waren die mannigfachsten Behrden einzusetzen ber die Padrutzer
Erblande, Steuer-, Kirchen-, Verwaltungsbehrden, Gendarmerie,
Obergendarmerie, ein Heroldsamt, Unter- und Oberrechnungskammer. Man gab
den Metzgern die Lobensteiner Originalvorschriften ber das Schlachten, den
Bttchern einen erprobten Anweis ber die Zahl der Hiebe, nach denen ein
regelrechtes Fa rund wird; sollte es in dieser Zeit nicht rund werden, so
fange man getrost ein neues Fa an, denn aus dem widerwilligen alten wird
doch nichts. Um etwaigen Hungersnten vorzubeugen, belehrte das bewegte
Kabinett die Insassen der Padrutzer Erblande im vornherein, man knne mit
den Bissen in guten Zeiten sparen; ein Maul, das sich gewhnt htte, in
zehn und zwanzig Bissen einen Wecken klein zu kriegen, wrde viel eher dem
grausen Hungersgespenst entrinnen als eins, das Haps macht und schon ist
alles verschlungen wie ein biblischer Jonas von seinem gefrigen
Leviathan. Man hatte damals noch keine regelrechten Posten oder
Telegraphen; das Befrdern der herzoglichen Edikte stie auf
Schwierigkeiten; jetzt waren immer an zweihundert Mann mit Pferden, Wagen,
Gewehren, groem Proviant unterwegs, zogen zur Donau herunter, durch das
rauflustige Bayerland, auf Schlngel- und Schleichwegen, heimlich und
verschwiegen mit ihren gewichtigen Dokumenten, fingen, sobald sie zwischen
den Padrutzer Grenzpfhlen einrckten, ein grliches Tuten und Trompeten
an auf Lobensteiner Art und rchten sich in dieser Weise fr ihre
Verschwiegenheit whrend der Fahrt.

Die Padrutzer waren wie Bauern, kmmerten sich den Teufel um Grafen,
Patrone und Erbfolge, um Ekbert, Wien und die Nepomukgasse, stachen ihre
Schweine, fuhren ihren Mist. Wie der Lobensteiner Herzog fr das Regieren
sein Kabinett hatte, so hatten sie fr das Regiertwerden ihre drei
Schultheie. Die schwitzten sich zusammen auf ihren mtern die Kleider na,
wenn eine Fuhre Erlasse gekommen war. Als sie aber mit dem Lobensteiner
Stil nicht fertig wurden und ihre Frauen gewaltttig gegen sie verfuhren
wegen ihres langen Ausbleibens, hingen sie den ganzen Plunder an ein paar
Scheunentore, damit die Bauern selbst nachlsen, was sie tun und
unterlassen sollten, lieen die Sonne drauf scheinen, den Regen drber
gehen. Die Bauern besahen sich den Behang, wuten nicht genau, was das
bedeutete, und dachten, das mochte wohl zum Auslften dahngen oder von der
Art der neuen Herrschaft sein und waren damit ganz zufrieden. Als alle
greren Scheunentore des Hauptdorfes Padrutz behngt waren, und nun auch
die kleinen Kaschemmen und Kosstenbuden um ihre Erlasse einkamen,
bestimmten die Schultheie hochfahrend: Nein, wo das Papier bla geworden
ist, da gehrt neues hin. Diese Ungerechtigkeit trieben sie einige Monate
so, bis einmal vor die Kuriere beim Einzug das Schimpfen drang, warum sie,
die Kuriere, nicht selbst die Papiere an die Bauern verteilten und zwar mit
gleicher Hand; denn wer schon zehn schne dicke Lagen auf seiner Tr htte,
kriegte noch zehn mehr und ein kleiner Mann kriege nichts. Die aufsssigen
Bauern schleppten ihren lamentierenden Schulthei vor die erstaunten
Kuriere, verlangten Ordnung und Bestrafung. Die Kuriere stieen sich mit
den Ellbogen an, knauten hm hm und so so, schnitten sich eine Kerbe in
ihre Gewehrlufe, um diese absonderliche Sache nicht zu vergessen, gaben
vorlufig den Schultheien einen krftigen Kolbensto gegen die Schulter
auf Abzahlung, weil Gerechtigkeit in jedem Falle zum Lobensteiner Regime
gehrte.

In Lobenstein, dem Herzog und dem Kabinett hinterbracht, verursachte die
Meldung hchlichstes Befremden. Der Herzog tanzte in seinem blaugrnen
Schlafrock hin und her vor seinen Ministern, er schrie den ganzen sonnigen
Tag: Da haben wir's, da haben wir's. Als Ursache fr die ganze
erschreckende Angelegenheit entdeckte er gegen Abend, als er sich nach dem
Mittagessen erkundigte und die Schlotore zugemacht wurden, das Fehlen
eines Erlasses ber die Aufbewahrung von Edikten und Verordnungen in
Kolonien. Wie aber am nchsten Morgen nach dem Kaffee zur Unterschrift
dieser Erla hereingetragen wurde, sa der kleine Herzog schon auf dem
Balkon in voller prchtigen Uniform mit wallender Schrpe, hohen
Glanzstiefeln. Er trug ein rotes Jgerhtchen mit goldenem Trottelband, war
in heiterster Laune; mit seinem Fernglas blickte er nach Kurhessen herber
und sagte zu dem verblfften Kavalier: Heute schreiben wir nicht, rhren
wir keine Feder an. Heute wird geredet. Eins, zwei, drei, in einer
Viertelstunde sind alle Minister da! Die Minister strzten Hals ber Kopf
aus ihren Husern, banden sich noch im Laufen ihre Orden zurecht,
zwirbelten ihre Schnurrbrte und probierten mit ein paar Versen ihren
Stimmklang, denn seine Durchlaucht liebte es nur, wenn man mit tiefer
kloiger Stimme zu ihm sprach; das schien ihm respektvoll. Sie wischten in
das Schlotor herein, an den Schranzen vorbei; der probierte: Guten
Morgen, schne Mllerin, der lchelte: Frei ist die Schweiz, der grhlte
andchtig: Liebchen, du hast einen Fleck auf der Nas, einen Fleck, einen
Fleck auf der Nas. Sie waren so im Eifer und mit ihren Vorbereitungen noch
beschftigt, da nicht viel fehlte, da sie seine herzogliche Gnaden
begrten mit einem zarten: Guten Morgen, schne Mllerin und melodisch
Liebchen, du hast einen Fleck auf der Nas.

Der Herzog aber frisch gewaschen, adrett, in seiner strahlenden Uniform sah
sie ungemein verchtlich und berlegen an; sie wuten sofort, hier war
etwas geschehen, was vernichtend fr sie war. Der Klo sank ihnen in den
Magen. Der vierschrtige Kriegsminister suchte abzulenken, indem er
untertnigst fragte, ob Parade befohlen werde. Nein, nein, mein Lieber,
winkte der Herzog ab, lassen Sie mal. Bleiben Sie ruhig etwas da stehen.
Ich sage schon alles. Damit ging er mehrmals sbelklirrend an der
Herrenreihe auf und ab; der knpfte sich noch heimlich die Weste zu, der
polkte sich den Schlaf aus den Augen. Er blickte sie von Zeit zu Zeit
triumphierend an, winkte nach einer reichlichen Pause seinem Kavalier; er
solle Wein, Gernsheimer Auslese, bringen lassen. Trinken Sie nur, meine
Herren, ermutigte er; es war ihnen klar, er bereitete einen Schlag von
langer Hand vor. Na, fragte er dann den kirschroten Kriegsminister, der
einen viereckigen Mund hatte wie ein Nuknacker, und zwei Schultern, die
aussahen, als htte er sich zwei Prellblcke unter die Uniform gestopft,
was denken Sie nun? Was fllt ihnen nun ein? Der kaute nach einer Pause:
Die Gnade Eurer Durchlaucht. Der Herzog zum dickbauchigen Kultusminister:
Na Ihnen wohl auch nichts? Und dann lchelnd: Dann trinken wir noch
eins. Der Kammerdiener, wie eine Eidechse, brachte jedem ein frisches
Glas, es war Rdesheimer. Der Herzog spazierte weiter, hob den Finger:
Unbesorgt trinken. Dann: Wie steht's nun, Herr Kriegsminister? Als der
nur mit den Fuspitzen wackelte und etwas Tiefergebenes brummte wie Guten
Morgen, schne Mllerin, schttelte der Herzog nicht unbefriedigt den
Kopf, da seine Troddeln schwankten, blickte lange auf seine Reiterstiefel,
wippte versuchend seine schmchtige Figur hoch, seufzte beendend aus tiefem
Herzen: Na, nu setzen wir uns, meine Herren.

Er sah zu, wie sie auf den Sthlen Platz nahmen, bemerkte schwermtig: Ein
Herr nach dem andern; sechs Herren, sieben Herren. Ich bin der achte. Er
rckte gemtlich dicht vor sie, lchelte ihnen unter die Augen: Ja, da
sitzen wir nun, acht leibhaftige Herren, alles echte Lobensteiner, bis auf
unsern Konsistorialrat, der ist noch aus Zeuthen. Ja, Sie sind aus Zeuthen,
lieber Konsistorialrat, aber selbst Zeuthen ist nicht das Land, in dem
Milch und Honig fliet. Machen wir keine Vorreden. Die Gebrechen meines
Staates sind mir heute nacht durch den Kopf gegangen, die schweren
Ereignisse, ber die wir gestern konferiert haben, lieen mir keine Ruhe.
Durch Politik und unvergeliche Taten sind meiner Dynastie die Padrutzer
Erblande zugefallen, und: da haben wir's. Die Sache funktioniert nicht. Das
Land liegt zu weit von unserem Mutterland entfernt.

Der Kriegsminister beugte vor: Nher bringen geht nicht, aber ich mchte
vorschlagen, systematisch und sukzessive die zwischenliegenden Gebiete zu
erobern, die Armee ist bereit. Der Monarch spitzte khl den Mund: Sehr
richtig. Ist alles von mir schon erwogen. Wird fr spter geplant. Fr den
Moment schaltet dieser Punkt aus. Es liegt berhaupt nicht an dem Lande,
meine Herren; es denkt gar nicht daran. Das Land kann im Mond liegen. Das
Land ist unschuldig an dem ungeheuerlichen Affront. Sondern es liegt, und
da bog er sich ber den Tisch vor und spielte seinen ersten Trumpf aus, es
liegt an den Menschen, an den bodenstndigen leiblichen Padrutzern. Die
Minister blickten sich an, wie aus den Wolken gefallen, der Stoffel geno
ihre Verstrtheit, er donnerte siegesbewut: ndern Sie die Padrutzer, so
ndern Sie die Verhltnisse. Das haben wir bersehen, als wir das Land
eroberten. Setzen Sie die Menschen hin, die gehorchen, so tritt kein
Ungehorsam ein. In den Padrutzern steckt Gedankenarmut, Leichtfertigkeit,
Rebellenblut, vom jngsten bis zum ltesten. Ich rasiere das Land, schaffe
mir ein neues Padrutz. Der schattenhafte Konsistorialrat konnte nicht an
sich halten; er schrie: Es lebe Gro-Lobenstein, es lebe seine erlauchte
Dynastie. Die Minister, fortgerissen, schwenkten die Arme. Stoffel stand
auf, klopfte leutselig einem der Herren nach dem andern auf den Rcken:
Meine Herren, wir werden uns nicht lange unterhalten; wir werden
kolonisieren. Trinken Sie nur aus. Es ist guter Wein, selbstgepflanzt.
Lobensteiner mssen nach Padrutz. Ich mache keine Vorwrfe.

Die Vorhnge wurden heruntergelassen an dem Balkon; ein gedmpft angenehmes
Licht herrschte in dem zeltartigen Bereich. Denn der Herzog liebte es, sich
bewaffnet in Rumen wie auf einem Feldzug aufzuhalten. Man debattierte noch
hin und her. Den Ministern wurden die Stimmen freier. Dies war der
politische Auftakt zu groen, erregenden Ereignissen im Lande. Es erschien
am nchsten Morgen, getragen von bschelgeschmckten Soldaten, unter
Trompetensignalen, ausgerufen an den Straenecken, auf den Feldern, ein
herzogliches Reskript. Wie es sich begeben habe in Padrutz, wo die
bestgemeinten Erlasse an die Scheunentore gehngt wurden aus barem
Padrutzer Unverstand. Wie sich herzogliche Regierung bemht habe, dort in
dem fernen Gebiet Glck und Ordnung zu schaffen. Vergeblich, vergebens!
weswegen, weshalb und warum nunmehr beschlossen sei, die tchtigsten
Lobensteiner Bauern geradewegs nach Padrutz zu verpflanzen, auf da sie
dort Wurzel fassen, keimen und Blten treiben auf die herkmmliche Art.
Rundweg: Volksversammlung auf dem Gnsemarkt in acht Tagen. Trompeten
schmetterten, Ausrufer wischten sich den Schwei ab, Bauern und Brger
zogen weiter.

Der Gnsemarkt war eine riesige Flche Land. Da strmten nach acht Tagen,
wie nur die Sonne aufging, die Menschen zusammen. Es war ihnen allen
vorgeschrieben, was sie mitbringen sollten: den Bauern zwei Paar Stiefel,
ein Paar dreckige frs Land, ein Paar weniger dreckige fr die Stadt. Den
alten Weibern ber sechzig je zehn Flaschen Pfefferminzgeist und
Karmeliter, wenn ihnen blig wrde im Gedrnge, jungen Weibern Brausepulver
zur Beruhigung. Die Stdter hatten Nahrungsmittel fr zwei Tage und eine
Nacht zu bringen; der Grund war nicht angegeben; bei den Ministerialbeamten
aber war bekannt, da man den Bauern das Schleppen der vielen Lebensmittel
und noch dazu zweier Stiefelpaare ersparen wollte; man vertraute darauf,
da die krftigen Bauern, wenn sich Hunger bei ihnen einstellen sollte, den
Stdtern das entsprechende Equantum wegnehmen wrden, dazu den Weibern die
Hlfte der Flschchen. Man hatte Vorsorge getroffen, da der Schutt und
Mll des Herzogtums, der auf dem Gnsemarkt abzuladen war, schon drei Tage
vorher zurckgehalten wurde; so da also am Tage der Volksversammlung
mchtige Massen anfuhren und den Kehricht dampfend und staubend zwischen
die Menschen schleuderten; die Menschen, das berechnete man richtig, wrden
auseinander rennen und wenigstens um den Kehrichthaufen war kein Gedrnge.
Besonders viel Frauen und Mnner mit Beingeschwren, Hhneraugen und
Krampfadern waren aus dem gleichen Grunde eingeladen worden und zwar
planmig; man hoffte so Polizei zu sparen und Stauungen der Menge und
groes Gedrnge zu verhindern; die hhnerugischen Leute wrden schon im
Gedrnge, getreten oder gestoen, von Zeit zu Zeit ein derartig
mordsmiges Geschrei erheben, da sich die Menschenmassen wie Blasen von
ihnen abheben wrden, und so hatte man Fluktuation, Bewegung. Einzelne
Dorfbehrden waren tricht genug, den Einwohnern ihres Bezirks Hngematten
mitzugeben, zu bequemer Lagerung bei der Beratung usw., wobei sie ganz
bersahen, da auf dem Gnsemarkt keine Bume wuchsen, abgesehen von zwei
Wacholderbschen und einer Radieschenpflanzung, welche der Frau Raspel
gehrte. Es wre noch sonst mancherlei zu berichten ber die sonderbaren
und einfltigen Vorbereitungen zu dem groen Fest; zum Teil zerschlugen
sich diese Plne; so die Absicht des Frsten, sich dem Volk berhaupt nicht
zu zeigen, sondern unnahbar hinter einem blaugrnen Vorhang zu thronen, der
so gro sein sollte wie der ganze Gnsemarkt; man konnte in der Eile nicht
gengend farbige Leinwand auftreiben; schlielich: wie hoch sollte der
Vorhang sein, bis zum Himmel? Darber zerfiel die Sache.

Das groe Geheimnis des Tages war, da bis zuletzt niemand aus dem Volk
wute, was man denn auf dem Gnsemarkt sollte. Kein Minister wute es,
nicht einmal der Frst; weit gefehlt, das dies irgendeine der Instanzen
beunruhigte, erhhte es nur die Feierlichkeit der Stimmung. Es konnte nach
drei Tagen niemand leugnen, da die Sache auerordentlich drngenden
Charakter hatte. In den Ministerien sa man schwermtig herum; man zog sich
schon jetzt festlich an und trug smtliche Orden; man blickte erregt zum
Fenster hinaus und erschrak beim Knarren der Gemsewagen; man trank in den
letzten Tagen nur Rum und a eine gewisse Sorte gepfefferte Roulade, die,
von der Witwe eines bei Zeuthen gefallenen Feldwebels hergestellt, das
Allerheiligste des Ministeriums darstellte.

Am Tage vor dem Ereignisse wurden die Sachen des Herzogs auf dem Gnsemarkt
grndlich ausgeklopft; er selbst mute whrenddessen im Bett bleiben. An
solchen Tagen schwebte der Herzog in der grten Angst, da ein Attentat
auf ihn erfolgte oder da man sich unziemlich gegen ihn benehmen knnte,
denn wie Simson in seinen Haaren, fhlte er sich nur in seinen Kleidern
geborgen. Heute rief er rasch die Minister in sein Schlafzimmer, befahl,
seinen Holzelefanten, auf dem er Paraden abnahm, neu anzustreichen, und
irgendein vertrauenswerter Mensch solle statt seiner whrend des ganzen
morgigen Tages sich auf dem Ungetm aufhalten; er selbst werde auf dem
Pferde sitzen, so da also das Volk nicht aus dem Staunen herauskme, da
sein Herrscher einmal auf dem Elefanten, das andere Mal auf dem Pferde
se. Dies sei eine berraschung, die er sich fr morgen ausgedacht habe;
es wrde ein gewisses berirdisches Aufsehen geben. Die Minister bemerkten,
das wre ein grandioser Einfall, sie wrden alles recht in die Wege leiten.

Alles kam wie vorausgesehen; die Bauern brachten zwei Paar mehr oder
weniger dreckige Stiefel, die alten Weiber tranken Anis, die Hhnerugigen
schrien und der Mist dampfte. Dann gab's ein Lamento, weil die Bauern mit
den Hngematten nach Bumen suchen gingen und sich berall Weg bahnten, und
als sie keine fanden, rechts und links beschuldigten, man htte ihnen zum
Schabernack die Bume ausgerissen. Schlielich zogen sie ber den
Gnsemarkt hinaus, wo hinter den ersten Straen ein kleiner Park war, da
hingen sie ihre Gurte an, legten sich hinein, schimpften gewaltig, da sie
nun nichts von der Versammlung htten und die Huser stnden ihnen gnzlich
im Wege. Ein weiterer Trupp drang ganz frech in das herzogliche Schlo
selbst ein und mute mit Gewalt daraus verjagt werden; in ihrer Verfgung
stand, sie sollten nicht vergessen, dem Herrn Herzog guten Tag zu wnschen;
und weil der grauhaarige Bauernfhrer meinte, sein Gedchtnis wre schon
schwach, wollten sie es gleich bei der Ankunft abmachen. Man a und trank
und raufte sich; das Wetter war sehr schn. Als gegen Mittag alles verzehrt
war, die Bauern sich in den Hngematten ausgeschlafen hatten, wollte alles
zufrieden nach Hause gehen. Da sprengte der Frst aus dem Schlo hervor und
schrie: Halt! Rasch sagten die Bauern: Guten Tag und latschten weiter,
waren guter Dinge, da alles vorbei wre und ihnen nichts zugestoen. Der
Herzog rief nochmal: Halt. Und in demselben Augenblick tauchten an den
vier Seiten des Platzes mit erschreckendem Ernst Trompeter auf, schwenkten
Fahnen, und neben ihnen blitzten gepanzerte Herolde mit riesigen schwarzen
Schalltrichtern, die tuteten: es sollten alle Obacht geben auf den Herzog;
er wolle jetzt die Tchtigsten auswhlen, die nach Padrutz, dem gesegneten
Lande, bersiedeln drften.

Sofort entstand groe Zwietracht unter den Leuten. Wer der Tchtigste
ist, gifteten sie, das wollen wir mal sehen!

Sie ballten sich zu Haufen zusammen und bewegten sich nicht. Sie hielten
sich fest an den Rcken. Keiner luft hin zum Herrn Herzog. Das machen wir
erst unter uns ab.

Und so standen sie mit funkelnden Augen in zusammengeknulten Horden,
bissig einer den andern einklemmend.

Pltzlich keifte und keuchte einer: Was drckst du mich so. Willst mich
wohl schwach machen? Der andere: Hltst mich fr deinen Affen, da du mir
ein Bein stellst? Nimmst du das Bein weg! La du deine Hand von meiner
Schulter. Reingeschmettert kriegst du eins, da du Matthi fr Ostern
hltst und deine Backen fr eine Kesselpauke. Wo die Kesselpauke ist,
wirst du bald besser wissen, als wo dein Maul steckt. Und rasch sausten
die Hiebe. Die Fesseln lockerten sich. Zwei strzten in den Kreis hinein.
Die entfernteren bekamen es mit der Angst, da die beiden sich fr die
Besten hielten und hier ihren Entscheidungsmatsch ausfochten, lieen ihren
jeweiligen Gegner los, sperrten um die Kmpfenden mit ihren Leibern ein
Gitter. Rockzipfel, Kragen wurden frei. Haut euch! hetzten sie, freuten
sich und griffen sich dabei eisern um die Taillen. Nicht rauslassen, nicht
heraus! Zwei andere strzten sich aber in den Kreis, Vettern der Kmpfer,
ergriffen Partei, wieder andere wirbelten wie Hscher hinterher, einige
lauerten im Hintergrunde. Und diesen Moment benutzten ein paar lange Kerle,
die sich schon vorher bedeutsame Winke gegeben hatten, rasten wie die
Windhunde davon zum Herzog. Ein Wutschrei der Hinterbliebenen, eine kurze
Starre. Dann wlzte sich das strampelnde schlagende Feld ber den Markt,
mit Knuffen, Stoen, Wrfen, Purzeln. Die beiden Boxer blieben allein,
bearbeiteten sich das Fell, blickten pltzlich um sich, schrieen, gaben
sich verloren, verprgelten sich noch einmal in Verzweiflung und Ingrimm,
schleppten ihre Lcherlichkeit ber den Gnsemarkt.

Bei den Leuten, die mit den Hngematten gekommen waren, herrschte von
vornherein Eintracht; sie sagten zueinander: Wer mag wohl der Tchtigste
von uns sein, h? Sepp, lauf du! Und der lief. Damit waren sie zufrieden
und sahen sich alles in Ruhe an.

Der Herzog Stoffel sa in seiner prchtigen Generalsuniform auf dem Pferde.
Die Minister hatte er auf den Balkon geschickt, damit sie ihn gehrig
bewunderten. Blindlings sprengte er in die Menge, geradenwegs und in Bogen
sauste er, fnf Offiziere neben ihm. Er schwang den Ehrendegen, den ihm
sein Kabinett nach der Okkupation von Padrutz berreicht hatte, und schrie:
Hierher die Tchtigsten, hierher! Er ritt den Menschen voran, die ihm wie
eine Meute Hunde folgten. Wie der Blitz notierten die landeskundigen fnf
Begleiter die Namen derer, die zuerst Hals ber Kopf angeschossen kamen.

Ein Jammer war bei alledem der Anblick biederer Brger. Diese wrdigen
Mnner traten sonst ansehnlich als Seifensieder, Tuchverkufer in ihren
Lden auf, drckten sich als Brokraten gewichtig den Hosenboden durch. Der
Herzog sah sie stehen, spannte sich in dem Bgel hoch, schwenkte ihnen den
Degen zu. Die Ehefrauen keiften und stieen sie: Lauft doch. Sie drehten
sich verlegen, schielten hochrot um sich, probierten unglcklich ihre Beine
auf dem Fleck. Die Frauen schrieen: Er ruiniert uns, er ruiniert Frau und
Familie; die Kinder mssen betteln. Wo mssen denn die Kinder betteln?
Wir verlieren alles. Sieh, der kleine Drogenmax von drben luft schon.
Zieh dir die Stiefel aus, Vater. Stoseufzend lieen die Vter mit sich
geschehen: Gott mit uns; sie sockten davon.

Sooft Stoffel den Haufen wachsen sah, gab er den Offizieren einen Wink; sie
schwenkten um und horridoh! ging die Jagd einen unerwarteten Weg ber den
Markt. Whrend er am Balkon vorberritt, riefen die Minister herunter: Es
gibt Schwierigkeiten, Durchlaucht. Warum? Die Stadt wird leer. Lassen
Sie mich nur machen, rief er im Feuer seiner Ttigkeit zurck, galoppierte
weiter. Und whrend die Minister sich stritten, reizte, lockte unentwegt
sein: Hierher die Tchtigsten, hierher!

Einen drolligen Eindruck machten die Kaufleute, die sich nach und nach bis
auf die Hosen entkleideten und sachte Bogen auf Bogen abschnitten von einem
Kampfplatz zum andern. Sie trabten ruhig und geduldig. In dieser trgen Art
liefen ganze Gilden zusammen nebeneinander; es hie immer an der Spitze:
Jetzt geht's dahin. Jetzt geht's dahin. Whrend sie zuerst vor Eile die
Blicke nicht von dem Boden nahmen, sahen sie jetzt gelassen um sich. Sie
waren ganz friedlich, amsierten sich: Die Hutmacher habens aber mal
eilig. Immer mit der Ruhe. Bei diesen Kmpfern verbreitete sich das
Gercht, da es berhaupt nicht auf die Schnelligkeit ankomme; solche
Dummheit habe herzogliche Regierung nicht vor, sondern auf die Qualitt des
Laufens, die Beherrschung der Gangart. Die Vorsicht in der Bewltigung des
Gelndes, berhaupt auf die durchscheinenden Charaktere. Der Herzog wolle
auch sehen, ob sie zusammenhielten oder nicht. Und so explodierte von Zeit
zu Zeit, wenn der Herzog mit Halloh an ihnen vorbeiflitzte, aus der Mitte
einer geschlossenen Mannschaft ein kerniges: Hoch die Dynastie! Hie gut
Lobenstein! Dieser friedliche Wettstreit brachte ein gewisses mnnlich
ruhiges Element in das Hasten und Jagen.

Inzwischen vollendete der Herzog sein Examen. Die groartigsten Evolutionen
lie er sein gesamtes Volk machen, die Masse folgte in stufenweiser
Behendigkeit. Der Staub schwebte ber dem Markt, die Luft hallte von
Schreien, Brllen, Juchzern. Unter dem Trampeln wogte der Boden; der
Schwei eines ganzen Volkes machte die Luft feucht.

Vor dem Palast, zur Seite des Balkons, stand der hlzerne Elefant, sein
Leib war grn bemalt, die Augen rot, die Ohren schwarz und wei; das Ges
hatte man planvoll angestrichen mit den Farben Kurhessens. Oben im
blaugrnen Zelt sa ein einsamer Lobensteiner und lie es sich gut sein
beim Weine, hochbeneidet von den wissenden Ministern. Der Herzog hatte das
Arrangement lngst vergessen und brauste in heller Begeisterung an seinem
thronenden stummen Widerpart vorber.

Dann war der Streit beendet. Steifbeinig stieg Stoffel vom Pferd. ber
tausend Namen standen auf den Tafeln. Das treue Volk wurde entlassen und
nach Hause geschickt. Whrend sich tosend das dunkle Feld leerte, plumpste
eine reife Frucht vom Elefanten herunter ins Gras: Jetzt kommen wir;
hierher die Tchtigsten, hierher!

Nun verstrichen Wochen, whrend derer das ganze Land unter den
Vorbereitungen der Padrutzer Reise stand. Keine Kuriere wurden mehr dorthin
geschickt; man berlie die Padrutzer sich selbst; der Stoffel sagte, sie
htten kein anderes Schicksal verdient. Den Padrutzern schwante nichts
Gutes; sie dachten bei der eingetretenen Stille an die blanken Gewehre zu
Lebzeiten der seligen Philine, nunmehrigen Fouragehndlerin zu Prag. Die
Schultheie und ein groer Teil des Volkes machten heimlich Hab und Gut
mobil, um, sobald das Massaker losging, Reiaus zu nehmen. Der Bischof von
Prag, von Philine gedrngt, schickte den Schultheien durch Sendboten
seinen Segen, verhie den Padrutzern fr schwierige Flle freies Asyl.

In Lobenstein waren mit Weib, Kind und Kegel an dreitausend tchtige
Menschen auf die Beine gestellt, um nach Bhmen zu reisen. Festliche
Gottesdienste fanden allerorten statt. Eine Woche vor der Abreise
veranstaltete der Herzog eine groe Feier im Schlosse fr die Obrigkeiten
des Landes. Es kam bei dieser Gelegenheit auch die Frage der
Musikinstrumente zur Entscheidung, die gelegentlich whrend des langen
Marsches geblasen werden sollten. Nmlich verlockt durch die vielen
sonderbaren Begebenheiten, Feste und Affren in Lobenstein war damals grade
eine sdlndische Musikkapelle an dem Hof eingetroffen, welche dem Herzog
enorm imponierte. Sie brachte mit aus Verona ein wunderbar gebogenes Horn,
auf dessen einer Biegung ein schlafender Bernhardinerhund in Silber
angebracht war, ferner zwei verschiedene Posaunen, die je einen tiefen
krftigen Ton von sich gaben und wie Fernrohre von den Musikern vor die
Mnder gefahren wurden auf einem Holzgestell mit Rderchen. Der Herzog
hrte sich bei schnem Wetter tglich die neue Musik an und schalt auf die
einheimischen Knstler, die den Auszug der Kolonisten mit Trommeln und
Pfeifen begleiten wollten, was er im hchsten Mae ordinr und direkt
grlich fand. Als er bei der gedachten groen Feier wieder die Sdlnder
lobte, erklrte der bullenbeiige Kriegsminister untertnigst mit massivem
Klo, da sich die Instrumente anhrten wie das perpetuirliche Leibweh und
in Gegenwart von Frauenzimmern leicht unziemlich wirken knnen. Der Herzog
aber, der sich die Nase putzte, fand, es hre sich an wie das Rlpsen und
Rcheln eines Zugstieres voll Kraft und Zufriedenheit; soweit die Posaune.
Das gebogene Horn freilich mit dem silbernen Bernhardinerhund keifte
erbrmlich, und man knne dies nicht anders vergleichen als mit dem Schmerz
eines eingewachsenen Nagels am Fu, gnstigsten Falls wirke es beunruhigend
wie ein Faserchen Fleisch nach der Mahlzeit, das zwischen den Zhnen
stecken geblieben sei und sich mit dem Zahnstocher nicht fassen lasse. Dazu
fiele ihm zum berflu jetzt auf, da das Ding verschiedene Tne blase,
welche wechselnden uerungen fr ein Instrument von so gewaltiger Gre
wie eine Armbrust ungehrig seien und bei Brgern und Bauern leicht
schlechtes Beispiel gbe. So wurde bei der Gelegenheit allein die
welschlndische Posaune in die Lobensteiner Staatsmusik aufgenommen, das
Horn aber, trotz Anerkennung seiner unglaublichen Biegung und prunkvollen
tierischen Ausstattung, blieb den Fremden berlassen zu ihren brigen
Kinkerlitzchen.

Und im Monat Juni, an einem schnen Sonntag, luteten im ganzen lieblichen
Herzogtum die Kirchenglocken, gingen alle Menschen in festlichen Kleidern,
Musik und Tanz fing am frhen Morgen an; heute sollten die Lobensteiner
ihre Wanderung antreten. Die Erwhlten trugen blaugrnrote Bnder am Hut,
die bis auf die Erde schleiften; das Rot war zu den Landesfarben
hinzugekommen und bezeichnete das herzlich ersehnte Padrutz. Die Reisenden
benahmen sich seit der Volksversammlung gerade so, als wenn sie das groe
Los gewonnen htten; sie fhlten sich ganz als die Elite des Volkes. Einige
hatten sich gleich nach jener Auslese Siegel und Stempel angeschafft, und
wenngleich sie nicht lesen und schreiben konnten, so patzten sie berall,
wo es ihnen gut dnkte, ihr schnrkliges Wappen hin, als wenn es ein Titel
wre. Die Auserlesenen hielten im ganzen Lande zusammen, hatten geheime
Versammlungen und Beratungen, die nach auen immer damit endeten, da eine
Deputation an Stoffel abging und Treue ber den Tod hinaus schwor. Stoffel
sammelte solche Ergebenheitskundgebungen und klebte sie in ein Lederalbum
ein, das er spter seinen hohen Besuchern vorlegte. Ihre cker, Huser und
Gter hatte jene Elite lngst verkauft und verschleudert. Den Batzen Geld,
den sie bekommen hatten, verjubelten und vertranken viele, setzten
Stiftungen fr die hinterbliebenen Landsleute aus. Die vorsichtiger waren,
schlugen ffentlich unter Lamento irgend einen Hund tot, zogen ihm jammernd
das Fell ab und gruben den Leib in die Erde ein, nicht ohne heimlich ihr
Geld mit in das Grab fallen zu lassen; sie hielten ihre Habe in dieser
stinkenden Umgebung fr doppelt sicher. Von Kurhessen her erfolgte damals
ein groer Zustrom liederlicher Personen, die den vorhandenen Lobensteiner
bermut ausbeuteten; man sagte spter nicht zu Unrecht, da dieser Afflux
staatlicherseits von Hessen begnstigt wurde; wo Lobenstein ein Abbruch
getan werden konnte, war Kurhessen immer voran. Die Schankwirtschaften
schossen in die Hhe, ber Nacht bildeten sich Ruderklubs, Wandervereine,
Keglerbnde und hnliche Nichtstuereien, die sich mit einer Aureole von
Heldentum umgaben und auf allen Pltzen breit machten. Allgemein hie es in
der Nachbarschaft: in Lobenstein geht die Welt unter.

Unter Bllerschssen und Raketen setzte sich am Sptnachmittag der Zug in
Bewegung. Sie muten mit Pferd und Wagen und allem Gepck erst den
Rleberg hinauf und dann in feierlicher Prozession an der anderen Seite
herunter, wo der Herzog auf der Kuppe seines asiatischen Geschpfs sie an
sich defilieren lie; der Herzog meinte, dieses Hinauf und Hinab mache sich
weihevoll in der Abendbeleuchtung. Zweihundert Soldaten bedeckten den Zug
mit zwei Batterien, hundert voran und hundert am Schlu; der Herzog selbst
kam in einer sechsspnnigen Kutsche nach und begleitete die Kolonne fnf
Tage weit nach Deutschland hinein. Zigeuner, Diebsvolk, Dirnen,
Gaukelspieler erwarteten sie an der Lobensteiner Grenze in Massen, sie
umschwrmten den Zug wie Fliegen und Feldmuse.

Sobald man ber die blaugrnen Grenzpfhle hinausgeschritten war,
vernderte sich rasch das Bild. Das lrmende Treiben verbot sich von
selbst; man konnte nicht wissen, wie das von den anwohnenden Staaten
aufgenommen wrde. Das Einherspazieren mit Fahnen mute aufgegeben werden;
die Fahnen wurden sachte eingezogen und die ganze gestickte und bemalte
Herrlichkeit fuhr man auf verdeckten Ochsenwagen hinterdrein. Die Gaukler
und der ganze ble Tro roch frhzeitig den Braten, verzettelte sich,
flirrte durch Deutschland, war lange vor den Bauern in Padrutz, wohin sie
das Gercht der drohenden Ereignisse trugen. Still und geduckt, nicht
anders als sonst die Kuriere, muten die Lobensteiner jetzt ziehen. Was war
aus der schnen Staatsmusik geworden, aus den welschlndischen Posaunen, wo
lagen die Trommeln und Pfeifen, die man zur Reserve mitgenommen hatte?
Nicht besser als eine gewaltige Diebs-Bettlerbande zog man einher, bei
Nacht an den zweifelhaften Stdten vorber, bei Tag in Furcht vor jedem
hheren Kirchturm.

Bei Kinzelheim im Bayrischen, nchst der Stadt Augsburg, gab es eine groe
Affre. Kinzelheim war freie Reichsstadt geblieben und bte in seinem
kleinen Gebiet eine Souvernitt aus, die sich von besonderen
Gesichtspunkten leiten lie. Es herrschte da auf dem Magistrat neben den
eigentlichen Magistratsbeamten gewissermaen unbeamtet eine gelehrte
Krperschaft, der alle Juristen, Professoren, Historiker, rzte der Stadt
angehrten; an den Rathaussitzungen nahmen, das war Gewohnheitsrecht, immer
vier, fnf der Gelehrten teil; sie schrieben sich gewisse autonome
Funktionen zu; es war blich, da bei wichtigen Beratungen der
Professorenpartei direkt Stimmrecht verliehen wurde und sie trotz ihrer
privaten Natur eingreifen durfte. Nun waren durch die Napoleonischen
Feldzge, besonders durch die Truppenbewegungen nach sterreich zu, welche
mit der Schlacht von Aspern zusammenhingen, in der ganzen Umgebung von
Kinzelheim die Straen ruiniert worden; die fliehenden Truppen hatten
hinter sich von den Bergen herab Felsblcke auf die Straen rollen lassen;
rcksichtslos war jede Brcke demoliert, Wegweiser waren abgerissen oder
bswillig vertauscht; es herrschte um Kinzelheim ein kulturwidriges
Durcheinander. Im Rathaus standen sich zwei Parteien gegenber; die einen,
es waren die Gelehrten, hielten den Zustand belanglos fr die Entwicklung
der Stadt; sie betonten die Kostspieligkeit der Neuanlagen, ja der Verfall
der Straen wre opportun, weil er gleichsam eine Mauer um Kinzelheim setze
und der Stadt ihre eigenen Entwicklungsmglichkeiten garantiere. Sie sahen
nmlich mit dem zunehmenden Verkehr die Unabhngigkeit der Stadt gefhrdet.
Die andern von der Magistratspartei aber traten fr Ausbau der Wege und
freien Verkehr ein; hier ging man soweit, von Zollbndnissen mit Augsburg
und der brigen Nachbarschaft zu reden, von gemeinsamen Interessen mit
Augsburg, gemeinsamen Wegebaukommissionen. Es waren die Hndler, Krmer,
Steuerzahler, die so zu Wort kamen, die glaubten, fr ihr Geld auch etwas
haben zu mssen; sie waren wie immer wtend auf die autoritativen
Gelehrten, denen sie aber nicht beikommen konnten. Nachdem man sich
beiderseits mancherlei vorgeworfen hatte, wurde der Streit durch eine
Manahme des wegefreundlichen Magistrats auf die Spitze getrieben. Nmlich
die Ehefrau eines Brgermeisters hatte zu ihrer Steinkrankheit einen
berhmten schwedischen Arzt, der sich Lysarius nannte, aus der Lausitz, wo
er wohnte, zugezogen; der Fremde hatte damals nicht nur die Frau
berraschend schnell kuriert, sondern auch durch sein kenntnisreiches
weltmnnisches Wesen sowohl Gelehrte wie Magistratler fasziniert. Als die
Debatten ber den Wegebau erregter wurden, fate man im Rathaus den
Beschlu, sich diesen Schweden zu verschreiben, er sollte sich rasch in die
Materie einarbeiten und sagen, was er meine. Diese kompetente
Persnlichkeit war mit vier Dienern angefahren, hatte sich ber alles
orientieren lassen und sich dann kurzerhand auf Seite der Gelehrten
geschlagen. Er stberte im Rathauskeller unter alten Bchern umher, las und
kroch in die Kisten, bis sein langer brauner Bart voll Spinnweben hing, und
entdeckte schlielich ein Edikt aus der Zeit Karls des Sanftmtigen, wonach
alle Versuche, der Stadt Kinzelheim ihre Reichsunabhngigkeit zu nehmen,
als Hochverrat zu bestrafen seien; als Strafe war fr den mindesten Fall
der Pranger genannt. Heimlich stellten nun die Gelehrten, die ber den Fund
des Lysarius entzckt waren, Nachforschungen nach dem Pranger an, sie
konnten ihn aber in der Stadt nicht entdecken. So lange wollten sie nicht
mit der Sache hervortreten. Erst als der Nachtwchter ein Liebesprchen auf
dem Balkon eines verlassenen Hauses erwischte, -- ein Prchen, das durch
sein allnchtliches ungeniertes Schwrmen und Kssen Aufsehen erregte, noch
mehr freilich Neid eines benachbarten hagestolzen Ratsherrn, -- kam man
hinter das Geheimnis. Man sah, da diese sonderbar schwebende Laube, dieses
enge Asyl der Verliebten der ehemalige Pranger war. Noch konnte man die
Richtschwerter sehen, die beiderseits an den Wnden aus dem Stein gehauen
waren, noch blkte oberhalb der Laube eine scheuliche Frauenmaske die
Zunge; aber dem Prchen hatte der schreckliche Wust nicht die Brust
beklommen. Entschlossen holten die Gelehrten nach diesem Fund zu einem
Streiche aus. Sie schickten, als die Ratsversammlung ohne sie tagte,
Spitzel hinein in der Gestalt von Federschneidern, Sandstreuern, lieen auf
Blttchen notieren, was ein Mann namens Schaffelhuber dort geredet hatte
ber den Weg nach Strunzelbach, und denunzierten den Schaffelhuber sowohl
bei Gericht als beim Magistrat, da es sich um eine staatsfeindliche
Angelegenheit handele. Sie verlangten Gerechtigkeit ohne Ansehen der Person
und nach dem Buchstaben Anwendung des Ediktes Karls des Sanftmtigen. In
aller Form verlangten sie, da sofort in den Etat einige hundert Goldgulden
eingestellt wrden zur Ausstattung und Wiederherstellung des alten
Prangers. Die Erregung ber das entschiedene Auftreten der
Gelehrtenkorporation war allgemein; man war sicher, da die Gelehrten noch
andere Schritte planten. Der Name Lysarius' ging von Mund zu Munde; man
amsierte sich weidlich, was sich der biedere Magistrat fr einen Floh ins
Uhr gesetzt hatte. Am liebsten htte der Rat ihn sofort ausgewiesen, aber
man frchtete, es mit dem Knigreich Schweden zu verderben. Lysarius fuhr
so stolz durch die Straen; er war anzusehen wie die inkarnierte Arroganz,
wenn er mit halbverschlossenen Augen die Rathaustreppe hinaufstieg; seine
Diener in brauner Livree mit dem schnrklichen Wappen seines Herrn und dem
schwedischen Lwen rissen vor ihm die Tren auf. Die jungen Mnner in den
Kantinen schlossen Wetten, wer siegen wrde; die Bevlkerung begann sich zu
gruppieren, auf den Straen nach Gesinnung zu applaudieren und zu pfeifen.
Die Gelehrten blieben dickfellig, sie traten mehr und mehr aus ihrer
Reserve heraus und waren entschlossen, sich auf keine Konzession
einzulassen und den Schaffelhuber auf den Pranger zu schaffen, koste es was
es wolle. Da traf dicht hintereinander der Entscheid von Magistrat und
Magistratsgericht: beide Instanzen lehnten ab, auf das Edikt Karls des
Sanftmtigen zu rekurrieren, erklrten den Schaffelhuber fr frei und
gesetzlich; der Magistrat trieb die Sache sogar so weit, dem Beklagten, da
er Steinmetz war im Privatleben, den Strunzelbacher Weg zur Pflege zu
berantworten. Damit war der Krieg in brutalster Form erklrt. Die
Gelehrten erlieen Tags drauf eine Proklamation, die auf blaue zierliche
Zettel geschrieben an alle Mauern angeschlagen wurde: Recht, Ansehen,
Autoritt werde in Kinzelheim zum ffentlichen Gesptt gemacht, die
Grundlage menschlichen Zusammenlebens sei ruiniert, Magistrat und sein
Gericht strebten nach Tyrannei; nicht anders knne daher die Parole von nun
ab lauten als: Karl der Sanftmtige contra Schaffelhuber. Lanzen heraus!
Kinzelheimer, beit zu! Euer Heiligstes steht auf dem Spiel! Beide
Parteien gingen mit glhenden Backen herum; die Magistratler waren
gedrckt, weil sie ohne Hilfe der Professoren keine Gegenproklamation
verfassen konnten, und das Elaborat der Gelehrten stach ihnen, wo sie
gingen, mit seinem satten Meeresblau in die Augen. Lysarius, obwohl nur
Fremder, wenngleich Schwede, lie seine vier Diener mit sonderbaren
Hellebarden bewaffnen; sie lungerten in den Straen und tauchten berall
pltzlich auf, wo Menschen vor dem knstlerischen Maueranschlag standen und
einer sich anheischig machte, er wolle das Blatt abreien. Im Rathaus
schwitzten die Magistratler ihre Giftigkeit aus; auf sonniger Strae unter
jenem Pranger ratschlagten mit groem Pathos die Gelehrten; die wste Laube
war die Rednerbhne; und der Beschlu, den man unter Abnehmen der
bekrnzten Mtzen und Aufheben der Hnde fate, lautete: man wirft alle
Staatsgeschfte dem verrterischen Magistrat vor die Fe; Diplomatie,
Gericht, Unterricht, Gottesdienst werden den Kinzelheimern genommen, bis
da der Steinmetz Schaffelhuber auf dem Pranger angekettet schreit und die
Gassenjungen mit Kieseln nach ihm werfen. Die Gelehrten aber werden jeden
Stein zhlen, den er nach Strunzelbach legt und ihn heimzahlen. Sie nehmen
feierlich nunmehr vor aller Welt den Namen Karolinger an; sie verlassen
die Stadt und beziehen vor der Mauer ein Lager.

Und dies war der Zustand, in dem die reisenden Lobensteiner die Stadt
Kinzelheim antrafen. Sie hatten schon vorher bemerkt, da man sich einem
besondern Stadtwesen nherte, denn weit und breit waren die Chausseen
verlassen, Leichen gefallener Pferde verwesten auf den Straen, die cker
brach; eine drckende Stille in der ganzen Umgebung. Vorsichtig brach die
herzogliche Avantgarde in das verzauberte wste Gebiet ein; man mute auf
Strickleitern und Balken ber haushohe Steine klimmen. Wenn eine Kompagnie
sich an eine gefhrliche Partie machte, stellten zwei, drei Mann die
Nachhut, schossen: piff paff ihre Gewehre in die Luft ab, recht oft
hintereinander, um den Anschein einer groen Armee zu erwecken, auch die
Wandernden schossen, sobald sie die Hnde frei bekamen. So gelangten sie
nach drei mhseligen Tagen und Verbrauch vieler Munition an einen weiten
Platz, dessen letzte Barrikade sie unter Geknatter berwanden, als sich
ihnen unvermutet und erschreckend der Anblick eines mchtigen
wimpelgezierten Lagers bot; Zelte waren aufgeschlagen, Feuer brannten,
Tiere wurden getrieben, Menschen in unbekannten Uniformen mit wilden
Feldzeichen wimmelten in den Gngen; lautes Geschrei und Brodeln von
Stimmen schwoll. Stoffel, benachrichtigt, stieg aus seinem Wagen, schwang
sich auf seinen Hengst. Da er von dem langen Sitzen im Wagen mutig geworden
war, wollte er erst das Zeichen zum Angriff geben, zumal ihm sein
Kammerdiener einen samtumwickelten Feldherrnstab in die Hand drckte, mit
dem sich groe und mchtige Bewegungen machen lieen. Im letzten Augenblick
besann sich der Held aber auf die Regeln der Strategie, schickte eine
Umzinglungsmannschaft von achtzig Soldaten ab; einem Leutnant, der eine
gute Figur hatte, zeigte er dann den graden Weg ber den morgenlich
beschienenen Plan ins Lager der Widersacher, lie ihm eine weie Fahne
geben und die Augen mit einem Taschentuch verbinden; denn Stoffel hatte
gehrt, da ein Parlamentr nur mit verbundenen Augen sich dem feindlichen
Gebiet nhern drfe. Der Marsch des blinden Leutnants begann. Alle
Lobensteiner mit Sack und Pack machten halt, Allein ber den groen Sand
tappte der Parlamentr. Oft strzte er, manchmal, wenn er hochkroch,
verfehlte er die Richtung und kam mit vorgestreckten Armen auf die
Lobensteiner zurck, aber orientierte sich immer wieder an dem Brllen der
Khe im Lager. Denn nach den Stimmen der Menschen htte er sich nicht
richten knnen; wenn auch zuerst eine rege Bewegung von den Feinden
herlrmte. Bald lie alles nach; diesseits und jenseits standen die Scharen
stumm, auf einander gemauert, und beobachteten atemlos und staunend, was
der Leutnant mit den verbundenen Augen und der weien Fahne machte und ob
er sich wohl zurecht finden wrde. Die Karolinger hatten sofort erfat, da
er zu ihnen wollte als Parlamentr; Lysarius hielt es sogar nicht fr
ausgeschlossen, ja fr wahrscheinlich und verkndete volltnig, da man ein
nordisches Heer vor sich habe, das ihm zu Hilfe eile. Sobald aber der
Offizier in die Nhe eines Zeltes tappte, -- Stoffel strahlte vor
Vergngen, die Lobensteiner jubelten, -- die Fahne schwang und rief: Wer
da? Wer da? wichen die Karolinger vor ihm aus; keine Stimme antwortete; er
stand allein vor einer Lagerstange, die er abtastete, hrte dicht neben
sich die Khe brllen, ein Hund sprang an ihm hoch, beleckte seine Hand.
Den Karolingern schien der Vorfall im letzten Augenblick zu wichtig; sie
waren fortgeschlichen hinter die letzten Zelte und wollten beratschlagen.
Wer da, wer da? schrie der blinde einsame Offizier; ein ganzes Rudel
Hunde bellte besessen um ihn. Als der Herzog von seinem Pferd aus diese
Behandlung seines Abgesandten beobachtete, sah er darin eine schnde
Verletzung des Vlkerrechts; er gebot Ruhe, schwenkte mit der Linken den
Samtstab; die beiden Posaunen des Veronesen, die man rechtzeitig neben ihm
aufgestellt hatte, bliesen und drhnten mit warnender Gewalt ber das Feld.
Und whrend Stoffel den Degen mit der Rechten zog und an der Spitze von
fnfzig Reitern dahingaloppierte auf die blendende breite Sandflche
tauchte auf der anderen Seite des Lagers pltzlich die
Umzinglungsmannschaft vor den flsternden Karolingern auf, warf sich in
Schtzenlinie hin und legte an. Nicht Lysarius war es, der in diesem
gefhrlichen Augenblick der hchsten Verwirrung, der Todesrufe das Unheil
abwehrte, sondern ein lterer Gerichtsdiener. Diesem tat schon vorher der
adrette Leutnant leid, wie er so oft hinstolperte, sich den sauberen Anzug
beschmutzte und sich wehtat. Er war heimlich zu dem Offizier geschlichen,
hatte ihm die Binde abgenommen, ihn unter vielen Beileids- und Koseworten
abgeklopft; dann gebeten, an der Stange einen Augenblick zu verweilen. Er
selbst lief nun mit der Fahne, die er hoch schwenkte, spornstreichs an die
Beratungsstelle zurck. Wenngleich er die Fahne weniger schwenkte, um
Friedensliebe zu zeigen, als um seine Freude an dem schnen echt
lobensteinisch prunkhaft bestickten Instrument zu bekunden, so bewirkte er
doch, da man vorn und rckwrts halt machte, hben aus dem Sande sich
unmutig erhob und herberlugte, drben von den schumenden Pferden absa.
Der Herzog selbst stolperte, die Hand am Zaum, neben seinem Schimmel her;
er zog, von zwei Mann gefolgt, kaltbltig ins Lager. Der Parlamentr
salutierte; in einer Lagergasse trat Lysarius an der Spitze von zwanzig
alten Mnnern heran und rhrte sich dann nicht vom Fleck. Rasch sprang der
Parlamentrleutnant her, entwand dem verblfften Gerichtsdiener die weie
Fahne; hin- und herwandernd zwischen den beiden starren Gruppen vollzog er
Vorstellung und Annherung. Bald stand Stoffel in einem leutseligen
Gesprch mit Lysarius, der sich vergeblich als Souvern aufspielte, vom
Herzog aber wegen seines langen Bartes nicht estimiert wurde.

Was die Lobensteiner, die nun in Scharen friedfertig und neugierig,
anzogen, bei den Karolingern vorfanden, war so merkwrdig, wie sie nie
erlebt hatten. Die Karolinger hatten sich mehr oder weniger fragmentarisch
in geradezu vorweltliche Kostme geworfen. Alles, wessen man in Kinzelheim
habhaft werden konnte an Panzern, Arm- und Beinschienen, heldenhafter
Maskengarderobe, legendren Percken hatten sie an sich gerafft und trugen
es am lichten Alltag. Da tnzelte mit einem Besen in der Hand eine junge
Dame einher in grnem ungegrteten Kleid, blonde Haare bis auf die Hften,
von der Achsel an bloe Arme; sie fegte ein Zeltdach und war wie Thusnelda
anzusehen, htte sie nicht ein spitzbbisch kleines kokettes Mundwerk nach
allen Richtungen hren lassen. Man mochte von Karl dem Sanftmtigen und
seiner Zeit nur eine unklare Vorstellung haben, denn durcheinander hatten
diese Historiker geschlitzte grellfarbige Pluderhosen an, Brenfelle, die
vielleicht sonst als Bettvorleger dienten, Lederriemen, Fu- und
Kniebinden, die aus der Sdsee zu stammen schienen. Theatralisch
stolzierten junge Herrchen in roten und braunen Togen; sie schnitten
finstere, prhistorische Grimassen, lieen ihre gekruselten oder
aufgelockerten Haare von Zeit zu Zeit auf die Stirn und dann zurck in den
Nacken fallen; sie lugten eifrig, ob ihnen einer mit Gefallen zushe;
keiner von ihnen hielt die rechte Hand anders als unter der Toga verborgen,
den Dolch im Gewande. Friedlich spazierten neben der Rmerin klobige
Urgermanen, die ihre Stammesangehrigkeit durch mitgeschleppte Methrner
mchtigen Volumens, Fellkleidung und rasselnde Armspangen kundtaten; die
glatten Holzkeulen schwangen sie verbrdert neben dem kurzen Schwert jener
Gladiatoren; sie taten Wachdienst auf den Chausseen und vor den Stadttoren.
Das Zeitalter Ludwig des Vierzehnten hatte seine Vertreter entsandt vor
Kinzelheim; die Geistlichen gingen wie spanische Groinquisitoren in
wallenden Federhten, in engem schwarzem Talar mit Ordensketten. Nicht mehr
brauchten die Prchen sich nachts auf jenem verhngnisvollen Pranger
treffen; sie legten die Gewande der klassischen Liebespaare an, als Hero
und Leander begegneten sie sich und niemand konnte den Schlaukpfen mehr
die Aufwallung klassischer und authentisch belegter Gefhle verwehren. In
diesen heien Tagen erstach sich zahllose Male die unselige Lukretia,
Gemahlin des Knigs Tarquinius Collatinus, nicht ohne vorher von einem der
vielen Shne des Tarquinius Superbus mit schmachvoller Gewalt umarmt zu
sein. Den Lobensteinern wurde in der Umgebung schwl, mancher leckte sich
die Lippen. Der Herzog aber bewies ungerhrt materielle Gelste. Er lie
zum allgemeinen Erstaunen seine beiden Kanonen auffahren zwischen Stadt und
Lager, dann schickte er trotz der Vorhaltungen des Lysarius einige Mnner
in die Stadt, um in den Bchern nachzuforschen, ob eine Verwandtschaft
zwischen ihm und irgend jemand, gleichviel auf welcher Seite, bestnde. Er
plante dann die andere Partei niederzuwerfen und einige Lobensteiner hier
auf der Etappe anzusiedeln. Als sich nichts Verdchtiges ergab, der Herzog
auch keinen sonderlichen Gefallen fand an der Stadt und der Umgebung,
bestimmte er den Abzug.

Da zeigte sich bald, wie heimtckisch die Karolinger an ihm gehandelt
hatten. Nmlich zwei tchtige Lobensteiner Offiziere, darunter der
Parlamentr, waren zu den Gelehrten bergetreten. Bei Gelegenheit der
mehrfach gebten Ermordung einer gewissen klassischen Dame hatten die Opfer
vor ihrem jeweiligen Tode die fremden Henker ausspioniert und die so
erlangte Kenntnis schnurstracks bei ihren Vtern verbreitet; die
Karolinger, noch wtend ber das anmaliche Auftreten des entschwundenen
Stoffel, schickten alsdann Kundschafter weithin auf die Drfer und Stdte,
warnten vor den nahenden Lobensteinern; die htten wenig Geld, tten nur
schieen und wrgen und seien von einer ganz afrikanischen Wildheit. Sobald
Stoffel hiervon Lunte bekam, trennte er sich zorngeschwollen von den
Lobensteinern. Er kehrte mit achtzig Mann Bedeckung und einer Kanone um.
Von nun an waren die Lobensteiner ohne ihren Herzog und vollendeten allein
ihre Reise nach Padrutz.

Stoffel langte vor Kinzelheim in Krze an, wagte aber nicht, die Gelehrten
anzugreifen, weniger aus humanitren Rcksichten, als weil seine tchtigen
Offiziere schon eine ansehnliche Jungmannschaft ausgehoben und gedrillt
hatten und mit bemerkenswerter Verve daran gingen, den Sturm auf die Stadt
auszufhren. Er schlich sich nach Umgehung der Belagerer hinein zu der
Partei der armen Snder; so nannten sich die Magistratler, einmtig mit dem
zum Pranger verurteilten Schaffelhuber. Drin in der Stadt stockte jede
Rechtspflege, Verwaltung. Es ging drunter und drber; keine Kindtaufen
fanden statt, der Kster predigte am Sonntag, aber mit so bellender Stimme
und gromulig, da die verwhnten Kinzelheimer keine Freude dran hatten.
Wie gro die Wut der Eingeschlossenen war, lie sich auf Schritt und Tritt
erkennen; so stellten sie Tag aus Tag ein einen verkommenen Trottel in den
Mittagsstunden an den Pranger, angetan mit karolingischen Lumpen, zum
Schmerz der zurckgebliebenen Verliebten, die ihr Geheimasyl entweiht
sahen, sich berhaupt beeintrchtigt fanden gegenber ihren glcklichen
Genossen drauen, in jenem freien Paradies der Ebene. Stoffel tat drin so,
als schlsse er sich den armen Sndern an. Er lie auf die friedlichen
alten Mnner, die sich am Lagerrande ergingen, einen Ausfall machen. Unter
hllischem Krakeel, wilden Sprngen drangen die Lobensteiner Soldaten an;
fnf schne Mdchen von erlesener Grazie wurden erbeutet und die dazu
gehrigen Vter; sie wurden gefesselt und vor den Rat gefhrt. Jetzt
forderte Stoffel hochfahrend von den Karolingern seine Offiziere zurck.
Sie antworteten mit lateinischen Zitaten, die niemand bersetzen konnte.
Der Herzog, in eine auerordentliche Situation getrieben, angestaunt von
den Kinzelheimern, sann, wie er sich rchen und auch wahrhaft Gre
bezeigen solle. Erst dachte er die Gefangenen gebunden an die Erde werfen
zu lassen und auf der Mauer hinter seinem Wagen her zu schleifen; aber das
wrde nicht ohne Blutvergieen abgehen. So spannte er die fnf erbeuteten
Greise vor eine groe Egge auerhalb der Mauer; zehn Knechte muten zur
Seite gehen, mit geknoteten Peitschen die Mnner antreiben. Er selbst unter
dem Schutz einer trommelnden Kompagnie sa auf einem breiten Rollwagen,
angeschirrt an die Egge, und lie sich oben von den fnf liebreizenden
Karolingerinnen bedienen, die in Armesndertracht, dem Seil um den Hals,
Schenkendienste tun muten angesichts ihrer Brder und Geliebten in dem
Lager. Sehnschtig blickten die armen Mdchen herber; drben war es still;
nichts lie sich erblicken von rettenden Gladiatorenschwertern und von
Keulen. Was muten die Karolinger drben erdulden! Da senkte sich pltzlich
die Egge an einem Rain, in dem aufgeweichten Boden berschlug sie sich; die
Greise strzten hin, getroffen von dem Eisen kamen sie jmmerlich zu
Schaden. Ihr Wehegeschrei tnte ber das Feld. Die Snderinnen auf den
Wagen kreischten, sie warfen die Glser hin, faten sich bei den Hnden; es
wurde an der Lagergrenze regsam. Der Herzog, vertieft und verblfft,
bersah nicht rasch die Situation, obwohl gewarnt von einem Soldaten.
Whrend ungehindert vier der Mdchen vom Wagen herunter ihren Vtern zu
Hilfe liefen, schlang sich eine das Seil ab und warf es mit einem Ruck um
Stoffel. Schlagend und wlzend strzten der Herzog und das Mdchen von der
Plattform; der Strick lag fest um seinen Arm; er konnte sich in der
aufgelockerten Erde schwer erheben. Die Person verlor bei dem Fall das
Bewutsein. Er selbst beschmutzt, mit blutender Nase wurde wie ein Kind von
seinen Soldaten gerafft und noch rechtzeitig in die Stadt getragen, bevor
die feindliche Mannschaft, die aus dem Lager herjohlte, sie erreichte. Die
Egge, smtliche Gefangenen, dazu einige der begleitenden Knechte und
Trommeln fielen in die Hnde der Karolinger. Der Herzog war tagelang
gnzlich auerstande zu sprechen; er sa meist mit rotem Gesicht in seinem
Zimmer und bearbeitete Teppiche und Wnde mit dem Degen. Dann zog er seine
Mannschaft zusammen. Ohne der Stadt einen Gru zu entbieten, verlie er
Kinzelheim heimlich bei Nacht. Er kehrte in Eilmrschen zurck. Vor Scham
konnte er in Lobenstein zuerst seine Minister nicht empfangen; sehr langsam
stellte sich seine Ruhe wieder ein. Der Kriegsminister mute ihm
wchentlich Angriffsplne auf Kinzelheim vorlegen, spter lie er alles
fallen, erzhlte vor Paraden von einer ganz unmilitrischen Bevlkerung in
Bayern, die er wie Hammel htte zu Paaren treiben knnen, aber er hatte ja
Besseres zu tun: Eine Sandwste, was soll man in einer Sandwste? Und
auerdem Kinzelheim, haben Sie schon von Kinzelheim gehrt? Und alles
krhte mit ihm vor Vergngen; er klatschte seinen Reitstiefel mit der
Peitsche. Bald gehrte es auch zu den beliebten Gepflogenheiten der
herzoglichen Regierungskunst, da er gegen mifllige Personen auf dem
Ausweisungsdekret bemerkte: Gehrt nach Kaledonien oder Kinzelheim. Ein
Jahr drauf bekam er einen abschlieenden authentischen Bericht von der
sonderbaren Gemeinsame. In der Stadt und auerhalb der Stadt war bald
Hungersnot ausgebrochen; die neidischen verliebten Leute innerhalb der
Mauern benahmen sich rebellisch und wollten zu den Karolingern gehen. Die
alten Mnner drauen entbehrten der Pflege; sie sahen auch, wie ihre
Angehrigen in der Freiheit verwilderten, in die vorweltlichen Kostme
hineinwuchsen; dazu war niemand da, den die grauen Knasterbrte ihre
bsartige berlegenheit kosten lassen konnten; so fielen sie sich
untereinander an und kamen aus dem Keifen nicht heraus. Schlielich
verschwand Lysarius. Seine vier Diener erzhlten, da er gar kein Schwede,
sondern ein vielgewandter Barbiergehilfe aus der Niederlausitz sei; mit der
steinkranken Frau des Ratsherrn htte er eine Liebschaft gehabt; zu den
Karolingern habe er sich nur geschlagen, weil die nach seiner uerung so
dumm wren, da sie ihm nie auf die Schliche kommen wrden. Darum habe er
auch die ganze Aktion so betrieben. Man jagte die Diener mit Schimpf aus
dem Lager. Griesgrmig hockte man in den albernen Kostmen herum, fror, sah
sich gegngelt von einem Schwindler. Als die Vermittlungsverhandlungen
schon in die Wege geleitet waren, erschienen Ratsherren von Augsburg und
erklrten eine Einigung herbeifhren zu wollen. In den Karolingern flammte
der alte Stolz auf, sie lehnten jede Einmischung ab. Aber es war zu spt.
Die armen Snder, die Praktiker in den Mauern, hielten eine feste Hand ber
sich fr besser als einen gelehrten Mund. Sie luden Augsburg zu einer
Besprechung ein. Soldaten machten die Wege frei, massenhaft blkendes Vieh
wurde angetrieben unter das verhungerte Volk. Das Augsburger Wappen, das
Sulenkapitl mit dem Oleanderbaum, hing bald an dem Rathaus Kinzelheims.

Inzwischen bekamen die wandernden Lobensteiner alle Wechsel des Glcks zu
kosten. Ihre Fahnen stahl man ihnen von den Wagen, vielleicht wurden sie
auch von Marketenderinnen und Mitlufern verkauft. Sie trauten sich vor
Angst, als man entdeckt hatte, was fr dumme unter ihnen waren, nicht in
die Stdte hinein, die sie einluden. Da die Witterung schlechter wurde,
froren sie viel, verloren den Mut. Zerrissen und geschunden traten sie in
das neue Staatsgebiet ein, das von seinen Bewohnern fluchtartig verlassen
war. Die Padrutzer waren fortgelaufen, weil der schlaue Bischof von Prag im
Einvernehmen mit der Philine entsetzliche Nachrichten ber die nahende
Heeresmacht der Lobensteiner verbreitet hatte bei ihnen. Und whrend sich
die brige Welt amsierte ber die Lcherlichkeit des wandernden
Lobensteiner Volks, strzten die Padrutzer Hals ber Kopf von ihren alten
Wohnsitzen, aus ihren warmen Betten, sobald das Knarren des vordersten
Wagens sich auf der Chaussee vernehmen lie, fluteten beglckt ber das
leere Prager Gelnde, das der Bischof ihnen reserviert hatte. Er wollte mit
den Padrutzern nichts Besonderes anfangen, nur warten wollte er geduldig,
was aus den Lobensteinern werden wrde. Philine kehrte mit ihrem Gemahl und
einem kleinen dicken Mdchen manchmal bei den Vertriebenen ein, lchelte
viel herum und gluckste wie eine Henne im Stall. Dann tat sie so scharmant
mit einem Schulthei, da die Padrutzer trotz allen Respekts vor Lachen
tobten und sie heimtckisch einluden zu fterem Besuch, der ihnen einen
ganz neuartigen Spa bereitete. Philine war hochbeglckt in dem frohen
Kreise ihrer Landeskinder.

Die ersten menschlichen Wesen, welche den Lobensteinern an der Grenze von
Padrutz begegneten, waren jene Bettler, Zigeuner, Schauspieler und das
ganze durchtriebene Volk, das sie am Rhein verlassen hatte. Unter den
Girlanden und Ehrenbgen, welche die Gauner ihnen errichtet hatten, zogen
sie in die neue Welt ein. Es war genug Platz drin fr sie; Huser,
Stallungen, Schulen, Kirchen, hier und da blkte ein vergessener Hammel,
schlpften Kcken zwischen den Latten hindurch. Sonst war nur das Rauschen
der schnen vollen Obstbume, der alten Kastanien und das Summen einiger
Bienenvlker zu hren auf dem weiten verlassenen Gebiet. Die Lobensteiner
gingen wie Rentiers herum, die Pfeife schief im Mund und besahen ein jedes.
Alles lag und stand, als wre es einem pltzlich Verschiedenen aus der Hand
geglitten.

Rasch sprangen die Behrden ein mit Listen und Registern, in einem Tage
vollzog sich die Aufteilung des ganzen Gelndes. Keine Mihelligkeit, die
Lobensteiner waren gewohnt zu gehorchen. Whrend man noch mit dem Verstauen
des Gepcks, der Unterbringung des mitgetriebenen Viehs beschftigt war,
langte der erste Sto der Verfgungen an. Die Kuriere waren rascher auf den
Beinen als der anfngliche Tro. Und als wichtigste Verfgung wurde unter
Trommelwirbel der ganzen Gemeinde verkndet, da jede Verbindung und
Vermischung mit der neuen Umgebung verboten werde, ein fr allemal und in
Ewigkeit, jede Hinzuziehung fremder Arbeiter sei untersagt, die
Lobensteiner sollten sich und ihre Art rein erhalten; sollten etwa
Lobensteiner mit Auslndern Kinder haben, so wrden die nicht hher
geachtet werden vor dem Gesetz als Mulatten und Mongolen. Als das
notwendigste wurde ihnen bei der Verfgung daher die Grenzsicherung
bezeichnet; die Regierung befahl an, Stachelzune, Mauern und Fallgraben
allenthalben an den Grenzen vorzusehen, Gruben mit stinkenden oder
gefrbten Flssigkeiten anzufllen, damit Eindringlingen ein fr allemal
der Appetit verginge. Der nchste Kurierposten wrde einen Transport von
blaugrnen Schildern heranschaffen, welche berall an den zufhrenden
Straen anzubringen seien: Warnung! Todesgetahr! Lobensteiner Edikt 1829.

Von den mitreisenden Beamten wurde nach dem erprobten alten System regiert.
Als nun einige Bauern daran gingen, ihre Stlle aufzubessern, fehlte es an
Mrtel. So hie es in dem Lobensteiner Manuale fr Verwaltungstechniker:
man holt sich Mrtel aus Krummbach an der Lahn. Einer las es den Bauern vor
aus dem Buch; so antwortete ein Bauer: Dann gehn wir eben rber nach
Krummbach. Ja, gehen wir nach Krummbach; den Mrtel braucht man eben. Der
Registrator aber zupfte sich die Nasenspitze, meinte mrrisch, es sei recht
weit und der Mrtel wrde trocken bis da; er wrde einmal in einem andern
Buche nachsehen; er htte noch ein lteres. In dem stand aber nur, wie man
die Balken zusammenschlgt, da sie fest zusammensitzen und das Haus nicht
bei Sturm aus den Fugen geht. So sei es geschehen bei Quantberg 1408 im
November. Die Bauern meinten, es ginge auch so, aber mit Mrtel ginge es
noch besser, sie wollten doch lieber nach Krummbach. Da zupfte sich der
drre Mensch noch heftiger die blasse Nasenspitze, murmelte entrstet etwas
von Ungeschicklichkeit, unmodernem Wesen, sie knnten sich nicht in die
Verhltnisse fgen, und er wrde die nchsten Kuriere beauftragen, von
Krummbach einige Lasten Mrtel heranzuschaffen. Die Stellbauer nickten
friedlich und sagten: Schnen Dank. Bald kamen einige daher, zogen die
Mtze und sagten, ihre Pferde mten neu beschlagen werden. Der Registrator
hpfte auf seinen Schemel, tauchte in die Aktenmappe und verschrieb aus
Lobenstein einen Hufschmied.

Als bei den Pferdebesitzern nach ein paar Wochen noch kein Hufschmied
vorgesprochen hatte, stellten sie sich selbst an den Ambo, um das Eisen zu
schlagen. Sie verbrannten sich die Hnde, tobten und wimmerten, ohne etwas
zustande zu bringen, bis das Schmieden verboten wurde.

Da erschien eines Tages ein Zug von mehreren Mnnern auf der Landstrae.
Den Lobensteinern war verboten, Fremde einzulassen, aber die Neugierde war
bei allen Stnden gro, und so hatten die Behrden gestattet, da unter
strenger Aufsicht Reisende durch das Land geleitet und nach Neuigkeiten
ausgeforscht werden drften. Das besorgte eine bewaffnete Wegekommission.
Diese sa eines Tages vor dem Tore von Padrutz und blies Posaunen auf dem
Wall, wie sie es gewhnt war, um Reisenden den Weg zu zeigen. Da kamen
sechs Handwerker zwischen den Bumen daher, hrten erst neugierig zu,
flogen dann auf die tnende Musik wie Motten aufs Licht. Sie rannten rasch
wieder in das stille Land, als sie die drei mit Gewehr und Helm wie
Gendarme sitzen sahen. Die lieen sich nicht beirren, bliesen vollmundig
weiter. Jene sechs studierten aus dem Gebsch die eigentmlich ernsten,
enttuschten Mienen der Posaunisten. Es schien ihnen sogar, als ob bald
der, bald jener verstohlen nach ihnen mit der Hand winkte, freilich konnte
es auch eine versehentliche Bewegung sein. Ein Handwerker nach dem andern
schlpfte nach einer Weile aus dem Busch, auch wie versehentlich, ghnte
verschlafen, blinzelte gegen die Sonne, schlenderte ein paar Schritte des
Weges heran; sie unterhielten sich dann, zu einer Gruppe zusammentretend,
erstaunt ber die Musik, lieen sie andchtig ber sich ergehen und nickten
gelegentlich trumerisch mit den Kpfen. Schlielich faten sie sich unter,
trollten erquickt an das Tor und begrten die drei Musikanten. Sie fragten
nebenbei, ob sie nicht irgendwo Unterricht im Posaunenblasen nehmen
knnten; diese Musik htte es ihnen allen zumal angetan. Als man sich die
blitzenden Instrumente besehen hatte, baten die sechs um eine Unterkunft
fr die Nacht; was die Wegekommission nach abseitiger Diskussion huldvoll
gewhrte. Die schlauen Kuze nahmen im Dorfe Quartier. Sogleich fiel ihnen
auf, wie freudig man sie ansah, freilich auch, wie wenig eigentlich die
allgemeine Verwahrlosung in Einklang stand mit der herrschenden
Festesstimmung. Die Hausfrau erklrte, es fehle noch am Notwendigsten am
Orte, man htte noch keine Instruktionen ber die Zahl der erlaubten
Butterfsser usw.; es schwatzte nmlich jeder Lobensteiner, sobald er in
die Schule kam, von Instruktionen und gebrauchte gegen ahnungslose Menschen
unversehens den Kurialstil. Die Handwerker hielten die Augen offen,
durchschauten die Situation, und bevor sie am nchsten Morgen abgeschoben
wurden, baten sie, man mchte sie zum Hauptregistrator fhren; sie wten
allerhand Lebenswichtiges. Dem Oberregistrator erklrten sie in einem
scheunenartigen Gebude: die letzten Kuriere seien, bei Kinzelheim, wo ein
Lobensteiner sein Gewehr verloren hatte, berfallen und ihrer Papiere
beraubt worden; neue Kuriere kmen erst in sechs Wochen; denn inzwischen
fiele Fronleichnam, und der bestellte Hufschmied knne auch nicht frher
kommen, weil seine Schwgerin entbunden habe, einen reizenden dicken
Knaben, Paul heie er, geradeso wie sein Vater; aber kommen tte sein Onkel
nicht vor der Taufe. Der Registrator fand das sehr begreiflich, er dankte
ihnen fr den Bescheid, und wenn sie den Vater Paul wieder trfen, sollten
sie ihn schn gren, und ihm Glck und der jungen Frau ein gesundes
Wochenbett wnschen. Die Boten verneigten sich, wedelten mit der Mtze,
berichteten weiter: Der Hufschmied Paul habe sie beauftragt, ihn so lange
zu vertreten, rein privatim, fr eilige Flle, und den Neupadrutzern
vorlufig allerlei Handgriffe des Schmiedens zu zeigen. Wofern dies
angenommen wrde, wren sie bereit, stellten sich zur Verfgung usw. Man
war des sehr zufrieden. Die Handwerker waren zwar jung, aber von guten
Manieren und erweckten Vertrauen. Dazu drngte die Schmiedearbeit aufs
uerste; die Pferde hinkten im ganzen Lande; vor die Pflge spannten
couragierte Frauen ihre Mnner und sonstiges Gesinde; zu schwere Lasten
blieben liegen und das Land schien berst von Abfall. Man rumte den
Handwerkern ein schnes kleines Haus ein mitten im Dorf, setzte ihnen eine
Wirtschaftsfrau hinzu und hie die Frau, die Fremden ordentlich
herauszufttern, damit sie zu ihrer Arbeit gut im Stand wren. Die Schelme
lieen sich das gefallen. Sie erklrten, fnf, sechs Tage zu brauchen zu
den Vorbereitungen fr die groe Schau. Nachdem sie schn rund gemstet
waren, lieen sie vernehmen, sie wren jetzt so weit. Und am achten Tage
stellten sie sich auf dem Markt ein, mit einer Fahne, die noch weit ber
Lobensteiner Art war. Grn schillerte das Tuch; in einem roten Feld drin
sprangen sechs muntere Fllen und rupften das Gras; von allen vier Ecken
her schwammen veilchenfarbene Fische, es mochten Karpfen sein oder Hechte;
sie sperrten die Muler und schienen in das rote Feld hinein zu wollen.
Sogar die Fahnenstange war nicht ohne Pracht; sie hatte einen goldenen
Anstrich; in der Mitte der Stange stand auf einem kleinen Vorsprung, wie
auf einem Altar, ein ganz weier Mann, ohne Hut, mit einem riesigen
Zwickelbart; seine Augen waren geschlossen; er hatte eine richtige Klingel
in der Hand; es mochte sein, da er im Schnee ging und daher geblendet war.
Das Bild machte auf die Lobensteiner einen besonderen Eindruck. Sie trauten
sich nicht zu fragen, was es bedeute, um nicht lcherlich zu erscheinen vor
den Fremden, aber sie gingen immer auf und zu, besahen den stolzen
Fahnentrger und sein Kunstwerk; wenn er sich bewegte, klingelte oben leise
das Mnnchen mit der Glocke, und alle sechs Handwerker machten dann ein
ernstes, ja schwermtiges Gesicht. So viel war allen Lobensteinern klar,
da die Sache etwas auf sich hatte. Man fand sich in groen Haufen und
wartete auf den Verlauf der Dinge. In der Mitte des Marktes war ein Ambo
mit allem Zubehr gerichtet. Pltzlich ertnte zu aller Schreck ein Schu;
aus dem Fenster eines Hauses am Markte scholl Geschrei; eine Frau erschien
mit aufgelstem Haar, einen Rahmen in der Hand, brllte hinaus, der Spiegel
sei entzwei, die Waschschssel sei entzwei, ganz entzwei: Mord, Mord, man
schiet! Ungerhrt lud einer der Handwerker noch einmal und scho nach
einer andern Seite, whrend die fnf brigen ihn deckten und drohend die
Fahne rauschen, das Mnnlein klingeln lieen. Die Leute vor ihnen stoben
auseinander; ein paar Beherzte fuhren hinterrcks auf sie zu, was das zu
bedeuten habe. Hhnend erwiderten sie, das sei bei ihnen so Brauch. Da kam
aus dem angeschossenen Haus schon die Frau mit ihrem Rahmen gerannt, das
Gesicht puterrot, ihre Rcke flatterten, sie schwang einen Regenschirm,
zwei andere Frauen und ein Mann mit Feuerzange und Besen flitzten
hinterdrein. Die Handwerker zckten die Fahne auf sie wie einen Spie,
schrieen: Wehe, wehe ber Lobenstein; es wird vergehen wie der groe
Napoleon! Und damit nahmen sie ihre Beine in die Hand und rannten davon.
Sie konnten aber nicht so schnell laufen wegen ihrer ungewohnten
Leibesflle, schnauften in ein grade offnes Haus, dessen Besitzer nicht
anwesend war, und verbarrikadierten sich. Da saen die Schelme nun fest.
Sie waren die Tage vorher in Verzweiflung gewesen, wuten nicht, wie heraus
aus der Klemme, da sie Schneider und Schuster waren, aber keiner Schmied.
Das Essen schmeckte immer besser, und in ihrer Verlegenheit fingen sie an,
sich die Fahne zu sticken und zusammenzuflicken; sie hofften todesmutig auf
irgendeinen rettenden Zwischenfall. Die Beine schlotterten ihnen, als sie
auf den Markt zogen, das Gewehr hatten sie noch zu guter Letzt in der
Dachkammer des Hauses aufgestbert und mitgenommen. Jetzt scho der eine in
einer Art ngstlicher Berauschtheit, in einem unsicheren Gefhl, da hier
etwas geschehen msse, bevor der Registrator eintraf; der Ambo erschien
allen wie ein Richtblock; er scho in Todesfurcht und htte, wenn es sein
mte, die ganze Stadt und seine Kameraden erschossen. Die Lobensteiner
rissen aus, und die Gesellen, Hals ber Kopf, brllend flohen hinterher.

Ab und auf wogte die Menge vor dem Kastell; bisweilen steckte ein Schelm
den Kopf zum Fenster hinaus und schrie etwas Befehlendes in einer fremden
Sprache. Gegen Mittag erschien der uniformierte Oberregistrator vor dem
Haus. Sie riefen ihm zu, es liege ein Bruch des Vlkerrechts vor; man htte
sie verjagt, mit Besen und Feuerzangen bedroht. Wehe, wehe. Warum htten
sie geschossen? -- Geschossen? Das seien Salutschsse gewesen, wie sie in
ganz Bhmen, Mhren, Istrien, Venetien bis zur Lombardei herunter tglich
bei freudvollen Ereignissen losgingen; und wenn schon ein Spiegel dabei
zerbrche, was mache das aus! Ein Spiegel! Wehe, wehe! Sie wrden ihn
bezahlen. -- Dem Registrator wurde fade zumut bei diesen Reden; das
Vlkerrecht gebrochen zu haben, war fr einen Lobensteiner kein kleiner
Vorwurf; er hatte dazu das Bewutsein, berhaupt ein Unrecht begangen zu
haben mit der Zulassung dieser Fremden. Er gab innerlich klein bei und
parlamentierte herum. Da ffnete sich unversehens oben eine Dachluke, auf
einer Leiter stieg geheimnisvoll heraus an die Luft ein wei bemalter Mann,
anzusehen wie jenes Schneemnnchen, klingelte laut, eine Stille trat ein
und sprach einen furchtbaren Fluch ber Lobenstein aus. Dann sank er wie
ein Geist nieder. Es war ein entsetzlicher Moment; die Bauern standen da
wie Steine. In dem anhaltenden Schweigen pochte der Beamte an die Tr,
versprach Genugtuung. Aber lange dauerte es, bis sich drin etwas rhrte.
Die Tre ffnete sich. Stumm zogen die verstrten sechs Handwerker heraus,
reichten feierlich dem Regierungsvertreter die Hand. Ihr Schutzgeist, das
Mnnlein im Schnee, htte sie verlassen; das htte sie bekmmert; es sei
einen Moment von ihnen gegangen, eben im Huschen, von der Stange sei es
heruntergeschritten die Treppen hinauf; sie seien froh, jetzt stnde es
wieder ganz klein auf seinem Eckchen. Ein paar Lobensteiner Frauen chzten:
Des hat ja auf dem Dach gestanden; geklingelt hat es. Schwermtig winkten
die Gauner, scharten sich um die Fahne und blickten zu dem Klingelgeist
herauf. In der gesammelten Stimmung begegnete man nun einander mit Ruhe.
Der Beamte lud die sechs Fremden in sein Haus zum Mittagsmahle ein. Vorerst
bten die Gesellen an ihrer Fahnenstange eine umstndliche Art Neuweihe vor
dem Haus unter einer Laube, umzogen die Stange, murmelten allerlei,
besprengten sich und das ragende Holz, verhllten zum Schlu das
umfangreiche Mbel in ein bereitgehaltenes blaues Tuch. Nunmehr nahmen sie
auch den Fluch von Lobenstein zurck und begaben sich an die Mahlzeit. Dann
wie es Zeit war, hie es Abschied nehmen. Sie waren zu erschttert, um noch
zu guter Letzt, wie sie vorhatten, den Stallbauern ein paar
Schmiedehandgriffe beizubringen im Auftrag ihres verhinderten Freundes; sie
baten um den gern gewhrten Dispens. Von der Wegekommission unter
Posaunensten an die Grenze geleitet, sagten sie allen Hinterbliebenen
ihren Dank, sprachen auch den ausdrcklichen Wunsch aus, da jener
spiegellosen Witwe von Staatswegen Ersatz geschaffen wrde. Sie selbst
nahmen neben vielen sonstigen Gren eine Empfehlung an den Knig von
Bhmen mit, dem sie dienten. Es wurde von ihnen dem Anfhrer der
Wegekommission eine Art Schrpe berreicht, mit welcher der lteste der
Gesellen selbst paradiert hatte; unter Segenswnschen und beiderseitiger
Erleichterung ging es dann den Wall hinunter in das heimatliche stille Land
hinein.

Keineswegs war mit dem Abzug der sechs Schelme die Angelegenheit erledigt.
Der Anfhrer der Wegekommission bemerkte schon bald, nachdem er die Schrpe
angelegt hatte, einen eigentmlichen Geruch an sich. Er schmte sich, gab
das Blasen auf und schwand nach Hause. Whrend er in Anbetracht seiner
Auszeichnung wrdevoll spazierte, merkte er doch, da er hinterwrts
tropfte und da die Schrpe auch seitlich etwas sickern lie. In seiner
Kammer vor der Welt verborgen, stellte er fest, da das bunte Tuch mit
saftigen Kuhfladen gefllt war. Er htte drber geschwiegen, nur seine
Frau, die ihn im Verpacken der ungewohnten Massen antraf, meldete den
Betrug dem Amtmann, und heimlich vor dem Volk wurden im Scho der Padrutzer
Regierung Nachforschungen, Verhre und Beratungen angestellt.

Die Einwohner blieben ruhig. Man diskutierte fter, ob der Fluch des
Schneemnnchens seine Geltung habe oder nicht. Die mit der Sache nicht
Vertrauten berichteten ihren Bekannten, es seien Vertreter einer groen,
fischfangenden Nation dagewesen, aber abgewiesen worden, die Lobensteiner
gben sich nicht fr fremde Affren her. Whrend die Regierung noch beriet,
ob die sechs Gesellen Musikbeflissene oder Spione einer der umliegenden
Gromchte wren, verfiel das Volk in einen klglichen Zustand. Das Geld,
das die Leutchen wenig brauchen konnten, nahmen ihnen die Zigeuner und
Gaukler weg. Viele Padrutzer kamen aus der einmal berkommenen
Feiertagsstimmung nicht heraus; sie blieben bei ihren Gromannsmanieren,
der Spaziergngerei und dem Wirtshaussitzen. Sie waren die Auserwhlten und
bewiesen es in mannigfachen Wettlufen zu jeder Unzeit; es liee sich nicht
dran rtteln, wie tchtig sie wren, und sie lauerten nur auf den Moment,
wo sich junge Burschen der Nachbarschaft hereinverirrten nach Padrutz, um
sie einzuladen und mit Trompeten unterliegen zu lassen. Mit dem
Hereinverirren war es freilich solche Sache; die Stachelzune um Padrutz
waren hoch, viele Fuchsfallen hatte man gestellt und schon waren an
dreihundert Mann damit beschftigt, die Grben und schlau versteckten
Tmpel anzulegen, in die sich Eindringlinge strzen sollten; es stank im
Umkreis nach dem Unrat, den man hier anhufte. Reich waren die Seen und
Bche des neuen Gebietes an Fischen, starke Karpfen sah man sich tummeln,
ruberische Hechte und sonstiges Schuppengetier; man griff sie heimlich mit
den Hnden; aber Netze besa man nicht; es war auerdem noch nicht heraus
und stand nicht fest, ob die Behrden den bergang von Fleisch- zur
Fischnahrung billigten. Schon stach der Hunger und man verschlang, was in
die Hnde fiel. Da liefen traurige Rsonneure herum, die geradezu
behaupteten, sie knnten die Fuste nicht dauernd, bis alle Materialien und
Erlasse kmen, in die Tasche stecken, und die Glieder wrden ihnen klamm
vom vielen Herumhocken. Schne Weinberge gab es in Padrutz; scharf fuhr die
Polizei dazwischen, wenn sich solch Rsonneur an den Reben zu schaffen
machte; er solle gehen, wo er hingehre; welschlndische Sitten hier
einzufhren solle niemand sich unterstehen; man bliebe Lobensteiner unter
jedem Himmel. So trockneten die Weinberge; aber auch die cker wurden
schlecht bestellt und brachten wenig, herein durfte nichts, die Amtmnner,
Kommissare fingen an, selber unruhig zu werden. Es starben Leute weg, weil
sie schlecht ernhrt wurden; die Kinder sahen bla aus und quarrten. Die
Kommissare faten Mut, schickten Boten in die nahen Ortschaften, lieen
Brot und frisches Vieh aufkaufen. Nachts saen sie in Gebschen bei den
duftenden Tmpeln mit den Juden, die hier ehemals gehaust hatten, und
handelten. Bei Tag taten sie streng, sahen bernchtig aus und benahmen
sich zum Schein, als ob sie nicht bel getafelt htten. Erlasse und Verbote
liefen weiter ein; es besserte sich manches, aber das meiste lie sich
nicht ndern. Die Lobensteiner waren nur an Lobensteiner Verhltnisse
gewhnt, dazu an das Drngen und Schieben von oben; hier wute sich niemand
aus; sie trsteten sich, sie sthnten: Unsere Kinder werden es besser
haben.

Von der Unbehilflichkeit der Leute sind zahllose Geschichten im Schwange.
Sie alle zu erzhlen ist ein einzelner gar nicht fhig. Worauf die Leute
verfielen, zeigt sinnfllig die Geschichte von der Kuh. Eine Mutter hatte
ein kleines Kind, das sie mit Milch fttern mute. Weil sie nun viel
ausging und ihr Mann zu den eingebildeten Springern und Flaneuren gehrte,
so legte sie das Kindchen oft im Stall in eine Ecke, damit sie es gleich
zur Hand htte, wenn sie die Kuh melkte. Bald schien ihr auch das zu viel;
sie flocht sich ein Krbchen und band es der Kuh auf den Rcken; oben lag
in einem Bettchen das Kind und sie brauchte sich nicht zu bcken. Damit nun
die Kuh niemanden heranlasse und das Kind ihr nicht gestohlen werde, verga
sie nicht, dem Vieh einen groen Stein an den Schwanz zu knpfen, damit es
Angreifern eins vor die Brust versetzte. Es htte natrlich nicht viel
gefehlt, da statt dessen das unvernnftige Tier das Kindchen in seiner
Unruhe schlug. Wie die Mutter am Morgen das Tier wild mit dem Schwanz
fechten sah, -- sie hatte sich schon Bnderchen um den Kopf und eine rote
Schrpe umgehngt, weil heute ein noch unbekannter Heiliger durch eine
Prozession verehrt werden sollte, -- traute sie sich nicht an die Kuh
heran, denn das schlagende bewaffnete Wesen schien es nun auch direkt auf
sie abgesehen zu haben. Das Kind schrie nach seiner Milch und in ihrer Not
und Einfalt holte sie sich einen kleinen dnnen Schlauch, stieg, von dem
grimmigen Rindsvieh entfernt, auf eine Leiter, rutschte auf einem
Dachsparren entlang, bis sie ber dem Kindchen sa mit ihrer Spritze und
lie die Milch dem Kind von oben in den Mund flieen, sachte und unter
vorsichtigem Zielen. Es versteht sich, da das Geschpf sich oft
verschluckte und vllig begossen wurde; da auch die Kuh hin- und hertrabte
und nach den Beinen der schwebenden Mutter schnappte. Bei dieser Prozedur
kam eine andere Frau an, blieb im Stalleingang stehen und schrie, die
Mutter solle der Kuh ordentlich eins mit dem Schuh auf die Nstern geben.
Die Mutter tat es, und diesen Augenblick der Verblffung des Viehs bentzte
jene Frau, um hinterrcks anzuspringen, den Schwanz zu packen und den
gefhrlichen Stein abzuschirren. Froh kletterte die Mutter abwrts, lief,
um mit der Hand noch einmal die Schwere des Steines zu prfen. Die
Nachbarin aber hielt sie mit schlauer Miene bei der schnen Schrze fest,
steckte den Finger in den Mund, und nun setzten die ungezogenen Weiber
folgendes ins Werk: sie drehten sachte das Krbchen, aus dem sie das
Geschpfchen herausgehoben hatten, abwrts, lieen es an dem Strick, der um
die Kuh reichte, heruntergleiten um die Bauchwlbung des Tieres, bis es
unten hing. Da hinein versenkten sie den Sugling, nahe dem Euter und der
frischen Milch. Sie schlpften zurck und bewunderten von der Stalltr
entzckt ihre Arbeit, und wie gut das Wrmchen aufgehoben war an der warmen
Quelle. Es wre wohl alles so verblieben, htten nicht die Kuh selbst und
zwei daneben stehende Ochsen der Sache ein Ende gemacht. Das Kindchen noch
na, lie sein Stimmchen aus dem wogenden Versteck erschallen; die Kuh,
wahrscheinlich in der Meinung, da sie Bauchrednerin geworden sei, stand
stumm und unbeweglich, glotzte entgeistert und horchte. Die beiden Ochsen
stellten sich herzu, senkten die Kpfe und schwankten zwischen Ehrfurcht
und Mitgefhl, uerten sich in einem ungeheuren Brllen, fragend,
antwortend, trstend. Auf das unglaubliche Getse lugten einige Mnner
herein. Diese klrten die Situation allseitig. Sie holten das Kind; dann
nahmen sie ihre Hosengrtel und schlugen damit den Weibern ums Maul;
vielfach holten sie aus; die eine verlor dabei ihre Bnder, die andere
verwnschte ihre Schlauheit. Kuh und Ochsen fanden sich erleichtert.

Es wohnte da auch in einem dunklen Hause ein lterer Barbier. Der hatte von
seinem Vater ein groes Ofenrohr geerbt, welches unten zugeltet war. Warum
es zugeltet war, lie sich nicht mehr feststellen. Jedenfalls stand es
seit altersher in der Wohnstube des Barbiers. Eine besonders finstere Ecke
wurde stets ausgewhlt fr das Ofenrohr; da hielt sich das rauchschwarze
zylindrische Instrument auf, zwischen hochlehnigen Sthlen und Krben, die
vergeblich suchten, den ungewhnlichen Gegenstand zu verdecken. Das
zugeschweite Ding wurde von dem Barbier benutzt als Opferstock und
vorbergehende Depositenkasse; wenn er etwas wieder haben wollte, so nahm
er eine reservierte Schere seiner Barbierstube, deren beide Flgel durch
mchtige Holzgriffe verlngert waren und lie sie in die Tiefe nach der
Beute schnappen. Oder er griff zu einem bermig gestreckten Lffel,
scharrte und angelte am Boden. Die Rhre war mit nach Padrutz gewandert, in
dem Barbierhuschen hatte sie ihren angestammten Eckplatz gefunden. Einmal
ging der Mann am Feierabend in die Ecke, packte die Rhre bei ihrer
ffnung, wippte und drehte sie leicht, lie Schere und Lffel herabspielen.
Aber wie sie auch schnappten, sie fanden nichts. Der angeschweite Boden
hatte sich nmlich gelst von dem Rohr; Geld und Boden stand etwas entfernt
auf der Erde. Er schob alle Ksten, Koffer und Sthle beiseite, rollte die
polternde Rhre an das Fenster, richtete sie auf und begann das Visitieren
von neuem. Der Schwei lief dem kleinen kahlkpfigen Mann ber die
Nasenflanken, sein schmales graues Gesicht vibrierte: mit Lffel und Schere
spazierte er auf und ab, umging seinen Tresor, lie seine Fe dagegen
pendeln; aber kein herzliches Geld klapperte. Wie er auch entsetzt und
giftig ber die Rhre herfiel, sie drckte und rttelte, ihr Bauch blieb
still, es ist weg! Er hatte vor einer Stunde noch die letzten Heller
hinuntergeworfen, nicht aus dem Zimmer war er gegangen! Der Barbier lief zu
seinem Nachbar, der sein letzter Kunde gewesen war, holte ihn in die Stube
und fragte, ob er ihn nicht vor grad einer Stunde barbiert htte nach allen
Regeln seiner Kunst. Der schmunzelte: Ei ja, und seine Frau habe ihn
bewundert, weil er so schn gerochen htte und acht Heller habe er dafr
geleistet: Ei ja, ist schon alles recht. Der Mann wollte dem Barbier
wieder die Hand geben, aber der verngstigte Mensch hielt ihn beim
Rockkragen: Und die acht Heller, die hab' ich da aus dem Fenster
geschmissen oder aus dem? Ei nein, brummte der andere und nahm die
Pfeife aus dem Mund, wie wirst du denn meine guten acht Heller aus deinem
Fenster werfen. Das Geld steht zwar schlecht im Kurs hierzulande, aber hast
sie dir doch sauer verdient an meinen Stoppeln. Er lachte behaglich,
betrachtete seinen Mann zweifelnd. Der lie den Rockkragen los. Es ist
weg, die acht Heller sind weg; die zwanzig Heller fr Pomade sind weg; das
ganze Geld vom langen Tag ist weg.

Der Nachbar begtigte unverndert lchelnd: Ei nein. Wie wird doch das
ganze Geld weg sein, fr die Pomade und das Barbieren? Wo wird es sein? In
der Rhre, in der Rhre; bei der alten Tante. Der Barbier auf dem
niedrigen Schemel, der mit Blutflecken bedeckt zum Zahnziehen diente,
sthnte: Nicht bei der Tante. Resolut nahm der Nachbar Lffel und Schere
vom Fensterbrett, suchte erst in der Ecke nach dem Rohr, stieg am Fenster
in den Abgrund. Er machte den Mund nicht wieder zu. Flsternd kam er hinter
dem Barbier her: Bist du nicht rausgegangen? Nicht rausgegangen.
Giebst dein Wort drauf, Barbier? Da pfiff der Nachbar, ging auf den
Spitzen mit Lffel und Schere ans Fenster, legte alles vorsichtig
nebeneinander, schlpfte ohne eine Silbe, nur mit der Hand den Barbier
leicht am rmel streifend, zur Tr hinaus. Allein sa der kleine Meister in
der Stube mit der schwarzen Ofenrhre.

Nach einer Viertelstunde stiegen drei Mnner unter Fhrung des Nachbarn
ein, flsterten mit dem Nachbarn, der zeigte: Da am Fenster. Sie hatten
alle vier bebnderte Mtzen in der Hand, taten sich ein Langes und ein
Breites mit Dienern und Gren vor dem Barbier im Angststuhl, umstanden,
Arme ber den Leib geschlagen, im Kreis die schwarze stille Blechrundung.
Der Nachbar klopfte dagegen: Es ist Blech. Die nickten: Blech, von oben
bis unten. Als ein jngerer die Fingerspitze nach dem Rand ausstreckte,
hielt ihn mit hohen Augenbrauen ein anderer zurck: Was mut du gleich
anfassen? Der ernste Nachbar bog die Knie, stelzte zum Barbier, hauchte
ihm gebckt ins Ohr: Verhext. Der Barbier stellte sich leicht zitternd
unter sie; die drei neuen befhlten nacheinander das glatte Kinn des
offiziell dreinschauenden Nachbarn, der auch seinen Geldbeutel klappern und
drcken lie. Im Gnsemarsch zogen sie hinaus, schttelten drauen ihre
Jacken. Vorbergehend sagte der Nachbar noch, nicht anrhren sollte der
Barbier die Rhre; wer wei, wenn man sie sich ber den Kopf zieht, wird
man unsichtbar und nachher findet man nicht heraus oder was sonst.

Am nchsten Morgen rckte die Bauernkommission an, sechs Mann stark, nahm
vor der Tr den blanken Barbierteller ab, damit sie keiner stre und begann
das Untersuchen. Zwei Goldgulden hatte jeder mitgebracht, darauf das
Kreuzzeichen mit Kohle gemalt. Das graue Mnnchen rollte seine Rhre in der
dunklen Ecke; dann wurde er beiseite gewiesen. Ein Bauer trat nach dem
andern an die Hhlung heran, warf seine Gulden herunter. Man hie den
Barbier nun das Mbel ergreifen, und whrend alle beiseite traten, an das
Fenster wlzen und aufrichten. Gewichtig trampste ein Bauer an das Regal,
nahm Schere und Lffel herunter und fing an nach abgelegter Jacke zu
scharren, zu angeln und zu schnappen. Es whrte geraume Zeit, bis er
ablie. Von allen Seiten versuchten sie ihr Heil, schweitriefend scharrten
sie sich um das wackelnde Rohr und unternahmen Angriffe. Nunmehr hie der
Anfhrer der Kommission den Barbier, das Rohr zu kippen; zwei Mann luden es
sich auf die Schulter und postierten sich damit vor ihren Befehlshaber. Der
lie Platz machen und schaute in die Hhlung hinein. Er setzte sich auf
einen Stuhl. Als das Fenster geffnet war, richtete er sich auf, schttelte
den Kopf: Der Boden ist durchsichtig, vllig durchsichtig! Man sieht den
leibhaftigen Himmel. Die brigen nahten sich hintereinander, das
Kopfschtteln und betretene Herumblicken nahm kein Ende: Man kann den
Himmel erblicken durch den Boden. Der Barbier hatte die Nacht ber geweint
nach seinem Geld; nunmehr drckten ihm die Bauern einer nach dem andern die
Hand, sahen ihn ernst und gefat an und verschwanden. Drauen standen sie
noch in einer Reihe unter dem Scheunendach, guckten und zeigten nach dem
Haus herber. Bald hinter ihnen her spazierte der Nachbar mit Frau und
Schwagersleuten herein zum Barbier, sie hatten die Kommission drauen
parlamentieren hren und wollten einmal sehen, was die Rhre blicken lasse.
Abwechselnd hielten sie das Blech auf ihren Buckeln; der Nachbar uerte
befriedigt: Ja es ist ein schner Durchblick. Und alle sahen hindurch und
freuten sich des schnen Himmels; und erzhlten zu Hause, welch schnen
Himmel man dies Jahr durch die Wunderrhre des Barbiers sehen knne, so da
am selben Nachmittag schon welche gelaufen kamen mit Wrsten, Pulswrmern,
Messingknpfen, Schnupftabak und zu der Stube hereindrangen. Der wollte
wissen, ob man auch fragen knne, wie es der Schatz mit einem meine, der,
wie das Bier wird, der, ob das Rohr auch wisse, wo Geld vergraben liege; er
wte nmlich ein sonderbares Loch in der Nhe. Der angestaunte Besitzer
ging erregt durch das Zimmer: Man mu halt alles versuchen: fragt's mich
nicht. Die Haare knnen einem zu Berge stehen ob dero Geschichten. Er
erinnerte sich in all dem Gedrnge, da sein Grovater, der erste Besitzer
des Rohrs, ein frommer, seliger, freilich auch verdchtiger Mann gewesen
sei, sofern er nmlich unter merkwrdigen Umstnden starb mitten beim
Essen, nachdem er dreimal auffllig mit dem Mund geschnappt hatte. Das war
ein Zeichen, er hatte etwas sagen wollen wegen des Rohrs. Ein altes Weib
tat wehmtig einen flchtigen Blick durch das Rohr, dann machte sie den
Mund ganz schief, schluchzte und bellte: Man kann den Himmel sehen samt
den Englein. Mein Philipp ist da, ja mein Philipp ist da. Ein dickes
junges Wesen mit vielem Putz trstete die Witwe, meinte: Ich schau nicht
durch. Das Wasser luft einem im Mund zusammen. Der Magen knnt' sich einem
umkehren.

Der Barbier machte hinter den Leuten die Tr zu; er stellte das Rohr in
seinen finstern Winkel, legte das Ohr an das Blech; er hrte es deutlich
flattern und pfeifen von vielen himmlischen Vgeln; dann gab es eine
bengstigende Stille. Er warf einen Heller hinein, wartete etwas; dann
kniff er die Augen zu, fate sich ein Herz, angelte und schttelte das
Blech. Die Buben standen vor dem Fenster, schrieen: Gold macht er, Gold
macht er. Er drohte hinaus, zog die Vorhnge zu, schmunzelte bsartig:
Nun, wenn ich schon Gold mache; ihr kriegt nichts ab, verschmutztes
Gesindel.

Mariandel hie seine Tochter, sie war nicht sonderlich schn; sie erlebte
in diesen Tagen eine feine Zeit. Die Burschen liefen ihr zu Dutzenden nach.
Sie lie ihre bse Zunge, wegen der sie auch gehat war, gehen, fischte
sich die am meisten umschwrmten Burschen heraus und fhrte ein groes
Getue mit ihnen beim Kirchgang und auf dem Marktplatz. Die Burschen, ob der
drohenden fabelhaften Mitgift, lieen die Weinflaschen anspringen,
schmeichelten der drren eitlen Person um Schulter und Brust. Die Mdchen
weinten zu Dutzenden. Ein furchtbares Regiment fhrte sie, ja der ganze
Tanzhoden zitterte vor ihr, und manche Wirte klagten ber das hochmtige
Volk, weil die Barbierstochter den groen Schwarm der Burschen hinter sich
herzog und sich nach Laune bald da, bald da blicken lie.

Fr den Barbier lief die Sache nicht gut ab. Ein anderer Bartscherer trug
gegen ihn eine groe Wut zur Schau, weil zu dem Zauberer die Leute liefen
wie in eine Schenke; es hofften nmlich viele, der Barbier wrde
gelegentlich etwas fr sie abfallen lassen. Jener Bartscherer gewhnte sich
in seinem Grimm ein besonderes Zucken der linken Backe an; er kehrte den
Spie um; der alte Barbier und Kollege sei ein Hexerich, und was fr einer,
und was es da zu bewundern und was es zu beneiden gbe? Seit wann werden
Hexeriche angestaunt? Wer garantiere, was dieser Mann alles vor habe?
Alles, alles, noch alles! An euren Frchten soll man euch erkennen; man
frage einen gewissen Wirt zum Goldenen Elch, wie lange sich nchtens eine
gewisse unansehnliche Dame, Frulein oder Jungfer, Mariandel geschimpft, in
einem gewissen Garten mit Burschen aufhalte, heute den, morgen den, und
bermorgen den umhalse? Wie gewonnen, so zerronnen, hiee es, und ferner:
Untreue schlgt seinen eigenen Herrn, und ferner: es ist noch nicht aller
Tage Abend. Der Widersacher, in seiner mageren Existenz bedroht, bestimmte
einige ausgeschlossene Freiersleute, dazu eine kleine Horde unbegterter
Mdchen, sich ihm anzuschlieen und einen Vorsto zu unternehmen gegen das
Hexen- und Zauberwesen im neuen Padrutz. Sie schmiedeten mancherlei Plne
und schlielich wurde ein Komplott reif gegen den Barbier. Eines sehr
dunklen Abends rckte eine Schar Mdchen mit wenigen Mnnern in den Garten
zum Goldenen Elchen ein, schwang Besenstiele und Stangen, vertrieb und
prgelte die hinter Bumen lauernden Burschen, die auf einer Wiese kosende
Mariandel wurde aus ihren Trumen gerissen, windelweich gegerbt, alsdann
gebunden in eine entfernte Scheune transportiert. Inzwischen marschierte
der hetzende Widersacher mit seiner Mannschaft vor das Barbierhaus; ganz
still war es da und schne Sommerluft wehte; der gewandte Mann schwang sich
anschleichend durch ein offenes Fenster, wand sich ohne zu poltern in die
Nhe der gefhrlichen Rhre und pltzlich, als er den Barbier schnarchen
hrte, gab er einen lauten Schrei von sich, die Mannschaft strmte herein
durch die springende Tre. Eine rasende Schlgerei entspann sich mit
Mbeln, Gegenstnden, denn man frchtete berall Hexenkram. Der Zauberer
suchte in seiner Todesangst nach dem Rohr zu entwischen; sobald er nackt
den Angreifern ausglitt und fortschlpfte, stand der andere Pomadenknstler
drohend mit seinem Knttel da, wie der Erzengel vor dem Paradies, und die
Hiebe sausten auf den kollegialen Buckel. Wie man ihn im Finstern
berwltigt hatte und zwischen Betten festgeschnrt auf den Boden legte,
strzte unvermutet das Rohr um; es hatte sich nmlich der Widersacher unter
heftigem Zucken seiner Backe daran zu schaffen gemacht, um hinterrcks zu
seinem Glck zu kommen. Aber in dem kleinen Zimmer purzelte alles
durcheinander; mehrere rutschten aus ber das rollende Blech; es war im Nu
verbogen, und wurde von einem, der sich die Hose daran aufri, in der Wut
zertreten, zerbogen und vllig seiner Form beraubt. Nachdem die hllische
Schar das Geschirr im Laden, Seifenbecken, Waschkanne und Zierkrge kurz
und klein geschlagen hatte, verschwand sie im Dunklen, von wo sie
angeschwirrt war. Unter den heien Betten wimmerte der geprgelte Barbier;
die unansehnliche Tochter wurde vor Anbruch des Tages noch von drei
Mdchen, die in ihrer Rachsucht nicht schlafen konnten, zwei- dreimal in
einen der nahen Stinkseen getaucht und so besudelt am Ufer hingeworfen. Mit
der nchsten Morgensonne ward alles aufgedeckt. Der Barbier erstattete
Anzeige, er sah sich vor dem Ruin. Bei der ersten Vernehmung jedoch lie er
die Anklage fallen, denn er durfte nichts von dem Zauberrohr verlauten
lassen vor der Behrde. So wre der graue geplagte Mensch schrecklich von
dem Schicksal gefoppt worden, nachdem er sein Rohr, viel Handwerksgeschirr
und manchen Kunden verloren hatte. Aber wie er einmal auffegte in jener
dunklen Stubenecke, sehnschtig bei der Erinnerung an sein Rohr, erfllte
sich ein Wunder: pltzlich lagen da, von Staub bedeckt, zahlreiche blanke
Goldgulden und massenhaft kleine Heller. Auch der Boden des Rohres lag da,
freilich das Trmmerstck war ganz gewhnliches Blech und nicht mehr
durchsichtig. Beglckt und geqult sammelte er alles zusammen; er dachte,
am Boden hockend, den Fund im Scho, was sich alles htte erreichen lassen
mit dem Rohr, wenn es sogar in der Abwesenheit an seiner Wohnstatt Geld
hinstreute, wie eine Henne, die nach ihrem Tode noch Eier legt. Als er
jegliches in Gedanken durchgegangen war, hob er sein mageres Krperchen
auf, legte alles Geld in seinen Beutel, umstellte nun die Fundstelle, wie
frher das Rohr, mit Ksten, hohen Sthlen und Germpel. Er gelobte in dem
ungezunten Revier ber Jahr und Tag wieder zu fegen. Die miachtete
Mariandel wagte sich kaum ans Licht; sie war von ihrer Hhe gestrzt. Es
dauerte lange, bis sie ihr Znglein wieder entdeckte, und das Znglein,
nicht mehr als zehn Zentimeter lang, fnf breit und krbisrot, half dem
schweren verzagten Krper wieder auf. Mit Schnattern und Sticheln kam
Mariandel wieder angerckt. Das Geheimnis der Ofenrhre hat bis heute kein
Lobensteiner entdecken knnen.

Im Laufe von wenigen Monaten vollzog sich in Padrutz ein mchtiger
Umschwung. Die Beamten, die das Volk zugrunde gehen sahen, duldeten
bedenkenlos mehr, da Fremde eingelassen wurden. Insbesondere war die
Sehnsucht der alten Padrutzer gro nach ihrer Heimat. Philine schmeichelte
zwar, sie mchten zusammenhalten, aber sie mischten sich mehr und mehr
unter die Lobensteiner, wurden Glubiger der lustigen Rheinlnder und
setzten sich nach und nach in ihre Huser. An den Herzog Stoffel lie man
nichts verlauten. Er wute nicht, da nach einer scharfen Hungersnot viele
Stacheldrhte entfernt und die Stinkseen eingetrocknet wurden, da die
Beamten die alten Landstraen wiederherstellten. Ihn ehrte man nach wie vor
mit den frhlichsten Berichten und feierte seine Erlasse, die zweifellos
nach dem Abgang der Kuriere in einen der Seen versenkt wurden, friedlich zu
heimlicher Nachtzeit. Die Scheunentore, wie einstmals die alten Padrutzer,
wagte man nicht zu behelligen. Was fr Flle man dem Stoffel in dieser Zeit
zur Beurteilung und Anweisung unterbreitete, soll an dem Beispiel der
fatalen Tr gewiesen werden.

Da hatte man in ein sonst unbrauchbares Huschen ein altes Mnnchen
hineingesetzt, das dort allein wohnte. Einige Zeit, nachdem die Erregung
ber den Barbier verklungen war, verfate dieses Mnnchen eine Eingabe an
das Padrutzer Amt, da auch er in einem verhexten Hause wohne. Drei Tren
gbe es hier, alle, soweit er sehen knne, gut gezimmert und in Angeln
befindlich, aber keine vermchte er zu schlieen. Soviel man an den Klinken
zge, die Tren fielen nicht zu, und er sei, soviele Schlosser er auch
gefragt habe, nicht mehr imstande, mit privatem Verstand die Sache zu
klren und sich vor Zugluft zu schtzen. Zwei behrdlich ernannte Schreiner
wurden angewiesen, die Tren herauszunehmen, alles gut abzumessen, zurecht
zu hobeln; ein Schlosser hatte von neuem das Schlo zu kontrollieren. Alles
vollzogen, lief eine neue jammernde Eingabe des Greises ein: nichts sei
geholfen, die Sache vielmehr erschwert. Bei den Bemhungen, die Tre zu
schlieen, htte er sich schon die Fe zerschunden; dick seien sie und
verbeult; nur in Filzschuhen knne er noch gehen. Man lud den klagenden
Herrn auf das Amt; es erwies sich, da er tatschlich in Filzschuhen ging;
auch waren seine Fe rot und in einem unschnen Zustand allgemeiner
Schwellung. Die Berichte von Schreiner und Schlosser ging man durch, die
Tren seien nunmehr vollkommen und fgten sich in den Rahmen wie ein guter
Lobensteiner in das Gesetz. Der Schlosser resmierte sich: die drei
Schlsser sind tadellos, tten schnappen und schlieen, wie man wolle;
alles sei freundlich und adrett, da man seine Freude an dem artigen Ding
haben knne. Aber die Fe des Greises sprachen dagegen; er trug nicht ohne
Not Filzschuhe. Ein junger Beamter, ein Referendar, wurde damit beauftragt,
Pantoffeln und Fe des Greises zu beschreiben, dann die Akten
zusammenzubinden und mit dem nchsten Kurier nach Lobenstein an den Herzog
Stoffel zu schicken. Stoffel, im Besitz des Manuskriptes, dachte lange ber
den Fall nach; der Verdacht der Hexerei war nicht von der Hand zu weisen.
Ein Entschlu war eilig zu fassen, da man frchten mute, da dem
verdienten Greis die Fe gnzlich abgequetscht wurden. Er schrieb: Die
Fe des Greises sind mit Speck einzureiben und nicht zu benutzen, bis sie
sich verdnnt haben; das Huschen schlage oder schiee man ohne viel
Aufsehen zusammen. Der alte Mann geriet auer sich, als ihm dieser
Entscheid wurde; er weigerte sich, sein Haus zu verlassen, und der gute
Speck jammere ihn. So griff die Regierung zu einem Gewaltmittel, um den
offenbar Lebensberdrssigen zu retten. Sie versteckte eines Abends sechs
Mann in dem Huschen und ebensoviel vor der Tr, alle scharf bewaffnet, um
einen eindringenden oder entweichenden Schatten sofort zu stellen; sollte
sich nichts ergeben, so wollten sie den Todeswtigen kurzer Hand im Schlaf
packen, herausschleppen und das Gebude anznden. Als die sechs nun
verstreut im Hause herumlagen, sollten sie die Sache in einer
berraschenden Weise geklrt sehen. In der Dunkelheit schlurrte der alte
weitsichtige Mann an, suchte auf dem Tisch unter Ksetellern,
Zeitungsblttern und Kartoffelpellen nach seiner Brille; die fand er nicht,
aber einen Teller und mehrere Gabeln warf er herunter, so da er mrrisch
davon abstand herumzukramen und in dem fast leeren Zimmer ab und auf
spazierte; der Greis konnte offenbar nicht den Abstand der Gegenstnde
richtig schtzen, denn er ging forsch auf nahe Dinge los, auf einen Stuhl,
gegen das Bett, auf das Fenster, rannte im Sturmschritt gegen sie an. Mit
Bedauern sah die versammelte Mannschaft, wie der verehrte Greis in seinem
Ungestm Beulen und Blessuren davontrug und nach kurzem Ausruhen die Jagd
von neuem begann. Nebenan lag eine Kammer. Die Beobachter stellten fest,
da der Interpellant mit einem gewissen Argwohn vor der Tr herumschritt,
sich ber seine Fe ein Paar ungeheure Wollschuhe zog, die ihm von der
Regierung zur Verfgung gestellt waren. Ein khler feuchter Zug kam herein
von nebenan; er schien den Greis zu beschweren. Er wich der Zugluft aus,
stellte sich vor die Tr, ging wieder seitlich und rckte abermals an. Man
sah, nicht er war der Angreifer. Mit einem Sprung packte er die Trklinke
und ri die Tr wie einen Bock bei den Hrnern. Aus den Ecken, unter den
Sofas richteten sich blasse Gesichter auf, Gewehrlufe wiesen ihre
Mndungen gegen den Kampfplatz. Pappelnd und murmelnd arbeitete der Greis,
ein lautes Sthnen schwang aus seiner Brust; aber wie er zog, die Tr ging
nicht zu. Ein Ingrimm schien den alten Mann bei den Schultern zu schtteln;
er trommelte und spuckte gegen die rabiate Tr, er trampelte mit den Fen
gegen die Fllung, und schon hatte er sie wieder bei den Hrnern und
zerrte. Aber statt des ersehnten Einschnappens hrte man nur das
Jammergeschrei des Geklemmten. Ein Fhrer der Mannschaft unter dem Sofa
vergo Trnen bei dem Anblick, es war ein klgerer Bauer, den das Unglck
der Lobensteiner gewitzigt hatte; er sah wie der Alte sich zwischen Tr und
Schwelle klemmte; ja, zwischen Tr und Schwelle stand der altersschwache
Lobensteiner Mensch, mhte sich die Tre zu schlieen und wunderte sich,
da unten seine armen gepanzerten Fe gequetscht wurden. Neben diesem
Fhrer lag einer, der flsterte: Wir mssen ihm die Brille geben; er wei
nicht, wo er steht. Der erfahrene lchelte wehmtig: Die Brille macht's
nicht. Er rumte heimlich die Porzellansplitter vor sich weg, gab den
andern ein leises Signal, whrend der gequlte Greis in den hchsten Tnen
Zetermordio schrie. Dann schmetterte ein Soldat einen Teller gegen die
Wand; in gellender Angst strzte der Greis, der sich von seinem Qulgeist
bermannt glaubte, auf den Boden. Und nun packten ihn die Soldaten,
schleppten ihn vor das Huschen, nagelten rasch die Haustr zu. Die
benachrichtigten Nachbarn, hinaustrabend ins Dunkle, fanden den Alten bei
halber Besinnung vor seiner Wohnung hingestreckt. Sie fragten ihn, was
geschehen wre; er jammerte verwirrt, tastete nach seinen Fen, sie muten
alle seine Fe anfassen und sagen, da sie noch dran wren. Er wurde von
den gutmtigen Leuten, da er nicht zu seinem Sohn ziehen wollte,
aufgenommen. Von seinem Wunsch, in dem Teufelshaus zu wohnen, war er
geheilt. Die Nachbarn banden ihm seine Brille an einer festen Schnur um den
Hals, so konnte er sie nicht verkramen; die Fe heilten sie aus mit Binden
und lauem Fencheltee. Dem Herzog Stoffel wurde der erfreuliche Verlauf der
Sache mitgeteilt; er war befriedigt, da in seinen Landen sich nichts
berirdisches und Abnormes ereignete. Aber er sann doch ernst in dem hohen
Vortragszimmer vor sich hin: wie rasch das Augenlicht der Menschen abnehme;
ob es sich nicht empfehle, schon frhzeitig die Lobensteiner daran zu
gewhnen, eine Brille zu tragen. Freilich; es sehe nicht schn aus: aber
man knnte vielleicht fr die Fe der Bauern Vorsorge treffen; bei krftig
entwickelten Fen des Greisen wre es auf die Ste der Tr nicht zu
Schwellungen und Schmerzen gekommen. Schmerzlich sei ein Hhnerauge nur,
wenn es vereinzelt vorkommt; dagegen breit ausgedehnt ber die ganze Flche
des Fues knne es nur wohltuen. Die Minister notierten ehrerbietig die
Weisung.

In Padrutz wurde es Winter. Das Land hatte ein anderes Gesicht bekommen,
auch das Volk sah anders aus. In Amt und Wrden saen noch die Lobensteiner
Beamten, Registratoren, Oberregistratoren, Kirchenbehrden. Ihre Gaukler
aber waren in die weite Welt zerstreut. Bei Fremden taten viele der
Auserwhlten Dienst, in Husern, die ihnen selbst einmal gehrt hatten, und
waren damit zufrieden: denn berall in der Welt, so sagten sie, mu einer
befehlen und einer gehorchen. Sonderbar waren manche anzusehen, die als
Knechte Dung und Stroh fuhren und dabei nicht von ihren blaugrnen Schrpen
lieen, mchtige Uhrketten aus Tombak trugen und allabendlich im Wirtshaus
die hohen stolzen Lieder von Lobenstein und dem Stoffel sangen. Die
Fremden, teils Bhmaken gewhnlichen Schlages, teils ehemalige Padrutzer,
blieben in der Minderzahl; sie behandelten die Lobensteiner wie groe
Kinder, aber auch boshaft, mit Ironie und als Ausbeuter. Wo die Fremden
konnten, lieen sie die Lobensteiner ihre Dummheit spren; sie engagierten
sich aus ihnen Spamacher und Tlpel zur Belustigung der Familien. Darin
sahen die Lobensteiner nichts; denn jene gaben ihnen Brot und Arbeit und
waren ihre Herren. Die Fremden luden sich von weither, aus Prag und Wien,
Gste ein und zeigten ihnen ihre Tlpel, die groen gehorsamen Deutschen,
die mit Bndern und Ringen einhergingen, von ihrem fernen Herzog sangen und
die Windel der Kinder wuschen. Sie lockten auf jede Weise die eigentmliche
Leichtglubigkeit der Lobensteiner zutage, und hier ist wieder eine derart
traurig-spaige Geschichte zu melden und lt sich schwer unterdrcken.

Die Fremden hatten einen Schornsteinfeger mitgebracht, der viel mit den
Lobensteinern zusammensa und sich an ihnen delektierte. Dieser erklrte
eines Tages, er knne den Blitzschlag aus den Wolken herunterholen; er
wolle eine Wette schlieen auf zehn Gulden, da er es vermchte. Die
Lobensteiner fanden, das wre ein billiges Geschft fr eine so groe
Sache, schlugen ein und vertagten sich bis zum nchsten Gewitter. Als nach
ein paar Tagen die ersten Wolken hinter dem Gemeindewald heraufzogen, stieg
der Schornsteinfeger, ein langer Schlacks mit veilchenblauen Augen, auf das
Dach des Wirtshauses und benahm sich da oben sonderbar unter Pfeifen,
Flten und Herumtnzeln, als ob er das Gewitter verlocken wollte. Wie er
lange genug gewinkt hatte und halsbrecherisch seine dnnen Knochen ber die
Schiefer schleppte, standen auch ein Hufchen schwarzer Wolken ber dem
Dorf; es grollte recht vernehmlich, dicker blhte sich oben das finstere
Getmmel, das Rumoren nahm erschreckende Formen an. Und immer noch lie der
Schornsteinfeger nicht ab zu locken, zu rufen, zu winken. Pltzlich ri
sich der erste gezackte Blitz vom Himmel los, krachend warf sich der Donner
hinterher und prasselte seinen Grimm aus mit Hall und Widerhall ber
Straen, Trme und Giebel. Gleich nach diesem Vorkommnis tnte die Stimme
des Schornsteinfegers herunter: Teller herauf, Geschirr, Glas, Porzellan,
was ihr mir bringen knnt. Der Lobensteiner Widerpart unten im Gastzimmer
kaufte in Eile dem Wirt ab an Flaschen und zerbrechlichem Hausrat, was sich
entbehren lie, schickte es nach oben durch eine Magd. Und nun hrte das
Flten auf dem Dache auf; zwischen den langsamen schiebenden Geruschen der
geballten Luftmassen, klatschte und klirrte es Schlag um Schlag in den
Kamin hinein, auf den Kochherd, splitterndes Glas, zerknackendes und
zerstubendes Porzellan; in Angst schrieen die Gesellen in der Stube, sie
verkrochen sich vor den Splittern in alle Ecken, unter Tisch und Sthle.
Dabei schrie der Dachbewohner zum Himmel: Hoho, so so, so so, noch
einmal! Immerhin erreichte er durch seine Manahmen schon, da es im
Umkreis nicht einschlug; noch aber brummten und kolksten die Wolken und
hatten sich nicht entleert; und pltzlich fing es erst richtig an, das
Unwetter, das mit grausamem Pauken- und Trommelschall um die kleinen Huser
toste. Da benahm sich der verregnete Schornsteinfeger wie ein Narr. Man
hrte ihn jauchzen in den Pausen zwischen den Donnerschlgen: Jetzt hab,
ich ihn! Noch einen! Immer her, immer ran! Den Moment, wo es am Himmel
aufflammte, machte er einen Satz in die Hhe, sperrte die Hand auf, griff
zu in die Luft und steckte die geschlossene Faust sofort in die Tasche.
Einen Lacher stie er aus, wenn es hell wurde, das Gewitter erschreckte ihn
nicht, er arbeitete droben in seinem Element. Als eine lngere Stille
eintrat, rief er atemlos durch den Schornstein herunter: Sepp, so hie
sein Hauptgegner, komm ran, fa zu. Schon hab ich ihn. Ich schick dir
runter den ersten Beweis, ho ho, vom Blitz. Sollst sehen, ho ho! Ich hab
ihn, ho ho, den Beweis. Sepp stelzte vor, streckte die Hnde und Arme aus
unter den Schornstein, dabei duckte er sich etwas, weil es eine schwere
Last werden mute. Und whrend er wartete, regnete es herunter, eine heie
Flssigkeit, immer ber die Finger weg, und dann einige absonderliche
weiche latschige Klumpen, die von den Hnden und Armen Sepps herabliefen.
Der stieg mit seinen Beweisen wieder ins Zimmer zurck, wagte sich erst
verdutzt, wie er war, nicht an den Tisch, sagte unter der Hngelampe
stehend: Man mcht's fr was Menschliches halten. Die anderen Wetthalter
krochen heran, hielten sich die Nasen, tupften hinein: Aber brhwarm ist's
noch. Sepp besttigte unsicher: Wie das heie hllische Feuer brennt's.
Sie standen mit dem Wirt um den betroffenen Sepp herum, der seine Arme und
Hnde von sich abhielt und sie mit den Augen alle um Entschuldigung zu
betteln schien. Sie sagten: Gekommen ist's doch von oben? Freilich von
oben, ganz von oben. Sie schwiegen und blickten sich an. Jedenfalls
waschen wir's mal ab. Sepp verduftete. Sie saen finster und zweifelnd um
den Tisch. Einer fing an: Na, und ob's nun menschlich oder nicht
menschlich ist, irgendwohin mu es der Blitzschlag doch auch tun. Ja, ja
in die Luft geht's da auch nicht. Bei keinem Kaiser und Herren geht das
so. Das meine ich auch. Der Schornsteinfeger rief durch den Kamin:
Ist's angekommen? Ja, ja, riefen sie gemeinsam, ist alles schn
angekommen. Ist schon da, jawohl. Kommt noch mehr. Nein, nein, ist
nicht ntig; es langt schon. Trotzdem bemerkten sie bald darauf, wie es
rumorte im Kamin und dunkle dampfende Massen in groer Menge niedersausten
auf den Herd. Der Wirt nahm einen Knppel und schrie herauf: Hast nicht
gehrt, es langt schon. Glaubst ich werd' mir den ganzen Herd versauen
lassen mit deinen Beweisen? Es langt schon! Nun also, klang es zurck,
dacht' nur, sicher ist sicher.

Als das Gewitter abgezogen war, kam der Schornsteinfeger pitschna vom
Dach, stellte sich in die Stube und sagte: Hier riecht's aber nicht
schn. Sepp meinte traurig: Freilich riecht's. Sind die Beweise. So so,
die Beweise. Da haben wir's, da ist es heraus; wie ich gesagt habe, die
Beweise. Es ist deutlich zu spren. Und dann stellte er sich hohnlachend
an die Wand, hatte beide Fuste in den Taschen, sah sie aus seinen
veilchenblauen Augen an und sagte kein Wort. Sepp fuhr trotzig auf: Was
lachst denn du? Weil du wirst zahlen mssen, Sepp. Was glaubst du wohl,
Sepp, was ich hier habe in beiden Taschen? H? In meinen Taschen? Deine
Fuste wirst du drin haben. Und was werd' ich wohl in den Fusten haben?
H? Sie tuschelten untereinander, der lange Schlacks lie sich nicht
beirren. Zeig einmal her, rief Sepp. Das knnte dir so gefallen. Damit
du's mir wegnimmst, davonlufst und ich kriege keinen Heller. Was ich in
der Faust habe, h? Ich habe ihn selber, ja, ja, ich habe ihn eben. Na
zeig ihn doch. Den Blitzschlag. Ich hab, ihn geholt. Drben die in der
Scheune haben gesehen, wie ich ihn geholt habe; dreimal; einmal ist er mir
vorbeigefahren. Als sie nichts erwiderten, schlngelte er sich vorsichtig
nher an den Tisch, langte eine Faust heraus und schlug sie auf den Tisch:
Jetzt sollt Ihr einmal sehen, da euch die Augen bergehen werden. Und
wie er die Faust ffnete, hatte er darin eine kleine Schachtel aus Holz;
und wie er den Deckel der Schachtel abhob, saen in der Schachtel zwei
kleine Kfer. Die Bauern schoben die Kpfe bereinander, starrten hinein.
Der Schornsteinfeger ri den Mund bis zu den Ohren auf, triumphierend
spiete er seine Finger hinein: Der Blitzschlag. Die Bauern staunten: Es
sieht aus wie ein groes Marienkferchen und ein kleines. Man mchte
glauben nach dem Anblick, es sind zwei Marienkferchen. Der
Schornsteinfeger bekrftigte nach einem kritischen Blick: Ja, es hat eine
gewisse hnlichkeit mit einem Marienkferchen. Aber schon der Gang ist
anders; ihr httet sehen mssen, wie sie gehen, wie sie fliegen. Ich mach's
euch nachher vor wie das Volk geht. Ich habe sie mit der Waschleine fangen
mssen, als sie grade aufs Dach fahren wollten. Ungestm wie zehn Mnner
haben sie daran gezogen und wollten mich runter kriegen, aber, da sitzen
sie, und ich steh hier! Er holte die andere Faust aus der Tasche: Da sind
noch zwei; aber fest, fest mu man sie halten, sonst schlpfen sie davon
und explodieren. Er steckte sie sogleich in die Tasche und trank Sepp das
Bier weg. Sepp fragte: Sind immer zwei beisammen? Immer zwei sind ein
Blitzschlag. Aber gro wie die Bullen sind sie, wenn sie aufs Dach strzen.
Erst wenn man sie fngt und in die Schachtel tun will, werden sie klein.
Die Bauern waren ganz gedrckt. Der Schornsteinfeger schlurrte an die Wand,
zog seine nasse Jacke aus, nahm einen wollenen berrock; seinen braunen
Kinnbart streichelte er vor dem viereckigen Wandspiegel, ber dem
ausgestopft ein Igel und ein Marder hingen: Das ganze Ohr haben sie mir
zerkratzt, die Untiere, die mrderischen. Na sag aber mal, du
Turnmeister, was ist denn da heruntergekommen von oben, und der Sepp hat's
in die Stube tragen mssen auf den Armen; da liegt's noch auf dem Herd?
Ja, das ist gekommen -- man mchte sagen, wie es gekommen ist. Direkt ist
es gekommen. Gekommen ist es von ihnen, wie sie mich nur gesprt haben.
Sind einmal an den rechten geraten, die Untiere, die Landsverderber. Man
mchte es Angstschwei nennen. In ihrer Not ist es von ihnen gelaufen. Ich
hab' sie grade ber den Schornstein gehalten, damit Ihr was merkt. Oh ja,
man merkt's. Da kleine Tiere so stark schwitzen knnen. In ihrer Angst,
in ihrer Angst. Nachdenklich sa man bei offenem Fenster um den Tisch.
Drauen tropfte es sanft, Der vielfarbene Regenbogen spannte sich ber den
Kirchturm. Sie fragten den Schornsteinfeger noch einmal, ob in der
Schachtel also der wirkliche Blitzschlag se; und sie wollten das auch
schriftlich haben von ihm. Er gab ihnen den geschriebenen Beleg und sie
bezahlten darauf die Wette. Als der Fremde fortging, saen sie noch
stundenlang beisammen, beobachteten, wie der Wirt wtend die Beweise vom
Herd rumte; er schimpfte, es sei leibhaftiger Menschendreck und der
Schornsteinfeger ein Durchtriebener. Sie legten Streichhlzchen in die
beiden Schchtelchen, aus denen der Fremde je ein Tier herausgenommen hatte
und stritten sich ber den Gang des Tieres. Urteilen knne man ja ber die
Sache nicht, da nur ein Tier noch drin se, aber der Schwei der Kfer
rieche sehr verdchtig. Der Wirt meinte, Sepp stinke so, aber Sepp blieb
dabei, es habe seine Richtigkeit, die Kfer htten einen beweiskrftigen
Geruch, einen sehr berzeugenden Geruch. Und alle schttelten an der
Schachtel, schttelten daran und suchten die Tiere zum Stinken zu bringen.
Und dann wurde man grob gegen den Wirt, wies auf den Zettel und parlierte
ostentativ ber die Wunder dieser Welt. Bis der Nachtwchter blies und der
Wirt kurz Feierabend gebot.

Solche Stcke blieben keineswegs ohne Einflu auf die Lobensteiner. Die
vielen Nasfhrereien machten die Leutchen kopfscheu. Sie nahmen etwas
Mrrisches an, das ihnen sonst ganz fremd war. Das Mitrauen schlich sich
bei ihnen ein gegen alle Welt. Sie brachten einen summarischen Widerwillen
hervor auf dies bhmische Land. Ihre Erbitterung machte sich in hufigen
Schlgereien mit den Fremden Luft. Schlielich berkam sie der Unmut ber
sich in so verzweifelter Weise, da sie beschlossen, die Nachbarschaft
einmal grndlich allerlei kosten zu lassen. Das war ein Vorhaben, aus dem
Nichts geboren und momentan feststehend wie eine bereits geschehene Tat.
Agitatoren rollten in den Husern mit den Zungen: Sind wir Laffen, da man
uns zum Besten hlt? Wir sind frhliche Leute und tun unsere Arbeit. Den
Behrden gaben sie nichts kund davon. Die Frauen weinten, aber billigten
die Sache. An zweihundert Lobensteiner kamen in den Wirtshusern zusammen,
trotzige ehrenhafte, wenn auch etwas langsame Mnner, gute Brger und
Bauern; sie nahmen sich vor, in der Padrutzer Umgebung bis nach Olmtz hin
totzuschlagen, was ihnen in die Quere kam. Einige kramten bedchtig ein
paar Fhnchen aus, die sie aufbewahrt hatten von dem Herzog Stoffel und dem
Auszug; man wies sie zurck und ohrfeigte sie, auch die, welche mit Bndern
und Grteln ankamen. Bei der Padrutzer Grafschaft lagen zwei groe
Ortschaften, Reutte und Kamsen. Da hinaus liefen die Padrutzer eines
Morgens. Nicht schn waren sie anzusehen. Wie sie von ihrer Morgenarbeit
kamen, stelzten sie. Viele trugen keine Waffen und Gerte; an den Armen
baumelten ihre schweren Fuste; die sollten Hmmer sein. Einige beugten die
dicken Schdel und glaubten, die besten Sturmbcke da zu haben. Geschosse
fhrten sie nicht, aber laufen konnten sie wie Kugeln. Wenn sie brllten,
sollte keiner Trommeln vermissen. Die, welche Waffen trugen, hatten sich
auf ihre Weise versehen. Auf den Schrzen und Jacken schaukelten ihnen wie
Hampelmnner die Bilder ihrer besten Heiligen, aus buntem Papier roh mit
der Schere geschnitten. Einige sah man lose Wagenrder neben sich rollen;
die waren an einer Speiche mit einem Strick befestigt; die Bauern wollten
sie um sich wirbeln ber die Kpfe und alles einklaftern um sich. Viele
hatten weiter nichts bei sich, als das kurze breite Messer, mit dem man
Schweine absticht. Rodehacken und Eisen von zerbrochenen Pflugscharen nahm
man mit, lie aber manches davon unterwegs fallen. Wie berhaupt der Zug
der zweihundert Lobensteiner ber den Grenzckern von Stunde zu Stunde
weniger kriegerisch erschien, so da man sie bald gnzlich fr betrbte
Bittsteller halten konnte. Gegen Mittag, eine halbe Stunde vor Reutte,
standen auf einem Acker zwei junge Mnner mit Dnger in der Schrze; die
grinsten behaglich, und zogen in demtiger Unverschmtheit ihre Mtzen, als
sie die Lobensteiner erkannten. Nach einer knappen Minute waren sie
erstochen von den vordersten Wanderern, ohne da die folgenden die Kpfe
hoben. Ein paar Weiber liefen darauf unter entsetzlichem Gekeif und
Hndeschwingen querfeldein auf Reutte zu. Die Bauern hielten am Kragen fest
zwei hitzige Kameraden, die mit Beilen hinter den Weibern her wollten. Wir
sind keine Fchse und Bren, da wir springen. Ein Viertelstndchen vor
Reutte hrte man es blasen in dem Ort, wie wenn Feuer wre. Als die
Lobensteiner ber die Brcke gingen, fing man an auf sie zu schieen. Wer
getroffen war kippte rechts und links in das helle Wasser und kam nicht
wieder hoch. Die Schtzen von Reutte hatten sich in einigen Husern dicht
am Flu verschanzt und schossen in Ruhe die vordringenden Lobensteiner ab;
zwanzig kamen immer ber die Brcke, acht warfen die Hnde in die Luft,
machten einen Bogen nach rckwrts wie Fische im Netz, und lieen den Boden
unter den Fen. Jenseits des Flusses im Ort fing das Schlagen und Morden
an. Die von Reutte wuten nicht, was die Lobensteiner im Sinn hatten; darum
hielten sie sich eifrig daran sie umzubringen. Man schob sich ineinander
und suchte zu sehen, was sich machen lie. Sehr langsam kamen neue
Lobensteiner ber die Brcke, und das war ihr Fehler. Denn die ankommenden
Haufen wurden von denen drben nur erwartet, empfangen, und nach einigem
Stich, Sto und Wurf auf den Boden gelegt. Die Reutter arbeiteten wie eine
Walkmhle. Fnfzig bis sechzig Mann waren zum Schlu brig von den
Padrutzern, die blieben jenseits der Brcke stehen, drohten herber. Die
Reutter foppten und hetzten: Spchenmacher, Zigeunerchen, Zigeunerchen!
Wtend liefen sie davon: Wir holen uns Gewehre!

Und whrend sie rannten, wurden sie so giftig, da sie sich an Bumen
vergriffen, Scheunentren einen Tritt gaben, ja, da sie sich beim Kragen
packten, wenn einer zufllig den andern mit der Schulter stie. Hinter
ihrem Rcken aber, ohne da sie es bemerkten, rckten die von Reutte und
Kamsen gewaltig an, dreihundert Mnner, und noch mehr kamen zu, mit
Gewehren, Spieen und Sensen, machten gar keinen Lrm. Wenn es scho, sah
sich kein Lobensteiner um im Lauf; wenn einer fiel, schimpfte der Nachbar:
Wer purzelt, bleibt liegen, und war noch zornig auf ihn, weil er nicht
mitkam. An den beiden erstochenen Jnglingen vorbei, ber Stoppelfelder
nach Padrutz.

Als in Padrutz die Behrden die ausgerckten Krieger am Mittag vermiten
und zu untersuchen anfingen, wo sie verblieben waren, lutete es Sturm vor
dem Grenzwall. Schsse fielen, das Schieen nherte sich. Die kleine
zerfetzte blutende Schar der Kmpfer brach ber dem Wall herein und wie sie
kam, verstreute sie sich finster in die Huser, sagte kein Wort, suchte nur
nach Waffen. Den Rckweg nach Reutte konnten sie sich ersparen. Denn das
Sturmluten hrte dicht hinter ihnen auf. Die Lobensteiner Polizisten und
Beamten klapperten mit ihren Stiefeln auf den Straen, um zu sehen, was
war. Da sprangen um die Ecken die von Reutte und Kamsen her, hatten ihre
Schieprgel und Kolben und Dengel und schlugen die Lobensteiner, Mann und
Weib, auf den Straen tot. Die Polizisten und alle, die Vernunft behielten,
verschlossen sich in die Huser und fingen ihrerseits mit Schieen an auf
die Eindringlinge. Und so heftig wurde das Knattern der Verteidiger, da
die von Reutte und Kamsen sich in den Gassen nicht halten konnten, sich auf
dem Markt sammelten und da in einigen Husern Feuer anlegten. Bei diesem
Handwerk wurden sie berrascht von einer Handvoll der verzagten
Lobensteiner, die gewillt waren, mit ihren Gewehren nach Reutte zu laufen
zur Brcke. Der Berserkerwut dieser Mnner, denen sich ihre Frauen
beigesellten, -- sie warfen ein paar Reutter gradewegs ins Feuer, --
vermochten die schon stark zusammengeschmolzenen Reutter nicht
standzuhalten, sie schlugen sich unentschlossen eine Zeitlang herum, bis
sie auf das Signal eines ihrer Hauptmnner eine Art Sturmangriff vom Markt
her auf die Peripherie unternahmen und so tatschlich ungestrt entflohen.

Die in Padrutz aber wagten sich nun nicht mehr hinaus; sie besahen sich den
Schaden. Den Brand lschten sie in traurigem Schweigen. Man suchte, sobald
man sich hinaustraute vor das Dorf, Tote und Verwundete zusammen, schleppte
sie auf Wagen in das Dorf hinein. Dort standen in einer Reihe mit grimmigen
Gesichtern die behrdlichen Personen. Sie behaupteten, durch ihre
Entschlossenheit die Situation gerettet zu haben, und nahmen schon beim
Zhlen der Toten einen bedrohlichen Ton gegen die gebrochenen Insurgenten
an, welche ohne ihre Genehmigung den Ausfall gemacht hatten; sie stellten
eine peinliche Untersuchung in Aussicht. Die verbrecherischen Toten, welche
auerhalb gefallen waren, ebenso die dort Verwundeten hieen sie sich
besonders zusammenzuhufen. Mit Polizeiaugen beschauten sie sich
Ausstaffierung der Blessierten und Mrtyrer und kritzelten alles in eine
groe Anklageakte. Wenngleich die Beamten nun keineswegs vorhatten, dem
Herzog reinen Wein ber die Vorgnge einzuschenken, so planten sie, ihn um
militrische Hilfe zu bitten unter Zugrundelegung des Materials zugleich
zur Bewltigung der inneren und ueren Unruhen.

Sie waren vllig verblendet. Drei Wochen liefen die Akten den Instanzenweg.
Inzwischen geschah im Lande alles, was notwendig war.

Die Lobensteiner kamen nicht zur Ruhe. Sie hatten keinen Groll auf die von
Reutte und Kamsen, mehr auf sich, und den heftigsten auf die Behrden. Es
konnte nicht so weiter gehen. Da die Straen wieder gesperrt werden muten
wegen befrchteter Attacken von auen und die Not gro wurde, berieten sie
untereinander und schickten eine heimliche Deputation an die wieder
befreundeten beiden Orte und zugleich an die alten Padrutzer, ihnen
beizustehen, mit ihnen Frieden zu schlieen und nach Padrutz zu kommen. Die
nahmen alle die Einladung mit Freuden an. Sie kamen nacheinander, und da
sie keinen weiteren Widerstand fanden als bei der neueingesetzten
Wegekommission, welche vergeblich ihre rostigen Posaunen blies, so nahm die
Absetzung der Lobensteiner Behrden, die berflutung des Landes mit fremdem
Volk ihren glatten Verlauf. In ihrem Kummer und ihrer Erbitterung wanderten
manche Lobensteiner aus, in die Nachbarschaft und weiter weg; wenige zogen
in die Heimat zurck, aber es hie, da auch dort Kriegszustand herrsche.

Damals lieferte Herzog Stoffel mit schwankendem Glck die letzten
Schlachten dem Kurhessen; noch zwei Jahre dauerte es, bis Hessen seine Hand
auf Lobenstein legte und den Herzog samt seinem Hofstaat zu dauerndem
Kuraufenthalt nach Bad Pyrmont verbannte. Als einige alte Lobensteiner von
ihrem Fenster in Padrutz sahen, wie die ganz vernderten Landsleute selbst
die Behrden fortschleppten ins Gewahrsam, weinten sie und riefen herunter:
Vertragt euch, Kinder, vertragt euch! Wenn das unser guter Stoffel wte!
Aber nicht einmal der Appell, da sie, vom Herzog selbst als die
Tchtigsten erwhlt, nun solche Undankbarkeit erwiesen, fruchtete mehr; in
diesen Entmenschten unten waren alle patriotischen Regungen erstorben. Es
war kurz und gut zu Ende mit den Lobensteinern, und so weit war es
gekommen, da die Lobensteiner selbst wnschten, unter Fremdherrschaft zu
leben und ihre Heimat zu vergessen.

Nach wenigen Monaten war in Padrutz alles auf ein gesundes Geleise gefhrt.
Altpadrutzer, Neupadrutzer, Mnner von Reutte und Kamsen, die sich so
kriegerisch befeindet hatten, wohnten durcheinander, zwischeneinander. Die
bhmische Stadt Olmtz hatte die Herrschaft bernommen in teilnehmender
Angst, da unter den Drfern in ihrer Nhe Rangstreitigkeiten entstnden;
auch erhob sie deswegen im Namen des Knigreichs Bhmen Steuern von allen.
Manchen Lobensteinern ging das Akklimatisieren schwer an; sie hatten ihr
festfrohes Blut noch nicht besnftigt. Das war oft noch ein schmerzliches
Prahlen, Stolzieren, Schmuckreichtum auf den belebten Pltzen von Padrutz;
ja diese taten sich, als wenn sie adlig wren unter den anderen und
sprudelten ihre Meinung wie sonst heraus. Da griff aufgehetzt die
knigliche Stadt Olmtz ein und benutzte ihre Kreishoheit dazu, den
Leutchen in umschriebener Weise ihren Adel zu besttigen: sie lie von
einigen gebten Kupferstechern und Holzbrandmalern Schablonen herstellen
mit dem Lobensteiner Doppeladler; diese Schablone lie sie bei offenem
Markt einigen ertappten rheinischen Herrschaften auf das unbekleidete
Rckgrat drcken und nunmehr dort als unvergngliches Signum mit tzstichen
befestigen. Die Stadt Olmtz stellte den kehrseitig so gezierten frei,
jederzeit ihr approbiertes Wappen offen zur Schau zu tragen, verfgte
sogar, sobald einer sich auf Lobensteiner Manier ffentlich erginge,
sollten alle Padrutzer Mnner und Frauen das Recht haben, sich zu
berzeugen, ob jener durch sein Wappen zu solchem Tun ermchtigt sei.

Dies war also das Grabsiegel, das endgltige, das auf die Lobensteiner
Regierung gedrckt wurde. Zu guter Letzt stellte sich noch eines Tages die
kratzbrstige Philine aus der Nepomukgasse zu Prag ein; Sie hatte vom Rhein
vernommen, da der Stoffel in Pyrmont wohne, wie sie in Prag; nur bezge
der Herzog eine kurhessische Apanage, eine Oppositionspartei unterhielte er
in Lobenstein und geheime Akten liefen nur so hin und her wie gelt. Das
hatte einen gewissen Anstrich. Sie fuhr deshalb eines schnen Vormittags
von Olmtz her die Chaussee nach Padrutz hinauf; sechsspnnig fuhr sie. Vor
dem letzten Wirtshaus lie sie halt machen, Pferde und Begleiter trnken,
Laternen, Rder putzen und blank machen. Dann ging es feierlich mit
Trompetengeschmetter nach Padrutz hinein. Das alte grafschaftliche Wappen
prunkte an dem Wagenschlag, auf den Schabracken; zwei Kutscher auf dem Bock
in gelbroter Livree mit Schnren an den rmeln und goldgezierten Chapeaus;
drei Vorreiter mit blitzenden Trompeten und Degen; drei Jger hinterdrein.
Im Wagen die pompse Philine mit rotem Gesicht, Puderpercke. Eine Hofdame
ihr gegenber auf dem gelbseidenen Polster, das pausbackige Kind im Arm,
dessen Kleidchen himmelblau bis auf den Boden flo. Das war ein Gedrehe und
Geziere im Wagen. ber das unerwartete Ereignis liefen die Leute von allen
Seiten herbei. Philine lchelte immer gndig aus ihrem fetten Antlitz, lie
jeden Augenblick halten, sprach mit Bekannten, reichte die rechte Hand, die
linke Hand, tat als wenn sie wiederkehrte: Wie froh bin ich, da es euch
gut geht. Und da steht ja auch der Franzel, der ist aber schn gro und
rund geworden. Und das Huschen drben ist abgebrannt samt den
Kuchenkringeln, ja Ihr habt nette Sachen gemacht bei eurer Revolution! Aber
es wird alles gut werden, verlat euch drauf. Guten Tag, Sepp, guten Tag,
Gottlieb. Die Altpadrutzer rieben sich unentschlossen die Nase, sagten
zumeist: Guten Tag, dachten, lebt denn die auch noch und zogen ihrer
Wege. Viele grinsten offen ber das Getue. Auf dem Markt, wo die abgesetzte
Dame lange verweilte und mehrfach im Kreise herumfuhr, stellten sich auch
bald Magistratspersonen ein. Ein alter Mann trat aus seiner Haustr, ber
der ein groer vergoldeter Schirm hing. Dieses war ein bekehrter
Lobensteiner, der sich dem Olmtzer und kniglich-bhmischen Regiment
verschworen hatte. Er sah mit Grimm die verflossene Philine einherkariolen.
Als die Kutsche in seiner Nhe war, bewegte er den schweren Leib hin an
ihren Wagenschlag, streckte den Kopf vor und bat Philine knurrig, sich sein
neues Schaufenster anzusehen. Sie rauschte gerhrt in ihrer gelbrosa Pracht
hinaus, wackelte vor dem Laden leutselig mit dem puderstubenden Haupte. Er
aber, als sich viel schmunzelndes Volk angesammelt hatte, grunzte grob, er
wolle sie sich auch einmal betrachten. Sie htte eine so schne runde Figur
von allen Seiten; da eigne sie sich ja vorzglich fr die hier moderne Art
der Wappentracht. Die Lobensteiner wten darber Bescheid; sie solle sich
einmal informieren, zur Rechten oder Linken; er selbst wrde dafr Sorge
tragen, da ihr der neue Orden verliehen wrde, der Doppeladler, wenn sie
das nchste Mal vorbeikme. Sie dankte von oben herab, wute nicht, was das
brllende Lachen bedeute und der unfltige Ton des Menschen. Sie lie den
Wagen umkehren nach einer Nebenstrae, aber zwei junge Leute, die Shne des
Alten, fhlten sich berufen noch mitzusprechen. Sie baten mit wenig
merklichem Hohn und groer Fixigkeit um die Erlaubnis, ihre geliebte
Herrscherin kutschieren zu drfen. Und whrend die galonierten Kutscher zur
Seite marschierten, lenkten oben die ernsten augendrehenden Gesellen, und
sie lenkten, ob die verehrte Landesmutter wollte oder nicht, die Kutsche
aus dem Ort hinaus, nach Olmtz hinein in einem glatten Trapp und setzten
die Herrscherin ab vor dem Verleihinstitut, aus dem Kutsche und Pferde
stammten. Dort verneigten sie sich, verzichteten auf jedes Trinkgeld und
versprachen allseits das Beste, wenn man wiederkme. Philine stand mit der
blauseidenen Erbprinzessin auf der Strae und vergo Trnen. Sie hatte
zuletzt die beiden Burschen noch am Dialekt als ihre alten Lobensteiner
Feinde erkannt, und der Tort, den man ihr antat, schmerzte darum doppelt.
Ein Korbwgelchen mute sie besteigen; das Kind und die Percke hatte sie
auf dem Scho. In Prag warf sie sich in die Arme ihres Fouragehndlers; der
welterfahrene Mann legte erst das Kind trocken, dann trstete er die
enttuschte Landesmutter.

Und damit ist alles beendet von der Lobensteiner Reise nach Bhmen. Heute
wissen die Padrutzer nichts mehr von ihrer zusammengesetzten Natur. Sie tun
ihre Feldarbeit und vielerlei Handwerk tapfer und wohl vergleichbar unter
selbst gewhlten Schulzen. Einen Doppeladler sieht man auch jetzt bei
ihnen, aber ber ihren Kpfen, an den Fahnenstangen. Denn das kaiserliche
sterreich fhrt sein stolzes Regiment ber sie.







End of the Project Gutenberg EBook of Die Lobensteiner reisen nach Bhmen, by 
Alfred Dblin

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LOBENSTEINER REISEN NACH ***

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